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Zeitschrift
filr die
neutestamentliche Wissenschaft
und
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die Kunde des Urchristentums
herausgegeben von
Dr. ERWIN PREUSCHEN
Vierter Jahrgang
- 1903
-**^
GIESSEN
J. Ricker'sche Verlagsbuchhandlung
(Alfred T&pelmann)
1903.
Anderweitiger Märuck der für dU ZHüekriß betämmten AbkandbtHgtn
oder ihre Ohersettung ütHtrhalb der gtstUSeXtn SekutK/rüt itt mtr mit
Genehmigtmg des Herausgebers und der VerlagsbuekAandluHg gestattet.
_
STANFORD IIBRAPY
NOV 23 13G0
MUCK TOM W. BRUCVLIH IM LUMIC
Inhaltsverzeichnis.
SdM
H. Useoer, Geburt und Kindheit Christi I
P. CoTMen, Die Urgestalt der Panlnsnkten 32
B. SchwftitSi'Zn Eniebins Kirchengeichichte 48
- E. Ptcuscben, Bibelcitftte bei Origenes $j
P. O. SchjStt, Eine religionspliilosophiiche Stelle bei Paulus (Rom 1,18 — 3o) ... 75
B. C. Butler, An Hippoljtns Fragment uid a word on tbe Tnictatni Origenis , . 79
B. Preutchen, Miacellen 88
Chr. A. Bngge, Du Gesetz und Christas nach der Anschanung der ältesten Qiritten-
gemeinde 89
F. Kattenbuach, Der Mirtjrertitel Ill
W. Soltftu, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte taS
P. Coraaen, Zur Chronologie des Irenäns t$$
E. ^nacher. Die Zahl 666 Apc 13, 18 167
E. Nestle, Eine Uteinisclie Evangelienhandsdirifl des X. Jahrhnnderts 175
O. Q. Linder, O. Holtsmann, K. O. Ooetc, Zur Salbtug Jesu in Bethanien ... 179
M. Foersler, Nochmals Jesu Geburt in einer Höhle lS6
E.' Nestle, Zur Genealogie in Lukas 3 18S
A. Sulxbach, ,J3ie ScbIGssel des Himmelreichs" 190
A. Dfclaaniaim, UacT^pioc und iXocr^piov. Eine lexikalische Studie 193
, H. L. Strack, Die Müllerinnong in Alesandrien 313
H. Hauschüdt, -itpEcpOrepoi in Ägypten im I. — HL Jahihnndert n. Chr. 235
E. RodenbuBCb, Die Komposition toh Lucas 16 243
E. Nestle,, Nene Lesuten la den Evangelien 355
P. CoTBsen, Zur Verständigung über Apok 13, 18 264
K. Hoas, Zu den Reiseplänen des Apostels Paulus in Kor I und n 368
,E. Nestle, Ein Andreasbrief im Neuen -XestamcntP. 270
„ , Sykopbantia im biblischen Griechisch 271
„ , Der sflße Geruch als Erweis des Geistes 272
O. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten 273
W. Ernst, Die Blass'scbe Hypothese und die Teatge schichte 310
A. Di Panli, Zum sog. 3, Korintherbrief des Clemens Romanus 331
F. C Conybeare, The authorship of the „Contra Maicellum" 330
H. Waitz, E. Parallele lu d. Seligpreisungen aus e. anßerkaDim. Evangelium . . , 335
P. Fiebig> a. mein, Ki^pöres 341
E. Nestle, Zum Zitat in Eph 4, 8 344
, Qne kleine Interpnnktionsverschiedenh. L Haityr. d. Polykaip. .... 345
, Zu Mt 28, 18 346
, Marens colobodactilus 347
, Zum Namen der Essäer 34^
, Zur Berechnung des Geburtetags Jesu bei Qem. Alex. 349
H. WiUrich, Zur Versuchung Jesu 349
E. Nestle, Zu S. 260 35°
J. Leipoldt, Bmchstücke von iwei griech.-kopt. Handschr. des NT 350
B. Preuschen, Eine Tridentiner Bibelhan dschrift 35^
Unulahtnil cid nach dem Alphabet der VerGuaer crardnetea iDhalmencichnii.
Inhaltsverzeichnis
nacb dem Alphi.bet der Vcrfmiscr.
Seit!
Bugge, Chr. A-, D\% GeicU und CbristuB nach der Anschauung der ällesteti Chrislen-
g^i^einde , 89
Butler, E, C„ An HippoljtaE Fraßinent a.nd a word on Ihe Tractatus Origenii . . 79
Conybcare, F. C, Th* *üthärship of the „CnjntirÄ M«celluin" 33^
Corssen, P-f Die Urgestali der Paulus aktcn 3]
„ , Zur CliroiiDlogie des Irenäns , tjj
„ , Zur VersiändigunE liilier Apoll 13, 18 3Ö4
Deissmann, A-, IXocn^pioc und lXacTf|iHov. Eine lexikalische Sindie 193
Dl Pauli, A., Zum sog. 3. Koriniherbrief des Cleuent RomuiUE 311
Brnet, W., Die Blasi'sche Hypothese und die Textecschiciite 310
FlebiE, P., Kappäres 34I
PQ«rater, M., Nochcnali Juu Geburt in einer UQUc 1S4S
Ooetx, K. Q-, Zur Salbung Jesu in Bethanien iSl
Hauschildt, H., itpecpörepoi in Ägypten im L— m. Jahrhundert n. Chi. a35
Hoftinaiui, G-, Zwei Hymnen der Thomaiakten 373
Holtzmann, O., Zur Salbung JeKU in Bethanien iSl
HosB, K., Zu d-en Rciaeplän-cn d-es Apeilels Paulas in K91 I und H ...... . 26S.
Katteabuscta, F., Der Mirtyrertitcl ,.., III
Kleitt, G., Kappöres , , . . . 343
Lcipoldt, J,, Bnichslöcke von iwci griccb.-liopt. Huiflichi. dei NT ....... 350
Linder, D. G., Zur SaJhung Jesu in Bethanien 179
HeetlCi E., Eine laleinische Ey&ngeli«[)!h«Ddscbiift des X. Jahrhunderts ..... 17$
„ , Zur Genealagpe in Lukas 3 lS&
,. , Neue Lesattfrn lu dtti Evangölien ajj
II . Ein Aadrcasbricf in» Neuen Testamenl? 270
w ■ Sykophaniia im biblischen Griechisch 271
I, , Der süUe Geruch ali Erweis des Geistes 27a
„ , Zum Zitat in Eph 4. 8 344
„ , Eine kleine TAiterpuBktiAnsvers<hiedenheil i. Mirtyr. d. Polyltup , , , 34}
,. , Zu MI 28, 18 346
,. , Marcus cololkodactilus 347
„ , Zum Namen dei Eisäei 34S
„ . Zur Berechnung des Geburtstagi Jesu bei Clem. Alex 349
„ , Zu S. 260 .,.,.., ,,.......,.,,, 350
Prcuschen, B.^ Qibelcltatc bei Origenes .',.. , 67
„ , MiBcellen 8S
II , Eiae Tridentiner BibclhandBchrift 352
Rodenbusch, E., Die Komposition von Lucas rä 243
Sehjött, P. O,, Eine religionsphilosophiBcte Stelle bei Pulm pR5« I, t8 — io) . , 75
Schwartz, E., Zu Eusebiui Kirchengeschichle 4S
Sflltau, W., Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschiehte iiS
Strack, M. L», Die Müllerinnung in Alexandrien , 213
Stdzbach, A-, „Die Schlüssel Aei. Himmelreichs" . 19a
Usenet, H-, Gcbiirl und Kifidhelt ChrijS \
ViBCber, E., Die Zahl 666 Apc 13,18 167
Waita, H., E. Para.llele lu d. Seligpreisungen aus e. Lul^erkanun. Evangelium . . 335
Willrich, H., Zur Versuchung Jesu 349
H. Usejier, Geburt und Kindheit Christi
Geburt und Kindheit Chrisa'
Von H. Usener in Bonn.
Die Lehre und das Leiden unseres Heilands waren längst Gegen-
stand schriftlicher Überlieferung geworden, ehe man dazu schritt, das
Bild seines Lebens nach dem Anfang hin. abzurunden. Nicht nur Marcus
sondern sogar noch der, inhaltlich betrachtet, jüngste Evangelist Johannes
setzen mit der Wirksamkeit des Täufers Johannes ein. Nur die Evan-
gelien des Matthäus und Lukas berichten von der Geburt und Kindheit
Christi. Aber diese beiden Berichte weichen weit, ja in unvereinbarer
Weise von einander ab,
r. Matthäus erzählt i, iS — 25 suonmarisch : Maria von Joseph gefreit
Ctivr|CT€ii9£icric) sei, bevor die beiden Gatten sich vereinigt hätten (cuv-
e\9eTv; Heimführung oder eheltche Beiwohnung?), schwanger erfunden
worden vom heiligen Geist; ihr Mann, da er auf das Gesetz JiJelt (öiKOioc
(fiv) und doch sie nicht an den Pranger stellen wollte, habe den Ent-
schluß gefaßt, sich in aller Stille von ihr zu trennen; da habe sich ihm
' Der folgende .in5prach&lose Versuch, von ilerii Stand der Fragen über die Geburt
und Kindheit Aes Heilands eine knappe Übersieht zu gehen, wer für die E>i^\-h^atdm
f'iilica T-on T. K. Cheyne und J. S. Black geschrieben, wo er HI S. 33^0 £T. in cngU^cher
Bearteituiij; erschienen ist. Auf den besonderen "Wunsch des Heraacgebers. dieser Zelt-
scKrift vniA «r init freunilEicber {^rlaiibnis de^ «iijgli^clier Verleger» lii^r in meiner ursprüng-
lichen Fassung vorgelegt, — Von den Vorarbcilen seien hier die wichtiEsten. ein für
dlemal genannti D. F. Sliauil, I.ehen Jc^iu 1835 u. o., für das deutsche Volk bear-
beite! 1864. E. F. Cclptc, Die Jugendgescliichtc des Herrn. Bern 1841. P. Lob-
slein, Die Lehre von der nbematürlichen Geburt Christi, Christ ulogis che Studie, n. Aufl.
Freiburg i. ßr, 1S96. Alfred Kcsch, D.is Kindheisaevaaceltum nach Lucas und Mnt-
thaeus unter Herbciiichung der aujsercationisehen ParallelteMe i|ueUenkriLisch unlcrsuclit.
(^ Texte und Untersuchungen iuf Geschichic der :Ut christlichen Litteratur hernusgeg.
Ton 0. V. Gcbhardt und A. Ha.niiick, Band X Heft IV]. Lcipiig 1897. Ludwig C-on-
rady. Die QuellB der kanonischen Kinüheilsgesehlchte Jesus". Göttingen 1900. Joh.
Hill mann, Die Kindhcilsgcschichle Jesu nach Luco^, krlcisch unteraucbti JahTbüi;her
für proteslmtis-clie Theologie XVII (1891 ) S, 193— 2ÖJ. A. W, Zump t. Das Geburtsjalir
Christi. Leipzig iS&gi,
Z«ii(clLriII t. d. oniutt. Wiii, J>brg. IV. i^e^ 1
H. Usener, Geburt und Kindtiät Christi.
ein Engel des Herrn im Traume gezeigt mit den Worten 'Joseph Sohn
Davids, scheue dich nicht, dein Weib Mariam zu dir zu nehmen (Tropa-
XaßEw); denn was in ihr gezeugt ist, stammt aus dem heiligen Geiste;
sie wird einen Sehn gebären und du sollst ihn mit dem Namen Jesus
benennen, denn er wird sein Volk erretten von seinen Sündlen'. Darin
findet def Evangelist die Erfüllung der von Jesaias 7, 14 gegebenen
Prophezeiung, welche nur in der Fassung der LXX ('Jungfrau' statt
'junges Weib") herangezogen werden konnte. Er fahrt dann fort: Joseph
habe, aus dem Schlafe erwacht, nach der Anordnung des Engels ge-
handelt, und sein Weib zu sich genommen, aber ihr nicht ehelich bei-
gewohnt bis daß sie einen Sohn {CDL 'ihren erstgeborenen Sohn' nach
Lc) geboren, den er Jesus nannte. Nun erst erfahren wir den Schau-
platz und die Zeit dieser Vorgänge: es war Bethlehem in Judaea, wo
Jesus geboren ward, und die Regierungszeit des Herodes {2, i). Die
Göttlichkeit des Knäbleins wird alsbald durch ein Zeichen bekräftigt.
Magier (ihre Zahl wird nicht genannt) aus dem Osten trafen in Jerusalem
ein und fragten: Wo ist, der (eben) geboren ist zum König der Juden?
wir haben seinen Stern im Osten gesehn und sind gekommen, ihn zu
verehren. BestUrat über diese Kunde beruft Herodes alle Oberpriester
und Schriftgelehrten, und diese erklären unter Berufung auf Micha 5, i
Bethlehem in Judaea als den Ort. wo der den Juden verhei&ene Messias
geboren sein müsse. Nachdem er von den Magiern sich über die Zeit,
wo der Stem aufgegangen, unterrichtet, entläßt er sie mit dem Auftrage,
genaue Erlcundigungen über das Knäblein anzuziehen und ihm zu über-
bringen. Der Führung des Sternes folgend, bis er stehen geblieben, ge-
langen sie zu dem Hause Josephs (2, 1 1 eic tVjv oiKiav), finden das Knäb-
lein mit seiner Mutter Maria, fallen vor ihm nieder, um es m verehren,
und überreichen ihm aus ihren Schatzkästen Gaben, Gold, Weihrauch
und Myrrhen. Durch einen Traum gewarnt kehren sie jedoch nicht zu
Herodes zurück, sondern wählen einen anderen Weg zur Heimreise.
Auch dem Joseph erschien ein Engel des Herrn und mahnte ihn, mit
dem Kind und der Mutter nach Ägypten zu fliehen, um den Nachstel-
lungen des Herodes zu entgehen. Das tat er und blieb in Ägypten,
bis Herodes gestorben war: wodurch sich das Wort des Osea ti, 1 er-
füllte 'aus Ägypten habe icli meinen Sohn gerufen". Herodes aber lieli
in ohnmächtigem Grimme alle Kinder von zwei Jahren und darunter,
der Zeitangabe der Magier entsprechend, in Bethlehem und Umgegend
schonungslos töten. Das Zeichen zur Rückkehr aus; Ägypten erhält
Joseph wiederum durch einen Engel im Traume. Aber da er vernimmt.
H. Usener, Geburt und Kindbeit Christi.
daH Herodes' Sohn Ardielaos jetzt über Judaca herrsche, fürchtet er
sich nach Judaea (d. h, nach Bethlehem) zuruckzuTcehren, und wendet
sich gemäß einer neuen Traumoffenbaning in das Galiläische Land, wo
er sich in Nazareth ansiedelt.
Wenn man in Abxug bringt, was Scliriftgelehrsanikeit aus dem alten
Testament herangeholt hat, bleibt in diesem Bericht des Mt nichts
übrige was nicht aus lebendiger Überlieferung, will sagen aus voSkstüm-
licher Sage geschöpft sein könnte. Ja die Ungenauigkeiten und Unklar-
heiten, welche den Erklärer stören und am schärfsten von Conrady
hervorgehoben sind, scheinen eine schriftliche Vorlage auszuschließen
und erklären sich am ungezwungensten aus der sorglosen Wiederholung
mündlicher Überlieferung.
2. Einen ganz verschiedenen Eindruck macht der Bericht des Lucas i,
S — 2, 50' -Er ist ein Erzeugnis schriftstellerischer Kunst, und diese Kunst
macht sich geltend nicht nur in der Nachbildung hebräischer Psalmen-
form, sondern vor allem im ganzen Aufbau der Enählung. Der Ver-
fasser baut seine Geschichte auf den durch das Evangelium gegebenen
Voraussetzungen auf^ daß die Tätigkeit Johannes des Täufers vorbild-
lich dem Auftreten Jesus' voranging und daß in Jesus der von den
Juden erwartete Messias erscliienen war; die Geschicke der beiden, des
Heilands und seines Vorläufers, sucht er nun von ihrer Geburt, ja vom
Mutterleibe an mit einander zu verschlingen.
Ausführlich wird erzählt, wie dem greisen Priester Zacharias, während
er den Tempeldienst versieht, der Engel Gabriel erscheint und ihm ver-
kündet, daß seine bis in ihr hohes Alter zur Unfruchtbarkeit verurteilte
Frau Elisabetli ihm einen Sohn gebären werde, der im Geiste und in
der Kraft des Elias vor dem Herrn einherziehen und ihm sein Volk be-
reiten werde. Die ungläubige Verwunderung des Zacharias wird durch
plötzliche Unfähigkeit der Sprache bestraft. Sein Weib aber wird
schwanger und hält sich fünf Monate vor den Leuten verborgen. Da.
während diese in ihrem sechsten Monate ging, erschien derselbe Engel
Gabriel der mit Joseph verlobten aber noch unvemiählten Maria, um ihr
die Botschaft zu überbringen, daß sie empfangen und einen Sohn ge-
bären werde, dem es bestimmt sei auf dem Throne seines Vaters David
in Ewigkeit zu herrschen- Verwundert, da sie sich noch Jungfrau Weiß,
wird sie vom Enge! belehrt, dali sie ihre Leibesfrucht dem heiligen
Geiste verdanken werde. Zugleich wird sie auf das bevorstehende
Mutterglück ihrer Verwandten Elisabeth hingewiesen. In ihrem Glucks-
gefühl sucht Maria die Verwandte im Gebirgsland Judaea's auf und wird
i
H. Usener, Geburt und Kindheit Christi.
von. dieser pröpheti&ch als die Gebenedeite des Herrn begmüt; vör
Freuden hüpft selbst der ungeborene Johannes im Mutterleibe. Es folgt
dann der dem Lobgesange der Hanna (I Sam 2, 1 f.) nachgebildete,
etwas selir unbestimmte, aber echt hebräische Psalm, das berühmte
Magnifical (\, sß — 55). Nach den Bemerkungen Hiilmanns (Jahrb. f.
prot. Theol. XVÜ 197«".) hat D. Völter (Theologisch tijdschrift XXX
254 — 6) den zwingenden Beweis erbracht, daß dieser Psalm nicht, wie
lie handschriftliche und kirchliche Überlieferung will, der Maria, sondern
der Elisabeth gehört, und Harnack hat kürzlich die Frage zum Abschluß
gebracht, indem er sowohl das. handschriftliche Maria als das an dessen
Stelle von manchen alten Zeugen gelesene Elisabeth als glossematlschen.
Eindringling und als echte Überleitung zum Psalm lediglich die Worte
Kai eiTTE feststellte, als deren Subjekt sich nun durch den Zusammenhang-
von selbst Elisabeth ergibt (Sitzungsberichte der Berliner Akademie
1900 N. XXVn S. 53Sff.). Nach drei Monaten kehrt Maria, zurück und
es ereignen sich nun die Vorgänge bei der Beschneidung und Namen-
gebung des Johannes, die unerwartete Wiederkehr der Sprache bei
Zacharias und sein Lobgesang (i, 6f — 79J, der gleichzeitig dem Messias
und dem Sohne, der diesem die Wege bereiten soll, gerecht wird. Mit
einem kurzen Satze über die Jugend und den Aufenthalt des Johannes
in der Wüste schlieÜt der Vorbericht über Johannes.
Die Geburt Jesus' zu Bethlehem wird durch die von Augustus für
das ganze Reich angeordnete, vom Statthalter Syriens Quirinius (Kupiivioc)
in Palästina durchgefiilirte Schätzung begründet, welche Joseph mit
seinem Weib, weil er zum Hause Davids gehört, in die Davidstadt Beth-
lehem 2u reisen nötigt. Dort wird das junge Weib von ihrem ersten
Sohne entbunden, den sie in der Krippe niederlegt. Die Hirten auf dem
Felde, durch die Verkündigung des Engels und den Jubelruf der himm-
lischen Heerscharen getrieben, kommen und preisen das Knäblein in
der Krippe, und Maria merkt sich ihre Worte in bedächtigem Herzen.
Wie das Gesetz es vorschreibt, wird der Knabe nach acht Tagen be-
schnitten und erhält dabei den vom Engel vorgeschriebenen Namen
Jesus. Nach den vierzig Tagen der Reinigung (2, 22 aiiToiv, nicht aütrjc:
auch der Mann ist durch die Berührung mit der Wöchnerin befleckt)
erfolgt das Opfer und die Darbringung des Erstgeborenen im Tempel
Zw Jerusalem, durch welche dem greisen Syiiieon. dem es verheißen
war vor seinem Ende den Messias zu schauen, und der Prophetin Anna
Gelegenheit gegeben wird die Verwirklichung ihrer Hoffnungen zu be-
zeugen. Nun erst nachdem allen Vorschriften des Gesct2es Genüge
getan ist, können die Eltern mit ihrem Kinde die Rückreise nach Naza-
reth antreten. In ungestörter Entwicklung verläuft dort mit der Gnade
Gottes die Jugend des künftigen Heilands. Nur ein Ereignis der Jugend-
zeit hat der Evangelist wert erachtet zu schildenij die Scene, wie der
Zwöüfjährige im Tempe! zu Jerusalem von den Eltern unter den Lehrern
der Schrift betroffen wird.
Nach seiner ganzen Haltung, den leitenden Gesichtspunkten, der
wiederholt angewandten Form des hebräischen Psalms, der guten Kennt-
nis jüdischer, der mangelhaften romischer Verhältnisse läßt, wie all-
gemein anerkannt ist, dieser Bericht die Hand eines Judenchristen nicht
%'erkennen. Die Erzählung zerfällt auch innerlich in zwei deutlich von
einander geschiedene Hälften, die Vorgeschichte des Johannes (c. i) und
die Geburt und Kindheit Jesus' (c, 2). Während in der ersteren Zacharias
und Elisabeth im Vordergrund stehen und die Empfängnis der Maria
nur episodisch dazwischen tritt, ist in der zweiten von jenen und ihrem
Sohne Johannes nicht mehr die Rede. Aber beide Teile von einander
zu trennen, wie man wohl vorgeschlagen hat, ist urmiöglich. Sie sind
fest zusammengefügt; der Lobgesang des Zacharias weist auf den Er-
löser hin, und in den prophetischen Worten des alten Symeon wieder-
holt sich dieselbe Form des hebräischen Psalms, die in den Hymnen
der Elisabeth und ihres Mannes hervortritt Freilich der Raum, welcher
der Vorgeschichte des Johannes zugebilligt wird, steht sichtlich nicht In
dem Verhältnis zur Hauptsache, der Verkündigung an Maria, das wir
bei einem Schriftsteller erwarten dürfen, der selbständig die Feder an-
setzt, um die Menschwerdung des Heilands zu schildern. Es ist sehr
möglich, daÜ die wunderreiche Erzählung von der Verkündigung und
Geburt des Johannes, also das, was Lc l, 5 — 25, 46 — 55. 57 — 80 steht, in
dem Kreise der Johannesjünger gedichtet und verbreitet war, bevor es mit
der Vorgeschichte Jesus' verknüpft wurde. Wäre die Dichtung, welche
die Anfänge des Erlösers und seines Vorläufers in einander schlingen
sollte, aus einem Gusse^ so würde sie den Eltern des Heilands breiteren
Raum und stärkere Betonung gewährt und nicht die Hauptgestalten in
den Schatten der Nebenfiguren gestellt haben. Die Offenbarung an
Zacharias (i, 14 — 17) verkündet in dem wiederkehrenden Elias den Vor-
läufer nicht sowohl des Heilands als Gottes selbst {s. MaUchias 4, S),
und der Lobgesang der Elisabeth ist ohne erkennbare Beziehung auf
Jesus. Es würde unter jener Annahme die ganze Anlage des i. Kapitels
sich bestens erklären; der judenchristliche Verfasser des Ganzen würde
dann diese Dichtung eines Johannesschülers mit Überarbeitung des dem
i
H. Usener, Geburt und KiDdhcit Christi.
Zacharias in den Mund gelegten Psalms einfach übernommen, durch die
Verkündigung und den Besuch der Maria erweitert und in dem kurzen
Hymnus des Symeon (2, zg — 3z) gewiss ermaÜen nachgeahmt haben.
Soviel wird man Völter (Theol. tiidschrift 30, 244 ff,) unbedenklich zu-
geben dürfen, ohne darum seinen kritischen Einzelergebnissen beizu-
pflichten.
3. Jedes ungetrübte Auge wird sehen, daü die Geburtsgeschichten des
Mt und Lc einander ausschliefen und unvereinbar sind. Was ihnen
gemeinsam ist, die Personen Josephs, Marias und Jesus', die Berufung
Jesus' zum Messias, die Zeit des Herodes und die Geburt in Bethlehem,
sind gegebene Voraussetzungen. Aber auf dieser Grundlage werden
von beiden Evangelisten ganz verschiedene Gebäude errichtet. Die
Heimat Josephs ist bei Mt Bethlehem, bei Lc Nazareth, die Göttlichkeit
Christi wird bei Lc durch die Verkündigung des Engels an die Hirten
und den Lobge^ang der himmlischen. Chore, bei Mt durch den Aufgang
des Sterns im Osten bezeugt; dem neugeborenen Messias wird bei Lc
von den Hirten des Feldes, bei Mt von den Magiern die erste Ver-
ehrung dargebracht. Die Familie des Heilands flüchtet bei Mt vor dem
Wüten des Herodes nach Ägypten und schützt sich dann vor Arche-
laos durch die Übersiedelung nach Nazareth, während sie bei Lc nach
Vollzug der durch die Erstgeburt auferlegten Pflichten sofort nach Naza-
retli zurückkehrt. Und dort verlauft die Jugend des Heilands ungestört
während bei Mt die ersten Lebensjahre durch die Gefahr und den Wechsel
des Wohnorts beunruhigt werden. Ein noch tieferer Gegensatz gegen
Mt wird sich ergeben, wenn wir den Bericht des Lc von einem jüngeren
Zusatz befreit haben werden.
Selbstverständlich hat der Glaube die beiden kanonischen Berichte
hinnehmen und mit einander verarbeiten müssen. Schon bei Justinus
Martyr beginnt diese Arbeit theologischer Vermittelung. Den Wider-
spruch zwischen dem göttlichen Ursprung Jesus' und der evangelischen
Tatsache , daß nicht Maria, sondern Joseph dem Hause Davids zu-
geschrieben wird, gleicht er dadurch aus, daß er Maria aus dem Hause
Davids stammen läßt (Dial, 43, 45. 100) und das Davidische Geschlecht
Josephs mit der Angabe verschleiert, daß er zum Stamme Juda gehört
habe (Dial. 7S). Er läßt (ebend.) den Joseph von Nazareth, wo er
wohnte, nach Bethlehem, woher er war, reisen, um die widersprechen-
den Heimatsangaben lu beseitigen. Es bt von Interesse, gleichzeitig
mit diesen ersten Vermlttelungsversuchen auch schon Fortbildung der
Sage wahrzunehmen. Die Geburt erfolgt in einer Höhle (ciir]Xaii|i), nicht
H. Usener. Geburt und Kindheit ChristL
im Stalle (Dial. /S)', und die Magier kommen bei ihm bereits aus Arabien
(so öfter). Reicht das zu, um mit Credner (Beiträge zur Einleitung in
die biblischen Schriften i, 2i2fF,) und anderen, die ihm nachsprechen,
die Geburtsgeschichte des Justinus auf eine au&erkanonische Quelle
zurückzuführen ?
Noch vor dem Ende des zweiten Jahrhunderts ist, um den verdrieü-
lichen Widerstreit der beiden Evangelien aufzuheben, in freier, durch
Kenntnis jüdischer Verhältnisse nicht eingeschränkter Fabulistik ein
Urevangeüum geschaffen worden, das sogen. Protevangelium Jacobi, ein
apokryphes Schriftchen, das groüe Verbreitung gefunden und nament-
lich der Maleret früherer Jahrhunderte Anregung gewährt hat. Es war
sicher dem Origenes. möglicherweise schon dem Clemens von Alexan-
dreia bekannt. Obwohl der Verfasser weit über unsere Evangelien
zurückgreift und die Vorgeschichte der Maria mit göttlichen Wundem
zu umgeben sucht, verrät er doch im übrigen keine andere Absicht als
die beiden Berichte unserer Evangelien, so weit es angeht, in wortlicher
Abhängigkeit zu vereinigen und auszugestalten. Die Abhängigkeit tritt
gerade da am stärksten hervor, wo der Verfasser sich von dem Evan-
gelium zu entfernen scheint Ganz der Geschichte der Maria zugewandt
hat er die bei Lc damit verschlungene Vorgeschichte des Johannes aus-
zumerzen versucht; aber die Begegnung der Maria mit Elisabeth mochte
er nicht missen (c. 12), und das Verstummen des Zacharias erwähnt er
als etwas Bekanntes, ohne die Ursache angegeben su haben oder das
Ende dieses Zustandes zu berühren. Verräterisch ist auch die unge-
schickte Einfügung der Magierepisode. Die wenigen Abweichungen von
dem Evangelium fallen dagegen nicht ins Gewicht. Die Geburtshöhle
ist wie bei Justinus aus volkstümlicher Überlieferung übernommen; die
Unterdrückung der Flucht nach Ägypten, die nur durch Inteipolation
22, 2 in einzelnen Manuskripten steht (s. auch c. 25), mag auf Nach-
giebigkeit gegen das vom Verfasser bevorzugte Evangelium des Ix be-
iLhen. Haraack hat (Geschichte der altchristl. Literatur I 19, H 598 f.)
■ Dies6 volkitämLichä Cber1ier«rung ist auch in das Ev^ngeUuffi eifigedningien, kber
selisanwrrwdsc nicht sowohl bei Lukas, ils bei Muihaeui 2, 9. Wie micli Herr Preusclien
freundlich beUkrt, Itkt ConyheEire in Hutings Dietionuy of the Blble 1 154^ daraiiT
hingewiesen, daC die genannle Stelle nach der iltcslcn armenischen Evangclicnfaiaad-
sehrift (1. J. KS7 geschnebeti) sa lantet: iardbi} ^ifdviu toO anrihatoti, oO f\v tö nai-
blov. Das ist Qn^creinbar mit Mt 2. II «a'i ^edvTEi; dz T^v olidav iin,d paJil wenig
lu dem guizED Bericht des Ml, der von aullerordentlichen Virhältnisaen des Elterupairs
zur Zeit der Gebort nicbU weiß.
H. Usener. Geburt und Klrdheit Christi
diesem Produkt apokrypher Fabulistik im wesentlichen gerechte Beur-
teilung zuteil werden lassen.
Andere apokryphe Quellen der Geburts- und Kindheitsgeschichte
findet man in der Ausgabe der Hvangelia apocrypha von Const. Tischen-
dorf (ed. II Lips. 1876); über ihren Inhalt berichtet R. Hofmann, Das
Leben Jesu nach den Apokryphen (Leipz. 1851). Aber eine selbstän-
dige Darstellung ist nach dem Protevatigelium nicht mehr hervorgetreten.
Alle fernereu Behandlungen der Geburtsgeschichte beruhen lediglich auf
den drei genannten Quellen, den Evangelien und jenem Apokryphon,
wie L. Conrady gezeigt hat (Quelle der Kindheitsgeschichte S. 172 ff.).
Was hinzugekommen ist, hat, teilweise durch die Liturgie angeregt, wie
den Ochs und Esel an der Krippe, die Volksdichtung geschaffen.
Für die offenbaiungsgläubtge Theologie mußte die Vereinbarkeit
der widerstrebenden Berichte stets ein Dogma sein. Sie erklärt die
Divergenz der Quellen daraus, daCi jeder der beiden Evangelisten sich
verschiedene Abschnitte derselben Geschichte zur Erzählung ausgewählt
habe. In dem erleuchteten Zeitalter der Quellenkritik mußte sich natürlich
diese Vorstellungsweise trotz der Mahnung Schleiermachers (Leben
Jesu WW. I 6 S, 5oft'o zu der Hypothese auswachsen, dat hinter Mt
und Lc eine einheitliche Quellenschrift stehe, ein Evangelium von der
Geburt und Kindheit Jesus". Es ist das zweifelhafte Verdienst von
Alfred Rcsch, dies "Kind hei tse van gelium" gefunden und gleich auch
griechisch und hebräisch wiederhergestellt zu haben. Mein Freund
L. Conrady hat auf dieser abschüssigen Bahn noch einen Schritt weiter
getan und versucht, das Protevangelium des Jakobus als die gesuchte
einheitliche Quelle zu erweisen.
L n
I. Zu einer Kritik dieser Darstellungen geben die Evangelien selbst
genügenden Anhalt Trotz den Überarbeitungen, die sie vor ihrer kano-
nischen Fixierung erfahren mußten, sind in unseren Evangelien nicht
selten Beziehungen auf Verhältnisse, die mit jüngerem Zuwachs unver-
einbar sind, treu bewahrt worden, in der Kegel wohl darum, weil sie
unlöslieh verknüpft waren mit bedeutsamen Aussprüchen unseres Herrn,
die man nicht missen mochte und nicht streichen durfte. Es ist längst
und oft bemerkt worden, daß wie Paulus so auch die Evangelien selbst
nicht das geringste von der wunderbarer und göttlichen Geburt des
Heilands wissen. Wohl aber ist ihnen das natürliche Sohnesverhaltnis
des Heilands zu dem Zimmermann Joseph und seinem Weibe Maria
I
noch gerau bekannt. Selbst die Episode von dem Aufenthalt des
I2jährigen Jesus im Tempel zu Jerusalem (Lc 2, 41 — 50) kennt nur dies
Sohnesverhältnis: 'und seine Eltern wußten es nicht' (43), was zeitig tn
'Joseph und seine Mutter' umgeschrieben wurde, und Maria sagt zu
Jesus V. 48 'dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht'.
Zwar hat die Episode den Zweck, zum ersten Male das Bewiiütsein
der Sohnschaft Gottes hervorbrechen zu lassen (v. 49); aber gerade daß
die Eltern diese Äußerung (v. 4g Iv toTc toö narpöc nou) nicht ver-
stehen, ist ein zwingender Beweis dafür, daU für die Vorstellung des
Erzählern Joseph und Maria die leiblichen Eltern Christi waren und sich
als solche wul^ten. Noch deutlicher redet der alte Bestand der Evan-
gelien. Als der Heiland nach seiner grundlegenden Tätigkeit am Gali-
läjschen See einmal in die Heimatsstadt Nazareth kam und dort in der
Synagoge auftrat, fragten die Leute verwundert: 'Ist das nicht des
Zimmermanns Sohn: heißt seine Mutter nicht Mariam ('Ist das nicht
der Zimmermann, der Sohn der Maria?' Mc bereits überarbeitet) und
seine Brüder Jakobus und Joseph und Simon und Judas? und sind nicht
seine Schwestern alle bei uns?' (Mt 13. 55 f. vgl. Mc 6, 3). An der ent-
sprechenden Stelle des Lc 4, 22 f. nimmt Jesus die Frage dcrNazarener
'Ist das nicht Josephs Sohn?' ruhig als berechtigt hin und lehnt nur
Wundertatigkeit mit der Bemerkung ab, daß der Prophet in seinem
Vateriand nichts gelte; die Prophetenstelle fjes 61, 1), die er dort ver-
liest, spricht von der Salbung durch den b. Geigt, aber nicht von Sohn-
scbaft Gottes, Im Ev. Johannis werden die Zweifel an dem messia-
nischcn Berufe Jesus' dem Nathanael aus Bethsaida in den Mund ge-
legt; sein Bruder Philippos hatte ihm gemeldet, der Messias, von dem
Moses und die Propheten geschrieben, sei gefunden. 'Jesus der Sohn des
Joseph aus Nazareth' (1, 45), und er antwortete 'kann denn aus Nazareth
etwas Gutes kommen?' Am beredtesten spricht die synoptische Er-
zählung von der Verleugnung der Seinigen (Mt 12, 46—50 Mc 3, 31 — 3S
Lc8, 19—21), die allein Mt im ursprünglichen Zusammenhang aufbewahrt
hat. Die Wunder, die Jesus tat, hatten die von den Schriftgelehrten
geförderte Voratellung erregt, da& Jesus mit dem Teufel einen Bund
geschlossen habe, 'durch den Obersten der Teufel treibt er die Teufel
aus' (Mc 3, 32 vgl. Mt 12, 24 Lc 11, 15 Joh 10, 20). Auch in das Eltern-
haus war diese Nachricht gedrungen, und bestürat machten sich seine
Brüder mit der Mutter auf den Weg, um sich seiner zu bemächtigen
und ihn mit sich nach Haus zu nehmen, sie dachten nicht anders als
er sei irre geworden (Mc 3, 21). Sie fanden ihn in einem Hause
i
10
H. Usener, Geburt und Kindheil Christi,
inmitten einer Menge Volles, das ihm lauschte, und vennochten nicht zu
ihm durchzudringen. Als sie ihn bitten ließen zu ihnen heraus zu
kommen, sprach er^ auf die Schüler und Hörer weisend, das Wort 'Siehe,
das ist meine Mutter und meine Brüder' u, s. w., ein Wort, dessen SchrofT-
heit durch die Überzeugung verständlich wird, daß er bei den Seinigen
Verständnis für seine Tätigkeit nicht finde: im Ev. Joh 7, 5 wird das
mit dürren Worten von den Brüdern Jesu bezeugt. Auch die Apostel-
geschichte erwähnt mit der Mutter die Brüder Jesus' (i, 14). Zu dem
Ergebnis dieser Beobachtungen stehen in bestem Einklang die beiden
Geschlechtsregister, welche uns Mt 1, 1 — 16 und Lc 3, 23 — 38 erhaltea
haben. Beide sind vollständig; unabhängige Versuche, Jesus in genealo-
gischen Zusammenhang mit David zu bringen, aber be[de wurzeln in
der Voraussetzung, dati Jesus der leibliche Sohn Josephs sei, und haben
nur unter dieser Annahme Zweck und Sinn. Während Mt die Liste in
drei Perioden mit der typischen Zahl von je 14 Geschlechtem von Abra-
ham bis auf Joseph und Jesus herunterfuhrt, steigt Lc von Jesus, 'der
ein Sohn, wie man glaubte, Josephs war' aufwärts bis zu Adam, 'der ein
Söhn Gottes War'; nur die ersten 14 Stammväter des Mt und zwei im
Eingang seiner dritten Periode (Salathiel und Zorobabel) kehren bei Lc
wieder. Der Zusatz bei Lc 'wie man glaubte' und der Schluß der Liste
des Mt "Joseph der Mann der Maria, von der (iE i^c) Jesus, der den
Namen Christus führt, geboren ist' verraten die Hand ausgleichender
Überarbeite r; aber den unvereinbaren Widerspruch der auf Joseph,
nicht auf Maria gestellten Geschlechtsreihen mit der Geburtsgeschichte
haben diese zaghaften Korrekturen nicht zu heben vermocht Wenn wir
Lc Glauben schenken, so steht Maria überhaupt dem Hause Davids fem;
sie heißt 'Verwandte' (cufrevic Lc i, 36) der Elisabeth, diese war jedoch
■von den Töchtern Aarons' (i, 5). Da& aber Qemens Romanus im
I Brief an die Korinthier 32, 2 Jesus als einen geborenen Leviten (durch
Maria natürlich) betrachte, darin vermag ich Hilgenfeld und HiHmann
(Jahrb, f. prot. Theol. 17, 250 f.) nicht zu folgen. Erst als die jung-
fräuliche Geburt Christi durchgedrungen war, konnte man. sich genötigt
fühlen, Maria aus dem Hause Davids stammen zu lassen; das tut schoa
Justrnus martyr (S. 6), dann das Pratevangelium des Jakobus c. 10, so-
gar in den syrischen Patimpsest vom Sinai ist Lc 2, 5 (4) die Interpola-
tion "weil sie beide aus dem Hause Davids waren' eingedrungen. Das
ist alles ebenso selbstverständlich, wie daß die theologische Interpreta-
tlonskunst eines Resch das davidische Geschlecht Marias aus den Evan-
gelien selbst herausliest (Kindheitsev. S. 191).
*
2. Nur hinweisen will ich auf die chronologischen Schwierigkeiten,
an deren Hebung der gelehrte Scharfsinn von Jahrhunderten sich ver-
geblich abgemüht hat. Wenn Mt den Heiland unter der Herrschaft des
Königs Herodes geboren werden und erst, nachdem diesem sein Sohn
Archelaos in der Herrschaft Judaeäs gefolgt ist. aus Ägypten zurück-
kommen läJ^t, so wird dadurch die Geburt Christi um einige Jahre über
das Jahr 4 vor Chr., das Todesjahr des Herodes zuriickgcschoben, Lc
dagegen knüpft die Geburt Christi an die nach Befehl des Augustus in
Palästina unter P. Sulpicius Quirinius, dem Statthalter Syriens vollzogene
Schätzung. Diese war nicht denkbar vor der Absetzung Archelaos'
6 nach Chr. und wird tatsächlich für diese Zeit bezeugt durch Josephus
Ant. Jud. XVn 13, 5 (355) und XVm i. Wenn es nun auch zu großer
Wahrscheinlichkeit erhoben worden ist, dali Quirinius schon vorher in
der Zeit von 3 — 2 vor Chr. die Provinz Syrien verwaltet hatte (s. Mommsen
Mon. Ancyr.' p. 161 ff. E. Schiirer, Gesch, des jüdischen Volkes I' 260 ff.),
so kann doch der für den Bericht des Lc wesentliche Umstand, die
durch Quirinius vorgenommene Schätzung, nicht von dem Jnhre 6 n. Chr,
verrückt werden. Lc steht aber nicht nur mit Mt, sondern auch mit
sich selbst in Widerspruch, da auch er im Anfang seines Berichtes (i» 5)
das Ereignis in 'die Tage Herodes des Königs der Juden' verlegt. Beide
Ansätze sind durch einen Zwischenraum von mehr als 10 Jahren von
einander getrennt. Eine brauchbare Zeitbestimmung läßt sich aus den
Berichten über die Geburt Jesus' überhaupt nicht gewinnen. Ungefähr
la&t sich das Jahr der Geburt nur durch die Angaben des Lc 3, i. 23
ermitteln, daü Johannes im 15. Jahre des Tiberius 28/29 n. Chr. her-
vorgetreten und Jesus im Beginne seiner Wirksamkeit, also 29, ungefähr
dreißig Jahre ah gewesen sei. Man findet die Zeugnisse für die ver-
schiedenen darauf gebauten Berechnungen übersichtlich bei Qinton Fasti
HellenicL 3, 26oflr. zusammengestellt; die letzte Untersuchung der Frage
hat A.W. Zumpt (1869) geliefert
Über den Tag der Geburt schweigen die Evangelien. Die Kirche
hat ihn mittels mythologischer Analogetik festgestellt. Während die alte
Kirche, und so noch immer die armenische, die Geburt am Feste der
Epiphanie (6. Januar) feierte, das aus dem alexandrinischcn Fest der
Erscheinung des Dionysos abgeleitet ist, hat die römische Kirche nach
der Mitte des IV. Jalirh. den nataiis Seih itvuicti d. h. den 25. December
als Geburtsfest des Heilands durchgesetzt. Aber vorher waren die ver-
schiedensten Ansätze versucht worden. Der gelehrte Jesuit Antonmaria
Lupi hat sich das Vergnügen gemacht (Dissertazioni, lettere cd altre
Operette, Faenza 17S5, i,2igff,) zu zeigen, daß es keinen Monat im
Jahre gibt, in den nicht die Geburt gesetzt worden wäre.
3. Ein anderer Widersprach, den wir nicht unerwähnt lassen dürfen,
betrifit den Ort der Geburt. Es war eine ebenso feste Überlieferung,
daß Jesus zu Bethlehem geboren war, wie daü er aus Nazareth stammte.
Beide Evangelisten haben sich bereits mit diesem Widerspruch abfinden
müssen. Mt nahm Bethlehem einfach als die Heimat Josephs und ließ
diesen erst nach der Rückkehr von Ägypten aus Furcht vor Archelaos
seinen Wohnort zu Nazareth in Galiläa nehmen; er hatte kein Recht 13, 54
Nazareth die 'Vaterstadt' (naTpIbtt) Christi zu nennen, wie der Vorgänger
(Mc 6, i) es durfte. Lc betrachtet Nazareth als Heimat Josephs, und
bedient sich, um die Geburt zu Bethlehem zu motivieren, des Auskunfts-
mittels der Schätzung. Wie die Lehrtätigkeit des Heilands bis zur
letzten Reise nach Jerusalem sich wesentlich im Umkreise des benach-
barten Galiiäischen Sees bewegte, so stand auch seine Herkunft aus
Nazareth in Galiläa fest (Mc 6, i — 4 Mt 13, 54 f. Lc 4 16 ff. Mt 21, 11.
26, 69. 71 Joh 1, 46. 7, 4O; ja Mt 2, 23 hat dafür sogar ein freilich sehr
apokryphes Prophetenwort in Bereitschaft; 'auf daß erfüllet werde, was
durch die Propheten gesag^t ist: Er wird ein Nazoräer heiilen'. Wie
konnte Bethlehem damit in Konkurrenz treten?
Man hat daran erinnert, dali auch in Galiläa ein Bethlehem unweit
von Nazareth lag, im Talmud einmal Bfthkliem Nmeriyyah genannt'.
Unsere Frage kann durch die Einführung dieses zweiten Bethlehem
nicht entwirrt sondern nur weiter verwickelt werden. Denn es ist ebenso
gewiU. da& das Bethlehem, in welches unsere Evangelien die Geburt
Christi verlegen, das judäische südlich von Jerusalem ist, wie als Heimats-
art desselben Nazareth feststand. Aber wichtig ist. dall dieses Bethlehem
nur den Berichten über Christi Geburt bekannt ist. Hier liegt der
Schlüssel. Nach der Predigt vom Wasser des Lebens werden, wie es
im Ev. Joh 7, 40f. heißt, verschiedene Stimmen des Volkes laut. 'Da
sagten etliche . . . Dies ist in Wahrheit der Prophet. Andere sagten:
Dies ist der Christus. Andere sagten: Kommt denn der Christus
aus Galiläa? hat nicht die Schrift gesagt, daß der Christus aus dem
Samen Davids und von Bethlehem, wo David war, komme?'
Schon beim Einzug in Jerusalem ruft das Volk Jesus als 'dem Sohne
Javids' sein Hosianna zu (Mt 2i, 9 vgl. 15 Mc 11, 10) und die Pharisäer
wissen, daß der Gesalbte des Herrn nur ein Sohn Davids sein könne
I Cbeyn« tu dem AitikeJ 'Nauinreth' der Encydop. biblica }, 336aff.
H. UscBcr, Geburt und Kindheit Chiisti.
13
(Mt 22, 42 Mc 12, 35 Lc 20, 4T). Aus der Prophezeiung des Micha 5, i
war die weitere Forderung abgeleitet, da& der Messias aus der David-
stadt Bethlehem hervorgehen müsse. Die Schriftgelehrten, welche Hero-
des bei Mt zu Rate zieht, können angesichts dieser Prophezeiung
(Mt 2,6) gar nicht in Zweifel sein, wo der neugeborene König der
Juden zu suchen ist. Die Erzählung des Johannes, eines Evangelisten,
der die wunderbare Geburt noch nicht kennt, stellt die tatsächhche
Heimat des Heilands, Galiläa., in Gegensatz zu der durch den jüdischen
Glauben geforderten Geburtsstatte des Messias, und enthüllt uns den ver-
borgenen Weg, auf dem Bethlehem in die Überlieferung der EvangeUen
gekommen ist. Schon in Lebzeiten wurde Jesus als der 'Gesalbte des
Herrn' betrachtet, Petrus selbst hatte die Bezeichnung geprägt (Lc 9, 20
vgl. Mc S, 2g; bei Mt 16, 16 'du bist der Christus, der Solin des leben-
digen Gottes"). Die ganze Vorstellungsreihe, die sich den Juden an den
Begriff des Messias knüpfte, mußte notwendig auf Jesus übergehn, so-
bald erst die Auffassung, da& er der 'Christus' sei, durchgedrungen wari
das ist das Naturgesetz der Legendenbildung. Vor allem muÜte Jesus
ein Nachkomme Davids, also aus königlichem Stamme sein. Schon vor
seinem Tod hat man diese Folgerung gezogen. Die erste literarische
Wirkung waren die Geschlechtslisten, welche Jesus* Vater Joseph mit
David in Verbindung setzten. So nüchterne Prosa sie reden, sind sie
doch die ältesten Versuche der Dichtung über die Geburt Christi. Der
nächste unvermeidliche Schritt war, seine Wiege nach Bctiilehem zu ver-
setzen. Als die Berichte des Mt und Lc abgefaßt wurden, war das
bereits ein fester Glaubenssatz geworden, der wohl oder übel mit der
geschichtlichen Heimat Jesus vermittelt und ausgeglichen werden mußte.
Die Widersprüche mit der durch das Evangelium selbst verbürgten
Wahrheit beweisen, daß zu der Zeit, wo die Geburts- und KindheitS'
gescliichte hinzugefügt wurden, der Kern der Evangelien des Mt und Lc
bereits feststand. Diese Zutaten müssen ganz anderen Federn ent-
stammen als das übrige — den Inhalt meine ich natürlich, nicht die
Form. Denn die Möglichkeit bleibt durch unsere sachhche Kritik un*
berührt, daß wir die heutige Form einem Überarbeitcr verdanken, der
die verschiedenen Bestandteile bereits vorfand. Daran scheint Harnack
nicht gedacht zn haben, als er unlängst in den Sitzungsberichten der
Berliner Akademie igoo N. XXVII S. 547 ff. aus der Gleichheit des
Sprachgebrauchs und des Wortschatzes glaubte beweisen zu können,
dab die beiden ersten Kapitel des Lukas von einer und derselben Hand
herrührten wie das ganze übrige Evangelium und die Apostelgeschichte.
t4
H. Usener, Geburt und Kindheit Christi.
Nicht einmal jene zwei ersten Kapitel können als zweifellos einheitliche
Schöpfung eines einzigen Kopfes betrachtet werden. Das entscheidende
Wort muß der sachlichen Kritik und der Analyse der Kamposition vor-
behalten bleiben. Während bei Mt der sachliche Widerspruch des Evan-
geliums die Kindheit sgeschichte als Eindringling erkennen läßt, sind
wir bei Lc in der Lage, das aus der Kritik des Inhalts abgeleitete
Urteil durch das Zeugnis des Verfassers selbst erhärten zu können. Seine
Berufung' auf die, 'welche von Anfang an Augenzeugen und Diener des
Wortes gewesen' (Ev. l, 2 vgl. 3 ävujÖev) wiJrde auch ohne die aus-
drückliche Erklärung dieses an* äpxijc und ävuiÖiv, die er Apostelg. i. 22
(dpfäptvoc Ü7TÖ ToO ^amiciaaTOc) und ro, 37 gibt, keinen Zweifel daran
lassen, daCi Lc sein Evangelium erst mit der Taufe und Predigt des
Johannes begonnen hat. Das hat P. Corssen im wesentlichen richtig
und überseugend dargetan (Göttinger gel. Anz. 1899 N. 4 S. 315—327).
ni
Die ältesten Niederschriften des Evangeliums wußten nichts anderes,
als daß Jesus zu Nazareth geboren war als Sohn des Joseph und der
Maria, aber sie lehrten auch, daß Jesus der von den Propheten ver-
kündete, von den Juden, erwartete Messias sei, und sie hatten davon zu
berichten, wie Christus selbst von dem Bewußtsein erfüllt war, Gottes
Sohn zu sein. Mit diesen Vorstellungen waren die Keime gegeben, die
in den empfänglichen Gemütern der alten Christengemeinde fmchtbaren
Boden fanden und verhältnismäßig rasch sich zu dem Dogma von der
Göttlichkeit der Person Christi, ja von der Präexistenz des Sohnes Gottes
entwickeln mußten,
I. Von dem Messias erwartete der jüdische Glaube niclit Übernatür-
liche Geburt; er mußte nur aus dem Hause Davids stammen und von
Gott erwählt sein (vgl. HÜlmann Jahrb. f. prot. Theol. 17 [1891], 233(1",).
Daraus hatte sich unweigerlich als erste Folgerung, wie wir gesehen, er-
geben, daß der Vater Jesus ein Abkomme Davids und daß Jesus in
Bethlehem geboren sein mußte. Es folgte aber notwendig auch, daß
der Ausenvählte Gottes mit Gott selbst in nähere Beziehung gesetzt
wurde. Der als Mensch geboren und herangewachsen war, bedurfte
einer göttlichen Weihung zu seinem Berufe. So entstand die Dichtung
von der Jordantaufe.
In den Eingang der ältesten Evangelien war das Auftreten Johannes
des Täufers, seine Predigt und Taufe gestellt. Durch das Vorbild des
Täufers wurde Jesus zu seiner gro&en Aufgabe erweckt; den unverkenn-
H, Usener. Geburt und Kindheit Clinsti
IS
baren Nachhall des tiefen; Eindrucks, den der Täufer auf ihn gemacht,
zeigt die begeisterte Anerkennung, die Jesus ihm spendet {Mt 1 1,7 ff.
Lc 7, 24 — 35 vgl. Mt 21, 32). Erat auf die Kunde, daß der Tätigkeit
des Johannes seine Gefangennehmung durch Herodes ein vorzeitiges
Ende bereitet hatte, tritt Jesus aus dem bisherigen Dunkel hervor (Mt 4, 12
Mc I, 14). So hindert nichts anzunehmen, daß unter der Menge, die
sich am Jordan zu Johannes drängte, um getauft zu werden, sich auch
Jesus befunden hatte, und daß diese Tatsache schon von Anfang in
den Evangelien erzählt gewesen war. Diese Taufe aber gab die er-
wünschte Gelegenheit, aus dem Menschen Jesus den Gesalbten des Herrn
zu machen. Es ist in doppelter Weise geschehen. Nach Mc i, 10 f,
sieht Jesus, als er aus dem Jordan emporsteigt, den Himmel sich spalten,
den heiligen Geist in Gestalt einer Taube sich auf ihn herablassen, und
eiüc Stimme liört er vom Himmel; 'Du bist mein geliebter Sohn, an dem
ich Wohlgefallen habe'. Diese aus dem Urtext (nicht LXX) von Jes 4z, i
abgeleiteten und auch bei der Verklärung auf dem Berge angewendeten
Worte sollen Gott selbst bezeugen lassen, daß er Jesum zum Messias
auserwälilt habe; und der Geist Gottes geht in ihn ein, um das Wort
des Jesaias 42, i. 1 1, 2 zur Wahrheit zu machen. Kühner verfuhr der-
jenige . welcher die kurze Nachricht von Jesus Jordantaufe dem
Lc -Evangelium 3, 21 f. einfügte. Er begnügte sich nicht mit der gött-
hchen Berufung zum Messias, sondern woUte auch für die Sohnschaft
Gottes ein unmittelbares göttliches Zeugnis. Er benutzte dazu die Worte
des Psalmisten 2, 7 (vgl. Apostelg. 13, 33) und ließ Gott sagen: 'Mein
Sohn bist du, heute habe ich dich geboren.' Die griechische Kirche
hat so bis etwa 300, der lateinische Westen bis über 360 die Lc-Stelle
gelesen; die Vorstellung selbst hat da^u geführt, die Menschwerdung
Gottes an die Jordantaufe zu knüpfen-, das Fest der Epiphanie, der Er-
scheinung Gottes auf Erden hat überall, bevor das Weihnachtsfest durch-
drang, gleichzeitig der Taufe und der Geburt Christi gegolten. Gleichsam
im Wetteifer mit dieser volltönenderen Bildersprache wurde die andere
Fassung des Wunders am Jordan mit weiteren Wundern ausgestattet,
wie es das Altertum im Mt und dem Hebraerevangelium las; auch das
Ev. des Johannes geht über den ursprünglichen Bericht weit hinaus.
2. Die mythischen Bilder, die damit geschaffen waren, konnten
gläubige Herzen auf die Dauer nicht befriedigen. Der immer mehr
durchdringenden Vorstellung von der Göttlichkeit Jesu widerstrebte es,
die Weihung zum Messias oder die Adoption zum Sohne Gottes erst in
das dreißigste Lebensjahr des Heilands zu verlegen. Er muüte von
i
10
H. Uscner, Geburt und Kiadheit Christi.
Geburt an das erwälilte Werkzeug Gottes sein. So erwuclis die Sage
von Christi Geburt. Sie ist erst zu einer Zeit entstanden und ausgebildet
worden, als mit der Jordantaufe bereits die VVeihung zum Messias sich
fest verbunden tiatte. Wären beide 2U etwa gleicher Zeit oder die
Geburtsgeschichte vorher entstanden, so hätte das Taufwunder nicht
die Gestalt erhalten können, die es heute hat, oder -wäre nie ausgebildet
worden; das eine schließt das andere aus.
Auch hier konnte ein doppelter Weg beschritten werden. Wie bei der
Jordantaufe göttliche Bezeugung der göttlichen Zeugung gegenüber steht,
so konnte auch hier neben der wunderbaren Erzeugung Christi eine
mehr der jüdischen Denkweise entsprechende Darstellung geschaffen
werden, in welcher dem menschlichen Sohne des Joseph und der Maria
bei der Emprängnis und Geburt göttliche Offenbarungen die Erwablung
zum Messias bezeugten.
Eine solche Darstellung liegt tatsächlich bei Lukas vor. Wenn
wir die Beobachtungen festhalten, die wir bei Bethlehem machen konnten,
werden leicht die Fesseln, die lange Gewöhnung an geheiligle Über-
lieferung um uns legt, gelöst werden. Es i.st das Verdienst Joh. Hill-
manns (Jahrb. f. prot. Theol, 17, 221 ff.) mit zwingenden Gründen dar-
getan zu haben, daü die beiden Verse des Lc r, 34 — 35, die einigen,
worin dort die göttliche Geburt Jesus' aus der Jungfrau Maria angekün-
digt wird, mit der ganzen übrigen DarsteSlung der Kap. i — 2 unvereinbar
sind, also von einem Überarbeiter eingefügt worden sein müssen. Nach
Ausscheidung dieser Stelle bleibt eine rein judenchristlichc, noch ganz
auf der alten und echten Überlieferung, da& Jesus der Ehe des Joseph
und der Maria und zwar als Erstgeborener entsprossen sei, fu&ende Er-
zählung von der Geburt des Messias übrig, und es findet sich nun kein
Wort darin, was nicht aus den jüdischen Vorstellungen von dem kommen-
den Messias seine volle Erklärung erhielte.
Der Engel Gabriel kommt, von Gott gesandt nach Nazareth zu
einer Jungfrau Maria, die mit Joseph, einem Nachkommen Davids (^E
otKou ÄauEib I, 27) verlobt war; er überrascht sie durch seinen Gruß
und verkündet ilir dann, daü sie schwanger werden und einen Sohn
gebären werde, der Sohn des Höchsten genannt und auf dem Throne
Davids, seines (Stamm-) Vaters sitzen werde u. s. w. (1, 51—33), woran
er dann die Mitteilung von der eingetretenen Schwangerschaft der bis
ins Alter unfruchtbaren Ehsabeth. ihrer Verwandten schliellt (,1, 36 f.).
Die Geschehnisse im Hanse der Elisabeth (l, 39^56). auch der Psalm
des Zacharias (i, 68 fr,) dienen nur dazu, den Messias schon im Mutter-
'1- '■ I9»J-
H. Uscncr, Geburt und Kinilheii Chrbü.
17
^
leibe zu verherrlichen und die Beziehungen des künftig'en Johannes zu
ihm vorzubereiten. Nahe vor dem Ende der Schwangerschaft Marias
erfolgt dann die übel durch die Schätzung motivierte Reise des Ehe-
paares nach Betiilehem. Joseph muü sich in der Stadt Davids zur
Eintragung in die Steuerrolle steilen, weil er 'aus dem Hause Davids"
stammt (2. 4), und zwar samt 'seinem Weibe Maria': denn nichts anderes
als cüv Mctpiap Tri fuvatKi aÜTOü las v. 5 noch der von Missis Agnes
Smith Lewis entdeckte syrische Palimpsest vom Sinai und cum Maria
uxore sua beeeugen die vorliieronymianischen Texte von Verona und
Vercelli, auch der Colbertinus, eine Lesung, die ganz abgesehen von
dem Gewicht der Zeugen fur sich selbst spricht; dafür wurde dann inter-
poliert CUV M. T^ ^(ivtiCT£U(i4vr| aÜTi|» (so Sinaiticus und Vaticanus, auch
die tat. Übers, von Brescia), und wie so häufig sind zeitig beide Lesungen
eontaminiert worden zu cüv M. Tfi luvricreu^fvi;! auTiit fuvaiKi (so der
Alexandrinus, die lat. Übers, von Corbie, und schon Eusebios und Kyrillos
Katech. 12, 31); daß hier wirklich Contamination stattgcEunden hat, sieht
man recht anschaulich an dem alten Freisinger Ms. (Old-latin bibÜcal
texts 3, 75) apu mnria uxore su[ä] äespimsaia ei, wo die alten Varianten
T^ TTivawi aÜTOü und tt) d^vHcreup^^ri aiiTiiJ noch unvermittelt neben
einander stehen. Da nun im Eingang der Erzählung i, 27 zweimal nach
einhelliger Überlieferung hervorgehoben wird, da6 Maria bei der Bot-
schaft des Engels, obwohl dem Joseph verlobt, noch Jungfrau war, so
können wir mit Sicherheit aus 2, 5 folgern, daU in der Ursprung liehen
Gestalt des Berichtes noch die kaum entbehrliche aber für den Über-
arbeiter, der 1. J4f.. einfügte, unerträgliche Bemerkung nach 1, 38 ge-
standen hat, daß danach Maria von Joseph heimgeführt worden sei und
empfangen habe; dazu stimmt es bestens, wenn 2,21 daran erinnert
wird, daß der Name Jesus von dem Engel vorgeschrieben worden sei,
'bevor er empfangen wurde im Mutterleibe'. Dal* Jesus die erste Frucht
dieser legitimen Ehe gewesen, wird mit klaren Worten 2, 7 gesagt 'und
sie gebar ihren erstgeborenen Sohn': TÖv xpujTÖTOKOV heißt es, nicht
etwa TÖV MOVOTtvTJ, und die Überlieferung hat daran nicht gerüttelt, ja
es ist sogar in Mt r, 25 interpoliert worden. Jesus wird also anerkannt
als der älteste unter den Söhnen und Töchtern Josephs, welche das
Evangelium selbst nicht vergessen hat. Nach judischem Ritus findet
dann nach acht Tagen Beschneidung und Namengebung statt (2,21),
nach vierzig Tagen Weihung des Erstgeborenen und Opfer im Tempeä
zu Jerusalem {z, 22 f.) ; der ganze Vorgang setzt natürliche Geburt aus
legitimer Ehe voraus, und ausdrücklich wird das 2, 27 bestätigt 'da die
Zflilichcift f. d. acuIeiL Wiu. Jihrs, tV. i(iaj. j
i
i8
H. Usener, Geburt und Kbdbnt Christi
Eltern das Kind Jesus hereinbrachten'. Ganz im Sinne der Messias- Ver-
heißung, die in. den Worten des Engels sowohl zu Maria (1.31—33)
als zu den Hirten (2, ir vgL 14) erklungen war. sind die Begriiliungea
des alten Symeon (2, 29 — 35} und der Prophetin Anna (2, 36—8) ge-
haJten. Und auf dem gleichen Boden steht schließlich Aas Erlebnis
der Eltern mit dem zwölfjährigen Sohne im Tempel (2. 41 ff.}, das bereits
oben S. 9 besprochen ist,
Wir erkennen somit in dem Berichte des Lc einen judenchristhchen
Versuch, die Geburt und Kindheit Jesus mit dem Glanz des Wunder-
baren zu verklären, den seine Berufung zum Messias zu erfordern schien.
Die Wunder aber beschränken sich ausschließlich auf gottliche Oflfen-
barungen, die von Engeln tiberbracht werden oder m den handelnden
Personen durch die Kraft des göttlichen Geistes hervorbrechen. Die
geschichtliche Überlieferung, auf welcher der Kern des Evangeliums
stand, daß Jesus als ältestes Kind des Joseph und der Maria von Naza-
reth geboren war, ist'noch treu festgehalten. Nur die Forderung, dab
Jesus durch seinen Vater dem Hause David angehöre und in der David-
stadt Bethlehem geboren sei, war bereits für diese ganz durch die
messianischen Vorstellungen beherrschte Dichtung unerläßliche Voraus-
setzung, Erst der Überarbeiter hat, indem er durch Einschaltung von i, 34 f.
einen Kompromiß mit der durch Mt verbreiteten Sage schloß, einen
fremdartigen, unvereinbaren Zug in die einheitlich gestaltete Dichtung
bei Lc eingedrängt.
3. Dagegen ist der Bericht des Mt ganz beherrscht von der Vor-
aussetzung, daß Jesus im jungfräulichen Leibe der Maria empfangen
sei vom heiligen Geiste. Joseph erhält die OlTenbarung, "das in ihr Ge-
zeugte ist aus dem heiligen Geiste'; und Joseph, der göttlichen Weisung
folgend, 'erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn geboren hatte". Man
kann die göttliche Zeugung als eine Rückübertragung der bei Lc her-
vortretenden Auffassung des Taufwunders betrachten. Aber es kommt
etwas völlig Neues hinzu, die Empfängnis und Geburt der Jungfrau. Und
hiermit treten wir zweifellos auf den Boden heidnischer Vorstellungen.
Schon die alten Väter der Kirche haben sich dieses Gefühls nicht er-
wehren können. Dem Judentume ist die Vorstellung ganz fremd, während
sie bis über die augusteische Zeit dem griechisch-römischen Heidentume
höchst lebendig geblieben ist. Den Nachweis habe icii früher gegeben
und könnte ihn heute verstarken. Das Wort des Jesaias 7, 14 hat zur
Gestaltung dieser Geburtssage um so weniger Veranlassung gegeben.
als der Zusammenhang der Steile gar nicht auf einen erwarteten Messias
hinweist und nur von einem jungen Weibe, mcht einer Jungfrau, wie es
in der LXX heiüt, spricht. Die Anstrengungen, welche man gemacht
hat, um das höchst unliebsame Eingreifen heidnischer Mythologie in den
Stoff der Evangelien abzuwehren, sind vergeblich gewesen. Man hüte
sich mit Belegen zu kommen, welche das Gegenteil von dem beweisen,
was sie sollen. An einer merkwürdigen Stelle {tie Cheritbim 13, I, p. i8of.
Cohn) sucht Philo, indem er die Ausdmcksweise der heiligen Schrift
preßt, zu zeigen. da& es Gott gewesen, der Sarah, Lea, Rebckka und
Sepphota befruchtet habe. Hier wird allerdings göttliche Zeugung, wenn
auch nicht jungfräuliche Geburt, gelehrt. Aber man darf nicht überselm,
daß Philu diese Lehre als ein Mysterium, als eine weilievoUe Offen'
barung, mit anderen Worten als etwas ganz Neues bezeichnet; die neue
Erkenntnis ist ihm erst in der hellenistischen Atmosphäre Alexandreias
aufgegangen, an der Quelle aller der Ideen, womit er die Überlieferungen
seines Volkes zu vertiefen wußte.
Wie der Grundfaden des Gewebes, so sind auch alle Einschläge aLf
heidnischem Boden gewachsen. Die Erscheinung eines neuen Sterns
am Himmel, der die Geburt des Heilands anzeigt, war im antiken Volks-
glauben vorgebildet. Von Astrologen wurde sogar gelehrt, daÜ bei der
Geburt eines jeden Menschen ein neuer Stern emporsteige (s. Julianus
Halik. im Rhein. Mus. 55, 328, Z. 11). Noch an die Geburt des Alexan-
der Severus ist die Sage geknüpft worden, dalj durch die plötzliche
Erscheinung eines Sternes erster Größe die künftige Weltherrschaft des
Knäbleins verkündigt worden sei (Lampridius c. 13}: das kann semitischer
Herkunft sein. Auch daß von den sternkundigen Magiern die Geburt
des Heilands erkannt und verkündet wird, hat sein Vorbild in einer
schon von Cicero (de divin. I 23, 47 vgl. 41, 90) erwähnten Alexander-
sage. Daß sie aber selbst kommen, um den neuen Herrn zu verehren,
scheint, wie unlängst in dieser Zeitsclirift (3, I ff.) A. Dieterich gezeigt
hat, veranlaUt zu sein durch die Huldigungsreise des Partherkönigs Tiri-
dates zu Nero nach Rom, die im Jahre 66 n, Chr. das größte Aufsehn
machte (s. Cassius Dio 63, 2 f.), vor allem in den Provinzen, welche,
wie Kleinasien, den König mit seinem TroÄ zu sehen beliamen und
standesgemäß zu unterhalten hatten; Flinius, der m. h. 30, 16 f. dieses
Ereignisses gedenkt, nennt den Tiridates geradezu magiis und erwähnt,
daß er Magier in seinem Gefolge gehabt habe {magßs sccum adduxerat),
von denen der Kaiser die Geheimnisse der Magie zu erfahren hoffte.
Die Regierung des Nero mag die Zeit sein, wo die Legende von der
göttlichen Geburt Cliristi in dem christlichen Volk sich zu bilden
3»
■
3
■zo
H, Usener, Geburt und Kiadheit Chhsd.
begann'; und es ist selir möglich, daß die von Rom her verbreitete
Kunde der Neronischen Christen Verfolgung dazu beigetragen hat, das
Bild des blutdürstigen Tyrannen in die Kindheitsgeschichte Jesus' auku-
nehmen. An sich war der Kindermord und seine Motivierung durch die
Furdit vor einem drohenden neuen Herrscher bereits in dem Sagenschatz
vorhanden, wie die romanhafte Erzählung des Marathus von der Geburt
des Augustus (Suetonius Aug. 94) lehrt
Die Flucht nach Ägypten oder, genauer gesagt, die Rückkehr aus
Ägypten ist übel motiviert. Ein Engel des Herrn mahnt Joseph, wie
vorher zur Errettung des Knäbleins vor Herodes, so zur Heimreise:
'denn sie sind gestorben, die dem Kinde nach dem Leben trachteten"
(Mt 2, 20); allein 'da er hörte, dal^ Archelaos in Judäa an Stelle seines
Vaters Herodes König sei, fiirchtete er sich, dorthin zu gehn' und 'auf
eine göttliche Weisung im Traume zog er sich in die Landschaft Galiläa
zurück' (Mt 2, 22). Es wäre nicht recht zu begreifen., weshalb der Engel
des Herrn nicht bis zur Absetzung des Archelaus (6 n. Chr.) den Befehl
zur Rückkehr vertagte, wenn nicht dadurch der Grund, Nazareth in
Galiläa lum Wohnort zu wählen, weggefallen wäre. Aber um diesen
Zweck zu erreichen, wird, schwerfällig genug, eine doppelte Offenbarung
an Joseph insceniert. Warum ist es Ag^-pten, das als Zufluchtsort dient?
Man könnte sagen, es habe im ersten Jahrhundert, wo längst Juden in
großer Zahl sich zu Alexandreia gesammelt hatten, nahe gelegen an
dies Nachbarland zu denken. Es kann auch durch unwillkürliche Ein-
"* "Bitte a,po1(rypl)e, syrisch in eioer alten, aus dem VI JaUih, alammeaden Hacidschr.
Irit. Mus. erhajicne -Setrift unter dem Namen des Euseliios, di« W. Wright im
JovTtiaI 0^ sacrcd Iit6rB.tare IX (I^nd. lSä6) p. II ^ IT. Iierausgcgeben and ebend. X (tii&j)
I^lff. in englischer Übersetzung vorgelegt hat (vgl, auch den Aufsati ron Eb. Nestle,
Zeitichr, f. wisE. Theol-o^i« 1S93, 435 tV.J, bericht*t. daß in der Zeit des Hadrian und
des Papstes Xystus und iivar im J. 120 u. Chti {dm Jahr ist durch die r&miBchcn Cod-
tnlu and das Jahr 430 der SeleDkidenira festgelegt) mit der h- Schrift beEchaftigte
M^ner duGenaiiere b^ci die Sendung' der Mngier in den persischen Archiven erforscht
und in ihrer Sprache aufjjereicluiei hatten. Conybcare hit mir die Freude gcmacbt, mich
auf diese Naehricht aufmerltsom za machen. Der ZusunmenKang de* gaiwen Traktats-
(leider ist {jerudc die den angecogeuen Angaben Torausi^cbendc Stelle., oJTcubaj ihres
baefc tischen Inhalts wegen, getilgt worden) schließt den Geilanken aus, <)a.& in du
JaLr 12D die Einlu^iing der Magiercpi^odc In das Evangelium veilegi werde. Es ist
notwendig anzunehmen, daß äem p^eadonyiacn Verfasser ein ausführlicher in Fersien
spielender Bericht übec die Erscheinung de^ Sterns und die Sendung der Magier v-orlag,
der jene (natfirücb erdichtete) Datierimg sei es im Eingang oder am Sclilali harte.
Man denUt unwillkürlieh an die Einlage des «iiletit von Bratlte (Texte nodl UntcK. N. F.
IV, 3) herausgegebenen Religiongcipiächs p. ilff., die zweifellos sclioii cini: längere Vor-
geschichte hatte, bevor lie vom Verfasser dieses GCi^praehi verwertet tviinie.
H. Usener, Geburt und Kindheit Christi 21
Wirkung mythischer Vorstellungen in die Legende eingefugt sein: auch
vor dem Angriff des reckenhaften Typhon flüchten sich die olympischen
Götter nach Ägypten.
Somit läßt sich für die ganze Geburts- und Kindheitsgeschichte des
Mt bis in alle Einzelheiten heidnische Unterlage erweisen. Sie muß in
heidenchristlichen Kreisen, wahrscheinlich Kleinasiens entstanden sein,
und wurde dann vom Erzähler, entsprechend der das ganze Ev. Mt be-
herrschenden Neigung (s. Resch, Kindheitsevang. S. 19 ff.) durch Heran-
ziehung von Prophetenworten gewissermaßen legitimiert
Damit war die göttliche Geburt Christi für alle Zeit besiegelt, und
die judenchristliche Darstellung des Lc, welche den Messias nur als ein-
fachen Menschensohn kannte, mußte durch die Erweiterung der eng-
lischen Botschaft auf die Höhe der Zeit gehoben und mit den Forde-
rungen des Glaubens in Einklang gesetzt werden.
Die göttliche Geburt Christi war damit Evangelium geworden.
Der theosophischen Spekulation erwuchs die Aufgabe, dies Dogma
mit der Tatsache der Menschlichkeit Christi auszugleichen. Es
kostete einen Kampf von Jahrhunderten, bis die Kirche eine einheitliche
Glaubenslehre durchgesetzt hatte. Freilich dieser Kampf würde ent-
brannt sein, auch wenn das Evangelium von der jungfräulichen Geburt
nicht geschrieben vorgelegen hätte. Schon bevor dies geschrieben und
durchgedrungen war, hatte sich die doketische Lehre, daß der Sohn
Gottes vom Himmel herabgesandt nur ein Scheinleben als Mensch ge-
führt habe, und die Johanneische Vorstellung von der Präexistenz des
göttlichen Logos entwickelt
[AbgeichloMeD im i6. Januu 190J.)
33
P. Corssen. Die Urgesuüt der Paulusakien.
Die Urgestalt der Paulusakten.
Vqji P. Corg^en in Berlin-
Durch die schöne Entdeckung C. Schmidts in dem Papynis Rein-
hardt der Heidelberger Universitätsbibliothek ist, wie den Lesern dieser
Zeitschrift bekannt ist, der Beweis geliefert, daß die Theklalegende,
die uns in vielen griechischen Handschriften sowie in lateinischen und orien-
talischen Übersetzungen erhalten ist, einst einen Bestandteil der TTpdEeic
TTqijVou bildete und in einer leider in einenn triimmerhaften Zustande be-
findlichen koptischen Handschrift noch heute bildet, A. Harnack hat
bald darauf mit gewohntem Scharfsinn nachgewiesen, daß einst auch in
einer lateinischen Kirche die Geschichte der Thekla nicht für sich ge-
sondert, sondern im Zusammenhange der Akten des Paulus gelesen wurde- '
Hinterher ist man bekanntlich immer klüger, und es mag überflüssig
erscheinen, ist aber doch vielleicht nicht ohne Nutzen, auch jetzt noch
darauf hinzuweisen, daß doch auch schon vor Schmidts Entdeckung
mancherlei Anzeichen dafür sprachen, daß die Form, in der uns die
Legende erhalten ist, nicht ursprünglich sein könne.
Welcher verständige Erzähler beginnt seine Erzählung mit der Voraus-
setzung von Tatsachen, die dem Leser nicht bekannt sein können?
„Als Paulus landeinwärts nach Ikonium zog nach der Vertreibung aus
Antiochia, machten sich mit ihm auf den Weg Demas und Hermogenes."
Was hat es mit der Vertreibung aus Antiochia auf sich? Man wende
nicht ein, der Erzähler habe an Act 13. 50 anknüpfen wollen; denn
über die Erzählungen der Act setzt er sich mit souveräner Verachtung
hinweg oder, was mir wahrscheinlicher ist, er kennt sie nicht. Es be-
steht tatsächlich keine andere Übereinstimmung zwischen den Act und
den Akten der Thekla als daß nach beiden Paulus von Antiochia sich
nach Ikonium begibt. Im übrigen schUellen sich die Erzählungen
beider gegenseitig aus: nach den Act wird Paulus von Bamabas
• O. y. Gdiltordt und A. Hunack, Tsste und Uiikrtucbungcn, N. F. IV, 5,
begleitet, in Ikonium aber gehen beide in die Synagoge der Juden und
predigen mit dem Erfolge, daß eine Menge Juden und Griecher gläubig
werden. Nach den Akten der Thekla hingegen schließen sich ihm als
Begleiter die falschen Brüder Demas und Hermogenes an, in Ikonium
aber predigt Paulus in dem Hause des Onesiphorus und von Juden ist
überhaupt keine Rede.
Wir sind" gewohnt von den Akten der Thekla und des Paulus zu
sprechen, aber dieser Titel wird nur von einer einziger griechiacUen
Handschrift geboten, die große Masse hat die Überschrift MapTwpiov
0eK\r|C — mit mannigfachen Zusätzen, z. B. Maptüpiov iflc driac xal
kanocröVou 0(K\nc if\c iv TuvaiEi TtpujTOMßpTupoc oder iinopvqpa Kai
papTi^piav Tfjc ötIoc npLuTonupTupoc xcti dnocTÖXou 0EKXr]c u. s. w. —
alle Lateiner haben Passso S. Theclae. Das ist in der Tat der einzig
angemessene Titel für unseren Auszug. Die Person des Paulus tritt in
ihm ganz surück. Seine Rolle beschrankt sich im wesentlichen darauf,
dat er die Thekla durch seine Predigt fasciniert und dadurch den An-
lal^ zu ihrem Handeln und Leiden bietet. Von dem Augenblick an,
wo seine Predigt ihre Wirkung getan hat, vom 7. bis zum 43., dem
Schlußkapitel, dominiert die Person der Thekla. Jener unpassende Titel
ist daher nur aus der Erinnerung an das größere Werk, die npdStic
TTaüXou, 2U erklären, von der das MapTÜpiov GtKXqc urspiitnglich ein
Teil war.
Wenn man dies Verhältnis der Passio Theclae zu den Paulusakten
richtig erwägt, so findet man leicht die natürliche Erklärung für die Be-
merkung des Hieronymus über die TTepioöoi Pauli et Theclae, die sich
von verschiedenen Seiten eine recht gewaltsame Behandlung hat gefallen
lassen müssen.
Hieronymus sagt in der Schrift De script. eccles. c. 7 folgendes:
!gitur Tt€pi6Öouc Pauli et T!tedae et fotant bapiisati Uotüs fahämn iittir
apQcryphas scripturas comptitamm, Qiuüe eiiim est, ut indiviäims eomes
apostoli iiiler ceteras tiiis res hoc solitfit igHora-i>trit\ Sed et TertuUianus
vkiitus forum tempontm rcfert presfytcrum quaidam in Äsia cnoi;bacTr|V
apostoli Pauli convictttm apud lohanncm, quoä auct&r esstt lidri, et con-
ftSSttm se hoc Pauli feci^se amore hce excrdissi:
Von einem getauften Löwen ist in der Passio Theclae keine Rede.
Es ist aber auch keine Spur vorhanden, die darauf deutete, daß die
Geschichte von diesem getauften Löwen, wie Lipsius für möglich hielt
(Apokr. Apostelgesch. ü, 1,446), gewaltsam aus ihr entfernt sei. Ganz
undenkbar aber scheint mir, dall Hieronymus die Löwin, die nach der
*
24
P. CoTsseB, Die tJrgestalt der Paulusaliten.
Efzalilung der Passio die Thekla in der Arena vor den andern wilden
Tieren schützte, wie Hamack meint (Chronol. S. 495). „mit schnödem
Witze zu einem getj.uften, weil christenfreundlichen Löwen" gemacht habe.
Was hat denn die dog^matisch gänzlich unarstößige Erzählung der
Theldalegcnde an sich, das die Indignation des Rechtgläubigen heraus-
forderte, und warum beruft HJeronymus sich denn ^egen sie auf die
Autorität des Lukas, der doch von der Thekla überhaupt nichts weiß?
Ist das nicht Beweis genug, dall dieser Lowe mit der Thekla nichts,
ksondem viehnehr nur mit Paulus zu tun hat? Hieraus folgt, wie Lipsius
(a, a. O.) und schon vor ihm Pitra gesehen hat, daß Hieronymus von
demselben Löwen redet, von dem Coramodian erzählt, Gott habe ihr
Paulus zu Ehren zu dem Volke mit göttlicher Stimme reden lassen. '
Schon Lipsius ist es zweifelhaft erschienen, ob diese Geschichte auf die
Akten der Thekla oder des Paulus zurückgehe fActa. apost. apocr. 1,
p. xcvi). Nachdem sich nun herausgestellt hat, daß jene mit diesen ur-
sprünglich eins waren, braucht man darüber nicht zu streiten.
Wenn aber Hieronymus die ritploboi TTaiiXou Kai B^kX^c citiert. so
folgt für mich daraus, daß er bereits nicht mehr die vollständigen Akten,
sondern unsern Auszug vor sich hatte. Er hat die Geschichte also nicht
selbst gelesen, sondern folgt seinem Gewährsmann Tertullian, den er ja
namentlich anführt. Nun steht aber bekanntlich an dem Orte, an dem
Tertullian von der Thekla spricht, (De bapt. c. 17) von dem getauften
Löwen nichts, sondern es hei&t da wörtlich folgcndermaüen: Quodsi
qufU Pmäi perperam scripta sunt, exemplum' TJieclae ad Ikentimn mulientm
doundi tingueadiquc defeiidtinl, sciant in Asia presbyterum, qui eam
scriptumm construxit quasi litulo Pauli de s»a cunuduns, coniiicfum atqu^
confessum id se atiiore Pauli fecisse laco dccessisse.
Es ^bt für die Differenzen zwischen Hieronymus und Tertullian
eine Erklärung, die so naheliegend und einfach ist, daü wohl gerade
darum so wenige Gelehrte sich mit ihr zufrieden gegeben haben. Sie
drängte sich mir sofort auf, als ich diese Frage aufnahm, ohne daß ich
wußte , da& sie bereits von Vallarsi gegeben war, dem Zahn {Gesch.
des ntl- Kanons H, 897) mit Recht sich angeschlossen hat Tertullian
hat die Schrift De baptismo ursprünglich griechisch verfaßt und z^var,
■wie er selbst sagt, ausführlicher. ^ Daß Hieronymus diesen griechischen.
■ C^rrncn npalog. v. 62S (ed. Dombait) Leofum pofmio /aeil (nämlich Dtus) leam
* So A mg. Im Teil stellt tnijiiiim statt rxemfium.
i Dt isla Jilrmiii iam usbit in Graffe Ji^^sfum ett.
und rieht den lateiilisclicn Test lienutzt hat, dafür spricht nicht nur das.
wie Zahn sagt, sonst sehr wunderliche cirouSncniv, sondern, worauf
m. W. noch nicht hingewiesen ist, ganz besonders deutlich der starke
GraecismiiB hco exctdisse, der erst in der Rückübersetzung (toO töttou
^i^TiECtv) recht verständlich wird Wenn aber irieronymus den verloren
gegangenen griechischen Text Tertulüans benutzt hat, so haben wir
kein Recht 2U bezweifeln, daß in diesem Texte gestanden hat, der
Presbyter, der sein Buch aus Liebe 2u Paulus verfaßt habe, sei vor
Johannes seines Vergehens überführt worden. Dagegen kann man doch
nicht einwenden, wie Harnack tut CS. 49S), wenn Tertullian davon in
seiner griechischen Schrift gesprochen hätte, so hatte er ein so wichtiges
Moment in der Jateinischen Schrift nicht weglassen können. In solchen
Dingen läßt sich nicht dekretieren, und eine Sache ist dannit nicht
aus der Welt geschafft daß wir den Grund davon nicht wissen. Denk-
bar aber ist in dücscm Falle mehr als ein Grund. Vielleicht war Ter-
tullian klug genug, um einzusehen, daß seine Erzählung von dem Presbyter
an Wahrscheinlichkeit nicht dadurch gewänne, daü er Johannes zu seinem
Richter machte. Tatsächlich büßt sie durch diesen Zusatz gewaltig
ein, und das ist es, worauf ich den Nachdruck legen möchte.
Hieronymus' Referat aus dem griechischen Original und TertuHians
eigene lateinische Bearbeitung ergänzen sich gegenseitig. Denn sicher-
lich hat auch das, was Tertullian in dieser von der Thekia sagt, Hierony-
mus aber verschweigt, in jenem gestanden, weil Hieronymus sonst gar
nicht auf die Vermutung hatte kommen können, daß Tertullian sich auf
die TTepiobot TTcnJXou Kai O^KAric bezieht. Denn den einen Zusatz icai
StKXiic hat Hieronymus allerdings gemacht, aber durchaus in gutem
Glauben. Wir haben es jetzt leicht^ nachdem die Einsicht von außen
uns gekommen ist, uns darüber Zu verwundem, wie man sich vordem
bei der Annahme hat beruhigen können, Tertullian meine das Mart>'rium
der Thekla mit dem Buche, das einer aus Liebe zum Paulus gefälscht
haben sollte, da doch Paulus in der Theklalegende ganz und gar nicht
der Held ist, sondern mit der Rolle des Deute ragonisten sich begnügen
muß. Tertullian hat eben die TTpdEtic oder TTeptoöoi TTaOXou im Sinne
gehabt, während Hieronymus. der diese nicht mehr kannte, durch die
Erwähnung der Thekla ganz natürlich auf den Gedanken geführt wurde,
es handle sich um die Gescliichte dieser, die er unter einem Titel kannte,
den' wir zwar heute in den Handschriften der Theklalegende nicht mehr
nachweisen können, der sich aber als ein Parallehitcl darstellt zu dem.
unter dem sie wenigstens in einer Handschrift noch heute steht
26
P. Corsaen, Die Urgesiall der Paulusakten.
Wie verhält sich nun die Theklalegende, die Uns in grieclüschen
Handschriften und Übersetzungen überliefert ist, zu jenen Akten des
Paulus, die Tertullian verdammt? Ist sie im wesentlichen unverändert
aus jenen ausgehoben worden und waren die Akten des Paulus selbst,
wie die neueren Forseher Ubeneugt sind, ein gut katholisches Produkt
harmloser Lust am Fabulieren?
Es scheint mir für diese Meinung kein giinstigcä Zeichen zu sein,
daß der den Modernen 3o anstößige getaufte Löwe, den sie mit allen
Mitteln für die Theklalegendc unschadLch zu machen und gänzlich zu
beseitigen g-esucht haben, aus einer vorurteilslosen Prüfung gcrechtfertngt
hervorgegangen und seine Geschichte als ein integrierender Teil der
Faulusakten erwiesen ist.
Aber die Entdeckung Schmidts, die darüber doch am ehesten Licht
verbreiten müßte, schien nach den ersten Mitteilungen, die er selber
davon gab,' die Resultate der neusten Forschung auf das glänzendste
zu bestätigen. Hat doch Sclimidt, wie er sagt, gefunden, dali in den
Akten des Paulus der apokryphe Briefwechsel zwischen Paulus und den
Korintliem enüialten sei, auf den die Aufmerksamkeit der Theologen
durch die Entdeckung einer lateinischen Übersetzung im Anfang der
90er Jahre von neuem gelenl-rt wurde, nacJidem Zahn darUber soeben
auf Grund des armenischeti Textes ausführlich gehandelt und bereits bei
dieser Gelegenheit die Vermutung ausgesprochen hatte, daß jener Brief-
wechsel aus den Paulusakten stamme. (Gesch. des Kau. II, S. 592.)
In der Tat. wenn dieses seichte nnd lederne Machwerk von dem
Verfasser der Paulusakten herrührt, so ist er über den Verdacht erhaben,
dass jemals eine Ketzerei seiner Feder entschlüpft sei; dann aber wurde
es sich nicht lohnen, mit dem neuen, Fund sich abzugeben, und mir
würde die Zeit leid tun, die der Entdecker auf seine Entzitferung ver-
wendet. Aber wir wollen abwarten, wie Schmidt den Beweis führen
wird, daü dieser Briefwechsel einen integrierenden Teil der Akten
bildete. Nach dem, was er von dem Zustand des Papyros sagt, wird
das vielleicht nicht ganz leicht sein. Denn wenn die Hand des Schreibers
auch in allen Fragmenten dieselbe ist, so ist damit allein noch nicht ge-
sagt, daß diese Teile sämtlich zu einem und demselben Ganzen gfe-
hÖrten. Sollte aber die vorläufige Annahme Schmidts sich bestätigen,
so wäre das ein Zeichen, daU er nicht die ursprüngliche Gestalt der
Paulusakten, sondern eine spätere Bearbeitung gefunden hat. Dieses
1 Vgl. Neue HeiddtierEer Jahrb., Bd. VTl, 1897. S. zr;».
P. Corssen, Die Urgestalt der Piulusakieß.
27
schon jetzt auszusprechen, berechtigt uns eine andere Entdeckung, deren
Bedeutung allerdings denen, welchen wir sie verdanken, entgangen ist
Auf der Queriniana in Brescia befindet sich eine Miscelknhandschrift,
die u, a. vier mit den Resten eines lateinischen Textes der Thckla-
legende bedeckte Blätter entliält. Leider ist die Schrift auf diesen
Blattern z. T. derartig verwischt, dalS auch diese Fragmente wieder
erhebliche Lücken aufweisen. Sie send nach Abschriften von A. Berendts
und F. Garbelli von O. von Gebhardt in dem Iet2ten Hefte der Unter-
suchungen zur Gesch. der altchrist!. Literatur (N. F. VII, 2) S, 130—136
zusammen mit den iibrigen lateinischen Übersetzungen der Passio S.
Theclae veröffentlicht worden.' E. von Dobschütz gebührt das Ver-
dienst, einer Anregung von Mercati folgend, den Herausgeber auf diese
Blätter aufmerksam gemacht 20 haben. Was wir auf ihnen lesen, ist
geeignet, uns in nicht geringes Erstaunen zii setzen.
Nach dem griechischen Text ist Thekla^ Tochter der Theokleia,
die Verlobte des Tliamyris. Das Haus der Mutter steM neben dem
Hause des Onesiphortis, in dem Paulus Seine Lehre verkündet. Am
Fenster sitzend (so übersetzen die Lateiner ^m xfit öupitioc KaöecSeTca)
hört Thekla die Predigt des Paulus und bleibt wie gebannt drei Tage
und drei Nachte an ihrem Platze, ohne zu essen und zu trinken. Die
Mutter schickt zu denn Bräutigam und dieser kommt voll Freuden, in
der Meinung, die Hochzeit solle stattfinden. — Hören wir nun, wie der
Voi^ang in den Fragmenten von Brescia erzählt wird.
„Als Thamyris (hier beginnt ein zusammenhän|;endes Stück, die
voraufgehenden 17 Zeilen sind so zerstört, daß nichts davon zu lesen
ist) aufgeregt das Haus betrat und sie nicht sah, sagte eri ,Wo ist
meine geliebte Thekla?' Ihre Mutter antwortete: .Etwas Neues und Un-
erhörtes ist mit Thekla geschehen. Siehe schon drei Tage lang hat sie
nicht gegessen und getrunken, sondern unbeweglich am Fenster ge-
standen, um das Wort eines Zauberers und Verführers zu hören, der in
dem Hause des Onesiphorus ist. Aber es ist mir wunderbar mit ihr.
daß sie so aufmerksam auf ihn aufpaßt, und mich quält mein Geist,
weil derselbe Ikonium' auf den Kopf stellt. Geh' du zu ihr und sprich
zu ihr, vielleicht wird sie zu dir sprechen.' Da jener nun herangetreten
war, um sie zu küssen, sagte er zu ihr: .Thekla, meine Geliebte, warum
' O. V. Gebhardt unterscheidet vier Ölier5ctiun£cn A. B, C und D. D Ut unser
Text, bei B und C werden je drei, a, b, c beirichrete Versionen uiKerschiedcn. Ich
b«di«iic mich im Folgenden dieser Beicichn-ungvn.
' lji der Hajtdsctuift sieht luBuri/ii liainiam. Das kfinnte auch aus Lyraimiam
verderbt sein.
28
P. Corsses, Die Urgestalt der Paulusalcini.
machst du mir Pein {cur michi mohsla es), daü du nicht mit uns
sprichst? Kehre zunick zu deinem süßen Mann {retiertere ad virutn
tuuyit ättlcissimuni) und gib ihm einen Kuü.' Die selige Thekia schaute
zum Himmel auf, ohne zu antworten. Ihre Mutter aber zusammen mit
ihrem Verlobten {una cum spmtso sita) fing an auf das bitterste zu weinen
mit ihrem ganzen Hause." — Die folgenden vier Zeilen sind unleserlich.
Das hier geschilderte Benehmen des Thamyris ist im höchsten
Maße auffallend. Daß der Bräutigam die Braut vor den Augen der
Mutter küssen will, ist für griechische Verhältnisse unerhört, und wie
kann er sagen: „Kehre zurück zu deinem süßen Mann"? Von alle dem
steht nun in den griechischen Handschriften nichts, sondern diese geben
die Rede des Thamyris so wieder: ^.Thekla, meine Verlobte f^Moi HVT\-
CTCuGEica), was sitzest du so da? und was für ein Zustand der Betäubung
hält dich gefangen? Wende dich um (^mcrpätpiiöi) zu deinem Thamyris
und schäme dich."
Unmöglich kann reviTtere Übersetzung von ^riCTpä(pr|6i .sein; alle
übrigen Lateiner geben das mit converi^rc oder c^nvi-rie ic wieder, Ebenso-
wenig ist concitus eine Übersetzung von irtptxapric, wie es im Griechi-
schen heißt^ und während die freudige Stimmung des Thamyris im
Griechischen ausdrücklich durch die Bemerkung motiviert wird, er habe
erwartet, daß nun die Hochzeit sein solle (neptxapT^c uic }^r\ Xatißdvujv
aÖTf|v npic fÖMOV), so weiß unser Text von einer solchen Erwartung
nichts. Die Rede der Mutter, die im Griecliischen doppelt so lang ist,
enthäh hier auch den Ausdruck der Verwunderung, daß die Scham-
haftigkeit der Jungfrau sich so gravieren lasse [iSae |ie öaundZciv ttiüc
#( ToinÜTr] attiiiit ttjc TtttpÖ^vou x^Xctuic ^voxXeiTai). Auch davon hat,
wie man sieht, unser Text nichts.
Aber CS kommt noch stärker. Als Thamyris das Haus verlassen hat,
sieht er die beiden falschen Brüder Demas und Hemiogenes und ladt
sie in sein Haus. „,Koramt, Manner,' heiÜt es in unserm Texte, ,naeh
meinem Hause und rastet darin.' Da sie aber in sein Haus gingen,
wurden sie mit großer Freude aufgenommen und eine Tafel ihnen her-
gerichtet zur Erquickung. Und Thamyris rief Tliekia und ließ sie zu
seiner Rechten sich zu Tische legen. Da aber Thamyris sich mit jener zu
Tische legte, frag^te er sie: ,Sagt mir, Bruder, von jenem Verführer, was
Jiir Sprüche er lehrt, daü auch meine Gattin von mir getrennt wird'
i^quax carmina docet, tit eüam coniux mea separet^ a me').^
' So bei V. Gebhardf. Siclifrtli«h ist in der Handschrift die AbLüitnng fBr ut »tr-
wiacht oder übcrsehea irorden.
P. Corsaen, Die Urgestalt der ['aulusat:iai.
29
Im Griechischen steht; „Minner, sagt mir, weiches ist seine Lehre
damit auch ich sie kennen lerne. Denn nicht wenig ängstige ich mich
um Thekia, weil sie den Fremden so liebt und ich der Ehe verlustig
gehe."
Brauche ich es zu sagen, auf welcher Seite das Original, auf wel-
cher die Bearbeitung ist: So knapp und gut zusammenhängend die
Erzählung im Lateinischen ist, so locker, ungeschickt und widerspruchs-
voll ist sie im Griechischen. Thamyris sagt, er ängstige sich uni Tliekla,
aber er hat den fremden Männern ja noch gar nicht g"e3agt, wer Thckia
ist und in welchem Verhältnis er zu ihr steht. Er fragt nach der Lehre
des Paulus, darüber ist ihm aber bereits von jenen Bescheid gegeben.
Denn als er die beiden auf der Straße mit einander im heftigen Streite
trifft, sagt er zu ihnen; ,, .Männer, sagt mir, wer ihr seid und wer der da
drinnen mit euch, der die Seelen der Jünglinge verwirrt und die der
Jungfrauen täuscht, damit keine Hochzeiten stattfinden, sondern sie so
bleiben. Ich verspreche nun euch viel Geld zu geben, wenn ihr mir von
ihm erzählt, denn ich bin der erste der Stadt' Und Demas und Her-
mogenes sagten zu ihm; .Wer das ist, wissen wir nicht; er beraubt
aber die Jünglinge der Frauen und die Jungfrauen der Männer, denn er
sagt: anders gibt es für euch keine Auferstehung, wenn ihr nicht rein
bleibt und euer Fleisch nicht besudelt, sondern es rein erhaltet'"
Wie naturlich und angemessen dagegen unser lateinischer Text
„ ,\Vas habt ihr mit einander? Sagt es mir und wer es ist, der das Volk
verfulirt und die Ehefrauen (ttxün-s^) lehrt, daß sie in Keuschlieit ver-
harren? Sagt mir die Zauberkunst, die er lehrt, damit ich im Stande
bin, ihn vor Cäsar anzuklagen, und ich will euch alles, was ihr bittet,
zum Geschenke geben.' Demas und Hermogenes sagten zu ihm: ,Wir
wissen nicht, wer er ist; eins wissen wir, was wir aus seinem Munde
gehört haben, dati wir zur Wiederaufersteliung des Lebens nicht auf-
erstehen werden, wenn wir nicht ein keusches Leben führen.'"
Wie echt das alles klingt! Was fragt der Grieche Thamyris nach
der Lehre des Paulus? Paulus ist ein Zauberer, der mit seinen Sprüchen
die Weiber behext, daß sie von ihren Männern nichts mehr wissen
wollen. Dies Motiv, das aus den griechischen Handschriften so gut wie
gänzlich ausgetilgt ist — nur einmal nennt das Volk den Paulus einen
Zauberer (diratüT« t6v |a<irov c 15J — kehrt in uilserm Texte immer
wieder. Als Thamyris mit einem Volkshaufcn vor dem Hause des
> wxorts hat Gutielli gckien, Berendtf wie es schcini, nm m, abci das genügt,
da CS eine Andere Ergänzung itusschlieDt.
30
F. Coissen, Die Urgeatält der PaulusaktcD.
Onesiphorus erscheint, um Paulus nach dem Rate des Herniogenes und
Demas vor den Prokonsul zu schleppen, schreit er; „Niederträchtiger
Verfülirer, Gotteslästerer! Wozu verführst du so viele Leute? Auch
sogar meine Thekia hast du durch deinen Spruch verfuhrt daß sie mich
verläßt und dir anhängt?" Auch hier ist der griechisciie Text ganz.
verblaßt: ,,Du hast die Stadt der Ikonier zu Grunde gerichtet und meine
Verlobte, daJJ sie mich nicht will. Auf, vor den Prokonsul CasteliusI"
Vor dem Prokonsul schreit dann nach unsemi Text die Menge: „Herr
Präsident, sieh den Menschen da, der das Volk verführt und unser Haus»
zerstört. Auch die Madchen sollen keine Märmer nehmen. Möge er
vor eurer Person sagen, in wessen Namen er diese Zauberkunst lehrt."
Auch hier ist im Griechischen von der urspriing liehen Auffassung nichts
geblieben, „Prokonsul," sagt Thamyris, „der Mensch da, wir wissen
nicht, woher er ist, der läßt die Jungfrauen nicht heiraten. Er sage vor
dir, wozu er das lehrt."
Kehren wir zu dem Punkte, von dem wir ausgegangen sind, zurück,
so ist die Frage, mit der Thamyris sich in dem griechischen Text bei
seinem Eintreten an die Mutter wendet: „Wo ist meine Thekia?", nicht
motiviert und sonderbar fiir einen, der glaubt, er sei von der Mutter
gerufen, um die Tochter nun aus ihren Händen zur Gattin zu empfangen,
eine Voraussetzung, die freilich an sich wunderlich genug ist, da einer,
der sich den Ersten der Stadt nennt (c. n), ein Mädchen doch nicht
so vom Fleck weg als seine Gattin in sein Haus führt. Unser lateini-
scher Text lallt ]jun nach aUem, was wir mitgeteilt haben, das ursprüng-
liche Motiv klar und deutlich erkennen. Tliekla bat das Haus ihres
Gatten verlassen. Er vermutet sie bei ihrer Mutter, und da er sie bei
seinem Eintreten nicht gewahrt, so fragt er: „Wo ist Thekia?"
Unklar ist in der griechischen Bearbeitung, wie Thekia es fertig
bringt, die Predigt, die Paulus in dem Hause der Onesiphorus hält, zu
hören, ohne in das Haus selbst hinein zu gehen. In den Handschriften
herrscht die ailergrö&te Verwirrung (Lipsius 240,8):
in\ TTjc eupiöoc ToO okou Ka9ec9€Tca fiKouev A
^ni Tic QOpac toö oTkou xaSicaca fjKOiiEv B.
Dies sind die beiden einfachsten Lesarten; man kann dabei nur an eine
Tür in dem Hause des Onesiphorus denken. Ihnen stehen u. a. gegenüber:
I Cttrbclli WtiXi'f/^tuiMlwtmim, wäiireiid Berendl dis Substan-tivi^m als unsicher b&-
Kcichncl. Meine Überseliiiiig iit nichts als ei)i Versuch, dem ZusammcntiaiiE einicrer-
mallen t'e'c^Iit lu -werdeji. Das folgende iü,im beweist, daß irgendwie von der Stdrnng
(1<^r Ehen durch IValut' die Rede gewesen »ein niub.
Kaeec9etca Im ttjc cüvtirruc 9upi&0< fiKOUCtv E(I> C — I^KOUtv 1)
Kttöicaca dirö Tt\c cüvtf T^fc Qupiboc r|KOu«v C.
Diese Fassung setzt otTenbar voraus, daß Tliekla in dem Hause ilircr
Mutter am Fenster sitzt und von da aus auf das lauscht, was in dem
Nachbarhause gesprochen wird. Daß sie dabei unmöglich etwas hätte
verstehen können, was doch angenommen wird, ist selbstverständlich.
Nichtsdestoweniger haben sich die lateinischen Übersetzer sämtHch den
Vot^ang nach dieser zweiten Version vorgestellt.
sedois suptr ffnfstr&m audubat A
stdens ad fenestram qu&e erat iuxta domum Onesifori audUbat Bab
assedit super f€>ustram iunctain donuti On^sifori ubi Paulus docebat,
ei audicbai Ca, Die übrigen ähnlich.
Auch in unserm Texte ist der Vorgang nicht ganz klar. Auch liier
heitit es ad fcnestram, aber nicht sedii , sondern stttit-, es ist also auch
von unserem Übersetzer ^m ttic 9upl^oc. nicht ^nl ttjc 6upac in dem
griechischen Original gefunden worden. Da es aber hemacii heißt,
daß Thelda schweigend zum Himmel blickte, so muß doch in dem
griechischen Original die Sache wohl so gedacht gewesen sein, daß
Thekla an einer Tür des Nachbarhauses, nicht von einem Fenster des
Elternhauses aus lauschte. Darin aber ist unser Text wieder viel na-
türlicher, daß er Paulus nicht auch nachts predigen und Thekla drei
Tage und drei Nächte ununterbrochen darauf horchen läßt, sondern:
„Schon drei Tage hat sie nicht gegessen und getrunken," läÜt er die
Mutter sagen.
Einige wenige Spuren des ursprünglichen Textes haben sich in den
eben behandelten Teilen auch in den andern lateinischen Übersetzungen
erhahen. C. 8 ist in B und Cc zu der Frage Vbi est »h'it Ihecla T liinzu-
gesetzt td illam vidcam, in A aber /// eam osader. Das laUi sich doch
wohl nur aus dem erklären, was wir in D c. lo lesen: Dum aecessit ad
osculanditm eam. C. ri hat A statt des unpassenden 'Avbpec. tivec ^cte;
dem Sinne nach übereinstimmend mit D Quid est istud'? In C, und
ebenso in B c, fehlt der ganze Satz, nur Ba und Bb haben Viri, qui
estis? Übrigens stimmen hier auch unter den griecliischen Handschriften
zwei, F und G, mit D nicht nur dem Sinne, sondern auch der Form
nach ('Avöptc, Ti ^x^tt; = D Quid kabetis inter vosJ). C. 12 hat D
Ni'scimus qms est, wmm scimus. Ebenso B b Quis sit hie neseimiis,
unum tantiim scimus. Unum srifnus fehlt in allen übrigen lateinischen
Übersetzungen und unsere griechischen Handschriften haben nichts
i
P. C«MseB, Die L 'n— J> dtf
iMrtspfecbendes. C. n bst Di Si ^sgmaseere sä aar emmäm, fitiAc mm*
' ^a^siJ^m> r^aptäMm ^ra^c^tam tms. Id doi gneckschen Hand-
i«eliriftM, und «at^irecfceod in den tatwi B Cheii übssdnsigea. ^ der
Text stark veiandeit uod cnreitert, keiae giiecfaEScbc Haadäciinft hat
l'Ctwas 6cm uamdKm prautptam ems cntapreclieades, bb aaicsiie. G> die
diAtr und tö Mtiv toü Kuficnpoc bietet. Die Latdaer haben säjntUch
tgtun d mm sÜKttia eomstätmn oder seamJkm dtavtmm saatmi. C. 15
schilt T haj oym den PaaiDS Sedmeter megtässäme, ÜMSfhfmaiar d^orvm.
Im fTiii.iiMifTii.n sieben Iceme solches Scfadtwntte. bi den latemiscben
Ubcfsetamgcft and in einer Haadschrift der synscfaeti ÜbetseCzuag- ist
f-veitigstens impaster stehen gefaiiebca.
Bemerkenswerter aber als (£ese über den eilialteikea grie ch ischen
Text zunickfüliTeadcn Lesarten ist es, daß selbst in den griechischen
Handschiiften, so gro&e Mübe sich der Bearbeiter auch gegeben hat,
der TbeUa den Cbaiakter der Jungfrau zu vindideren and die Predigt
des Patilu dsiauf zu beschranken, dafi e- des Jonglingen und Jung,
frauen den Rat gibt sich mcht zu vcfhetiaten, cfie bestehenden Ehm
aber (ücht angreift» doch nicht alle S{>urea des ursprünghchen Sinnes
verwischt sind.
C. 14 sagen Demas und Hennogeoes ni Thamvm: ,3o wirst du
ihn verderben und du wirst dein Weib Thekia haben" (ml cü ßcic ti)v
Tuvotiui CDU 6ücXav). Nur ein Schreiber (G> hat genwrkt daJj dies im
Wideispnicfa zu der übiigen Erählung steht und 6£icXav weggelasseiL
Von den Lateinern hat A et kaieMs uxMvm tttan Tkfclütn, C <: ^/
habebis Tluclam caniugcut Autm. Die andem haben Unrat gemarkt
und dem Schaden abgeholfen. So hat Bb W fyau kü&ebis Tfudam
sponsam tuam, Q tl et tu kaheüs Tkeelam fitam. CA et tu Aaiefiis uxomn
tuam. In dem tirsprünglichen Texte hat freilich, »ie D zeigt der ganze
Satz nicht gestanden, aber der Bearbeiter hat unbew-ufit sich von dein
Geist des Originals hier leiten lassen. C 7 heißt es: „Thekia sah \'iele
Frauen und Jungfrauen zu Paulus eingehen (noX.)iiic twvqikqc koi TtopOi-
vouc). Aber la einer Handsclirift, C, fehlt xai Ttapötvouc, es bleibt un-
übersetzt in den lateinischen Versionen A, Ba. Bb (Bc hat //kmwioj)
und ebenso in den syrischen Handschriften. Man muß daher koI irap-
6ivouc für ein Einschiebsel halten. C. 15 schreit die Menge: _Er hat alle
unsere Frauen verdorben" {&it(pe£ip<v f^uiv itdcoc tcic TuvaiKOc), es wird
also vorausgesetzt, d^ Paulus auch die Ehefrauen beeinfliiHt hat Noch
« Naet *. Gebbardis V«iteE£eniti£ waUt Anm TmI; die Hm4»chiift A»^*^««.
•5- •. 1903.
P. Corssen, Die UrgeslaJt der Paulusalcten.
33
stärker würde der Ausdruck sein, wenn ndcac fehlte. Daß dies aber
erst später eingeschoben ist, zeigen die Lateiner, von denen keiner es
übersetzt hat. die einen geben midieres uaslras, die anderen dem ur-
sprünglichen Sinn vollkommen entsprechend uxores nostras.
C. 26 sagt Thekla, sie sei ans Ikonium verjagt, weil sie den Thamyris
nicht habe heiraten wollen: &iä tö (ji) ÖiXeiv jie foifiriöiivai eafiüpiiii, aber
A B haben statt dessen öia tö ^i^ StXtiv (j.e Gäfiupiv.
C, 20 verlangt die eigne Mutter, daü Thekla verbrannt werde, da-
mit es allen Frauen eine Lehre sei {ivct näcai a! imh toütou bi^axBeicai
TUVoTkcc cpoßriöiliciv). Hätte Theklas Delikt darin bestanden, daß sie
nicht heiraten wollte, so wäre doch wohl besser gesagt worden nctcai
ai irapd^voi. Das haben sich denn auch einige der lateinischen Be-
arbeiter gesagt, und so finden wir in C c omms virgines, in C a und C b
ceterae virgines.
Daß aber eine Verlobte, dafür, dafi sie das Verhältnis mit ihrem
Bräutigam lösen wiU, mit dem Tode bestraft wird, ist ein so ungeheuer-
licher Gedanke, daß auch ein Roman Schreiber schwerlich von vorn-
herein darauf verfallen würde. Diesen Eindruck aber will die griechische
Bearbeitung hervorrufen. Denn nachdem der Prokonsul den Paulus aus
dem Gefängnis hat holen lassen und verhört hat und von seinem frommen
Wirken sich sehr erbaut zeigt, ruft er die Thekla vor und fragt sie;
„Warum heiratest du nicht den Thamyris nach dem Brauche der
Ikonier?" Als die dann stumm stehen bleibt mit dem Blick auf Paulus,
kommt die Mutter mit ihrem barbarischen Verlangen aus keinem andern
Grunde, als weil Thekla sich nicht zu dem verstehen will, wozu auch
der Prokonsul sie auffordert, denn Ävo^oc und ävuM<poc schilt sie sie,
weil sie sich nicht nach dem Brauch vermählen will. -^ Wie haben die
frommen Hände hier gewirtschaftet, um jeden Anstoß für zarte Herzer
zu entfernen, und welche abscheuliche Monstrosität ist dabei heraus-
gekommen! Aber bei alledem ist doch das ursprünghche Motiv nicht
ganz zu Grunde gegangen. Nachdem Paulus auf die Anklage des
Thamyris vorlautig Ins Gefängnis geworfen war (c. 17), war Thekla
nachts aufgestanden, hatte durch Bestechung des Gefängniswärters
Einlaß zu Paulus gefunden und die Nacht zu seinen Füßen sitzend zu-
gebracht. Als das bekannt wird, läßt der Prokonsul auch Thekla holen.
In der Bearbeitung ist das eine Episode, die auf den Verlauf der Er-
ei^isse ohne Wirkung bleibt. Es bedarf aber nur des geringsten Nach-
denkens, um SU erkennen, daß in der ursprünglichen Fassung eben dies
den Grund zu der Verurteilung der Thekla bilden mußte. Denn da sie
2aiuchn[l f- ä. Deutelt, Wiii. Jatirj. IV. 1903. ^
3
selbst die Auskunft verweigert, so konnte es für alle nur eine Deutung ihres
Betragens geben; sie wird als Ehebrecherin Eum Feiiertodc verurteilt. Aber,
die Flamme verzehrt die Unschuldige nicht, ein Regengut löscht den
brennenden Holzstoü. Wie dieses Gottesurteil von der Menge auf-
genommen wird, erfahren wir nicht und können wir nicht einmal ver-
muten, denn der Überarbeiter hat nun ein großes Stück der ursprüng-
lichen Erzalilung einTach gestrichen.
Näch der ursprünglichen Fassung hat ThekU aeLbstverstandlich das
Haus ihres Gatten in der Nacht verlassen, ual nach dem Gefängnis zu
gehen. Und davon sind in den Varianten der griechischen Handschriften
und in den lateinischen Übersetzungen noch einige Spuren erhalten. In
allen griechischen Handschriften, außer einer, heißt es (c. 19), Thekla
sei von den Ihrigen und von Thamyris gesucht worden ({nrö tüjv ibliuv
Kai Öapüpiöoc). in einer aber, (E), nur von Thamyris. Die lateinischen
Handschriften haben meistens a suis, nur A hat a suis et a Thamirc,
in einigen aber steht noch deutlich zu lesen, dab sie aus Tham>Tis,
ihres Gatten, Haus entwichen war. Qz U( atilem htx oria est dici, in-
quirehattir Theda a suis, quasi fttgisset auf aliqttid mali sihi iniecisset.
ita ut Tamminis persegiifretur pfr itincra mtumqucniqui' hittyrogans de
ea. Et ecce unus ex scrvis suis notumfecü domino suo, quid noctt egissft.
Ahnlich Bb. In einer Handschrift von Cb steht sogar Ttiamirits vir
eins perseqttebaiuf iter eins, wofür es dann freilich auf der andern Seite
h^t: et ecce uniis de servts notum fecit domutis suis, quod no£iu
extsset.
Wie die falsche Übermalung schwindet und die ursprünglichen Farben
des Bildes leuclitend hervortreten! Nicht an Jungfrauen und Jünglinge
richtet sich die Predigt des Apostels, sondern an die Männer und Frauen.
Wie wäre es auch denkbar, daß griechische Mädchen, von dem öfifent-
lichen Leben in jeder Beziehung ausgesclilos&en und durch Sitte und
Herkommen an die Enge des Hauses gebunden, einem fremden Wander-
apostel jn hellen Haufen zugeströmt wären! Nein, die Frauen sind «s,
die von Paulus' Predigt ei^riffen werden, die ihren Stand als unheilig
anzusehen anfangen; in ihrem innersten Familienleben fühlen sich die
Bewohner von Ikonium bedroht und die wachsende Aufregung der Stadt
kommt zum offenen Ausbruch, als es bekannt wird, dal^ die junge Frau
eines der angesehensten und vornehmsten Bürger sich von ihrem Manne
abgeivendet hat Was für eine ganz andere Vorstellung gewinnen wir
von Paulus und seiner Predigt, als der katholische Bearbeiter uns bei-^
bringen möchte. In wie bitterem Ernst ist das Wort genommen; „Die
P. CoTssen, Die UrgestaJi der Pa.ulusaktcD.
is
da Weiber haben, daß sie seien, als hätten sie keine!" Wo bleibt die
Heiligkeit der Ehe, wenn nicht eine Jungfrau, die auf ihren Bräutigam
veraichtet, nein, eine Frau verherrlicht wird, die den Schmerz und die
Bitten ihres Mannes, die Vorhaltungen ihrer Mutter nicht achtet, die
das Haus ihres Gatten heimlich um Mittemacht verlal^t, um ihm und
der Welt zu entsagen und dem Diener Gottes, wenn es sein muß, in
den Tod zu folgen?
Wie glänzend ist die alte Ansicht, die man schon für abgetan
halten wollte, durch das Fragment von Brescia gerechtfertigt. Die
Gründe, aus denen Lipsius die Tatsache der Überarbeitung erwiesen
hatte (Apokr, Apostelgesch. II, i, S.443ff.)i sollten so schwach sein,
daß man sie getrost sich selber überlassen könne. Nun liegt es klar
am Tage, daü unsere griechischen Handschriften uns ein erbärmliches
Uterarisches Machwerk darbieten, elend In jeder Beziehung, auch wo es
sich gar nicht um dogmatische oder sittlich bedenkliche Dinge handelt.
Im Anfang der Erzählung heißt es in den griechischen Hand-
schriften (c. 2)1 ,,Und ein Mann mit Namen Onesiphorus, der da hörte,
daß Paulus in Ikonium erschienen sei (dKoOcac TOV TTaöAov napafevö-
fJCVQV etc 'Ik6viov'J ging mit seinen Kindern Simmias und Zenon und
seinem Weibe Lektra Paulus entgegen, um ihn zu empfangen, denn es
hatte ihm Titas erzählt, wie beschaffen Paulus an Gestalt sei, denn er
hatte ihn nicht cm Fleische gesehen, sondern nur im Geiste." Wie un-
geschickt ist der Erzähler hier verfahren'. Den Grund, warum Onesiphorus
den Paulus aufnehmen will, gibt er überhaupt nicht an, denn das was
auf den ersten Bück als solches erscheint, ist vielmehr die Erklärung
dafür, warum er hoffer konivte, Paulus zu erkennen, obwohl er ihn nie
gesehen hatte. Diese Tatsache aber, die voranstehen müßte, wird
nachgetragen. Einige von den Lateinern haben eine bessere Ordnung
in die Erzählung gebracht, indem sie einen Satz, der im Giiechischen
später folgt, vorausgescliickt haben, nämlich so: Onesifanis, homo iustus
. . . exivit ei obviam . . . et ciramispickbat obvios sibi, ut Paidum cogmsceret.
JVon enim in ivrpert Moverat eijm, uisi tantmn modo in spiritiv, narraverat
enhn ei Titts qnalis esset fipifa Pauli. (So C a und älinüch C b, C c.) —
Es geht dann im Griechischen folgendermaßen weiter: „Und er
(Onesiphorus) wanderte die KönigsstraOe nach Lystra liinab und er blieb
> Eine Huidsclirifl, M, hBt; dKoCicac töv HOKcEpiov TTaOAov napcrrcv^cSai ßouXö-
|ievo« £tc TÖ 'Ittiviov. Die Lateiner babcn ebcnralls verbessert: A aiidh<xl l'aulum vemtnimt
Yamium (ähnlich B c. Cd) Ca audivil Faidutn venire Jcoiüum. Da, Bb a4tdltns PatAim
/iVKium esie vmiurum (Uiiiiicli C b, C cj.
3«
I'. Corssen, Die Ufgesull der Pautusakten.
Stehen und wartete auf ihn und betrachtete die Kommenden nach den
Angaben des Titus. Er sah aber Paulus kommen . ." Dann folgt die
benihmte. im eiitSeLneii aber äo verschieden überlieferte Beschreibung
des Apostels. „Und als Paulus den Onesiphorus sah," geht es weiter,
„lächelte er und es sagte Onesiphorus: ,Sei gegrüßt, Diener des gelobten
Gottes!" und jener sagte: .Die Gnade' mit dir und deinem Hause!'"
Hier ist es völlig unerfindlich, warum Paulus lächelte. Bei den Lateinern
steht in B c statt dessen Paulus vid^Tts Honeiipkorum latiatus est valde;
in A sowie in C c und Cd ist das gan^e Motiv übergangen, in Ca und
Cb aber erscheint es in dem rechten Zusammenhang; Et cton obviassel
Onesifortts Paulo (die Verbindung zwischen diesem und dem oben ci-
tieiten Satze bildet die Beschreibung des Apostels), seamdum demon-
strata si6i srgria diligentius rum intendit. Paulus vero mteUegens etc.
(sa C a, ähnlich C b).
In D verläuft die Erzählung so (die letzt voraufgehenden drei Zeilen
sind zerstört): „(Als) der Apostel Paulus gen IconiumJ hinabstieg, ging
ihm (Onesiphorus)' entgegen mit seinem Weibe namens Lektra und
seinen zwei Söhnen,^ auf dab er ihn aufnähme in sein Haus mit großer
Freude, deswegen weil vieles sehr Wunderbare (ihm)* berichtet worden
war von seinem Schüler, nämltch Titus. Und sie gingen auf die Stratte
nach Lystra, ihn erwartend. ' Als sie ihn nun von ferne kommend
schauten, wie Titus es erzählt hatte {aimquf f'roctd vcnientcm cum
aspkerent secimdum iUud Titi narratum), klein von Gestalt, mit kahler
Platte, fröhlichem Blick und hellen Augen, von Gottes Gnade erfüllt,
bald wie ein Mensch, bald wie ein Engel ihnen erscheinend, da sagte
Onesiphorus zu Paulus: ,Freue dich, Diener des höchsten Gottes!' Wie
aber Paulus Onesiphorus grüßen sah, antwortete er lächelnd: .Gnade
sei mit dir und deinem Hause!'*'
Ich brauche die Vorzüge dieser Erzählung vor der griechischen
Form und die Verwandtschaft zwischen D und C nicht hervorzuheben.
Auffallen aber wird es, daß in dem Signalement des Paulus die krumme
Nase und die kriamraen Beine fehlen, die man immer als ganz besonders
echte Kennzeichen betrachtet hat, wofür wir hier die sonst nicht über-
1 ecoO fehlt is G, C ha( slnlt de&s«D XpiCToO.
> f| xA9\i. ToO xvplau 'hccfr UM. ^ Die HanUacli. id Yconiam.
4 Der Name fehl! in der Hindscli.
5 Die Namen erscbeinen in «ier Form Sym/a ii Zia^miii. Von griechiicIteTi Hand«
Bchriftcn. hit nur G ZVtvuuvi, ancSerc Zrivlbi, Znvovlbr], Zn^iuvi^bi und noch uiders.
b In der Han-dschrift Teil]! dm Fronomeii. 7 Ganz verderbt: El ihant in vta
Uitra frettolani mm.
lieferten hellen Augen und den fröhlichen Blick {vmUu hilarcni'* et
darisstme rcspkien(ait) haben, die zu dem Schluß der Beschreibung
ausgezeichnet passen. Möglich, daß unser Text hier verkürct und ver-
derbt ist, obwohl ich es nicht für absolut sicher halte, daß die Schilderung
des Paulus von vornherein so realistisch gefärbt war. Denn damit stimmt
die Bemerkung nicht gut, daß Paulus bald wie ein Mensch, bald wie
ein Engel erschienen sei, und diese Bemerkung ist sicher ursprünglich.
Jedenfalls zeigt die groüe Fülle von Varianten, daß man vielfach an
dem Bilde korrigiert hat, freilich meist in dem Bestreben zu verschönem.
Daß die Handschrift, aus der die Fragmente von Brescia stammen,
den ursprünglichen Text in allen Einzelheiten unverändert erhalten hatte,
ist kaum anzunehmen, und vieiletcht lassen sich an unsem Fragmenten
selbst noch sichere Spuren von Überarbeitung erkennen.
S. 132, 24 der V. Gebhardtschen Ausgabe (= c. 7 Anfang) liest man
a P<aulo> mtg^o nomine Tec!a filia <Theo>c!ie
<desponsa>ta <T>a7K;ro
Was hier in der Handschrift in Wirklichkeit gestanden hat, ist ohne er-
neute Eingeht in das Original nicht zu sagen und es ist sehr frag-
lich, ob an den zweifelhaften Stellen überhaupt noch irgend etwas mit
einiger Sicherheit zu erkennen ist. uirgo ist Konjektur des Herausgebers,
Garbelli scheint überhaupt nichts Sicheres erkannt zu haben, Berendts
glaubte inago zu sehen. Von dem ersten Wort der Zeile 25 ist nur die
letzte Silbe erhalten, und die hat Berendts sa und nicht ia gelesen; ob
die Konjektur des Herausgebers genau dem Raum entspricht, wird nicht
besonders angegeben. Man muQ sich also eines Urteils über diese
Stelle bis auf weiteres enthalten. Sollte sich die Vermutung des Heraus-
gebers bestätigen, so wäre der Beweis geliefert, daß auch dieser Text
starker Interpolation nicht entgangen ist. wie ja auch S. 133, 28 (s. oben
S. 28) gewiü spottso an Stelle eines ursprünglichen Piro getreten ist.
Indessen diesen Beweis liefert auch eine andere Stelle, die, wenn
auch nicht ganz heil überliefert, doch im wesentlichen richtig und sicher
gelesen ist. S. IJ5, Z. itjft". (c. 17) heißt es:
Omnipotens deus de celo
missus ad terram, ut nos redimeret,
ipse me niisit in hanc provinciam, ut cuan
gelizem nomcn Suum in gentibus et cre
dant in <eum et n>on amplius sub cri
cs>ubiaceant, scd salui et il
Die Hundicbrift; VHilum hülarem.
38
P. Corssen, Die Urgc&tali der Paulusaktco.
lesl permaneant Et ideo luisit deus in mun
dum iinigenitiim füium suum lesum Christum,
quem ego euangelizo, ut <in> ipso liabeat
fidudam genus humanuni, quod ipse
solus redem<it> eum per praeciosum sanguinem
suum.
Wer diese Stelle mit einiger Aufmerksamkeit liest, sieht sofort, daß
die beiden Sätze sich gegenseitig ausschließen. Ein jeder enthält ein
besonderes Evangelium, von denen das eine von dem andern völlig ver-
schieden ist. Zieht man den griechischen Text heran, so sondert sich
der spätere Zusatz alsbald aus. Das Griechische wei& nichts von dem
in dem ersten Satze enlJialtenen Evangelium, wohl aber findet sich der
Inhalt des zweiten in ihm im wesentlichen wieder, so jedoch, daß er mit
dem Vorhergehenden innerlich verbunden ist, wälirend er im Lateinischen
ganz unvermittelt ansclilieüt Im Griechischen heißt es folgender-
maß-en; Ötöc üiiiv, Geöc ^xöntrictitv, Ötöc Zt]\ujTf|C, QiüC änpocfc-eiic, XPrt^iuv
■nie Tiüv iiv9ptijnufv cwiriptac frep-i^tv jie, Snuic öttö rrjc (pSopöc kdi xric
ÄKaSapctac ÄTiocirdicu) aüioic Kai rrdciic fiÄovrjc kqI öavaTOW. öttujc liTiK^Ti
üfiapTävujciv fciö ^TtefJUJtv 6 Ötoc rov 4auroO naifea 'IricoOv Xpictöv ' 6v
t{w t{laTT£^i^o^^Q^ i^oi biödcKUJ ^v ^kciviu ^x^iv Tf]v ^XTiiba Toiic ävftpiO-
Ttouc, Bc piövoc cuv*TräericEV ^XavuJ^l^vlll ic6c)iLiJ, 'iva |ir]icETi ünö Kpiav
iJOav oi övOpüUTTOi, d\Xä mcnv Jx^^^^V KCii q)ößov 9€00 Kdi fViÖCiV CenvÄ-
TTitoc Kai dTÄntiv äÄriöeiac.
Wir sind hier an einer für die Christologle des Verfassers der Akten
sehr bezeichnenden Stelle angekommen. Christus ist Gott, nicht Gott
neben dem Vater, sondern vielmehr mit dem Vater selbst identisch; Gott
hat nicht seinen Sohn vom Himmel herabgesendet, er selbst ist in eigener
Person gekommen, die Menschheit zu erlös-en. Wie gründlich der Be-
arbeiter die Spuren dieser ursprünglichen AufTassung getilgt hat, mag
man aus dem griechischen TeMt ersehen, den ich m diesem Zwecke
vollständig ausgeschrieben habe. Aber nicht liberal! ist der Bearbeiter
mit gleicher Umsicht verfahren. Es gibt kaum eine Stelle, wo das
höchste Wesen erwähnt ist, ohne daQ eine Fülle von Varianten in den
Handschriften anzeigte, daß die ursprüngliche Lesart geändert ist.
Daraus ergibt sich, daß der Bearbeiter nicht methodisch und gründhch
voi^egangen ist, sondern eine Reihe von Anstößen stehen gelassen
hat, die man im Laufe der Zeiten mehr und mehr beseitigt hat, bis der
hannlose Text herauskam, den die modernen Dmcke sozusagen legalisiert
' So F G: 'IricoOv Xpiciöv tov uI6v aÖToß AB, bloß töv fauToO itatba C E.
P. Carssen, Die UrgesiaJt der Paulusaklen. 39
haben. Für die Überlieferung sgeschichte der heiligen Schriften über-
haupt sind die in den Texten der Theklalegende mit seltener Deutlich-
keit zu Tage tretenden Vorgange äusserst lehrreich. Unbegreifüch ist
mir, daß selbst Lipsius die seiner Auffassung so günstigen Tatsachen
nicht aufgegangen sind.
Ich werde mich hier, wo ich meinen Gegenstand nicht erschöpfend
behandeln kann und will, auf einige Beispiele beschränken. In dem
Gebet des Paulus c, 24 schreibt Lipsius mit einer Handschrift, E, TTäTep
XpiCToO. Unterstützung findet diese Lesart durch einige Lateiner PaUy
Jesu Christi C a Pater demiini nostri lesu Christi C c A ■ Damiite d^iis
pater doynini nostri lesu Christi C d. Aber C b und B a haben Pater
lesn CJp^te , B b und B c Domiitc pater lesv Christi-. DasseSbe findet
sich in zwei griechischen Handschriften TTÖTtp öfit 'ItlcoO Xpicrd F TTäitp
äfit Kiipie 'Incoü Xpicrl G. Eine andere, A, hat niiep tU, woraus der
rechtgläubige Schreiber von B gemacht hat TTditp koi vM ko! Stiov
TTveÜMC 9eÖTiic |4ia. Darauf ruft Thekla den Vater an: TTditp. ö noincac
TÖv oüpavöv Kdi T^v T'i'Vi ö toü iraiböc toö ÖTamiTDu cou 'liicoö XpicroG
TTOTiip, euAoTiXi ce Sti Jcuj^cäc fi€ Ik Ttypoc, 'tva TToöXov Rhju, So Lipsius.
Im ein2elnen haben die Handschriften viele Varianten, aber in der Sub-
stanz stimmen sie mit einander und mit einem Teil der lateinischen Texte
tiberein. Aber unter diesen hat A: Pater sancte, bencdUo te, quia scäi'am
mf fcäsiit nt Pauium vidcran. Ca: Pater, qui fecisii caelum et krram,
bittcdico te, qtna cito exaudisti nie, ut Paidum vidercm. C d Beiu-dico
te, deiis, qui ntisisti angehnii ttmm et Hherasti me ab ipte ilfecisti PauJiiin
videre. Darauf ein kurzes Dankgebet des Paulus beginnend ÖU Kapiio-
fViücra ö TTOTrip toö Kupiou ^/Jiiv 'IncoO XpiCToO. Statt dessen hat A
Qti Kap&iOTVÄKTa ndtep koi vM, wozu B wieder hinzufügt Kai irv^öfia
ÄT'OV. Von den Lateinern hat A Dt.'us praecardiescnttator lesu Christc.
C d Inspector cordinm deus,
C. 43 hat die Mehrzahl der griechischen Handschriften: Xpicr^ 'IricoG
6 ui6c ToO ötoü . . . aiiioc ei 9e6c- Aber F L Iiat oütöc ei 6 0e6c. G
aÜTÖc t! fiövoc Ötöc, M a^ioc ei 0eöc [lövoc. In A B aber fehlt 6 ulöc
ToO eeoö.
Als Thekla der Taufe teilhaftig wird, indem sie sich selbst in der
Arena in ein mit Meerungeheuern gefülltes Wasserbassin stürzt, sagt
sie beim Eintauchen nach altapostohscher Weise: „Im Namen Jesu
Christi." Diese Formel ist in der Mehrzahl der griechischen Hand-
" Die eini; Handscliri ft von A — diese Übcrsctiuniä Uc nur in iwci Hainlsehriften
ertiiJteB — schickt Deuj vorauf.
40
P. Corssen, Die Ui^cstalt der Paulusakten.
schrifteii in der Hauptsache unangetastet geblieben,' wahrend die
meisten lateinischen Texte dafür die trinitarische Taufformel angenommen
haben. Dagegen ist die Erzählung des ganzen Vorgangs in den griechi-
schen Handschriften so verworren wie möglich und in den lateinischen
Texten nicht viel besser, worauf ich hier nicht weiter eingehe, aber an
einer Stelle Uonnmen doch zwei von diesen der ursprünglichen Test-
gestalt nalier. Im Griechischen heißt es (c. 34): 'H [ii\ oOv IßaXev
^auTiiv ek tö öbwp ^v Tiü övÖMOTi 'IncoO XpicTcO*Qi bi qjüjKm nupöc
dcTpomic tptTTOG ifcoöcai vtKptii iTi^nXeucav. An dieser Wendung ist
völlig unbegreiflich, wie ohne alle Vorbereitung das Feuer, das die
Robben' tötet, wirklich recht eigentlich wie ein Blitz in die Erzählung
fährt. In Ca und Cd wird es, wie es sich gehört, als ein neues Mo-
ment eingeführt: Ei descendit Stent fuJgur 7g}iis de caelo üi aquam.i Das
sieht nun aus wie ein Wunder und ein Wunder muß man nehmen, wie
es ist, ohne 2u fragen, warum es so und nicht anders ist- Aber ein Er-
staunen wird man doch nicht unterdrucken können, warum denn die
Meerliere gerade durch Feuer getötet werden. Nun, hinter dem schein-
baren Wunder steckt etwas ganz anderes, was merkwürdigerweise selbst
Lipsius nicht beachtet hat, nämlich die alle Vorstellung von der Taufe
mit Geist und Feuer, wie sie dem ursprünglichen Taufbericht im Matthaeu'
zu Grunde liegt* und als ein ketzerischer Brauch in der pseudocypri mi-
schen Schrift De rebaptismate angeführt wird.s
Ich kehre zum Schtuß noch einmal zu den Fragmenten von Brescia
zurück, Die vollige Glcichsetzung von Gott und Christus findet sich
bereits gleich zu Anfang (c. 4) und zwar um so eindrucksvoller, weil
implicite und unbeabsichtigt. Onesiphorus grüßt den Paulus als Diener
des höchsten Gottes; Gaude , minister dei aiitssimi. Darauf fragen die
falschen Brüder, Demas und Hermogenes, entrüstet: „Sind wir denn
< Sie findet sich in dem Kapilet iweimttl, S. 960, 7 und S, 361, 1 der Lipsius'schen
Auigabe. An der ersten SteU« Lot B, an der iweil^n E i'iK Formel kusg-ekssen.
I Die haTDiloseci Kabben siod g-ewiß an die Stelle von irgend welcben sctüimiDen
Me£niiigel]«uera g«lfeteiu Von dtn LaUihCni ipiicht B von bthise , Cd von ^Hku
marinac-
3 St> CA. Ei teer aeiti fn^r 'gfäi dtiandit in Ofuua Ca.
4 S. Usenei, Religionege^cli. Untere. 1. S. 60II,
5 Cyptiani opp. ed. Hartel 10, 90 tonmtUi . . . laüler dietmtur adiignari «t ^am mex
in aquam dctifru/frunt. statim super nquarn ignii a^pareat. Ohne Zweifel wurde diese Vor-
itellung van der Taufe, daü, wenn sie echt sei, nii[ ihr eine FeucrcrscheiDang vcrbiindeo
sein müsse, auch in dem ebenda erwähnten Buche Paiül Praedicatia vorgetragen. Dton
e; hciCt dort. daC eben diese sa taufenden Häretiker ihrer (alscben Lelire wegen
ron der Taufe dieses Buch gefiLlsclit hätten.
b
■
P. Corssea, Die Urgestalt der Paulusakten. 41
nicht auch Diener Christi, warum hast du uns nicht gegrüßt?" Die
Griechen sind hier auf ihrer Hut gewesen; sie haben Xatpe^ (nrripEta
Toö eüXofTiji^vou 6to0, ' aber nachher ' H^ek ouk icjiiv toö EuXoTtlH^vou 6(oü ; '
Genauere und ausdrückliche Angaben über die Lehre des Paulus
finden sich im Anfang des ersten Kapitels. Auch hier weicht der
Brixianus von dem Griechischen vollständig ab, Ist aber leider am Schluß
des Kapitels verstümmelt, so daß das Wichtigste verloren gegangen ist.
Es heißt dort:
(Paulus) . . . docens <eos omnia> precepta domini et doctrina<jn>,
inter<prctan>do prophetarum scriptyras; quomodo ex <Maria> virgine
natus est Christus secundum Carnem et qualiter verbum quod in principio
. . , Hier bricht der Text ab. Es ist sehr wahrscheinlich, daß auf diese
Stelle das Citat des Origenes {De princip. I, 2, 3) aus den Akten des
Paulus Hie est verbum ainmal vtvens zurückgeht. Auf Grund eben
dieser Stelle wird man dann auch c. 40 die Lesart von A B töptv TTaOXov
TÖv XÖTOV KTipüccovTH Statt der von Lipsius befolgten XaXoövTß töv
X6yov toö öe&ö vorziehen müssen.
Es ist eine verbreitete, von Ritschl begründete Ansicht, der Ver-
fasser der Thcklalegende habe dem Paulus in seinen beiden Begleitern,
Demas und Hermogenes, Vertreter der Gnosis gegenüberstellen wollen.
„Energischer konnte man mit dem Gegensatz nicht einsetzen als unser
Verfasser getan hat," sagt Hamack (Chronologie S. joi), „indem er
die Figuren des Demas und Hermogenes an den Anfang gestellt hat
und an ihnen präskribiert, was als die Teufelsklauen der Häresie galt,
die Leugnung der Auferstehung und der sittliche Libertinismus." Wo-
durch der sittliche Libertiiüsmus der beiden angedeutet ist, vermag ich
nicht recht zu sehen; daß aber die ganze Ansicht fabch ist, braucht
nicht mehr bewiesen zu werden, da es nun handgreiflich vor Augen
liegt, daß der Verfasser der Paulusakten selbst von Anschauungen, die
man als gnostisch zu beEeichnen pflegt, durchaus beherrscht ist. Der
einzige Satz aber, der den Anschein erwecken könnte, als habe der
katholische Bearbeiter die beiden als Gnostiker charakterisieren wollen,
obwohl ich nicht glaube, daß das in Wirklichkeit seine Absicht war,
die Bemerkung nämlich (c. 14): „Wir werden dich lehren, daß die Auf-
erstehung, die, wie Paulus sagt, stattfinden wird, bereits stattgefunden hat
in den Kindern, die wir haben" — diese Bemerk-ung fehlt in dem Brixianus,
wie sie auch in der syrischen Übersetzung fehlt. In dem Original ist
* U<M:h fcUl AeoO in G. während C XpiCToO haL * 9eoÖ fehlt m C E G.
42
P. Corssen, Die UrgesUlt der Paulusakten.
sie ganz unmöglich, denn Thamyris, an den die Bemerkung gerichtet ist.
interessiert sich, wie wir gesehen haben, für die Lehre des Paulus nicht
im mindestenj sondern fragt nur nach seinen Zaubersprüchen. Die beiden
Fig^iiren sind durchaus nicht aus dogmatischen Gründen eing^efiibit,
sondern der Erzähler braucht sie für die Zwecke seiner Erzählung. Oiine
ihren Verrat Würde Thamyris keine Handhabe gehabt haben, gegen
Paulus vorzugehen. Falsche Brüder {fratrcs ambigiii''^ werden sie im
Original genannt — der katholische Bearbeiter hat die BezeicJinung
fallen lassen — wie die yitufHÜbeXtpoi im Galaterbriefe.
Soweit sich aber der Charakter der Paulusakten mit Hilfe der Frag-
mente von Brescia erschließen läßt, müsser wir urteilen, daß ihr Ver-
fasser überhaupt keine dogmatischen Bestrebungen hatte. Seine Tendenz
ist lediglich auf erbauliche Unterhaltung gerichtet. Wo der Gang der
Erzählung ihn auf Dinge bringt, die Gegenstand der Lehre oder der
Praxis sind, spricht er sie als selbstverständlich aus, ohne polemische
Nebenabsichten. Man kann mit keinem größeren Recht behaupten,
daß er im Gegensatz zu dem Katholicismus treten wolle, als man ihm
antignostigche Tendenzen beig'elegt hat. Daher ist auch das Urteil von
Lipsius über da? Verhältnis der Alcten zu den Titnotbeusbriefen ganz
verfehlt, als wenn ein gtiostischer Schriftsteller dem Paulus der Pastoral-
briefe einen Paulus nach dem Geachmackc seiner Gesinnungsgenossen'
habe gegenüberstellen wollen. Das Verhältnis ist gerade umgekehrt
(Apokr. Apostelgesch. II, 463). So viel Tendenz in den Timotheusbriefen
steckt, so wenig haben davon die Paulusakten, und jene Tendenz ist
zum guten Teil gegen Anschauungen gerichtet, in denen diese wurselu.
Von den großen gnostischcn Schulhäuptem hat der Verfasser der Paulus-
akten diese Anschauungen nicht, aber die haben sie auch nicht er-
funden.
Die Paulusakten sind alt, sehr alt; wie alt, das auch nur annähernd
ausmachen zu wollen, scheint mir zur Zeit ebenso vermessen, wie müLig.
Wenn aber Harnack sagt, sie hätten vor den Antoninen nicht geschrieben
werden können, so ist alles, was er zum Beweise dafür anführt, grund-
falsch. Wie kann man nur sagen, daß dem Verfasser Exek-utionen der
Christen durch Feuer und Tiere etwas ganz Geläufiges gewesen sein
müßten, daß er kein Bedenken trage, Thekia sofort verbrennen zu
lassen, bloß weil sie dem Paulus folgen wolle, und dafi alle einschlagen-
den Züge bereits einen konventionellen Charakter trügen! (Chronol.
* Bciendt l)i$ am.u^ui, wOraos v. Oebburdt das RiclitiEe hngcstellt bat.
S. 500). Auch in der katliolischen Bearbeitung wird kein Christ von
einem heidnischen Beamten als Christ bestraft. Der Prokonsul läßt den
Paulus auspeitschen und aus der Stadt jagen, die Thekla aber verurteilt
er zum Feuertode. Schon daraus allein geht hervor, daü das Christen-
tum dab^i nicht im Spiele ist. Das wirkliche Motiv ihrer Venarteilung
ist oben enthüllt worden. Später aber, in Antiochia, wird Thekla zum
Kampf mit wilden Tieren verurteilt, weil sie sich an dem vomelimen
Alexander vergreift, der in der Meinung, daß sie eine Sklavin des Paulus
sei, ihr Gewalt antun will. Als sie hinterher, von den Tieren verschont,
sich als Bekennerin des einen Gottes erklärt, wird sie von dem Prokonsul
entlassen.
Einer der lateinischen Bearbeiter, der die Dinge sich nach seinem
Sinne zurecht gelegt hat, der Verfasser eines Auszugs, in welchem nach
V. Gebhardt die Theklalegende am meisten gelesen wurde, erzählt ganz
anders. Da sagt die Mutter von ihrer Tochter vor dem Richter: „Sie
ist eine Christin, sie will ihren Bräutigam nicht heiraten" (S, 150}. In
Antiochia bringt Alexander Thekla vor den Richter, weil er gemerkt
hat, daß sie eine Christin ist, und als sie auf die Frage des Prokonsuls
mit fröhlicher Stimme dies bejaht hat, verurteilt dieser sie dafür zu den
Tieren (S. I5'f-) So, meine ich, würde der Verfasser der Paulusakten
geschrieben haben, wenn ihm Exekutionen der Christen als Christen
etwas ganz Geläufiges gewesen wären. An der Verschiedenheit der
beiden Darstellungen kann man die Verschiedenheit des Standpunktes
messen.
Nur einmal ist, wie es scheint, auch in den ursprünglichen Paulus-
akten, die Eigenschaft als Christ als ein strafrechtücli belastendes Mo*
ment hingestellt worden, aber die Sache ist nicht ganz klar. Nach der
katholischen Bearbeitung sagen Demas und Hermogenes zu Tham,yris,
er werde Paulus verderben, wenn er dem Prokonsul Castelius sage, daQ
Paulus die Leute zu der neuen Lehre der Christen überrede (c. 14).
Aber in dem Kodex Brixianus steht davon nichts, sondern da heißt es:
„Wenn du seine Sprüche kennen lernen willst, so führe ihn zu dem
Präsidenten nach dessen Vorschrift" Als sie dann Paulus vor den
Präsidenten geführt haben, setzen Demas und Hermogenes auch nach
dem Brixianus in Übereinstimmung mit den griechischen Handschriften
dem Thamyris zu, er solle sagen,, daß Paulus ein Christ sei. Aber die
Stelle ist leider so verderbt, daß die Einzelheiten völlig unsicher bleiben.
Dimas et Hermogenes tffs ut dJceret quod Christianus <esset,
ut> perdere^ eum.
44
P. CorsscD, die Urgeslalt der PauliKakien.
Nach dem Griechischen bleibt aber diese Bemerkui^ ohne alle
Folgen. In dem Brixianus heUlt es, wieder in Übereinstimmung mit
dem Griechischen, weiter:
I^cses vero vocavifc <Paul>um ad se et mterrogavit eum
dann fehlen drei Zeilen.
Aber wir müssen noch einmal zu den Vorgängen in Antiochia zu-
rückkehren, wenn wir ihre Motive ganz klar erkennen wollen (c. 28).
Am Tage vor dem Kampfe, zu dem Thekia verurteilt ist, findet ein
feierlicher Aufzug der Tiere mit der Verurteilten statt. Von dieser
Ttoiimi haben, nebenbei gesagt, die griechischen Schreiber des lO. Jahr-
hunderts durchaus keine Vorstellung mehr. Sie lassen die Thekia auf
eine wilde Löwin binden, die ihr die Füße leckt, während sie oben
darauf sitzt. Als wenn man bei einer solchen Gelegenheit die wilden
Tiere in Freiheit dressiert vorgeführt hätte! denn so ist es gedacht, da.
es heißt, Tryphaena, Theklas. Gönnerin, sei hinterhergegangen. Das
haben die I-ateiner besser überliefert, nach denen Thekia auf den Löwen-
käüg gesetzt wurde, und die Löwin durch das Gitter des KaEiga die
herabhangenden FÜÜe der Thekia leckte. Dabei war ihr Verbrechen
durch die Aufschrift ..Tempcbchänderin'* angegeben (^ bi ctiria Tflc ^m-
Tpacpfic aünic ■^v UpöcuXoc, die Lateineri Causa autem eius eio^ Sacri-
U-ga legcbaiur oder Erat vero elogium eins suptrscriptum Sacräega und
anders). Die Bezeichnung 'kpöcuXoc zielt nicht auf die Christin, denn
es ist gar nicht bekannt geworden, weder daß Paulus noch daß Thekia
Christen sind. Über den Grund ihres Verbrechens wird aber auch gar
kein Zweifel gelassen. Alexander führt sie vor den Prokonsul, weil sie
ihm den Mantel zerfetzt und den Kranz vom Kopf gerissen hat. Als
sie dies eingestanden hat, wird sie dafür zum Tierkampf verurteilt.
Wenn sie dann als iepöcuXoc bezeichnet wird, so folgt daraus, daß
Alexander priesterlichen Charakter gehabt hat Dies ist aber auch da-
durch angedeutet, daß Alexander ja einen Kranz trägt Es wäre aber
immerhin merkwürdig, wenn seine Priesterwürde nur so ganz nebenbei
und im Grunde zufällig kenntlich gemacht wäre. Nun wird Alexander
in den griechischen Handschriften (c. z6) mit Ausnahme einer als Tüpoc
TIC bezeichnet und bei den Lateinern entsprechend in B und Cb Syrus
qmdatn, in A Syrtis^ während in Ca^ Cc und C d eine Ortsbestimmung
fehlt Aber die eine griechische Handschrift, C, nennt ihn Zupiäpxric Tic,
und dies hat Lipsius mit Fug und Recht in den Text gesetzt Zahn
{Gesch. des Kanons 11, 908 Anm.) findet es unbegreiflich, daß LipSius
diese nur durch eine einzige, noch dazu schlechte Handschrift bezeugte
P. Corsscn, Die Urg^cstalt der Paulusaktea.
45
Lesart hat recipieren mögen. Es ist das der Standpunkt jener äußer-
lichen Textkritik, an der leider die Philologen niclit unschuldig sind, die
aber, nachdem sie grade an den heiligen Texten so häutig Schiffbruch
gelitten hat, mehr und mehr aufgegeben ist. Daß diese Lesart alt ist.
selbst wenn sie in einer jungen Handschrift steht — der Paris, gr. 1468,
das ist die Handschrift, ist übrigens eine der älteren, s. XI — t>edarf
keines Beweises, sie macht aber mit einem Schhge alles klar, was sonst
im Djnkel liegt. Zahn nimmt auch an dem unbestimmten Pronomen
in dieser Verbindung Anstoß, das wäre, wie wenn jemand sagte: „Ein
gewisser Bürgermeister namens Alexander." Da er auf Lightfoots Ab-
handlung über die Asiarchen verweist, so ist mir nicht klar, wie er auf
den Bürgermeister verfallen ist Wenn das eine Erldäning des Ausdrucks
lupiäpxnc sein soll, so hat sie unbestreitbar den Vorzug der Neuheit,
allerdings nicht den der Richtigkeit Aber aus Act 19, 31 wu&te Zahn
doch, daß es z. B. in Ephesus mehrere Asiarchen gab; daher hat es
doch wohl kein Bedenken, in dem syrischen Antiochia eine Mehrheit
der enbprechenden Beamten anzunehmen. Daß die Asiarchen priesterliche
Beamte waren, Ist außer Zweifel; wird doch auf ephesinischen Inschriften
derselbe Mann einmal als äci&px^^ ^■'* andermal als dpxiepEÜc vaüiv TÜiv
t\ 'Etpeciu beteichnet fs. Brandts, Asiarches, in Pauly-Wissowas Real-Ency-
klop. 1574, 16), wie denn auch in mehreren Fallen, wo ein Asiarch einer be-
stimmten Stadt genannt wird, dieser gewiß mit Bezug auf das. Amt des
Asiarchen der Ehrentitel vtuiKÖpoc, „den Tempel hütend" beigefügt ist
(vgl. Mommsen.R. G.V, 319. Anm, r),' Die Asiarchen aber waren die Spiel-
geber, denn die Agonothesie ist, wie Mommsen S. 320 Anm. sagt, das
Wesen des Asiarchats. Entspricht nun die Würde des Syriarchen der des
Asiarchen. so ist es ohne weiteres klar, wie es kommt, daß gerade
Alexander es ist. der das Spiel gibt, in welchem Thekla auftritt (c, 30
aÜTÖc Top [d. i. 'AXiJavbpoc] ^&iöou tö Kuvrnr'«)-
Freilich darf ich nicht verschweigen, daU. während die Asiarchen
auf Inschriften häufig erwähnt werden, für die Syriarchen nach Beurlier,
Lc Koinon de Syrie (in Revue Numismatique, XII, 1894, S. sSöff.), kein
einziges Beispiel bekannt ist, während sie in den Rechtsquellen unter
den Provinzialpriestertümern genannt werden (S- 292). Das wird wohl
mit der Seltenheit syrischer Inschriften überhaupt zusammenhängen. Be-
denklicher dagegen ist auf den ersten Blick, daß nach der Chronik des
> Bo TToUfujv dcidpxiic TTeptomiiviDv viuiicdpujv und AöpViXioc diadpxnc KuEiktivi&v
vcunciipuiv [f. BruidU 4. a. O. IJ65, 4.9 und 15&6, t).
46
F. Corssen, Die Urgestilt der Paiilusakten.
Malalas, der in diesem Falle atis guten Quellen schöpft, das Syriarchat
überhaupt erst unter Commodus eingerichtet zu sein scheint.
Nach Malalas wurden seit Augustus in Antigchia jedes fiinfte Jahr
Spiele gefeiert, die unter Comnaodus neu organisiert wurden. Hierbei
bemerkt Malalas: Kai tv9{ujc tot« wvondcöri Ivfuäpxic TtpwTOC 'ApTaßövioc
no^iTtuofAevot 7ipoßX)i9tic dito Tiiv xrriTÖpuiv xal toö biifiou na-viöc
(Beiirlier S. 296). Wären damals die Spiele in. Antiochia überhaupt erst
eingtrichtet worden, so würde diese Notiz, eine Datierung des Syriarchats
enthalten. Da sie aber schon früher gefeiert und zweifellos von Be-
amten geleitet wurden, die den Asiarchen entsprachen, so kann sich das
TTpüitoc mir auf die neue Ordnung beliehen und es ist nicht nur mög-
lich, sondern wahrscheinlich, ich mochte sagen gewiß, dall die Leiter
der früheren Spiele ebenfalls Syriarchen genannt wurden. Wenn das
nicht der Fall war, so war es doch das natürlichste von der Welt daß
ein mit den asiatischen Verhältnissen vertrauter Schriftsteller auf die
Spielleiter in Syrien den ihm vertrauten Titel in entsprechender Um-
formung übertrug.
Daß Antiochia in Pisidien und nicht Antiochia in Syrien zu ver-
stehen sei, ist eine ganzlich unbegründete Behauptung, die Zahn zu der
gewaltsamen Änderung von iiid(pvriv in A^pPnv geführt hat. 'Ev öfeüj ^v
fi duö 'IkovEou etc Adtpvnv iroptüovTOt (c. 23) ist allerdings ein merkwürdiger
Ausdruck, aber diese Wunderlichkeit hängt damit zusammen, daß, wie
bereits Lipsius mit schlagenden Gründen nachgewiesen hat, nach c. 22
eine große Lücke ist, auf die wir bereits oben zu sprechen gekommen
sind, die jeder aufmerksame Leser empfinden wird. Man braucht dem
Verfasser der Akten daher auch gar keine geographische Unkenntnis
vor2uwerfen , weil sich schlechterdings nicht sagen Läßt, wie die ur-
sprüngliche Erzählung gelautet hat.
Wir müssen sclilieliüch noch die Frage aufwerfen, ob der Brixianus
nur die Theklalegendc oder aber die vollständigen Akten entlueEt. Für
das letztere sprechen die Fragmente selbst. Denn sie beginnen nicht,
wie die übrigen Texte, mit der Ankunft des Apostels in Ikonium, sondern
es ging etwas vorauf, wovon nqch g Zeilen erhalten sind, freilich in
einem solchen Zustande, daü wenig damit angufangen ist. Aber es ist
doch ganz unwahrscheinlich, daß, wie v. Gebhardt vermutet, das der
Rest einer Einleitung sei, die von dem Übersetzer frei komponiert wäre.
Schon rein aulierlich spricht nichts dafür, da der erste Satz der Passio
ohne irgend welche Unterbrechung unmittelbar an das Vorhergehende
anschließt. Die Frage ist, ob schon die Paulusakten als Ganzes eine
katholische Bearbeitung erfahren hatten, aus denen dann die Fassio
S, Theclae herausgehoben wurde, oder aber ob die Bearbeitung sich
auf diese beschränicte. Vielleicht wird die Frage durch das hoffentlich
bald erfolgende Erscheinen der koptischer Übersetzung in Lipsius Sinne
entschieden, der eine doppelte Foren der Akten annahm. Jedenfalls ist
dte Schrift, die TertuUian verdammte, keine andere als die ursprüngliche
Grundschrift gewesen. Wie starke Gründe man hatte, sie zu unter-
driicken. nachdem die Gegensätze sich scharf geschieden hatten und die
GrundsteEne einer allgemeinen, allein herrschenden Kirche gelegt waren,
zeigen uns die Fragmente von Brescia.
Wir aber, die wir das Wachsen und Werden dieser Kirche aus der
unendlichen Vielgestaltigkeit des ursprünglichen christlichen Lebens zu
begreifen wünschen und das Verständnis dieses Lebens uns zu er-
schließen ringen, wir können für den kostbaren Fund, so klein er ist,
nicht dankbar genug sein. Denn wenn mich nicht alles trugt, so sind
es gro&e Perspektiven, die er eröffnet. Die moderne Theologie wird in
Bezug auf den Faulintsmus in mehr als einer Beziehung umzulernen
haben und mehr als einen Schritt zurücktun müßen. Nicht die After-
theologie, die mit eioer Gelehrsamkeit und einem Scharfsinn, die zur
Bewunderung zwingen, Band auf Bände häuft, um die Geschichte des
Kanons und der Kirche zu verdunkeln — die ist nicht zu beiehren und
wird sich auch über die Tatsachen, die sich hier auftun, hinwegzusetzen
wissen. Wohl aber die ehrliche Forschung, die in dem berechtigten Be-
streben sich von den Übertreibungen der großen Tübinger Epoche zu
befreien einen Teil der schon gewonnenen Erkenntnis aufgegeben hat.
[Ab|(ichlai(ea ud 19, Juuur iijaj.]
48
E. Schwanz, Zu Eusebius Kirche nguchichte.
Zu Eusebius Kirchengeschichte.
Von £. Scbwartz in Gottliigen.
I.
Das Martyrium Jakobus des Gerechten-
Über das Martyrium Jatobus des Gerechten, des Hcrrcnbruders,
gibt es zwei Berichte, die Erzählung bei Joseplius [AI 20, ipgflT.], aus-
g-czeichnet durch die berühmte Stelle TÖv dtöeXcpöv 'IricoO toö XEfOn^vou
XpicroG, "läKuufoc 5vom« aOiu), und die christliche Tradition, die in
reinster Form vorliegt in dem Bruchstück der Hypotyposen des Clemens
bei Eus Kg 2, r*. Nach jener benutzte der Hohepriester Ananos der
Jüngere die Zeit als nach dem Tode des römischen Prokurators Fcstus
dessen Nachfolger Albinus noch nicht eingetroffen war, um das Todes-
urteil, das ein Synhedrion unter seinem Vorsitz gegen Jakobus und einige
andere als Übertreter des Gesetzes gefallt hatte, sofort in jüdischer
Weise durch Steinigung vollziehen zu lassen, statt wie es bei Kapital-
sachen erforderlich war, die schllel^liche Entscheidung' und die Voll-
streckung des Urteils der romischen Beliordc anheimzustellen. Nach
der christlichen Tradition kommt Jakobus in völlig rechtswidriger Weise
ums Leben; er wird von dem Giebel des Tempels hinabgeworfen und
dann von einem Walker mit dem Holz erschlagen. Eine weitere wichtige
Differenz von Josephiis ist die, daß Jakobus allein umgebracht wird.
Beide Versionen schließen sich aus. Trotzdem sind sie kombiniert
in, der Darstellung, die EuSeb in der Kg [2. 23] aus Hegfisipps 'YttO)avti-
^Grra wörtlich ausgezogen zu haben behauptet. Der direkte historische
Wert dieser Darstellung ist durch eine solche Zusamraenklttterung zur
Genüge bestimmt; dagegen ist es keine gleichgiltige Frage, ob Hegesipp
selbst für diese konciliatorische Kritik, welche eine kirchliche Über-
lieferung zerstört um sie der Autorität des Josephus zu accommodieren,
in vollem Umfange verantwortlich zk machen ist. Das Problem kann
1. a. »90J
i
E. Schwaxtz, Z\i Eusebius Kircheagesctüchtc.
49
nicht durch allgemeine Ratsonne rnents, sondern nur durch philologische
Analyse des Testes gelöst werden; freilich ist diese nur möglich, wenn
die Voraussetzung gerechtfertigt ist, daß der Text den wir jetzt in der
Kg lesen, im wesentlichen derselbe ist wie der, welchen Euseb aus
Hegcsipp abschreiben ließ. Das trifft zu; die Überheferung der Kg
ruht auf dem Fundament von sC'chs bis sieben alten Handschriften,' xu
denen die Übersetzungen Riifins und des Syrers accessorisch hinzu-
treten, so fest und sicher, da^, wenn ein Text als verdorben und
unverständlich sich herausstellt, mit Bestimmtheit geschlossen werden
kann, daß die Verderbnis schon von Euseb vorgefunden ist Zur Gegen-
probe dient, daß in den von Euseb selbst verfaßten Partien textkritisch
bedenkliche Stellen außerordentlich selten vorkommen.
Das Excerpt Eusebs aus Hegesipp, dessen Zusammenhang wir nicht
kennen,' beginnt damit daß Jakobus Person geschildert wird, und zwar
in der Form einer Motivierung des Beinamens 'des Gerechten'"
[Kg 2, 23. *■ 5] öiaöextTOi -rfiv ^KKXnciav (jctö tüiv ÄnocTÖXujyJ 6
iä6eX<päc toü Kupiou 'IdKUjßoc, 6 övoM.ac9eic ünö nävTtuv binaioc dnö TÜJv
TOÜ Kupiou xpövujv fiexpi itai iintiv, inti noXXol 'IciKUjßDi ixa^oOvTO, oötoc
b^* Ik xoiXiac MHTpäc aÜToG äyioc i^v, o?vov kqi dxepa oOk ^mev oibi
2m|Puxov ftparev, Eupöv ^iri rfjv )ct(paA,r^v aÜTOÖ oÖK dv^ßii, iXaiov oiiK
fiXetij;aTO, xai paXavtiiff oük ^xP^^^oto.
Bis hierliin läuft die Rede glatt fort; daß den alttestamentlichen
Erfordernissen eines Tt3 das Vegetariertum zugesellt wird, bietet keinen
Anstoß. Was folgt, ist Unsinn; tOut^j möviij t£flv tlt rä cit»a ekievör
oübi TÖp ^peouv ^(p6pEii dXXä civb6vac. Das Linnenkleiil war ein
Vorrecht der Priester [Joseph. AJ 20, 216], das nicht dazu verdreht
werden kann, daß der Verzicht auf wollene Kleidung ein Priesterprivileg
' läh g^bIancbe die Sigkn meiner Aufgabe , tlereii erste Hälfte eben er-
schienen Ist.
' Lawlor [Hermatliena 1 1, lo ff.] liiit mit Kecbt betont, daß Hegesipps Tnopvi^^aTa
kein hLtlorischcs Werk waren; es kann ihm aucb lugcsttuideii werden, da& die eusebi-
:iiii5clien Excerpte gröfiteateils ans dem J. Buche genoinraea sind: aber sein Veisuch.
eine uTsprunglicbc Kcilieafolge lu eruieren, ist sq wenig geglückt, ^vie dei ZbLils
[FoTscIiungen 6j. Hier ^!t öic <iri n^snenJi. um die wicbli^cre Aufgabe nicht zu hemmen,
die datriti bestellt die Worte Hegeitfipfi- wirkli-ch in verstehen.
i Ad dem Ausdrucli stielt maa sich, weil er die landläufige Meinuiig, dafi Ja^liobus
der erste Bischof von Jenisfdero gewesen tei, nicht klar genug ausmUrürken schien.
Daher üb-eiselit Lvatt litn ^sffhiy Hieionymus [De uir. Ul, a] /urf apailobf. In aaderei
Weise ha.ite sich Qemeiig geholfen [Eus Kg z, i)].
« Dei Gegeflsdli iwisdhen noXAoi und oÜTOC hi ist Schur und deutlich; aJ&q darf
vor oCtoc nicht schwer inlcrpungicri werden.
Zelticbrid IL il. neuteiu WLii, JihrE- IV. i^j, t
verschallt hätte. Epijihanius hat sicherlich ebenso viel Anspruch als
Hegesipp darauf zu den 'Einfältigen' gezählt zu werden: selbst ihm ist
dieser Kausalnexus zu sonderbar erschienea, und er sieht in den Worten
oiibi ^pcoOv 4(popci, 6X\ä civbövac; einen Beweis der Askese, reiht sie
also der vorhergehenden Beschreibung von Jakobus Nasiräat an.' Femer
ist die Gleichstellung des Jakobus mit den jüdischen Priestern nur unklar
angedeutet; man verlangt mindestens zu fjoviu einen Zusatz wie TÜüv
Tfic UpivcOvriC OÜK tiEitu^^Viuv oder dergl. Es nützt auch nichts, wenn
man statt des von allen Handschriften und dem Synkellos Giorgios
[p. 6389] gebotenen elc lä äfia die sehr alte Korrektur €ic tä ÜTia Tfiv
ä-fiujv aufnimmt, die nicht nur von ZA, sondern auch von Hieronymus,
Epiphanius [29,4 p. iigl". 78, 15 p. 1045''] und dem Kreter Andreas
[Leben des heiligen Jakobus in den von Papadopulos-Kerameus heraus-
gegebenen "AviXEKTa 'l£poco\u|jiTiKf|c cTöxuoXoTiac i, ro"] vorgefunden
sein muß; ja in diesem Falle sind erst recht Zusätze nötig um Mi-Ü
Verständnisse auszuschließen, wie die stark divergierenden antiken Para-
phrasen besser als jedes Raisonnement zeigen. Andreas itms-chrelbt
TOUTtfj fiövui iif]V elc lä äfia tuEiv ä-jivjv biö navTÖc eiciropeüeceai-
ovbi. y&p äjtal, Kaöüntp ol tüj vö|iuj icai xq ckiö tüjv Inoupavtutv
XaTp€Liovi£c Umgekehrt ist für Epiphanius Jakobus wirklicher Hohe-
priester [2g, 4 p. 1 19I5. vgl, 78, 13 p, 1045*^] Iti bk not UpoTeöcavTcc qütöv
KqTct Tiiv iraXaiäv tepwcüvriv eCJpoMev, b\ B Kai 4<pieio aürii' airctf toö
iviauToü de Td öfiQ tülv dyiujv tiaivai, lüc xoTc dpxitpeüciv iniiXtuctv
ö v6(ioc xaTÖ TÖ TeTpaMMevov." Vollends unmöglich wird das Sätzchen
■ PuiAx. }8, 13 p. 1045c [ebenso 14 p. 1046''] iift' oti KCqxüLfic cfbripoc oAk ävt^Xecv,
^vebfrcoTo, 5c Tpißuivtui ^k^xpI^o JliviJi (lovwTdxy].
■ Daraus leitet Epiphinius ab, dafi Jeikotws diis iiitaXav kia der Stirn geungen
hätte [29.4 p- tig''- 78, I4 p. 10465«]; er kannle Jies Zckhcn der iiohenpTicBterlirhcn
Wörde BUS dem AT. Aa£«[dem fügt er aus eigener Erfirdnng noch iv: oAtoc cav--
bd\lQV al>x OTietiVfo [7i, 14 p. 1046''], Infolge einer wuniiciUchen Konfouva seUt
er füi den Kcchabitcn [Kg 1,231;] Simon Kl-opas Sohn, Jakobus Nachfolger, ein
[78, 14 p. 104613]; die Geschichte die er 785 14 j). 104$» enählt, Ut -»uS dena Jakobiis-
brief [s '7. i*] lierBusgesponneo. Er geniert sieb nicht, einen dieser ZusätEC aus-
drüeklicli [29,4 p. iig''] aul Euseb «nd C]emeBK, d. h. auf die Kg, in der er Clemens
citierL fand [z, 3j '•>], luriickEuruiircn, bat also a.u&cr der Kg nichts gehabt; nenn er sie
auü Hegesipp ergimct hntle, würde er sein Licht nicht untei den Scheffel gestellt haben.
Üeacbteaswert qher tsl, da£ er Clemens, nicht Hegesipp nennt i Z, tüüt Kg 3,33,3 6
'Hfi'icniTrot auj und überaelit die Worte 2, 23 '■?, als ob dastände ToftTo bid ttWtouc
KX»\ji1C, aiVt(»M bi TÖÜTOtC Kai &'Hf^tnrito<:. I fdlf aho das E»ceipt als ein Ektfeipt
aus Clemens auf, und Cpiphanios wird den gleichen fehler begajigen hi.l>en. Das Miß-
verständnis ist veranlagt durch eine alle Coituptel bei Ettsei>, an der herumkonjieiert
E. Schwanz, Zu Eusebius Kirchengesclikhie.
5T
über Jakobus priesterüches oder hohenpriestcrliches Privileg durch die
Fortsetzung:
[Kg 2. 23'] KOI ^i6voc ctcinpxeTO ek töv vaöv riüpEcKetö te Kei'pcvoc
tnl TOic f^vnciv kqi alro^^evoc bnip toO Xaoü äqiECiv. luc QTi£cxXr)K4vai
TÖ T^vaTO auToü ftiKrjv Ka^^|i^ou.
Nimmt mar an — und der Sprachgebrauch der kanonischen Evan-
gelien berechtigt dazu — da& mit 6 vo6c der gesamte Tempelbezirk,
nicht nur das den Nichtpriestern uniugängliche Tempelliaus bezeichnet
ist, 50 kommt der Sinn heraus, daß Jakobus die Heiligkeit so weit trieb,
allein und persönlich für die Versöhnung des jüdischen Volkes mit Gott
zu beten. Hier geht also fjövoc ciciipXETO dz xöv vaöv auf eine Extra-
leistung, unmittelbar vorher fjövu) eki^vai auf ein Extrarecht: das ej^ibt
eine Inkoncinnität des Ausdruckes, die Hegesipp nur dann allenfalls zu-
getraut werden konnte, wenn sonst gar kein AnstoÜ vorläge. Nachdem
sich herausgestellt hat, daß das Kolon |iöviij ticUvai schon an und für
sich spraciilich inkorrekt ist — ich schweige mit Absicht von den
schweren sachlichen Bedenken — ^, bleibt kein Ausweg übrig als es fur
eine alte Interpolation zu halten, welche motivieren sollte, wie der
christliche Bischof dazu kam, den jüdischen Tempel zu betreten. Damit
ergibt sich 2ugleich, daß de tö äfia die richtige Lesart Ist; Jakobus
zum Hohenpriester zu machen ist eine Steigerung der Interpolation in
gleicher Richtung. Wenn das Kolon TOÜTui-titievcn aus HegesJpps Text
ausgeschieden wird, schließt oibi [top] ^pcoöv lipöpei, äWa civ66vac
scharf an die Beschreibung der Askese an: Epiplianius, der von der
Möncherei etwas verstand, hat mit seiner zu rechtschieben den Paraphrase
des eusebianischen Excerpts instinktiv das Richtige getroffen.
Auf den oben abgedruckten Satz über Jakobus Fürbitten für das
'Volk' folgt eine müssige Wiederholung;
&iä TÖ id xd|iTTTav iiti fövv npocKuvoOvTci tl|j 6eilj* kcli ctiT£lc6ai
wurde- ÜberliefeTt ist toötö Sid iridtowc cuvifjU yt u\i KX^^cvT^ «d b 'H-p^ciiritoc.
fiE TÜJ steht in TER, ist in t( -tu» Iciclii verdorben in D- Beides iü unveraiindlich,
daher läßt A fe oder Te ganz aus nnd «eilt B ft tiJ) um lu TÜI "ft- Dagegen hat M die
BCheintraj gulc K.oajcktui iii: sie kann s-ehr woh! £ <tai Epiptanios schop vorgelegen
und ins ilmtn grmemBatne Mißvertnändnis TCtanlaCl haben, das weiterhin d^za fültri.c<
6 'HiT^ciintoc I, 2^5 EL HreicLtn. Euseb schrltb ToOra 6id itXdTouc, (wi^jM t£<toi>
TiJ» K^nntvn ktX. : oaiarTicli ist cuvipbd CcgcDsati nur eu biä TtÄdTOUC, nicht lu TaDio.
Die Stelle preciigi Vorsicht im Gebrauch von Z.
' So ist n^ch EH Synkellos Andreas [p, 10 "S] m lesen; D weicbt mit itiliA fivoTa
TrpocxuvoOvTU Tiü Ö€iD nur wenig ah; die Lesung der Ausgaben npacKUvoOvTci tI|i 6
4-
Solche Dittographien werden noch öfter begegnen; sie haben sich
meist tiefer in den Text eingefressen als hier, wo ein glatter Schnitt
tat Entfernung genügt. Um so ärger wirds im Folgenden:
P^ 2, 23'] b\6. ji TOI T^v {j-TTcpßoXriv Tfic btKaiocüvnc aÜToO ^KaXeTro
6 biKaioc Kai liißXiac, ö teriv 'E^Xiivicti Trepioxii ^oü Xaoö, «ai öiKaiocüvri.
üjc o\ Ttpo<pfjTai 6r|KoOciv ntpi olitoü.
Die Setzte Hälfte des Satzes von Kai ftwaiocüvi] an ist unverständlich;
ich sehe nicht wie diesem GalimathJas beizulcommen ist. Ebenso muß
ich es den Semitisten überlassen cbßXicn; plausibel zu transkribieren; bis
jetzt ist nichts gefunden, das unmittelbar einleuchtet. Dagegen ist ntpioxri
TOÜ XaoG 'Festung des Volkes' vortrefflich, da irepioxri in diesem Sinn
aehr als einmal in der LXX vorkommt, und paßt in den Zusammen-
'^hang, so bald man nur mit den besten Handschriften nicht biicaioc, wie
jetzt gedruckt wird, sondern 6 hkaioc liest' und Ttjc biKaiDcüvr|c entfernt.
Wegen des Ubermaües der Fürbitte , nicht der Gerechtigkeit, hJeü
Jakobus 'Veste des Volkes"; ific biKaiocuvric ist zugefügt, weil man sich
nicht die Mühe gab zu Tf|V üncpßoAnV das Richtige aus dem Zusammen-
hange zu erganzen.' Behält man es bei, so wird freilich EtiKoioc not-
wendig, zugleich aber entsteht eine überflüssige und störende Wieder-
holung.
So weit reicht die Einleitung, die mit Absicht die Heiligkeit und
Volkäfreundlichkeit des Herrenbruders ins Licht stellt, damit der dunkle
Undank, mit dem ihm gelohnt wird, sich um so scharfer von diesem
hellen Hintergrund abhebt. Der Bruder Jesu, der, selbst vollkommen
heilig und anerkannt gerecht, für das sündige Volk zu Gott betet, ist
das genaue Gegenstück zu Jesus sclbst.J Das Volk ehrt ihn, wie es
Jesus auch geehrt hat; nicht das Volk, sondern böswillige Hetzer bringen
ilin zu Fall. Wer waren nach Hegesipp diese Hetzer? Im überlieferten
Text herrscht darüber eine seltsame Unklarheit. Dreimal werden die
Schriftgelehrten und Pharisäer aU die Anstifter und Mörder genannt,
an der ersten Stelle treten noch — sehr auffallend — die Juden hinzu:*
tA rAv^ta beruht tuf den llondaclirirtcii ATEß., <l«ren Autorität gtringer ist, und ist
darcb Reminuienz lui Eph 3 u enistanden.
' 6 blKCilac T' 13DM (eine iiäufi^e Und raeisl du Ur^pHtUgliclle biet^pde Kombis alLon),
blKQlOC A. T durcTi Risur, ER A Synltelios.
' Nicht übel paraplifisierl Epiphaoios in' OircppoX^iv eOXaßEiac; nur verbinde! er
(üe Worte falsch laii dem vorhcrgelieadcn Satz [jS, [4 p. 1046^].
3 Vgl. Hegesipp bei Euseb Kg 4.224 (itTd t6 jiapTupfleai 'IdwjjfSov töv bficaiov,
die Kol ü Kvptot, ^iri T^J afmL ^ÖT*!'-
I Mwi luuin vergleichen 'Lehre Addais' p. 2: "we (die Abgesandten Abgars) skhcn
E. Scbwaiti. Zu Eusebius Kirch cngcsc hie hie.
53
Yig 2, 23 '" t^v eöpupoc Tüjv 'louftaiiov ttai YPctipiaTluiv kq! (papicotuiv
XeTÖVTiuv ÖTi KivbuvtOei näc 6 Xaöc 'It^coüv töv Xpiciov TrpocboKdv.
3,23" fcTpcav oöv oi TTpotipnM^voi ipaimaitic kqiI (tapicoioi töv
'IdKtußov im TÖ irrepüfiov toö vaoö.
2,23'* t6t€ näX.iv oi aÜToi yp^mmotuc xai <t>apicaioi npöc dXXnXouc
EXetov '. . . dvapdvTtc KaTaßüX.iJujx£v qOtöv - . .'
Dazu will nuq der Anfang der eigentlichen Erzählung^ gr^r nicht
passen. Hier spielen nicht die Schrift^elehrten und Pharisäer, sondern
die jüdischen Haeretiker die Hauptrolle, und das ist um so beachtens-
werter, als diese auch sonst bei Hegesipp die Siindenbocke sind, auf
welche die an den Angehörigen Jesu begangenen Verbrechen abgeladen
werden, ' Freilich ist das was Euseb in seinem Exemplar des Hegesipp
gelesen hat, sicherlich nicht das Ursprüngliche. Es gibt einfach keinen
Snn, wenn es Kg 2,23' heiHt Tivfec oöv Tüiv iwrä aipifctoiv Tiiv ^v
T<?t \a\ii Twv npö'reTpoja/itvuiv moi' ^ntJv9dvovTo üutoö Tic i\ 90pa toO
HriCDO, Kai £\etev toütov eIvcci t6v cuiifipa. Das kann nicht bedeuten
'einige Anhänger der sieben Sekten', da dann ättÖ nicht fehlen dürfte,
und selbst das zugegeben, so würde das unmittelbar folgende ii nLv Tivtc
^TTicTeticav 6ti 'Ii)c&Oc ^ctev 6 Xpicröc neue Schwierigkeiten bereiten: iDv
mülite mit tiv^c tüjv Shtä aipeceujv gleichgesetzt werden, so daß 'einige'
ein Teil von 'einigen' werden. Versteht man aber gemäß dem Wort-
sinn 'einige Haeresen von den sieben genannten', so kann das nicht gut
Subjekt zu ^nuvÖiivovTO sein, man erwartet vielmehr, daß ein Prädikat
folgt, welches ein Unterscheidungsmerkmal der von der Gesamtzahl
Chmtam mit Freu<len mitsamt delv Scliaten, die ihii begliiitetän, und sie Siliei) auch
die Jaden, die in Haufen iu>>aminenstandeii und sannen, was sie ihm antun sollten'.
Hier fehlt abet der seltsame Ccgensati von 'loutaial und vä< b \a6c.
' Kg 4, 22 7 fjcav bi yv^Wi fcidqjopoi ^v Tf| rttpiToji^ ^v uloic 'kpari^iTiüv kktÄ
zf\c qjuXflc 'loiJöa kqI roi> XpiCToO a(nav 'Eccaioi roAiJ-afoi 'HiicpoBatmcTal Macßujfleoi
Zdfjapei-ffii ^^bovKaiul OaplCaioi, 'kpa^iXlruiV i$t von Vnlois aus (cpa^\ r{ -TüfV AT'M
bcrgeilellt. (cpafiA Tiüv. wie die übrigen Handschriften lesen, ist SchlimmbesstrunE. Aber
die SteUe ixt noch IceiscKwegi 1» Oirdnung, da Mdqiofioi und aiirai nicht nebeneinander
stehen kSnncn. Vcnnntlich schriet) Hegesipp Ka^ä Tf|C ipu^c 'iotibci Kttl toO XpicxoCi
aCiTf^c. Diese Mneretflcer oder richtiger einige von iliecti sind <!5, welcbe dem Stamm
David», d, h. den Angehürigca dca MEssias, nächstellen, sowohl niatericll, indem sie
die Enkel des Judaj und Simcon, den Vetter Je.iU, den Rämctn denunEicren [vgl. Kg 3, 19.
iO. 2^\i iU auch spirituell; denn aus Ihnen gehen dit chrisllichet) Haeietikcr herVor
[Kg 4. 12 ä]-
• Dis duauf fol£«iide ^v rote *Yi[0)iv^M:{tciv ist Zasati Eusels; in einem Setb«!-
citat kuin nur dann ein Titel vorkommen, wenn ein and«ics Werk citiert vrird) liier
tuseb escerpiert gerade die 'TwonvrpaTO.
54
E. Schwa.rt£, Zu Eusebiu^ Kircheng eschichtc.
abgesonderten SeJrten angibt. Die Fortsetzung läÜt wenigstens einen
Ausweg aus diesem Labyrinth ahnen:
[Kg 2,239] a\ bü aipictic ai xpotiprmcvai oiik ^nicTtuov oötc
övÄcraciv oörc ^px6ji€Vov diroboüvai kin&ctiu icaiä rä IpTO aöroö- 6coi
bk Ktti fmcTeucav, biä 'IdKLußov.
Mit berechneter Absicht ist der Name Jesu weggelassen f damit
scharf hervortritt, daß Auferstehung und Gericht überhaupt geleugnet
wird, geleugnet von den Haeretikern der Juden, während das Volk daran
glaubt und darum bereit ist in Jesus seinen Messias zu sehen, sobald es
die Predigt von ihm vernimmt. Dagegen kann Hegesipp allen sieben Sekten
diesen Unglauben nicht zugeschrieben haben;' er ist vielmehr schon im NT
charakteristisch für die Sadducäer, und an diese muß Hegesipp in erster
Linie g-edacht haben, da die Samariter' in Jerusalem nicht in Frage kommen.
Sprachlich ist aul^erdem anstößig, daß man nicht weiß worauf denn al
aipECEtC ai TtpoeipTm^vat zu beziehen ist, ob auf die schon kurz vorher
citierte Auseinandersetzung über aLe sieben Sekten oder auf Tiv^c töiv
imä tÄpictwv. Alles schiebt sich zurecht, wenn man die Frage an
Jakobiis, die im Verlauf der Erzählung noch einmal vorkommt [2, 23'"]
und hier zwecklos ist, weil sie ohne Folge bleibt, entfernt:
Tivk oüv TÄv ^Tträ. alpkcujv riiv kv tüj Xaiii töiv TrpOTeTpQMMvuiv
yoi [äwuvödvoVTO aüroö tIc 1*1 SOpa toO 'IticoO, kq! IActev toOtov CiVai
TÖv cüUTiipa' ££ JJv nvec ^TricTeucav 5ti 'IrjcoOc icuv 6 Xpiciöc. al bh
alp^ceic a! irpoeipri^cvai] oük iiricTeuov oöre dväctaciv oute ^pxdMCVOV
dnoboOvai ^KicTiu kotö tö Spfci aÜTOÜ' Öcoi hi Kai Enicxeucav, biä läKuißov.
Zugleich fällt der Widerspruch zwischen tivk i-rricTtucav und ttoAXiüv-
mcTeuövTiwv [2, 23 '"] fort. So viel laÜt aber der Text auch für den, welcher
der von mir vorgeschlagenen Reinigung nicht zustimmt, erkennen: die
Haeretiker geraten zu Jakabus in Gegensatz, weil er ihren Unglauben an die
Auferstehung und das Gericht bekämpft und mit Eri'olg bekämpft. Dazu
paßt die Antwort die Jakobus auf dem Giebel des Tempels erteilt
[Kg i, 23^^], welche das Wort des Herrn vor dem Hohenpriester Mattli 26'*.
Marc 14'* paraphrasiert; der Parallelismus der Situation ist klar und
beabsichtigt. Hingegen wird der Aufbau der Erzählung zerstört, wenn
sich plötzlich an Stelle der die Auferstehung leugnenden Haeretiker die
Juden, Schriftgelehrten und Pharisäer schieben; die Haeretiker müssen
■ Es gen> für die Pharisäer luf Jos AJ i8, 14, Bf 2, 163. Epiphao 1, 16' p. j+c,
ßr die Esseoei auf Jos AJ iS, 18. BI a, 154 f., Tiir die HeneiobaptiBten luf Epiphan 1, 1 j 1
p. 57» /u verweisen.
* VßL E.piph«n 1.9^ p. 15*.
E. Schwarcz, Zu Eusebius Kirch engeschiebte. 55
die Träger der Handlung bleiben. An drei Stellen erscheinen, wie schon
oben gesagt wurde, die Scliriftgelehrten und Pharisäer; iweimal ist Tpa)J-
^lareic und (papicoioi nur ein Zusatz zu ol irpotipiifievoi [Kg 2. 23 '=] oder
zu oi Q'^TOi [Kg 2, 23 '■']. Er ist leicht zu entrcnien, nur muß die richtige
Beziehung für die nach rückwärts weisenden Ausdrücke geschafft werden.
Die erste Stelle ist nicht nur um des gesamten Zusammenhanges willen,
sondern auch an sich voller Schwierigkeiten:
[Kg 2, 23'°] TToXXtiv oCiv KCl TÜJV äpxövTUfV TTiCTeuovTuiv, i'jv eöpupDC
TÜJv 'Jouftaiujv Kai TpOMfiaTluiv kqi tPapicaimv AtfövTUJV öti mvÄuVEiJei itäc
6 Xctoc 'Iticoijv töv XpicTÖv irpocÄOKäv.
Dali TÜJv 'louiiaiiuv einen sinnlosen Gegensatz zu 6 ^.aöc schaff,
habe ich schon angedeutet; der richtige, der von Hegesäpp fortwährend
betont wird, sind die Haeresen gegenüber dem Volk. Wer sollen femer
die 'Herrschenden' und gar die vielen 'Herrschenden' sein? wie ist denn
der ganze Tumult, die Ermordung des Jakobus noch möglich, wenn die
'Herrschenden' zum großen Teil Christen geworden sind? Ganz abgesehen
davon, da.ß, ich will nicht sagen die historische, aber die neutestament-
liche Auffassung der Verhältnisse auf den Kopf gestellt wird, wenn die
leitenden Männer der Juden zu Anhängern Christi gemacht werden.
Hier hilft nur ein kühnes Mittel, aber es hilft sofort und gründlich, so
dali es keiner weiteren Worte bedarf: itoXXluv ouv mcTtuoviujv, i^v
eöpufSoc Tiüv (ipxövTUJV XtT'ivTiuv, Die Führer der Haeresen, genauer
der Sadducäer, die zugleich auch die Vornehmen unter den Juden waren,'
werden unruhig, daß sie so viel Anhänger verlieren; auf sie bezielien
sich nunmehr die Verweisungen an den beiden folgenden Stellen; sie
sind empört über das Zeugnis des Jakobus für den Glauben an die
Auferstehung und den der da kommen wird zu richten.
Die Unterredung der Haeretiker mit Jakobus [Kg 2. 23"''"] ist durch
Doubletten stark erweitert: napaxaXo u|jtv c^ ~ napaKa^oö^iev c^; töv
Xoöv inti inXctviieii de 'Jr|COi>v -^ töv öx^ov irepi 'Iticoö m"! nXaväceai;
TTÖVTac Toüc ^X66vTac cic Tf\v fwiipav toö röcxa — ^>^ä TÖp tö ttöcxö cvv€-
XnXüQctci TTCtcai ai tpuXai jutTÖt kcü tlüv £@vtüv: coi -fäp n«VT£c n£i66jj.e0Gt,
i[\itiz -jap . . » Kai näc 6 Xa6c ~ truc 6 \abc tai ndvTtc ncifiÖMSÖö coi.
Es ist bei solcher Häufung von Dittographien, die den Gedanken
kaum variieren, schwer, wenn nicht unmöglicli das Ursprüngliche wieder
herzustellen; was ich vorschlage, soll nur als Versuch gelten;
I Auf die WM dts. Wort« wird Pi zi Dnd Act 4.S EinHuC gehabt haben. Vgl.
auch Luc 141.
SS
E. SchwartE, Zu Eusehius Kir ch enges ehichte.
irapaicaXoöp^v ce, ^iricxfc töv Xaöv, dnel ^TrXavir|eTi eic 'liicoöv liic
DÜtoü övToc Toö XpiCToO. [napaKaXoöM^v « TOicai iriivTac toüc i\%6vTac
cic Tr|v HM^pav ToO Ttöcxo "epi *Cr|coö] coi top TTovrec Tteieöfitea* ^pek T-äp
fittpTupoüM^v CD1 Kcti iräc Ö Xctöc 5ti biKOioc ci Kai ön Trpöcwnov oO Kafißä-
vtic. [neTcov otjv cü töv ßx^ov ntpi 'Incoö ^li} rXoväcSar Kai föp näc 6
>aöc Koi nävT€c nti9ö|iieflä coi]. cxriBi oüv ini tö mepÜTiov rou iepoö, 'ivct
dvujötv flc dmipavi^c Koi fi eOÖKOUCTd cou tä ^tiyaTa navii tui X04».
biä T^tp TÖ TTäc)^a cuvtXriXüöaci Tidccai a^ 9L}hal fifTÜ kqi tü>v ISviLiv.
Jakobus legt, wie Jesus vor dem Gericht des Hohenpriesters, so vor
den Haeretikern und dem Volk Zeugnis ab für die Wiederkunft des
Messias. Die Haeretiker beschlicUen i2m hinabzustürzen j mit dem Ruf
•wehe, wehe, auch der Gerechte ist den Weg des Irrtums gegangen'.*
stiinnen sie hinauf und werfen den 'Gerechten' hinunter. Unmittelbar
darauf heißt es:
[Kg 2,23'*] Kol fXetov dXXnXoic 'Xle(ScuJ^fv 'Iükuj^ov töv öiKOiov'.
Das ist sinnlos; sie haben ja eben erst zu einander gesagt 'wir
wollen hinaufsteigen und ihn hinabstürzen, damit ihnen bange wird und
sie ihm nicht glauben' [Deut 17 'j], Freilich wird dieser Wechsel der
Entschlüsse in gewisser Weise durch die Fortsetzung motiviert:
icai fipEavTO VtÖdZeiv aüiöv, ^icei KOxaßXiiOeic oük dirlBavtv.
aber die Motivierung hinkt nach und steht an falscher Stelle. Wollte
man das hinnehmen, so bliebe noch die Inkongruenz, daß zwei Mittel
angewandt werden um den Hinabgestürzten vollends umzubringen, die
Steinigung und das Erschlagen mit dem Holz, und wenn dies wiederum
als für die Grausamkeit der Mörder charakteristisch entschuldigt werden
sollte, so äteht dem entgegen, daß der Text das mit keinem Wort
hervorhebt Nimmt man nun hinzu, daU Clemens von der Steinigung
nichts weiß, sondern nur das Hinabstürzen und Erschlagen mit dem
Walkerholi kennt, so ergibt sich als ursprüngliche Fassung;
ävaßdvTic oüv KQT^ßaVov TÖV blKOiov Kai ^tteI KQToßXiideic OÖK dlT^-
6av€V, Xaßtljv Tic dir' aürüuv, ttc tlüv xvacpeuiv, tö EüXov, ^v iIi dnomtZ«
TÖ l|jdTia, Fivt'P'tv KQTÖ Tfic KcqsaXrjc toö itxoiou, Koi oijtujc ^^apiüpnccv.
Das Zwischenstück» ist eine Nachbildung des Martyriums des
' CxpaEav X^tovtk 'A iT), HbX ly hivav>t ^w^avi^Sn'. Oi 4i ist du ailteBtamentlicUe
MB; rgL N'um 24'j. Über die l.csart des Sprachcs Jes 3'" vgL Zihn, Forsch. 6,331.
» a, 23'; h&t Euseb einen durch ein Glossen entstellten Teil •bschreibeti lassen:
tlc Tu>v Up^iuv Titiv [uliliv 'Pnxäß uloO) 'Paxa&ilft. 'Paxoßelti war dutcli uliüv 'Pnxdß
glaisierl, dies drnng in den Text und wurde liarch einen aw^ilen Einschub -uloO der
KoDiUuktion eingcfiLgt. D«5 gaai dnxluichtige Bcüjiicl leigt, wie äbel lugericbtet das
V
*
Stephanos, veranlallt durch die Erzählung des Josephus, mit der die
Legende ausgeglichen werden sollte. Wie jede Harmonistik, so zerstört
auch diese das was sie flicken möchte; aber Hegesipp ist an der Zer-
störung unschuldig.
Auch der Schlaft ist nicht intakt geblieben. Zwar der Satz itai
^ÖQIIJQV QOtÖV Im Till TÖTTIV TTCIpä Tl^ VOtÜ, KOI CtI ttÜTOÖ l'l CTliXll |Ll*V£l
nccpä TU) vaili ist leicht in Ordnung' gebracht, wenn man das zweite
napä Tuj vaiij als Dittographie entfernt; dann schwindet auch das Be-
denken, welches Rufin veranlallte das ganze Kolon von Kai lii aüroö
an zu streichen, daü nämlich zu Hegesipps Zeit der Tempel nicht mehr
stand. Aber der folgende Satz
fiApTuc oOtoc dXTiötit 'louöaioic te Kai "EXXticiv fETtviTai ßn 'Irjcoöc
6 XplCIDC iCTW
ist eine um so unerträglichere Wiederholung von oUTtuc i}Hipiüpr[Ci.V, ab
MÄpTüC TtT^VTirm in vollem Wortsinn genommen ist, ^MOpTtPHcev (er
wurde Märtyrer) das einfache 'er starb' ersetzt. Femer kann der
letzte Satz:
Kai ttöiic OuecTiaciavöc noXiopKti aüioüc
weder mit dem unmittelbar vorhergehenden verbunden werden — denn
sonst bezieht sich ■aütoOc sinnlos auf 'louj>aioic re Kai "EXXriciv — noch
mit 2ti öütOÜ f] (tiiXt} fifvei — dem widerspricht koi eOöOc. Aus alledem
ergibt sich, daß die Worte KOi fÖaipav aÜTOV — 6 Xpicröc icnv ein fremder
Einschub sind, und Hegesipp seine Erzählung mit den Worten schbli:
KQi oÖTuic ^napTÜpiTjcev. koi £Ü9üc Ovecuaciavoc noXiopKti oOtotjc.
Hegesipp hat selbstverständlich die Legende vorgefunden; ob Clemens
sie von ihm oder auf anderem Wege erhalten bat, ist gleichgittig. Daß
die Erzählung eine Legende ist, hätte nie bezweifelt werden dürfen; eine
Apologetik die sie wörtlich nimmt, macht sie eben so stumm, zerstört
sie ebenso wie jener Interpolator, der sie durch Akkommodation an
Josephus historisieren wollte. Die poetische Mache ist kunstlos und
durchsichtig. Der Tempelgiebel, auf den Jakobus geführt wird um Jesus
zu verleugnen, ist derselbe wie der auf den der Versucher Jesus stellt:
den einen kann man ao wenig lokalisieren wie den anderen. Jakobus
zeugt fiir die Wiederkehr des Messias wie Jesus; et stirbt durch das
Holz wie Jesus am Holz. Das Wort des Jesaias, das als Weissagung
von Jesu Leiden galt,' wird auf den Herrenbruder bezogen, und darum
von Euieb benutitc Exemplar Hegcsippi yrax, und wie hoch die Verderbnis solcher
Texte hinaurrcichen kann. ' Zahn, Foisch &, zjl.
die Belagerung Jerusalems als unmittelbar eintretende Strafe seines
Mordes aufgcfalit. Die Legende kümmert sich nicht darum, daß diese
Chronologie ungenau ist, daß ihr schematisches ParallelJsieren keine
Linien ergibt, die sich in das Bild des jüdischen Krieges hineinzeichnen
lassen, der schon lange zu toben begonnen hatte, ehe Vespasian vor
den Mauern der Hauptstadt seine Schanzen aufwarf, um das blutige
Drama zu Ende zu bringen. Sie hat keine Ahnung von dem jüdischen
Gerichtsverfahren, macht nicht einmal den Versuch ein solches zu erfinden,
und hebt doch nicht hervorj daß das formale Recht verletzt ist: es
existiert einfach für sie nicht, so wenig wie die römische Oberhoheit.
Ihre Tatsachen sind alle nur ein Gleicimis, von keinem Pragmatismus
£u fassen; nicht sie sind geschichtlich wichtig, sondern dalJ es christliche
Kreise gegeben hat, die das Geschick des Herrenbruders zu einer
Wiederholung der Passion gemacht haben.
Josephus behauptet, der Hohepriester Ananos, der Jakobus hinrichten
ließ, sei ein Sadducäer gewesen. Davon hat sich eine dämmernde
Erinnerung bei liegesipp darin erhalten, da& die jüdischen Haeretiker es
sind, welche Jakobus umbringen, während das Votk Hosanna ruft, wie
beim Einzug Jesu in Jerusalem. Der Zug kann der Legende angehören,'
kann von Hegesipp schärfer herausgearbeitet sein; richtig verstanden,,
ist auch er von Bedeutung. Das Judentum wird idealisiert, so idealisiert,
dass der Gegensatz zum Christlichen versehwindet. Jakobus vollkommene
Gerechtigkeit ist jüdisches Nasiräat; er betet im Tempel für da* Volk;
das Volk ist willig ihm zu glauben. Die Sadducäer, welche die Auf-
erstehung leugnen, sind an aLem schuld, am Mord des Gerechten und
an der Zerstörung Jerusalems. Jede Erinnerung, jede Kunde davon ist
geschwunden, daü die leitenden Kreise, gerade die Sadducäer. sich gern
mit Rom vertragen hätten, und die Fanatiker die Katastrophe unvermeidUch
machten. Es ist schwer sich vorzustellen, daß in Jerusalem, ja injudäa
die Erinnerung an das Geschehene sich in ein, höchstens zwei Menschen-
altem so hätte verschieben können.^
• Es ist nüulicb, die Dispuilation der Apostel mit den jüdischen Sekten aemenL
recogn. i, 54 S, t.a verginclicn,
» Digegen ergeben »ich gcwbse Walirsclicinlichlteitep aus der Konnbmation von
Epiph&n 29,7 p. 123''. ^0,2 p. 126"^ mit A&ikanut bei Euseb Kg l.JH; nur will ich
meinen Verdacht nlchl unter d rücke n^ däC die Rückführung dieser 'Huuener' oder fcec-
ir&cuvoi auf die Urgemeiode van Jcrusolein vermittels des von Emieb Kf 3, 53 bcichieten
Orakels fiktiv ist Sicher ist, 4aü .^frikaaus keine AufzeicliDungen der ^ECiröciiyDi
gcltabt hat; daa ceigen seine Worte Kg i. 7'4 Fi nvinio-vfücavTtc t\ iKktuc Ixovnc
& AvnYpdfpUlV, DikS 'Ulieh der T^e' ist niiliht^ anderes äls die pArAleipeineni; di«
Stelle iR kchvB von Eu^cb korrupt vorgefiuiden.
Der Interpolator verstand das nicht mehr, und konnte es nicht ver-
stehen, wenn er den Bericht des Josephus hineinbringen wollte. Er hat
wenigstens eine Alinung von jüdischen Dingen, und stößt sich dära.n,
daD ein Nichtpriester den Tempel betritt Ihm ist der Gegensatz
zwischen Juden und Christen lebendig, und so ersetzt et die Haeretiker
durch Juden, Schriftgelehrte und Pharisäer, nach neutestamentlichem
Muster. Wie Gamaliel in der Apostelgeschichte, nimmt bei ihm der
eine Rechabit Partei für den Gerechten. Er kennt die Verehrung der
Märtyrergraber , und vermißt in einem Martyrium die Envähnung des
Grabes, das er schlankweg erfindet.' Jakobus ist ihm, wie jeder Märtyrer,
ein Zeuge nicht nur für die Juden, sondern auch für die Heiden.
Hegesipp ist vermischt um der Konkordanz mit Josephus willen.
Das Umgekehrte ist ebenfalls geschehen, und die Vermutung liegt nahe,
daß beides mit einander zusammenhängt.
Die Behauptung Hegesipps, daü die Belagerung Jerusalems die
Strafe für den Mord des Jakobua gewesen sei, sollte durch das Zeugnis
der kompetentesten judischen Autorität gestützt werden: dann schien
die Konkordanz zwischen dem Juden und dem Christen genau genug um
der gelehrten Apologetik ein vollwichtiges Argument zu liefern. Schon
Origenes hat sich tauschen lassen:
[Comm. in Matth. lo, 17]' ittl tocovtov bi biiKaix^iv-/ oötoc ö 'lÖKUjßoc
iv i<ii Xaqj hd ölKttlocüvri, ii>c tl>>.ä0iov "liüciinov dvüTpäipavra ^v tfitoci
ßißXioic Tnv 'loüftdiKiiv dpxaioXoTiav. tV ahiav napacTticai ßouXÖMCVOV
Toö TÖ TocctÜTo ntTiovfltvoi töv Xoöv , die Köi TÖv vttöv KCiTacKa<pfivai,
eipriK^vat kotö Mrjvtv ÖeoO laöra aÜToTc dirrivTnKlvai b\ä tu eic 'IdKiußov
TÖV öÄeXcpöv 'li]coö TOÖ XtTOM'^vou XpicroO xjjf aÜTitiv TtioX^iiifi^va. xaCioi
Qav\iacTÖv iciiv ÖTt töv liicoOv f\}iü>v oü KaTafttEä^tvoc ovai Xpicröv,
oOitv fiTT&v 'loKiXißuj ^imiocOvTiv ^liapTüprjct TOcaOrriv. \if€\ bi öit Koi
ö Xaöc Tcöra ^vöfiiZi bxä töv 'IdKuißov freTrovöevai,
Euseb fuhrt die interpolierten Worte 2, 23 " in direkter Rede als
Zeugnis des Josephus an. Die Überlieferung des Josephus Iiat besseren
Widerstand geleistet als die Hegesipps; in den Handschriften ist keine
Spur der Interpolation zu finden, und es ist sehr unwahrscheinlich, daü
Origenes und Euseb sie direkt aus einem Exemplar des Josephus ent-
nommen haben. Umgekehrt ist ihr Fehlen in den Handschriften des
Josephus der sicherste Beweis für die Echtheit der schon im Eingang
I Zahn, Farschun^«» 6, 333 weist mit gioDer GelehrsuAkAit nttcb, daQ es üb«r
das Grab des Jokobiis keine feste TraJition £*(>,
' Ahnlich, nur kütierj c. Cels i, 4^. a, i3-
Euaebius Kirchen fcscbichte.
dieses Aufsatzes citierten Worte [AI 20, joo] töv d6£X<pöv 'liicoO toO
UrOM^VOtJ XpiCTOÖ, 'lÖKüJßoc ßvo^a oOti+f. Sie sind nicht zu entfernen,
es sei denn, dal^ man den tollen Einfall ernsthaft nimnit, den ganzen
Bericht über Ananos den Jüngeren für unecht zu erklären. Es ist auch
g-ar nicht abzusehen wanim Joscphus nicht von einem s. g. Messias
gesprochen haben sollte.
Der Versuch Josephus in christlichem Sinne zu verfälschen, steht
nicht allein. Ich verzichte darauf das berüchtigte testimoniimi Fläviauum
von neuem zu diskutieren, und ziehe es vor auf einen anderen Fall auf-
merksam zu machen, der weniger beachtet ist.
Euseb behauptet Kg 2, lO, daß Josephus und die Apostelgeschichte
die plötzUche Erkrankung und den Tod des Herodes Agrippa überein-
stimmend erzählen. Nach dieser [i2'3] schlug der Engel des Herrn den
König weil er Gott nicht die Ehre gab, sondern es sich gefallen ließ,
daü das Volk ihn Gott nannte. Der Engel erscheint auch in dem
Excerpt, das Euseb aus Josephus AI ig, 343^- aufgenommen hat:
[Kg 2, 10*] dvoKÜvoc hi \itT' öXltov (nachdem seine Höflinge ihn
Gott genannt hatten), xrjc JauTOö K«j)aXfic üitepKaÖtCöpevov ti&ev ÖTreXov.
toOtov eöeüc 4vör]C€V koküiv tivai uinov, lov Kai rroTt tuiv di-faöäiv f tvö-
pevov.
Die Übereinstimmung ist in der Tat sehr groß, nur steht bei
Josephus etwas ganz anderes:
[AI 19, 346] <ivaKüitiac ^' oöv jjer" «ä^iTOV töv ßoy&üjvo nie ^outoü
KEqpaJific 6n£pKa0tZ6(ievov€ili£V^Tri cxoivfou Tivöc. (ärft^ov toötov eü6üc
ivör|C(V KöKiüv eJvai töv Kai iroTe toiv ötoöiIiv tsvöiievov.
Die letzten Worte gehen auf den AI [8, 195 ff. erzählten Vorfall;
als Agrippa auf Tiberius Gelieiü in Capri verhaftet war und vor dem
Palast in Fesseln stand, sah ein germanischer Gefangener den Uhu 2U
seinen Häupten auf einem Baum sitzen und prophezeite ihm, daß er bald
zu Macht und Ehren gelangen wurde; wenn er aber den Uhu wieder
erblicke, sei ihm sein Ende nahe.
Die Handschriften T'ER der Kg, in denen der Text der Joseph us-
excerpte systematisch nach dem Original durchkorrigiert ist, geben die
Stelle so wie sie bei Josephus steht; das geht nur die Überlieferungs-
geschichte an. Es ist ebenso sicher, daß Euseb die raffinierte Um-
prägung von dfTfXov mitgeteilt, wie daü er sie vorgefunden hat. Eine
Spur der Interpolation findet sich auch in den Joseph ushandsehrifteti.
Es besagt nicht viel, dal] die Epitome ^Tfi cxoiviou tivöc auslaßt; wenn
aber in zwei Handschriften. MW bei Niese, steht dfTfeAov toütov eüöOc
£. Schwaiti, Zu Euscbius Kircliciigescbichte.
6l
*
»
I
^vöiiHv waKÜJV €ivai ainov töv Kai noxi tüiv ÖYaeüJv x^vöpEvov, so
verrät sich dann der Versuch die christliche Lesart hineinzubringen.
Man ist geneigt, in all diesen Fälschungen ein und dieselbe Hand
zu vermuten; aber wer es war, wird niemand erraten. Nur können sie
nicht älter als Hegesipp und nicht jünger als Origenes sein.
IL
Zur Abgarlegende.
Für das interessanteste Stück der Abgarlegende [Kg r, 13] gilt die
Korrespondenz zwischen Abgar und Jesus. Das ist nicht unberechtigt,
aber es wäre unbillig, darüber die Erzählung von Thaddaeos Auftreten in
Edessa, die sich an die Korrespondenz anschließt, zu vernachlässigen.
Die Form in der Eusebius sie mitteilt, ist sonderbar genug, Ich sehe
ganz davon ab, daß in einigen Eusebhandschriften [ERBD] der Text
stark enveitert ist; das ist sekundär, und weder EA noch die indirekten
Repliken der Kg kennen diese Erweiterungen. Es kann nicht zweifelhaft
sein, daß ATM + ZA im wesentlichen das erhalten haben, was Euseb
geschrieben hat; aber je bestimmter das festzuhalten ist, um so scharfer
treten im Gange der Erzählung und der Unterhaltungen Unebenheiten
hervor, mit denen die historische Untersuchung der Legende sich wohl
oder übel wird abfinden müssen.
Thaddaeos ist nach Edessa gekommen, Abgar, der von ihm gehört
hat, bescheidet Tobias, den Quartienvirt des Missionars, zu sich und
spricht zu ihm: 'ich habe gehört, daß ein Fürst in deinem Hause ab-
gestiegen ist; bring ihn zu mir". Anders können die Worte fixouca öti
dvi'ip TIC ÄuvöcTric ^Xetüv Karf^€iV£V Iv t^ cfl oMcf. [Kg i, 13 'J]
nicht übersetzt werden. Die antiken Übersetzungen haben mit ä.vf\p Tic
itmict^i nichts anfangen können und interpolieren dafür 'ein starker, d. h.
ein wunderkräftiger, 'Mann' [uir quidain potens A; jjlJ ^ .*** ^ Xis^,^^^.
Damit wird diese Schwierigkeit um so weniger erledigt, als noch andere
hinzukommen, Tobias kehrt zu Thaddaeos zurück und erzählt ihm den
Befehl Abgars, mit dem Zusatz Iva eepaiteücTic aüröv, wovon Abgar
nichts zu ihm gesagt hatte und auch nichts sagen konnte, wenn er von
einem Fürsten gesprochen hatte. Thaddaeos antwortet 'ich gehe zu ihm'.
Man muß erwarten, daß das sofort geschehen wird; statt dessen heißt
es weiter: ^pQpEcac oijv 6 Tujßiac tt) \i.i\t. Kai Trapn^oßiiiv töv 9a&baiov
— als hätte Thaddaeos eben vorher nicht gesagt 'ich gehe hin', sondern
Tdhre mich hin' — i^Xaev Tipöc t6v 'Aßtapov. Die Erzählung läuft nur
a
62
E. Schwarte, Zu Emebius Kirchcn^eschicfate.
dann korrekt weiter, wenn man entweder die Unterredung zwischen
Tobias und Thaddaeos oder das Sätzchen öp9p(cac-"AßT"pov für unecht
erklärt. Für die zweite Alternative spricht die Fortsetzung üjc 04 dv^ßn-
Das mu& von Thaddaeos gesagt sein, kann es aber nicht oder nur sehr
schlecht, wenn der Satz vorhergeht in dem Tobias Subjekt ist; dag'egen
schließt luc bi ävi^tt ausgezeichnet an das Wort des Thaddaeos dvaßaivuj
an. Anstößig bleiben in den Worten des Tobias Iva OtpaHtücric
nijTDV, in denen des Thaddaeos fTTiei&rjirep 6uviS(jei nap' aÜTüi dirsCTaXiaat,
worin 6uvä(i€i eine sprachLiche Unmöglichkeit ist: man erwartet ^v &uväiaei
oder iv bwAfiii Öcoö. Der Anfang der Ersälilung bietet zunächst
wenigstens, keine Aufklärung, sondern macht die Sache noch ver-
wickelter. Abgar erhält die Meldung: 'ein Apostel Jesu ist hier an-
gekommen, wie er dir geschrieben hat'; danach ist also der Brief Jesu
in Edessa allgemein bekannt. Dann geht es so weiter: Thaddäos voll-
bringt wunderbare Heilungen; als Abgar von diesen großen Wundem
hört, kommt ihm eine Ahnung, er könnte derjenige sein den Jesus
in seinem Brief ihm angekündigt hatte. Das sind zwei Einleitungen
die sich ausschliefen, Von vornherein verdächtig ist der Zug. daß
Thaddaeos gleich mit den Mirakeln anfangt, ehe er Abgar selbst kuriert
hat. In der ganzen folgenden Erzählung wird auf diese wirksamste
Legitimation des Thaddäos nirgends turiickgegriffen [vgl. besonders
U 13'*]; femer lautet das Versprechen Jesu und damit das Mandat des
Missionars dahin, daß Abgar geheilt werden soll. Es ist nicht auffallend,
wenn nach der Hauptperson auch einer der Höflinge kuriert wird, aber
es stört den Aufbau der Erzählung empfindlich, wenn durch die sofort
einsetzende Wundertätigkeit des Missionars die Scene bei Hofe ihre
dramatisclie Spannung verliert. Umgekehrt begreift sich sehr viel
leichter, dali Abgar zunächst nur ahnt, daß der angekündigte Scndhng
Jesu da ist, als. daß ihm dies direkt gemeldet wird, und die auf den
ersten BÜck seltsamen Worte, die Abgar an Tobias richtet, werden nur
durch Jene Version verständlich. Abgar will vorsichtig vorgehen und
seine Absichten und Hoffnungen nicht vorzeitig verraten; darum motiviert
er seinen Befehl an Tobias nicht mit seiner Ahnung, sondern mit der
Unterstellung, daß der angekommene Fremde ein vornehmer Mann aei,
den er bei Hofe zu sehen wünsche. Natürlich kann dann Tobias nicht
zu Thaddaeos sagen Iva ÖEpaiteucqc qütÖv, und dieser muß einfach
antworten dvaßafvwj ^netinintp irap" aÜTiji dn^craXuoii:' nur er und
>- Ruri» koDJizierl nkcht übel guoruam maxime firof'ief iflium mismi tum; nur iit
majtimt falicL
Abgar wissen von dem Brief Jesu, öuvdnei ist der Rest einer Glosse
Iv 6iivd)i€i Geoö [vgL i. 13"], die wegen 'iva OepaiTeücric aÖTÖv ein-
geschaltet wurde. Wahrscheinlich hat außerdem die Erweiterung des
Anfangs dazu geführt, dali die Angabe, Thaddaeos sei bei Tobias ab-
gestiegen, wiederholt wurde; doch mag man das immerhin entschuldigen,
es kommt wenig darauf an. Die Eraählung lautete also ursprünglich:
MtTÖ &£ TÖ dva^iiipönvai TÖv "IticoGv dTrlcxeiXtv aÜTdj "loOöac, ö Kfti
6LU|iiic, Onbfca'iov dnöcToXov, tvo. tiüv ^ßbOfinKOvtd' Sc dXQwv xcctemevev
rtpöc Tunpiav Tov 70Ö Tiupia. ujc H ^Koücöri ntpi niiToö, I)irivü9ri tüj
'APfdpuj ÖTi ^Xii\u9ev dnöcroXoc iviaOQa toO 'lr|COÖ, xa\ iv iinovoiq
T^TOV£V Übe ÖTI aÜTÖc ^ctiv irtpl oG 6 'Iricoüc dnecteiXev Xiyvjv 'ttitiböv
ävaXii(p6üi, önocTeXüJ cof Tiva tüiv jiaeriTiüv nou, öc TÖ Tidcöoc cou WceTai'.
|ieTaKaX€cä|jtvoc oßv töv Tujpiav tmtv 'iiKOUca öti dwrip Tic iuvdcTijc
^XÖLÜv iiaT^(i€iv€v €v Trj er) oiicii^, dva^aTe aiiTOV irpöc ti€. tXöiLv 5e ö
Twßia-c TTflpn Gaiböiifj, ciirev cötüi '6 TOiröpxnc 'Aßtüpoc li^faKciXtcd-
Mevöc iit eiittv dvöTOYciv ce rrap' aüitü.* Koi 6 eaft&öloe 'dvüßaivw' lq)n.
^irtiiiriitep nap' aOiiü dn^cTaXuoi', uic bi dveßi] ktX.
Leichter sind einige Unebenheiten am Schiuli zu beseitigen; eben
weil sie kenntlicher sind, verstärken sie den Beweis dafür, daÜ der von
Euseb benutzte Text nicht intakt war, Abgar und der Höfling Abdu
werden gleich bei der ersten Audienz von Thaddaeos geheilt; in eben
dieser Audienz richtet Abgar an Thaddaeos die Bitte, mehr von Jesus
zu erzählen. Thaddaeos antwortet; vüv fifev ctLumicoMai, Inel Äi' KnpOfai
TÖv Kötov dTTtcTÖXriv.-' a5piov3 ^kkAticiocöv |ioi toÜc noXiToc cou nüvTac,
Kai ^tt' auTüJv KiipuEuj Koi cntpiü ^v aüroic töv Xotov Ttic Cujfic. Danach
ist klar, daü Thaddaeos noch nicht gepredigt hat. Es kann also nicht
richtig sein, wenn zwischen die Heilung Abdus und die Bitte Abgars
der Satz eingeschoben ist: ttoXXoiJc te dXVouc CTj|jnoXiTOC oörüjv 6 aürbc
idcoTO, 0au(iacTß kcü peTÜXa noiiiiv xal Knpvccujv töv Xötov toö 6£oö,
und zwar muß der ganze Satz fort; denn nur die Höflinge sind bei der
Audienz anwesend, und Thaddaeos. Worte vOv \ii\ . . . oÖpiov bi haben
nur dann Sinn, wenn sie in der Zeit gesprochen sind, in der die Haupt-
handlung stattfindet, eben in der Audienz. Endlich ist das Glaubens-
> So DM, in B in ^TT«i br|i in AT in ^ic€i&^ verdorbea. ER mischen, s.\e haben
^imtn^ hi. hl ist durcti lA tieiceugL
* Da.i geht aaf den 5cblu& dc5 Brief» Jesu Tva ■ . > Eufi^v coi kq) Tok cöv ct>l
J So jüLe griechiscIieTi Handschriften außer A, ferner £A: nCpiov b4 A. Die
Interpolation isl duteh das falsch« ^nnti'^ hervorgerufen.
B. Scfawartz, Zu Eusebius Kirchengescbichte.
Bekenntnis das Thaddaeos als Inhalt seiner Predigt angibt, ' sicher unecht ;
denn es widerspricht seinem Entschlul^ cunächst zu schweigen , und
der sprachliche Anscliluli cntpiü ^v oÜToTc töv Xö^ov Tfjc Cuitic ntpl Tt
Tfjc i\i\>C€.ix)C TOÖ 'liicoü ist eine stilistische Unmöglichkeit. Der ursprüng-
Uche Tejrt setzt erat mit ^KcXeuciV oOv 6 'ApTopoc wieder ein.
Die syrische 'Lehre Addais' enthält dieselbe Erzählung wie die
welche nach Euseb in der von ihm benutzten Schrift auf die Korre-
spondenz zwischen Abgar und Jesus folgte. Sämtliche eben nachgewiesenen
Interpolationen kehren wieder, mit einigen Ausmalungen; die Anstöüe
sind beseitigt. Abgar empfängt nicht die doppelte Meldung von der
Ankunft des Thaddaeos und von seinen Wundertaten, sondern beide
sind in eine zusammengezogen und einer bestimmten Person zugewiesen;
eben jenem 'Abdu bar 'Abdu, den Thaddaeos (oder wie er in dieser
Schrift heißt Addai) nachher vom Podagra kuriert; schon vor Tobias,
der ein Jude aus Palästina genannt wird, spricht Abgar die Hoffnung
aus, daß der 'starke Mann' ihn kurieren werde; Tobias steht früh auf
und führt Addai zu Abgar; ihre Unterredung ist gestrichen und dafiir
eingesetzt: 'Addai wußte, daß er in der Kraft Gottes zu ihm (Abgar)
gesandt war'. Die Heilungen, welche Addai nachdem er Abgar und
'Abdu kuriert hat, voUführt, werden durch den Zusatz 'auch in der
ganzen Stadt' schärfer präsislert, und danach motiviert Abgar seine
Bitte anders; 'jetzt wissen aüe [*u ^^] dall in der Kraft Jesu Christi
du diese Wunder tust und wir erstaunen über deine Taten: also bitte
ich dich, erzähle uns' u. s. w. Das Glaubensbekenntnis wird dadurch in
die Konstruktion eingefügt, daß nach den Worten 'ich werde säen das
Wort des Lebens' zugesetzt wird 'in der Predigt, die ich halten werde
vor euch über u. s, w'.
Damit ist der abschließende Beweis, denke ich, geliefert, daQ die
'Lehre Addais' die Kg voraussetzt ; es ist unmöglich in ihr die von Euseb
cxccrpierte Schrift oder auch nur eine selbständige Replik dieser Schrift
zu sehen. Es steht ferner für jeden, der die syrische Übersetzung der
Kg kennt, sofort und unbedingt fest, daß die Lehre Addais diese nicht
benutzt, sondern unmittelbar aus dem Griecliischen übersetzt Ver-
einzeit lassen sich Varianten der handschriftlichen Übediefemng tn ihr
wiederfinden. Für [Kg 1,13 'S] töv Gaftbtfiov fipeio d (iu' dKiiBdac
HaBiiTf)c eT 'IticoO) hat T tiirev tüj 9a6boiui: das gleiche setzt die 'Lelire
■ Die lettteo Sitie tind rolicb nach A ediert: sie lauten tucli dtn übrigen Hund-
■chfinen und ZA: yai Avffxeipev vcKpoüc Kat xar^ßri fiitoc, Öv^ßrj bi ^iTi noXXoO
I. i. 190J.
E. Schwanz, Zu Euscbius KirchcDgeschichte.
65
Addais' und Rufin voraus. Den sinnlosen Text von AT vüv U-iv ciujini-
co^ai, inixhT\ Kqpflfai töv Xötov dnecTdXnv korrigiert die Lehre Addais
in vOv oü ciujTn^cDfjai-
Eine griechische Bearbeitung der Erzählung- — die Briefe kommen
massenhaft vor ■ — ist in der 'Festpredigt' erhalten, die v. Dobschütz
(TU N. F. 3, 2 p. 39*'ff.) herausgegeben hat. Sie steht zu der 'Lehre
Addais' in einem eigentümhchen Verhältnis; auch in ihr ist Tobias Jude
und bringt 'Abdu Abgar die erste Botschaft von dem Apostel. Anderer-
seits kann sie nicht von der 'Lehre Addais' abhängen; denn was sie von
Thaddaeos sagt ^v öuvänei irpöc aüröv dirocräXeai tiniLv, steht Kg i, f3 '■*
viel näher als das syrische oiLo^ looi i,juo loC^; jL-nat ^^ i 00t I001 ^a^ 1^.
Dies Doppelverhältnis lä&t sich nur so erklären, daß eine griechische
Bearbeitung des Excerpts der Kg angesetzt wird, welche sowohl dem
Syrer als dem Verfasser der Festpredigt vorlag, eine Annalirae, die nicht
die mindeste Schwierigkeit macht'
Es heißt der s. g. Abgarlcgende viel zu viel Ehre antun, wenn
man sie eine Sage oder eine Dichtung nennt; sie ist eine plumpe
kirchenpolitische Fälschung, die eine direkte Beziehung Jesu zu Edessa
erfindet um der edcssenischen Kirche eine unabhängige Stellung zu vin-
dizieren. Solche Fälschungen können sich in Versicherungen der Ur-
kundlichkeit nicht genug tun: so will denn auch diese Schrift aus dem
edcssenischen Staatsarchiv entnommen sein. Natürlich müßte sie dann
urspiiinglich syrisch abgefaßt sein, und das wird auch behauptet; es ist
aber sehr die Frage ob auch nur dies der Wahrheit entspricht. Euseb
sagt zwar [r, 13S] xüiv ^ttiCtoXwv dnö Tiijv djjxeiiuv i^ntv dvoAri<peacwv
KCl TÖvbe aÖToic {if]fiao.y iv rtjc iOpiuv q)ujvric neraßXijÖeicoiv töv Tpöirov:
aber da das erstere im vollen Wortsinn nicht zutrift't, kann er nur haben
sagen wollen, daß er die Briefe einer Schrift entnahm, die aus dem
Archiv zu stammen und aus dem Syrischen übersetzt zu sein vorgab.
Er hat sicherlich den Text nicht aus dem Syrischen übersetzt Ich will
ganz davon absehen, daß ich ihm die Nachahmung des neutestament-
* Für dieSriefe gilt dasselbe; waram v. Dobiclivt«. ZtüsdtT- f, vnts, TheaL 43, 459 ff.
bchauptcl, doD <lic griechitclien Repliken des EnscbicuCrs aalet bcstlndigeiQ r.taflnO
der 'Lehre Addais' gestafldefl liälten., seht ich nicht. Für goüXovTOi «aitilicai ce iai
Briefe Abgars hat die 'I.*hr« AdiUls' die ErwciteruiiE r^^ ^»a*U; aI« ^ r*i>*
^i*f ys ajj mW^ *. Davon ist ein Stück noch erhallen in dem Papyrus der Bodleiana
[p, 42S a. a. O], VQ bltlfKOUciv t-i deutlich lu lesen steht. Und diestjn Papyrus halt
auch V. Dobschütz för frei ron syriichcm Einfluß. Was aber dem einen recht ist, iit
dein ttndefii billig. — Zu der Iniclirift von Ephesos sind noch iwei hiozugekommeni
Journ. of hell. stud. ao, isöfT. Rev. d. tftudes gr. 15. 336.
ZeiUcbr. f. d. neutcit. Wia. Jabrg. IV. 11JO3, e
66
E. Schwarti, Zu Eusebius Xirchengcscliidite.
li^en Stils, die in dem Excerpt überall ku spüren ist, nicht zutraue:
CT würde, wenn er selbst der Übersetzer gewesen wäre, die AnstoGe,
welche durch die Interpolationen in den Text gekommen sind, ohne
grosse Mühe beseitigt haben, so gut wie es die Vorlage der 'Lehre
Addais' getan hat. Dasselbe gilt aber von jedem griechischen Über-
setzer: die Interpolationen können nur ^ur dem Boden eines griechischen
Textes g-ewachsen sein. Und sollte es nicht das einfachste sein in
diesem griechischen Text gleich das Original zu sehen, welches so gut
log aus dem Syrischen übertragen, wie es log aus dem Archiv ent-
nommen zu sein? Der Zweck der Fälschung wurde sehr viel sicherer
erreicht, wenn sie in einer allen verständlichen Weltsprache erschien, als
in einem Idiom dessen Kenntnis im 3. Jahrhundert in den Kreisen auf
die es dem Fälscher ankam — für Bauern und Hirten schrieb er nicht —
nur sehr spärlich verbreitet gewesen sein kann. Daß in sie bald nach
dem Erscheinen noch eine Hand voll Mirakel wiederum hineingefalscht
wurde, ist eine weder aufiallige noch unverdiente Vergeltung.
tAbenchloKCD am 13. Jinuir 190,1.]
E, Prtuschcn, Bibelcitate bei Orig«nes.
67
I
Bibelcitate bei Origenes.
Votn HenuBgeber.
Eine Fcststeltung des von Origeties benutzten Bibeltextes ist sowolil
für AT wie für NT von größter Wichtigkeit. Die Frage, wie weit sich
aus den Werken des Origenes ein z.uvcrlässiges Urteil über seinen
Bibeltext ermöglichen lasse, ist daher schon mehrfach erörtert worden.
Zuletzt hat sie Koetechau in einem umfangreichen Aufsatz ausführlich
behandelt (Zeitschr. f. wiss. Theol. XVIII [NF VHI], S. 321—377), Soweit
dieser Aufsatz gegen meine Rezension von Koetschäüs Ausgabe der
Bücher gegen Celsus polemisiert, tun seine Bemerkungen hier nichts
zur Sache. Koetschau ist bei seiner Prüfung der Qtate nun zu dem
Ergebnis gekommen, dali Origenes i) sich auch bei wörtlichen Citaten
nicht streng an den Wortlaut binde, sondern nach Bedarf formale
Änderungen vorgenommen habe; 2) daß Origenes dieselben Stellen in
demselben Werke verschieden eitlere. Daraus würde sich ergeben, daß
man nur dies aus Origenes schließen dürfe, ob ein Text zu seiner Zeit
vorhanden gewesen sei oder nicht, während es doch wichtig genug ist
zu wissen, welchen Text denn nun Origenes bevorzugte. Freihch wird
man bei den von Koetschau so energisch geltend gemachten Beweis-
gründen ein leises Staunen nicht los. Derselbe Mann, der seinem philO'
logischen Verständnis in dem Riesenwerke der Hexapla ein so glänzendes
Denkmal gesetzt hat, sollte andererseits so unkritisch gewesen sein,
wahllos bald dieser bald jener Handschrift zu folgen? Wüliten wir nicht
aus seinen eigenen ÄuÜerungcn. daü er die Differenzen der Hand-
schriften kannte und sie im Auge behielt^ so müßten wir, wenn sich
die Sache so verhielte, wie sie Koetschau darstellt, annehmen, jene Diffe-
renzen seien ihm überhaupt entgangen. Aber auch dann könnte man
sich Khwer vorstellen, wie Origenes gearbeitet haben sollte, wenn er
nicht ^in Handexemplar benützte, sondern bald diese, bald jene Hand-
schrift ergriff, um nach ihr seine Citate zu geben. Jedenfalls wird man
08
B. Preasclieii, Bibddtate bei Origrenes.
zu einer solchen Lösung der Schwierigkeiten erst dann seine Zuflucht
nehmen dürfen, wenn alle anderen Mittel ihrer Herr zu werden ver-
sagen woUcn.
Mit apriorrstischen Erw^ungen ist freilich in einer solchen Sache
nichts gethan. Und wer die reiche Fülle von Beispielen, die Koetschau
in seinem Aufsatz ausgeschüttet hat, prüfend durchmustert, der wird
leicht zu dem Eindruck kommen, da& hier eine bunte Regellosig-keit
herrsclie. Trotzdem kann man dem Problem überhaupt nicht beikommen.
wenn man nicht zuvor eine aprioristischc Erwägung ansteUt. Ohne Ein-
sicht in die Technik des Bücherschreibens, wie sie Origenes geübt hat,
ist ein Verständnis seiner Citationsweise überhaupt nicht möglich. Zum
Glück sind wir gerade hierüber so vortrefflich unterrichtet, wie es sich
nur irgend wünschen läßt Eusebius erzählt KG VI, 23, I f. : „Seit dieser
Zeit begann auch Origenes mit Aufzeichnungen über die heiligen Schriften,
wobei ihn Ambrosius ganz besonders ermunterte mit tausend Auf-
munterungen und zwar nicht blofi durch Aufforderungen mit Worten,
sondern auch durch die reichlichste Gewährung der nötigen Hüfsmittcl.
Es standen ihm nämlich, wenn er diktierte, mehr als sieben Schnell-
schreibcr zur Verfugung, die einander in bestimmten Zwischenräumen
ablösten, und ebenso viele Buchschreiber (ßißXioTp(i<poi), samt Mädchen,
die im Schönschreiben geübt waren. Den für alle diese nötigen Hilfs-
mittel erforderlichen Aufwand gewährte Ambrosius in reichlichem Maüe".
Diese Notiz, die mit ihren genauen Zahlenangaben sicherlich authentisch
ist, wird von Origenes selbst durchaus bestätigt Im Vorwort zu dem
6. Buche seines Johanneskommentars sagt er (S. loS. 5 T meiner Aus-
gabe): .nAuch das Fehlen der gewohnten Schnellschreiber hinderte mich
an der Fortsetzung der Diktate". Wir können somit, was sonst selten
genug der Fall ist, einen Blick in das Arbeitszimmer eines Gelehrten
der alten Welt tun. Origenes schrieb nicht, sondern er diktierte. Viele
stilistische Eigentümlichkeiten seiner Schriften werden nur dadurch ver-
atändlich. Seine Diktate wurden d^in von berufsmässigen Schrcibcm.
deren er stets eine ganze Anzahl an der Hand hatte, aus den Steno-
grammen übertragen und für den Büchermarkt fertig gemacht. Origenes
hatte also gewissermaHen seine eigene Offizin im Hause und war nicht
auf die gewerbsmäÜigen Offizinen angewiesen.
Durch diese Entstehungsart der Schriften wird man aber zu einem
bestimmten Urteil auch über einen Teil der Citate unwillkürlich hingeführt.
Es ist doch schwer vorstellbar, dafi Origenes seine Diktate fortwährend
durch das Hin- und Herroilen der Kodices der heiligen Schrift sollte
E. Preuschea, Bibetdtate bei Origenes.
69
I
I
I
unterbrochen haben. Vielmehr wird man annehmen müssen, dal^ er in
seinem Dtktat die zu citierende Stelle nur allgemein angab, ihre Ab-
grenzungen etwa noch genauer bezeichnete, im Übrigen aber es dem
Buchschreiber überließ, die Stelle aufzusuchen und in ihrem genauen
Wortlaut einzusetzen. Da diese Leute ständig für Origenes arbeiteten,
konnte das keine Schwierigkeiten machen. Überblickt man nämlich die
Citate des Origenes, so ergibt sich sehr bald, daß hier ein Stamm
häufig wiederkehrender Stellen umrankt ist von relativ spärlichen Citaten
aus dem ganzen Bereich der heiligen Schrift. Waren die Abschreiber
erst einmal eingelernt, so war es ihnen eine Kleinigkeit, die von Origenes
angedeuteten Stellen aufzußnden und einzufügen. Zum Glück lassen sich
diese Erwägungen durch eine Stelle in dem Johanneskommentar zu
völliger Sicherheit erheben.
In der Erklärung von Joh 4, 32 (XIII, 34) führt Origenes mehrere
Arten der Anwendung dieses Wortes an. Der geistig Überlegene kann
es gegenüber den Schwächeren gebrauchen, wie Paulus gegenüber den
Korinthern (r Kor 3,2). Menschen und Engel brauchen solche geistige
Speise, ja selbst Christus. Nur Gott ist sich selbst genügsam und bedarf
nichts. Dann fährt Origenes so fort (S. 259, 21 ff. m. Ausg.): „Die große
Menge der Unterwiesenen nimmt die Speise von den Jüngern Jesu, die
den Befehl erhielten, sie der Menge vorzusetzen (Lc 9, 16); die Jünger
Jesu aber von Jesus selbst, zuweilen auch von den heiligen Engeln. Der
Sohn Gottes nimmt vom Vater altein die Speise, ohne jemandes Ver-
mittelung. Es ist nicht ungereimt zu sagen, auch der heilige Geist
empfange Speise. Es ist ein Wort der Schrift zu suchen, das
uns diesen Gedanken an die Hand gibt. Das ganze Geheimnis
der Berufung und Auswahl ist die Speise bei dem großen Abendmahle.
„Ein Mensch, heißt es ja, machte ein großes Abendmahl und zur Stunde
des Mahles sandte er aus, die Geladenen zu rufen". Und aus den
Evangelien sind die Gleichnisse von Abendmahlzeiten zu
sammeln". An den oben von mir gesperrten Stellen muß etwas in
Unordnung sein. Der Tevt ist freilich vöUag klar und oline weiteres
verständlich. Desto mehr muß die sachliche Erklärung Bedenken er-
wecken. Origenes stellt die frappante Behauptung auf, daJi auch der
heilige Geist der Speise bedürfe. Nach seiner sonst stets pedantisch
genau befolgten Methode mußte Origenes diesen Satz durch eine Schrift-
stelle belegen. Zumal an dieser Stelle, wo er eine Behauptung aufstellte,
die durchaus nicht ohne weiteres auf Beifall rechnen darf, war eine Be-
gründung unumgänghch nötig. Den Leser die SteUe erraten zu lassen,
E. Preuschen, Btbddtate bei Origenes.
konnte nicht im Sinne des Origenes liegen. Folglich haben wir an dieser
Stelle noch den Rest eines unemendierten Stenogrammes vor uns.
Origenes hatte die Stelle, die er im Auge hatte, nicht gleich zur Hand.
Daher gab er hier nur Anweisung sie aufzusuchen, sei es daß er sie
selbst spater nachzutragen gedachte, sei es daß sie einer seiner Mit-
arbeiter suchen sollte. Die Einfügung ist aber unterblieben. Ebenso
deutlich ist die Sache bei dem Qtat aus dem Gleichnis vom Abendmahl:
Lc 14, 16 f. I Origenes
ÄvApiuitäc TIC ^noiii beJnvDV fivflpuJiroc iicaiei
tifiirvov
}iiya Kai ^KdXecev noXXotic,
oiiToCi Tf|[ Jjpcf ToO IieIttvou
(j^fo, Kui Tf| Orpif, ToO bf invou
fiävouc
Mt 12, 3
icd dUi^cTEiXtv ToOc bo-OHoue
affToO' KaUcni toOc kek\ti-
Wie ein Blick auf die Texte zeigt, hat Origenes hier eine Mischfonn
aus Lc und Mt angeführt; die Hauptmasse des Citates stammt aus Lc,
der Schiuli aber aus Mt. Offenbar hat er aus dem Kopfe diktiert.
Was jetzt dasteht war jedoch, wie die folgenden Worte zeigen, nicht
ftir die Öffentlichkeit bestimmt. Sein ungenaues Gtat sollte dufch die
aus den Evangelien in Betracht kommenden Stellen, nämlich Lc 14, 16 f..
Alt Z2,2f. ersetzt werden. Die Sammlung der Stellen blieb also den
Buchschreibem überlassen. Man hat an diesem Orte aus irgend welchen
Gründen die Anweisungen des Origenes nicht verstanden, seine an
den Abschreiber gerichteten Worte in die zur Ausgabe gelangenden
Exemplare mit abgeschrieben und auf diese Weise die willkommenste
Bestätigung fiir das oben aus allgemeinen Gründen Erschlossene,
geliefert,
Daraus ergibt sich nun die Notwendigkeit, die Cttate bei Origenes
zu sichten. Überall da, wo ein Citat in größerem Umfange gegeben
ist, werden wir mit einiger Sicherheit behaupten können, daß sich uns
der Kodex des Schreibers, nicht aber der des Origenes enthüllt. Kommen
dieselben Abschnitte mehrmals vor, so dürfen wir uns nicht wundem,
wenn sich größere oder geringere Abweichungen einstellen, da die
sieben Buchschreiber {die man sich als Vorsteher der Schreibstuben
denken muß. während die eigentliche Schreibarbeit in den Händen der
Sklavinnen lag) schwerlich einen und denselben Kodex der faeÜigen
Schrift benutzt haben werden. An einigen Beispielen laßt sich das
leicht nachweisen. Act 3, 32 f findet sich VT, 7 und 15 citiert mit
chrakteristischen, Abweichungen. Ich setze die beiden Formen neben
einander;
E. I'reuschen, Bibelcilate beiOrigcnes,
71
VI, 7
npoqi^TTiv 6niv dvacn^ca irfrpcac b ßt&c
i]f)i\I)v iK TiDv AtycAipiiJv i>fiilrv ibc (yii,
äii-noO ÄKoücecOt. kbI ^trai Ti&a Vi'Xi'l'
^ H * CE 13 Syr. Sah.
VI, IS
irpotp^TTiv öpiv dvocT^cci <k6pi(m:> A Acdc
dK«(pcecdE. Kai {ctu« näca \vvxh, ^ic Av
(ii^ diKOüCTi toO irpo^pnrou ^Ktlvou, äokt-
epfweiitETai i* tov Aöoö aöroO.
-• »«AD 31. 61, Vulg- Arm.
Hier gehen an der einzigen Stelle, wo sich in den Handschriften eine
bedeutendere Abweichung findet, die beiden Citate auseinander. Daß
Origenes bald so, bald so gelesen habe, ist die allerunwahrscheinlichste
Annahme. Mt r, if. findet sich zweimal in folgender Gestalt
I.13
T^TPonrrai ^v "Htalij -p^ ■npa<piiTi;] 'Iboü iyds
— D I Iren.
I
VI, »4
dpx^ ToO «iiafTtXiou 'liicoCi XpicToO Koöiic
TtTpoinai iv np 'Htalif tiü tipotp^iTiq. 'IboO
— B K L A 33
Der letztere Fall ist besonders darum bemerkenswert, weil Contra
Cels. II, 4 der Text ebenfalls citiert ist und zwar in der Form ohne Tiu,
wie D. I ihn bieten. Es ist überflüssig, dafür noch mehr Beispiele bei-
zubringen. In dem genannten Aufsatz von Koetsehau findet sich reich-
liches Material über diese Diflerensen.
Unter der grossen Menge eigentümlich kombinierter Stellen, die
Origenes oftmals anführt und als deren Quelle vielleicht ii^end eine
verloren gegangene Spruchsammlung angesehen werden darf, findet sich
auch eine Kombination aus i Kor 2, löl*-!- 12^, Er citiert sie X, 2S so:
iliiäc 06 voöv XpiCTOö ^x^fiev, '£va Töiuficv tä ötiö toö ÖeoO xopicfl^via
^|iTv. Dagegen, mit den Handschriften übereinstimmend XIII, 6 in dieser
Form: i\]i&< H voöv XpiCTOö SxoM^v, Ivb tföiüMtv tö £ijt6 toO Öeoö
Xtt(>ic6evTa i]^ilv, & ko'l XaXoijfiev ouk ^v feiöaxToic dvöpiuTrivnc cotpiac
Aöfotc &W iv fci6aicTaic irvtii^iaroc. Wie X, 28 liest Origenes nach der
handschriftlichen Überlieferung auch de or. i (11, 298, ij K). Daß
wirklich Ibuifiev gemeint ist, beweist Origenes X, 28 (S. 201, 15 m. Ausg.)
dadurch, daß er voOc mit tö ^TEMO'V'töv und tbuj(itv durch 01 Ö9ÖaXjioi
umschreibt. An ein Schreiberversehen ist bei XIII, 6 nicht zu denken;
vielmehr hat der Schreiber hier aus seinem Exemplar i Kor 2, I2f ab-
geschrieben, Was er fand. Daraus ist zu schließen X, 38 hat Origenes
das Citat diktiert, XIII, 6 hat es der Schreiber in größerem Umfange
selbst eingesetzt. Daraus wird man schließen dürfen, je knapper das
Citat ist, desto grosser ist die Wahrscheinlichkeit, daü es die von
Origenes bevorzugten Texte repräsentiert. Je ausgeführter das Citat ist.
I
72
E. Pren&cbeD, Bibeicitate bei Origenes.
desto zweifelhafter ist es, ob wir in ihm den Text des Origenes zu
erkennen haben.
Da, wo Origenes eine Stelle genauer bespricht, ist zuweilen die
Ejtegcse noch das Mittel Urlesart und Kopistenlesart zu unterscheiden,
1 Joh 3, 10 wird im Zusammenhang von V. S^ro in der Form citiert
(XX, tj, S, 343, iS m- Ausg.) ttöc ö fii] ifiv bixaioc. Diese Lesart findet
sich in einer lateinischen Handschrift (m): qui non est justus. Der SahJde
bietet sie und Thomas v. Harkel hat sie an den Rand gesetzt In den
griechischen Handschriften scheint sie der andern: 6 jui^ ttoiiDv EiiKOiocOvriv
übenill gewichen zu sein. Daß aber auch Origenes keinen andern Text
voraussetzt, als den letzteren, beweist seine Erortenang c. 14, Der Kopist
hat hier demnach eine Handschrift benutzt, die dem Typus der sogen,
«abendländischen" Zeugen angehörte. Das ist an sich nicht umntec-
cssant. Aber es beweist zugleich, daß sich Origenes selbst an diese
Zeugen nicht hielt
Auf ein anderes Beispiel dieser Art darf man in diesem Zusamraen-
harge noch hinweisen. Es betrifft die Auslassung von ^v 'PüjMr) Rom i, 7
(vgl. darüber Hamack, Jahi^. HI, S. 83 ff'.). Daß die Worte wie im
Boemerianus bei Origenes fehlten, beweist die Randnotiz in 47 und dem
von V. d, Goltz untersuchten Cod. Athous Lawra 1S4 saec, X (Texte u.
Unters. XVII, S. 53)- In dem Lemma sowohl wie in der Erklärung
waren die beiden Worte ausgelassen. In dem grollen Citat Rom i, i — j,
das sich im Johanneskommentar findet (XIX, 5, S, 304, iSff. m. Ausg.),
stehen die Worte im Text Der Kopist hatte sie gefunden; aber Origenes
benutzte ein Exemplar, in dem sie fehlten. Daß sie Ruiin in der Über-
setzung hat, ist kein Beweis dagegen. Denn an dem Kommentar zum
Römerbrief hat er eingestandenermaßen reichlich hcrumkorrigiert. Ps6S,io
lautet in B öti 6 lf[K<ic toö oIkov cou KaTacpäTetai mg; in B'' steht
KaT(<paTt inH'R KOT^qjaTtv. Origenes citiert dies Psalmwort nach dem
Psalm X, 34 (S. 208, 8). Der Text bietet KaTCcpdTeToi. Aber Origenes
fügt unmittelbar zu: so steht bei dem Propheten und nicht KaTacpäT€Tai.
er las also xctT^ipaTe. Der Kopist entnahm die genau bezeichnete Stelle
ih iX] ijjaX^np) seinem Exemplar und schrieb sie danach aus^ ohne zu
bedenken, daß die nächsten Worte ihn schon Lügen strafen mußten.
Lc 7, 28 wird XX, 4 (S. 331,22) so angerührt: \itilaiv iv ftvvT]io\c
Tvvaixwv 'Iwdvvou toö ßaTmcioö oüfrcic ^cnv, atso der Text der in der
Auslassung von npotpiinic vor 'luidwon mit BkLHX i. 33. KM aL
stimmt andererseits in der Zufügung von toO ßaTmcroü mit AX (A) 33 al.
zusammengeht. Dagegen wird VI, 21 (S. 130,33. ijl, 2) das Wort
*
variiert in der Form niilutv Iv tewitroTc TuvaiKuJv 'luiÄvvou oöfctic IcTiv,
In dieser Form wird es wohl Origenes selbst gelesen haben.
Es ergibt sich somit der Kanon: um festzustellen, was im einzelnen
Falle die Lesart des Origenes war, ist nicht von den in größerem
Umfang gegebenen Citaten auszugehen, sondern umgekehrt von den
bloßen Anspielungen, in denen Origenes den Text paraphrasiert. In
ihnen haben wir die authentischen Aussagen über den Text zu erblicken;
denn hier liegt kein Grund vor zur Annahme, daü die Kopisten aus
eigner Machtvollkommenheit etwas an dem Diktate geändert hätten.
Diesen Citaten zunächst stehen kurze Citate, die Teile eines Verses oder
einzelne Verse entlialten. Auch bei ihnen ist es möglich, dass sie von
Origenes so diktiert sind, wie wir sie jetzt lesen. Aber das aus Ps 68, lo
eben angeführte Beispiel beweist, daß man sich auch bei ihnen eines
Versehens gewartigen muß. Es ist sehr wohl möglich, daß die Kopisten
ein für alle Male jedes wörthche Citat mit dem Text zu vet^leichen
und danach 2u verifizieren Weisung hatten. Erst recht gilt das von allen
umfangreicheren Citaten, Sie können uns nur lehren, welche Textformen
zur Zeit des Origenes im Umlauf waren, nicht aber, welche Formen
Origenes bevorzugte.
Nun hat freilich Koetschau (a. a. O, S. 324 ff-) den Nachweis zu
führen untemomnien, dat sich Origenes häufig nicht an den Wortlaut
gebunden, sondern diesen willkürlich verändert habe, wie es seinen Zwecken
entsprach. Soweit das selbstverständliche Dinge betraf, die Ersetzung
von läp durch bi und umgekehrt, die Streichung einer unverständlich
gewordenen PartikeE, die Ersetzung eines Pronomens durch das Sub-
stantiv, wo das Pronomen in dem Zusammenhang unverständlich gewesen
wäre, hätte es nicht vieler Worte bedurft. Anders wird wohl zu allen
Zeiten schwerlich citiert worden sein oder citiert werden. Nur eine sehr
enge Auffassung des Begriffes der wörtlichen Citate kann sich darüber
aufhalten. Ebensowenig ist es zu verstehen, wie man den Wortlaut bei
Anspielungen, wie sie Origenes hebt, in eine Schablone pressen will.
Hier kann eine aphoristische Betrachtung einzelner Stellen gar nichts
helfen, sondern nur eine streng methodische Untersuchung der Citations-
weise des Origenes, die von den Citations formein auszugehen und darauf
gerade die Anlehnungen zu durchmustern hat. Eine solche Arbeit würde
den Rahmen eines Aufsatzes weit auseinandersprengen und kann daher
hier nicht getei^tet werden, zumal es nur darauf ankommt, die Prinzipien
Idar zu stellen, die für eine solche Untersuchung 2U gelten haben.
Auch ist es durchaus nicht meine Meinung, daß sich in jedem Falle
T4
E. Preoschcn, Bibdcitate bei Orig'cnes
noch mit Gewili<heit sagen ließe, wie Origoies jede einzelne Stelle, Über
die er spricht, gelesen habe. Vielmehr wird man sich häufiger, als es
im Interesse der neutestamcntlichen Textkritik wünschenswert ist damit
begnügen müssen, ein Fragezeichen ru sctxen. Dennoch scheint mir
die Sache viel weniger aussichtslos zu sein, als das nach den Erörterungen
von Koetschau scheinen könnte. Nur wird man, um hier nicht zu Fehl-
schlüssen zu gelangen, die Quellen aus denen eine solche Untersuchung
2U schöpfen hat. genau klassifizieren müssen. Die Stufenfolge ist, von
den in zweifelhaften Fällen unglaubwürdigeren Zeugen angefangen; Über-
setzungen — Homitien — Kommentare u, a. Bei den Übersetzungen
wird man sehr oft den Übersetzer hören, wie man in den Catenen den
Redaktor hört Die Überlieferung der HomiÜen ist unsicherer, als die
der Kommentare, daher jene vor diesen zurückstehen müssen. Nach
diesen Gesichtspunkten müßten die Gtate geordnet und systematisch
geprüft werden. Das Resultat wird, soweit ich sehe, das sein, daÜ
Origenes selbst einen Terct benutzte, der im wesentlichen mit dem von
BH stimmte.
f Afaicicbloifui den ja. Janmr 1903.]
P. 0. SchjäU, £ine relinionsphilosophische Stelle bei Paulus. Rom i, i&— 3a 75
Hine religionsphilosophische Stelle bei Paulus.
Rom 1, 18—20.
Von P. O. SchjBtt, Professor an der Uaiversitiit Chrisliani^
Der uns in diesen Versen aus dem Römerbrief vorliegende Ab-
schnitt enthält in gedrängter Form ein Stuck Thcodicee. Der Gedanke
des großen Missionärs bewegt sich in umfassenden, möglichst allgemein
gehaltenen Begriffen. Der Weltplan Gottes, das unter seiner Leitung
sich gestaltende düstre religionsgeschichtliche und moralische Schicksal
der Völker, soll sich als weise und gerecht herausstellen. Dem Gott
gegenüber stellt uns dementsprechend der Kontext die Menschheit, Die
Argumentation bedingt aber, daü der Apostel unter der Menschheit be-
sonders die nichtjiidische Heidenwelt vor Augen hat, und, wie Vers 16
uns schliei^en lä&t, schwebt dem Apostel bei seinen Ausführungen unter
den Heiden besonders die in geistiger Hinsicbt tonangebende griechische
Welt von So kommt es , da^ wir hier ein Stuck griechischer
Theosophic lesen, wie sie ein griechisch unterrichteter, dabei jüdisch er-
zogener und chrisüich fühlender Denker reproduziert. Etwas von der
Diktion, die man tn de Act 17,23 fr, überlieferten Rede desselben
Apostels findet, vernimmt man auch hier, und wie Paulus sich dort, und
zwar absichtlich, in Wendungen bewegt, die er der griechischen Gedanken-
welt entlehnt, so ist hier seine Fühlung mit dem zeitgenössischen höheren
Räsonnement der Hellenen, wie ich meine, deutlich erkennbar.
Pautus will an unsrer Stelle kurz ausdrücken, daß Gott den Menschen
völlig die Mittel gegeben hat, ihn zu erkennen, daß darum sein Zorn,
dass sie von ihm abgeirrt sind, begründet ist. Der Text lautet:
iinoKß\üirT€Tai fäp öpT'l B^ov dir' oüpavoü im Ticicav dc^ßtiav Kai
döixlav ävBpitinujv tlüv ti^v dXr|9ciav iy abiKxnf. KQTtxövTLuv, bx6n tö tvuj-
cröv Toö Oeoö (pav€p6v ^cnv iv awToic* Ö öeöc fäp aÖToTc iqtaviptua..
TÄ fttp ÄÄpata aÜTOö iSttö ktI«ujc KÖcfiou toic iroiriiuaci vooiüfiiva KaOo-
yö P. O. SchjStt, Eine religionsphilosophischt Stelle bei Paulus. Rom i, iS^^^äo.
patai, i\ TE dftioc aÜTOÖ tnivapic Kai ÖeiÖTiic elc tö ervai aöroifc dva-
TTOXOTTITOUC.
Wichtig ist hier sciion die Auffassung von to yvujctöv toö eeoO.
Die meisten (so auch die deutschen Übersetzungen von Weizsäcker und
de Wette) ütrersetzen: Dte ErbenntniSf bezw. das, was zu erkennen ist
Die Übersetzung würde freilich mit dem sonstigen Sprachgebrauch im NT
stiminen. Vgl. Joh 18, 15 f. Act i, 19. z, 14 und öfters. Aber Paulus
hat das Wort sonst nicht, und es ist kein Grund, bei ihm eine Ab-
weichung von der bei den Klassikern reichlich belegten Bedeutung „er-
kennbar" anzunehmen. Diese Auffassung des Wortes stimmt zu der
sonstigen theologischen Ausdrucks weise des Paulus. Vgl. ftuvoTÖv toü
etoO Rom 9, 22; t6 dcÖevU t. 8. i Cor i, 2$; ib xpriCTÖv t. 9. Rom 2, 4_
Sie wird aber auch direkt logisch geboten. Das q>0!V€p6v folgt ja als
Prädikat. Unserm Autor die Tautologie zuzutrauen; das Erkannte sei
den Menschen kund, ist wenig ratsam. Unter tvwctöv wäre also zu
verstehen: das, was an Gott, rem allgemein betrachtet, ohne Zutun von
spezieller Offenbarung erkennbar ist.
Es wird durch diesen Ausdruck für unsre Vorstellung solches in
oder an Gott, das erkennbar ist, demjenigen gegenübergestellt, was die
Menschen mit ihrer Auffassungsfähigkeit nicht bewältigen können. Der
Gedanke hat nichts befremdendes an sich, er kehrt bei religiös oder gar
philosophisch denkenden Menschen oft wieder.
Es wird nun im folgenden dieser Gedanke expliziert. Die Ausführung
enthalt im wesentlichen die folgenden Momente: Gott hat sich als der
Welterbauer gezeigt, der den Plan des Universums gelegt und ausgeführt
hat. Er hat hierbei seine Macht sichtbar gemacht und überhaupt das
ao den Tag gelegt, was wir als Göttlichkeit verstehen. Dies alles ist
den Menschen klar sichtlich. Die Werke der Schöpfung liegen ofTeti
zu Tage, und wir schließen von ihnen zurück auf ihn, der der Ursprung
und der Herr der Schöpfung ist, d. h. Gott.
So weit befinden wir uns an dem Hauptpunkt unsrer Untersuchung;
eine in der NT Theologie wahrhaft einzigartige Reflexion hat hier Platz
gefunden.
Tci döfMtTO, das Unsichtbare Gottes, die an Gott haftenden unsicht-
baren Qualitäten- Welches sind dieser Das Wesen Gottes nicht; denn
Wesen ist doch eine Einheit, hier aber heißt es plurahscb rd ditpaza.
Wie ist aber diese Unterscheidung zu verstehen? Gibt es im Begriff
Gott Seiten, Qualitäten, die gesehen werden können? Zwar findet sich
schon bei Anstoteles die Lehre, daß Gott selbst unsichtbar in der Natur
P. O. Schjäct, Eine religionsphilflsop tusche Stelle bei Pa.ulu5. Köm i. iB—^o. 77
■
sich äuüerüch bezeugt*. Aber Sinn wie Worte sind hier ganz ver-
schieden*.
Noch weitere Schwierigkeiten stellen sich beim vorliegenden Satze
ein. Es werden die folgenden Worte gewöhnlich übeisetzt: wird durch
Nachdenken geschaut: voov^Eva. Was zunächst das Ka6op£iTai betrifl^t
so bedeutet das Wort „offen zu Tage liegen". Der Begriff weist auf etwas
Absolutes hin, das für Iceine weitere Ergänzung Platz übrig läßt. Eine
ergänzende Erklärung wird aber bei der gewöhnlichen Auffassung dem
Begriff aufgezwungen. Das niuü den Anschein erwecken, als wolle
Paulus seine Worte entschuldigen und dadurch abschwächen. Ein
logischer Zusammenhang ist bei der angeführten Übersetzung kaum her-
zustellen. Das ganze Acumen der Argumentation Liegt ja in der völlig
zureichenden Beschaffenheit des von Gott zur Erleuchtung Dargereichten,
nicht etwa in einem speziellen Habitus (voöc) der Empfänger. Ferner,
was soll das heiüen, daß die unsichtbaren Dinge Gottes „ersehen wurden
von der Schöpfung der Welt her", also als der Mensch noch nicht da
war? Endlich: es geht nicht an zu sagen, daü ein Ding mit den Augen
gesehen wird, während es mit den Gedanken erfaßt wurde.
Die Losung mu& in einer richtigen Auffassung der prädikativen
Apposition VQOiufiEva gesucht werden. Mit diesem Satzteil muß es sich
anders verhalten, als die obige Übersetzung angibt; vooiijieva kann sich
nicht auf den Modus der subjektiven Erkenntnis der Zuschauer, sondern
muß sich logisch allein auf das Objekt der Anschauung beziehen. Das
appositioneile Wort fügt dann passend an das rein formal negative
döpaia ein anschauliches inhaltliches Moment. Als vooufievii kamen die
unsichtbaren Qualitäten Gottes durch einen besonderen Prozess (nämlich
durch den Schöpfungsakt) zu sichtbarer Offenbarung.
Der Sinn wird dann folgender;
Die unsichtbaren Gedanken Gottes, die von der Schöpfung der Welt
her in seinen Werken hervortreten (realisiert sind), liegen offen zu Tage
sowohl seine ewige Macht als seine Gottheit. 3
" Siehe Zeller, Die Fhilosophie der Griechen. 3. Aufl. 11, 2. S 359 fr,
* Eher Iläße sich ein EirflaE auf den cbristlichcn Denker ECÜens der StoikM
mnnelimen, die von lliase sqs die t^ägung muichei chcistlichen l.«hrui3chBUungen mit
bestimmt haben. Vgl. hierüber A. Aall. Der Logoi II, Lciptig 1899. S. J^öff- und
p. Wcn<JUnil, Piülf? und die t^ynisch-stQi scb« Diatrilie. Bciliäge tm Gcschiclit« -der
griechischen Philosophie tind Religion, Berlin 1S95.
3 Dos Falg«Dd« iil IIB wesestliäheä Wiederga.be einer Äuasprobg des Herro
Dr. Anathon Aall, der sich di-c Erforschung der alcxandrinischen Philosopliie rur spcciellen
Aufgabe geivählt und sich auch sonst an der Ausarbeitung dieser Abhandlung be-
teiligt hitl.
ff #'..p.>qfc»t.a^<rfM>MtMlMwmiMpfea«fcfa«igi1hfc.
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V^L Aall. Set lagna X 24d£.
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A Januai i0%J
£.C.Butlei, Aß Htppalytus Fragmeat and a Word on the Tractatus Origenis. 79
An Hippolytus Fragment and a Word on the Tractatus
Origenis.
B; Dom £. C. Butler, Cambridge.
The piirpose of the foLlowing investigation (tlie substance of whicli
was communicated to the Cambridge Theological Society on Nov. 14,
1901), is to carry back a stagc further onc of the discussions initiated
by Dr. Haussleiter in the third of the articies on the newly found Trac-
tatus Origenis contributed by him to the Tkeoh^ckes Liieraiurhlatt
C19C», Nos. 14, 15, 16). The eleventh of the new Tractates is an alle-
gorical coramentary on Numb. XIII, the story of those sent by Moses to
Epy out the Promised Land. The words of verse 24: abscldemnt pal-
mitem cum uua sua, quem portauerunt in uecte'duouiri (Vg.), are here
renderedi; absciderunt inde palmitem et botrum uuae cum eo, et sustulerunt
illum botnim in pbalanga (Tr. Orig. ed-Batiffol, p. itS). This translation
of äva(f!0|>&0ctv by phalanga is unusual; it is neither Itala nor Vulg. But
Haussleiter pursued the word through the litcrature oftlie early Middle
Ages. and produced half a dozen instances of its employment in Numb.
Xin, 24, in every case coupled with the same allegorical interpretation
of the verse that is found in Tr. Orig. XI; — naraely, the staff is the
Gross, the Cluster of grapes hanging on it figures Christ crucified be-
tween the two peoples, represeoted by the bearers, the Jewish people
with their back tumed towards Him, and the Christian people with their
eyes fixed on Him. Hausslciter concludes that the whole series of
pEissages in question goes back, directly or mdirectly, to Tr. Orig. XI,
and draws the inference that these Tractatus are a source of the first
rank for wcstem ecclesiastica! literature.
Now Wilmart, Batiffol's coeditor pointcd out to Morin* that this
^K Tr. Orig. XI is in large measure identical, in substance and language,
^H with No. Xn of a series of Homilies discovered by Morin and attributed
' Revue itlTal. et de L£t. Sri., 1900, p. 15S.
So £. C. Butler, An Hippolyius FrA^rcienl and » Word on tb« TrActatvs Ori^ttüS.
by him to Caesarius of Arles, and printed in the Revw Bcntdictme
of :899, p. 337. In thc Neue kircklkhe Zeitschrift for Febr. 1902 (l 19— 143)
Haussleiter has printed the two täxts together, and he oläintains tliat
Hom. Caes. XU b derivcd from Tr. Orig. XI, that is, as he will havc
it, from Novatian, for he still defends the Weyman-Zahn thcory of
the Novatianic authorship of thc so-cal!ed Traeiatiis Örigcnis. This
question, whether the Tractatus are to be attributed to Novatian, is
evidentSy one of the most interesting patristic questions in debate at
the present hour; and it seems to me that the examination of the rela-
tion&hip between thc two tcxts, Tr, Orig. XI and Hom. Caes. XU, may
help to throw light upon the problems concemed with the character and
date of the Traclalits Ori^atis.
If the reader will turn to Tr. Orig. XI, p. 122, ed. Batiffol, (p. 129
in Hausslciter's arL, N. kirchL Z.), he will obscrve that after the alle-
gorical exposition of Numb. XÜI, 24 has been giveti (1.1. 6 — 9), it is
repeated over again (1. L 19—22), to the great detriment of the sense,
for the repetition is quite superfluous and breaks the sequence of
thought: in short it has all the appearancc of beirtg a doiiblet Now the
second passagc {Jtaec ihiqut ratio . . . figiira fiwnmf) is not found in
Hom. Caes. XII. which goes on without break: . . . stguatur me. kic
aulein botrus etc. The relevant portions of the texts are printed out
below. There is, howevcr, in Tn Orig. VI (p, 73) another much shorter
instance of the same exposition of Numib. Xttl, 24, overlooked by Hauss-
leiter, but containing the word phalanga and the elements of the accom-
panying aüegory. The comparison of the three texts made in thc
foLowing Table will show, I tliink, that the doublet in Tr. Orig. XI
(p. 122} is due to thc insertion of a passage based on an independent
piece, which was the source also of the passage in Tr. Orig. VI. And
this Impression becomes a certainty when it is observed that in the
concluding portion (the portion ia triple column) Tr. Orig. XI is a mani-
fest fusion of the two pieces represented by Hom. Caes. XU and the
passage in Tr. Orig. VI, taking its structure and though* from Hom.
Caes, XII, but part of its vocabulary from Tr. Orig. VI.
Table t
Tr. Orig. XI (p. lai L 4) Sed qu» Uc
bolnit de- teiTiL repromissioQis e-si nisi Chris-
tus de Cwih: uireini» quam temin repro-
missionis scriptura appctlat? diierst cnim
deus: Eca ua-go in uUre afcipia. denigu«
Hom. Cus. Xn Nam ticat ille [sc botnu)
suspensus in Hgno Quorum tsl delilni ob-
EGquiiEi SIC et CbrisTas de curne uirginü
aelDl de terra, reproroiEsioDis ulneiiieTu me-
4>i. 1903.
E, C. Butler, An Kippolytus Fragmeni and a Word on the Truitatus Ongcnis. 8l
ut illc botrus ui phaJanga allitas oiedius
inier duos saspeosus in ligiio pendebit, ita
«t Christas iillcr duoS popolOS, Jodaeafuni
scilicet ci Christiauorum, in cnicis ligno
suspensus est. . . .
(afitr ^li.B,es),..flsei/iui/ur mc. (line l7)haeG
itaque ratio, haec caiisa prophetiae fuii, di-
lectiasiiui fiatrcs, ut in phal»nga Ipotrus aSei-
retur: q\itc ptialonga cnjcem domini iadi>
cabat, botius ueri>, ut iua dixi, Christum
qui in CTUcc sa^pendcnilus erat, duo tgiioque
uiri daonim, ut dictum est, populonim Gfura
faeranL*
diusintcr nhTiinqHe potitns tcstameiitum, itttcr
daoi popnloi, /ndaeo'ruiii scUicei et Christin-
nänua, in crucU tigaa «uspeDtiu esL . . .
...f/ffi^aRirntf.-l'fContd.below, noiddlecol.)
Tr. Ori£. VI (p. 73t
£/ iH saitgwMt fUi«, Ipse enim Uolni* uuac
est appcllatuE in cuius 6gura. de terra icpra-
mi&säotaLä cikiä äpctiilatorcs botrum unuiu in
pbaUnga nltulerunl, ut plialanga licnum
crucis ostenderenC et botro ChTistiim inter
duos populos in lifS« crucis pendcnCcm.J
{Tr.Orig. XI)* hie ergo bo-
trus ueuerBbili
crucis lignocompretsns
nobis in «c credcntibus
uinnm sui saitguinis pto-
pinauii undc beati aposloli
et otunig credeatium po-
puln s muito pleiü sunt dicti.
(Hom-Cacs. Xn»^ hica-utem
botrus dcpressum in salutem
nostruDi uinum aani^uinis siii
crucis CDnstiicIioae profudit
ntque ilium ecciesiii (nr) pna-
sionis sua« chIIcciu propina-
uil UDde apostolis sub tem-
pore mucenCis CGcksiae die*
tum est! Qma musli> refUti
m'H iiti.
(Tr. Orig. \11S el ideo (Heil :
/ir sAit^iine uuar, fjnia sicut
nua duro coactaque coin-
pre&ga ligno expiimilur, ita et
botlTls illfl-, id est corpus
Chrisli ligno crucis comprea-
siim,uuae suaccorponsque sui
sanguiiiem fudit. uude «na-
boladiuiQ su-um, id est popu-
lum per fidem curm suae con-
ianclum, lauit et purificatum
Osten di(.
This Table demonstrates that Hom. Caes. Xu is not, aa Haussleiter
wouid have it, an abbreviation or redaction of Tr. Orig. XI; but raüier
it represents a more primitive State of the text. Is it the source of Tr.
Orig. XI? I think not. Here it is necessary to retum to Haussleite r's
thifd art. m the TktoL LUeralHrbiatt. He there shows that the later
instances of this particular allegoricai Interpretation of Numb. XIH. 24
are derived from the original source by a twofold line of descent:
(a) through Hom. LXXIX (In Natali Cypriani) of Maximus of Turin
(c. 450); (b) through Serm. XXVm among the Supposititious Sermons
of St. AugiiBtine: this sermon is attributed by the Maurists (and Morin
acquiesces in their jiidgment) to St. Caesarius of Arles (c. 540). These
pieces 1 shall call Max. and Ps-Aug. It is not necessary to pnnt theiU;
they may he foimd in Migne Patr. Lat. LVII, 423 and XXXDC, 1799
respectively. We have now to constder the four Icindred passages in
Tr. Orig. XJ, Hom. Cacs. XII, Mas-, and Ps-Aug. The use of phalanga
and the generat outLne of the aUegorj' are of course common to all
four documents; but thcre are certain features or Clements of the ex-
position common to two or to three only. Thns: —
Zeiuclu. f- 1^ naul^t. Wal. J>lug. IV. 1903. g
8z E.CButler, An Hippolytus Fragment and aWord an Ihe Tractatus Origesis.
^m Table IL
r(I^ The Virgin Mary is the Land of Promise.
Tr. Orig. XI, Hom. Caes. XU, Ps-Aufi.
(2) This is proved by citing h. VII, 14.
Tr. Orig. XI, Ps-Aüg.
(3) Christ is said to have hung between the two Testaments.
Hom. Caes. XU. Ps-Aug.
(4) Ps. LXVni, 24 [LXIX, 23]: obscurentur oculi eorum ne uideant et
dorsum eorum semper incurua: is applied to the Jews as represented
by the first_ bearer,
Hom. Caes. XU, Max., Ps-Aug. I
(5) Judaeus prior est, Christum in lege portat: Max.
Ille (sc. Judaeus) prior graditur; . . . pertat quidem Christum in lege
Judaeus: Ps-Aug.
(6) Hie autem botrus expressum . . . uinum crucis con&trictione . . . pas-
sionis suae calicem proptnauit: Hom. Caes. XII.
Botms Ule per inturiam uel pondera crucis expressue est; de tant?
ac tali uua accepturi calicem salutaris . . ..: Ps-Aug.
(7) Acts II, 13 and Is* V, 7 quoled in sequeL
Tr. Orig. XI, Hom. Caes. XII, Max.
It would be of no use to record the agreements of Tr. Orig. XI
and Hom. Caes. Xu, which are but difierent forms of the same text;
Max and Ps-Aug., 011 the other band, have been freely rewritten. From
Table E it may be gathered tbat Tr. Orig. XI, even after the Inter-
polation from Tr. VI has been removed, cannot be the source whence
the other thrce were derived; nor was Hom. Caes, XII; nor will Tr.
Orig. XI and Max. taken together account for Ps-Aug. The pheno-
mena revealed by Table 11 point to the conclusion that all four redac-
tions go back independently to a document not yet brought to light,
intermediate between the fragment from Tr. Orig. VI on the one band,
and Tr. Orig. XI and Hom. Caes. XU on the other.
The fragment in Tr. Orig. VI seems to be the earliest form hiüierto
discovcred of t!ie allegory on Numb, XIII, 24. The whole of Tr. Orig. VI
is an allegorical commcntar^' on tlte Blessings of the Patriarchs in Gen.
XLDC. Now Batiffol pointed out in the Ret'ne Bidlique {1898. pp. iiS— 9)
a series of contacts between this Tractate and the Greek catena frag-
ments from Hippolytus' commentary on the same chapter (ed. AcheLs,
pp. 55 — öl), — contacts faint enough taken singly; but taUen together,
te^i
E.C. Butler, An Hippolytus Fragment and a Word on Ihe Tiaccatus Origenis. 83
and in their scquence, undoubtedly real, in oiy judgment One of the
points of contact is between the second JtalJ of tiie fragment frora Tr
Orig. VI given in Table I (i, e. the part in triple column) and Hippo-
lytus' corament on the words of Gen, XLIX, 1 1 : koI ^v oVcti croqjuXtic
Triv TCgpißoXi^v aÜTOü. The comment is: kqI £v qV^iti CTaipuXnc Ef^ißci-
cric KOI dvidcric aijia, Öiiep ^ctiv i\ cäp£ toö Kupiou, rJTic Trdcav inv k\
ISvöiv KViiav KaöapiZti (p. öo). Cornpare Hippolytus' commertary on
the same verse in tlie De Antkisristo: AT^axi oöv craqpuXtic noiac,
äXX' f| Tfjc a-pac capKÖc auTOö luc ßÖTpuoc ^iri EüXou eXtßtkric; eE f|c
nXtupäc fpXucav biio itHTaf, affiaTOC Kai uMtoc, öi' (iv tö fOvii diroXouö-
MevQ KoSaipovrai, äriva lüc TrepißöXaiov X&XöfiCTQi XptcTW. (^ XI, ibid.
p. 10). But the//ri/ iialf of the same fragment (see Table I) may abo,
I think, be traccd back to Hippolytus, though Batiffol did not notice
the fact. Among some Arabic catena fragmcnts on the Pentaleuch,
translatcd from Syiiac and attributed to Hippolytus, Is one on Numb.
Xin in which we find the following (translated from Achelis' German,
op. cit p. 104); "When the Scripture saith: They cut off a vine-branch
and a düster of grapes which they bore between two men; the vine-
brauch is th« hgure of the Gross, and the Cluster of grapes hangtng
upon the vine-branch and borne between two men, is the figure of
Jesus Christ, who is hung upon the Gross, which Stands between two
thieves". Here we have all the Clements of the allegory, except that
the two bearers are taken as representing tlie two thieves instead of
the two peoples. It is not rash to surmise that this very obvious and
commonplace interpretation of the bearers 15 an alteration that has crept
in in the process of translation and transmission; and tliat in the ürst
half oi the passagc from Tr. Orig. VI we recover the substancc of a
genuine Hippolytus fragment.
When the newly found complete text in Armenian and Geoi^an
of Hippolytus' commentary on Gen. XLIX is made accessible to Wes-
tern scholars^, it will be of interest to see how far Tr. Orig. VI is
based upon it. Meanwhile it looks as if tlie allegorical exposition of
Numb Xm, 24, so populär among Latin writers tlirOüghout tlie Middle
Ages, may be traced back to Hippolytus; and this raises the question
whether Tr. Orig. XI and Hora. Caes. XII may not preserve (doubtless
in altered form) still more of substanlially Hippolytean matter.
In face of Haussleiter's uncompromising reassertton of the Nova-
» S«t Boaweüeh, T^xU u, VnltTPic)m«gtn, N. F. vm, 2.
84 KiCBstler, An Hlppolytus Fragmeoi atid a Word tm the Tracuus Orige mis .
tianic autborshjp of the Tratrtatus Origenis Jd his tatest articie in tbe
AVwr kircitl. Zeitschrifl, I wish to say a word on the subject Froni liis
reference to my articles on the Traelatus in the youmai vf Ihtoiegicai
Studiei (Oct. 1900 and Jan. 1901) it would natuially be supposed tfaat
I had put forward a rival theory as to the authorsbjp, and had done
50 without regard to the ai^ments whereby Weyman and Zahn had
advocated Novatian's claims, As many readers of the Zt-ifscJtriß für
NTAkhe Wissenscimft probaly will not have seen the articles in guestion,
I should üke to icidicate the position at which I have amved. I have,
then, no theory of my own as to the auüiorship, bcyond the ncgatK'C
one that in their extant form tiic Tractatus cannot be re^arded as in
any real sense the work either of Origen, 01 of NovatJAn, or of Victo-
rinus of Pettau, or of Gregory of Eliberis. I did not neglect the ar^-
ments in favour of Novatian; the whole of the second articie was dcvo-
ted to an examinatioji of Weyman 's articlc in Archiv f. iatein. Lfxiaji^,,
the chief presentation of the Novatian ca^e^ In tlie Erst articie I show-
ed that a few minute traces of Origenistic matter may be detected in
the first three or four Trattatus — 1 examined no furtherj and I called
attention to the fact that Tr. Orig. HI presents a series of considerable
verbal identities witli Rutinus' translation of Origen's Hom, in Gen. VH.
It would be of interest to know how the defenders of Novatian's
authorship reconcile their theory with tliis phenomenon: is jt to be
supposed that Rufinus when translating Origen embodied stray sentences
and clauses out of Novatian? I venture to think that the analysis of
Tr. Orig. XI made in this articie goes far to corroborate the position
arrived at in my former two articles: viz. that though the new Traitatus
Ongenis probably contain embedded in them morseis of mteresting
old matcrial, still in their extant form Ihey must be regarded as the
handiwork of an unknown Compiler or redactor, who probably made
usc of some remains of Origen and Hippolytus, and ccrtainly piUaged
frcely the writings of Tertullian, Minucius Felix, Novatian. the de Btmo
Ptidkifme, Hilary, Rufinus, and probably others.
Beyond this I think we cannot at present go, tliough it is Ukely
enough that behtnd our Tractatus lies a series of homilies serving as a
nucleus or backbone running through the present coUection; and to this
nucleus probably belongs the curiöus bibÜcal text that shll calls for a
comprehcnsive in vcstigation. Could such a Gnmdsihrift be isolated
from the latcr accretions, the result would be of considerable interest:
bot it is to be feared that the Redactor has becn so active in recasting
the original book and in wortdng in foreign nia.tter, that it is impossible
to recover tiie primitive work, or even ta form any sure judgrnent on
thc underlying materials. As to the Tractaliis Or^enis in the fonn in
which we have them. I adhere to my forincr opinion, that „tliey will
eventually find their level among tlie ranks of the anonymous Latin
writings of the fifth and sixth centuries."
After the foregoing had been written Jordan's Die Tluologte der
netienidetkten Fi'edigten Novatiatis was published. As. Jordan bruslies
aside the parallelisnis between Tr. Orig. HI and Rufinus' Latin of Origen's
Hom. Vn in Gen., with the remark that they by ro means prove a
direct literary relationship, since the resemblances may be explained by
the cmployment of a previously existing preaching tradition', it is ncces-
sary, in order to show how wholly inadequate is any such explanation
of the facts, to print alongside of each other one pair of the passages
in question:
i
Origen-Rufinus Hom. Vn in Gen.
S 3 (P. G. Xn, 200) Superius iam
exponentes spiritualiter loco uirtütis
posuimus Saram. si ergo caro cuius
personam gerit Ismacl, qui secun-
dum camem nascitur, spiritui blan-
diatur, qui est Isaac, et Ulecebrosiä
cum eo deceptionibits ag'at, si detec-
tationibus illiciat, uoluptatibus molliat,
liuiuscemodi ludus carnis cum spiritu
Saram maxime, quae est uirtus, offen-
dlt, ethuiusceraodi blandiraenta acer-
biBSimam persecutionem iudicatPau-
Tractatus Orig. m, ed. Batiffol.
pp. 27, 17—28, 7. Nunc uero, fratres,
attendite quod dico, quia et ludus
iste aliud significare potest, quia in
omnibus caro aduersatur spiritui.
Ismaet elenim figuram carnis gerit,
quia secundum carnem nasdtur, Isaac
autem spiri'.us, quia per repromissio-
nem generatiir, et ideo carö blan-
ditur spiritui, ut Inlecebrosis cum co
deceptionibus agat, delectationibus
inliciat, uoluptatibus molliat.
I His words are: Wbs- die von Butler ermälinte Tatsache »oii Übereinstimmungen
im 3. Traktate mil der Rufinus übeisetiung der Homilla in Gcneiim VII anLcttifft, so
wird duübcT dasselbe lu iaccn «ein, vrie über die BezieliiiDgcn des ä. TraJttUi cur
17. Genesisbomilie des Origenes aben gesägt isl. [This is Ih« paisage ncfered lo: . - .
5«Uen die UbereinstiinfflUiigen keineswegs einen direkten litcraciscbcn Zuianuncnbang
voraus, da die Übereinstimmungen, die sieb linden, ein gemeinsames Erbteil ^ti voriui-
gegangenen Tredigi praxi» sein k&aneo und wahrjcheinlicb süch sipii fp, zoj)]. Da ^ucli
hier die Annalime nahe liegt, diD die Bcciutrung der vora.ngcgitngcnen Prcdigtliteialur
and Prediglpfaiis die ÜtercinSlimmungcn erklärt, stt muß gtsägl wenlen, da£ ancb
duTc!h BuÜeni Auafiihrung'cii der Beweis einer direkten Abhängigkeit von Orifcnes, ge-
schweige denn von Rufin ans nicht «bracht lu sein scheint, («p, dt p. 206).
et tibidinis aUudat inlecebra.
86 E. C, Butlei, An Hippolytus Fragment asd a Word on ihe Tr&ctatua Origenis.
lus. et tu ctgo, o a.uditor homm,
noti illarn solam persecutionem putes
quando furore gentilium ad immo-
landum idoÜs cogens: sed si forte
te uoluptas carnis illiciat, si tibi libi-
dinis aUudat iUecebra, haec si uirtu-
tis GS ülius tamquam persecutionem
maximam fuge, idcirco änim et
apostolus dicit; Fugite fomicationem.
scd si iniustitia blandiatur, ut perso-
nam potentis accipiens et gratia eius
flexus non rectum iudicium fera.s,
intelligere debes quia sub specie ludi
blandam persecutionem ab iniustitia
pateris. uerum et per siiigulas ma-
litiae species, etiamsi molles et deli-
catae sint et !udo similes, has per-
secutionem Spiritus dicito, quia in
his omnIbus ulrtus oQeitditur.
unde, dilectissimi fratres, uidete
quia et iniustitia homini blanditur,
ut personam potentis accipiat et
gratia eius flexus non rectum iudi-
cium ferat. quapropter inteUegere
debet quis quia sub spede ludi blan-
dam persecutionem ab iniustitia pati-
tur. sed quia Sarra ügurarn uir-
tiitis gerit, proinde huiuscemodi lu'
dus Isroael cum Isaac, id est camis
cum spiritu, Sarram, quae est uiitua,
maxime offendit, (cf. foot of p. 7, Col. i.)
It is clear on the face of it that n-o hypothesis e^cept one cf actual
plagiarism can account for üie verbal identities between these two pieces.
To mc thc Rufinus passagc bears the characteristics of originality and
the Tractate those of adaptation. In any casci that Rufinus, whatevcr
Kis xins as a translator, should when translating Origen's homily have
constructed sucb a patchwork out Novatian and Origen, is a proposition
which is not likely to be seriously entertained. It is tnie that Dom Chap-
man has shown it to be probable that another Latin translator of Origen
introduced into the Commentaries on Matthew a Clementine piece out
of the OpuJ Impei'fectum^: but part of his case was that this piece is
evidently intruded, the context being much improved by its elimi-
natioxi. Here, on the contrary, not only is the above passage an inte-
gral part of the exposition, which runs on quite smoothly in Origen's
own manner from beginning to end of the homily; but if it and the
other pieces identical with Tr. Orig- UI were removed, the whole fabric
of the hoKiily would collapse. and it is impossible to imaginc Uow tiie
gaps thus created can have been hlled up In tlie original. No doubt
■ JmmaS aj Tkeelo^tai StudUi, 1903, p. 436.
E. C, Butler, An Hippolytus Fragment and a Word an the Tracucus Oriecnis, 87
extraordinary things can be done in the way of fusitig texts; but is
there any reason for supposfng that Rufinus fused together Origen and
any Latin writers? Can other instantes be brought forward of such a
procedure on his part? On the other band, if the Tractator was a lifth
or sixth Century redactor of earlier materials, his use of RuRnus would
only be in Iceeping with his use of TertuUian, Minucius Felix, Novatian,
Hiiary and other Latin writers, for he shows himself an adept in such
patching up of texts. If, as Batiffol has to say {Pro/, xxiv), and the
upholders of Novatian must needs adrait, Tr. XVH ts a "farrag-o" out
of TertuUian (and Minucius FelLv), it is but natural to believe that
Tr. m is a similar farrago out of Rufinus, and Tr. I out of Novatian,
Hüary, and Minucius Felix,
In condusion I cal! attention to an articie by Dom Morin in the Revu*
Bmedktme of last July ("Autour des Tractatus Origenis"), in which he
demonstrates, as far as demonstratio n is possible in such a subject
matter, that a passage in Tr. Orig. IX (ed. BatifTol pp. 99, 19 — lOO, 13)
is based upon Gaudentius of Brescia (P. L. XX, 86j' — 6), who died
about 410, or (according to others) about 427.
It must be held that until these initial difficulties have been sur-
mounted, Novatian "s claims (or Origen 's) to the authorshtp of the
Tractatus cannot even be admitted to a hearing.'
■ Jordan sa;s that tbc biblical cit&üoas decisiv«l7 provc Ihe Tracttior'a idcotily
vith NavatiAD (op. ciL p. 13). ünfonuniLtely lie has not supplicd «nj prescniiilion or
the eaie \n suppnfl of this view, ezcept an Exkurs contaJning a table ftC the niere refe-
renccs to the lexls (ound boih iu NoTatiao and ihe Traciatm. AI the heginning of ihc
list he direcffi espeeial attention tbo three texts. Bul aif lirxreram meam in I's. C1X(CX), 1,
and Jedil m Thil, II, 9. arc al;undMitl)' atlcsUd as widel; cunedt readings, and aie
viliieless for the pufpose in Land: there naina^ preJiti in Is. XI, 1, which (to judge
fro-m Sabalier) is found only b NgT^tian «nd. in Tr. 0"g. IX; bul tbis is far too narrow
a basis on which to build any thcory. Ot Ihe reat I cxamined sit lexls lakcD a( ran-
dom (Gen.. XLIX, lo, 11 ; Deut, vm, 3; Is. I. 13—15; Mt. X, aS; ]a. XV, 2; Cd. n, 15);
the imprcssioo inade on mc h rithcr that ilie iwo writers emplojed diflcrcnt typcB o(
O- L. t*)ils, for ih«Te are many diffetentes, and in many of these cases both readings
»re lufßcicntly widely attesled lo be rccognisable as currenl rival rending».
Even Ihii cnrsofy glance wa.s enough to r«venl imerestiug O. L, readings in the
biblical cilati^ns t/l tlie Trodalia e. g. in Gen, XLIX, 10 there is a reading de^vtt
utniat stmen, which Sabalier cites from Proipcr and froiii no anc eis«.
lAbctMUaitea UA ib. JtAUu i«i)J.1
E. Preuschea, MisceUm.
Miscellen.
Encyclopaedia Biblica.
Von dem graben Unterriehm«!!, luf dessen Bedeutung ich bcreiU früher [Jahrg. 1,1550
biDgewi«scn Libe, ikgeii dfei Uätide fertig vor; dtt Abschluß des Garnen ist fiir die
nächste Zeit lU erwaitcfi, Den Wert des in dieser Encyklapädie gebotenen Mkteriale
vennag besser, *ls eine AufiiUlung ibrer Vonüge. der o, S. i ff. abgedruckte Aulsatcl
von Usencr aiucbaulicb lu mucben. Ein Werk, das Schätze wie diesen hWgK, wiid citi«ii
Ehtenplatx in deir Geschichte der Theologie beliaupten. DaC es auch in Deutschland
recllt weite Verbteltang tnijeci müge , i^l Im Inlerttsse einer unfacEtechlicll 'WahxhKftijge]|l
BibclfoT&chimg dringend lu nriinschen. E> P>
Zur Salbung Jesu in Bethanien
liaben sich mehtere Gelehrte geäaDerl. Ich deake darauf noch einmal inräcktokomnieii
und in CLnem der nächsten Hefte 4ies« AuS<iniu)4«r»«Uttt<geii ;u htingeo, EtAst-
veilen tnöchie ich nor eine Behauptung richtig ttcllen. die ich im guien GlB.Qben
dem alten Schröder nac hg e sehriehen hatte. Dat die Juden eine Salbung der Leiehett
nicht gekannt hsticn, wird mir brieflich von Ewei jüdischen Gclehiteii bestritten. Herr
Obenalibiner D. Simansen in Kopenhagen verweist auf Fränkels Monatsschr. f. Gesch.
B. Wissenscb. d. Juticnth, X (iSCi) S. 359 u. 3$3 und Herr Di. D. KünstlLDfei in Krakan
auf Maimonides Miinah Thörih rH, Trauervorschriften IV, I. wonach es isiaclitiacher
Brauth isti den „Lcicllnatii mit WiilzSalben lu salben". Im Talmud komme die Sitte
nicht vor, woht aber in dm Rcsponscti dei Gaonen, verde also wohl auf altjüdiscben
ßraiich rutücVgehen. Die«e HinweiEe, für iie ich beatens danke, sind wichtig und
müsäCD, bei einem emculea Eingehen auf die Sache beriick sichtig;! werden. E> P-
Programm der Haager Gesellschaft zur Verteidigung der
christlichen Religion für das Jahr 1902.
I. (Zu beaotwortea vor liem 15, December 1903I: Ein ]>opuläf» wiEsenschaXtliches
Handbuch der Ethik, fut Moderne im Nicdcrlond.
II. (Zu beantworten vor dem 1 j. Detembei 1904); Eine Beschreibung der religi&sra
PiißCipien des leformicrtea Protest antismiis in Nicdcrland und sein Einßuß auf die Ge-
schichte der Rcformationr und der Reformierten Kirch engememscbaTt in diesem Lainie
bii auf unsere Zeit.
Die Arbeiten cnlls^cn in bolländischer , Uleiaiichei, deutscher oder französischer
Sptaclic, jedoch immer mit laleinisicher Schrift und deutlich geschrieben, nicht
unterECi ebnet, aber versehen mit einem Moilo, das ein lieigcfügtet veiaiej^dtc^ Sillet ebcit-
faLs trägl, worin Name und Wohnort des Verfassers angegeben sind, vor den fes,t-
geselEten Dalen, portofrei eintrelTen bei dem i^ekreiäi der Gesellschart, Planer Di. TheoL
H. P, Berlagc:, Amsterdam, Der Preis ist 400 Gulden. (^= c. 670 Mk.J
Von den 1^2 e lagere ich tea Arbeilen über die Willensfreiheit hat keine den Preia
erhallen. Doch bietet die Ccäellschaft den Verfassctn der AtthandluDgea mit dem Matto ;
„Wer im Kleinsten treu iat" usw. u, „Wo der Geist des lierm ist" usw, 2$o Fl., wenn
sie ihien NanaCD nennen.
I
'Vi'
Chr. A. Bugrge, Das Gesetz uod Christus. 89
Das Gesetz und Christus
nach der Anschauung der ältesten Christengemeinde.
Von Chr. A. Bugge in Chriitiania.
Als das Christentum in der antiken Welt bei Juden und Griechen
Eingang zu gewinnen versuchte, war das anfangs mit fast unüberwind-
lichen Schwierigkeiten verbunden, weil eben die ganie christliche An-
schauung in dem schroffsten Gegensatz zu der damaligen Denkweise
stand. Da diese christliche Denkweise uns nunmehr ganz in Fleisch
und Blut übergegangen ist, sich mit unserem ganzen Wesen und unserer
ganzen Gefuhlsweise verschmolzen hat, ist es uns überaus schwierig
geworden, uns recht anschaulich zu machen, w i e unverdaulich für die
damaligen Menschen die christliche Lebensanschauung wirklich war.
Der Ausdruck „die Geheimnisse des Himmelreichs" ist keineswegs zu
stark, um zu bezeichnen, wie unbegreiflich, ja wie ohne besondere Ent-
hüllung unfaC^bar die ganze Sache war, wie schwierig die Menschen jene
neue Gedankenmassen sich assimilieren konnten. Darauf sind augen-
scheinlich auch die einsichtsvoUsten Forscher unserer Zeit nicht genügend
aufmerksam gewesen, und dieser Umstand hat in mancheriei Weise
ihr Sehvermögen beeinträchtigt und sie zu schiefen Anschauungen gefuhrt
Sie finden zum Beispiel, daß die damals ganz neuen Gedanken in den
Geheimnis-Parabeln Jesu (Mt 13 u. Farall.) nicht besonders schwer ver^
ständlich seien. Allein darin steckt eben die schiefe Anschauung, wenn
man daraus schlieft, daß so leicht verständliche Sachen doch keiner
Enthüllung bedürfen. Denn fast könnte man sagen: je natürlicher die
Gedankengänge uns Christen im 20ten christl. Jahriiundert vorkommen,
um so unfaßbarer waren sie fiir die damaligen Juden und Grriechen.
Das specifisch christliche Messiasideal war diesen bdden beinahe
unbegreiflich. Den Juden war die von Jesus durchgeführte Umbildung
des jüdischen Messiasideals ein „Stein des Anstoßes", und die Griechen
mutete der Messiasgedanke überhaupt nicht nur fremdartig an, sondern
Zcittehi. f d. Bsaiat. WU*. Jibrg. IT. igaj. fi
90
SuSBC
er war für sie einfach etne Torheit. Das ganze Gerede der Qiristen
von ihrem wunderlichen Heros Christus war ihnen zum Lachen.
Was nun besonders die letzteren betrifft, so stellte sich die Sache
folgendermaßen. Jene Anhänger und Anbeter Jesu, jene jüdischen
Fanatiker, die „Nazarener", nannten sich Christianen Das bedeutete
für die Oliren der Griechen entweder die „Geölten"' oder die „Poma-
disierten". Was sind, so sagten die Griechen mit einem homerischen
Gelächter, doch das ftir Leute? Hatten sie wirklich einen Heros, dessen
Eigentiimhchkeit, dessen Größe, dessen „Segen fiir die Menschheit" in
jener Ölung oder vieUeieht Pomade bestand? Um nun diesen Gelachter
erregenden Eindruck ein wenig zu mildem, machten die Qiristianer
anfangs geltend, daß der Name ihres Heros besser XpTicröc d, h. nach
itacistischer Aussprache Christos (mit langem i) gesprochen würde. Also
der Gekreuzigte und Auferstandene sei der Gütige und seine Anhänger
seien ihm ähnlich. Das war nun zutreffend, so weit es eben reichte.
Allein es war doch nur ein dürftiger Notbehelf, welcher zwar das
Gelächter zu dämpfen vermochte, aber eine einigermaßen entsprechende
Vorstellung von der wirklichen Würde und Hoheit ihres göttliclien
Heilands doch keineswegs geben konnte. Ihn nun „Gottes Sohn" zu
nennen, hätte auch nicht zum Ziele geführt, vielmehr hätte das ihn
IMschlich als einen Halbgott darstellen können. Da kam man auf den
Gedanken, daü man, vielleicht nach dem Vorgang der alexandrinischcn
Juden, sein Wesen den Griechen einigermaßen vorstellbar machen könnte,
wenn man ihn a!s den Logos bezeichnete. In dieser Weise wurde
Christus in der zweiten Generation und später mit dem Logos idenü-
ficiert' Dadurch war wenigstens den Griechen die richtige Vorstellung
von der Hoheit und Majestät des Christus erschlossen. Allein der
Logos war doch wesentlich nur eine Brücke fiir die Griechen, 2war eine
notwendige, aber doch nur eine Brücke, die sie jenseits ihrer ^ec bis chen
Vorstellungen in das neue Land der ursprünglich jüdischen Messias-
Vorstellungen führen sollte. Denn der Begriff des griechischen LogoM
war ein durchaus unpersönlicher, abstrakter; der Logos war ein Gedanken-
ding, etwa eine Weltkraft. Das war aber eben Christus nicht Ex
war vor allem eine lebendige Person. Er war Ja Fleisch und Blut
gewesen, seine Anhänger „hatten seine Herrlichkeit geschaut, eine^
Herrlichkeit als des einsigen Sohnes vom Vater voll Gnade und Wahr-
heit." Dies alles war er nicht nur gewesen, er war nach seiner
■ Vgl. tluu P. Katlcnliuich: Das apoBloliithe SjnibDl, Bd. Q, S. 547 — 49 und
556—60; auch Zcitsclir. f. Tli«oL u. Kirche XI, S. 414.
Chr. A. BufTge, Das Geseu und Christus. gi
Erhöhung fortwährend eine lebendige Persönlichkeit, mit der die Gläubigen
im Gebet verkehrten, welche sich dem Paulus auf dem Wege nach
Damaskus, ja mehr als 500 Brüdern auf einmal offenbart hatte, von
welchen die Meisten in der ersten Gieneration noch lebten und die
Tatsache bezeugen konnten. Das setzte ganz anders massive Vor-
stellungen voraus als jene luftigen griechischen Abstraktionen. Woher
sollten sie nun die Züge schöpfen, durch die sie den Logos-Christus
vorstellbar machen konnten für diejenigen Menschen, an die sie sich
mit ihrer Predigt wandten?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir in Betracht ziehen, daß
die Gemeinden in der ersten Generation wahrscheinlich fast ausschliel^lich,
zum mindesten weit überwiegend, bestanden einmal aus Juden und sodann
aus heidnischen Proselyten des Judentums. Das können wir daraus
schließen, daß sogar Paulus als der bewußte Heidenmissionar auf seinen
Reisen eigentlich nur sich dahin wendet, wo jüdische Synagogen vor-
handen waren, und daß seine Fredigten immer von diesen Synagogen
ihren Ausgangspunkt nahmen.
Das geschah gewiß nicht nur und wesentlich, um den Juden das
Evangelium zuerst zu bieten. Denn Paulus sucht auf seinen Reisen als
Heidenmissionar gerade nur die Stätten auf, wo jüdische Kolonien von
größerem Umfange vorhanden waren. Und warum suchte er nicht jene
Heiden, denen er predigte, auf dem Forum, statt in der Synagoge auf?
Ohne Zweifel mit Bedacht, und weil er sein Verfahren klug berechnete.
Man hat (so besonders Weizsäcker) mit Unrecht geltend gemacht,
daß man daraus ersehen kann, daß die Berichte der Apostelgeschichte
von den regelmäßigen Synagogenvorträgen Pauli ungeschichthch sind.
Allein hätte er diejenigen Heiden aufgesucht, die er auf dem Forum
finden konnte, so hätte er gewiß mit seiner Mission keinen großen Erfolg
gehabt, wofiir sein Auftreten in Athen ein Beispiel ist Dagegen fUr
die zahlreichen Heiden, welche als Proselyten der Gerechtigkeit oder
nochmehr des Tores in den jüdischen Synagogen ihre regelmäßige Er-
bauung suchten, war ja das Evangelium Pauli gerade wie geschaffen, und
zwar in dem Maße, daß man voraussehen konnte, daß diese Zuhörer
dem Paulus fast unvermeidlich zufallen mußten. Das war wohl auch
die Erfahrung Pauli in Antiochia, wo er zuerst mit seiner eigentumlichen
Verkündigung aufgetreten war. Man darf wohl deshalb annehmen, daß
beinahe alle jene Proselyten, die mit Paulus in Verbindung kamen,
paulinische Christen wurden. Die Juden aus diesen Synagogen
dagegen wiesen größtenteils das Evangelium ab. Nur ein kleiner Teil
92
Chr. A. Buggie, Das Gewtc und Christus.
von ihnen wird das Evangeüüm angcDommen haben und daraus wird
sich die judaistische Minorität der paulinischen Gemeinden gebiidct
haben, von welcher wieder ein Teil seinen nicht umgeschmolzcnen,
sondern nur äuüeilich ein wenig christlich galvanisierten Pharisäismus
mitbrachte. Aus einer solchen Entstehung ergab sich ganz selbstver-
ständlich dasjenige Gepräge der paulinischen Gemeinden, das wir aus
den Briefen Pauli so gut kennen; eine Mehrzah! von Heidenchristen,
die ,4ic Freiheit eines Chiistenmenschen" so genau kannten und so
getrost betätigten, echte Pauliner, genuine Kinder seines Geistes und —
eine Minorität von Judenchrjsten, zum Teil sogar stark gesetzlich
gebunden, ja etliche sogar von einer wahrhaft pharisäischen Bitterkeit
gegen Paulus und sein freisinniges Christentum erfüllt.
Unter diesen Umständen konnte Paulus voraussetzen, daQ die
Gemeinden mit den jüdischen ReUgions Vorstellungen, die damals gang
und gäbe waren, vertraut seien. Diejenigen „Katechismus Wahrheiten",
welche regelmäliiig in den jüdischen Sytiagogen gepredigt v^urden, werden
sie gekannt haben, ja dieselben werden ilir geistiger Besitz geworden
sein. Solche unbestrittene und unbestreitbare ,, Katechismuswahrheiten"
judischen Ursprungs hat wahrscheinlich Paulus vor Augen mit seiner
häufig angewandten Formel: ,,Wir wissen ja''. Bekanntlich sind es in
den Briefen zwei Arten von Wahrheiten, die feststehen, teils diejenigen,
von welchen gesagt wird: „Die Schrift sagt", teils diejenigen, von welchen
es heißt: „Wir wissen ja". Auf diese als Grundlagen baut Paulus seine
Weitergehenden Schlußfolgerungen auf. In seinen Gemeinden konnte
Paulus daher auf Vertrautheit mit den gewöhnlichen jüdischen Theo-
logumena rechnen. Und das wird natürlich auch später in den johan-
ncischen Gemeinden der Fall gewesen sein. Zu diesen populären.
theologischen Sätzen, die jedermann kannte und niemand bestritt, gehörten
zweifellos unter anderen die folgenden: Das Gesetz (die mosaische, von
den Juden sogenannte Thora) wurde als eine Hypostase oder Persön-
lichkeit aufgefalit, welche einst vor der Weltschöpfung aus Gott heraus-
getreten ist und somit ihn selbst abspiegeit. Bereschit Rabba 17 nennt
die Thora die himmlische Weisheit Damit ist sie niit jener Weisheit
identifiziert, welche schon Prov 8 als göttliche, an der WcltschÖpfung
teihiehmende Hypostase geschildert wird. Durch sie ist die Welt
entStander, sie ist das Musterbild für die Einrichtung der Welt
In Midrasch Tanchuma heilit es bei der Erklärung der ersten Worte in
der Schrift: Jahwe hat durch die Weisheit die Welt begründet. Als
der Heilige, gebenedeiet sei Er! seine Welt schuf, beriet Er sich mit
Qir. A. Buggc, Das Gcsets und Cbrislus.
93
der Thora und so schuf Er die Welt. Gott ist ein Baumeister, der nacli
Plan und Maß baut. Demnach heißt es Bercschit Rabba: So schaute
der Heilige, gebenedeiet sei Er!, in die Tliora, und so schuf er die
Welt. Mit der Thora berät er sich dann wie mit einer Hypostase, einem
selbständigen Wesen , einer PersÖnli chice it, die an dem Schöpferwerk
mitbeteiligt ist, bei der weiteren Ausführung seines Planes von der Welt-
schöpfung. So heißt es; Zor Thora sagte Gott; „Wir wollen Menschen
machen". Thoras Persönlichkeit geht noch deutlicher daraus hervor,
daß sie oft die Tochter Gottes genannt wird, mit der er in inniger
Liebe zusammenlebte. Demgemäß wird dem Gesetze auch Dasein und
Leben vor der Weltschöpfung (was man in der Theologie „Präexistenz"
nennt) zugeschrieben. An mehreren Orten in der ^ten rabblnischen
Literatur lieiüt es, daß das Gesetz 974 Generationen vor der Welt-
schöpfung existiert hat (so Schabbath 88 b), allein diese Zahl wird später
in vergrößertem Maßstabe angeführt; ja, es ist eine gewisse Tendenz
vorhanden, dem Gesetz eine ewige Präexistenz zuzuschreiben. Ferner
wurde die Thora als die Ehegattin Israels aufgefaßt und zwar in
vollem Ernst und in der massivsten Weise. In Seder Theruma von
Schemoth Rabba heißt es: „Ich habe euch meine Thora verkauft, ich
bin wie mit ihr verkauft". Ferner: ,jDir zu sagen; nimm sie nicht, das
vermag ich nicht; denn sie ist deine Gattin. Allein, tu'^ mir den
Gefallen und richte überall, wo du hinziehst, ein Zimmer fiir mich ein,
wo ich bei dir wohnen kann; denn ich kann nicht auf meine Tochter
Verzichten".
Femer; Diese persönlich aufgefaßte Thora ist das Prinzip des Lebens
und des Lichts für die Welt, sie schafft Heiligkeit und bewahrt vor
dem Tod. Zu den Worten Ex 15, 2ö „Ich bin Jahwe, dein Arzt" wird
hinzugefügt: Der Heilige sprach zu Moses: Sage zu Israel: Die Worte
der Thora, welche ich Euch gegeben, sind Arzenei, Leben ist sie für
euch (Mechilta 54a>. Wie das Wasser, so sind auch die Worte
der Thora Leben für die Welt (Sifre 84a). Thora ist der Baum
des Lebens (Pirke Aboth VI, 7). Debarira Rabba c. 6: „Mit fünf Dingen
ist die Thora verglichen worden: mit Wasser, mit Wein, mit Milch, mit
Honig und mit Öl Wie dieses Wasser der Welt das Leben gibt, so
geben die Worte der Thora der Welt Leben. Wie dieses Öl der
Welt Licht gibt, so geben die Worte der Thora der Welt Licht".
Nun war das Gesetz bekanntlich der Kern und Stern, ja, das Herz und
das lebendige Zentrum in der jüdischen Religion. Aber eben denselben
Ptat2 nahm Christus in dem Bewußtsein der ersten Gemeinde ein. Es
94
Chr. A, Bugge, Das Gesetz und Christus,
ist demnach ganz natürlich, daß man die dem Gesetze zugfcschriebeneii
Eigenschaften dem Christus zuteilt Wir können in dieser Weise leicht
ersehen, wie die Gedanken, welche in dem Prolog des Johannesevan-
geliums auf den Logos-Christus angewandt werden, entstanden sind,
nämlich durch einen fast unvermeidlichen Prozeß in einer aus jüdischen
Proselyten und ehemaligen Juden bestehenden Gemeinde.
Betrachten wir den Prolog, so werden wir auch finden, wie alle
die Attribute des Logos-Christus einfach nur eine Übertragung der
Attribute des Gesetzes auf den Logos-Christus sind, weder mehr noch
weniger, sondern genau dieselben: Persönlichkeit, Präexistenz, Teilnahme
an der ganzen WeltschÜpfung. Ebenbürtigkeit mit Gott als sein Sohn
(Thora war nur als feminini generis die Tochter), demnach Gott. Eigen-
schaft als Leben und Licht der Welt. Der Wortlaut .Jm Anfang"
spielt deutlich auf Prov 8, 22 an: KÜpiDc iKTtci ^e cipxf)v 6büiV aÜToO —
und: Tipö toO aivüJvo^ ietiicÄiutc^ ^€ ' ^v Apx^ irpö toö tijv Tf\v iroiljcni
(8, 23)-
Auch die Vefgleichung der Thora mit dem Logos-Christus finden.
wir vor: „Das Gesetz ward durch Moses gegeben, die Gnade und die
Wahrheit ist durch Jesus den Messias gekommen" (Joh i, 17), Daher
können wir sehen, daü der Evangelist gerade wie die Rabbinen durch
Gleiclisetzung des Gesetzes mit der „Weisheit" auf die Schilderung in
Prov S, 22iif. gekommen ist. Denn auf sie nimmt er Bezug, und
doch holt er viele andere Züge, die Prov 8, 22 if. nicht vorhanden sind,
aus den Theologuraena über die Thora. Diese Auffassung ist übrigens
in dem vierten Evangelium konsequenter durchgefülirt als man gewöhnlich
einsieht. Um nur auf e i n Beispiel aufmerksam zu machen: In der
Synagoge zu Capernaum sagen (nach Kap. 6) die Juden zu Jesu: „Unsere
Väter haben das Manna in der Wüste gegessen". Hierauf antwortet
Jesus: „Nicht Moses hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern
mein Vater gibt euch das wahrhaftige Brot vom Himmel". Nun war
nach jüdischer Auffassung eben die Thora das wahre Brot vom
Himmel {Chagiga 14b). Wenn nun Jesus von sich sagt: „Ich bin
das Brot des Lebens, welches vom Himmel herabkommt und der Welt
Leben gibt", so nimmt er einfach den PJatz des Gesetzes, der Thora,
iü der Rehgion ein und läßt daraus die Folgerung ableiten, daß sie sogar
sein Fleisch essen und sein Brot trinken werden. Wir ersehen daraus
beispielsweise, mit welcher genauen Folgerichtigkeit der Grundsatz: Das
Gesetz = Christus, hier angewandt wird. Selbst diejenigen, welche
■dem vierten Evangelium eine geringere geschichtliche Zuverlässigkeit
I
■
I
in Bezug auf die wiAlicIien, von Jesus selbst gehegten Anschauungen,
zuschreiben, müssen doch zugeben, daü es sich hieraus ergibt, dali die
Auffassung der Gemeinde der zweiten Generation die war, dal^ der
Messias und die Thora identische Grö&en sind. — Allein die&elbe
Auffassung war nachweislich noch älter. Paulus im Römerbrief
und sonst geht unleugbar von derselben Grundauffassung aus, und es
geht aus zwei Äußerungen Pauli unwiderleglich hervor, da& dieselbe
Auffassung unbestritten in der romischen und der korinthischen Gemeinde
die herrschende gewesen sein muli. Ist sie aber eine herrschende in
Rom, so kann sie nicht von Paulus herrühren, da ja diese Gemeinde
ganz ohne Paulus entstanden ist Und wenn Paulus schon um das Jahr
5S die genannte Anschauung als so allgemein verbreitet voraussetzen
kann, so mu0 sie sehr früh in der ersten Generation bestanden haben,
sie mub geradezu gleichzeitig mit dem Christentum selbst sich ein-
gebürgert haben. Die eine Stelle bei Paulus ist Rom 10, 4 — 11. Hier
argumentiert er folgendermaßen: „Denn Christus ist des Gesetzes Endziel
(t^Xoc), um jeden, der glaubt, zur Gerechtigkeit zu bringen. Denn Moses
schreibt von der Gerechtigkeit durch das Gesetz: Der Mensch, der sie
tut, der wird dadurch leben. Die Gerechtigkeit aus dem Glauben aber
sagt SO: Du sollst nicht in deinem Herzen sprechen: Wer wird zum
Himmel hinaulTahrcn? nämlich um Christus herunterzuholen
öder: Wer wird in die Unterwelt hinabfahren? nämlich um Christus
von den Toten heraufzuholen. Was sagt sie vielmehr? Das
Wort ist dir nahe: in deinem Munde und in deinem Herzen, nämlich
das Wort des Glaubens, das wir verkünden. Das
heißt; Wenn du mit deinem Munde das Wort bekennst, daü Jesus der
Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dall ihn Gott auferweckt hat
von den Toten, so wirst du gerettet".
Das Merkwürdige hier ist nun, daü diese Stelle (Deut 30, 12—13),
ganz entschieden gegen den Wortlaut des Textes und
ohne Zweifel auch gegen ihren ursprünglichen Sinn messianisch an-
gewendet wird. Denn die angeführten Worte werden im AT gar nicht
von Christus, sondern ausdrücklich von dem Gesetz gesagt. Indem nun
in dem Texte steht: „Wer wird zum Himmel hinauffahren um das Gebot
Jahwes herunterzuholen", sagt Paulus einfach und als ganz selbstver-
ständlich: Um Christus herunterzuholen! Ferner: Das Wort,
das nah ist im Mund und Herzen, sind nach dem alten Text die Worte
des Gesetzes, bei Paulus dagegen wird dafür als selbstverständlich
substituiert das Bekenntnis von Jesus als dem Herrn! Die
■
■wr-
9fi
Chr. A. Bugge, Das Gesetz und Chiistus.
Voraussetzung ist demnach unbestreitbar der Gedanke, dalj der Messias
an die Stelle des Gesetzes getreten ist. Und zwar so, daß was im AT
von deni Gesetz gesagt wird, in seiner Erfüllung vom Standpunkte „des
Glaubens aus der Gerechtigkeit" ohne weiteres von dem Messias gesagt
werden kann, und von den Jesusmessianisten als selbstverständlich auf
den Messias Jesus angewendet wcrdeiJ dari. Wenn aber Paulus diese
Argumentation in solcher Weise der römischen Gemeinde gegentjber
geltend macht, mit der er nie zuvor gesprochen oder veAandelt hat, so
kann das nur darauf beruhen, daß es bei den Messianisten schon ein
feststehendes „Dogma" war. daü der Messias eben das Endziel war, nach
dem das Gesetz tentiiert, um sicli in ihm als selbständiges Wesen aufzulösen,
indem es in ihn ausmündet, so daß der erschienene Messias ^ deai
Gesetz, und das Gesetz — ihm ist Wäre das nicht eioe stehende j
Voraussetzung, So hätte Paulus seine sonst ganz willküriiche Be-
handlungsweise des heiligen Textes wenigstens erklären, begründen und
verteidigen müssen, ehe er darauf einen wichtigen Beweis baut, der
überzeugen soll. Aber selbst in einer fremden Gemeinde konnte er die
genannte Auffassung voraussetzen. Demnach war sie ein messianistisches
„Dogma", dessen Ausbreitung sich mit der Ausbreitung der Kirche selbst
deckten und dessen Entstehung in die älteste Zeit versetzt werden inu&.
Dass^lb« ergibt sich aus der Stelle iKc>r lO. 3 — 4; „Und alle (Isiaehten
io der Wüste) empfingen die Taufe auf Moses ia der Wolke und im
l/LoBT, und alle allen die gleiche geistliche Speise und alle tranken den
gleichen geistlichen Trank, ilcn sie tranken aus einem mitg^endeo^
geistlichen Felsen, der Fels aber war der Messias."*
Mit welchem Recht kann nun Paulus sagen, da& der FeU eben der
Messias war? Wir sahen eben, daß die Vofstetlung bei den Juden gang
und gäbe war, daü die geistige Kraft in der WUstenspcise, demnach
auch it) dem WUsteoirank die Thora war. Sctit man nun anstatt der
Tbon den Messias, weil das eben ohne weiteres identische GroAco,^
waren, so hat man den Gedanken, daß der Fels der Messias war! So
wird der Gedankengang bei den Jesusmessianisten tn Korinth gevescn.i
sein. Das können wir aus unserer Stelle ersehen. Hierdurch wird das^^
was wir aus dem Römertaricfe ermittelten, bestätigt, und die aUge
Vabi'citiii^ und das frühe Vorhandensein dieses Gedankens bewiesen.
Aus dieser Identität des Gesetres und des Messias folgt natürlicfa.
daü Dach deffl Erschnnen des M-'^'^t'"? die Gültigkeit des Gesetzes
als einer selbständigen Grö&c au fhörL Bd tieferem !
mufite diese SchluQfcIgenjng von dea Jesusmcssiaiustcn gezt^cn
Chr. A. Bu^ge, Das GeseU und Christus.
97
»
i
Können wir nun nachweisen, daß diese Schlußfolgerung schon vor
Paulus gezogen worden war? Ja, und zwar können wir nachweisen,
woher Paulus, der Hauptsache nach, seine Auffassung hatte.
Die erete Gelegenheit, bei der Paulus den Jesusmessianismus kennen
lernte, boten die Vorträge des Stephanus in Jerusalem. Diesen Vor-
tragen wird wahrscheinlicli Paulus beigewolint haben, wenn er nicht gar
an den Disputationen gegen den Stephanus aktiv teilgenommen hat.
Denn unter den Opponenten des Stephanus werden auch Juden von der
kili kische n Sj-nagoge, zu der Paulus damals geborte, genannt. Jeden-
falls war er mit den Meinungen des Stephanus genau bekannt, da er
ja an seiner Verurteilung und der Hinrichtung beteiligt war, nach-
dem dessen jüdische Gegner in der Disputation unterlegen waren
(Act 6, 8 — 15J. Was war nun aber der positive Inhalt der Be-
hauptungen des Stephanus gewesen? Wir können uns einigermaßen
davon eine Vorstellung machen aus dem Inhalt der Anklage gegen ihn,
die dahin lautet, daü er gegen das Gesetz und den Tempel geredet
hätte, und daÜ er bebauptet hätte, Jesus werde den Tempel zerstören
und die Sitten ändern, welche Moses gegeben hat, dali er ,, Läster-
worte geredet hätte auf Moses und Gott". Aus dieser Entstellung der
Tatsachen können wir deutlich herauslesenj daÜ schon Stephanus
die Gültigkeit des Gesetzes als einer selbständigen Größe
verworfen hat. Das aber war für einen Juden unmöglich, wenn er nicht
einen gleichwertigen Ersatz für das Gesetz aufstellte, und das wird nach
derselben Anklage eben der Messias gewesen sein, da ja gesagt wird,
daß Jesus die Sitten des Moses ändern würde (Act 6, 14). Mit an-
deren Worten: schon Stephanus hatte (und darin bestand wohl das ori-
ginelle seiner Anschauung) aus jener Theorie von der Identität des
Messias und der Thora jene Schlußfolgerung gezogen, aber alles, spricht
demnach dafür, daü die Theorie der Identität an sich schon vqr ihm
existierte. Aber woher stammte diese Theorie? Direkt von Jesus kaumj
weil wir das bei den Synoptikern nicht ausgesprochen finden. Da-
gegen finden wir allerdings Äußerungen, die mit einer solchen Theorie
als Voraussetzung wohl übereinstimmen, zum Beispiel, wenn et sagt, daß
der Menschensohn Herr über den Sabbath ist und demnach sich in
dieser Sache frei und ungebunden bewegen darf. Ferner liegt wohl der
paradoxalen Parabel von dem, was in dem Menschen eingeht, und der
ausgesprochenen Aufliebung der Speisegesetze; so sprach er alle
Speisen rein (Mc 17, 19), dieser Identitätsgedanke zu Grunde. Denn
das kommt einer Aufhebung der Speisegesetze gleich, wenn alle Speisen
98
Chr. A. Bugge. Das Geseti und Christus,
rein gesprochen werden. Wenn also zwei so praktisch wichtige Gebote
wie das von dem Ruhetag und von den Speisen, wozu noch die übrigen
iJevitischen Reinheitsgebote kommen, aufliören, so ist eigentlich die Thora
selbstgültige Größe aufgehoben. Das sind aber lauter Anwendungen
ies „Dogmas" von der Identität des Messias und der Thora, Dasselbe
ist wohl auch der Fall mit dem Rätselwort über das Gesetz, in detn
kein Jota oder Häkchen vergehen soll. Das Tuhrt uns zu der Vermutung,
daß der Idcntitatsgedankc schon damals vorbanden war, als ein Haupt-
satz in der Lebensanschauung der Messianisten, aus deren Kreis Jesus
selbst hervorgetreten war. Diese Messianisten bildeten neben den
Sadduzäem, Pharisäern und Essäem eine besondere religiöse Richtung
im Volke. Man nannte sie „die Stillen im Lande", „die Wartenden"
und der Inhalt ihrer Erwartung war „die Tröstung Israels" und „die Er-
lösung Jerusalems" durch den Messias: (Lc 2, 25 — 3S). Dieser Richtung
gehörten Leute wie Simeon und Anna, Zacharias und Ehsabeth mit dem
Täufer, Joseph und Maria, wahrscheinlich auch Zebedäus und seine FatnilJe
an, überhaupt die Kreise, aus denen die meisten Jünger Jesu entstammten.
Die geistige Nahrung sogen die Leute dieser Richtung — abgesehen
von der hl. Schrift — aus den Apokalypsen. Es ist bezeichnend,
daß in dem Briefe des Judas, der aus diesen Kreisen stammt, zwei Apo-
kalypsen als kanonische Autoritäten angeführt werden. Diese Leute gehörten
augenscheinlich überwiegend den bescheideneren Schichten der GeseU-
schaftan. Ohne eigentliche Organisation scheinen sie eine geistige Bruder-
schaft gebildet zu haben. Sie besuchten einander, sprachen gleichgesitintc
Gedanken und Hoffnungen mit einander aus, verglichen Erlebnisse und
die erfahrenen Führungen Gottes mit einander, so wie Maria und Elisabeth
(Lc I, 39 — g6). Nach dem Vorbilde der Apokalyptiker deuteten sie in
weiter Ausdehniing die heilige Schrift, sowohl die elgenthchen Prophelien
wie andere Stellen, messianisch. Selbst solche Stellen, die ursprünglich
nicht messianisch gedacht und gemeint waren, legten sie auf diese Weise
aus. Man könnte fast sagen: die ganze Schrift atmete ihnen den Messias.
Wie die Schrift etoitVEUCtöc war d. h. deum spirans (so faßt H,
Cremer diesen Ausdruck auf), so war sie zugleich MessJam sptraas.
Dadurch, daß ihnen der Messias in der Religion der Kern und Stern,
das Hera Und das lebendige Zentrum war, traten sie ganz folgerichtig
ganz unvermeidlich in Gegensatz zu den Pharisäern, welche ganz natür-
lich nicht besonders messianisch gestimmt waren. Diese hatten zwar den
Messias in ihren Glaubensartikeln, allein messianisch orientiert
waren, sie nicht. Die Pharisäer waren eben Nomisten, das Gesetz
Chr. A. Bugge, Das Gesetz und Christus. 99
war ihnen in der Religion alles, neben demselben konnte der Messias
als das Herz der Religion nicht existieren. Und umgekehrt mußte für
die Messianisten der Messias den Flatz des Gesetzes einnehmen, und der
Gedanke von der Identität dieser beiden Größen schon in Gottes Haus-
haltung in früheren Zeiten mit seinem Volk drängte sich ihnen mit
lo^scher Notwendigkeit auf.
Kann man irgendwie bei den Messianisten diese Identifikation spüren?
Es scheint so. Wenigstens sind Spuren vorhanden in Außeningen, die
eben unter Voraussetzung der unbestrittenen Geltung dieser Theorie
unter den Messianisten sich am besten begreifen lassen. Der alte
5 i m e o n sagt, daß der Messias ein Licht sein soll zu Offenbarung für
alle Heidenvölker (Lc 2, 30 — 32). Nach Micha 4, 2 und Jes 2, 3 ist es da-
gegen die von Zion ausgehende T h o r a , welche über die ganze Welt hin-
leuchten, alle Völker herbeilocken und die messianische Friedensära
heraufTühren soll. Also haben wir hier den Gedanken von jener Iden-
tität lebhaft vor Augen in dem Munde des Führers der Messianisten.
Wir können von hier aus den Ursprung jener Identifikation sogar sehen.
Den Messianisten war natürlich der Ebed-Jahwe des Deuterojesaia •=
Messias. Nun wird bei Jesaia der Ebed-Jahwe (d. h. Messias) eine
„bme^tcn des Volkes" (OS n^?) und „ein Licht der Heiden" ("V»
D^a) genannt Jes 42, 6. Aber dieses „Licht der Heiden" ist nach
Jes 2, 3 die Thora. Demnach: Thora = Messias.
Mathematisch aufgestellt:
Ebed-Jahwe ■=■ Messias.
Ebed-Jahwe -= Licht der Heiden.
Licht der Heiden — Messias.
Aber: Licht der Heiden -= Thora.
Thora — Messias.
Femer: Ebed-Jahwe = Messias =- bia6r|Kn.
tttaOiixTi — Thora.
Thora = Messias.
Dies ist nicht lauter Konstruktion von mir. Denn im Barnabas-
brief wird Jes 42,6 in obiger Weise verwendet, zum Beweis, daß
Christus est nova lex (Kap. IV). Das war also bei späteren Jesus-
Messianisten. Die Umdeutung von Jes. 2, 3 durch Simeon zeigt, daß der
Prophet schon damals so aufgefaßt wurde im messianistischen Haupt-
quartier. Und näher betrachtet ist es nur eine unvermeidliche messia-
nistische Schlußfolgerung. Wir sehen vor Augen die Entstehung jener
„Grunddogmas".
PM 3it -t. -liMge. Tu 'iwn ■■ "iiiMiii
■-^9 derselben '^^TanM«gHapr -w « nnt .tm« ■.Vntr- rii^w |j|nfpii., i|..iii .WTy.
Pmiiiieieii imi laa nigetr Tr-^Tnjf.i bs_ aiBiiiies IBt LH r^. Jeöt
sntc rtaca liwem 'Voztc -ai -nn^»^ Twcn»^ sai, sn. ^w^rnri jec- P^ta -
•lilliin^' encr Vd,Hiigiingf n. uai i^i— ^ ':■«-""■ loc 'äoit .inr Weisse
lud <* äracanui^si <,d.i. i^** .T gLünrfiPH^ Hn rTT"'"" i^^r P*tjTKäf TTr) vosidbebe
mü '^ u'mnunäigpn j;emtmnaig. I^as 'acs. — ■■ "■■' Vn i m - . iir F> m - rm
iad Joch ier. Thma lajüi luanaaiacaer ' Hm n-im - — nni ■ii m - n iH -
jgnnmmftn. uui ^tvt ieaacn vaa. aa. ■=anitr .~actL jmL se .exditELattf
fies ^tCTW a a nur Zrqiuckun^ ier ieetea .imea ="'>-'i-^ ; 3ft rz. .1^ — ^y.
Ea sc x^^viü mchc :iuiie 3etieuningi jetaiig vel äi£ üvangciün: «a-f««»-;«-
'-co^Lp-jn. ±rc =iiitl, iaü iaat :ai|^:9(ie •vbitti^ tnt jcr ^ H t f n^ j i m, !
des ni-miüosciien iaunaijociie»- ^lamieit ^aä. ieic «Tfa^nr iiigBDJeit
iiamau^nucn ^Tiflmnii^f"'H* nm. üen Noubsbl Bade; v^sbbsbl <ä&
SS SUL itampi aul Tj'ne^n uui fad. )S£.
Du "War es iiu:ti. ^vaa- Paulua sa le aiBi t -±111110: Ifint ^r^ bn
;eGec öaa 'leseiz dn hartES- jacä 'jimL <ane a ch w og La^ j e ^ w-mlu. Dje
Pharisäer ^siien ■'«g* gern hl Das ' «'tiA io 1 ite -Mieit 1 * ^*«^ tatcölb&e
L^ät wnn. Oenn je oacn denc GLwicJit. onr icsx i» irockte;. '^nndc läe
Gcnäe des LAbiW' daüir "riwimmr Yiaa 'var uunt onc ■ ■ ■'nr ; Ursaidae ii%-
üir. ^ait liitr Ttnwnr ^rt ■^**Tnaitng fn-m Pnitiiwt iJimfTittrH vnritsijfr. Aaiksdes
«aria- — 'iaa-sOtiidcbunaisbeEPaiims :'esr — e nBwni Üg Jesas von ^ fai^mgli
nicht -1er .\Cs3sias.. Doch. -mTd. ^ias Zeugnis ies StrTnninia unä vor sübk
Tj^nflftn itsa lienlicher Xbct ?tniig ^enaitigen. Hmdrttck: anc doE senr
imptiMgJichen Paolus grnpftir riaben Act 7; 55 — «n. Nicht anr er-
Tahrr. nnan kberhaupr unrermetdÜcii a ne- gewiss* Pr ägung vinccii onc-i
i)^tst«iimi*chtiqpRi '^is^snec »ndeni oier schiea imch. iaza das Lebea
"fisMts SCadiws- ind 'Üeser ' ^eiiiei i iiie- iazaut m. deuiea. dail es esn.
ff r\'n'.\r\^*ic'ttfirt .var: ^aich der ^rroüe Lehttr Pauli '"^»f^^üH hatte
'Sttaea Ei^iulmck. Di^rtt aodetcxsetts: dieser jesns Tar ja. iwinnif^» öa rcrter
ytsum ' ^'nd Paulus wurde danir uttgen. dall die ^ame • jisncütde bald
ritt V«r((iUi(f?tnheiC aiqrehörte^ Mit dieser Absicht TJidat « oacit Dantaskns.
Aber jjfcrade dr»c zeige ihm Gott ao daA er es mit Atigm ■äg ht und
imt ^Jfantn hört; dali Jesu lebt und zwar zur Redttes Gottes im Fümmei.
Er eflehc dasselbe Ganöxt irie ätephanus auch. Demnach: Stepbamis hat
recttf ! wtni Paiiiuc vch ;p»agt haben. Kein Wondcz: dal^ Paulus damit
auf dnn Owrianfaenjpmg de» Stephanng ei ng e h t. daH Jesus ais 3fesaias den
PtaU rlen OsseTiEeff in der SeÜgioD emgjemnnmen hat. Denn hat der
Mann racM gehabe bexu([}icfa der Gtondlage. dail Jesus <isx Mboöbb ist.
so wii«f " * auch in den Schiuftfolgenmgen recht haben. So wizd
Chr. A. Bugge, Das Gesett und Christus. lOI
Paulus gedacht haben, um so mehr, als es seinem logbch denkenden
Geist einleuchtete.
Und Paulus, der gelehrte Rabbi, versteht ja besser als ii^end ein
anderer den ganzen Zusammenhang. WeiA er doch genau, wie das
Gesetz ein so drückendes Joch geworden ist Zuerst hatte man das
geschriebene Gesetz Gottes in 615 Gebote aufgeteilt (Ffttt?, ^vroXat).
Das Gesetz konnte deshalb als ein „Gesett der Gebote" charakterisiert
werden. Um dieses eigentliche Gesetz Gottes hatte man femer einen
„Zaun" von ungefähr 2000 Satzungen aufgestellt Diese letzteren nannte
man auf griechisch bÖTMOTa : vömoc rtSiv ivroKütv iv &ÖT^Olav, das war
das Palladium des pharisäischen Nomismus, das war der Pharisäismus
in kurzem Begriff."
Die Wirkung der Au&errechtsetnmg dieser so geschilderten Thora,
welche Paulus an dieser Stelle (Eph 2, i4flf.) vor Augen hat, das ist die
Friedensstif^ung zwischen Heiden und Juden. Diese so aufgefaßte und
gehandhabte Thora war nämlich an sich eben das Feindschaftstiftende
zwischen Israeliten und Gcjim. Eben die heidnische Unreinheit, die
durch Genuß von Schweinefleisch und allerlei unreinen Speisen in jüdischen
Augen bewirkt wurde, gab den Juden einen fortwährenden Anlaß zu
jener höhnischen Verachtung der anderen Völker, welche für immer die
„Scheidewand des Zaunes" zwischen beiden bilden würde. Daß über-
haupt jene pharisäische Zerspaltung des Gesetzes die Ursache jener
Feindschaft war, das wird Paulus zuerst klar eingesehen haben. Eben
Christi Person, indem Er die Rolle der Thora übernimmt ist der
Friede, der Vereinigende (Eph 2, 14). In dieser Zusanunenfügung ist
Er der Eckstein (Eph 2, 20).
Es fällt ein eigentümlich klares Licht auf die verschiedenen
Äußerungen Pauli über das Gresetz von dieser Theorie der Identität
Christi und der Thora aus.
Betrachten wir das in aller Kürze.
Eine zentrale Stelle ist Rom 8, 1—2. „^len darum gibt es jetzt
keine Verdammnis für die, die in Christo Jesu sind: denn das Gesetz
des Geistes des Lebens in Christo Jesu hat freigemacht von
' Auch Ritschlhit du eineesehen! „Die Empfindung des DinckeB,dcTBeichrinlEnng,
der Unseligkeit ist mn die «tomistisdie Auffassung der vielen einiclnen Gebote gebunden;
das Gesetz als Gesamtauidrnek der göttlichen Wahrheit uud Gerechtigkeit encheint
jenen Dichtern all der Gnind ihrer gesteigerten sittlichen Freiheit, als die Nahrung ihrer
eigentlichen Persönlichkeit, also die stetige Erweisung der g&ttL Gnade" (Ps 26, 3] (Entsteh,
d. altkMh. Kirchs S. ill).
I03
Chr. i\. ß u Ege, Das GcttB nad ChnsioK
dem Gesetze der Sunde und des Todes". Ker tretea Qiristus und cüc
Tliora in direkten Gegensatz gegen dnandcr. Denn jenes Gesetz der
Sünde und des Todes ist eben die Thora. Sie wird so genannt, ab-
schon sie an stell gut ist, wetL wie es fniber hiett, „die Sitncie hat das
Gesetz benutzt iiin aUe Lüste in mir ins Leben zu mfen: denn ohne tias
Gesetz fehlt der Sunde das Leben. Ich aber lebte ohne Gesetz so
dahin ; wie jedoch das Gebot Icam, da kam neues Leben in die äünde,
für mich aber der Tod. Und so sdüug das Gebot, dessen Zweck Lebca
i^ flJr mich zum Tode aus" (Röcn 7, S — 10). Indem nun Cbxistus an. ■
die Stelle des Gesetzen tritt, so gilt es: „Ist Christus in euch, 30 becBt
es beim Leibe: tot um der Sünde vrÜIcn. beim Geist: Leben um der
Gerechtigkeit willen; wohnt aber der Gdst dessen, der Jcsum von den
Toten erweckt hat, in euch, so wird der. der Christas Jesus von den
Toten erweckte, auch eure sterblichen Leiber mitreist seines in eucJL
wohnenden Geistes lebendig machen*' (Rom 8, la ii).
Wir werden nun in einer ganz ändero] Weise die etgectiiiiificlie
Argumentation PauJi Rom 6, 15 — 7,6 verstehen.
Der EU beweisende Satz ist: nicht wolkn wir sündigen, weS wir
nicht unter dem Gesetze, sondern unter der Gnade smd. |
Das beweist er, indem er zeige, daß die Ehe mit dem Geseti
— denn eine solche existierte früher — durch den Tod des einen Ehe«
gatten gelöst ist.
Es ist nun leicht zu ersehen, wie diese Ausführung eine besondess
ilberzetigend« Kraft hatte.
Wie wir sahen, war die Thora, Jahwes Tochter, die Gattia der
israelitischen Gemeinde. Wenn nun Christus an die Steile der Thora eio-
tritt, so erscheint er als Gottes Sohn und Ehegatte der Gemeinde. Der Akt
jener Vermählung hatte stattgefunden durch die Bescbneidung (die mit
Händen gemachte), diese Vermählung der Gemeinde mit dem Messias ist
durch die Tau fe voltzogen worden. Dieselbe ist nämlich die christiiche
Beschneidüng, das wird ausdrücklich gesagt Kol 2, 1 1 ,Jn Chrtsto wordet
ihr .iiich beschnitten mit einer Bescbneidung, die nicht mjt H^den ge-
macht t^t, durch da« Ausziehen des Fleischleibes, durch die Be$<htieiduf^
Christi, dd ihr mit ihm begraben wurdet in der Taufe". Dieselbe
Betrachtung liegt auch der schönen Epheserstelle zu Grunde, wo Paulus
die Münner vermahnt zur Nachahmung Christi in seiner Liebe zur Ge-
meinde: Christus hat die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie dar-
gcbr-icht. damit er säe heilige, nachdem er sie gereinigt hatte durch das
^asKfbad mit dem Worte (Eph 5, 25. 26). Demnach: Die Gemeinde
Chr. A. Bugge, Das Gesetz und Christus. 103
war früher mit der Thora vermählt. Und nun alimentiert er mit
zwingender Logik: Wie die Ehepflicht durch den Tod aufhört: „dem-
gemäß seid nun auch ihr, meine Brüder, getötet fiir das Gesetz mittelst
des Leibes Christi, um einem Anderen zu eigen zu werden,
dem der von den Toten auferweckt ward, damit wir Gott Frucht bringen.
Denn da wir im Fleische waren, bewiesen sich die durch das Gesetz
erregten sündlichen Leidenschaften wirksam an unseren Gliedern, Frucht
zu bringen fiir den Tod. Nun aber sind wir für das Gesetz ausgetan,
weil wir gestorben sind mit dem, wodurch wir gebunden waren, so daß
wir nun dienen im neuen Geisteswesen und nicht im alten des Buch-
stabens" (Rom 7, 4 — 6).
Ebenso überzeugend ist die andere Seite des Verhältnisses: Die
Pflicht des Gehorsams gegen den neuen Ehegatten, Christus, „Wisset
ihr nicht, daß wem ihr euch darbietet als Knechte zum Gehorsam, dem
seid ihr verschrieben als Knechte zum Gehorsam, sei es der Sünde zum
Tod oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit? Dank aber sei Gott, daß
ihr zwar Knechte der Sünde wäret, von Herzen aber gehorsam wurdet
gemäß dem Lehrtypus, zu dem ihr gebracht wurdet, daß ihr von
der Sünde befreit zu Knechten der Gerechtigkeit gemacht wurdet"
(Rom 6, 16. 17).
Aus demselben Gedankengang entsprungen ist selbstverständlich der
Beweis g^en die Fr;^e: Wollen wir bei der Sünde bleiben, damit die
Gnade um so größer werde? Nämlich: „Wir sind mit Christo begraben
worden durch die Taufe auf den Tod, damit, wie Christus auferweckt
wurde von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir
im neuen Stande des Lebens wandeln sollen in der Erkenntnis,
daß unser alter Mensch mitgekreuzigt ward, damit der Leib der Sünde
vernichtet werde" (Rom 6, 3 — 6).
Daß Christus nun das Gesetz ablösen mußte, das hat darin seinen
Grund, daß die Thora ihren Zweck verfehlte, weil „die Thora geistig,
der Mensch aber fleischlich ist" (6, 14). ,rln Christo aber ward das
Fleisch im Menschen getötet, der Geist lebt". So Gal 2, 19. 20: „Ich
bin ja demGesetze gestorben durch dasGesetz, um Gott zu
leben; ich bin mit Christo gekreuzigt, ich lebe jetzt nicht als
mich selbst, es lebt in mir Christus; sofern ich aber noch im
Fleische lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt
und sich selbst für mich hingegeben hat".
Indem eine wirklich lebendige Person statt der symbolisch gedachten
Hypostase, der Thora, mit dem Menschen sich vereinigt, geht sie ins
la»
Chr. A- Bugge, Das Geseti und Christus.
Ken! hinein und wird innerliches Prinzip. Somit wird das neue
Regime ein Regime der Freiheit, und Christus ein Gesetz der Freiheit.
Hiermit nimmt das Wort Gesetz einen höheren, von dem antiken ver-
schiedenen Sinn an, nämlich jenen modernen von Norm oder Regel, die
die geistige oder materielle Welt C^osmos) beherrscht: Die Ursache ist.
daü der Geist sich so hoch in Christo erhebt, daß er über weite Strecken
der Zukunft hinschaut. Es gab dem Paulus eine weite Perspektive,
wenn er sagen konnte: ,,Der Herr (Jesus) ist der Geist. Wo der Geist
des Herrn ist, da ist Freiheit. Wir alle aber, die wir mit aufgedecktem
Angesicht uns von der Herrlichkeit des Herrn bespiegeln lassen, werden
in dieses selbe Bild verwandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit als vom
Herrn des Geistes aus" <2Kor 3, 17. 18).
b Ehe indes Christus sich mit der Gemeinde vermählen konnte, mußte
"^cr sie erst loskaufen von der Knechtschaft des Gesetzes: , .Christus hat
uns losgekauft vom Fluche des Gesetzes, da er für uns ein Fluch wurde"'
(Gal 5, 13). Der Fluch hat sich an Christus erschöpft, er konnte nicht
mehr den Menschen fluchen.
Nun bleibt aber noch ein wichtiges Rätsel übrig, nämlich folgendes;
Christus war schon im ahen Bunde in der Tat das Gesetz, warum denn
nun dieser Gegensatz zwischen beiden, warum soll das Eine untergehen
und der Andere aufgehen? Und: das Gesetz war ja einst Gottes Wille.
wie kann dieser aul^er Kraft treten? Die Antwort ist: Die Thora war
allerdings Christus, das heißt aber, sie war eine zeitgeschichtlich be-
schränk-te Erscheinung desselben. Thora war allerdings der Wille Gottes,
aber normiert gemäß dem Kindesalter der Menschheit. Und derselbe
Erzieherwille und die gleiche Erzieherweisheit, dasselbe Prinzip kann
sehr wohl nach der Mündigkeit eine solche Umbildung in der An-
wendung erleiden, dalj es einem, relativen Gegensatz gleichkommt. Das
können am besten wir. die wir unter dem Zeichen der Evolution leben,
verstehen. Um so großartiger ist der walirhaft evolutionistisclic Gesichts-
punkt des Paulus Gal 3, 21 — 4, 17,
Der vorige Zustand war ein Zustand, welcher während der Zriten
der Kindheit berechtigt war. Hier war die Unfreiheit ebenso notwendig,
wie jetzt in den Zeiten des mündigen Mannesalters die Freiheit das
einzig Riciitige war, „Bc'or der Glaube kam, waren wir verwahrt unter
dem Gesetz, eingeschb&sen Tiir den Glauben, der erst enthüllt werden
sollte" (Gal 3f zj). Das Gesetz umschloß die zarten, kindlichen Glieder
wie eine beschützende Decke. Und die Unfreiheit diente der Ent-
wickclung. So ist das Gesetz unset Erzieher auf Christus geworden
9. s. '9*>3-
(3> 24). Jeder Sohn, auch ein Königssohn, bedarf solcher Unfreiheit im
Kindesalter, gleichwie sie Pädagogen brauchen, welche sie auf die
kommende Freiheit vorbereiten. Nachdem aber die Ejfiüliing der Zeit
kam, ist die Gemeinde und jedes Glied derselben nicht mehr Kind,
sondern vollmundiger Sohn und Erbe. Demnach: ,,So bist du nicht
mehr Knecht sondern Sohn, und wenn Sohn, dann auch Erbe durch
Gott" (4,7). Nunmehr kann nur die Freiheit der Entwicklung, dem
Wachstum dienen> So ordnen sich die beiden Gegensätze: Knechtschaft
und Freiheit demselben Zwecke, demselben weisen Willen Gottes unter.
Somit ist das Problem gelöst durch die Kategorie der Evolution, und
somit auch auf diese Weise bewiesen, daß das Gesetz Christus oder
Christi ein Gesetz der Freiheit ist
Gleichzeitig wird hierdurch klar, daü Paulus recht hat, wenn er
S3i^'- ]|Folgt darauä, daß wir das Gesetz austun durch den Glauben?
Nimmermehr! Sondern wir richten es auf" (Rom 3,31). Wir richten
es auf, indem — erstens erkannt wird, da& bis jetzt das Gesetz als
selbständige Größe sein historisches Recht gehabt; zweitens indem
wir erkennen, daß das Gesetz sein Endziel in Christus hat (Rom 10, 4).
Das besagt: I. daß das Gesetz als Zwangsjoch und selbständige Größe
ein Ende hat, 2. daU es in Christum einmündet. Es mündet in ihn ein
wie ein Fluß in einen See. Man kann sagen, daß der Fluß sich zum
See erweitert. Man kann auch sagen; der See enthält alle Partikeln,
Welche im Fluß waren.. Man kann endlich sagen: Der Fluß erleidet mit J
dem Aufgehen in den See eine Umbildung. So auch das Gesetz. Es
erweitert sich und wird Christus. Christus enthält alle Bestandteile des
Gesetzes, und so zwar, daß dieses eine Umbildung erleidet. Demnach
gehen z. B. die Opfer in Christus unter. Er ist das Passahlamm, das Opfer
bleibt Passalilamm, und doch ist das Alte verschwunden, siehe alles ist
neu geworden. Sabbath bildet sich in den Sonntag um, verschwindet
aber nicht. Die levjttschen Reinheiten wandeln sich in sittliche Reinheiten
um. Und go überall. Demnach; bei allen Umwälzungen, welche die
Gemeinde vollzog, hat sie trotzdem doch nicht mit dem Grundsatü
gebrochen, den Jesus aussprach: Denket nicht, daÜ ich gekommen sei, das
Gesetz und die Propheten aufzulösen; nicht aufzulösen bin ich gekommen,
sondern zu erfüllen (und zu einer idealen Vollendung, zu der von Gott
bestimmten und beabsichtigten Größe alles zu bringen). Denn wahrlich,
ich sage euch, bis der Hinnmel und die Erde vergehen, soll auch nicht
ein Jota oder ein Häkchen vom Gesetze vei^ehen, bis alles wird ge-
schehen sein (Mt 5, 17. iS). Als das Wort gesprochen wurde, war es ein
ZciUdmll t i. DCQICIL Wiu. JabrE. IV. 1903. J
«I
I06
Chr. A. Bugge, Das Geteti und Cbiistus.
Rätselwort. Jesus hatte die Gewohnheit, sich mitunter schwerverständlich
auszudrücken, teils um damit die unwertvollen Bestandteile seiner An-
hanger auszuscheiden, wie der Täufer geweissagt von ihm: Er hat seine
Wurfschaufel in der Hand, und er wird seine Tenne rein machen und
seinen Weiifrn in die Scheune bringen, die Spreu aber verbrennen mit
unverlöschlichem Feuer (Mt 3, 12). Teils damit er durch daä Hemmen,
das Aufhalten des Gedankens eine Vertiefung darin erzwingen könnte.
Er hat diesen Zweck hier reichlich erreicht Solche Rätselworte hat er mit-
unter den intimerenjüngcm aufgelöst. So das von dem, was in denMenschen
eingeht (Mt 15, Mc 7). Meistens hat er die Paradoxen nicht gelöst, ein-
fach weil er das damals nicht konnte, da die Zeit noch nicht dazu reif war.
So verstand erst die Gemeinde das angeführte Rätselwort. Der Hebfäst-
brief ist unter anderem ein Kommentar zu dem Rätselwort Mt 5. 18.
Schon Paulus hat eine weitere Übertragung der Attribute der Thora
auf dexi Messias vorgenommen. So^ wenn er Christus das Ebenbild
Gottes nennt (zKor 4, 4). Ferner; Christus ist der Erstgeborene aller
Schöpfung; denn in ihm ward alles geschaffen im Himmel und auf
Eiden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne, Hoheiten, Herr-
schaften, Mächte, alles ist durch ihn und auf ihn geschaffen, und er ist
vor aUem, und alles besteht in ihm {Kol i, 15 — 17). Oder war diese
Übertragung schon vor Faulüa gentachi^ als Anwendung des Grunddogmas
der Messianisten?
Auf derselben Linie \vie das Obige liegt K0I2, Sff.: „Sehet zu, da& euch
nichtjemand beraube mittels der Philosophie und leeren Truges nach mensch*
licher Überlieferung, nach den Elementen der Welt und nicht nach
Christus. Denn in ihm wohnt all die Fülle der Gottheit leiblich und
ihr seid in ihm erfüllt, der da ist das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt,
in welchem ihr auch beschnitten wurdet mit einer Beschneidung, die
nicht mit Händen gemacht ist".
Einmal hat Paulus diese Voraussetzung seiner ganzen Gesetzcs-
lehre gewissennassen ausgesprochen: Koll 2, 16; „So soll euch nun
niemand richten über Speise oder Trank oder in betreff eines Festes
oder Neumonds oder Sabbats. Das ist der Schatten des Zu-
künftigen; der Körper aber ist Christi (ä fcTi citiä tüjv ficXXövTUiiv,
TÖ b€ cilina Toö XfUCToO). Sinn; Der Körper des Schattens gehört
Christo, d. h.; Jene Gebote der Thora sind an sich realttätslos, führen eine
Art Leben nur so lange nicht die Wirklichkeit erscheint. Die Realität
jener Thora-Gebote ist aber Christus, überhaupt: Die Realität der Thora
ist Christus. Tliora und Christus sind identisch wie Schatten und
Chr. A. Bugge, Das Gesetz und Christas. 10^
Körper, d, h. der Körper ist die Hauptsache und der Schatten wird mit
dem Anbruch der Nacht natiirgemäli verschwinde;n.
Kann man aber nun außexhalb des paulinischea Kreises irgend eine
Überlieferung nachweisen von dieser Auffassung von Christo als dem
neuen Gesetz, ■wenn wir auf die apostolische Literatur Bezug nehmen?
Mit voller Sicherheit kaum. Doch huldigt Jacobus einer Auffassung,
die jedenfalls am besten mit jener Identitätstfaeorie übereinstimmt. Dabei
ist auch zu bemerken, daß Paulus, obschon er nachweislich das Gesetz und
den Messias gleichsetzt, was die Zitierung Cap. lO unzweifelhaft macht,
doch nie die Theorie an sich in ganz direkter Weise vorträgt. Sie ist nur
die Latente Voraussetzung und dieselbe wird demnach so selbstverständlich»
den Lesern so geläufig gewesen sein, daß sie nicht direkt vorgetragen
zu werden brauchte. So kann es auch bei Jacobus gewesen sein.
Zweimal spricht er von dem Gesetz der Freiheit, Jac 1,25: «Wer
hineingesehen in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei
blieb, wer nicht ein vergeßliclier Hörer war, sondern ein wirklicher Täter,
der wird selig sein in seinem Tun''.
Wie läuft doch dieser Satz parallel mit jener paulinischen Stelle:
„Wo der Geist des Herrn ist^ da ist Freiheit Wir alle aber, die wir
mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn (Jesu) im Spiegel
geschaut, weiden in dieses selbe Bild verwandelt von Herrlichkeit zu
Herrlichkeit als vom Herrn des Geistes aus" (2Kor3, ii. 18).
Das Hineinscliauen in das vollkommene Gesetz der Freiheit und
das Hineinschauen in die Herrlichkeit des Herrn (die Herrlichkeit im
Antlitze Christi z Kor 4, 6) scheinen hier auf derselben Vorstellung zu
beruhen, zumal da auch bei Jac in dieser Verbindung von einem Schauen
im Spiegel die Rede ist (l, 2^).
Die andere Stelle ist Jac 2, 12. 13: „Redet so und handelt so wie
Leute, die durch das Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Derm
das Gericht ist unbarmherzig gegen den, der nicht Barmherzigkeit tut
Bannherzigkeit darf herabsehen auf das Gericht".
Es ist vielleicht von Belang, daß gerade in dieser Verbindung ge-
sprochen wird von „dem schönen Namen, nach welcliem ihr benannt
seid" (2, 7), und das ist Christi Name. Infolgedessen werden die Leser
durch ein Gesetz der Freiheit gerichtet. Wie anders als in Christo, als
indem der persönliche Christus das innerliche Gesetz geworden ist,
kann ein Gesetz durch Freiheit gekennzeichnet sein?
Jene Identifikation der Thota und des Messias Jesus und der An-
wendungen davon nennt Paulus „ein Mysterium, das verboten war
7'
vor den Weltzeiten in Got^ dem Schöpfer aller Dinge, damit jetzt kund
getan werde den Herrschaften und Mächten in der Himmelswelt durch
die Gemeinde die mannigfaitige Weisheit Gottes (Eph j, 9. 10), Besonders
bezieilt sich das auf die Anwendung der Theorie dahin, daü die Heiden
und Juden eins geworden sind. Ejre andere Stelle dagegen bezieht steh
auf die Ehe des Messias mit der Gemeinde. „Dieses Mysterium ist grot,
ich meine von Christo und von der Gemeinde" (Eph $, 32).
Nach diesen Äußerungen dürfte die Sache die sein, daß jenes
Gleichsetzen zwar von den Mes$ianistan vo nvegf genommen war, daß aber
die ungeahnten Schlußfolgerungen aus dieser Theorie der Gemeinde
erst nach der Auferstehung Christi und sehr allmählich aufgegangen
sind. So dem Petrus die Gleichberechtigung der Heiden sogar erst
nach besonderer Oßenbamng und Erfahrung (nach Act 10), und
trotzdem war das Verständnis des Mysteriums ihm nicht ganz ins Blut
übergeganger (Gal 2, 11 — 13).
Noch ist zu berücksichtigen das sogenannte Aposteldekret zu Jeru-
salem bezüglich der paulinischen Heidenmission. Was hier die Mutter-
gemeinde Coder deren Mehrheit die gewiß aus „messiamstiachen" Kreisen
stammte, im Gegensatz zu der pharisäischen Minderzahl) unter Leitung
des judenchristlichen Jacobus sagt„ geht auf eine Entlastung aus. Man
will eben nicht mehr „Gott versuchen", indem man „ein Joch den
Jüngern auf den Nacken legt, welches weder die damaligen Juden noch
die Väter zu tragen vermocht haben", wie Petrus sagt. Statt dessen
tritt Jesus und seine Gnade ein (Act 15, 10. ir>. Das „Joch" ist eben
„die Thora der Gebote in Satzungen". Also; die nämliche Voraus-
setzung; der Messias nimmt den Platz des Gesetzes ein. Ebenso be-
zeichnend ist, was als unerläßlich verlangt wird: Enthaltung vom Genuin
des Gotzenopfers, des Blutes und des Erstickten und von der Unzucht
(Acta IS. 29)- Das war aber, was man von den Proselyten des Juden-
tums verlangte. Denn mit Ritschi (Entst. d. altkath. Kirche' S. 129. 30)
nehmen wir an, daß unter „Unzucht" eben Ehe in. den in der Thora
verbotenen Verwandtschaftsgraden geraeint ist. Da nun, wie Ritschi
tiemerkt, die Haltimg jener ,,noacIiiti3chen" Gebote keine religiöse und
nationale, sondern nur noch eine soziale Bedeutung hat, so wird Christus
eben die Grundlage der Gemeinschaft und damit die wirkliche
Grundlage der Religion, er wird auch den ehemaligen Juden, was
das nicht zu tragende „Joch" der Thora gewesen. Wenn jemand noch
das Gesetz beobachtet, so ist das nunmehr private Liebhaberei, alte
Gewohnheit oder Ähnliches. Das ganze Verhältnis ist nicht Konzession.
Chf, A, Bugge, Das GesfcU uad Claistus. IO9
sondern vom jüdischen Standpunkt ganz prinzipiell, aber dach nur
möglich auf Grundlage der Identität des Messias und der Thora, d. h.
Identität als die des Körpers und des Schattens. DaU man sich spesiell
auf die Proselytengelübde beschränkt, hangt gewiß damit cusammen,
daß Paulus in seiner Heidenmission, wie oben gezeigt, die Proselytcn
besonders vor Augen hatte. Er wird deshalb fiir diesen Standpunkt
plädiert haben. Und die Messianisten konnten nicht gut die Konsequenz
abweisen.
Was den Hebräerbrief betrifft, so sind wir in weiter Ausdehnung
mit Ritschi' einig, doch mit den Modifikationen, die von unserem
Standpunkte bedingt sind. Der Brief ist gewiß an die jerusalemische
Gen:ieinde gerichtet und stammt von einem Mann mit einem dem der
UrapDstel ahnlichen Standpunkt. Nun meinen wir aber, daß unsere
Voraussetzung besonders gut die Eigentümlichkeiten des Briefes erklärt.
Die im Briefe bekämpfte Gefahr stammt von der pharisäischen
Fraktion, welche nach Act 15 und 21 sowie dem Galaterbrrefe als
eine sehr energische, agressive Minorität erscheint, die natürlich in Jeru-
salem mit seinem bezaubernden Kultus besonders gefährlich werden
konnte, Dieser Fraktion lag die Wiedereroberung fiir das Gesetz nach allen
Beziehungen natürlich am Herzen, Der urapostoüsche Standpunkt stammt
aus Messianistenkreisen und der Hebräerbrief ist nur ein ins feinere aus-
geführter, zu geistreicheren Hohen hinaufgebauter Kommentar des
messianistischen Grunddogmas. („Darum wollen wir das Anfangswort
von Christus dahinten lassen und uns zur Vollkommenheit erheben"
Hebr 6, l). Da nun die Aussagen Pauli von der Hoheit und Würde
Jesu eine Übertragung (in etwas potenziertem Maßstabe) von Attributen
der Thora auf den Messias sind, so erklärt sich daraus die Verwandt-
schaft dieser Ideen mit denen des Paulus. Es sind eben Schwesterideen.
Daß die Belehrung des Briefes Wirkung gehabt und dazu beigetragen hat,
die urapostolische Fraktion zu bewaliren, welche wir in den Nasaräem
bei Hteronymus wiedererkennen, wie Ritschl klar beweist, das hangt
damit zusammen, daß die Argumente eben Folgerungen aus dem Gnmd-
standpunkte der Fraktion sind und deshalb ins Zentrum treffen.
Sonstige Spuren von dieser Voraussetzung in urchristlicher Zeit sind
vorhanden, wenn wir den Earnabas-Brief zwar nicht dem bekannten
Apostelfreund, aber doch, mit Weizsäcker (Zeit Vespasians) und
1 Allksti. Kiitebe* S. ijaff.
IlO
Chr. A. Bng-ge, Das Gesetz tmd Christus.
Hügenfeld (Zeit Ncrvas) dem apostolischen Zeitalter zuschreiben."
Denn dieser Brief spricht von „dem neuen Gesetze Christi, das ohne
das Joch des Zwangs ist". Die Aufgabe ist, ,.daü die Liebe Jesu
besiegelt werde in unseren Herüen zur Hoffnung auf jenen Glauben".
Nach dem Vorgange des Hebräerbriefes werden die verschiedenen
Typen der alttestl. Gesetzlichkeit als inj«su erfüllt erklärt and damit als
Gebote weggefallen, nach allegorischer Deutung.
Vollends im 2ten Jahrhundert haben wir die Theorie bei Justin
deutlich und ausdrücklich ausgesprochen: Als ein ewiges und
vollkommenes Gesetz ist uns Christus gegeben und als ein zuverlässiges
Testament (öihöi^kti mcrn), mit welchem weder Gesetz nocJi Vorschrift
noch Gebot" (verbunden ist) Dial. il.
Ritschl mag recht haben, wenn er sagt: „man darf hinter diesen
Ausdrücken den erhabenen Gedanken nicht suchen, der darin zu liegen
scheinti denn Justin versteJit unter dem neuen GesetüC doch nur einen
Komplex von Geboten, wie das mosaische ist, und Christus selbst wird
demnach einfach als Gesetzgeber dem Moses gegenübergestellt" (cap. 12.
I4> l8 S. 299), Mag sein! Dafür gebort Justin auch einer Epigonen-
zeit an. Jedenfalls hat er nicht die Theorie an sich aus den eigenen
Fingern gesogen. Der erhabene Gedanke gehörte der großen Zeit an.
Und was die genial schaftende Grundlegungazeit aus dem „erhabenen
Gedanken" machen konnte, das hat uns nicht ein Barnabas, sondern ein
Paulus und ein Johannes gezeigt!
' Ritichl und HoniAck selben ihn Asiuig dei 2ten Joluli. an. Die iuJiereii
Zeufniss« aus d«in Altertum« für Butiftb^ut a.li den wirldiciteo VerfHicr lind dbrigeu
cinstiiEunig.
tAb(aiclilousB am 19. Apiil igoj-I
F. Kattenbusch, Der Märtyrerticel.
III
Der MärtyrertitcL
Van F. KattcQbusch in Gictisu.
Die alte Kirche ka.nnte einen xXripoc (ordo) tlüv fiaprOpuiv, Eusebius
H. E. (ed. Schwegler) V, l, 26,48 u. ö. Die Märtyrer bildeten ein
TÖTPA« für sich unter den mcroi, spejiiU auch unter den 6|4oXoTTiTot.
Als ^äpTVpcc bezeichnete man diejenigen, die für ihr Bekenntnis, daQ
sie Christen seien, Leiden oder, das ist der eigentlich entscheidende Punkt
den Tod erduldet hatten. Mir scheint, daß die Frage, wie die Märtyrer
zu diesem ihrem Titel gekommen sind, noch nicht wirklich geklärt ist.
Gaß in der übrigens noch immer recht beachtenswerten Abhandlung
,^35 christliche Märtyrertum in den ersten Jahrhunderten und dessen
Idee" {zwei Artikel, Zeitschr. f. hist.Theol. iSjg, S.323ff., 1860, S,3i6fl:0
widmet dieser Frage nur ganz kurz einige Aufmerksamkeit, wiewohl
man doch glauben möchte, daß sie für die „Idee" des Märtyrertums von
Belang sei, vielleicht dafür den entscheidenden Aufschluß gewähren
könne.' Die neutestamentlichen Lexikographen schauen kaum über
ihre Zäune hinaus. Der Titel ii&pivptc für diejenigen, die im Bekennt-
nis sich standhaft erwiesen hatten und dafür getötet waren, ist ohne
Zweifel auffallend. Das Wort |iäpnjc bedeutet an sich nichts anderes
als ,^uge". Unter diesem Titel aber wird deijenige vorgestellt, der
filr die Wahrheit von irgend etwas eintritt oder angerufen werden kann.
Wer selbst dabei gewesen als etwas geschah, wer den Rechtsgrund Für
einen Anspruch jemandes kennt und anderen mitteilen kann, wer ver-
sichern darf in einer Angelegenheit ein „Wissender" zu sein, ist der
HdpTUC. Was wissen denn die MartjTer vor anderen Christen? Wem
sind sie Zeugen? Dem Richter? Aber ich wüÜte nicht, daß sie irgend-
wo diesem etwas kundtun, mitteilen, was die önoXoTTiTCtf confessores,
nicht „bezeugten". Sie bezeugen von sich selbst, daß sie zur christlichen
I Bvnwctich in Bcipem SQTgsain^n Aittbcl „Märtjrrcr und BekAnnAr", ßtalenCykl.
t prot. Thcol. Q. Kirche XDt (1903), S, 48(1. gellt leider gar nicht darauf ein.
fXä
F. Katienbusch, Der MärtyrertiteL
Gemeinde gehörteil. Daneben bezeugen sie zum Teil, daß es in der
Kirche ganz anders hergehe, als den Christen vielfach schuldgegeben
.werde.' Aber wenn sie, nachdem sie ihr Zeugnis über sich und ihre
Jriider abgegeben haben, vom Richter frei gelassen werden, gelten sie
nicht als ndpxupec. Sie empfangen auch dann Ehren bei den Ilirigen,
aber gerade der Zeugentitel wird ihnen dann bei diesen nicht zu TeiL'
Sind die Märtyrer vielleicht den Christen selbst Zeugen? Aber wofür?
Erscheinen sie ihnen wirklich als solche, die mehr „wissen" und bekun-
den können, als die einfachen nicrai? Das Sterben allein macht niemand
zum iiäfiTuc. Wiefern macht das besondere Sterben des Märtyrers
diesen zu einem jinpTUC? Handelt es sich bei dem Titel um eine Er-
weiterung des Grundsinns dieses Wortes* Wir werden daran erst denken
dürfen, wenn es klar ist, daß wir mit dem Grundsinn nicht zum Ziele
kommen. Und um welchen erweiterten Sinn mag es sich eventueU
handeln? 3
Die Bezeichnung als Mdprupcc ist auch noch anderen Chmten ab
den Märtyrern zu Teil geworden, und es fragt sich, wann sie technisch
anfing, sich auf die letzteren zu besondcm. Cremer, Bibl. theoL Wörter-
buchs s. V. meint, daß das NT noch keinen Beleg für einen Sprach-
gebrauch liiipTuc = Märtyrer enthalte. Mir scheint doch, daß Lc 21. 13
den Sprachgebrauch schon voraussetze, freilich wohl erst in einer Glosse.
Und dann dürfte doch alsbald i Clemens 4, 5 (Petrus als fiaprupiicac)
ein Beleg sein.*
Wir mögen kurz und übersichtlich uns vergegenwärtigen, welche
verechie denen Personen im NT als mipTup« bezeichnet werden.
I. Die Apostel. Sie sind die „Zeugen" des Lebens und Sterbens
Jesu, zumal seiner Auferstehung: iijitTc yöpTUpec TOÜiufv, sagt der Auf-
erstandene zu ihnen Lc 24, 4S, nachdem er darauf hingewiesen, daß es
I Bluntlina sagt immer wied« XplCTiavi'i et^t Kai nap' ^liTv oib^v qiaOAov TiVETai,
Ena V, J, 19. Auch di« Biblias nimnit durcti ihr Zeugnis die Gemeinde in Sctiutz ib. a6.
' Eu«eb V, 1,11 (Brief der Lugdutienier) «itteint der Amdmck i^oXfr-fia jf\c
MOpTupIac gegenüber bloßer AnoXof'o. — l Tim 6, li, 13 ist von der Kakf\ öpoXorla
die Rede, .die Timotbens di^oWTiiCE, Christas Jesus aber «elbBt vor Pilatus licapTÜpr]ce
tetzterci Aaspielaag auf Job 18, 37i- Ob biec schoo ein Doppel^ian iia Spiele ist?
i Ich gehe nicbl über die Literatur äes 2. und gntic frühen 3. J^hrbnuderts binins,
ds dai die LuDeiste- Grtmt ict, iimeyhftlb i^ta «jse Antwort m tuthsa i«t-
i Die Utciniscbe Literatur 5ctM iTX spät ein, ata IcrmiDolDgisch wichtjg cu sein.
Sie bietet von Tomeherein das Wort martTr in derselben Weise als Lehnwort wie
ecclesta, cAthoLicQs u. o. In der Passto Perpeluae (wenigstens nach Robinson,
Text» «Jid Studies I, 2), ah deren Autor Tertnllian nicht ohne Wnbrscheialicblceit kon-
jiiien ist, lehan dac Feminin „martyn" (c 2a),
F. Kattenbuich, Der MäityrerdteL I13
„geseihrieben" gewesen, daß der Messias leiden und am dritten Tage
auferstehen müsse. Mit ähnlichen Worten überträgt er ihnen die Mission,
Act I, 8. Die Augenzeugenschaft des ganzen öffentlichen Lebens Jesu
von der Taufe bis zur Himmelfahrt wird dann von den Aposteln selbst
als Bedingung der Aufnahme in ihre Zwölfzahl behandelt, ib. i, 21. Als
der Beruf aber dessen, der den Verräter ersetzen soL, wird hingestellt,
daD er „mit ihnen" ein }xipTVc tiIc dvacröceujc toO icupiou "Incoö werde,
I, 22. Petrus stellt 2, 32; 3, IS; S, 32 entsprechend sich und alle Apostel
als die jidpTupec der Auferstehung Jesu dem Volke vor; lO, 39 macht
er auch das weitere Moment geltend, daß sie sind jidprupec ttävtiuv iIiv
iiroiiicev iv T^ X^^Pf '^'^'^ 'loufcalujv Kai (i^v) ' lepoucaXnM- In i Petr 5, i
nennt sich Petrus einen lidpTuc tüjv toö xpiCToO naörmdriuv. Aber auch
den Paulus läßt die Apostelgeschichte seinen Apo&tolat darauf gründen,
daß er zum Zeugen der Auferstehung Jesu geworden, und auch ihm
definiert sie setnen Beruf mit den Worten ön Ecrj (läpruc aÜTiü Trpic
nävTflc öv9pü>rtou< Äv i^panac icai f^noucac, 22, 15 vgl, 26, lö.' Man
würde sich nicht wundern, wenn die Apostel geradezu den Titel der
mSpiupec 'IncoO erhalten hätten; es ist jedoch nirgends erkennbar, daß
das der Fall gewesen.
2. Für niipTuptc gelten ferner die Propheten. Der ircdaiöc npec-
puTric durch den Justin bekehrt worden fDial 3 ff.), sagt von den alt-
testamentlichen: oÖTOi jjövoi TÖ (iXi;8fec Kai etbov Kai äEeiicov dv9piLtnoic
, , . (iöva TOÖTCi eiirövr« ä fiKOueav köi ö elöov 01^141 irXr(puje4vTec ttvcO-
tiCTi (7, ed, Otto S, 30), Ausdrücklich ^äprypec 'liicoO genannt werden
sie zwar nirgends.' Doch heißt Johannes der Täufer Zeuge für die
I Weitere Stellen, wo von der Tätigkeit der Apostel als einem „Bereogen" die
Rede ist: Act S, 25 hiapapTiipdfiEvoi xal XoAi^cavTCC tAy \ojoy toO flcoO (zu denken
ist, daß sie a£ dei lion^ der Weiss&gungen Jesnm. nt-ch Mo&gabe dessen, was sie von
ihm IH Le^eugen Termoctten, als Messiaa dargelan); iS, 5 {ITaßX^cj !yl^^apTvp^^cVoC
Toic 'loubaioic tlvai töv xpicröv 'Ificoöv. In begreiflicher Erwcilermiig wird autli da von
einem „Beieugen*' der Apostel geredet, wo es sich, um die Darlegung def Bedeutung
Jcju als Messias oder ganz allgemein um den Gebalt Uirec Predigt handelt. In Actio, 42
wird es nocli als „Befehl" Jesu selbst beieiehnet, i\i „b«eugen", daß er der UiptCfi^voC
KpiTi^c CtOvTWV Kai veKptüV sei. Zu denken ist sonst an Wendungen wie bi<iriapTi[pp£-
rtai TÖ Eäa-rr&iov 20,34, Tf|V pcttiXelav toO eeoO 28,33 «-»-
' Vgl. immerhin Ad 10,43; ^l« Propheten „fiapnjipoOa''' Jesu, ft<p€CTV äfjapTHÜV
XapiTv b\i TOü 6vöiioToc aÜToO irdvra täv mcTeüovTa ek aiiiiy. — bx Cons^t. app.
Vm, 13 (cd, Lagarde S. 256) wird dei heiL Geist selbst einmal in einena wairscbcin-
lich allen Gebete a-'s ndpTVC ™v iraBiittdTWV roß KVpiov 'lt]«>ij XpifraO beieichnct,
nämlich sofern er wußte, diß Jcsu& leiden mußte, Tind das iuior kundtat — Pcürus be-
nennt Act 5, 32 neben sich selbst das TtvsO^a als ^dpruc (ur aille die pf^^iata, die «r
geredet, nämllcli für alles äi3, was Jesus aJs den Messias erweise, hier doch mtt dci
^
"4
'äiteabasch, D« MlttyrwtiM
Herabkunft des Geistes auf Jesus Joh l, 32, dafür, daSt Jesus (püüc ist
ib. I, 7, 8 und der Vertreter Gottes 5, 32, 33; er ist hierbei als Prophet ?u
würdigen (Joh l, 33 — vgl. im allgemeinen Matth II, uff.). In Act 26, 16
berichtet Paulus, der Herr habe zu ihm gesagt: eic TOÖTö T^p ifitpÖTiV
eoi npoxDpicacSat c€ . . . McipTupa iliv te c!bcc iliv tc öip6ricotiai COL
Also auch sofern er dauernd Visionen haben werde, solle er „Zeuge"
werden. Besonders in der Apokalypse des Johannes tritt eine Be-
zeichnung der Propheten als „Zeugen Jesu" auf. Johannes selbst schreibt
sich mit Bezug auf seine Gesichte einen Beruf des ^lopTuptiv aw, i, 2,
Er nennt sich nicht lidpnjic, hätte aber offenbar als „Seher*" sich so be-
zeichnen dürfen, Dagegen ist in cap. 11 ausdrücklich von zwei (liSpTuptc
^ou (nämlich Jesu, oder vielleicht auch Gottes) diä Rede, v, 3) weldle
„weissagen", und auch als ot &110 irpotpnTai bezeichnet werden v, lO;
ihre MO^PtupIa v. 7 besteht in der Mitteilung von Offenbarungen. Ob
auch Antipas von Per^amos, der 2. 13 von Christus 6 ^dpTUC pou, 6
mcröc |JOU, genannt wird, als Fropiiet gedacht ist, läBt sich nicht un-
mittelbar ausmachen, ist aber indirekt ziemlich sicher.'
3. Christus heißt ^apruc, mit Bezug auf sich selbst oder das Ende,
das herbeizuführen seilte Sache ist Johannes grüßt die äieben Geaieia-
den von ihm als dem jidpTuc mcröc l, 5. In 3, 15 hebt er an; täbe
X^ei 6 Äjii^v, 6 nÄpTUC 6 jtictöc koI ÄXrieivoc. Rückblickend auf sein
Buch sagt er 22, 20: X^t« Ö napTUpuiv TQiJTa' vai, lpxo|jai raxü.
w 4. Nicht zu übergehen ist die „Wolke von ndpTUpec", von der
Hebr 12, l die Rede ist Das sind die Männer und Frauen, von denen
in cap. n gehandelt wurde und die als Urkunds'personen von
Glaubenserlebnissen in Betracht gezogen waren.
I Neben all diesen, die das Prädikat als ^äpTupsc empfangen, fallt es
niP«idting, daß das irveO^a nachtriglicli »lleii, die jetzt Gott gehoTchen würden, neeh
dit ditflkte pen5nlich,eVcTgewiBsenirg g«beii werde, daß JcH« der E«ii ab der er ihnen
verkfinilet wotdcn. Vgl. Hebr lo, 15.
' VgL fierner Apoc 17, 6. Hier wetden die fidpTupec '1. untere chieden vo-n den
Afiot. Diese wie jene »nd ermordet: dtLS Weib ist trunken von ihrem Blute. Also
beides sind Märtyrer. In wdcheni Sinne sind jene denn „Zeugen", diese nicht? H»n
bat zunächst SO, 4 (6, 9) heffttiauii-eheo, vr& von. selchen die Redie itt, die bid Tf|V |il(tp-
TUpfav IricoO Kai Töv \6-{oy toD ötoD getötet sind. Ferner 1, 2. 9; la, l?; 19, la Auf
■Ue diese Stellen wirft ein Liebt die Gloase an letitereni Orte: r| ^oprupfa 'IricoO £cnv
TÖ irveüfi« Tf^c ttpotpriTelac. Dku paCt in der Tat die ZuiamiiiGnstGllung dies« jiop-
Tvpia mit dem XäToc ToO 9«ol>. Also es huidelt sich um ein Zeugnis, du Jesus selbst
gibti <i'? fitipTVpfc '|r]CaD sind diejenigen, die OfTeabuiingen Tcn ihm empfvigc» und
■weiter geben. -^ Für (itlpTupla 'I. im Sinne einer Bezeugung von seilen Jesu vgl,
sonst Joh 3, II, 33, 35. Ähnlich wiid manchmal ^uf eine papxupla Gotlei Beiug ge-
il ommcn.
F. Kattenbuäch, Der MönyrcrdicU
"5
um so mehr auf, daü die Märtyrer allein den Namen als Titel erhalten
haben. Vor allem abtr fragt sich, ob wir daraus, daß jene alle als fjäp-
Tuptc bezeichnet werden, sofern sie wirklich im besondem Sinn „Wissende"
sind, abzuleiten haben, daU vollends die MdpTupec im eigentlich tech-
nischen Sinn Cur Leute erachtet seien, die als Wissende von irgend
etwas Eigentümlichem, etwas besonders Großem, geehrt werden
müüten.
HaJten wir uns an den Protomartyr Steph^nos, so scheint es, als
ob wir in der Tat dieser Fahrte folgen müßten.' Daß St. PneumatiUer
höchster Ordnung war, ergibt die Schilderung Act 6, 5 ff- Besonders
wird hervorgehoben, daß die Libertincr, die mit ihm zu streiten suchten,
der coqila, die ihm der Geist vermittelte, nicht widerstehen konnten,
V. g. Dem entspricht der Ruhm, der seiner Rede vor dem Synedrium
blieb. Gesteinigt wird er aber doch erst, als er Kunde gibt von dem
Gesichte, worin er die ööSa ÖcoO schaut und von dem er dem Volk
verkündet: i6oü öempiii toüc oüpqyoiic ÖirjvOITM^veyc KOl TÖV uIÖV TOO
Ävepwnou ix bilvhv ictwa toO Omö. Es ist deutlich, daU Paulus ihn
daraufhin als piSpTuc 'Iricöö bezeichnet, Act 22, 20 (vgl v. 15 u. 18).'
Gelten die Märtyrer für solche, die im besonderen zum Schauen der
toöEa Gottes und Jesu als des Messias gelangten:
Wenn wir letztere Frage zu bejahen haben sollten, so wäre nicht
daran zu denken, daß die Märtyrer im gleichen Sinn wie Stephanos zum
allgemeineren ordo der „Propheten" gehörten und unter diesen im be-
sonderen Maüe für Zeugen mit Bezug auf Jesus erachtet seien. Denn
es ist, soweit ich die Literatur, speziell die Martyrien, verfolgt habe,
nicht zu beweisen, daß man die Märtyrer durchweg für Leute angesehen
habe^ die ein besonderes Lebenscharisma für „OfTenbarungen" besessen
hätten. Zwar wurden ihnen mancherlei prophetische Gaben im einzelnen
beigemessen. Selten, daß ein Martj'rium ohne wunderbare Erlebnisse,
I Diu Stephanos von besonderer Bedeutung für die Märlyreridee gewesen, darf
man vennatcn. Es ist its audi ausdcücklich belebt doich Wendungen ytit Et^^ovoc
6 T^XciOC jidpTtJt, Brief der Lugdunenser, Euseb V, 2, 5.
3 PhuIus berichtet, da^ er, al$ er nicb seiner Scbehmog sieb Frieder nacll Jetn-
salem vuidte und im Tempel betete, von aeucni den Ifenn ii ^KCTticEi gesehen nnd
v-on ihm gehört habe, v. 18, er soll« schlennig« Jertuaieni rerlassen, di man dort seine
t,|4apTiip[a" nicht anDehmeu werde. Art und Inhalt teines ,, Zeugnis:; es" ist durch v. 15
bezeichnet Er äußert dem Herrn die GeBcnmeitLUDg, daG man sein Zeugnis wegen
seiftcr ttadlbelcanntdii Betei!ig;Uiig an in Tötilng iti Stephuios, „tqO i).dpTVp&C C«U"t
doch irohl hören werde, — konnte miui sich gegen den letzteren die Ohren rerstopferit
■o yres er doch genügend erwiesen ali. .^kritisch*'. Also das {uripTVC-Pridikat gilt für
Stephanos aU einen, der den Heim aach „gesehen"«
F. Kaltenbusch, Der Mänjrertniel
zumal Gesichte^ verlief.' Dennoch erfahren wir nirgends, daß die „Zeugen*
b e g ri f n i eil als zu den Propheter gehörig beurteilt worden wären."
Hingegen dürften wir daran denken, daü die Märtyrer für solche er-
achtet wurden, die unmittelbar im Sterben „zum Herrn" ge-
langten und von ihrem Tode ab für „Selige" galten, die den Herrn
mit Augen sähen, die die Wonne des Paradieses im Himmel in der
Gemeinschaft mit ihm genössen und also dermalen „Zeugen" dessen
seien, was Jesus erlebe, wie er lebe.
Um dies zu würdigen, haben wir uns zu erinnern, daß die alte
Kirche keineswegs glaubte, daü alle Gläubigen alsbald im Sterben zu
Christus kämen und in da^ Himmelsleben eingingen. Vielmehr war,
wenn nicht allgemeine, 50 doch über^viegend verbreitete Anschauung,
daß die Christen nicht anders als die übrigen Menschen im Tode zu-
nächst zum Hades hinabstiegen, dort „warteten", bis der Herr vom
Himmel hcrniederkomme, um Gericht zu halten, und erst dann, beim
„Ende", die Aussicht hatten, mit ihrem Herrn vereint zu werden. BI0&
von den „Großen" unter den „im Herrn" im Glauben oder in Hoffnung
gestorbenen — den Patriarchen, den alttestam entliehen Pro-
pheten, dann den Aposteln — glaubte man, daß sie schon jetzt in
der oberen Welt seien und hier, bei Christus weilend, den eigentlichen
„letzten Dingen" entgegenharrten. Nur ihnen war Christi eigene Hsdes-
fahrt unmittelbar zu gute gekommen. Es ist nicht notwendig, daß ich
auf das Detail der Vorstellungen der alten Christen über die nächsten
Schicksale der Gläubigen im Sterben eingehe.) Daß speziell die Mär-
■ Es genQgt, s.uf Weiuel, Die Wirbongen äei Geistes und der Geister, tu ver-
weilen, wo viel« Beispiele gcsakinraelt sin^. S. 14z IT. «rird hier mit Recht daiauf lun«
gewiesen, daß das Martyrinm, die Dereitschaft und Kraft lu ihm, für eine ^Vi^kul1g nnd
Prob« dec TTvefi^ ga.It Die Grol^kiri^he titiil die MAtitati;tt«tt bcwici^n iridcr «n-
ander mit ihren Mäityrnn ihren Geislbesitit Buscb Y, 16, 12 a. 30,. Die gräQere Willig
keit tum Mvtfrium bewies den Montanisten, dftC> sie io höherem Maße den Geist hätten.
Allein in Bezug auf da« ttveDms wurden die Märtyrer im allgemeinea doch aicht
anders beurteilt al* auch di-e Asketen u. a.
* TSÄti htiaüAttti Moment, das in Frage kominen ka.nn, muß (üi eipe Erörterung
hcTnacb aufgehoben werden, — Man wolle hiti nicht daran erinnern, d«G es fiir ■■T'ro-
pheienlos" gegolten habe 111 „leiden", Mt S, lo — la; 23, 34 Lc II, 47,48. Denn
wenn auch da, wo von Prophcteamöityrcni äpcsLcll berichtet wird, besonders in der
Apokal^se, klac ist, daß diese Männer ndfiTVfut: heiben wegen ihrer npoipiiTria, so tnlt
ddch eWn hier nicht hervor, daß ihie Prophet« nschaft und thrTo-d ds lu einisder gc-
hörig YOrgestcIll seien. Vollends ist es nicht lichtiE, daß nur „Propheten" Nläityrer
warden.
3 Vgl. die Erörlemne Sher Christ! „dcEcensos ad inreros" in meinem Werke
,J}ts qiostolische Symbol" (U.S.Sgj IT.), auch Giemen, ^iedergefahren sc den Toten",
i^
tyrer fiir solche galten, die auch im Himmel, beim Herrn, auf den grolien
Tag der abschlieüenden Offenbarung der MessianJtät und Herrschaft
Jesu warten dürften, ist sicher. Tertuiliän bezeug es, daß ^ den
eigentlichen Vorzug der Märtyrer ausmache, daß sie nicht in den Hades
steigen mü&ten, nicht das gemeine Christenlos teilten, in diesen unteren
Regionen aushalten zu müssen bis die Posaune erschalle, die die Gräber
sprengt, de anima 55,'
S. 14a ff, — Von den App*Uln meint Herrn 41 Sim IX, l€, $ ff,, d«JS sie tuoüclut
lütten in den Hades steigen müssen, nimlicli a.\a den npoKCKOc^nM^voi lu predigen und
die Taafe tu speaden. Ab«r sie sind dann ^k toQ ßuSoO „eiupoTgesdegen".
' ^g1- iiD- apost, Sjmb." S. goi — 903. „Tota paradisi claris tum sangaiE cit",
sagt Tettnllian en der oben citiecten Stelle. Zum Beweiie beruft er sich dariuf, daß
PefpcitlA fürtissimii maityr am Tage ihiei Fassion, y/a li« du Faradies geüflnet saht
lolos iltic coinmutfres stios vidii (s- Possio Pcrpctuae 11 u. izy Er geht soweit, daü
er nur die Mirtyrer als solche ansehen will, qui in Christo decesserint, non in Adam.
Diese nova mors pro Dco et extraordiniuia pro Christo tkabe den Lohn, daß sie sd'io
et privato excipituT b05[iitia. Ich habe o. a. O. geieügl, wie diese Anschauangen is der
Zeit TcituICiaDS eine Krise durcLmachtcn. Hei-nach galten ireseDtlicEi m od tu vierte Ge-
dajikcn. Aber für die mich in. diesem Aufsatz beschitligendc Frige ist gerade die Idee,
die Tertulliuk veftiilt, iu berücksichtigen, In der kleinen Schrift Ad mart^ras giM
Tertullian denselben in der positiTcn Farm Ausdruclc« da£ er den im Kerker ihrem
Urteil entgegensehenden Christen eunift (cap. ]}: Benedicti . . . bonura agonem snbituri
eitis, in qyp agonotheles Deus vivus c»t . . . Corona, aeternitatis brnbiuiq angqlicac sub-
ilanCiae, politia in coelis, gloria in saecitla saeculonim. Ahnlich wie hier ist es zu
-würdigen, was schon Joha.nties in der ApolcAljrpsc den hieben Gemeinden in ver-
scbiedenen Wendungen mit Bciug auf dos, y/as die Märtyrer nx erwarten hätten, ver-
kündet. Dem „Sieger" wiid Jesus geben lu „essen vom Baume des Lebens, der im
Psradiese Gottes sieht", 3,7; dem mcxÖc öxpi öavdtou stellt er den critpfflvgc rflc
Z«jP)C in Aussiicht, ib, la Vgl. ib. 17, 26, 28; 3, ;, 12, 21. Als Gegensab ist hier aller-
dingt ßiclit die „gew3hD]iche"Treae ta vciYtchen, sondern dei Abfall. So eiketint man
liier a.uch nicht, daC die „gcwdhnliclien" Gl&ubigca (^anäcbit) ein anddrcsi Los im Sterben
m erwarten haben als diejenigen, die der Verfolgung ausgesetit gewesen und siand-
getialten haben. Dennoch ist es eine Verheil^Qng gesteigert en Grades, die den
leUlcren in Aussicht gestellt wird: sie erhalten an allem, was im Faradiese den CJbristen
in Aussicht stellt, alsbald Teil. (Apoc 6,^ sind die Seelen tiüv iCfpä-ifi'i'il]^ 6lä TÄV
Miov ToO e€oO KOt 6id Ti'iv napTiipiav f|v eixov vorgestellt ali iwai im Mimmcl lebend,
aber »erborgen unter dem Altar, noch ohne Freude — allein das ist unverkennbar ein
Stüclc der jödiscUen Gnuidschrifc, das bld tV|v )ia.frT. etc. wird christlicher Zasals tein^
Vgl. für die Hoffnung der Märtyrer und den Glauben der Gemeinde in Besug derselben
im Bii«fe der Lugdunenser mehrere Stellen: Euseb V, 1,36 — 37, 41—43. Im Mirt
Po-lyc 2, 3 werden Polycarp etc. geEchilderi .-ds solche, die schon mm Voraus schauen
durften Tofc rf\c Kapbloc öqiQoAfioit die Herrlich keilen (tA ftTaed}, die toIc öiTDuelvattv
vorbehalten sind, <S oCtc o&c fiKOUCEV oO-rf dqi9(LX.^6c eUev . . . ^Kclvoic &£ üirt^tlKVUTO
i>tr4 TO& Kuplou. Ja sie waren schon fitiK^-n flvepuiitoij dlX" f|bT| ärft^ot. Öfter er-
scheinen die 4em T*dc Geweihten den Gemeinden zvm Vornus wie halb im Himmel
stehend. Es umwittert sie schon der Wohlgeruch des Himmels, Mftrt P0I7C 15, z
EusIV,is,37i Ep Lugd Eni V, i, 5. (Vgl. daau Harnack, Zeitschr. f. KiTchengesch. II,
i
ii8
F. Kfttten'biiacli, Der Ms
Wenn es richtig ist, daß es als glanzvolles besonderes Los der
Märt>Ter angesehen wurde, alsbald zum „Schauer" dessen zugelassen zu
werden» was andere Christen, auch nachdem sie den „Lauf vollendet*',
immer noch bloit als Hoffnung vor sich hätten, so wd man gendgt
sein, es sachlich fiir sehr möglich zu ettichten, da^ die Märtyrer wohl
jidpiupec 'IricoO heißen möchten mit Rücksicht darauf, dal^ sie im Himmel
seien. Dennoch läßt sich diese Idee letztlich nicht halten. Zwar gibt
es technische Werdungen, die dieser Idee recht eigentlich zu entsprechen
scheinen. So besonders die geläufige Phrase „aufgenommen werden",
„versetzt werden" tk tov KXripov tüjv jiaprüpuuv. Es handelt sich immer
darum, daß einer um Christi willen den Tod erlitten hat. In diesem
Sinn berichten die Lugdunenser, Eus V, i. lO, von Vettius Epagathus,
daß er auf eine Öyo^OTia hin 6\i\i\<p&r\ Kai oötöc eic tov KXfjpov Tiiv
^apTupLuv, ebenso (ib. 26) von der Biblias; vgl. noch 48. An der letz-
teren Stelle ist berichtet, daß einige, die zuvor verleugnet hatten, nach*
her doch „bekannten" und dadurch zum Kreise der ^dpTUpsc Zutritt er-
hielten. „Draußen aber blieben", heißt es weiter, nur die (scL von denen,
die verleugnet hatten), die schon durch ihren Lebenswandel früher ge-
zeigt hatten, daü sie utol v\t; äTTujX^iac seieo; oi »e Xoinoi nivrcc t^
^KK^Ticiqi npö«TtÖTic«v. Ist hier ^xK^ncia ■= KArjpoc tüiv »lapTÜpUJV? So
zwar, daß die 4icK>irititt hier ganz als Himmelsgröße gedacht wäre? Das
t8^8, S. 29tE, Wcinel S. Ij^ff.). — Der Gedanke, dd) die Mirtyi« unmiltelbu in.
die Henlichlteit Jesu mit eingingen, wird versciüedene Gründe h^eii. Die besondere'
Traae w«i besöhdürtö Lohnes wert. Nicht gering lu vämusclilageii Ul es, daß Stepktooi
den Herrn ge&ebcn hatte bereitslebcDd seinen Geist „lufzimehiDeii". Act 7, 3a, 59. Das
wu ein Beweis, daC die Mürlyrer nicht in den Hades hinab lofteigen bratiehten. Im
3> Jahthondert, wo dct: Gedanke gesiegt hatte, doU Chiistua inferos adiit ne nai adire-
taxu, eracheinen die Märtyrer nui noch als solche, die im Iliminel höhere Ehren {^e-
niesen >Is die andern im Glx.abefi verstorbenen. Dqieh scheint tclbst bei OTigeoc»
(Elc MOpTÜptov npOTpctiT. Xäf.) noch unwillkürlich manchmal dmch, daJi die ältere Idee
die gewesen, dal^ nur die Märtyrer sögieich zum Himtnebfrieden gelingten. Otigene«
hat es tum Teil mit Uoter^chiedca zwischen .den Märtyrern in tun. „Reiche"
Märtyrer, solche, die a.1* „Väter" ein grötetcs Opfer brachten als kindeilose, stellt er
sich vor als noch guiE besonders ausgcieichnet im llinameL Möglich, d^ der Gedanke
Ul seine speLicUca Adressaten, den romebmeo Ambrosios, den nicht mindei mit Gütern
und Ehren ausgestalteten Protoktet, ihm Ideen erweckten, die nicht allgemeiii verbreitet
waicn. [Eusebius bat jene Gedanketi des Origenes vollends «ntwickciL V»n Vam-
phUot ledeod meint er, dkl^ an' aürtji den andern, die an demselben Tage getoltert
und gelötet wurden, die ndpoIxK f(C Tf|V ^ClXcI'Q'V Tä>V QOpdVÜv w(ihl leicht gemacht
worden »ei, urflcmc Tiij TToyipUttu jutpTvpIiu ^iroEtuuc toO 4vbpö< &iavoix6*[cric itO^rjc.
Nicht alle Mirtyter finden ein gleich grotet T&r im Himmel aufgetan, Marl Paiaest il, 23,
Schwegicr, S. 332). — An den Vorstellungen von den Märtyrern hat sich
dct Gedanke der Heiligen im spätem Sinn in erster Linie entwickelt
P. Kattenhusch, Der Märiytertitel-
119
würde sehr wohl stimmen zu dem ursprünglichen Gedarken von der
^KKXJida Toü xptCTOö (s. darüber meine Erörterung „Apost. Symb." Ü,
S, 68itf.). Allein die Phrase npocTiÖecSai t^J) K^iipn» twv nöpr. ist mehr-
deutig. Gewiß ist es Gott, nicht die Kirche, durch den jemand unter
die (nSpTUpec „aufgenommen" wird. Aber die Phrase tritt zu spat auf,
als daß man es wahrscheinlich nennen dürfte, die sprachliche Grund-
bedeutung von ndpTUC werde darin maligebend sein. Sie wird ja viel
früher gebildet sein, als wir sie literarisch treffen (zuerst in dem Brief
der LugdunenserJ. Allein auch dann dürfte in ihr „(idipTwpec" schon ein-
fach „Märtyrer" sein. Gottes Gnade ist es, wenn einer Mäityrer werden
durfte.
Und nun ist folgendes weitere zu beachten. Es gibt, soweit ich
sehe, keine Verwendung des Verbs „püprupciv", die darauf führte, dat
ein „Zeuge geworden sein" den Begriff des Märtyrers konstituiere,
wohl dagegen eine ganz geläufige, die darauf führt, daß das ,^uge ge-
wesen sein" dafür in Betracht komme. Der Märtyrer ist der „jaop-
Tupficac".' Überall auch, wo vom ^apiupEiv die Rede ist, handelt es
sich nicht um ein bloOes Zeuge sein, sondern um ein als Zeuge tätig
sein, ein Zeugnis ablegen. Nicht als blol^r „Seher" sondern als der
„Verkündiger" dessen, was er gesehen oder gehört hat, wird der Prophet
als lidptuc bezeichnet. Auch die Apostel, Stephanos, Jesus selbst (der
Geist etc.) heiücn niipTUptc, wie die oben beigebrachten Stellen samtlich
ergeben, sofern sie kundmachen, was sie „wissen". Wer etwas mit-
> Für diese Bezeichnimg Slellen beiiubiin^en, ist überßüfiig. Sie ist seit 1 Clcmeoj 4, J
so oft in beiEgvn, dai& sie unbedingt berücksichcigt werden muJ^ Ein |iapTUpiI!Ec9ai iit
g»iiE 5pät- (Lateinisch martyriiMJ tommt frübcrvoT), Zum ttdfmt „gemacbc werden"
iit eioe Phrase, die nur ia der besprochenen Form ran Ttpocddcceai (oder ähnlich) tüi
K^^pi}) T, fiapT. vaikouml (In der LiteiatQr, die für un» äie maßgebende ist, also bis
rund 200J. Das nicht s-elCen auftretende „^€^'apTup^)^^V0'C" hat meist guii ofFen-
s^ichtlich den Sinn von „wo blbe zeugt'', „gutbeUa mundet", „gepiiesea'". Bei Igoatius
finde ich iwei SleUen, wi9 es in deo Zusammeabailg yi^rtrefflicli passen, einen sehi guten
GedBiikcnfon^cbritl ergeben würde, wenn es gcf&jjt werden dürfte als „zum. Zeugen
{sei. im lliramel, Jesu und seiner Hertlichlteil) geamcht (erhoben)"; Philadelph 5, S!
Ksl TO>^c npixp/iTac bi &ya-n3>tini biä t^ koI aÖToOc de tö ebaTT^to'' KaTr|Tr^''^'yAt . . .
iv 1^ Kai mcidicavTEC £c(ii8r|cav, ^v tvÖTT^ri "IrieoO Xjmctoü övrec, dEiordTTiToi leal ÜEio-
Bdupocföi ä'j^öt, üttd 'ir)iQ(i XpKToO fiepapTupni^^^oi «al <wiipi9|iim^voi ^vtüi eOa-fT'^df'
Tfic Kotvfc Anfboc, Fast noch vcrfülirerischer ist Eph 12, 2: irdpoböc ic-K -n&v sie Öeöv
Avoipoup^vuiv, TTaiJXou mjJM.iicT(ii, toO »ifiacp^wou, toO \ii\iapTvpr\iiivau, dEiofJafcapC-
CTOU . . , Ich wige dach nictiC, den Ausdruck hier and«Ts al» aacli dem geläufigen
Spncbf «brauch, den auch lEnatims Philad il, 1 befolgl, aufiufasseo. — Von ..naprt-
pe(6at" ist mit Bewg fiaf die Märtyrer, soweit ich «he, ni? Gebraucb gemacht. In der
klossiichen Gräzität bat der Ausdruck den Sinn „jemiuid eiud Zeugen aufrufen", »für
sich leagen laisän". Im NT wird er »erwendet wie ^apTUpetv (auch ftioftopTÜpEcflai).
120
T. Kttrenbuscli, Der Märtyrertitel.
teilt Dder offenbart von Gott, dem Mmmel etc., ist in der Literatur,
die uns für einen Vergleich zur Verfügung steht, ein fidpiuc Daä die
Märtyrer aber gedacht wären als vom Himmel tier kraft ihrer Augen-
zeugenschaft von der Herrhchkeit dort anderen Kunde gebend, la&t
sich noch weniger erweisen, als daü sie wahrend ihres Erdenlebens spezt-
6äch als Oßenbarun^s mittler gedacht seien. Auch Stephanos gab ntir
in der Weise „Zeugnis" von der ÄöEo 9£00, dal^ er oiätteilte, was er
noch auf Erden von ihr schaute. Es ist jedenfaUs sicher, daQ im alt-
gemeinen ein Rapport der Kirche mit dem itXripoc twv \xa(iTvpaiv in der
Art, daß die Augenzeiigenschaft derselben etwa für die Vorstellungen
vom Himmel herangezogen wäre, nicht bestanden hat Das „Zeugnis"*
der Märtyrer Hegt immer dahinten.
So werden wir denn darauf verwiesen, die liopTupta des Mart>^
wie sie abgeschlossen vorlag, wenn er zum Himmel eingiog,
Auge zu fassen und uns zu fragen, worin das Besondere an ihr liege.'
Ob es sich dabei um ein Redezeugnis handeln kann^ Wenn das der
Fall sein sollte, so ist wohl ohne wdteres klar, dab nicht etwa der Unter-
schied in Betracht käme, der zwischen Christen, die blot stül ihres
Glaubens lebten, und solchen, die zugleich Propaganda machten, in der
ältesten wie zu jeder Zeit bestanden hat Einer späteren Zeh galten
zwar mehr oder weniger selbstverständlich alle Apostel zugleich al»
AJart>'ter. Allein es ist nicht zu ertt'eisen, daü auch nur die z«'Ölf. ge-
schweige alle andern Missionare (cüafT^Xicraf, bitHxcxaXoi) 2U Mäit>'rem
geworden. Und es ist auch nicht zu belegen, dafi es vor Verfolgimg
schützte,, wenn einer lediglich für sich von seiner Uber&eugxuig bezügli<
der Person Jesu Gebrauch machte. Lag es auch in der Natur der 5adi<
dafl die führenden Männer der Gemeinde (ditiCKOiroi, npoipiVrai etc.) eh<
in die Lage kamen, Märtyrer zu werden, als andere, so war doch lüe-
mand davor sicher, und es genügte dafür eventuell die blobe, kürzeste
dfJoXoTia. Sonach würden wir vielleicht darauf zu reflektieren haben,
daU man diejenigen, die Märtyrer woirden, als solche ansah, deaen im be-
sonderen der Geist gebe, zu reden, was ort- und zeitgemäll sei.
Die Evangelien beseichnen das als eine Verheißung für sie, Mt lo, 19;
Mc 13, 11. Man kann darauf hinweisen, daß gerade in diesem Zu-
sammenhang davon gesprochen wird, es handele sich um ein MapnJpiov
Toic iVrttiöa Ko3 ßaaXtöci xai rote löveav, Mt 10. iS (24,14), Mc 13, Ql
Das ergäbe dann den Gedanken, daß zwar nicht das Prophetentum zutzi
'^ ZwiKhca iiopTupta and ^opr^piov wird im Spndigcbnodi kein Vn»ncbie4
1
F. Kattenbusch, Der Märtyrertitel. 121
Märtyrer mache, aber das Märtyrertum in gewissem Maße zum Propheten.
Sind es eigentlich nicht die Märtyrer, die vor Gericht reden, sondern
der Geist in ihnen, so möchten sie auch „Zeugen" heißen, weil ihre Rede
mindestens den Gläubigen bezeugte, daß alles das Wahrheit sei, was sie
glaubten, daß immer wieder, wo einer ^r seinen Christenglauben ztmi
Tode geführt werde, die Probe darauf zu machen sei, daß was Jesus
verheißen habe, geschehe — auch (der Schluß würde sich alsbald
anfügen) natürUch all das, was noch ausstehe, das Gericht Jesu selbst,
der Lohn etc.*
Indes diese ganze Ideenreihe hat doch offenbar etwas Gekünsteltes,
sie erscheint als zu mann^ach komplizieit. Auflallend bliebe dabei
auch zunächst, daß nur diejenigen, die zum Tode gebracht wurden,
^lipTupec genannt würden, nicht aber diejenigen, die vom Richter wieder
freigelassen wurden. Galt denn die „Rede" derjenigen, die bloß „Be-
kenner" werden durften, nicht für geistgewirkt? War nur solche dtioXofla
oder weitere TrpoipiiTeia, die es erzielte, daß das Todesurteil ausgesprochen
und vollzogen wurde, als pneumatisch gekennzeichnet? Wollte der Greist
den „Tod" und trat er also nur dann vor den Gerichten in Aktion im
Gläubigen, wenn Gott diesen zum Sterben ersehen hatte? Femer: wäre
es bei der zur Erwägung stehenden Auffassung nicht merkwürdig, daß
die Märtyrer nie „McipTUpec toO nveOtioroc" heißen? Es ist selten —
das mag hier zu bemerken nicht gleichgiltig sein — daß in der von uns
zu berücksichtigenden Literatur ein ausdrucklicher Zusatz angibt, wessen
MdpTuc jemand qua Märtyrer sei. Aber es kann kein Zweifel bestehen,
daß der Märtyrer als päpTvc 'li]co0 galt' Will einer darauf kein Ge-
wicht legen, weil doch der Gedanke vom Geiste und Jesu in Bezug auf
den, der in den Märtyrern rede, zusammenfalle, so ist letztlich doch auch
einigermaßen befremdend, daß dann nicht an den (Bekennem und) Mär-
tyrern der Prophetenname haften geblieben. Es ist nicht zu ericennen,
daß die Vorstellung, der Geist (Jesus) gebe den Märtyrern die Rede in
den Mund, je einmal aufgehört habe oder auch nur zurücl^etreten sei
Ja die Märtyrer waren unzweifelhaft diejenigen, in denen die alte Kirche
I yfiK ex scheint, vu- e> Rllerdings selten, daß Mtitjrer, wie Stephuios, eigentliche
Reden hielten. Aber auch die küneiten Worte erschienen immer als die „rechten", als
geistgegebene.
> Aof die Stellen aas der Apokalypse beiw. auch der Apostelgeschichte (Stephanus)
ist nicht tinmittelbat za verweisen. S. aber Mart Poljc 2, 2 (oi ^dprupcc toO XpicroO],
Antimontanist bei Enseb V, 16, 21 (XpiCToO Mcfprupoc). — Ensebini bietet anch Wen-
dtmgen wie tuiinvc Tf^C dXT]8E(ac (De Mait Falaest 2, 2), fioprApiov tTIc dcoCEßdoc
^ib. 4, 5). Daneben auch XpicroO ^dptvpEC (i. B. ib. 9, i), nie fiapv. ToD «veü^imc
Ztiuchiiß L d. nmlcst. Wiu. JihiK. IV. 190J. g
122
F, Kattenbusch, Der Märtyrertitel.
den letzten Rest des Prophetentums besessen hat' Es waren genug
Motive vorhanden, ihnen den Prophelennamen vorzubehalten, wenn die
Idee von ihnen wirklich auf einer konvergierenden Linie sich bewegt
hätte. Aber techniscli wird und bleibt eben nur ..pdpTuptc".
Es ist nach dem bisherigen wohl für sicher anzunehmen, daß das-
jenige, wovon die Märt)Ter ihren Titel erhalten haben, die „Moptupia",
die für sie das spezifische Merkmal ist, nicht auf dem Gebiete der redc-
mäßigen Bekundungen, der „Mitteilungen", zu suchen ist. So bleibt nur
das Gebiet dessen übrig, was sie erlebten und taten. In ihrem Leiden
als solchem, ihrem Sterben in seinen besonderen Kennzeichen mut
ihre napTUpia gegeben sein. Wir treffen, von allem anderen abgesehen,
auf keinen Gesichtspunkt, der es gestattete, sie auch von den ö^ioXoTHTai
begrifflich zu unterscheiden, als eben diesen. Vielleicht wird man
finden, daÜ um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, die weitläufige Er-
örterung gar rticht nötig gewesen wäre, die bisher angestellt worden.
Allein die Sache steht so, daß die Unterscheidung von „Bekennem" und
„Märtyrern" schwerlich eine ursprüngliche gewesen. An dem Worte
fiöpTuc muß ein Gedanke haften, der es möglich machte, diese Unter-
scheidung in der Weise zu treffen, daß nur die den Tod erleidenden
Bekenner zuletzt noch )jiipTUptc genannt wurden. Aber gerade nun
kehrt die Frage noch einmal mit voller Schärfe wieder, wiefern denn
dieser Name auf die Märtyrer exklusiv paßte.
Der Brief der Gemeinden zu Lugdunum und Vienna (a. 177) hat
u. a. auch das große Interesse, daß er uns zeigt, worin die gallischen
Märtyrer selbst das Recht auf den Titel ydpiupec erkannten, Eus V. 2.
In dem Briefe wird zur Schilderung des ^mtiKec kqi tpiXdvBpiunov der
6tfeilKujfi4voi fiäpTupec. von denen zuvor berichtet ist, auch hervorgehoben,
daß sie sich, solange sie lebten, die Bezeichnung als fiäpTupcc ernstlich
verbeten hätten; oÖTC aüioi fiäpTupac ^auTOÜc ävEKi^pUTTOV, oötc pf|v
^^iv iTTtTpETiov Tüj -ivöpoTi irpo^afoptutiv aÜToüc, oXX' eii:oxi tic i^Miüv
fti" 4ffi<To\fic f| tnä Xö-fou ndpTupac «Oioüc n^poceiTtev. ^Tt^nXritcov nixpiiic.
Der Verfasser nennt sie in eben diesem Zusammenhang oöx ÄnoE. oiibk
öle, &k\ä TiaXXdKK napTupticavT*c, sofern sie schon mit Tieren gekämpft
und Brandmale, Striemen und Wunden am Leibe getragen hätten. Ich
■ Man denite an das Recht, 6as sie in Anipiuch oahmea, im Namen Gottes Sünden
au veigeben u. a. Als es mit der Prophetie im weserllichcn la l-nde ging. b«gran«D,
die Märtyrer — ruCTst, soweit itir sehen die l.ugdiBtienser — jenes einscLneideaiJe Recht
Bch beUulugen, icnächst ifreiEich EemilN einer Fürlvitle, die jedoch „gewiß" war bei
Catt ErhSning lu ütideii.
F. Kattenbusch, Der MartyrerüteL 123
halte es nicht für die Ermäßigung des Märtyrerbegriffs in der späteren
Zeit, daß der Autor sie schon vor ihrer Hinrichtung als „MapiupricavTec"
denk^ sondern für eine Verschärfung des älteren Gedankens, wenn die
Bekenner selbst auf ihre bloÜen „Wunden" hin noch nicht (idpTupcc
heißen wollen. Ob sie dabei schon Vorgänger hatten oder nicht, steht
dahin. Ihre Begründung hat ohne Zweifel das Gepräge einer gewissen
Affektation. „Gern" (filiiujc) wollen sie Christo tt^v ttjc naptupiac irpoc-
TlTOpfav überlassen, ihm tiIi nicrtj) xat äXr]6iV(fi fiäpxupi xal ttplutotökiu
Tüiv vticpÄv Kai äpxHT'j' Tfjc Ziuflc toO OtoO. Auch denen, die schon
„hinübergegangen" sind als Bekenner billigen sie den Titel zu: iKcivoi
{"Ibn fidprupEC, sagten sie, fifieTc bk ötiökotoi ^£TplOI xai Toneivoi. Sie
Türchten Gott vorzugreifen, wenn sie sich proleptisch näpTupec nennen.*
Daß sie selbst die &Ovafiic toO ^aprupfou besaßen, zeigte sich nach
dem Verfasser daran, daß sie flehten, auch selbst „vollendet" zu werden,
und mit voller diq)Oßia xal äTpOFiia allem weiteren entgegengingen. Es
ist letztlich allein wahrscheinlich, daß es der Gedanke der prak-
tischen Gleichförmigkeit mit Christus ist, der nach der Anschauung
dieser Märtyrer den eigentlichen Anspruch auf die Bezeichnung als \i&p-
Tupec begründet. Sie machen, wie sie meinen, nur vollen Ernst mit dem
Begriff der „Gleichförmigkeit" mit Christo, wenn sie sich diese nicht eher
zugestehen, als bis auch sie für das Evangelium getötet sein werden.
Auf ihre eigene Argumentation scheint es noch zurückzugehen, wenn
der Verfasser davon redet, daß sie ^Trt tocoOtov Zti^u'Tai xal MifirjTal
XptCTOO ^T^vovTO, daß sie an Phil 2, 6 dachten. Christus hat das £ivai
Tca 9ei|i nicht als äpTTOTMÖc betrachtet, so wollen auch sie das An-
sehen als ^dprupec nicht an sich raffen, ehe es ihnen gebührt
Man kann aus der Erörterung entnehmen, daß die Märtyreridee eine
Zuspitzung ist der Idee vom ,Jfacheiferer und Nachahmer
Christi". Als man diese Idee so streng faßte, daß nicht mehr bloß
das (ppovcTv 8 xal tv xpicrtfi 'IricoO in Betracht gezogen wurde, sondern
auch das äußerliche 6tioioöc6at T({j XPtCTij), ja als dieses wie das punctum
saliens an der Sache erschien, entstand der eigentlich technische Begriff
des ii&pnic Zunächst machte man noch keinen Unterschied zwischen
I In der DusteUnng fehlt es nicht mn Wendongen, die dem Gedanken, daß die
Märtyrer „Zeugen" hießen mit B«ug auf ihre Stellung im Himmel, UnterstStEimg
leihen könnten. So besonders das „^I»n"- Auch daß sie ^jiircnXricp^vot qxSßou 8eo0
nicht wogen, sich schon „Zeugen" zo nennen. Eine vollständige Erwägung der Gesamt*
darstellung ergibt doch, daß es ein Mißverständnis wäre, diese Wendungen in der gedachten
Richtung geltend an machen.
8*
F. Kattenbuschr Der Märtyr
solchen, die nur ,, gelitten." hatten ^wie Christus", und denen, die recht
eigentlich ihm in den Tod gefolgt waren. Es ist aber begreiflich, daß
der Begriff sich letztlich in dem Gedanken an diese spezifischen ^i^T]Tai
Christi abschloß und verfestigte.
Man kann erkennen, daU der Martyrerbegriff in diesem Sinn num-
cherlei allgemeine Vorstadien gehabt liat. Von Anfang an stand die
Gemeinde unter Verfolgungen; diese galten bald als untrennbar von dem
Wällen „gottselig zu leben im Messias Jesu", 2 Tim 3, 12. In l Petr 2.
20. 2 J wird es als „BeruP' der Christen bezeichnet iräcxovtec Otto^^veiv,
hier wird auch auf das „VorbÜd" Jesu in dieser Hinsicht Bezug genommen,
so zwar, daß hervorgehoben wird, Christus habe es dargeboten mit dem
Zwecke (iva). dat die Seinen in seinen „Fußspuren" ihm „nachgehen".
Man bemerke, wie oft im Ausdruck die „Jiingerscliaft", die Unter-
stellung unter den „Namen" des Messias Jesus, mit dem Gedanken vieler
Leiden zusammengebracht ist, Act g, 14; 16, 2z. In Lc 14, 25 ff. be-
zeichnet Jesus es selbst als unvermeidlich iur den, der zu ihm „kommen"
wolle, aües zu „hassen", ?-n te Kai Tr|V feauTOÜ ijjuxiiv. Wer das nicht
tue, oü fcüvaTQi tlval ^ou liaepTric. Hier folgt aJsbaid auch das Wort,
das als das eigentliche Paradigma fiir das Martyrertuna erscheint': öcTlc
oö ßocTÖZei TÖv cTOUpöv JauToO icoi ?pxtTai ömcuj |iou oü frOvaiai tivcti
jiou )j.aOriTr|C. Wie immer es mit der Authentie und dem Sinn des
Ausdrucks „Kreuz tragen" hier stehen mag, So hörte jedenfalls die Ge-
meinde, seit sie das Lukasevangehum las, aus diesem Worte Jesu heraus.
daQ es gelte, auch direkt für ihn und wie er zu sterben, wo das er-
fordert werde, fMt 10,38 ist das Wort so formuliert, daß wer nicht
„aufhebt sein Kreuz" und darin dem Messias ,,fo1gt", seiner nicht „wert"
sei). Man muß diese Gedanken und Sprüche zusammenhalten mit denen
des Paulus, wonach überhaupt der Messias „im" Gläubigen ,,lebt" Gal 2, 20,
ja daß die TraOi^M-^TCt des Glaubigen demzufolge gar dazu gereichen, was
an den ÖXI^/HC TOO XPtCTOÖ „fehlt", zu „ergänzen", Co! I. 24, um zu ver-
stehen, daß der Gedanke der wahren Jüngerschaft sich zuspitzte zu dem
der spezifischen Leidens- und TodesnacKfolge. In voller Lebendigkeit
sehen wir die Verknüpfung beider Gedanken bei Ignatius. In Eph i. 2
bezeichnet er sich als ^XiriZovTO . . . 6titux«v ^v 'Piij)jr) ©iipionoxricai, Iva
imTü}(tTv buvTiBüj )ja6tiTr|c Eivai, Den Trallianem gegenüber fiihrt er
aus, daß er nicht als „Gebundener" und solcher, der tö ^noupcivia zu
verstehen fähig ist, iiliri Küi ^aÖfiTnc sei, es fehle ihm „noch viel", ofien-
I Vgl. z. E. IreiiKens lH, ig, 4 (ed. likrvcy).
F. Kattenbusch, Der Märtyrertitel. 125
bar speziell noch die Bewährung durch den Tod als fidpruc, Trall 5, 2.*
Mit besonderem Überschwang des Gefühls ruft er den Römern zu, da&
er ^Kiijv imlp Btov sterben wolle, sie möchten nicht versuchen, ihn zu
retten: dtperl m^ Örjpimv cTvai ßopdv. Wenn ich von den Tieren werde
verzehrt sein, schreibt er, töte fcofiai ^a9IlTilc dXnÖ^c toO xpicroO,
Rom 4. Nicht anders gedacht ist, was die Smyrnäer in ihrem Berichte
über den Feuertod des Polykarp schreiben, Mart Polyc 17, 3; Toic pip-
Tupac die MaOnTÖc Kai MtunTÖc toO Kupfou dTaTTiIiMev. Die Lugdu-
nenser bezeugen dem Vettius Epagathus, der sich drängte, auch sein
Leben hinzugeben: r^v T^p Kai Jcri TVncioc XpiCTOö tiaQr\Tf\Q, dKoXou-
öiuv TiJ) dpviij) 6tiou äv hn&pi, Eus V, i, 10. Es kann nicht wunder-
nehmen, daß es als der Gipfelpunkt einer seligen fxapnipfa galt, wenn
einer genau wie der Herr selbst, d. h. an einem craupöc, für ihn ge-
tötet wurde. Von der Blandina wird eigens hervorgehoben, daß sie
tnl £üXou KpE^acßeTca ganz den Anschein gehabt habe einer craupou
cx*\MaTi Kpttia}JiivT\, und das habe den Mitstreitern Mut gemacht, ßAcTiöv-
Tuiv aÖTÜiv iv T<Si dfiüvi Kai ToTc ££u)6ev 6(p^a\^otc bid t^c ä&eX-
9fic TÖv öirip aÖTÜJv ictauputji^vov, Eus V, 1,41.*
Haben wir Recht, den Märtyrer als den fvricioc fiaönTi^c Kai niUJiTfic
Jesu, als den Christen, der im vollsten Sinn Christus selbst vor Augen
rückt, zu definieren 3, so fragt sich noch einmal, wie denn gerade der
I Ich konstatiere Qbrigens nebenbei, daß Ignatius das Wort fidpxvc nirgends im
Knn TOD „Mirtyrer" gebnncht; es findet sich bei ihm überhuipt nnr Fhilod 7, 2. Anch
^apTUpetv kommt bei ihm nicht mit der Bedeutung „Härtyrer werden" vor; fiapTUpta
nnd ^oplApiov feUen bei ihm. Über ^lIpTupEic9al bei ihm s. oben S. 1 19 Anm.
' Christus als „im Märtyrer" leidend, ib. 33. Die Märtyrer haben Christus „an-
gesogen", 42. Christus btuXiX aJrraTc, Hart Polyc l, 2. Ähnliche Redewendungen
vielfach.
1 Heinrici, D. UrchristentQm, 1902, S. 142, hat auch bemerkt, daJ^ die Ausdr&cke
^a6iiT/|C nnd )tdpTuc in der alten Kirche besonders nahe susanunen rückten. War
jener ein „Ehrenname", der ursprünglich den „Aposteln" (spesiell den „Zwölfen",
aber anch andern, die im Dienste Jesu „eine hervorragende Wirksamkeit" ausübten,
„wie Bamabas", S. 48), inerkonnt wurde, so ging er, meint H., in der nach apostolischen
Zeit auf die Märtyrer über. Das scheint mir nicht ganz zutreffend. Wenigstens wei&
ich keinen Beleg, daß die Märtyrer titelmißig „ol ^a6r|'ral 'Incofi" genuint worden
seien. H. besieht sich auf die oben von mir bereits verwerteten Stellen aus Ignatius
and Mart Polycarpi, die das doch nicht ergebei). Die letztere Stelle lautet vollständiger ;
ToOc bi MdpTvpoc tbc ^aOnräc xal (itMnxdc toO Kupiou dyam&fuv äHiuc Iveko cbvoloc
AvuTtEpßXiyrou Tf^c e(c Tdv Ihtov ßaciXto icat biMcxaXov. H. legt Nachdruck auf dos
„Thiov" nnd „hi&dCKOAov". Aber ich m&chte glauben, daß hier die Smyrnäer sich mit
den Märtyrern zusammenschließen: Jesus ist der Tbioc btbdcKaXoc anch für die Brief-
Schreiber, aber die ^dprupec sind von besonderer „(fivoia". — Daß die Märtyrer
Erben des Ansehens nnd der Ehre der Apostel geworden, ist aber in gewissem
F. Kattenbnsch, Der MätiyrcrtileL
Name „tidpiuc" daflir aufgekommen. Aber habe ich nicht soeben schon
durch meine Ausdrucksweisc, die mir nach der zuletzt beigebrachten
Stelle wie von selbst in die Feder geflossen ist, den Gesichtspunkt an-
gedeutet? Ist der „Märtyrer" nicht ein näpxuc 'liicoö oder XpiCTOö, weil
er eben diesen „vor Augen rückt", jedem gewissermaßen sinnenfällig
».zeigt", kundmacht, was Jesus war und ist. Also fiöpTUC ^
Aber haben wir irgendwo sonst im Grieclüschea eine ähnliche Ver-
wendung des Ausdrucks lidpruc? Die Kenner der Grazität der ersten
Mt&c doch richtig, Oiifenes in Num. tiom. X, 3 «teilt sie mit diesen, im spcnAschea
Sinn &1i »filii Jesu'' zusamnien. Man beachte zunnchst den Ausdruck! Die Stelle ist
aber fern« bedeutsam, sofcm »ie *eig[, da.Ü. man den Leiden der Märtjr^r, wie der
Apostel, auch sündcntilgcndc Kraft wie dem Leiden Jcsn beimaD: Sed
fedeLmm ad poDtiticein noctnini, pontiRcem mngnum, (]ui peseiravit coeEos, Jesom domi-
num nostnini, et videamas, quomodo ipse cum filiis suis, apostolis scilicel et
maityribus, sumll pecca.ta sanctoium. EI qnidem quod dominui noster Jesu
Christus venerit, Ul lolleret peccaliiin Iittf0i3ii et morte sns-peccata nostrn delevcrit, aoUvs
qui in Christo credit ignorat. QaocQodo autem et Tilii ejus aufeianl peccata
lanc t(i ruDi, i. e. apoitoÜ et martyres, li poterimos en scripturis diTcnis prebare
teniabimuB. Audi prlmo Paulam dicentcm: LibenUr enim, inquit, espcadam et expeii>
dar pro unimaliui vettrit, et in alio loco: Kgo enim jnm immolor etc. (Es ist auffoUecid,
daC Or. nicht ■li« oben S. 114 lilierie Stelle Col. 1,14 heramielit!)!. De m K.rtf rJbitt
autem scribit Joannci apostolus in Apocilypsi, qnia acttmac eorum, qni jugolali sont
pnipter nomen domini Jtsii, adsistant altnri ... Unde egt» Tercor, ne forte, ex qua
marCyici noa fiutit et hoBtiae sanctoi'um non oSTeruntur pro peccaCis nosiriä, pccca-
larum notlrotum remitsionem non mereamiir. Vgl. noch In Joann. loni VI, ^6
u. ExHort ml jiturt. JP. Doiu Höfling, D, Lehre d. nltest^n Kirch? vgiq Opfer im
I^hcn 11. Kultus der Christer (iSsiX S, lä&ff. fWas Höfling nicht bemerkt, bl, daß die
Vor»t*lluiig voit «ihein elellvtitretenden Leiden der Märtyrer und einer espia.loiijch.tn.
Krnfl derBelben auch in jtkilibchen Krciacn. galti vgl. 4 Macc 6, ij; Eleasar bittet
Uoit; KuOdpdov atm&V, des Vollies. nolncov tÖ f^üv al^ta Kai ävTii|(UXov aÜTcDv Xdße
T^V £^1'|V tiuilr'iV, ferner {b. I7, 21 fl.) Der Zusammenstellung der filärtyr^r und Apo«teI
muC einmal eigens nachgegangen werden.. Sic erscheint besonders auch in liturggschen
Gebelen (t. B. Constitt. app. VIU, iz).
> Etu. V, I, 23 wird du ciu^dTlov des Sanctns als ^dpruc Tt&V ciftiß<ßr)Kd'cu)v be-
xeichnct; maa „sa,h" !□ ihm, vbs geschehen war. Irenaeus IIJ, 4, ^5 redet von denen.
i)ui propCer donüni conressioiiem öcciduntuf sIs solchen, die, weil sie cocantur vestigi«
uscqui passionis -domini eu emchten seien a.ls „.passibihi (Jesu) mui)Tes", ErscheU
na n gen, Ebenbilder dcspas^ibilis. InConstil. apo^t. V, I wird der ^dpTUC dfioc
delinicit alt „dbcXipäc toO XpicroQ". Ein Bruder elcichl dem andern. Eben hier
werden die Begriffe „jiapTUpla" und „KOfvuüvia:'* parallel gesetjt. Der heiUg« Mär-
tyier ixt ,., gewürdigt" des „Ivronces" und der ^opxupla Ttuv f!a6i\ti'dj\uv oder Kfrtvuivla
Toft al'jiaTOC Christi. S. danu S. 125 Anmerkung 2. Möglich, daß hier, wie vielfach
jn den Konslitulianeik alle Phrä.seti erh^'en ^ind. — Dekfuitit ist, daQ im 4. Jahrhundert
g«witiG RepTüscnlanlen des Doaati&ra iisi wenn ihnen das Martfriam -von Seiten ihrer
Gegner «erstiEt wurde, qualvollen Selhslmord öbten, um doch als Märtyrer befunden
tu werden. Da« war die KuriValtir der Idee vom (tdpruc als „itKiitv" Jesu.
F. Kattenbuscb, Der MärtyrerdteL 12/
christlichen Zeit werden vielleicht eine Antwort geben können. Hat es
schon einen Sprachgebrauch gegeben, der die besonders treuen und ge-
ehrten „Schüler" eines Meisters, seine rechten jiifirjTat, eigentlichen ZiiXu*-
Tai, als seine fidtpiupec, seine Zeugen als seine Ebenbilder bezeichnete?
In Lc II, 48 tritt eine Verwendung des Ausdrucks ^äprupec (papTupciv?)
auf, der mir den Gedanken geweckt hat, hinter der christlichen jidpiuc-
Idee stehe vielleicht eine ursprünglich aramäische Redeweise.' Wir
werden doch wahrscheinlich anderes ins Auge fassen müssen. Wenn
die Lugdunenser erst denen, die für und wie Christus gestorben sind,
den ^äpTupEC-Titel beilegen wollen im Hinblick auf Jesus den „ntcrdc
Kai dXqßivöc ^äpruc" (s. o. S 123), so ist die Anspielung auf Apoc i, 5
u. 3, 14 klar, zugleich aber auch, daß sie dem Ausdruck einen Sirm unter-
legen, der diesen Stellen fremd ist Denn Christus wird hier eben nicht
„Märtyrer" genannt Gleichwohl köimte der Märtyrertitel genetisch mit
der Apokalypse zusammenhängen. War sachlich die Idee maßgebend,
daß der wahre MCiSl'rfic und ^I^r)Tr|C Jesu diesen, wo möglich, auch im
Tode „repräsentiere", nachbilde, so koimte die Apokalypse, die eine
Reihe von Märtyrern zwar nicht wegen ihres „Martyriums", aber doch
nun einmal tatsächlich als fxäpTupec 'Ir|co0 bezeichnete, ja die den Antipas
2, 13 sogar besonders nahe mit Jesu als „^lipTUC" in Parallele brachte,
sprachlich den Anlaß bieten, in diesem Titel die spezifische Gleichung
zwischen einem fiaOnn^c Jesu und dem Meister selbst zum Ausdruck zu
bringen. In gewissem Maße aber ist und bleibt der Märtyrertitel doch
als solcher ein RätseL
> Der Titel hat sich allerdings noch nicht in jfldiichen Kreisen gebildet Die
Makkabäerzeit hatte viele Beispiele des Verhaltens, das man in der christlichen G^
meisde als MartTrium bezeichnete, gesehen. Aber ich habe keine Stelle gefunden, wo-
nach man diejenigen, die ihre Treue gegen du väterliche Geseti durch den Tod unter
Foltern bewährten, als fuipTUpEc beieichnet hätte. Von fUXpTupfa oder ^lafyTvp&v ist in
den sog. Malckabäerbücbern überhaupt nicht oft die Rede. Soviel ich gesehen
habe, kommt nur in Betracht i Macc 2,47,56; 3 Macc 3, 36; 12,30; 4 Macc 6,32;
16, 16. An keiner hat man Anlaß tu glauben, daß man in Israel schon von „Märtyrern"
gesprochen habe. Auf eine Anfrage, ob etwajosephns von „Märtyrern" rede, schreibt
mir B. Niese, daß er das „mit gutem Gewissen" negieren zu können glaube. Hängt der
Märtyrertitel mit jüdischem Sprachgebrauch susammen, so wohl nur in Form einer
Sonderentwicklung.
[AbfeicUoSMB am iS. NOTember 1903.]
Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte.
Von W. Sohaa in Zabern,
Jede wissenschaftliche Untersuchung hat von dem Feststehenden
oder relativ Sicheren zu dem Hypothetischen und Unbelcannten fort-
zuschreiten. Dieser so einfache methodische Grundsatz ist nichtsdesto-
weniger bei der Frage nach der Entstehung und Zusammensetzung der
Apostelgeschichte sehr oft unbeachtet geblicll>en, selten in seiner vollen
Bedeutung anerkannt worden.
Ganz zweifellos ist auf diesem Gebiete das Sicherste: einical die
Beschaffenheit des Wir-Berichtes und sodann das, was als Ergebnis der
Untersuchungen über den Sprachgebrauch der einzelnen Teile der
Apostelgeschichte festgestellt werden konnte. In beiden erkennt z. B.
auch Spifta „die Apostelgeschichte, ihre Quellen und deren geschicht-
licher Wett" S. 3 f. das relativ Sichere und Bedeutungsvglle. Und
trotzdem gründet er seine weiteren Untersuchungen nicht hierauf, sondern
setrt die Behandlung der sprachlichen Seite des Problems an den SchluU,
nicht an den Anfang, und behandelt die Wirstücke gleichfalls nicht zu
Beginn, sondern gemäß „der vorliegenden Ordnung der Erzählung" d, h.
gegen Ende.
Bei der folgenden Untersuchung über das, was von den zahlreichen,
der Apostel gescliichtc eingefügten Reden su halten ist, in welchem
Verhältnis sie zu dem Eraälilungsstoff" stehen, bei einer Untersuchung
also, in welcher die wichtigsten Fragen des Problems der Apostel-
geschichte erörtert werden, soll dieser Fehler vermieden werden. Es wird
vielmehr umgekehrt, bevor eine weitere Untersuchung angestellt werden
wird, genau festgeseüt werden, was über den Sprachgebrauch der einzelnen
Teile und was über die Beschaffenheit des Wir-Berichts feststeht, und
von da aus dann ohne weitere Hüfshypothesen die verschiedene Herkunft
der einzelnen Bestandteile erschlossen werden.
Die Apostelgeschichte ist, vom sprachlichen Standpunkt aus be-
trachtet, nut nichten ein einheitliches Werk.
I Daraus folgt fUr die Methode der Forschung: die sprachliche Analyse
W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 129
der Apostelgeschichte muß selbständig neben einer Erforschung der
Quellen einhetgehen. Erst wo beide übereinstimmen, kann von einer
Sicherheit der Resultate die Rede sein.
Über die sprachlichen Eigentümlichkeiten der einzelnen Abschnitte
ist folgendes festzuhalten.
1. Es ist nach Nordens Ausfuhrungen (Die antike Kunstprosa II, 484)
ausgemacht, daß die Episode über Stephanus einen besonders ungrie-
chischen Eindruck macht. Die Häufung der obliquen Kasus von aüröc,
das Fehlen der sonst den Griechen geläufigen Partikeln, kurz eine gewisse
Hilflosigkeit im Ausdruck macht sich überall bemerkbar. Mit diesen
Kapiteln (6,1 — 8,4) steht aber nicht nur inhaltlich, sondern auch
sprachlich die Fortsetzung in 9, l — 30 sowie li, 19 — 26 bezw. bis 30 in
Verbindung. Das häufige Kai, der Infinitiv nach iyivao u. a. m. zeigen
auch hier deutlich, daÜ dieser Bericht einen ähnlich ungriechischen
Charakter hat wie 6, i — 8, 4.
2. Der Wir-Bericht ist (wie die Einleitung i, i — 2) in einem guten
Griechisch geschrieben; dabei ist aber zu beachten, daß er an einzelnen
Stellen mit andern Angaben über Pauli Missionsreisen durchsetzt ist, und
zunächst nur die Berichte in erster Person als integrierende Bestand-
teile desselben festgehalten werden dürfen.
3. Es ist durch Hawkins „Horae synopticae" S. i50f. gezeigt worden,
daß der Wir-Bericht in sprachlicher Hinsicht durchaus dem 3. Evangelium
gleiche. Er steht der Redeweise desselben viel näher als die übrigen Partien
der Apostelgeschichte. Dazu stimmt vortrefilich, was allerdings zu er-
warten war, dall der Verfasser der beiden Einleitungen dieselbe Person
gewesen zu sein scheint. Sein „zweiter Bericht" ist dann durch den
letzten Bearbeiter der Aposteltaten modifiziert worden.
4. Die in den Wir-Bericht eingeschobenen Erzählungen von ganz
anderem Charakter sind — das ist gleichfalls von der philologischen Spezial-
untersuchung festgestellt worden — von einem Manne geschrieben, welcher,
wie der Erzähler der Wir-Berichte, die griechische Sprache gewandt
handhabte. Man vergleiche hierüber die treffenden Erörterungen von
Norden „Die antike Kunstprosa" 11 S. 483. Namentlich wird das zu
beachten sein, was Norden über den übereinstimmenden Sprachgebrauch
in der Erzählung des Apostelkonzib (15), von Paulus' Aufenthalt in
Athen, und von seiner Gefangenschaft in Jerusalem und in Caesarea
(22 — 26) dargelegt hat.
5. Auch bei den Petrusstücken der i. Hälfte (i — S; 9,32 — 11, 18.
12, I — 24) hat die Untersuchung mehr als bisher von den sprachlichen
tjo
W. Soltau, Die Herkunft der Reden m der Apostel^feschichte.
Eigentümlichkeiten auszugehen. Schon eine oberflächliche Betrachtung
wird hier den verschiedenartigen Eindruck, welchen die Reden des Petrus
und die erzählenden EinRihmngen machen, nicht unbeachtet lassen können.
Wie sehr dieselben auch im «brigen zusanunengehoren mögen, in sprach-
licher Hinsicht sind sie jedenfalls auseinander zu halten. Schon hier sei
soviel bemerkt daß die genannten Reden in Sprache und Charakter den
Ausführungen u^nd Reden alincln, welche in den späteren AbschrUtten
c. 22 — 26 enthalten sind.
Noch ist hier einiges über die Beschaffenheit des Wir-Benchts
hervoizuheben. Zu demselben gehören zunächst sicher alle die in
erster Person iiberhefcrten Abschnitte; 16,3—25; 20,4 — 16-, 21,1 — 19;
271—28,16 (28.50—31).
Ob und welche weiteren Abschnitte Teile dieses Wir-Berichtes
waren, ist a priori schwer mit Sicherheit festzustellen. Vermutungsweise
aber diese oder jene Erzählung demselben zuzuweisen, ist sehr bedenklich,
weil dadurch zu leicht der Frage nach einer anderweitigen Herkunft
jener Teile präjudiziert werden würde.
Die Schwierigkeit, eine sichere Entscheidung über diese Bestandteile
zu fällen, ist nur dann zu beseitigen, wenn die Qualität des Wir-Berichts
genauer festgestellt ist Am deutlichsten tritt die Eigenart desselben in
27, 1 — 28, 16 hervor. Der dortige Bericht bietet vor allem keine Reden.
erzählt schlicht und sachgemäß, was über die äußeren Schicksale des
Apostels Paulus zu sagen war. Es lag dem Erzähler durchaus fem,
eine detaillierte Darstellung der Missionstätigkeit des Paulus zu geben.
Nicht einmal die Erfolge des Paulus zu schildern lag in der Abs-icht
des Berichterstatters, Sein Interesse war aliein den persönlichen Sclück-
äalen des Paulus und seiner Begleiter gewidmet. Die Einzelheiten der
Seereise und besondere Fährlichkeiten zu schildern, lag ihm mehr am
Herzen, als alles andere, UrsprungEich war dieser Bericht jedenfalls ein.
Brief, von jener Art echter Briefe, die nicht zur öffentlichen Schau-
stellung, sondern in erster Linie für die bestimmt waren, die sich für
die persönlichen Verhältnisse des oder der Schreibenden interessierten.
Darum braucht man noch keineswegs an einen bestimmten Adressaten
zu denken. Wie viele einzelne Freunde des Paulus gab es nicht, die
etwas über seine persönlichen Schicksale wissen wollten? Und wie viele
Gemeinden, welchen Paulus das Evangelium gebracht hatte, mußten nicht
den sehnlichsten Wunsch haben, über den Verlauf der Reisen des
Apostels, namentlich über seine Schicksale in Jerusalem und seine end-
liche Ankunft in Rom etwas spezielleres zu erfahren!
W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 131
Nicht ganz denselben Zweck scheinen die früheren Wir-Berichte zu
verfolgen. Dieselben stellen wenigstens nicht nur die Schicksale des
Paulus in den Mittelpunkt der Darstellung, sondern daneben auch die
eigenen Schicksale des Schreibers. So erzählt z. B. 20, 13, wie der
Schreiber dem Paulus vorangefahren sei, um ihn erst später wieder in
Assos zu treffen. Aber auch hier ist und bleibt Paulus für den Verfasser
so sehr die Hauptperson des Interesses, daß von einem wirklichen
Wechsel in dem Plan und in der Art der Berichterstattung nicht die
Rede sein kann.
Wenn aber auch die kurze Herzählung der wichtigsten Reiseerlebnisse
der Hauptzweck des Wir-Berichts gewesen ist und gewiß größere Reden
nicht in ihm gestanden haben, so schließt doch eine derartige sach-
gemäße Berichterstattung keineswegs eine gewisse eingehendere Be-
trachtung besonderer Vorfälle aus, nämlich da, wo es im Interesse der
Leser lag, etwas näheres über die persönliche Lage des Apostels oder
über besondere Fügungen in dem Schicksale des Apostels zu vernehmen.
Es mußte z. B. von höchster Wichtigkeit für die jungen Christen-
gemeinden sein zu erfahren, wie der unerschrockene Vorkämpfer des
Glaubens in die Gefangenschaft zu Philippi gekommen war (16, 19 — 24),
und wie er wieder die Freiheit erlangt hatte (16, 35 — 40). Es kann daher
nicht zweifelhaft sein, daß auch diese Erzählung, trotzdem sie nicht mehr
in erster Person erzählt, aus derselben Wirquelle stammt, allerdings
ohne die wunderbare Einlage (16, 25 — 34). Gerade hier ist ja der
Übergang von der i. zur 3. Person nicht nur erklärlich, sondern mit
Notwendigkeit geboten gewesen, da der Schreiber selbst nicht mit ge-
fangen gesetzt wurde.
Aus ähnlichen Gründen wird anzunehmen sein, daß die tatsächlichen
Angaben, welche Pauli Person während seiner Anwesenheit zu Jerusalem
betreffen, und die nur von einer ihm persönlich nahe stehenden Seite,
ja nur von einem Augenzeugen ausgehen können, dem Wir-Bericht an-
gehört haben. So wahrscheinlich 21, 27 — 36 Pauli Bedrohung durch das
Volk und seine Gefangennahme mit der Fortsetzung 22,25 — 29,' vor
allem aber 23,11 — 24 (bez. der Schluß 23,31 — 35) der Anschlag auf
Pauli Leben und seine Überführung nach Caesarea.
Dagegen ist es bei der Beschaffenheit des Wir-Berichts in 16: 20 — 21;
27 — 28 ausgeschlossen, daß die großen Reden, welche dazwischen zer-
streut stehen, aus demselben stammen. Wenn irgend etwas, so wider-
I Die abschlielienden Vene 2t, 37 — 40 und 2z, 30 lind vielmehr Einfühniagen zu
den folgenden Rederi.
132
W, Soltau, Die Hakunä der Redtn in da Aposlelgeschicbte.
sprechen sie den kurzen sachgemäßen Notizen, wie sie der WLr-Bericht
sonst bietet.
Nicht minder sollte feststehen, daü, abgesehen von einigen ein-
fiihrenden Bemerkungen,' die sonstigen Angaben über die Reisen des
Paulus ursprünglich nicht dem Wir-Bericht angehört haben können.
Ausdrücklich hebt 20, 6 hervor, daß der Verfasser des Wir-Berichts,
der 16,40 in Philippi zurückgeblieben, nicht mit den übriger» nach
Amphipolis weitergereist war, voa Fhilippi aus in Troas erwartet worden
sei. Derselbe war also auf der inzwischen erfolgten zweiten Missioos-
reisc nicht Augenzeuge gewesen.
Das schließt zwar nicht aus, daß er selbst später auch einige Auf-
zeichnungen aus den Angaben anderer seinem Wir-Bericht hinzugefügt
haben könnte. Aber zu seinem ursprünglichen Wir-Bericht, der nur Selbst-
erlebtes enthielt, können derartige Ausführungen nicht gehört haben.
Gewiß ist es von hervorragender Wichtigkeit, die Herkunft der
sonstigen Erzählungen über die Reisen des Paulus festzustellen und Ihre
Beziehung zu dem Wir-Bericht zu bestimmen; so bei der Erzählung in
12.25 — 13,14; 14,1 — 15.1; 17, I— 15; iS, 1—19, 22. Doch der Wunsch,
die Qualität dieser Erzählungen festzustellen, kann erst nach anderen
Untersuchungen über die Apostelgeschichte befriedigt werden.
Bei der Zusammenslellung der sicheren Voraussetzungen der Unter-
suchung müssen diese Abschnitte beiseite gelassen werden.
Die hier kurs zusammengestellten Tatsachen, welclie den Aus-
gangspunkt jeder weiteren Untersuchung über das Problem der Apostel-
geschichte bilden, legen es aus mehr als einem Grunde nahe, vor allem
die BeschatTenheit der Reden, ihre Quellen und damit ihren Ursprung
festzustellen.
Die Reden ' heben sich, wie schon erwähnt, vor altem schon sprachlich
von dem Erzählungsstoff ab. Sie sind — mit Ausnahme der ganz
aingulären Stephanusrede — in elegantem Griechisch geschrieben.
Sie sind sowohl von den Petruslegenden (in i — 5), wie von dem
Reisebericht (in l^i.; 17 — 19) in formeller Hinsicht geschieden. Auch
' So lo, 3^^5 vor 20, 6 f, UTici wohl auch die küneren Notiien über die Reise des
Paalus bis lu seiner Ankunft in Troas (i6,S), nämlich 15, jS — 4'; 16,6 — 7. Niclit
dagefcn gehört in ihm die Anekdole über Timollieus, vclche 16, t— 5 eingeslreut iit
und dea kurien Reisebericlit gani anenrarlet unterbriclit. 16,6 schlieft an 15,41 ml
J 2a ihnen sind auch die venffcndWTi sfilirift5telIeTisH;li«n Erzeugnisse in BriefFonn
15,33—39; 33,25—30 lu rechnen. — Zu allen Reden vgL Sollaa, Der geschichlliche
Wert der Reden bei den alten Historikern, in Keue Jahrb. f. d. klass. Altertuoi 190s,
IX, aof.
W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschiclite. 133
der Wir-Bericht zeigt, wie bemerkt ward, eine eigentümliche Redeweise,
welche derjenigen des 3. Evangelisten näher verwandt ist.
Das Ergebnis der Spezialuntersuchung über die Reden der Apostel-
geschichte' stelle ich hier, der Untersuchung vorgreifend, kurz folgender-
maßen zusammen:
J. Einige Reden sind nach Briefen des Apostels Paulus gebildet,
so vornehmlich die Abschiedsrede an die Epheser Act 20, 18 — 35 aus
I. Thess 2 — 4; die Rede des Paulus in Athen Act 17, 22—31 aus
Rom 1. II. 14; das Aposteldekret vorzugsweise nach i. Kor 6 und 8 — 10.
2. Die wichtigsten Verteidigungsreden des Paulus beruhen auf dem
Bericht von Pauli Bekehrung.
3. Mehrere andere sind lediglich erweiternde Umschreibungen der
im Reisebericht und Wir-Bericht erzählten Begebenheiten.
4. Eine Untersuchung über die Stephanusrede wird zdgen, daß die-
selbe aus einer älteren Relation entnommen ist, aus der auch des Paulus
Rede 13, 15 f., sowie der Gedankengang der Reden des Petrus zu Anfang
der Apostelgeschichte (2 — 4) stammten.
Es ist augenscheinUch, daß auf diesem Wege die Qualität der Be-
arbeitung der Apostelgeschichte und daneben diejenige des ursprüng-
lichen Quellenmaterials besser und sicherer festzustellen sein wird, als
durch hypothetische Versuche, die Benutzung mehrerer Quellen neben
einander darzutun. In 6,1 — 8,4; 9,1 — 27; 13 — 28 d. h. also in sämt-
lichen Paulusstücken, kann von mehreren nebeneinander hergehenden
schriftlichen Quellen keine Rede sein.
I.
Kürzlich hat H. Schulze in seiner Abhandlung „Die Unterlagen für
die Abschiedsrede zu Milet in der Apostelgeschichte 20, 18 — 38"» den
Nachweis gefuhrt, daß diese ganze Rede atis lauter Reminiscenzen an
paulinische Briefe besteht und vomehmÜch nach i. Thess 2—4 gebildet
worden ist Die wichtigsten Beziehungen seien hier erwähnt
1 EtB für tUeoMl ■« hier bemerkt, dsß die folgende Untenachong nnmbhan p g ist
von den Kontrovenen, welche die Ausgabe von Blaß hiuicktlich des Textes der Apostel-
geschiclite angeregt hat — Von einiger Bedentnng könnte hÖchsteoG sein, daß schon 11, aS
in cod. D die i. Person Flnralis anftriu (cuvccTpa)AM£vwv bt fmdh)). Es ist m, £. ganc
wahrscheinlich, schon mit Rücksicht anf ZI, to f., daC hier eine authentische Notis vorliegt
Dann aber zeigt dieselbe, da& der Verfasser des Wir-Berichtes swar damals in Antiochia
gelebt hat, aber selbst die dann 12, 24 f. enählte Missionsreise nicht mitgemacht
hat (s. 13, 2). — Doch s. anch Jacobsen, Die Quellen der Apostelgeschichte S. 14.
' Stadien tmd Kritiken (1900) 4. 563 f.
134 W. Schau, Üie Herkiaift der Reden m der Apnadg^cbichte.
Act 20, l8 — 21 folgt genau dem Gedankengang von l- Thess 2, 1—4.
Für die Nachstellungen in Philippi (TrpOJTflOÖVT« Kai ößpicß^vr« Koteüc
ofboie ^v 4>iMmiotc, i. Thcss 2, 2) setzt Act 20, 19 ein: Öot/Xeüijuv Tut
Kuptifji \i(.Tä näcric TanEivoq)pociJvnc Kai baKpütuV kCü neipdc^wv, nliv
cufiß<4vTUfV fioi iv TOic jTnßouXoTc TilfV 'louiwlujv. Im übrigen aber ist
es derselbe Gedanke:
I. The** a, I.
afrrot ^ip o^bQ^e, A&eXcpol, rfiv flcobov
^fiv vpic ö^äc, ÖTt ou Kcvii fiio\iv HX.4
irpoTiaeövTcc .... gita^firiciacrfn^eo iv -nji
fiifi^ ^MÜJV HaX*i<at irpic ü|iflc rd eCiirfT^*">v
1. Thesi 2, 8.
ÖEoO, 4U.a Kai Tic taurujv vuxcic, M«
AiraitriTol fmiv TtT^vnc06.
I. Thcss 2, 9( M.
fiwrinovrii6T€ fäp, AitXffoi. tdv küitov
tUiiDv Kai Täv MÖi9ov; vukt6c TOp' kqI
im^pac ipToIfSjiEvoi, npd( tö ji^ ^mßapfitat
■nva lifiuiv, imiP^Eouev elc ünäc tiJ eOarr^
otboTC iIjc Iva ?KacTov öfiüiv iljt uaTyip
T^Kva touToO, TTnpaKa^oOvTEC ö(Mlk Kai itapa-
1. Thess 2, la 12.
^eic MdpTvpcc kvI ^ Otöc, ibc fiduuc nai
biKotiuc Kdl d^d^TTTuic Ciplv Tok mcTcCiauciv
d-f£Vt^er||i€v . . . . Küi paptupoüpfvoi «(c t4
iiepnMiT?icaiÖMflt dEfuic ToOeeoO toO koXqöv-
Toc A^dc tlc Tf)v £auToO ßaciAEJav kqi bcSEav,
I. Thess 3, 10—11.
vUKTd<c Kai fj^^pac OnepEKiccpifcoO iiEä-
MEVoi elc TÖ Cbtiv Cjutlrv ti^ TTpöciuirov, ical
KarapTicai ^ä ücTtpi\\ia.Ta. Tf|C idcTeiuc ü'^iDv.
ffiiTiii &f 6 Seit Kai itOTVip ^nüjv Kai 4 «üputc
*lpiBv 'IhcoCpc XpiCTÖc KaTEuBüvai Ti'iv ÖWv
immv TtpAt üfiflc.
Act ao, 18— ji.
i^MCic ftdcracec. ÄbcA<po(, dird npiirmc
f|^^pac, dip' f^c iiii^r[V de Tr|V 'Aetav,
TiilDc MSÖ' 0(iü»' T*v irtivra xpdTwv ^cvd-
Wiiv BoüKeÖLUv . ü/< o6b£v dnecTciXdtiriv
xü»v cvfiipipivTWv ToO M^ ivoTTtiXm üi«Cv
Kol bibdEai .... biciMapTup(i|iEvoc 'loubolotc
TE Kai 'EUrinvi ttIv c(c töv 6<dv fictd-
voiav Kol -rricnv k. t. Ik,
Act 20,24.
dXX" ofliKvöc AdTo*' noM>öu,ai oiibfi {kui t^v
iVUxVjv fiou Tiplav £nauTi|i, die TtXeitDcn tAvJ
fcpÖHOv nov jjerd xapäc, xnl jn'v ^iakov
f\v ^a0ov TTaptl ToO Kvplou 'IricoO biojittprü-
pocSai t4 £{)cr(yiXiov rf|C xapiTot to& 8eo0.
Act zo, 34.
I afiTol fifvdscKeT£, *Tt xalc XPtlaic |j«w
ndcoic Kai rok otiav per" £(JoO Äl^lp£TI^
cav al x*ipt^ oOTai iicivTa.
Act 20,3t.
&ii TP^T*I*E^'*' nvtmovöjftvwc Bti Tpie-'
xiav vÜKTa Kai ^^^pav oiix ^nauccifinv ^CTd
SaKpOiuv -vovjfltTÜiv Eva fxa<Tov.
Ac( 20, (35)26.
üprfc TTdvTttj iv oTc bif^Wov, Kiip6ccuiv
rr^> padXelav xoö &*oD- biö wapTÖpoMm öjilv
ToO orfiaToc TrdvTiuv.
Act jo, 35.
Kai v{iv (boö ^-f^ oTba, 6n aÜKin 6\f(x9t
TÖ npätiunöv MOdtipE^cicdvTEC Verg L auch
20, 38: AibuvüiMevoi ^dXiCTa iii\ ti|i >>6jHi, 141
tlpVjK«, ^Tl Q^IK^TI n^ou« to flp^ktflüOV
aijTaO eeuupctv.
> Vcigl. hienii weiter Rom 1, 16; diei«c Kapitel war Quelle lu dei Rede Act 17,
rerf I, onten.
W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte.
135
Act 30t 33.
Tö nveO^a tA dj\ov .... biofiapTÖpCTot
^ot Sti htCfiA xa) QXivEic ^e )i^vouciv.
Act 20, 38 — 29.
irpoc^X€T€ oQv £auTotc ical itovri rC^ nom-
vl^i, iv if i)^dc t6 TTVEO^a t6 dfiov COero
^mcKiJ-itouc .... i-pii fip oVm toOto, Bn
ElcEXeCrcovrai ^ETd ii^v &q>iE(v fiou XfiKOi
ßapEic etc iniäc k. t. X.
I. Thesi 3,4.
Kai fäp 6te TTpdc öfific fpEv, icpocX^o^ev
ü^tv, 6ti p^XXoMev fiXfßEcOm, KaOtbc xal
I. Theis 5,13.
^puiTtL^cv bt iiliäc, d^cXq>o(, ctMvai toüc
KomOivTac ^v d^Iv, xal itpoICTO^^vouc iiiuSiv
iv Kupliii Kol vouecToOvrac ö^dc; und dA-
neben
I. Tim 4,1
TÖ ]>£ hvcOmo ^tOlic \ije\, 6-n ^v OcT^poic
xaipoic ditocrfiöovrai -nvec rf^c ittcTeiuc,
itpoc^XovTEC nve^i^oct itXdvoic ical bibocxa-
X(atc &ai^ov{u>v.
Außerdem hat der Verfasser von Act noch manche Reminiscenzen
aus anderen paulinischen Briefen mit in seine Darstellung verflochten.
S. Studien und Kritiken ebendas. S. 120 f. So vergl. Act 20,19 niit
Eph 4, 2; Act 20, 24 mit 2. Tim 4, 7; Act 20, 32 mit i. Thess 5, 23;
Rom 16, 25; Eph i, 18.
Auch eine zweite, besonders originell erscheinende Rede des Paulus
in Act ist nichts anderes als eine Kombination aus einigen Gedanken
der Episteln; Pauli Rede in Athen (17, 24 f.) ist größtenteils aus Stellen
des Römerbriefes komponierL
Anknüpfend an Altäre, welche den „unbekannten Göttern" gewidmet
waren, aus denen aber 17, 23 ein unbekannter Gott wird, geht der Redner
auf diesen „Einen Gott" ein. „Er ist nicht ferne von einem jeglichen
unter uns; denn in ihm leben, weben und sind wir, als 'auch etUche
Poeten bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts" (17, 27 — 28).
Es ist derselbe Grundgedanke, welcher sich Rom ii, 36 findet: Ü ainoO
Kai fti' aÜTOö, Kai tic aüxöv lä nävro.
Diesem „unsichtbaren göttlichen Wesen" (Rom i, 20) stellt Paulus
Rom I, 23 die niedere Auflassung der Heiden entgegen, welche „die
Herrüchkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild verwandelt haben,
gleich dem der vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfü&igen
und der kriechenden Tiere". Ähnlich Act 17, 29: „So wir denn gött-
lichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich
den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche
Gedanken gemacht".' Auch die Folgen dieses gottlosen Tuns sind
I R5m 1,33.
ical fjXXi^av Tf|v tx^ov toO dipSdpTov ecoO
iv bjMViijxan dtcövoc ipeapTOt) dvdpibitou.
Acta 17,39.
o6k ötpEtXoMcv vomIZeiv .... xo-P'^^f-
HOTi T^x^nc Kol ^v6i>Mi'jCEUic 4v6pdniou tö
eetov ctvat Sfioiov.
136
W. Schau, Di« Herkunft <l«r Reden in der Apo&telge&ctiiclite.
Act 17, 30—31 durchaus Rom 1 — 2 entsprechend geschildert, Anfangs
hat Gott zwaf ihrer Unwissenheit verziehen^ wie das ähnlich schon
Act 14. 16 gesagt war,* jetzt aber „gebietet er allen Menschen an alloa
Enden BuQe zu tun und will Gericht halten lassen durch Clmstus"
(Act 17, jo^3 1). Es sind das ;a dieselben Gedanken, welche Rom i, rS;
2,6 — 16 ausführlicher erörtert hat. Nebenbei hat auch Rom 14,9 — 12
dem Verfasser vorgeschwebt. Zu dem Gedanken (Act 17, 26), daü
Gott „aller Menschen Geschlechter auf dem ganzen Erdboden" dazu
berufen habe „den Herrn zu suchen und zu finden", bot gleichfalls
Rom I, 1^—20; 2. 13 — 16 das Material.
Zu dem Eingangsgedanken, daü Gott nicht in Tempeln wohne vxjn
Menschenhänden gemacht, ist teils das Wort der Stephanusrede 7, 48
(bez. 1. Kön 8, 27 und Jes 66, 1) Vorbild, teils der Gedankengang von
Fs 50. S--! 3-
Eine andere Epistel hat dem Verfasser von Act die Ang'aben ge-
boten, welche er bei seiner Schilderung des Apostelkonzils (15, 1 f.)
verwendet hat.
Hier sollte soviel für jeden, welcher dem Apostel Paulus den Glauben
nicht versagt, feststehen, daß seine Erklärungen Gal 2,9 — lO glaubwürdig
und vollständig sind. Nach ihnen ist dann festzuhalten, daü weder die
Forderung des Jacobus 1 5, 20 noch das Aposteldekret 1 5, 22 — 29 autlien-
tjach sein können. Gal 2, 10 läßt eine derartige einschränkende Be-
stimmung nicht zu.
Auch das schwankende Betragen des Petrus zu Antiochia, welcher
erst mit den Heiden ali, dann wieder sich von ihnen absonderte, zeigt
aufs deutlichste, daß der Satz 15.2g im Aposteidekret nicht gestanden
haben kann. Denn wozu sich absotidern, wenn die Juden sich aus-
drücklich mit einer solchen Konzession der Heidenchristen zufrieden erklärt
hatten? Freilich „die Macht der tatsächjichen Verhältnisse, wie sie in ge-
mischten Gemeinden sich gestalten mußten, wuchs allerdings dem (ver*-
meinüichen) jerusalemischen Kompromisse, durch den die Streitfrage mehr
vertagt als gelöst war. rasch über den Kopf". Bei der Speisegemein-
schaft stellte sich heraus, dali sie ohne eine gewisse Rücksiclitnahaae
von beiden Seiten unduichfüiirbar sei. Aber eben daraus, daü so grobe
Unzuträgtichkeiten bestehen blieben, geht mit Sicherheit hervor, dalÄ
keine bindenden Abmachungen durch ein Aposteldelcret getroffen
worden sind.
■ „Der in Tcrgangencn Zeilen tiit liuien ulle Heiden wandeln ihie eigenen W«ge''
(= Pi Sl, 13,».
9- S* *9»3-
W. Soltau, Die Herkunft der Re den in der Apostelgeschichte. 137
Die Reden der Apostel beim Apostelkonzil und das Dekret selbst
verlieren all und jedes Bedenkliche und Befremdliche, wenn ma.n sie als
schriftstellerische Produkte ansehen darf, welche — wie die vorhin be-
handelten Reden — im Anschluß an die paulinische Gedankenwelt in
seinen Briefen vom Schriftsteller frei komponiert sind.
Versuchen wir auf diesem Wege, durch Nachweis der Quellen und
der Herkunft des Aposteldekrets, seine Entstehung zu erklären.
Es ist zunächst anerkannt,' daß 1$, 5 — 12 mit Benutzung des Galater-
briefs geschrieben ist. Mit Recht hebt dann aber Spitta hervor, dal^
für die weiteren Ausführungen nicht der Galaterbrief, sondern eine andere
Schrift Quelle gewesen sein müsse. Nur die Personen des Petrus und
des Jakobus, des Wortführers der Judenchristlichen Partei, waren durch
den Galaterbrief gegeben. Weiteres nicht Woher entlehnte der Ver-
fasser von Act das Übrige?
Abgesehen von dem Citat aus Amos 9, II — Act 15, 16 — 17 und
dem was Act 10 — 11 erzählt,* kommt da sachlich eigentlich nur noch
die einschränkende Bestimmung Act 15, 20 und 15, 29 in Betracht Es
lä&t sich bei ihr aber der Nachweis erbringen, daß diese für ein Dekret
bedenklichen Sätze den trefflichen Sittenennahnungen des Apostels
Paulus I. Kor 6. 8. lO — ll entlehnt sind.
Paulus I. Kor 6,9 und 6, 15 — 20 warnt in eindringlichster Weise
vor Hurerei und andern geschlechtlichen Verirrungen, wie sie bei den
Heidenchristen der großen Städte getrieben wurden, i. Kor 8, i f. wendet
sich gegen die Götzenopfer, namentlich soweit dadurch den Schwachen
ein Ärgernis bereitet werde, und schließt mit den Worten: „darum, so
die Speise meinen Bruder äi^ert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen,
auf daß ich meinen Bruder nicht ärgerte" (8,13). 1. Kor 10, 7 f. faßt
beide Ermahnungen noch einmal zusammen: Werdet auch nicht Ab-
göttische, gleichwie jener etliche wurden, als geschrieben steht (2. Mose
20, 3; 32, 6): das Volk setzte sich nieder, zu essen und zu trinken, und
stand auf, zu spielen. Auch laßt uns nicht Hurerei treiben, wie etliche
unter jenen Hurerei trieben", i. Kor 10, 14. 19 — 21 heißt es dann weiter:
,43arum meine Liebsten, fliehet vor dem Götzendienst . . . Soll ich sagen,
daß der Götze etwas sei, oder daß das Götzenopfer etwas sei? Aber
I VergL den Nachweis von Weizsäcker »Du ftpoitolüche Zeitalter der chriitUcben
Kirche" S. 173 f. nnd Spitta „Die Apostelgeschichte, ihre Quellen und deren geschicht-
licher Wert" (1891) S. 209-
' Besonder! vgl. 10, 34—44 in IJ, 7—8; 10, 34 lu 15, 9; 11, 16—17 «1 ^Si ">— »i
«Si HJ »o. 47—48 »tt IS. >9-
ZdtKhrifk t d. nenuiL Wüi. Jahre- 'V. 1903. 9
13»
W. Solt&u, Die Herkunft der Reden m der Apostelgeschieht«.
ich sage, daß dte Heiden, was sie opfern, das opfern sie den Teufeln,
und nicht Gott, Nun will ich nicht, daß ihr in des Teufels Geineinscha.ft
sein sollt". „Ihr könnt nicht zugleich trinken des Herrn Kelch und der
Teufel Kelch;' ihr könnt nicht zugleich teilhaftig sein des Herm Tisches
und der Teufel Tisches".
Aus diesen Worten und den ScWußermahnungen, weder den Juden
noch den Griechen ärgerlich zu sein, noch der Gemeine Gottes (10,32),
formulierte der Bearbeiter der Aposteltaten sein AposteldekreL Histo-
risch kann dieses schon deshalb nicht sein, weil, wenn es bindende Kraft
gehabt hätte, die Einschärfung dessen, was Paulus i. Kor 8— 10 hervor-
hebt, gegenstandslos und überflüssig gewesen wäre.
Übrigens lassen sich auch sonst noch in manchen Reden von Acta
Remini scenzen an paulinische Briefe nachweisen.
Merkwürdig ist vor allem. daJi Petrus in seiner Rede 10. 34 — 35
sich wohl an Gal 2,6, sicherlich aber auch an Rom 2,6 — 13 gehalten
hat. Iß 10, 36 — 37 schlieÜt sich Petrus an Rom 9. 4 — 5 an. Ebenso
kann nicht geleugnet werden, daß Act 3, 25 die Kinder der Propheten
und des Bundes, wie in der eben genannten Stelle Rom 9, 4 — 5 ver-
standen sind. Ebendaselbst ist, wie Holt^mann, Handbommertar S. 338
treffend hervorhebt, Gen 22, 8 wie Gal 3, 18 zitiert, das cirepMa wie
Gal 3, 16 auf Christus bezogen, also auch hier der Einfluli des Galater-
briefes unleugbar. In der Rede des Paulus vor Agrippa schwebten dem
Verfasser sicherlich (vergl. Act 2Ö, 23) neben Kol 1, 18. i. Kor 15. 20
vor. Acta 26, 18 spielt auf Eph i, 11 an. Auch dürfte die Petrusrede
Act 10, 42^ — 43 schwerlich ohne Berücksichtigunig von 2. Tim 4, I
geschrieben sein.
Daü dabei dann noch einzelne Psalmen- und Prophetenstellen mit
verwandt sind, ist kaum besonders bemerkenswert und sei liier nur kurz
erwähnt. So 4, 25—26 = P& 2, 1—2,= 3, 30 = Jes 35, lo; Dan 7, 22. 27.
2.
Wenden wir uns jetzt zu den groüen Reden, welche auf den Bericht
von Pauli Bekehrung und die mit ihr — wenn auch nicht ursprünglich —
1 So erkiärt sich das besond-ere Verbot da* Blut der Opfertiere iu irinken, wie d^s
bei den hciditischcn OpfcrmaU/dten üblich war. Den Joden war dickes bekanntUcb
aiutöOig, da nach ilirer Anticht „du Blul die SeeU" war. WeBhaib der Veri. hier dm
«VtXt^V noch besonders hervorhebt, ist weniger klar, d'ocll w-irJ aticli die»es ja 3. Mos 17,
welch« die Grundlage dieser ganien jüdiachen Gesetiesordnung ieC (»gl. 17, 15), •.ui-
drüflklich »erboten. — Es verdieht ilbfi^cns bomeil;t m werden, d^li D and aaden
Codices beidemal (so u, 29) das i[vikt6v übei^hen, Auch zi, zj fehlt duselbe.
' Pstdm 2, 7 wwd direkt LJtjert 13,33.
ä
W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apos telgeschichte 1 39
so doch jedenfalls schon eine Zeh lang vorher verbundenen Stephanus-
episode zurückgehen. Es sind 22,3—16 und 26,9—18, sowie 13, 8 f.
Wer die Qualität der Reden mißachtend in jeder kleinen Variante
zwischen 22, 3 — 16; 26, 9 — 18 und der Erzählung 9, i — 22 einen origi-
nalen Bestandteil sieht, der, aber auch nur der, kann hier verkennen,
daß alle drei Schilderungen auf einen gemeinsamen Grundbericht zurück-
gehen. Es wäre eine wahre Afterweisheit, noch andersartige Quellen fUr
22, 3 f. und 26, 9 f. anzunehmen. ' Es mag sein, daß der Bericht von
Pauli Vision 22, 9 und 26, 14 das Original genauer wiedeigibt als 9, i f.
Auch ist es möglich, wenn auch nicht gerade wahrscheinlich, daß die
Stimme, welche Paulus vernommen hatte, außer den Worten 9, 4 — 22, 7
— 26, 14 und den Worten ft 5 — 22, 8 — 26, 14—15 auch die Worte
26, 16 — 18 gesprochen hat" Aber jeder in Quellenkritik nur etwas
bewanderte Forscher wird zugestehen müssen, daß diese drei Berichte
auf einen gemeinsamen Quellbericht zurückgehen, der nicht etwa von
dem letzten Bearbeiter frei erfunden oder gedächtnismäßig wiedererzählt
ist, sondern demselben bereits schriftlich fixiert voriag.
Daß dieser Bericht auch schon die Tötung des Stephanus enthielt
ist augenscheinlich. 9, i knüpft ja unmittelbar an 8, 4 an, und nimmt
den Gedanken von 8, 3 wieder auf. Aber diese Annahme ist auch ge-
boten durch die mehrfachen Hinweise hierauf in Act 22 und 26. So
vergL zu 22, 4: 8, 3 — zu 22, 20: 7, 583 — zu 26, 9—12: 8, i.
In einigen Einzelheiten verrät sich sogar eine Vertrautheit mit
Wendungen der Stephanusrede. Stephanus redet das Synedrium zweck-
entsprechend an (7, 2): dfvttpec dbeXqwt xal Tcorlpcc; die gleiche Anrede
22, I dvt)pec äbeXqioi Kai -naiip^c ist den wütenden Juden gegenüber
gewiß weit weniger am Platze. Wie Stephanus 7, 35 — 38 und 44 sich
in letzter Instanz auf Moses bezieht, so 26, 22, trotzdem der Inhalt von
26, 23 nicht in den Büchern Mose zu finden ist.
Aber die Stephanusrede ist auch das Vorbild von Pauli Rede 13, 15 f.
gewesen.
I So nnpranglich von Meyer in (einem KoounentAr angenommen.
■ Übrigens ist zn beachten, daß (vgl. Wendt in der £earbeitimg deuelben
Kommentars^ die Rede in K. 23 recht geoan mit K. 9 fibereinstimmt 9, 1 — 6 — a 33, 3—8;
9, 8— 10 — aa, lot; 9, 15 f. — 32, ist; 9, uff.; 17 — 19 fehlen in 32, 11—13. Wenn aber
26,16 — 18 betont, daß Paulo* ganz besonders zmn Diener tmd Zeugen berufen sei, so
konnte der Verfasser dieses wohl nach Gal 1,12; 1, 16; i. Kor 9,1; 15,5 c einsetzen.
Auch schwebte ihm bei 26, 18 wohl Eph I, iS f. vor. Damit ededigen sich auch die
an sich achar&innigen Versuche von Jüngst (Die Quellen der Apostelgeschichte 1895
S. Sit), die Benutzung noch einer zweiten Quelle wahrscheinlich zu machen.
3 Falls 7>5E( echt ist Du ist wegen 22, i8fr. nicht zu bezweifeln.
9*
140
W. Soltau, Die Herktuift der Redtm in der Aposiclgcschichte.
Der theologische Standpunkt des Verfassers dieser Rede ist zwar
ein völlig anderer als derjenige der Stephan usrede. Nichtsdestoweniger
aber ist Jener bestrebt gewesen, in Gang und Disposition die Stephanus"
rede nachzuahmen. Die Rede des Paulus sollte offenbar ein Gegenstück
zu der des Stephanus sein.
Die Stephanusrede legt die wunderbare Erfüllung der Verheißung«i
dar, wdche Gott dem Volke Israel halte zu tefl. werden lassen, und
stellt ihr die Halsstanigkcit von Israel gegenüber. Sie begann mit
Abraham, ging dann auf Jakob und Joseph, auf Moses in Ag>'pt€ii und
beim Sinai ein, sie hob die Tätigkeit von David und Salomo hervor, um
dann zum Schluß die Verwerfung des Heils, das dem Volke Israel durch
Jesus geworden, zu tadeln. In diesem geschichtlichen Rückblick ahmt
sie die Rede des Paulus 13, 16 — 22 zweifellos nach. Natürlich
bietet diese auch einige originelle Angaben;' so gedenkt sie der sieben
Volker Kanaans, die vertilgt worden waren, während 7,45 nur kurz ihre
, Ausstöiiung- erwähnt war, sie erwähnt die 450 Jahre der Richterzeit u. a. m.
Aber nachdem diese 13, 24 — 25 noch einige Rcrainiscenzen aus Lc
j, 16 sowie 13, 28 — 32 aus Lc 23 — 24 gebracht und einige Gedanken
(13,33 — 37) aus der Petrusrede 2, 30 — 34 reproduziert hat, endigt Paulus
wie die Stephanusrede: 13, 40 — 4t = 7. 51 — 52.'
Während es sich so herausgestellt hat. daß die meisten paulinischeti
Reden in Acta freier gestaltete Erzeugnisse des Bearbeiters sind, welche
er teils nach den pauUnischen Briefen, teils nach dem ihm vorliegenden
Bericht von Pauli Hekelirung (PB), ausgearbeitet hat, verdient daneben
noch hervorgehoben zu werden, wenn es auch manchem selbstverständlich
zu sein scheint, daß diese Reden natürlich die Existenz eines älteren
Reiseberichts zur Voraussetzung haben. Es klingt banal, wenn betont
wird, daß der Verfasser von Act, wenn er Reden des Paulus zu Anti-
ochia (13, 15 f.), zu Atlien (17), zu Milet (30) und zu Jerusalem (22 — 26)
eingeschoben 'hat. einen entsprechenden Bericht über die Reisen des
Apostels vorgefunden haben muß. Gleichwohl ist dies nicht un-
wesentlich; denn diese Beobachtung führt noch zur Aufdeckung der
Herkunft einiger anderer rhetorischer Elemente und Reden, welche auf
den Erfindungen des Bearbeiters, nicht den Erlebnissen des apostolischen
t PKTAuf legt BeÜigc „Die r&oünischeii Reden" S. zo über Gebü}Li GcwictiL
f Auch die kune RcJc des Petrus 10, 34—43 gib! denseilben GrondjeiUnlteii von
13, 36— 4J wieder, Ahmt aber im Anfang Rä™ 2, 6—13 oBck
*i
W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 141
Reisebegleiters beruhen. So war es ja augenscheinlich, daß derjenige
Autor, welcher nach den Angaben des i. Korintherbriefs das Apostel-
dekret zusammengestellt hatte, auch mit Zuhilfenahme von Gal 2, 9 die
voraufgehenden Reden des Petrus und Jacobus ausgeführt hat Der
Brief des Claudius Lysias an Felix (23, 26 f.) ist so lediglich nach den
voraufgehenden Angaben des Kapitels (23) zusammengestellt. Wenn
die Verteidigungsrede des Paulus 24, 10 — 21, nach Analogie der übrigen
Reden, ein Produkt des Bearbeiters ist,^ so auch die Anklagerede des
Tertullus 24 2 — 8. Jene enthält die üblichen für Paulus wenig passen-
den Beteuemngen (vergl. 23, 6 f.; 26, 4 — 8), daß er eigentlich nichts
anderes als ein rechtgläubiger Jude sei, diese aber nur eine mit Höflich-
keitsphrasen ausgestattete Wiedergabe des 21, 28 erzählten Tatbestandes.
Auch 25, 14 — 21 ist nur eine Paraphrase des vorher Erzählten, 21, 36 — ^40
eine wiederholende Ausmalung des 22, 25 — 30 Erwähnten.
Kommen diese Einlagen in Wegfall, d. h. also: and 21, 36 — 40;*
22, i~2ij 23, 25 — 30; 24, 3 — 21; 25, 14 — 21; 26, 2—23 nur Zutaten des
letzten Bearbeiters von Act, so tritt auch hier der Reisebericht in
seinen kurzen sachgemäßen Schilderungen deutlich zu Tage. So ist
24, 24 — 25, 13; 25, 23 — 27 d. h. also die drei Kapitel 24 — 26 nach Abzug
der Reden und der sonstigen rhetorischen Überarbeitungen mit Sicher-
heit als ein originales Stück des Wir-Berichts aufzufassen, ebenso
23, II — 24. Bei Eliminiening von Paulus' Verteidigungsrede fallen ferner
die 21, 30 — 39 und 22, 23 — 29 erzählten Vorgänge in eins zusammen, äe
sind nur verschiedene Ausmalungen des gleichen Originalbericbts. Und
endlich ist 22, 30 — 23, 10 eine Schilderung höchst zweifelhafter Art,
welche des Paulus Verteidigung vor der jüdischen Obrigkeit darstellen
wollte, dabei aber ein völlig unhistorisches Gerichtsgemälde gab. Denn,
wie 24, 1 f. zeigt, nicht der Hohepriester, sondern der Frokurator hatte
zu Gericht zu sitzen. Abgesehen von der Erzählung von Pauli Be-
kehrung sind es also lediglich Elemente des Wir-Berichts, welche dem
Verfasser den Stoff zu seinen rhetorischen Schilderungen über Pauli
Erlebnisse in Jerusalem geboten haben. ^
Damit wird dem oben S. 3 gewonnenen Resultat über die Aus-
dehnung des Wir-Berichts eine erwünschte Bestätigung zu teil. Nach
' VgL daiu die ReminiBcenien (24, 11—12; 17—18) >,□■ 3i, aif.
> Dieie kunen Worte dienen nur cur EinflUmii^ der folgenden Rede.
i Auch die kurze Ansprache des Fanlus an die Römer 28,17—20 gehört hierher.
28,17 <li>d 28,30 beruht Auf 33,1 und 33,6, der Rest gibt die Angaben von 33, 25 &
und 2j, II — 13 wieder.
14*
W. Soltau. Die Herlcunft der Reden in der Apostelgeschichte.
Abzug der Reden und einiger rhetorischer Einlagen bleiben nur die
kurien sachlichen Angaben übrig, welche schon a priori, d. h. aus der
Bescliaflenheit des Wir-ßerichtes diesem zugewiesen werden dürften
(31, 27—301 22,23—29; 23,11—24; 23.32—35; 34,24—25. 13; 25,23—27).
Sie sind olmehin, wie oben bemerkt ward, der Art, daÜ ae nur von
einem Augenzeugen, der Paulus nahe stand, herrühren können.
Sie müssen also aus drei Gründen dem Wir-Bericht zugesellt werden:.
Sic sind:
1. das Substrat und der Ausgangspunkt der rhetorischen Ejnlagen,
2. sie rühren von einem Augenzeugen her, und
3. sind in jeder Hinsicht dem Wir-Bericht verwandt
DaÜ auch die zu den Reden Anlaß gebenden Erzählungen über die
sonstigen Missionsreisen dem Bearbeiter von Act vorgelegen haben
müssen, ist klar. Wer 13, 15 — 41 einlegte, mußte die voraufgehende
Erzählung (13,1—14) vorgefunden haben. Ebenso muH der Verfasser
von Act, als er Pauli Rede in Athen und seine Abscliiedsworte an die
Epheser zusammenstellte, schon Act 17, 1 — 15: 20, i— 16 vorgefunden haben.
Es steht somit fest, daß die Angaben über die Missionsreisen
13—14; 15,35—4"; 17. 1— "5; 18,1—23; 19.9—22 schon mit zu dem
Quellbercht des Verfassers gehört haben. Aber im einaelnen ist hier
die Abgrenzung zwischen Quelle und Zusätzen des Verfassers von Act
schwer zu treffen.
Negativ wird allerdings soviel festgestellt werden können, daO die
anekdotenhaften Einlagen wie 16. r — 5; 18,24 — ig. 8. sowie auch die
Schilderung des Aiifstandes in Ephesus 19, 23 — 20, i nicht in den kurzen
Retsenotizen gestanden haben können. Hier liat die Detailforschung im
einzelnen noch manches nachzutragen.
Eine Bestätigung dieser Beobachtung, daÜ, wie der Wir-Bericht, so
die Stcphanusepisode bereits Quellen des Bearbeiters der Aposteltaten
gewesen sind, somit einer sehr viel früheren Zeit angehören, wird g-e-
wonnen durch die Beachtung zweier anderer Tatsachen, nämlich:
1. der 3. Evangelist hat bei der Behandlung des ihm überlieferten
Evangelienstoffes nachweislich nicht nur den Wir-Bericht, sondern auch
die Stcphanusepisode gekannt und als Quelle benutzt, und
2. derselbe Evangelist hat an der Stephanuserzählung auf Grund
dej Evangeliums Abänderungen vorgenommen.
Daß Paulus vor der römischen Obrigkeit und vor Herodes hatte
I
\V. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 143
Rede stehen müssen (so der Wir-Bericht), veranlaßte den 3, Evangelisten
und zuerst ihn, auch 23, 6 — 16 ein Gleiches von Jesu anzunehmen.
Ganz besonders beweiskräftig aber sind die Korrekturen, welche
Lucas auf Grund von 7, 58 vorgenommen hat. Lc 23 tilgte die für
den Weltenheiland weniger passenden Worte Mc 15, 34 (Mein Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen?) und setzte dafiirein: „Vater,
vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun", was genau dem letzten
Worte des Stephanus Act 7, 5g entspricht Außerdem aber schob der
Evangelist 23, 46 ein, entsprechend den Worten des Stephanus 7, 59.
„Und als er das gesagt, verschied er", heißt es Lc 23, 46 wie Act 7, 6a '
Daß aber nicht nur der letzte Redaktor, sondern sogar schon der
Evangelist Lucas den Stephanusbericht genau gekannt hat, zeigt der
bemerkenswerte Umstand, daß der Evangelist die von Mc 14, 56 — 59
und Mt 26, 59 — 66 berichtete Anklage der Zeugen im Evangelium
22,66 übergangen und sie dafür Act 6,11 — 13 eingesetzt hat. Die
Auslassung dort und der Einschub hier verrät unzweifelhaft dieselbe
Hand. Lucas hat also, um die ihm bereits vorliegende Rede „passend"*
einzuführen, Gedanken aus dem Marcus-Bericht entlehnt und sie dafür
im Evangelium ausgelassen; its introduction here (Act 6,11 — 7,1;
7. 55—58) cannot be independent of that of the trial of Jesus, sagt
Wisner Bacon unstreitig mit Recht.
Dieser Tatbestand raubt der Zwei-Quellen-Theorie jede Stutze.
Gerade hier, wo sie Spuren einer zweifachen Version (z. B. 6, 1 1
und 6, 13) zu besitzen glaubte, ist in Wahrheit niu- ein Bericht anzu-
nehmen. Die Bestandteile des vermeintlichen zweiten Berichts sind
lediglich Korrekturen, welche Lucas in die ihm vorliegende Stephanus-
episode eingetragen hat;3 daß dieselben so wenig geschickt ausgefallen
and, ist allerdings bedauerlich, aber doch mehr als erkläriich. Der
Wortlaut der Rede sagte so wenig gegen Mose und gegen das Gesetz,
daß Lucas vorher (6, 13), wie nachher (7, 57) die Farben etwas stärker
aufb-agen mußte, was ihm denn auch mit Hilfe der falschen 2^ugen
wenigstens äußerlich gelungen ist.
' Act 7, 58: KOpie 'IqcoO, bäai t6 irvcO^d )iou . . . . Kai toOto dmliv ^coi^^Or).
Lc 33, 46: itdxip, de xdpdc cou napa-rlfic^ai x6 nveOMd fiov. toOto bi clmbv äi'
-irvcucEV. Selbst die Änderungen de> Lnku sind chwralcteristisch. Er Bcttt das bt ein nnd
TcrwAndelt das christliche ^KOifii'tßri in den gewöhnlichen griechischen Ausdruck ^itveuce.
1 d. h. in Wahrbdt liemlich unpassend, vit Wisner Bacon „Stephen's Speech; its
argtiment and doctrinal relationship" S. 215 (biblical and semitic studies) nachweist
3 Daß auch die viel bedenklichere Kombination von Pauli Verfolgung mit Stephanus'
Tod das Werk des Lucas war, zeigte Mommsen, Zeitschr. f. d. Neutest. Wiss. II, 96.
M4
W. Soltau. CNe Hcafcuaft der Reden in do Apostdgesdtidtte.
5-
Eine Bestätiguag des Ergebnisses, daß die Stephanosrede oicbt voa
dem Bearbeiter von Act herrührt, vielmehr sicberiich zu seinen Qudl^
gehört hat, ergibt Steh nicht ßur aus ihrer Sprache {$. S. 3), saDden
auch aus Utrem InhaJL Nach dieser Richtung hin bietet sie sogar ganz
'eigentümliche Auffassungen über den Wert des Alten Testaments, ific
ucheriich weder paulinisch noch lukanisch and.
Treffend hat diese Eigenart der Stephanusrede Benjamin Wtsner
Bacon „Slepben's speech: its ai^ment and doctiinal relatjonship' er-
kannt und dargelegt. N'ach ihm ist diese Rede ein deutliches Exempet
, alexandriflischer Weisheit. Bacon zeigt zuerst (S. 230), dab Steplumus*
Rede in den Punkten, in welchen sie von der Tradition de& alten Testa-
ments abweicht, mit Schriften Philos ubereinstinmit oder sich mit den
Angaben von spätjüdischen Schriften alexandrinischen Charakters berührL*
Darauf hin weist auch (vgl. ebendaseSbst S. 231 — 236) der Stil and ifie
Phraseologie: sie ist in dem Hellenistisch - Griechisch geschrieben,
welches, nach dem Modell der LXX gebildet, dem aiexandiinischea
Griechisch entspricht, verwandt ist mit der Redeweise von Pseudo-
Bamabas, dem Hebräerbrief und den KJeoientinen.
Wahrend Paulus die wörtliche Geltung des Alten Testaments hoch-
hält bis auf die Zeit, da der alte Bund durch den neuen Bund ersetzt
ward, geht die Stephanusrede von der alexandrinischen Theorie aus,
dali alle Angaben der Schrift typischen Wert, einen vorbiidlichea und
sinnbildlichen Charakter an sich tragen.'
Drei Haupt- und Grundleliren galt es in ihrer fortdauernden und
ewigen Bedeutung zu erfassen: die Verheißung Abrahams, das durch
Mose gegebene Gesetz und den Tempel als Mittelpunkt des jüdischen
ReligiOAäsystems. Alle drei hatten für den Christen nur eine liistorische
Bedcutimg. Wollte man trotzdem das Kunststück fertig bringen und
diese Grundlehren der Offenbarung auch für die Cluisten verwcrteci, so
muliten die Weissagung Abrahams, Moses' Gesetzgebung, der Tempel-
dienst eine andere, eine „tiefere" Bedeutung erbalten, d. i. eine Um-
deutung erfahren, welche ihnen einen anderen Sinn als den ursprünglichen
unterlegte.
■ So kommt du „rote" Meer niclit io Ei 2, 14 vor, woh! »bcr in der „Weiilieit
Sklontonii" io,l&; 19.7 und Hebr 11,29, ^^^- >" "^'^ lusumptia Mus j, 10.
* Kiamchfcld nGcduJcengong der Rede des Stcpliuiiu" in Studien omi Kritiken
1900 S. S4I f- iiAt diese Seile der Rede ta wenig erksunt.
W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 145
Es kann nach Bacons Ausführungen nicht zweifelhaft sein, da& der
eigentliche Verfasser der Stcphanusrede an einen derartigen geistigen
Inhalt der alten Weissagungen geglaubt hat.
Der Bund der Beschneidiing, den Gott mit Abraham gemacht hatte,
sicherte den Juden das heilige Land zu. Der Redner denkt aber, wie
seine Kombination von l. Mos 15, I3f. mit 2. Mos 3, 12 in Act 7, 6f.
zeigt, weniger an das gelobte Land selbst, als vielmehr an die Erlösung
aus der Knechtschaft der Gesetzesgerechtigkeit und die Zufuhrung zum
wahren Gottesdienst (Act 7, 7 Kai Xarpeiicouci jiot iv tüj tötti^j touti|j).
Paulus' Ansicht von der KXnpovofila basiert auf i. Mos 1,26 — 28
und I. Mos 12, 3 f. Er sah hierin Weissagui^en, die über den Judais-
mus hinausgingen. Christus ist ihm der zweite Adam, der als solcher
die bisher verboi^enen Absichten, welche Gott bei der Schöpfung gehabt
hatte, erst zur wahren Erfüllung gebracht und somit das Gesetz anti-
quiert hatte. Der Verfasser der Stephanusrede dagegen legt überall
dem buchstäblichen Inhalt einen spiritualistischen Sinn unter: nicht die
Knechtschaft in Ägypten ist ihm das Bedeutut^svoUe, sondern die
Knechtschaft unter der Sünde, wie schon vorher nicht der Besitz von
Kanaan, sondern der Besitz der wahren Seligkeit ihm das Wesentliche
zu sein schien.
Ähnlich steht es mit der Deutung des mosaischen Gesetzes und
des Tempeidienstes. Der Messias ist ftir den Redner der zweite Moses
(Act 7,35 — 37).' Act 7, 38 f. stellt ganz unverfroren die Ansicht auf,
Mose habe das „lebendige Gesetz" XÖtm tvjvca gegeben. Indirekt wird
damit das geschriebene Gesetz der Juden als antiquiert erklärt und
durch das lebendige Wort ersetzt, wobei dann der Übei^ang auf den
zweiten Mose und seine Worte des Lebens leicht war.
Auch hinsichtlich des Tempels stellt der Redner den wahren Gottes-
dienst, wie David ihn eingesetzt hatte, da er Gott bat, „daü er eine
Hütte finden möchte dem Gott Jakobs", dem besonderen Tempeldienst
gegenüber; gegen den letzteren wandte sich dann Act ?,4&{. mit ge-
bührender Schärfe.
Der Autor dieser Rede war also weder Lucas noch sonst ein Fauliner,
am allerwenigsten aber der letzte Redaktor der Aposteldenkwürdigkeiten.
Es war ein Hellenist (6, 9), ein Alexandriner, welcher in gelehrter Weise
eine Umdeutung der jüdischen Grundbegriffe im christlichen Sinne
I Ähnlich auch Act 3, 19—261 während diese Aiuchaiiiuig sonst dem gtLnsea
NT (mit Ausnahme etva voa Joh 5, 46; 6, 14}, sicherlich »ber dem Panlns fremd ist
146 W. SoltBu, Die Herkunft der Reden in der Apostelgesdiichte.
versuchte. Um die Ideen des „Hellenisten" Stephanus anschaulich dar-
zustellen, bediente sich Lucas dieser Ausführungen eines jenem geistes-
verwandten Alexandriners (Bamabas?).
Um so sicherer ist es also, daß diese auch sprachlich ganz ab>
weichende Stephanusrede nicht ein Produkt des Lucas ist, sondern zu
dem ihm vorliegenden Quellenmaterial gehört hat, das er voll Hoch-
achtung vor der Überlieferung meist wörtlich beibehielt
6.
Nachdem wir so den eigenartigen theologischen Standpunkt des
Verfassers der Stephanusrede festgestellt haben, wollen wir kurz ihren
Gedankengang wiedergeben. Es wird sich zeigen lassen, dafi derselbe
— losgelöst von der Umgebung — ein sehr einfacher und verständ-
licher ist*
Wer von der Einführung der Stephanusrede in 6, 1 1 f. und von
ihrem Epilog 7, 54 f. absieht, wer nur die Rede für sich betrachtet, der
muQ zugestehen, daß sie von 7, 2 — 7, 46 einen einheitlichen Charakter
an sich trägt und daß in dieser Darlegung von einer Beleidigung der
israelitischen Religion, von einer Beschimpfung von Gott und Moses (6, 1 1)
nicht das Geringste enthalten ist.
Ganz offenbar bilden einen der Hauptbestandteile der ganzen Rede
die Weissagungen Gottes über seine Absichten mit Israel und die
wunderbare Verwirklichung dieses Heilsplans. 7, 3 verheißt Gott Abraham
und seinem Samen ein Land, in dem er nicht wohnte, von dem er auch
später noch, als er dorthin gezogen war, keinen Fuß breit Landes besaß,
ja dies alles, bevor Abraham einen Sohn hatte. 7, 6—y enthält die
Verkündigung, daß Abrahams Same ein Fremdling sein solle in einem
fremden Lande 400 Jahre lang und dann wunderbar errettet werden
solle, um in Kanaan Gott zu dienen. Diese Verheißungen an Abraham,
bekräftigt durch den Bund der Beschneidung (7, S), sind, so befremdend
sie auch waren, wie der Redner zeigt, dennoch treulich in Erfüllung
gegangen. Abraham glaubte ihnen und Gott hat sein Wort gehalten.
Joseph wurde wunderbar errettet, denn „Gott war mit ihm" (7, 9). Fast
noch erstaunlicher war weiter die Rettung des Moses, der von seinem
> Ober die lahlreichen Erklärungsversuche vgL die Kommentare. Von neneren
Arbeiten ist die oben ratterte von Kr&niclifeld lu TCrgleichen. Die TOranfgebende
ErSrtening zeigt, weshalb ich mich gegen eine Zweiteilung der Rede (nach dem Master
Tttn Jüngst) erklären mnlJte.
W. Soltau, Die Her kunft der Reden in der Apostelgeschichte. 147
Volke verkannt war, der einer besonderen Offenbarung auf dem Berge
Sinai gewürdigt war, der sein Volk aus Ägypten geführt und errettet
hatte. Ja trotz aller Abgötterei ward die Mose gegebene Offenbarung
von der Stiftshütte („dafi er sie machen solle nach dem Vorbilde, das
er gesehen hatte" 7, 44) Jahrhunderte später zur Wirklichkeit
Erst nach der Erwähnung Davids (7, 46) bricht die theoretische
Erörterung plötzlich ab,^ um ziemlich unvermittelt den Unglauben der
Juden zu tadeln, welcher sie dazu geführt hatte, die Propheten und Jesum
zu verfolgen.
Der Hauptgedanke der Rede ist also der: Gottes Weissagungen sind
dunkel, aber der Gläubige wird ihre wunderbare Bestätigung erleben.
Aller Unglaube ist töricht. Es gilt nur das rechte Verständnis für die
Offenbarungen zu gewinnen, deren Wahrheit die Zeit offenbar macht.
Allerdings könnte man versucht sein, bei der vorher nachgewiesenen
eigenartigen Stellung, welche der dem Alexandrinismus ergebene Ver-
fasser zu der Überlieferung einnimmt, in diesen mehr versteckt gehaltenen
Anspielungen den Hauptzweck der Rede zu finden; doch nicht mit
Recht.
Es ist zwar (wie erwähnt ward) sehr wahrscheinlich, daß der Redner
bei der Schilderung, wie Joseph von seinen Brüdern verkauft ward, auch
und ganz besonders daran gedacht hat, wie später Jesus von den Seinen
verkannt und verraten worden war. Aber gesagt hat er nichts davon.
Auch ist es ebenfalls wahrscheinlich, daß der Redner das von Mose Gesagte
typisch auf den Messias angewandt wissen wollte. Er deutet dieses
sogar leicht an in den Worten 7, 35 „diesen Moses sandte Gott zu einem
Obersten und Erlöser durch die Hand des EJigels, der ihm im Busch
erschienen war". Aber damit ist diese Idee doch noch nicht ein be-
sonders wesentlicher Bestandteil der Rede geworden. Mag femer
immerhin der Redner selbst mehr Gewicht gelegt haben auf den „tieferen
Sinn" der Weissagungen, als auf ihren äußeren Wortlaut: sicher ist, daß
bei seinen Worten doch stets vor allem das in Betracht kommen mu&,
was sie sagen, nicht was sie nicht sagen. Ganz gewiß war endlich die
Stiftshütte ein Typus fiir das Wohnen Gottes im Volke Israel (Ex 33, i f.)
und das um so mehr, als 7, 44 hervorhebt, sie sei kotä töv TÖtrov Bv
iiup&xa (Mujucflc) gemacht, und y; 46 von David bildlich sagt ^Tl^caTO
eöpeiv CKnvujpa tiji Seiji 'taxdip. Aber in der Stephanusrede 7, 44 — 46
hat die Erwähnung derselben zunächst nur den Zwecl^ daß sie betonen
' Schon 7, 47 gehört so, wie es da steht, nicht in den Znsammenhuig. Erst der
Schlnfl 7, 51—52 lenkt auf das Htuiptthema der Rede wieder ein.
«48
Vi. SoltSB, Die Hcifa^ dct Reden in der
soU, die Israeliten sdcn eist damals in das gelobte Land gekooiiiie^
und xwar als ErTuIlung der Weissaguugeo, die Abraham (7, 7 — S; 17)
XU Teä geworden waren.
Zweifellos «rsehen wir also aus den Fiw*^ni»*»*ti der DarsCcUung
Ewar soviel dafi der Verfasser ein Hellenist etn akxandriiüscber Quist
ist. Aber ^dicseo seioen Alexaadzioismus dafzdl^co iffid Propaganda
< ftir thn zu machen, war mcbt der e^aitliche Zweck seiner Ausfühningea
und es wäre daher verkehrt, diese nur xur Chaiakteiistik seiner Beweis-
'fidming bedeutsamco, aber materidl Dcbensächficbeo Seiten der Rede
'zur Hauptsache zu machen.
Ganz anders verhält es sich mit einem ajidesen Teile der Rede^
der gleichfalls nur kuir angedeutet ist, der aber doch als eine wesent-
liche Wciterfühniag des Haupt|^edankenä nicht anbeachtet bleiben darC
Ich meine mit jenem Hinweise auf den Messias.
Die ganze Rede sollte den He3splan Gottes mit Israel darlegen und
hatte nur dann einen Abschluß, wenn aus der Erfüllung der früheren
Weissagungen gefolgert wurde, daO auch die weiteren und bedeutendsten
Weissagungen, welche auf „die Zukunft dieses Gerechten" (7, 52) hin-
wiesen, in Erfüllung gehen würden oder bereits gegangen seico.
In der Tat enthalten auch $chon vorher einige der bedeuteai
Stellen der Rede Hinweisungen auf einen solchen Abschluß der Bewet»-
' liihiung. Vor aUen Dingen ist natürlich 7, 37 zu nennen. ».Dies ist
Moses, der zu den Kindern Israel gesagt hat: Einen Propheten wird
euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern, gleich wie
mich, den sollt ihr hören." KCt dem letzten Hinweis gewinnen aber
auch die Weite 7, 35 , die Moses als Obersten und Eriöser bezeichnen,
ihre eigenartige Bedeutung. Jesus ist als Messias ein zweiter Moses und
Erloser. Wie Moses Israel aus Ägypten erlöst hat, so wird der große
Prophet, auf den Moses hingewiesen hat, Israel von allem Übel erlösen.
Diesen Zweck der Rede anerkennen, heitt aber zugleich zugestehen,
daß gerade diese letzten Gedanken und bedeutsamsten ScliluBfolgerungen
sehr zu kurz gekommen sind und ofienbar in der voUständigeo Rede,
ausfitlirlicher gestanden haben müssen.
7-
Somit ist folgendes Urteil über die Stephan usepisode zu fallea:
Der Inhalt der Rede, die an den meisten Stellen unberührt von
der späteren Bearbeitung geblieben ist. war der Art, daß ac selbst
in itrengercn Judenkreisen keinen schlimmen Anstoß erregen konnte.
I hin-
idsta^l
;wets-^V
W. Soltau, Die Herkunft der Reden ia der Apostelgeschichte. i4(>
I
I
Die Rede war mit nichten „wider Moses und wider Gott" (Act 6, u)
gerichtet, sondern gerade unng-ekelirt ein gewaltiges Dokument für Gott
und für Moses. Sie behandelte die Hauptepochen des göttlichen Waltens
in der Geschichte des Volkes Israel. Die wunderbaren Verhei&ungen,
welche Abraham zu Teil geworden waren (7, 3; 5^-7), der Bund der
Beschneidung (7, 8), die Errettung Joseph's aus aller Trübsal (7. 10) und
das Nahen „der Zeit der Verheißung, die Gott Abraham geschworen,
hatte" (7, 17), enthalten auch nicht das Geringste, was ein streng
jüdisches Gemiit beleidigen konnte. Sie sind die vollkommenste Ver-
herrlichung des Judentums. Selbst wenn man in AnsclJag bringen.
möchte, da& der Redner zu Anfang eine captatio benevolentiae erstrebt
hätte, könnte doch nicht bei einer solchen Lobrede auf die Entwickelung
der älteren israelitischen Geschichte angenommen werden, daÜ sie von
einem Angeklagten gesprochen sein sollte, der gegen Gott und Mose
geredet haben sollte. Sie hätte doch wenigstens in etwas die Anschul-
digungen näher präzisieren müssen, gegen welche sie sich wenden wollte.
Die lange Schilderung von Moses Wirksamkeit 7, 18 — 38 läUt zwar
jetzt an einigen Stellen (7» 35; 35) den Unglauben Israels an Mose als
bedenklich erscheinen, ist aber gleichfalls die reinste Verherrlichung des
Mosaismus; dieser Moses „empfing das lebendige Wort uns zu geben"
{7, 38). Und ebenso ist die Verherrlichung des jüdischen Gottesdienstes
in Stiftshütte und Tempel 7, 44^ — 47 im Munde eines solchen, welcher
derartig geredet haben soll, daß ihn das Volk in momentaner Erregung
steinigte, unverständlich.
Das, was allein wirklich gegen di* Juden und ihre Halsstarrigkeit
gerichtet war (7, 39 — 43), konnte — abgesehen davon, daß es nur epi-
sodisch zur Hebung der folgenden Entwickelungsstufe 7, 44 — 46 eingefügt
war — die Volksmassen nicht in Harnisch bringen.
Erst bei einem Überblick über den ganzen Gedankengang der Rede
ersieht man, daß der Redner seine Blicke über den engen Mosaismus
hinaus gerichtet und einer geistigeren Auffassung des Mosaismus das
Wort geredet hatte. Man begreift dann vielleicht, daß die Pharisäer mit
dieser besonderen Auffassung einer allmählich immer höher steigenden
Art der Offenbarung Gottes und mit der entsprechenden Auffassung von
einer stufenweisen Erziehung des Volkes Israel nicht gerade einverstanden
gewesen sein werden. Aber was man nicht begreift, ist, da& ein solcher
Gedankengang das Volk aufgeregt imd gar zu Tätlichkeiten veranlafit
haben sollte. Diese Rede ist also vielmehr als ein freies Produkt eines
Alexandriners anzusehen, welches Lucas benutzte, da solche Worte ihm
ISO
W, Soltau, Die Herkuaä du R«dea in der Aposlelgescbicbte.
am besten den Ideen des Hellenisten Stephanus zu entsprechen schienen.
Ferner ward gezeigt. daH diese Rede, welche die Geschichte der gött-
lichen Offenbarung in Israel so eingehend geschildert hat, nicht vor den
Propheten und vor der Vollendung allen Prophetentums in Jesu Halt
gemacht habe.
Mehrfach wird in der Tat in ihr darauf hingewiesen, daß dieses das
letzte Ziel aller früheren Offenbarung sei. So 7,35; iJ; 48 — 49. Auch
7, 52 weist zurück auf diese Tätigkeit der Propheten. Wer 7, 35 her-
vorhob „diesen Moses sandte Gott zum Obersten und Erlöser", wer 7, 37
betont hatte, dali Moses zu den Kindern Israel gesagt habe „einen
Propheten wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern,
gleich wie mich", der konnte nicht mit Salomo abschlieüen.
Nun setzt 7, 51 — 53 ganz unvermittelt mit den Schelt^vorten ein,
welche das Volk zur Wut und zu Gewalttaten aufgereizt haben sollen.*
Es sollte demnach nicht zweifelhaft sein, daß nach einer mindestens
kurzen Berücksichtigung der Propheten das Endziel aller göttlichen
Weissagungen, der Messias, der von den Juden gekreuzigte, aber von
Gott erhöhte Auferstandene eingehender bcliandelt sein muU. Dieser
Gedanke ist ja in gedrungener Kürze noch 7, 52 stehen geblieben.
„Welchen Propheten haben eure Vater nicht verfolgt? Und sie haben
getötet, die da zuvor verkündigten die Zukunft dieses Gerechten, welches
ihr nun Verräter und Mörder geworden seid."»
8.
Welche Gedanken aber sind ausgelassen? Können sie nicht mit
einer gewissen Wahrscheinlichkeit rekonstruiert werden?
Es ward vorher gezeigt, da& die Rede des Paulus 13, i6f. vielfach
den Gedankengang der Stephanusrede rekapituliere. Dort wird nun haupt-
sächlich des auferstandenen Heilandes gedacht (13, 30 — 39}. Es fehlt auch
nicht der Übergang von David zu Jesus (13, 33fr.). die Berücksichtigung
der Propheten (13, 27). Was hier jedoch nur kuni berührt wird, das ist
ausführlicher in der Petrusrede 3, 21 — 25 geboten. So 5, 21; .Jesus
Christus muß den Himmel einnehmen bis auf die Zeit, da herwieder-
gebracht werde alles, was Gott geredet hat durch den Mund seiner
I Luc^, welcher (5. oben unter 4) waluschcialich die .Vnklafe gegea Stcphuios
icbärfct präiiiicrt und nncli dem Evangelium 6, 12—13 eiofügt«, liat diet lebt wohl
([«fahtt und dtiher auch 7, 48 — 50 ohne rechten Zusammenh^iii; mit dem Torsufgelietideti
■o gcwenilet, ^aß m ein abfälliges Urteil gegen den Tctnpe! lo enthalten schien,
' Vgl. Schwanbeck, Über die Quelleti der Schriften des Lukas 1, 84; aja; van Muten,
Pitiiliu 1, 19.
W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 151
heiligen Propheten von der Welt an", und noch bestimmter zum Schluß
3, 24 „alle Propheten von Samuel an und hernach, wie viele ihrer geredet
haben, die haben von diesen Tagen verkündigt: Ihr seid der Propheten
und des Bundes Kinder, welchen Gott gemacht hat mit euren Vätern,
da er sprach zu Abraham: durch deinen Samen sollen gesegnet werden
alle Völker auf Erden. Euch zuvörderst hat Gott auferweckt seinen
Knecht Jesum und hat ihn zu euch gesandt, euch zu segnen, daß ein
jeglicher sich bekehre von seiner Bosheit".
Sogar in manchen Äußerlichkeiten lehnen sich diese und die gleich-
artige Petrusrede 2, 22 — 36 an Act 7 an. Man vergleiche z. B.
3,22 wörtlich = 7,37; 3,23 inhaltlich =-= 7,38—42; 3,25 inhaltlich
= 7, 5 — 8'. 2, 22f. wie 3, I2f. sind durchaus erfüllt von jenem Haupt-
gedanken, auf welchen die ganze Stephanusrede abzielte: „Gott hat,
was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündigt hat,
wie Christus leiden sollte, es also erfüllt" (3, 18). „Ihr aber habt den
Fürsten des Lebens getötet" (3, 15).
Derselbe Gedanke beherrscht die wenigen Worte Petri 4, 8 — 12,'
derselbe 3, 22—36,* derselbe 3, 14 f.
Ist dieses aber richtig, so ergiebt sich von selbst, daß in der Stephanus-
rede von Davids Weissagungen aus der Übergang zu Jesus gemacht
worden sein wird. Teils wird, wie in 13, 23, der Verheißung gedacht
gewesen sein, daß der Messias „aus Davids Samen gezeugt worden sei",
teils daß (wie 13, 33 — 36) die Auferstehung Jesu von David und allen
Propheten vorausgesagt, diese Weisheit aber von den Juden mißachtet sei.
9-
Aber es ist nicht nur zu zeigen, welche Gedanken zu ergänzen sind,
sondern es muß auch der Nachweis erbracht werden, weshalb diese für
die ganze Rede doch besonders wichtigen Abschnitte abgetrennt
worden sind.
Die bisherigen Ausfilhningen haben erwiesen, daß der Verfasser von
Act es vermieden hat, seine Reden ganz frei zu komponieren. Überall
suchte er aufs gewissenhafteste nach passenden Vorlagen, welche ihm
den Gedankeninhalt seiner Reden bieten konnten. Manches entlehnte
er den paulinischen Briefen, manches dem Bekehrungsbericht, anderes
I Vergl. 4, II „Du ist der Stein von euch Banleatcn Tenrorfen, der nun Eckstein
geworden isL"
1 3, 3$ „So wisse nun du guue Hau Israel gewiO, daß Gott diesen JesDU), den
ihr gekreniigt habt, sn einem Heim and Christ gemacht hat".
I$3 W. Soltso. Ke Herknnfi der Reden m der Ap<MttigescMf*ac
i^«*«ahm CT den Reisebcricfatea. Wie 211 13, 16I <£e Stqdiaiii^icde aäm
Voitfid gen e se n war, so hat er aas cS^er wieder (15, 32 — 37) dea
Haaptgedankmgang seiner Petnisrede la, 34—43 mlnnmiwa.
Ejoige Motive fler Stephaausrede kdwQQ &5t vörtfich in aa d eica
Petinsrcden vieder. So 7, 37L in 3. 22—23; 7. 5—7 " 3. 25.
SooMt ist es im hödisten Giade wafarscbeialicb, daß aach 4fie äsigai
Gedankts, «ddie in den Petrusreden 2, 22 — 36; 3, 12 — 25 aiagespcodien
and, mda vtm dem Autor &d eriimden, soadem nw^ öeai übb vor-
^* ^ w i M Vi i ^hieSlenmatcnal kompo ni ert sind.
Nun g*™**™-" die Gedanken dkser Reden, wc^die aSe eine groAe
"VcrwanfäSsdaA mtfcr rinanda- haben, gerade nät dem äieraB, -wms S. zi
tttit W almff-hri n lF'^^'^'^ als eigenlSdier SdilaC^edanbe der St^baam^
rede erwiesen wonien wai:
Wenn <Se9e Gedanken viikScfa der St^ibanssrede
^^ ^^ ^■l■ ^^F^l sind, so mrtffr dann bei der «»^h rfj i^i^ Bezo^ulmie anf
Gfi1jii*^f p die fJitn-him scSioa so lai^ an^eddmtc Stephoni^mäe. am
anffaH^gy Wiedexhafan^en xa nnacidea, hioin gdaazt werfe n . Und
^ c rtfp 50 m r^, al< Ae d u re h Taca^ voändeftc Eiufiflnung eines
abwcid^^en SdAJi erfcricricJi oadilr. Lucas hatte ä^ 13 «ficäbdien
Zei^ca axs dem STsoptisdien Beiidd <l[c 14, 57 — 5S = Ib 261
Cd— 6i> g äu^tiiu gt imd se sagen lassen: ,J>ieser Mcnsdi bort mdA ai^
ZQ sagen Lästerrate wider diese holige Statte ood das GeseSz*'. Dftfaer
legte der Bcaibeäter die den Zasammcahang stören de n Veise 7, 47 — 50
an. daoat dodi ngend etwas g^en den Tes^xJ Gesagts in da* Rede
wäre, und ans demseiQxn ytaäv ist der Sdüufiros: JQir habt das Gesetz
^w..yt. wjM-w dmtii der Eiige^ Gcsäiaf^ und habt es mc^ gdaaütear sn-
p h1^ £r sagt zsar g^oss gaioainien ^y-i h t s g i^gn das Gesetz.
«mrfmi SV g^en de JndeiscäiaÖ: aas, weHcdie das Gesetz södit gdialtes;
abo" es war Anwrrit dodi dv Cmaüai^^cbkeit der ^y-^tct^r^V unter A'^i^
Gftw^y '' daiECtaA.
xa
Cfc Sl r pli ^ T " 'p *'^'^^ ^at a3so ^ » nn T ' ni^c^i . so wie äe r^r tr Loc^
iämSeiEst Todag, etwa folgende Ai&;fufannigc& ealbaJlgn: 7,46"; X3. -=3:
2,.^^— 33: 15.33—57- 2.54—35; 2.^2 (= 2, 24 — S 15^^^ (^S- S^l:
3. 21; 5. 25t; 3. 22—24; 7^ 52- 7- 51-
Dannt gcnrinncn wk das 1i<"gn'tnrt- dafi de ukiiflt ii Seden' der
' Siü^tt raf^iTirhr *-'»mj ■< fcf4wwi^_ ^Ptüdf mr der Ptosi nvb ^jyfjpr Bind, ^öe ^a
W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 153
Apostelgeschichte, vor allem 2, 22 — 36; 3, 12 — 26; 4, 8 — 12; ro, 34 — 43;
II, 39—43; 13, 16 — 41 ; 22, 3—21; 26, 2—23 Gedanken enthalten, welche
bereits in der Stephanusrede und in dem damit veH>undenen Pauli-
Bekehrungsbericht standen. Diese, sowie wenige Angaben des Wir-
Berichts (so 24, 2 — 21 ; 25, 14 — 21) und die pauÜmschen Briefe sind die
Quellen gewesen, aus denen der Redaktor der Apostelgeschichte, so
wie sie jetzt vorliegt, das Material seiner Reden gewonnen hat. Bei
dieser Sachlage ist es erklärlich, daß die Petrusreden trotz ihrer gut
griechischen Sprache doch inhaltlich einen älteren Eindruck machen. —
II.
Die Ergebnisse, zu welchen unsere Untersuchiing über die Herkunft
der Reden der Apostelgeschichte geführt hat, sind für die Entstehung
der Apostelgeschichte Überhaupt und für die Bestimmung ihres Ver-
fassers von entscheidender Bedeutung.
Der Bearbeiter der Aposteldenkwürdigkeiten steht selbst den von
ihm beschriebenen Vorgängen durchaus fem. Er ist ein gewandter,
literarisch gebildeter SchrifUteller, der das ihm vorliegende Material zwar
gewissenhaft benutzt, aber doch mit schriftstellerischer Freiheit be-
arbeitet hat
Vor allem war er bemüht, durch Reden und Briefe die ziemlich
dürftigen Notizen des alten Reiseberichts (Rb) und des Wir-Berichts (W) aus-
zuschmücken und zu beleben. Dabei stand ihm keine eigene gut beglau-
bigte Kunde über das, was eine frühere Generation erlebt hatte, zur
Verfügung. Er ersetzte das Fehlende aus den Briefen Pauli, aus der
ihm vorliegenden Erzählung über Stephanus' Tod und Pauli Bekehrung.
Der Verfasser ist also sicher ein anderer als deijenige, welcher das
3. Evangelium und den Wir-Bericht geschrieben hat Der Verfasser
(V) benutzte die Schriften des Lucas und das von diesem gesammelte
MateriaL Er selbst aber schrieb weit spater, ohne eigene Kunde von
dem Berichteten zu haben, abgesehen von dem, was ihm seine schrift-
lichen Quellen überliefert hatten.'
Außer dem schon von Lucas gesammelten Material lag ihm nur
noch eine Sammlung von Petruslegenden' (in l — 5 und 9 — 12) vor,
welche zu den von Lucas gesammelten Quellen nicht die geringste
I Den wenigen größeren Einlagen wird kein Menscli eine gewichtige Authende
Mlprechen. E» sind 16,1—5; 16. «sf.; 18,24—19,6; 21, 20b— z6.
' Die Redeweise weicht bei ihnen ab von dem Stil der Reden.
ZeitKbrift f. d. nentut. Witt. Jiüug. tV. 1903. 10
'54
W. Soltau, Die Herkuofi der Reden in der Apostelgeschicfate.
Beziehung liatte, vielmelir oiifenkundig in den wichtigsten Grund-
anschauungen von denen des Lucas abwich.'
Lucas selbst hat nur den Plan gehabt, Pauli Bekehrung und dessen
Missionsreisen zu beschreiben. Doch hatten die von ihm gesammelten
Quellen — Steplianus' Tod (St), Pauli Bekehrung (Fb) und die Reise-
berichte — noch keine schriftstellerisch abgerundete ausführliche Be-
arbeitung erfahren. Vermutlich ist er durch den Tod an dem Abschluü
des öeÜTtpoc Xöfoc gehindert worden.'
Diesen hat erst der Verfasser von Acta (V) herzustellen gesucht,
indem er zugleich den Plan von Acta, erweiterte. An die Stelle einer Dar-
stellung von Pauli Missionsreisen traten die Denkwürdigkeiten von Paulus
und Petrus. Er venvandte Teile der Stephanusredc, um. mit ihrer Hilfe
auch die apostolische Tätigkeit des Petrus würdig darzustellen, und um
wenigstens eine letiendige Vorstellung zu erwecken, welciie geistige
Mächte bei der ersten Entwickelung des Christentums wirksam gewesen
waren.
Wohl keiner, welcher diese Reden des Petrus, wie die späteren des
Paulus, liest, wird sich dem Eindruck verschlossen haben, daß hier ein
begeisterter und bedeutender Vorkämpfer des Christentums spricht.
Diese Reden werden in den Herzen aller wahren Christen ewig fortleben.
Aber historische Dokumente sind sie nicht.
Historisch wertvoll ist einerseits die Stephanusrede als das vielleicht
älteste Zeugnis für die Entwickelung eines alexandrinisehen Christentums.
Historisch ist nicht minder in erster Linie der kurze Wir-Bericht, sowie
daneben manches andere, was sich sonst noch in den kurzen Aufzeich-
nungen über die Missionsreisen Pauli erhalten hat, da ihre Angaben auf
Persönlichkeiten zurückgehen, welche dem Bamabas und Paulus nahe-
standen. Alles andere steht an Glaubwürdigkeit unendlich viel tiefer.
I So kennt i. B. Laos nicbt «in pIötEÜches HerabfäUea d«a b«j!!gta G^ist««.
' \g\. liiersu die ausgeceichntie Abhandlung von A. Gcrcicc: der bfÜTCpoc VdTOC
de» Lucas im Hermes 2% 373 [1894).
tAt>E«cb]Mieii J«B »B. April igvj I
P. Corssen, Zur Chronologie des Irenaeus. 155
Zur Chronologie des Irenaeus.
Von Peter Corssen in Berlin.
Die Frage, wann Irenaeus geboren ist, ist für die Einschätzung des
Mannes, der für einen Träger der apostolischen Tradition gilt, von nicht
unerheblichem Interesse. Da die Meinungen darüber weit auseinander
gehen und die Erörterungen von Zahn in seinen Forschungen zur Ge-
schichte des Kanons (VI, 27 ff.) nichts wesentlich neues dazu gebracht
haben, so soll hier im Folgenden untersucht werden, ob und wie weit
diese Frage überhaupt beantwortet werden kann.
Ich gehe von der bekannten Stelle des Irenaeus aus, die auf den
ersten Blick einen Anhaltspunkt zu einer ungefähren Bestimmung seiner
Geburtszeit zu bieten scheint.
Ei ydp Iba ävaq)av{>6v Ttfp vOv Kaipij) XTipürrecÖat Toövo^a oötoO
(d. h. TOO 'AVTIXpiCTOU), ör ^KttVOU dv ipplÖT] TOÖ Kdl TT^V 'ATTOK(liXui|llV
iujpaKÖTOC Oü&fe TÄp Ttpö TTOXXoO xPÖvou tuipäöri, dXXA cxeööv 4ni Tflc
^iner^pac tcvciSc, irpöc ti^ tdXei tt^c AojienovoO <ipx*ic. V, 30, 3.
Es fragt sich, in welchem Sinne hier cxe&öv tni rflc i]}iezkpac Tcveftc
gemeint ist. Hamack erklärt, da Irenaeus sagt, daß die Apokalypse
gegen 96 verfaßt sei, er selber aber um 185 geschrieben habe, so sei
klärlich unter f€VE& ein Zeitraum verstanden, den ein Menschenleben
gerade noch umspannen könne. £5 sei daher diese Stelle in keiner
Weise geeignet, zur Bestimmung des Geburtsjahrs des Irenaeus zu dienen
(Chronologie S. 330). Mag dem nun sein, wie ihm wolle, so wird diese
Interpretation nicht gesichert erscheinen, so lange sie nicht aus dem
Ausdruck selbst abgeleitet ist Es scheint mir daher nicht wie Hamack
unstatthaft, sondern vielmehr geboten, den Begriff der ^tv€& zu unter-
suchen und die verschiedenen Möglichkeiten der Anwendung des
Wortes zu erwägen.
'EtH TTic imeripac T^veäc heißt „in unserer Generation", darüber kann
kein Zweifel sein, es fragt sich nur, in welchem Sinne „Generation" ge-
10*
meint ist und worauf sich das Pronomen „unser" besieht Zahn be-
hauptet gegen Harnack, die nach einem bestimmten Menschen benannte
TEVeä müsse ein von seiner Lebensdauer und somit von seiner Geburts-
zeit abhängig gedachtes Zeitmaß sein fS. 29, Anm.)- Das erste muO
man bestreiten, das zweite ist gewiß richtig. Der Begriff T^ved entsteht,
indem der Sohn bis zum Vater aufwärts rechnet, oder auch der Vater
bis zum Sohne abwärts. Es bildet sich die Vorstellung eines gewissen
mittleren MalJes dieser Entfernung, das von den Griechen im allgemeinen
auf rund dreiliig Jahre geschätzt wurde.' Die Begriffe „Leben" und
„Generation" decken sich daher nur zum Teil, das Leben kann länger,
es kann auch kürzer sein als die Generation, und nur wenigen wird es
zuteil wie Nestor noch die dritte Generation zu schauen. In vielen
Fallen wird allerdings ^tiI xric ^tinc Ttveäc tatsächlich dasselbe bedeuten
wie tni Ti|c ^pjjc lüjf\c oder ^tti toO I^oö ßfou. Das ist z. B. an aner
von Zahn aus Dionysios von Halicarnaß {III, 15) angeführten Stelle der
Fall. Hier bezeichnet es der König Tullus Hostilius dem Metbus Kuffetiua
gegenüber als ein Glück, daß die Geburl der Horatier und Cujiatier in
ihre Generation gefallen sei (fiiii Ttlc ^jjSTfpcc ftveäc). Die Horatier und
Curiatier sind die jüngeren, Tullus rechnet also von sich aus abwärts,
indem er sie noch in seine Generation einschüeÜt. Wenn diese Stelle,
wie Zahn meint (S. 30. Anm.), der unseren entspricht, so wurde
Irenaeus behaupten, daß, wenn er nur um ein weniges älter wäre, die
Abfassung der Apokalypse in seine Lebenszeit gefallen wäre. Man
müßte dann seine Geburtszeit gan? nahe an das Jahr 96 rücken, und gewiß
hätte dann Zahn Reclit, dai^ man eher 105 als 120 als sein Geburtsjahr
aßnehmen würde (S. JO). Aber aus demselben Grunde dürfte man dann
auch nicht das Jahr 1 1 5. annehmen, für welches Zahn aus andern Gründen
sich entscheidet. Denn wenn die Generation zu etwa 30 Jahren an-
genommen wird, so wäre die Annalune einer Differenz von 10 Jahren
schon recht bedenklich, eine von 20 aber ganz unmöglich. Nun ver-
steht freilich Zahn unter T«veö die gesamte Lebenszeit des Irenaeus,
aber auch dsfur ist die Differenz doch zu groß, als daß sie durch das
Wörtchert cxe&6v entschuldigt werden konnte.
Aber Irenaeus konnte auch anders rechnen. Nestors Sohn Anti-
lochos zahlt Aiax, den Sohn des Oileus. noch zu seiner Generation, weil
er nur wenig älter ist, den Odysseus aber zu der früheren (V, 789 ff.).
So mißlich es ist, sich von dem Alter der homerischen Helden be-
» Vgl. Pluiarchi, de defeetu oMtuIorum, p. 4ISE: iTT\ Tpidicovra troioOci t#|v Yfivedv
K08' 'HpiirteiTOV, iv 141 xpöv«^ ^aviSJY^n, nap^« töv i£ alnt/Hi yefennfUvov 6 tcwVicoc.
stimmte Vorstellungen zu machen, so werden wir uns doch den Alters-
untersclUed zwischen Antilochus und Odysseus wie den mittleren Ab-
stand zwischen Vater und Sohn denken dürfen. Rechnete Irenaeus
etwa in ähnlicher Weise die bis zu dreißig Jahr älteren Leute zu seiner
Generation, so dürften wir seine eigene Geburt nicht vor i26 setzen.
Aber es fragt sich, ob wir mit Recht, wie wir bisher stillschweigend
getan haben, das mit T^veäc verbundene Possessivpronomen auf Irenaeus
beschränkt haben. Wenn wir den ganzen Zusammenhang erwägen, so
erscheint das keineswegs wahrscheinlich. Warum maciit denn Irenaeus
die Bemerkung über die Abfassungszeit der Apokalypse? Offenbar
nicht, damit seine Leser sich den Kopf zerbrechen, in wclcheai Jahre
er selbst geboren sei, sondern um zu beweisen, daß die Apokalypse für
die Gegenwart Bedeutung habe. Apokalypsen veräieren an Wirkung,
je weiter sich die 2Ieit von dem Augenblick, in dem sie verkündet sind,
entfernt. Wenn Irenaeus sagt, der Name des Antichrist hätte der jetzigen
Zeit (Tiii vüv KOipifi) nicht verkündigt 2U werden brauchen, so liegt doch
darin, daß die Apokalypse für seine Gegenwart geschrieben sei; da aber
diese Gegenwart von der Verkündigung durch eine geraume Zeit ge-
trennt war, so mußte zur Bezeichnung des Zwischenraumes eine Zeit-
bestimmung gefunden werden, die die Zeit der Verkündigung entweder
einschloß oder ihr doch so nahe wie möglich kam. Die Ausdrücke i&
vüv Kaipüi und rtic iVM^ifpac TEveSc entsprechen sich also so, daß dei
letztere nicht sowohl die Generation speziell des Irenaeus als seiner Zeit-
genossen überhaupt bezeichnet.
Wenn der Grieche mit der tevcü einen Zeitraum von + 30 Jahren
braeichnet, so hegt dabei die Vorstellung der Aufeinanderfolge der Ge-
schlechter zu Grunde, die ja tatsachKch durchschnittlich in diesem Zeit-
raum vor sich geht. Diese Vorstellung aber wird ausgeschlossen, sobald
das Wort auf eine einzelne Person oder einen Kreis von Personen ein-
geschränkt wird. Nestors Generation existierte, als er bereits in der
dritten herrschte, doch noch in ihm selbst, selbst wenn die mit ihm Ge-
borenen längst gestorben waren. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint
die Dauer der t«v?^ sehr verschieden, je nachdem sie auf Ältere oder
Jüngere bezogen wird, und wenn ältere Leute von der Generalion ihrer
Zeitgenossen sprechen, so wird dabei als Zeitmaß die längste Spanne
des menschlichen Lebens überhaupt untergeschoben. Auf diese Weise
wird der Begriff der feveä gleich dem des lateinischen sneculuni, das ja,
wie Biicheler gewiß mit Recht annimmt', etymologisch mit serere zu-
I 5. Cnitius, Griechlicli« Etymologie, S. 383.
i
15«
P, Corssen, Zur Chronologie des lr«nA«us.
sammcnhängt und also in seiner ursprünglichen Bedeutung dem grieclii-
sehen Tcveci ^'envandt ist und das von Ccnsorinus als spaimtn vitae
kuifumae longissimum paritt et morle defimlum (De cHe nata,li c 17) ge-
Haßt wird.
Daü diese Anwendung von -^^^6. nicht nur theoretisch gefordert
werden muß, äondcni auch praktisch geübt wurde, geht aus Plutarch.
De defcctu oraculonim p. 415 C — E hervor (vgl. oben S. 136 Anm.). wo
er das Lebensalter der Nymphen auf Grund eines verloren gegangenen
hcsiodischeo Gedichtes erörtert Dort hie& es von der langlebigen Krähe:
evv^Q TOI Z^diei tcveoic Xax^puCa KOpuüvq
ävApüiv fißÜJVTurv'
iStatt ^ißiliVTUJV lasen andere fTipiijVTiuv. Diese, sagt Plutarch, rechnen
die fevitö zw 108 Jahren (oi h\ t^lpti'VTUJV näXiv, oüx r|pd»vmiv Tpäq>ovT€C
ÖKTW Kcti ^KQTÖv Im vfjiouci TT) T£V£q). Die Motsviefung, die Plutarch
für diese Zahl giebt, ist durchaus willkürlich und unverbindlich. Die
Meinungen der Alten über die Lebensdauer des Menschen gingen aus-
teinander, wie man bei Censorinus c. 17 sehen kann. Der Alexandriner
iDioscoddes behauptete nach Censorinus' Gewährsmann Varro, daü der
Mensch nicht länger als lOO Jahre leben könne, und so hoch rechneten
die Römer für gewöhnlich das saeculum', während Varro es auf 1 10 Jahre
berechnet hatte, eine Berechnung, die Augustus bekanntUch für die Saecu-
larfeier zu Grunde legte.
In diesem Sinne^ als äuUerstes Maß des menschlichen Lebens, ge-
braucht augenscheinlich Eusebius den Ausdruck Ttvedi, wenn er die
Generation derjenigen, die den Herrn noch selbst gehört haben {i\ TEvcd
iiceivTi Tüiv aüraic ökooic ttjc ^v6£ou coipiac ^TinKOucdi Ka-nnSiuiM^vwv),
bis zum Anfang der Regierung Trajans rechnet. Bis zu dieser Zeit,
sagt er, sei die Kirche von der Ketzerei unberührt geblieben, nach dem
Aussterben der apostolischen Generation habe sie ihren Anfang genommen
(h- e. 3, 32, 7. 8).
Damit stimmt der römische Qemens iiberein, der unter Doraitiaa
schreibend, die Apostel Petrus und Paulus zu seiner Generation reclinet
(S, 1 XdßuiMtv Tf|c TtVEoc fiMiIiV xd fewata unobeiTMara). Da Clemens
seine Generation den Alten, d. h. den Männern des alten Bundes gegen-
überstellt, so rechnet er offenbar von Cluisti Erscheinen bis zu dem
Allgenblick, wo er schreibt.
Das aber ist der Gebrauch, den auch Irenaeus von dem Worte
< Naitri majores, qiio-d D3tur&lc faecnliim qnuihifa e;sel GxpLQiptmn non hftbcbuiti
cEvilc ad certom modalum umoTum ccDtnm statnenml Censorinns. l m. O,
P. Corssen, Zur Chronologie des Irenaens. 159
macht Die Apokalypse, am Ende der ersten Generation geschrieben,
hat mit dieser nichts mehr zu tun, sondern ist fiir die folgende bestimmt.
In den Zeitraum dieser zweiten christlichen Generation fallt noch
die Gegenwart, in der er selber schreibt (ca. 185), in diesem Sinne also
spricht er von „seiner Generation."
So erscheint die Auffassung Hamacks durchaus gerechtfertigt Es
ist in der Tat nicht mc^Hch, aus unserer Stelle eine Zeitbestimmung fiir
die Geburt des Irenaeus zu gewinnen; nur das darf allerdings nicht über-
sehen werden, daü der Ausdruck „unsere Generation", wenn er auch in
einem allgemeinen Sinne angewendet ist doch immer eine subjektive
Färbung behält. Vom Standpunkte des Schreibenden aus wäre er nicht
zu verstehen, wenn dieser nicht selbst zu den älteren Leuten innerhalb
dieser Generation gehört hätte. Das hat auch Hamack wohl gefühlt
und nicht verschwiegen, aber im nächsten Augenblick sich über das
Bedenken ohne weiteres hinweggesetzt „Nur die Frage lallt sich auf-
werfen, ob Irenaeus nicht unwillkürlich den Ausdruck deshalb gefärbt
hat, weil er selbst schon ein so alter Mann war. Allein die Frage
scheint mir eine recht müßige; denn will man wirklich aus diesem Texte
entscheiden, ob Irenaeus damals ca. 48 — 52 oder ca. ^2 Jahre alt ge-
wesen ist?" Mehr oder minder bestimmte Zahlen wird man allerdings
verständigerweise nicht zu ermitteln suchen, wohl aber wird man sagen
dürfen, daß Irenaeus' Geburt sicherlich dem Jahre 96 näher als dem Jahre
185 liegt
Außer der eben behandelten Stelle hat man das Verhältnis des
Irenaeus zu Polykarp zur Bestimmung seiner Geburtszeit benutzt Zahn
hat sich dadurch veranlaßt gesehen, seine Geburt in das Jahr I15,
Hamack, sie kurz vor 142 zu setzen.
Zwei Stellen kommen hierfUr in Betracht, eine aus Irenaeus' großem
Werke gegen alle Sekten, die andere in seinem Briefe an den Presbyter
Florinus. Es sind die folgenden:
Kai TToXOtcapTTOc h\ oö n6vov iirö dnocröXujv naenTeuetic Koi cuv-
ctvacrpatpelc ttoXXoTc toictAv XpicrÖv ^uipaKÖciv, dXXct xat Cin6 dnocröXuiv
KaTacraÖek £lc -rfiv 'Ac(av ht tQ £v Z^öpvij £KKXnc(<f £itEckottoc, &v xal
fm^Tc ^uipdKa^cv £v tQ irpUrn] ^fiiliv ^XiKlqi- ^nl iroXO T^p nap^fietVE xal
irdvu tupotXtoc £vl>6£ujc xal ^m9av£cTaTa ^apTup^cac ££fiX6£ toö ßEou
ToOra bibäSac dcl fi xal irapd Tii>v önocröXuiv ^tiaSEV. Contra haer. m, 3, 4.
E160V T<ip C£ ira^c *v Iti ^v T^ kiütuj 'Aci(]i Ttapö Tif» TToXuKdpnqi
Xannpöpc TrpdTTovTa iv tQ ßaaXixQ txh\% xal neipiüjievov cö&okihcTv Trap'
aÖTiJ). MäXXov yöp tä töte öianviiMOveüut t&v ^vcrfxoc T€VOM^vujv al t^P
i6o
F, CoTSBen, Zu7 ChronolDgie des Ircnaeus.
Ik Ttaibwv |Jo9riceic ctvctOSoucai t^ i+mxfl Ivoövtöi aürfl. Ad Florinum.
p. 822 ed. Stieren aus £us h. e. V, ^0, 5-
Redet Irenaeus an den beiden Stellen in Bezug auf seinen Verkehr
mit Polykarp von verschiedenen Zeiten oder meint er dieselbe Zeit, wenn
er einmal sagt, er habe Polykarp in seiner ersten Jugend gesehen, das
andere Mal, er sei noch ein Kind gewesen, als er von ihm lernte? Ich
würde diese Frage nicht aufwerfen, wenn nicht Zahn allen Ernstes be-
hauptete, Irenaeus habe nicht nur als heranwaclisender Knabe, sondern
auch noch als juager Mann Gelegenheit gehabt, den Polykarp als christ-
lichen Lehrer kennen zu lernen (S. 37)* £r stützt diese Behauptung auf
den letzten Satz (cti yäp iia6r)CEic}, den er abdruckt und mit der
Bemerkung begleitet, da Erinnerungen mit den Jahren nicht zu
wachsen, sondern abzunehmen pflegten, so könne das Wachstum der
|ia6:iceic nur darin bestanden ha.ben, da& immer neue Belehrungen
zu den erster hinzugekommen seien (S. 38, Anm. 1). Der Leser, dem
hier die Übersicht über den ganzen Zusammenhang gegeben ist, sieht,
daß der letzte Satz die Begründung enthält zu dem vorhergehenden, in
dem Irenaeus eben das ausdrücklich feststellt, was Zalin durch seine
Interpretationskunst aits der Welt zu schaffen sucht, nämlich, daß seine
Jugenderinnerungen frischer und lebendiger seien als die an näher zurück-
liegende Vorgänge. Diese allgemeine Erfahrung des Alters erklärt er
sich durch die Vorstellung, daß, solange die Psyche noch in der Ent-
wicklung sei, das, was sie aufnehme, mit ihr verwachse und so zu einem
unverlierbaren Besitz werde,
Irenaeus hat also als lieranreifender Jüngling den Polykarp gekannt
und, was in dem Briefe an Florinus weiter ausgeluhrt wird, seinen Reden
und Erzählungen gelauscht und das Bild seines Charakters und seiner
äußeren Erscheinung sich eingeprägt.
Die Tatsache, daü Irenaeus Polykarp noch gekannt hat, wird an der
ersten Stelle anscheinend damit motiviert, daü dieser ein ungewöhnlich
hohes Alter erreicht habe. Ist das so, so kann Irenaeus ihn nur als Greis
gehört haben und er müßte bei seinem Tode noch ein Jüngling gewesen
sein. Die Ausdrücke „noch ein Kind" und „erste Jugend" sind aller-
dings dehnbar, aber man wird doch dabei nach der Schilderung in dem
Briefe an Florin lieber an einen höchstens 15- als an einen 20jährigen
denken. Das ist die Meinung Hamacks, und da er den Tod Polykarps
in das Jahr 155 setit, so nimmt er an, Irenaeus sei kurz vor 142 ge-
boren <S. 329).
Daß Polykarp tatsächlich im Jahre 155 den Tod eriitten hat, halte
ich nach der erneuten Prüfung, der ich die Hypothesen über seia Todes-
jahr unterzogen habe, für ausgemacht. Irenaeus schrieb unter Eleutherus
(174 — 1S9). Bedurfte e» da einer Motivierung und einer Art Nachweis.
daß er den vor etwa 30 Jahren verstorbenen Mann noch gekannt haben
konnte? Eine solche Motivierung wäre doch nur angebracht gewesenr
wenn das Todesjahr des Polykarp den Lesern des Irenaeus unbekannt
gewesen wäre. Das konnte aber doch um 185 noch nicht vergessen
sein, Wurde doch sein Todestag in Smyma sofort als Erinnerungsfest
gefeiert und war doch sein Tod von den Smyrnaeern der ganzen christ-
lichen Welt bekannt gegeben, da sie ihren Bericht über sein Martyrium
zwar insbesondere an die Gemeinde zu Philomelion, zugleich aber doch
auch an alle christlichen Gemeinden überhaupt adressiert hatten". Aber
Irenaeus hat auch selbst dafür gesorgt, daß seine Leser keinen Augen-
blick im Zweifel über die Zeitverhältnisse bleiben konnten. Denn an
demselben Orte, wo er erzählt, daß er Polykarp in seiner Jugend ge-
sehen habe, erinnert er daran, daß dieser unter Antket in Rom gewesen
sei (Bc Kül in\ 'AviKiiTOu ^mat^nricac Tf| 'Pwiir\ lü, 3, 4). Unmittelbar be-
vor er aber auf Polykarp zu sprechen kommt, hatte er konstatiert, daß
Aniket der Vorgänger des gegenwärtigen Bischofs Eleutheros sei ($ 3 a. E.).
Das also war ftir Irenaeus' Leser selbstverständlich, daß er Polykarp
noch gekannt haben konnte, und nicht um ilmen das Erstaunen darüber
zu benehmen, brauchte er an sein hohes Alter zu erinnern. Wohl aber
hatte er einen andern, sehr gewichtigen Grund dazu. Denn sicherlich
muffte die Behauptung die größte Verwunderung hervorrufen, daß ein
Mann, dessen Leben sich bis in die Zeit der Leser erstreckt und den
vielleicht auch der eine oder andere von ihnen in Asien oder Rom noch
gesehen hatte, von Aposteln in Smyma als Bischof eingesetzt worden
sei. Diese Behauptung konnte nur dadurch mit einem gewissen Scheine
der Möglichkeit umgeben werden, daß nachdrücklich auf das ungewöhnlich
hohe Alter des Mannes hingewiesen wurde.
Die Eridärung, daß Polykarp sehr alt geworden sei, bezieht sich
also gar nicht auf den unmittelbar vorhergehenden Relativsats, sondern
dieser enthält eine gänjf beiläufige und für den Zusammenhang belang-
lose Bemerkung die wie eine Parenthese eingeschaltet ist.'
' 'H ^KKXncb ToO Ötoti i\ TiapoiKoCca Sjidpvav xf) ^xK^nt''? toO e«oß -rfl -napoi-
icapoiKidic.
' Zahn hat den «nficlien Tatbcitiuid [5. 36] auf den Kopf gestellt Da es mir
nicht um die Widerlegung fremder Anwehten, sondern axi die GewinnoDg eigener an-
komiDC, so gehe ich duiBf nitht veitcr ein.
l62
P. Corsaen, Zur Chronologie d«5 Ireaaeus.
Haben aber diese beiden Sätze nichts mit einander zu tun, so können
■wir nicht wissen, wann Irenaeus Polykarp gehört hat, und es ist daher
[ fiir seine Chronologie völlig gleichgiltig , dati er damds noc]i ein
Knabe war.
Es bleibt indessen noch zu untersuchen, ob wir den Aufschluß, den
wir an der ersten Stelle suchten, nicht an der zweiten finden. Hier er-
fahren wir, daß zu der Zeit, als Irenaeus Polykarps Vorträgen lauschte,
die Versammlungen der Christen ein kaiserlicher Hofbeamter, Florinus,
besuchte, der sich um die gute Meinung Polykarps ernätüch bemühte.
Das muü ein Ereignis für die Gemeinde von Smyrna gewesen sein, und
es ist kein Wunder, daU es dem jungen Irenaeus einen bleibenden Ein-
druck hinterlassen hat. Nach der Natur der Sache muß man annehmen,
daü zwischen Irenaeus und Florinus ein Altersunterschied von min-
destens 10 Jahren bestanden hat. Eusebius t>erichtet, dall in späteren
Jahren Irenaeus gegen diesen Florinus zwei Schriften veröffentlicht habe,
nämlich einen Brief, aus dem er einen Abschnitt ausgesclirieben hat,
dem der oben mitgeteilte Satz angehört, und wiederum, als Florinus sich
von der valentinianischen Veriming habe verleiten lassen, eine Schrift
Tiepi lÖT&oäboc (V, 15 und 20) zu schreiben. Von dieser Schrift teilt uns
Eusebius auüer dem Titel nichts als die Subskription mit. Es ist nun
noch ein Fragment des Irenaeus in syrischer Sprache bekannt geworden,
welches aus einem Briefe an den römischen Bischof Victor stammt, der
sich ebenfalls auf Florinus bezieht,^ Ich teile das Fragment in einer
neuen Übersetzung mit, die ich meinem Freunde Preuschen verdanke;
„Und Irenaeus, Bischof von Lyon, der an Victor, Bischof von Rom,
wegen des Florinus, eines gewissen Presbyters, der sich um die Ver-
irrung des ValentJmis bemühte und eine verwerfliche Schrift verfaßte,
folgendermaßen schrieb: "Und nun was das betrifft, daß vielleicht ihre
Schriften euch entgangen sind, sie, die sogar uns zu Gesicht gekommen
sind, so will ich euch kund tun, daß ihr, entsprechend eurem eignen An-
sehen aus der Mitte entfernt die Schriften, die seit (ilirer) Ankninft euch
tadeln, weil sich der Schreiber brüstet, daß er einer von euch sei. Sie
bringen aber vielen (Leuten) Schaden, die schlicht und ohne Frage als
von einem Presbyter die Schmähung gegen Gott aufnehmen. Scheltet
aber den, der sie schrieb, dass er durch ^ie nicht allein denjenigen
Schaden bringt, die ihm nahe stehen, indem er ihren Sinn in den Stand
setzt, Gott zu lästern, sondern auch denjenigen, die bei uns sind,
■ Vgl Hamacbi AltchrisCL literatnrgescEi. S. 593 f. tcnd Zkbn, FoTBchungeo VI*
S. 31 f.
P. CoTssen, Zur Chronologie des Ireoaeus. 163
Schaden bringt durch seine Schriften, indem er falsche Ansichten über
Gott in ihnen wirkt'".
Wir erfahren aus diesem Fragment mit Bestimmtheit, daß Florinus
seine Ansichten schriftlich entwickelt hatte, was Eusebius nicht ausdrück-
lich bemerkt, was wir aber aus der Tatsache, daß Irenaeus ihn schrift-
lich bestritt, zu schließen wohl berechtigt gewesen wären.
Sollen wir nun mit Hamack (Chronologie, S. 321 Anm. 2) annehmen,
Florinus sei erst nach dem von Irenaeus an ihn gerichteten Briefe zum
Valentinianismus fömilich abgefallen, ja, dürfen wir überhaupt einen förm-
lichen Abfall annehmen?
Eusebius sagt, Irenaeus habe an Florinus den Brief irepl fiovopxtctc
i^ Trepi TOO nfi elvai töv 9e6v TTOiirri^v KaKüiv geschrieben. Dann habe
er seinetwegen wiederum, als er sich durch die valentinianische Irrlehre
habe verführen lassen (bi 8v aööic Otrocupojicvov Tf| Kord OöaXcvrivov
TrXävi;t), die Abhandlung irepi ÖTbodÖoc verfaßt (v, 20, i). Eusebius wird
schwerlich die Schriften des Florinus gelesen und, was er von seinem
Valentinianismus weiß, aus Irenaeus erfahren haben. Daß dieser
ihn dessen beschuldigt hatte, müßte man schon aus dem Titel seiner
zweiten Streitschrift schließen und der Syrer bestätigt es. Aber daraus,
daß Irenaeus diesen Vorwurf erhob, folgt noch keineswegs, daß er be-
rechtigt war. Jedenfalls ist durch das syrische Fragment ausgeschlossen,
daß Florinus sich als Valentinianer bekannte, denn es wird ja darin be-
zeugt, daß er sich seiner Angehörigkeit zur römischen Gemeinde rühmte.
Er war also noch Presbyter und offenbar der Meinung ein guter Katholik
zu sein, auch hatte man in Rom, wo man doch selbstverständlich von
seiner Schriftstellerei Kenntnis hatte, nichts von Ketzerei darin bemerkt
und erst der Spürnase des Irenaeus gelang es, sie zu entdecken, Flo-
rinus muß die Frage vom Ursprung des Bösen behandelt haben und
Irenaeus hat ihn so verstanden, als führe er es auf Gott zurück. Denn
in dem an ihn gerichteten Briefe setzte er ja, wie aus der Überschrift
hervorgeht, auseinander, daß Gott nicht Schöpfer von Bösem sei, während
Florinus, wie Eusebius sagt, für diese Meinung eingetreten war (TaÜTTjc
fäp Tflc TVÜJUTjC oiStoc ibÖKa TTpoaoiiZeiv v, 20, i). In dem Briefe an
Victor aber scheint Irenaeus dieselbe Meinung bestritten zu haben, denn
es ist in dem sjnischen Fragment von den falschen Ansichten die Rede,
die Florinus über Gott verbreitet habe. Da nun der Syrer in der Über-
schrift, wo er sich offenbar genau ausdrückt, nur von einer Schrift des
Florinus redet, so haben wir bei diesem vermutlich gar keine stufenmäß^
fortschreitende Entwicklung bis zur offenkundigen Ketzerei anzunehmen,
i64
P. Corssen, Zur Chnniolo^e des lrena*us.
sondern wahrsclieinlich hat Irenaeus in seinen Streitschriften den Ton
allmählich gesteigert, bis er schUeßUch geradezu die Anklage auf Valen-
tinianismus erhob. Wenn Victor von Irenaeus in seinem Briefe aufge-
iordert wird, die Schriften Florins zu beseitigen und den Verfasser selbst
ÄU schelten. 30 kann das nur so verstanden werden, wie Hamack will;
nämlich daß Florin die Thronbesteigung Victors noch erlebt hat, was
von Zahn mit ganz nichtigen Gründen bestritten wird CS. 33). Aber
andererseits haben wir, wie gezeigt worden ist, kein Recht zu der An-
nahme, die Harnack aufstellt, daU Florin noch unter Victor zum Valen-
tinianismus abgefallen sei. Hamack hatte aus dieser Annahme weiter
gefolgert, daß Florin im Jahre 190 nicht 80 oder gar go Jalire gewesen
sein könne, weil man in so hohem Alter seine Übereeugungen nicht
mehr zu wechseln pflege, Die Folgerung fällt zugleich mit ihrer Voraus-
setzung. Wir haben auch kein sicheres Mittel, zu entscheiden, wann
Irenaeus zuerst gegen Florinus aufgetreten ist Es ist recht gut denk-
bar, daü er seinen Brief an ihn schon vor der Abfassung seines Haupt-
werks hatte erscheinen lassen und daß er bei der Thronbesteigung Victors
einen letzten kräftigen Versuch unternahm, seinen alten Gegner uuscliäd-
lich zu machen. Daraus, daß Florinus in dem Hauptwerk nicht genannt
ist, läßt sich nichts schlieüen; konnte Irenaeus doch einen Presbyter der
römischen Gemeinde, was er, wie wir aus dem Syrer ersehen, bis auf
Victor geblieben ist, nicht als Ketzer aufführen. Eusebius setzt die
Schriftstellerei des Florinus unter Eleutherus: 01 b' im 'Pi(ir)c {ixjioZov
Jiv fiTtiTO OXujpIvoc. itpecßuTcpIoTj Tfic dKKXriciac ditonccüiv. Das steht
c. 15, während erst c. 22 erzählt wie Victor auf Elcutheros folgt. Es
kann daher Eusebius schwerlich meinen, daß Florin seines Amtes entsetzt
worden sei, denn wenn er überhaupt geraaßregelt worden ist, so kann
das doch erst unter Victor geschehen sein. Wenn er aber der Ketzerei
(ur schuldig befunden wurde, so wurde er gewiß nicht nur von seinem
Amt, sondern aus der Kirche überhaupt entfernt Eusebius will also vss-
mutlich nur sagen, daiy Florin seinem Presbyteramt untreu geworden sei.
E So ist denn auch der Versuch, den Streit zwischen Irenaeus und
Florinus für die Chronologie des Irenaeus auszunutzen, als gescheitert
anzusehen. Es ist aber noch zu fragen, ob aus den Angaben des Ire-
naeus über den Aufenthalt Florins in Smyma nicht irgendwelche Zeit-
bestimmung zu gewinnen ist, und zwar sind es die Worte XcrpirpLÜc
TTpÄTTOvra ^v rrl ßaciXiKT) av\f\, die dabei in Betracht kommen. Zahn
und Harnack verstehen sie beide, jedoch der letztere nicht ohne Be-
denken, in dem Sinne, daß damit eine Anweseniieit des kaiserllchea
P. Corssen, Zur Chrotiolagie des Irenaeus. 165
Hofes in Smyrna bezeugt sei. Nach dem einen ist der Hof Hadrians,
nach dem andern der des Antoninus Pius gemeint. Weder von Hadrian
noch von Pius ist bestimmt bezeugt, daß sie m Smyrna gewesen sind,
aber von Hadrian kann man es allerdings mit Sicherlieit annehmen, da
er um 130 die Provinz Asien besucht hat. Für Pius hat sich mir
die Vermutung" Borghesis und Waddingtons bestätigt, daß der Kaber
im Jahre 154 persönlich in Syrien anwesend gewesen sei (o, Bd. IIL, 66),
Es wäre denkbar, daß er auf dem Rückweg über Smyrna gekommen
sei, aber behaupten läßt sich darüber nichts. Hamack hat dies ange-
nommen und setzt demnach des Florinue Verkehr mit Polykarp in das
Jalir 154 (Chronol- S- 329 Anm 2). Aber in das Jahr 1,4 T^JIt nach
Hamack auch die Reise Polykarps nach Rom, wenn Aniket, den er per-
sönlich aufsuchte, frühestens 154 zur Regierung gekommen {Chron. S. 177)
und Polykarp tJS gestorben ist. Es bliebe also, wenn wirklich Pius 134
in Smyrna gewesen sein sollte, kaum recht Raum fiir ein Zusammen-
treffen z.wischcn Florinus und Polykarp, Diese Schwierigkeit lälit sich
aber vielleicht heben. Denn nach den Ausführungen von Erbes, Ztschr,
f. Kirchengesch, XXn, S. 9, Anm. 2, auf die mich die Güte des Herrn
Verfassers nach dem Erscheinen meines Aufsatzes über das Todesjahr
Polykarps verwiesen hat. ist es sehr wahrscheinlich, da& Aniket schon
153 Bischof geworden ist. Erbes kombiniert nämlich die Angabe des
Epiphanius (42, I), dal^ Marcion nach dem Tode des Bischofs Hyginus
nach Rom gekommen sei, mit der Nachricht des Fihristen, er sei im
ersten Jahre des Antoninus Pius aufgetreten. Dieselbe Kombination
hatte vor ihm bereits Harnack (ChronoL S. 3,08) vorgenommen und dar-
aus die Konsequenz für Marcion gezogen. Aber er hatte dabei über-
selien, daß er sich dadurch in Widerspruch mit seiner Datierung der
römischen Bischöfe setzte. Denn das Ende der Regiemngszeit Hygins
Fallt nach ihm in das Jahr 140 (S. 158), Ist aber jene Kombination
richtig, so kajin Hygin nicht nach 13S gestorben sein. In dies^ Jahr
setzt aber auch die Chronik des Eusebius seinen Tod. Da sein Nach-
folger Pius 15 Jahr im Amt gewesen ist, so müßte demnach Aniket, der
ihm unmittelbar folgte, schon im Jahre 152 auf den bischöflichen Stuhl
gelangt sein. Wir hätten dann einen weiteren Spielraum Air die An-
Setzung der Reise Polykarps nach Rom und es stände der Annahme
daß der Besuch Florins in Smyma 154 stattgefunden habe, kein Hinder-
nis mehr im Wege.
Aber ist es denkbar, dalÜ ein hoher Hofbeamter unter Pius ader
Hadrian sich hätte erlauben dürfen, was er allenfalls unter Commodus
iS5
P. Corssen, Zur Chronologie des Ireoaeus,
in den Tagen der Marcia "wagen konnte?' Man ätelle sich vor, was es
sagen will, wenn bei einer kurzen Anwesenheit des Kaisers in einer
fremden Stadt ein vornehmer Mann des Hofes vor seinen Augen die
(Versammlung der Christen aufsuchte. Es gehörte gewiß schon etwas
dazu, daß er es wagte, ■wenn der Kaiser fem in Rom war. Aber die
Worte des Irenaeus nötigen keineswegs dazu, an eine Anwesenheit des
Hofes in Smyrna zu denken. Die Participia >a|i»rpiSc npÖTTOvra Kai
TteiptXintvov können nicht prädikativ mit ühov verbunden werden, son-
dern stehen attributiv. Sie bilden in der Sache einen wirkungsvoUen,
Gegensatz, Irenaeus hat den Florinus bei Polykarp gesehen, wo er, ein
angesehener Plofbeamter, sich um dte gute Meinung des armen Bischofs
bemühte. Harnack selbst hat eine vortreffliche Parallele zu dem Aus-
druck des Irenaeus aus Epiphanias beigebracht, wo ein Hofbcamter,
den Origenes in Jerusalem trifft, ganz älinlich bezeichnet wird ('Afjppöaöc
TIC Tiüv ftiöitpaviLiv ^v aOXaTc ßaciXiKok, 64. 3). Wir können also aus der
Angabe des Irenaeus durchaus keinen Schluß auf die Zeit machen, in
der er den Florin bei Polykarp gesehen hat.
So haben alle unsere Bemühungen, die Geburtszeit des Irenaeus zu
'bestimmen, ein negatives Resultat gehabt Es hat sich nur ganz im
allgemeinen ergeben, daß Irenaeus eher in der ersten als in der zweiten
Hälfte des Zeitraumes von 96 bis 185 geboren sein muß. Ein so spater
Ansatz wie 142 erscheint darnach ausgeschlossen. Dieses Ergebnis
wird durch die Erwägung bestätigt, daß Irenaeus der Nachfolger des tm
Jahre 177 hingerichteten Bischofs Pothinos von Lyon gewesen ist. Mit
Recht hat Zahn geltend gemacht, daß man darnach mit Rücksicht auf
den damaligen Kirchenbrauch seine Geburt spätestens in das Jahr 130
setzen dürfe (S. 28). Es laÜt aich dafür aber auch noch ein subjektives
Moment geltend machen. Wenn Irenaeus selbst für den Herrn ein
höheres Alter verlangt, damit er als Lehrer auftreten konnte (H, 22, 5),
das er in Übereinstimmung mit dem vierten Evangelium auf annähernd
50 Jahre bestimmt, so wäre das unter der Voraussetzung, daß er selbst
schon mit etwa 35 Jahren das Bischofsamt übernommen habe, psycho-
logisch unbegreiflich. Wir werden daher als sicher annehmen dürfen.
dal& Irenaeus wotll vor, nicht aber nach 13a geboren sein kann.
» Cf. treaaeus IV, 30, i: Quid autem et hi qui in rcEUli aula sunt ßdelec, nenne
ex eil •iva.K CaeEaris sunt habetit uteasilia et kis qui aoa habeot unusquüque eoruia
secundiun virtiitcm saam praestat?
^Aibgeickloucn am id. Apnl i^aj.]
E. Vischer, Die Zahl 666 Apc 13, 18. 167
Die Zahl 666 Apc 13, 18.
Von Eberhard Vlscber in BaseL
Bei der Deutxmg von Apc 13, 18, die Carl Giemen in dem zweiten
Bande dieser Zeitschrift S. 109 ff. darbietet, folgt er in der Hauptsache
dem Weg, den die große Mehrzahl der Erklärer wandelt Zwar weist
er die Annahme zurück, daß in der Zahl 666 ein hebräisches Wort ver-
steckt sei. Und ebenso scheint es ihm verkehrt, darin den Namen
Neros oder ii^end eines andern romischen Kaisers zu Bnden. Im übrigen
besteht aber auch sein Erklärungsversuch darin, einen Namen zu suchen,
dessen einzelne Buchstaben nach ihrem Zahlenwerte zusammengerechnet
die Summe 666 ergeben. Und indem er nachweist, daß die Worte
i\ iraX^ ßaaXcfa die Zahl 616 und f\ Xa-rivri ßaciXcia 666 ergeben,^ glaubt
er eine Lösung des Zahlenrätsels vorgelegt zu haben, die vor allen bis-
herigen den Vorzug verdient.
Im dritten Hefte des 3. Jahrganges S. 238 ff. wendet sich P. Corssen
gegen die von Giemen gegebene Lösung. Seines Erachtens scheitert
Clemens Vorschlag schon an der Bemerkung des Apokalyptikers, daß
die Zahl des Tieres die Zahl eines Menschen sei. Eben diese Aussage
kommt, wie ihm scheint, überall bei den Erklärern nicht zu ihrem Rechte.
Und er versucht, indem er sich den Zusammenhang der Stelle vor Augen
hält, diesem Mangel abzuhelfen. Dabei betont er, daß vor allem V. 18
nach allen Seiten soi^ältig erwogen werden müsse. Und eben weil
das zweifellos richtig ist, so möge mir gestattet sein, nochmals auf diesen
Vers zurückzukommen. Vielleicht gelingt es mir zu zeigen, daß auch
Corssen seine Schlüsse unter Voraussetzungen zieht, deren Richtigkeit
zum mindesten zweifelhaft ist
Zunächst ein Wort über die Ursprünglichkeit dieses Verses. Gunkel
I [Herr Frank C Forter von der Yole-Univenity in New-Haven war so liebens-
würdig, mich brieflich darauf aufmerksam zu machen, daC in dem Aufsatz von Qcmen
ein Versehen unbemerkt geblieben ist Die Worte i) lrakl\ ßactXela ergeben 616 (nicht
666 wie Qemen schrieb) und i\ Xmivr\ ßaoXcia 666. E. F.]
betont (Schöpfung und Chaos S. 377 Anm. i). daß die Zahl der Nat
der Sache nach nicht rum eigentlichen Grundstock der Tradition gehör
Das gehe Überdies auch daraus hervor, daß sich die Notiz an dt
Schlüsse des ganzen Kapitels und nicht hinter der Schilderung des ersten'
Tieres bcfiode.
In der Tat ist das Tier, von dessen Zahl V. 18 spricht, zweifellos
das erste der beiden beschriebenen Tiere. Mit Vers 11 beginnt jedoch
die Scliildorung des zweiten Tieres. Nun ist aber in dieser Schildening
fortwährend von dem ersten Tiere die Rede, in dessen Dienste das
zweite handelt. V. 16 und 17 erzählen, daß sich große und kleine iinte
dem Einflüsse des zweiten Tieres mit dem Namen des (ersten) Tieresl
oder der Zahl seines Namens bezeichnen. Und die Notiz, die V. 1$'
bringt, ist eine Ergänzung des unmittelbar Vorhei^ehendeo, konnte somit,
ob sie ursprünglich zu dem übrigen Stoffe gehorte oder nicht, nirgend
anders gebracht werden als gerade an dieser Stelle,
Die Stellung der Notiz berechtigt somit noch nicht zu dem Schlusses'
daß sie nicht z\i dem eigentlichen Grundstock der Tradition, die in c. 13
enthalten ist, gehöre. Viel eher die folgenden Worte ili&t i\ co(pia icüVt
die sie einleiten.
Über ihren Sinn herrscht bei den Exegeten Uneinigkeit. An un<!
Hir sich kann Jibe ebenso gut auf das gerade Gesagte wie auf das, wa»]
folgt, hinweisen. Die Worte u>be f\ cotpict icTiv können sowohl bedeutentl
liier ist die Weisheit am Platze, hier ist der Ort, wo sich die Weisheit
zeigt, als auch: folgendermaßen ist die Weisheit d.h. das, was folgt, ist.
was die Weisheit zu dem eben Gesagten hinzuiurügen hat Da jedoch
an zwei andern Stellen, wo wir dem Worte in itnserm Buche als Ein-
leitung einer Bemerkung begegnen, w&€ nur als Hinweis auf das Vorher-
gehende verstanden werden kacm (13,10 und 14.12), so wird man es
hier und 17, 9 ebenso ru verstehen haben. Nun ist aber beachtenswert,
daß sich bei jeder der übrigen drei mit d&e eingeleiteten Stellen aus
verschiedenen Gründen die Frage aufdrangt, ob wir nicht Erklärungen
vor uns haben, die erst später in den Zusammentiang eingefügt worden
sind. Man wird deshalb auch an unserer Stelle diese Frage aufwerfen
dürfen.
Doch lassen wir für jetzt diese Frage beiseite und bemühen uns,
den Snn der mit diesen Worten eingeleiteten Bemerkung za ^-eistchen-
Mit dufte f| copfa ^criv wird der Leser darauf aufmerksam gemacht,
daü in dem eben Gesagten eine Aufforderung an die Weisheit liegt.
Das wird mit den folgenden Worten noch näher erläutcrL 6 Ix^tv voOv
E. Vischer, Die Zahl 666 Apc 13, i8. 169
— und zwar, wie wir nach 17, 9 ergänzen müssen: töv voOv töv £x°VTa
coqiiav — ()iii<picäTui t6v öpiOMÖv toO diiptou. Das versteht man ge-
wöhnlich so: wer Verstand ha^ suche den Namen zu erraten, der in
der Zahl verborgen ist So sagt Bousset in seinem Kommentar (1896
S. 428): ,Der Apokalyptiker spricht ganz bestimmt die Meinung aus,
daß der Name sich von dem, der Verstand hat, errechnen läßt'.
Ich weiß nicht, ob diese Meinung wirklich so ganz bestimmt in
diesen Worten ausgesprochen ist. Sieht man genau zu, so steht nichts
von einem Errechnen des Namens, sondern es ist von einem Berechnen
der Zahl die Rede. Und es fragt sich, ob nicht die Aufforderung auch
dann, wenn wir sie wörtlich nehmen, einen guten Sinn hat, V. 17 war von
dem Namen des Tieres und der Zahl seines Namens die Rede, ohne
daß Name oder Zahl genannt worden wäre. Nun Fährt der Apokalyp-
tiker — sei's nun der, welcher die vorbeigehenden Worte geschrieben
hat, sei's ein anderer — fort: Hier ist Gelegenheit für die .Weisheit', sich
zu betätigen. Wer den Verstand hat, der die ,Weisheit' besitzt, soll die
Zahl berechnen. Und das folgende gibt den Grund an, warum er es
tun soll: dpi6/iöc T^p ävSptlinou ^ct(v. Wir können die Streitfrage,
welche Bedeutung den Worten dpiöfiöc ävSpiforrou zukommt, hier un-
entschieden lassen. Zweifellos will der begründende Satz sagen, dafi
das Wissen dieser Zahl für den Leser von Bedeutung seL Und der
Grund ist wohl, wie man von jeher angenommen hat, der, dail diese
Zahl des Tiernamens auch die 2^abl eines Namens sein wird, dessen
Träger in Bälde erscheinen wird.
Soweit hegt also kein Grund vor, den wörtlichen Sinn der Auf-
fordenmg als unmöglich abzulehnen. Vielleicht nötigt aber der folgende
Vers dazu.
Corssen übersetzt zunächst richtig: ,Wer Verstand hat, berechne die
Zahl des Tieres'. Er meint dann aber, wenn der Apokalyptiker die Zahl,
die auch der Verständigste so nicht hätte finden können, selber gebe,
so folge, daß die Klugheit, die verlangt werde, darin bestehe, aus dem
Zablenwerte des Tiemamens den Namen eines Menschen von demselben
Zahlenwerte abzuleiten. Lassen wir vorerst einmal die Bemerkung bei-
seite, daß die Zahl ,auch der Veiständigste so nicht hätte finden können',
so kann ein Doppeltes gegen Corssens Schluß angeführt werden. Zu-
nächst das eine, daß der Apokalyptiker bei Corssens Deutung ohne
Grund etwas Anderes sagt, als er wirklich meint Wemi der Apokalyp-
tiker eigentiich sagen will: ,hier ist für die Weisheit die Aufgabe, aus
der (übrigens, wie wohl zu beachten ist, noch gar nicht genannten) Zahl
ZüueIu. L d. acnteib Will. Jahif. IT. 19OJ. II
I?0
E, Vischer, Die ZaU 66& Apc 13, iS.
des Tieres den Namen eines Menschen von demselben Zalilenwerte ab-
zuleiten', warum sagt er das nicht? Warum sagt er statt dessen: .hier
ist für die Weisheit die Aufgabe, die Zahl lu bcreclmen"? Zweitens finden
wir 17, 9 g'anz denselben Vorgang wie hier, zunächst eine Aufforderung
an die Weisheit, sich zu betätigen, und dann eine Antwort aus dem
Munde des Apolcalyptikers selbst. Nun bleibt ja freilich dort wie Iiief
für den Leser die Aufgabe übrig, an Hand der gegebenen Antwort
bestimmte geschichtliche Grossen, wenn sie erscheinen, sofort in ihrer
eschatologischcn Bedeutung zu erkennen. Und so könnte ja das ijiricpiciiTuj
eine Aufforderung sein, diese weitere Aufgabe zu lösen. Aber es ist
doch vor allem die Voraussetzung, daß die Bereclinung der Zalil eine
unmögüche Forderung sei, die Corssen veranlagt, den nächstliegenden
Sinn des Wortes abzuweisen.
AVenn der Apükalyptik^r sagt: weT Verstand hat, berechne die Zahl
des Tieres, so ist das so ausgesprochen eine unmögliche Forderung.
Denn diese Berechnung kann ja ohne Kenntnis des Namens gar nicht
ausgeführt werden'.
In diesen Worten spricht sich eine Voraussetzung aus, die fast alle
Erklärungen unserer Stelle beherrschL Und in der Tat kann manches
angeführt werden, das sie als begründet erscheinen läßt. Dennoch auch
einiges dagegen. Und es mag vielleicht zum bessern Verständnis des
viel behandelten Verses dienen, wenn es mit aller Behutsamkeit vor-
gebracht wird.
Wix sehen zweifellos, dal^ zuweilen Zahlen, aus deren Große man
Schlüsse zieht, in der von Corssen aufs neue angenommenen Weise
gefunden werden. So wird, um an ein bekanntes Beispiel zu erinnern,
Sibyll. Vni, 148 ff. Rom prophezeit, daß es nach einer Dauer von
948 Jahren zu Grunde gehen werde. Mit dieser Zahl erreicht Rom den
Ziffemwert seines eigenen Namens. Und offenbar beruht darauf der
Glaube, daß nach dem genannten Zeitraum das Ende der Stadt ge-
■kommen sein werde.
Andererseits kann aber kein Zweifel darüber bestehen, daß nicht
selten eine Zahl aus irgend einem Grunde als Zahl an sich bedeutsam
erschien, und daß der Name, auf den die Zahl zu weisen sclilen, erst
nachträglich gefunden wurde. So war es gewiß kein Zufall, werm der
Name Abraxas den Zahlenwert 365 hat Jedenfalls wurde dieses Er-
gebnis als überaus bedeutsam angesehen. Und eben weil die Zahl als
die Summe der Tage eines Sonnenjabres an sich von Bedeutung war,
so wurde dem Namen Mithras gewaltsam eine Form gegeben, bei det
E. Vischer, Die Zahl 666 Apc 13, 18. 171
sich dieselbe Zahl als Ziffemwert der Buchstaben ergab. Hieronyraus,
Conunent. in Arnos c. 3, V. 9 u. 10 ut Basilides, qui omnipotentem
Deum portentoso nomine appellat 'Aßpa£ac, et eundem secundum Graecas
literas, et anntu cursus numerum äicit in soUs circulo contineri, quem
ethnici sub eodem numero aliarum literarum vocant MefOpav.
Wie sehr auch die Zahl 888, die der Name Jesus et^ibt, schon als
Zahl an sich bedeutsam erschien und nicht bloß deshalb, weil sie mit
dem Zahlenwerte dieses Namens identisch war, zeigt die Polemik, die
Irenäus II 24 gegen die Valentinianer führt, und sein Versuch, nachzu-
weisen, daß in Wirklichkeit der Zitfemwert dieses Namens gar nicht mit
dieser Zahl zusammentreffe.
Und selbst das oben zitierte Orakel der Sibylle, das aus dem Zahlen-
werte des Wortes 'Pifajin das Ende Roms ableitete, scheint nur die Um-
wandlung einer altem Weissagung zu sein, die wegen des 3 mal 3 der
Zahl 900 eine verhängnisvolle Bedeutung zuschrieb. Dio Cass. 62, 18:
Tpic bk TpiHKOcCujv TTepiTcXXoMävwv ^viauTuiv 'Piufiatuiv £;i<puXoc öXet
cxdcic.
Schon in Anbetracht alles dessen muÜ die Behauptung Corssens,
daß die Berechnung der Zahl ohne Kenntnis des Namens gar nicht aus-
geführt werden konnte, zum wenigsten als zu bestimmt erscheinen. Und
wenn wir nun die an unserer Stelle genannte Zahl selber ins Auge
fassen, so erscheint es im Gegenteil als wahrscheinlicher, daß die Zahl
nicht durch die Umwandlung eines Namens in Ziffern sondern auf
anderem Wege gefunden wurde. Wollen wir nicht einen wunderbaren
Zufall annehmen, wie er allerdings bei dem Namen Jesus vorliegt, so
müssen wir vielmehr aus der dreimal wiederkehrenden 6 schließen, daß
der Mann, der sich die .Weisheit' zutraute, der in V. 18 gegebenen
Auflbrderung zu folgen, wirklich die Zahl herausgerechnet und nicht
einen bekannten Namen in eine Zahl verwandelt hat
Auch Giemen spricht zweimal (S. 112) von der MögUchkeit, daß
eine solche gleichförmige Zahl wie 666 herauskonmien sollte. Er geht
aber nicht weiter auf die Frage ein, warum, und zieht diese Möglichkeit
nur soweit in Betracht, als dadurch erklärt werden könnte, warum der
Name, dessen Zahlenwert die gleichförmige Zahl ergab, in defektiver
Form der Berechnung zu Grunde gelegt worden wäre.
Ebenso scheint Corssen die Größe der Zahl bedeutungsvoll zu sein.
Nur schließt er auch hier wieder unter seiner Voraussetzung viel zu
rasch, wenn er sagt: 4)aß aber der Name des Tieres, der dem Apo-
kalyptiker vorschwebt, aus dem Babylonischen und nicht dem Griechischen
II*
»72
staffimt, dafür spricht doch auch wohl, was Gunkel, ich weiü nicht aus
welchem Grunde, nicht geltend gemacht hat, die Zahl 666 selbst'. Die
Größe der Zahl beweist zunächst nur. dat bei ihrer Bildung Vorstell ung'en
wirksam waren, deren allerletzte Wurzel in Babylonien gesucht werden
kann. Daß aber der Apokalyptiker die Zahl in einem Namen empfangen
oder aus einem Namen gewonnen habe, dürfte nur dann als sicher an-
genommen werden, wenn sich keine andere Möglichkeit denken LeÜc.
Dies ist aber nicht der Fall.
Es ist mir immer aufs neue verwunderlich, daß die Erklärer, die
sich um das Verständnis unserer Stelle bemühen, mit solcher Geschwin-
digkeit an den Bemerkungen vorübergehen, die Irenäus zu unserer Stelle
imacht Er fugt bekanntlich V 28. 2, wo er unsere Verse zitiert der
Zahl 666 bei: in recapitulatJonem, univergae apostasiae ejus, quae facta
est in sex millibus annonim, und er sagt zur weitem Erklärung; was
Gen 2, 1 erzählt werde, sei ebenso Erzählung des einst Geschehenen:
wie auch Weissagung des Zukünftigen. Die Welt werde nach ebenso
vielen Jahrtausenden zum Ende kommen, als ihre Schöpfung Tage in
Anspruch nahm. Denn wenn ein Tag des Herrn wie tausend, in 6 Tagen
aber die gan2e Schöpfung vollendet worden sei, so leuchte ein, daß das
Ende der Welt das sechstausendste Jahr sei. In C. 29 betont er dann
noch einmal, die Namenszahl des Tieres entspreche der Tatsache, daß
in dem Tiere alle Ungerechtigkeit und aller Betrug zusammengefaßt sei.
und weist darauf hin, daß Noah 600 Jahre alt war, als die Sintflut kann,
und die Bildsäule, die Nebukadnezar errichtete, 60 Ellen hoch und
6 breit war. Und 30, i rekapituliert er nochmals seine Erklärung, die
er als etwas Selbstverständliches anfuhrt: die gleichmäßig festgehaltene
Zahl 6 bezeichne die Zusammenfassung alles Abfalls, sowohl dessen in
der Anfangszeit, wie dessen in den mittleren Zeiten und dessen., der am
Ende sein werde.
Selbst Th. Zahn (Zeitschrift für ktrchl. Wissenschaft und kirchl.
Leben 1885 S. 523 ff.) entnimmt dieser Stelle nur die Aussage, daü nach
der Johannesschüler Ansicht 666 und nicht 616 zu lesen sei und der zu
suchende Name ein griechischer sein müsse. Im übrigen aber betont
er, dati Irenäus hier eine theologische Deutung gebe, die er zwar mit
großer Zuversicht, ober ohne jede Berufung auf eine ältere Autorität
vortrage. Und damit scheint sie für ihn erledigt zu sein,
Ich wage nun nicht, mit Bestimmtheit zu behaupten, daß Irenäus
genau die Motive nennt, die auch den Apokalyptiker bewogen haben.
666 als Zahl des Tieres kundzutun. Immerhin sprechen meines Erachtens
•
E. Vischer, Die Zahl 666 Apc 13, 18. 173
folgende Gründe dafiir, Ireoaus' Auflassung mehr zu beachten, als üblich
ist, und darin eine Erklärung der Zahl zu sehen, die vor allen bisher
geäußerten immer noch den Vorzug verdient.
Zuerst das: Unmittelbar nachher nennt Irenäus den Grund, warum
der Stamm Dan Apc 7 nicht genannt werde, und seine Erklärung gibt
einen trefflichen Beweis dafür, daß ihm die apokalyptische Tradition
und Denkungsweise noch geläußg ist
Nicht minder wichtig ist aber, daß mit seiner Betrachtung über die
Zahl die Bedeutung, welche die Zahlen und besonders die Sechszahl in
der Apokalypse selber haben, im besten Einklang steht Was 20, 1 ff.
erzählt wird, beruht auf der Erwartung, daÜ nach Vollendung des
6000jährigen Weltlaufes die Herrschaft der gottfeindlichen Macht zu
Ende sein und das Reich Gtottes anbrechen werde. Und wenn beim
Klange der siebenten Posaime ii,i5ff. der Ruf ertönt: ^y^vcto ^ ßaaXda
ToO KÖCfiou ToO KUpfou ^^iiJLiv ktX. luid die Ältesten Gott danken: öti
eTXiTpac t^v fcuvajifv cou ktX., so treffen wir auch hier wieder die Er-
wartung, daß nach Vollendung der 6 mit Anbruch der 7 das Reich der
Weltmacht zu Ende sein werde.
Daß wirklich die Zahl nicht einfach durch die Umwandlung eines
Namens in Züfem entstanden ist, sondern auf Grund von Erwägungen,
wie sie Irenäus mitteilt, dafür spricht endlich neben der Größe der Zahl
der ganze Charakter des Buches. Mit Recht betont Corssen aufs neue,
,daß der Apokalyptiker nicht mit willkürlichen Phantasien die Zeit-
geschichte allegorisier^ sondern daß er mit überlieferten Vorstellungen
arbeitet', S. 341. Die gewöhnliche Erklärung des Verses, nach der die
Zahl die Verkleidung eines Namens ist, die Verfasser und Leser kennen,
gehört nun aber eben dieser Aufl'assung des Buches an, gegen die sich
Corssen wendet. Der Apokalyptiker ist nicht ein Rätselschreiber, der,
was er seinen Lesern zu sagen hat, aus irgend einem Grunde hinter eine
Zahl versteckt, sondern ein Mann, der Aufschluß über die Zukunft geben
will. Er teilt Prophezeiungen mit, an die er selber glaubt. Und er
glaubt daran, weil er alte ehrwürdige Traditionen wiedergiebt, und weil
sich ihm auch das, was an seinen Prophezeiungen scheinbar neu ist, durch
Kombination und Folgerung aus den alten Weissagungen eichen hat
Auf diesem Wege gelangte er zu den Weissagungen von den zwei
Zeugen, der letzten halben Jahrwoche, den Tieren, den 7 Häuptern, den
10 Hörnern u. s. w. Er hat alle diese Großen nicht erfunden, wohl
aber gruppiert und kombiniert und so ihnen einen neuen, fiir seine 2^it
bedeutsamen Sinn abzugewinnen versucht
1^4 £• Vischer, Die Zahl 666 Apc 13, 18.
Und zu diesem so gewonnenen und verwerteten Matcriale gehört
ohne Zwdfel auch die Zahl 666.
Die Verwertung der Prophezeiungen, die der Apokalyptürer mitteilt,
bestand nun darin, da& man in den mannigfachen Gestalten und Vor-
gängen und Zeichen Erscheinungen der immer mehr zur G^enwart
werdenden Zukunft erkannte. Wie weit sich der Mann, dessen Hand
wir die Weissagungen in ihrer vorliegenden Gestalt verdanken, selbst an
dieser Deutung versucht hat, ist schwer zu sagen.
Durch Irenäus erfahren wir, daß zu seiner Zeit alle möglichen Namen
auf ihre Übereinstiniraung mit der Zfihl 666 geprüft wurden, ja da& man
in gewissen Kreisen 616 zu lesen geneigt war, weil sich so Überein-
stimmung mit einem vermuteten Namen ergab. Diese Versuche, Namen
zu finden, auf die die 2^hl paßte, werden schon früh begonnen haben.
Und es ist nicht unmöglich, daß der Mann, der zuerst die Zahl in den
Zusammenhang fugte, selber sofort nach einem Namen gesucht hat, der
die Bedingung erfiillte. Ja es ist möglich, daß sich Spuren einer Deutung
auf eine bestimmte Person, etwa auf Nero, im Buche selber nachweisen
lassen. Bis jetzt ist dieser Nachweis freilich noch nicht vollkoinmai
gelungen. Und vor allem nicht der, daß derartige Spuren einer Deutui^
nicht erst nachträglich eingetragen worden sind.
Aber selbst wenn der Nachweis gelänge, ist es m. E. verkehrt^ die
Lösung des Rätsels darin zu sehen, daß man ein Wort sucht und findet,
dessen Zahlenwert — 666 ist Und zwar nicht blos deshalb, weil ach,
wie schon Irenäus sagt, mit Leichtigkeit viele Namen finden lassen, die
diese Bedingung erfüllen, Übereinstimmung der Zahlen also absolut kein
Beweis der richtigen Lösung ist, sondern vor allem deshalb, weil es zum
Wesen dieser wie der übrigen Prophezeiungen unseres Buches gehört,
daß ganz entgegengesetzte Lösungen köimen gefunden werden.
[Abgeichtoiun am 15. April igo].]
Eb. Nestle, Eine lateinische Evangelienhandschrift des X. Jahrhunderts. 175
Miscellen.
Eine lateinische Evangelienhandschrift des X. Jahrhunderts.
Eine lateinische Evangelienhandschrift, (Be g^enwärtig der Buch-
händler H. Kerler in Ulm zum Verkauf ausbietet^ ist von ihrem früheren
Besitzer dem X. Jahrhundert zugewiesen. Ah dieser Altersbestimmung
zu zweifeln, hat der Unterzeichnete keinen Grund. Evangelienhand-
schriften dieses Alters kommen höchst selten zum Verkauf.
Die vorhegende ist wundervoll ausgestattet und mit Ausnahme der
nachstehend veizeichneten Lücken vorzügUch erhalten.
1. Im Eingang fehlen einige Blätter, welche wahrscheinlich den Brief
des Eusebius an Carpian enthielten; auf dem letzten fehlenden Blatt stand
allem nach eine prächt^e Miniatur, und auf der Rücksäte sicher die
erste Seite der Canonestafeln.
Die übrigen Canonestafeln BL i — 6 sind vollständig (von Canon I
Mt CCLXXXm - Joh 6, 3 an).
2. BL 7' ohne Überschrift Sciendum tarnen — W[ordsworth-]W[hite] 5 '.
3. Auf derselben Seite Prologus quatuor evangeUorum, beginnend
Flures fuisse -= W-W p. 11 ff. Leider fehlen zwischen Bl. 7 u. 8 wieder
dnige (2) Blätter (von ser[mone 12, 6 bis erat] et 14, 5/6). (Von 10 Hdss.
in W-W hat die Lesart viris statt vivis nur K mit unserer Hds. ge-
meinsam).
4. BL 8' Argumentum, beg. Matheus ex Judea -= W-W 15—17.
5. BL 8' Capitula, beg. Nativitas — W-W 19, Sp. 3 aus 7 Hdss.; in
unserer Hds. mehrere bei W-W nicht bezeugte Lesarten.
6. BL 10» Prefacio Hieronimi Prespiteri: Beatissimo Papae Damaso,
mit schöner Initiale — > W-W i.
Der Schluß von in quarto tres (W-W 3, 3i) mit einem jetzt zwischen
10 u. II fehlenden Blatt weggeschnitten, auf dessen Rückseite wahr-
t Die Leurt Urnen htt bei W-W nnr cod. K; ftbei uidere Hd»., die tie haben.
■. neustens Berger*! memoire posthome (Acad. de> lotci. XI, a. 1903 S. 54).
176 Eb- N eitle. Eine lateiniscbe Evangdienhandschrift Aea X. Jahrhinidcra .
scJicinlich wieder eine große Miniatur war. Als Überschrift hatte die
Rückseite den Anfang eines Hexameters, dessen Schluß TRAMITE
MORES auf Bl. 11" über dem vmndervoll verschlungenen Liber gene-
rationis steht; die letzten Buchstaben TV können auf dem kleinen Bruch-
stück der Rückseite noch gelesen werden.
7. Bl. 11' Die ganze Vorderseite ist durch die auf Purpur
in Goldumrahmung ausgeführte VerschdÖrkelußg Liber gene-
rationis aufgefüllt.
Der Text des Ev Matthäi ist voJlständig. Am Rand von
BL 17 ist ein Stück Pergament sorgfältig ausgeschnitten, das auf dem
Verso die Signatur I. vielleicht auch sonst einen Eintrag gehabt haben
wird. Es !ä&t sich wenigstens sonst kein Grund denken, warum das
Stitck weggeschnitten worden sein sollte.
Die ganz oder teilweis noch erhaltenen Signaturen sind stets auf
der Kehrseite des Blattes. (Bei der Paginterung ist von 180 auf 182
übcrgcspningcTi; die Handschrift hat also in Wirklichkeit nur igS Blatter).
8. Bl. 60" Prefacio zu Mc = W-W 171.
9. Bl. Ol" Capitula — W-W 174 ff, Sp. 2. Bei W-W nur aus 4 Hdss.
Der Schluß der Capitula (bei W-W 1S6. XUI) und der Anfang des
Mc bis I, II de) caclis ist zwischen Bl. 62/3 ausgeschnitten (i BL). Die
Canones^alUen am Schlüsse des Marcus stimmen zu K in der von W-W
S, 188 mitgeteilten TabeSle,
10. Bt. 95' Praefatio zu Lukas: Lucas Syrus Adtiocensis = W-W269^
U, Bl. 90* [Capitula] = W-W 274 ff. 2 Sp,, die für diesen Text
nur cod. C u. die Druckausgabe des Thomasius zur Verfugung hatten.
Bl, lor weiß; hierauf i Bl. weggeschnitten mit BL i, i — 10
orans] fui.
Auf Bl. 102' schrieb eine ungeübte Hand im Jahre 1794 die für die
Lokalisierung der Hds. wichtigen, aber mir noch rätselhaften Worte::
Anno 1794 den 5 octobris seynt die Frajicosen in Dansweiler ge-
kommen und haben alles geblüntert.
Auf der vorhergehenden weißen Seite wiederholte sie dies niüt der
Erweiterung;
Anno 1794 den 5 octobris se)md die Francoscn in Dansweücr
kommen und haben alles geblündert, und den 7. octobris seind 1 1 rege-
menter reuter und draoner in den Walt pj gekommen und den za octo-
bris auügcEogen und in die Kanlenierung gelegt worden auffs hintere
■ Oluic nUione e. Berg« L c {>. jS.
Eb. Nestle, Eine lateinische Evangelieohandschrift des X. Jahrhuoderts. 177
Manschen (?) gegen Bolheim Pommeler (?) Buschbell hüchlen sprechen
Bachum gleuel.^
12. Bl. 156' Prologus zu Joh « W-W 485.
13. Bl. 157' Breviar. Evang. sec. Joh — W-W 4936". mittlere Spalte.
Durch Wegschneiden eines Blattes fehlt der Schluß von X ab (W-W 402
et [quod multi. Dagegen ist der Text des vierten Evangeliums voll-
ständig, mit einem über die ganze erste Seite berunterreichenden J.
Über dem Text in Rot der Schluß eines Hexameters
Verbo petit alta Johannes,
dessen Anfang auf dem ausgeschnittenen Blatt gestanden haben muß.
14. Bl. 19S u. 199 Capitulare Evangeliorum per circulum anni. Be-
ginnend mit der Vigilia nativitatis und reichend bis Samstag der vierten
Woche nach Theophania. Die aufgeführten Heiligentage sind 14. Jan.
s. Felicis in ptneis, 16. Marcelli mart. 18. scae Friscae [20 2^ahl weg-
gerissen] Sebastiani und Fabiani, 2i. Agnetis de Passione, 22. Vincentü
Ein Schluß auf die Heimat der Hds. laßt sich wohl aus diesen Daten
nicht ziehen.
Schon das Mitgeteilte zeigt, daß die Hds. hohen Wert hat und
eine vollständige Kollation verdient. Dies bestätigt eine Verglei-
chung, die ich zum Teil angestellt habe. Die Handschrift bietet Les-
arten, die bei W-W noch gar nicht vertreten sind, z. B. in
Mt I, 6. 7, die Schreibung Salemon zweimal; und daß das kein gewöhn-
licher Schreibfehler, zeigt 6, 2ft wo der Schreiber zuerst Salomon ge-
schrieben hatte, dann das erste o durch untersetzten Funkt tilgte und
e darüber schrieb. V. 17 post transmigrationem 18 mater Jesu; v. 19
cm: vir eius (von erster Hand); 2, loomnis enim arbor; 3, 130m Jesus
5, 48 ei^o et vos; 7, 11 cum vos.
Eine andre Reihe Lesarten, die bei W-W nur von einer ein-
zigen Hds. bezeugt sind, werden durch die unsrige vertreten: 5, 18 die
Weglassung von quippe, 7, 29 von eos; beides bei W-W nurR; 9, 30 eis
statt Ulis bei W-W nur ER; i<^ 11 autem bei W-W nur HGW; 9, 13
der Zusatz in paenitentiam bei W-W gar nicht, nur ad paen. bei H6Q.
Ein merkwürdiges, sehr lehrreiches Mißgeschick ist dem
Schreiber in dem Geschlechtsregister Lc 3 begegnet. Hier folgen bei
I Die letzten Worte dietei Eintragt sind guu unklar; anch die mit (?) venelienen
sind nicht gint sicher En lesen. Im Gemeinden erseichnis des deutschen Reichs giht es
kein ,4}«nsweiler" nnd nur ein „Bolheim" bei Heidenheim in Württembei^. Du kann
aber nicht gemeint sein, da im Oktober 1794 nach Martens' Württembergischer Kriegs-
geschichte dort keine Franzosen varen. Ob an „Densweiler" bei Bergsabem und „Bell-
heim" bei Gennexsbeim zn denken ist?
lestle, Kine Isteinische E van g elienhasdscMm d« X. JahrbuiKleirtSL
ihm auf die Namen v. 23 — 2Ö Heli bis loseth (so nur zwei Hdss, bei
W-W) die Namen 2g — 31 Levi bis Matthata, dann in der zweiten Spalte
26 — 39 loda bis Ma'that (so) und 33 — 35 ludae bis Falech; auf BL 109
geht es in der ersten Spalte weiter von 31 Nathan bis 33 Phares, Cainaj»,
Enos, in der zweiten Spalte von 35 Eber bis Dei. Daraus er]^bt sich,
wenn wir von der Versetzung der Namen Cainan Enos absehen, daD
der Schreiber eine Vorlage hatte, die in zwei Spalten geschrieben auf
der ersten Seite in der ersten Spalte mit loseth, in der zweiten mit
Matthat schloß, auf der zweiten Seite mit Levi und ludae begann. Statt
nun von der ersten Spalte der ersten Seite zu ihrer zweiten überzugehen,
ging er in der ersten Spalte der nächsten Seite weiter und brachte da-
f durch die gatxzt Liste in Verwirrung. Da die Zalil der vor dem X, Jahr-
hundert geschriebenen und noch erhaltenen EvangeUenhandschriften
nicht zu groß ist, wäre es hübscli, wenn auf diese einfache Weise die
Vorlage unserer Handschrift noch nachgewiesen werden könnte; ebenso
die etwaige Abstammung anderer Handschriften von unserem Kodex.
Welche Wichtigkeit sie für die Textkritik hat, möge noch
ein Beispiel aus dem Prolog zu Johannes zeigen. Hier scheiden sich
die Hdss. bei W-W in zwei Klassen; die wenigeren aber besseren {sechs
an der Zahl) haben einen Satz» der in den 13 anderen und den Druck-
ausgaben fehlt. Er fehlt auch in unserer Hds., ist aber von gleich-
zeitiger Hand am Rande nachgetragen, und zwar mit der Lesart demon-
strat, die nur cod E bei W-W hat; auch schrieb der Schreiber ursprung-
hch apta statt acta. In 487, 4 teilt unsre Hds. die Umstellung a nobis
per sing, nur mit I, V. 5 coUocatio nur mit JQ; 48Ö, 2 ist fehlerhaftes in-
uitatis ihr eigentümlich. Man sieht, sie geht mit keiner der durch W-W
bekannt gewordenen Handschriften oder Klassen, verdient also um so
mehr vollständige Vergleichimg, die bei ihrer schönen Schrift und guten
Erhaltung das reinste Vergnügen wäre.
Über den künstlerischen Wert der Ausschmückung steht mir kein
Urteil zu. Sehr hübsch ist wie Bl. 4' durch Einfügung einer Mittelsaule
aus den drei Bogenhallen für die Kanones vier gemacht wurden. Sehr
mannigfaltig sind die Kapitelle; Bl. i. 2 Bluraenomamente, 2. 3 Menschen-
köpfe, 3. 4 Vögel u. s, w. Interessant daÜ die Kanoneszahlen bis zum
achten in Gruppen von vier, von da ab in solclie von fünf Zahlen ge-
ordnet sind.
Über ihre Heimat kann der Unterzeichnete nichts sagen. Ilire
praclitigc Ausschmückung beweist, daQ sie für eine reiche Kirche oder
Persönlichkeit hergestellt worden sein muü. Jetzt steckt die Handschrift
D. G. Linder, Zur Salbung Jesu in Bethanien. 179
in einem Holzband des XV. (?) Jahrhunderts. Der frühere Besitzer hat
für sie eine schöne Kapsel machen lassen.
Maulbrotui, Juli 1902.
Eb. Nestle.
Zur Salbung Jesu in Bethanien.
I.
Gewiß hat Dr. £. Freuschen Recht, wenn er (Heft UI, 1902 dieser
Zeitschrift pag. 252 u. 353) postuliert, daß die Salbung zur Trauerfeier-
lichkeit gehöre. Aber die angeführte Parallele in der Cena des Trimalchio
kann ich nicht als solche gelten lassen, da es sich ja in der Cena um
eine Salbung, die an den Gästen vollzogen wird, handelt, während in den
vier Evangelien eine Salbung des Leibes des bald sterbenden Jesus er-
zählt und diese Salbung auf das künftige Begräbnis gedeutet wird. Es
kann also nicht in dem Sinne der Cena von einer Beziehung der evan-
gelischen Erzählung auf den römischen Brauch die Rede sein.
Mir ist bei den Johannesforschungen und anläßlich der Lektüre von
Hasenclever: ,X>ei altchristliche Gräberschmuck" ein andrer, auch heid-
nischer Brauch aufgefallen, weil er geeignet ist, die evangelische Er-
zählung von der Salbung Jesu und von der Deutung, die Jesus dieser
Salbung gibt, zu beleuchten. Es ist dies die Verwendung der Xi^kuSoi.
Über dieselben sagt Hasenclever da, wo er vom Begräbniswesen der
Griechen redet, folgendes:
pag. 2/. „Die Leiche stellte man vor der Bestattung öffentlich aus
und umgab sie mit jenen Salbflaschen (Xi^kuSoi), welche auch oft in den
Gräbern aufgestellt werden. (Cf. Benndorf: Griechische und Sicilische
Vasenbilder Taf. 14 ff-)".
pag. 28. „So zeigen auch die betreffenden Denkmäler meist die
Darbringung von Kränzen, Tänien und Salbgefäßen".
pag. 31. JFür die Ausstattung des Grabes direkt angefertigt wurden
augenscheinlich nur die allerdings sehr häufigen Xyjicufloi, welche schon
bei der Ausstellung des Toten ihm zur Seite standen. Benndorf hat
überzeugend nachgewiesen, wie gerade die weißen, mit leichter bunter
Bemalung versehenen Lekythoi diesem Zwecke dienten, denn ihre Bilder
zeigen meist Szenen stiller Trauer und eines poetischen Kultus an den
Gräbern".
]8o
O. G. Linder. Zur S^bUDg Jesu in Bcthaniea.
p. 31. „Da die Mehreahl dieser Lekythoi mit zerbrochenem Boden
aufgefunden wurde, so hat man ntit Recht geschlossen, dal^ aus dieses
Gefalicn, welche bei der Prgtlieais Salben und Wohlgerüche eathieltea.
in das Grab selbst solche Stoffe gespendet wurden, worauf man die Gc-
fa£le terbracli, da überhaupt nichts, was bei der Totenfeier gedient Ei3,tte.
von den Lebenden weiter gebraucht werden durfte. Nach Stackeiberg
(Gräber der Hellenen, S. 37) rührt das Zerbrocheosein vieler Lekj'thoi
daher, dall sie auf den ScheiterEiaufen gestellt und mit verbrannt wurden,
wovon noch Anzeichen vorhanden sein sollen. Dies mag in einzelnen
Fällen sein, aber es ßnden sich solche Reste von LekyÜioi auch massen-
weise in Gräbern, in welchen unsweifelhaft unverbrannte Leichname bei-
gesetzt waren".
pag. 32. „Wie innig die erwähnten Lekythoi mit dem Gräberk
in Verbindung standen, zeigt der Umstand, dall ihre Form oft fiirGral^'
steine gewählt wurde".
Dieser Brauch, SalbgeCäüe bei der Ausstellung der Leiche auEzu*
stellen und dieselben dann in 2erbrochnem Zustande beim Begräbnis
neben die Leiche zu stellen, scheint rnir nun auf die evangelische £r-
zähiung der Salbung Jesu gut anwendbar, und die Deutung „auf mein
Begräbnis", „zu salben meinen Leib auf das Begräbnis hin", die Jesusj
selbst der Salbung gibt, z,umal aber das ohne diese Voraussetzung un-
verständlich gebliebene: „Laß sie doch, daß sie Solches behalte zum
Tage meines Begräbnisses" bei Johannes palit sehr gut zu jenem griecht'
sehen Brauch der Lekythoi, bei dem man unterscheidet die Frothesis
(Ausstellung) der Leiche und das Begräbnis der Leiche.
K& ergibt sich fllr die Salbung Jesu folgender Sinn-,
Maria aerbriclit ein Salbenglas und salbt damit Jesum als einen dem
Tode Nahen, salbt gleichsam seinen Leichnam, wie zur Prothesis, behält
aber das verbrochene Glas, um es dann beim Begräbnis Jesu bei der
Leiche aufzustellen zum Zeichen, wie er geehrt worden. Darin eben
liegt der tiefe Sinn und das von Jesu so wohl verstandne innige Fülilen
der Maria bei ihrem Tun, dali sie — unter Voraussetzung der im jüdi-
schen Lande damals bekannten griechischen Sitte — Jesum als den
bald Sterbenden ehrt und auch zum Begräbnis noch ehren will. —
Gerade das Johannesevangelium hat den Sinn der Salbung am treuesten
bewahrt. —
Es wäre zum bessemVerständnis wünschenswert, zuwissen, inweicher
Weise die Lek)'tltoi zerbrochen wurden, resp. wie die aufgefundnen
Lekythoi den „zerbrochnen Boden" zeigen, ob das Zerbrechen durch
D. G. Linder, Oscar Holtzmano, Zur Salbung: Jesu in Bethanien. iSt
Schlagen oder durch Drücken geschehen u. dg^. Jedenfalls mußte die
Art des Zeriirechens doch so geschehen, daß der Leib des zu Salbea-
den und auch der Salbende selbst dabd nicht veiietzt wurden. Viel-
leicht geben uns die Altertumskenner hierüber nähern Aufschluß. Wahr-
scheinlich war der Boden des GePäßes so beschaffen, daß er, wie ein
Flaschenhals, leicht zerbrochen werden konnte.
In der Annäherung der Salbung in den Evangelien an den Brauch
der Lekythoi bei den Griechen liegt meines Erachtens die Parallele, die
die von Dr. K Preuschen empfundene Schwierigkeit zu heben im
Stande ist
Lausanne. D. G. Linder.
IL
Jahrgang IS. (1902), S. 252. 253 hat der Herr Herausgeber die
jüdische Sitte der Salbung der Toten für die Zeit Jesu bezweifelt. Dazu
kann ich jetzt auf meine Schrift ,War Jesus Ekstatiker?* (Tübingen-
Leipzig' 1903) S. 106 verweisen. Leider vergaß ich hier eine Stelle der
Mischna anzuführen. Schabbat 23, 5 heißt es: 7?? nsn ^3^? '73 J^fjf
liniK V^TT^l = ,man erfüllt alle Pflichten gegen den Toten, salbt und
wäscht ihn'. Zu V?9 vergL im AT Ezech 16, 9, II Chron 28, 15, reflex.
II Sam 14, 2, Mich 6, 15, Dt 28, 40, Ruth 3, 3, Dan 10, 3. Die richtige
Körperpflege, wie sie auch dem Toten als letzte Ehre gebührt, besteht
in Waschung und Salbung Ezech 16, 9, Ruth 3, 3, Mat 6, 17. Es ist
also, ganz abgesehen von den Evangelienstellen, nicht richtig, daß ,von
einem Salben der Leichen in Israel nichts bekannt ist'.'
Gießen. Oscar Holtzmann.
m.
In Heft 3, S. 252 f. des vorigen Jahrgangs dieser Zeitschrift hat der
Herausgeber E. Preuschen, die beachtenswerte Beobachtung gemacht,
daß mit dem Ausdruck pupfcai Mk 14, 8 vermutlich auf einen römischen
Brauch Bezug genommen werde, da von einem Salben der Leichen in
' Zu dieter, dem Herrn Heransgeber ror Ansgabe von Heft I des Jahrg. IV über-
mittelten Notii füge ich jetzt (10. Man 1903) noch folgende Stellen hinza, \felche die
Zosammengeh&rigkeit von Baden und Salben auch für Au spätere Judentum erweisen:
Judit l<^ 3, Stuanna (Theodoti^ 17, Mischna : Joma 8, i, Taanith i, 4—6.
iSz K. G. Goetz, Zar SalbiBis Jen in BedanicB.
Israel xmat nichts bekannt sd; weshalb wcM Vt 26,1$ statt F"f"fp'.
irp6c TÖ ivToipidan stehe.
Gesetzt mm, dat diese Beobachbing zutreffend wäre, wie es mir
der Hauptsache nach scheinen will, so müfitc äe unbedtngt aocb (£e
angeblich von den Weibern am Ostennotgen beabsicht^te Saüjaog des
Leibes Christi treffen. Und meines Eracfatens bieten sich auch schere
Anhaltspunkte für die Erkenntnis, dafi dort ebenso die Absicfat der
Salbung des Leichnams nicht ursprünglich ist. Was nicfat ohne Wkditigiwit
sein dürfte für die Feststellung des geschicfatlichen Kernes der Auf-
erstehungsbericbte unserer Evangelien.
Auch bei der Eizahtung der Auferstehung ist es wie bei der Salbungs-
geschichte wieder allein Mk, der 16, l den Weibem die Absteht unter*
legt: ^öpocov dpiEtfurra tva ^OoCon dXcti|Niiav oOtöv. tat 28, i bericJitet
nur von der Absicht der Weiber O&upncoi töv rdqiov. Und Lk erwähnt
wohl 23, 56 ^of|iacav ^Mufutra Kcd MÜpa, sagt aber 24, 1 Uoß: ifXOov
9£poucxd & ttToitmcav dptli^oTa. Von der Absicht der Salbung steht
auch bd ihm nicht ein Wort Somit scheint es also ganz wohl m^lich,
daA Mk auch an dieser Stelle die Salbung des Leichnams aus Unkenntnis
der jüdischen Sitte oder in Anpassung an die Votstellungen sdner Leser
eingetragen hat Indessen vrird man wohl einwenden, was deim die
Weiber am Grabe mit den Spezereien hätten anderes wollen köimcn als
die Salbung der Leiche Jesu; denn dai^ sie Spezereien dorthin brachten,
dürfte nach den Berichten des Mk und Lk feststehen.
Das Nächstliegende ist zu denken, da& ^e die Spezerden in die
Leichentücher mit dem Leichnam einbinden wollten, wie es Joh ig, 40
ausdrücklich als jüdische Sitte berichtet: Kot {t)t]C(iv aÖTÖ dÖövioic (ietü
Tii>v dpuifidruiv, icaSibc £6oc Icriv rote loubaioic ivratpiättv/. Allein davon
wird bei den Synoptikern nichts gesagt. Und man sollte fast denken,
so etwas könne wohl gldch nach dem Tode geschehen, aber wegen
der schneiten Verwesung der Ldchen im Süden am dritten Tage nach
dem Tode kaum mehr beabsichtigt gewesen sein. Aber was sonst?
Wir erfahren im AT (IL Chron 16, 14, 21, 19, Jerem 34, 5, veig^
Benzinger, Hebt. ArchäoL S. 166, 163) sowohl vom Füllen der Lager-
statt des Toten mit Spezereien als vom Verbrennen von solchen zum
Totenopfer. Ist nun jenes als Absicht der Weiber am Ostermoigen der
schnell fortschreitenden Verwesung halber nicht wohl annehmbar, so ist
die Absicht der Weiber vielleicht dieses gewesen.
Für ein Totenopfer sprechen in der Tat mehrere Umstände. Das
l*etruscvangelium berichtet, die Weiber hätten die Absicht gehabt die
K. G. Goetz, Zur Salbung Jesu in Bethanien. 1S3
übliche, aber am Grabe des Herrn unterlassene Totenklage nachzuholen,
jedoch gefürchtet, sie mochten wegen der Größe des Steines nicht zu-
kommen, sich nicht neben den Leichnam setzen und ihre Schuldigkeit
tun können, und seien deshalb Willens gewesen, wenigstens auf den
Eingang zu schütten, was sie brächten, zu seinem Gedächtnis: kSv ItA
Tf\c 6upac ßdXuiMCv & (p^pofiev ctc iivripocöviiv aüroö. Irre ich nun nicht,
so bezieht sich der letztere Satz eben auf ein Opfer aus Spezereien
zum Gedächtnis (vergl. Sir 45, 16 Oupiafia xal eOiubiav ek fivr]fxöcuvov,
Lev 10, 1 ^TülßaXov iii' avxb fluniana, ebenso Num 16, 18) (ur den Toten,
wie es altjüdische Sitte war. Darum mag aber auch die wirkliche Ab-
sicht des Weibes so etwas gewesen sein.
Weiterhin paßt meines Bedünkens die Handlung des Herab-
schüttens bei der Salbung in Bethanien {Mk 14, 3 ciwTp(v|;aca töv
dXdßoCTpov [nöpou vdpöou] Karfxccv aÖToO -riic KcqKtXiic, Mt 26, 7 kot^-
Xcev ^Tit TTJc Kcq)aXr)c aiiioü dvaKciM^vou) sehr gut als Vorbild eines
Totenopfers. Desgleichen erinnert an dasselbe der dort getane Aus-
spruch Jesu wenigstens bei Mt (26, 12 f. ßaXoOca t^P aöni tö fiöpov
toCto itd ToO ciXp^aröc ^ov irpöc t6 ^vraqndcai pe ^Tioiricev . . . XaXr]-
Qy^cetat Kai 8 dirodiccv oDtti eic Mvrmöcuvov . . .). Denn, was die
Handlung betrifl^ so paßt das von der Salbe berichtete Ausschütten
aufs Haupt gemß ungleich besser als Vorbild des Ausgießens der Wohl-
gerüche über den Leib beim Totenopfer denn als Vorbild einer eigent-
lichen Einbalsamierung des ganzen Leibes. Und was die Worte Jesu
anlangt, so ist augenscheinlich, wie leicht an und für sich Ausdrucke
wie ßaXoOca tiA t. cüifiaTÖc fiou, ^nofticev aDrri eEc mvtimöcuvov auf ein
Gedächtnisopfer für den Toten gehen könnten.
Freilich lesen wir bei Mt und Mk efc hvti(i6cuvov aötf^c, was auf
eine Gedächtnishandlung für das Weib, nicht eine Gedächtnishandlung
des Weibes fiir den Herrn deutet Und in Rücksicht auf die unmiß-
verständliche Wortverbindung in Mk 14, 9 wird gewöhnlich auch in
Mt 26, 12 eic ^v)1^6cuvov aürr^c mit XaXT^dt^cETat verbunden statt mit
feTro(T]C€v, wie es eine Anpielung auf ein Gedächtnisopfer heischen würde.
Doch darf gewiß niemand behaupten, daß die Verbindung des ent-
legenen XciXTiOrjceTai mit eic ^VTl^öcuvov aörflc grammatisch bei Mt
sehr natürlich und naheliegend ist. Allerdings steht der an sich
natürlicheren Verbindung von ^noinccv a&rn mit dem unmittelbar
folgenden eic fivtiMÖcuvov aöriic auch noch die Erwägung entgegen ,daß
von einer Handlung des Weibes zu ihrem Gedächtnis dem weiteren
Zusammenhang der ganzen Erzählung nach nicht geredet sein kann.
i84
K. G. Goetx, Zur Salbung Jesu in Betliaiiien.
Aber der Wortstellung nach wäre jene Verbindung ebeo doch füf
Mt viel einleuchtender. Und es fragt sich auch, ob jenes hinderliche
lOOTflc 30 sicher ursprünglich und nicht erst vielleicht an Stelle eines
'andern Fürwortes g^etretcn ist, als die Aussage Mt 26.13 ^i* jetzige
Gestalt erhielt. Ist doch anerkanntenüatien (vcrgl H. j, Holtzmand
H-Cj I, I, 172) die Aussage Mt 26, 13, Mk 14, 9 eine redaktioneUe Um-
formung eines überlieferten Wortes Jesu. Weshalb auch ganz wohl
möglich ist, daß in dem ursprünglichen Worte vom Tun jenes Weibes
iu Jesu Gedächtnis geredet gewesen ist und nicht wie jetzt von einer
Verkündigung ihrer Tat zu ihrem Gedächtnis. Ja dies ist sogar
sichtlich das Wahrecheinliche- Denn andernfalls würde gewjU auch Mt
die Wortstellung des Mk überliefert haben, welche Rir den jetzigen Sinn
der Stelle die einzig natürliche ist, wälirend seine eigene die Verbindung
der XaVtiÖiiceTai mit tk ixwrmbcuvov oöinc sehr erschwert. Sodann lädt
das Fehlen deutlicher Spuren eines beabsichtigten Totenopfers in der
Auferstehungeschichte gerade bei Mt und Mk von vomhereta vermuten.
daß sie dieselben auch anderwo werden beseitigt oder verwischt haben.
Es ist sogar gewili nicht zurälUg, daß Mk, der in den Auferstehungs-
berichten bestimmt die Absicht einer Salbung; meldet und die eines
Totenopfers völlig ausscliließt, auch in der Salbungsgeschichte den Hin-
weis auf ein solches fast ganz zerstört und viel mehr unkenntlich gemacht
hat als Mt; weil Mt in der Auferstehungsgeschichte zwar auch nichts
mehr von dem beabsichtigten Totenopfer durchblicken laßt, wie es Lk
tut, indem er das Mitbringen von Spezereien erwähnt ohne etwas von
einer beabsichtigten Salbung zu sagen, aber doch wenigstens noch
von dieser schweigt und also auch da mit der Überlieferung weniger
frei umgeht als Mk.
Scheint es demnach ziemlich sicher, daß bei der Salbung in
Bethanien ursprünglich das Wort Jesu auf ein Totenopfer für ihn hin-
gewiesen hat, und daß die Weiber am Ostermorgen desgleichen ein
solches Opfer beabsichtigten, so fragt sich doch noch, was denn Mt
und Mk fvergl. übrigens auch Job) kann bewogen haben, die Spuren
des Totenopfers an beiden Orten so gänzlich zu verwischen oder zu
tilgen.
Da es sich bei der Salbu ngsgeschichte nur um einen vorbildlichen
Hinweis handelt, so wird jedenfalls die Ursache der Abänderung des
Ursprünglichen in der Auferstehungsgeschichte liegen, bezw. in der Art,
wie Mt und Mk sich zu derselben stellten. Vermutlich ist ihre besondere
Ansicht vom Vorgang der Auferstehung der Grund gewesen, weshalb
1
K. G. Goeti, Zur Salbung Jesu in Bethanien. 185
sie die Überlieferung vom Hinweis auf ein Totenopfer, bezw. von der
Absicht ein solches darzubringen unterdrückten. Welche besondere
Meinung hinsichtlich der Auferstehung aber Mt und Mk so geleitet hat,
ist leichter zu mutmaüen als zu beweisen.
Es liegt nahe zu vermuten, daß sie den Weibern eine Absicht
zuschreiben wollten, die bestimmter eine Öffnung und ein Betreten
des Grabes verlangte, als es ein Totenopfer tat Darum hat auch
möglicherweise Mk die Absicht der Salbung an Stelle der Absicht des
Totenopfers gesetzt. Aber für Mt kann das nicht der Anlaß gewesen
sein; da er die Frauen nur hingehen läßt, das Grab zu besehen. Doch
ist auch bei ihm denkbar, daß die Erketuitnls der Auferstehung durch
die Frauen bloß bei Abhaltung eines Gedachtnisopfers fiir dea Toten
ihm zu wenig außerordentlich und kräftig, zu sehr dem Kommen des
Herrn und seiner Gegenwart etwa auch bei der Abendmahlsfeier ähnlich
scheinen mochte, und daß er darum jede Verbindung der Auferstehung
Jesu mit der Darbringung eines Totenopfers von Spezereien zu seinem
Gedächtnis beseitigt hat. Allein sicher beweisen läßt sich das wohl
nicht mehr. Ein gelegentlicher Ausspruch des Ignatius, Eph 1^, i könnte
hingegen vielleicht wenigstens den Zusammenhang der Auferstehungs-
hoffnung mit dem durch die Salbung in Bethanien vorgebildeten Toten-
opfer zu Christi Gedächtnis bestätigen; Ignatius läßt diese Salbung
vom Herrn angenommen werden, damit er der Kirche Unverweslichkeit
zuhauche (6iä toOto |uöpov JXaßev iiA rflc KeipaXfjc aöioO ö KÖpioc, tvo
TTv£ij T^ iKK\ric(<j öcpGapctav). Ebenso spricht zu Gunsten eines Zu-
sammenhangs der ersten Erkenntnis der Auferstehung mit einem von
den Weibem dargebrachten Gedächtnisopfer, daß auch die übrigen Er-
scheinungen des Auferstandenen mit Mahlzeiten der Jünger in Verbindung
gebracht werden, wo vermutlich irgend ein Gedächtnis des Herrn beim
Brotbrechen stattfand. Die dermaßen erhellende Walirscheinlichkeit aber,
daß die erste Erkenntnis der Auferstehung in ziemlich ähnlicher Art
und Weise sich vollzogen haben dürfte wie die übrigen und eigentlichen
Erscheinungen des Auferstandenen, ist sicherlich sehr beachtenswert.
Sie zeigt wohl den geschichtlichen Hintergrund der Berichte von der
leiblichen Auferstehung Jesu an, welche die jetzigen Evangelien enthalten.
Basel
K. G. Goetz.
Zeiucb;. f. d. oeulEil. Wiu, Jthtf. IV. 1993.
]86 M. Förster, Nodimals Jcsa Ccbmt in eber HSUc
Nochmals Jesu Gebart in einer HShle.
E. Preuschen hat in dieser Zeitschrift Bd. m, S. 359 f. aus einer
alten armenischen Evangelienübersetzuag ein sehr interessa n t e s Zeugnis
daftir beigebracht, dafi Christi Geburt in einer Höhle erfolgt sei. Be-
fremdlich scheint ihm indes die Ausdrucksweise des Armeniers, welche
zwischen 'Höhle* und Haus' wechselt, sowie überhaupt die Tatsache der
Verwendung von Höhlen zu Stallungen. \^elleicht sind die folgenden
Bemeriaingen geeignet auch diese letzten Bedenken zu zerstreuen.
Es darf als ein gesichertes Ergebnis der Prähistorie und ver-
gleichenden Ethnographie angesehen werden, daß eine der ältesten
Fonnen menschlicher Behausungen imterirdische Wohnungen sind, und
zwar, je nach der Bodenbeschafienbei^ teils natüriiche oder künstliche
Höhlen wie noch bei Lot und Homers Kyklopen, teils kesselformige
Erdgruben mit einer Überdachung von geflochtenem Reisig und Lehm-
bewurf. Diese Urform eihielt sich aus naheliegenden Gründen am
längsten einmal bei der Behausung der Toten (Felsengräber und Grab-
hügel) und andrerseits bei den Nebenräumen des Hauses wie z. B. Ställen
und Vorratskammern — eine Tatsache, die sich auch in der etymo-
log^hen Zusammengehörigkeit und der Bedeutung von nhd. f/aäe und
ffoA/f und weiterhin altindisch ia/a 'Haus, Stall', griech. KctXid 'Hütte,
Scheune', lat. ce//a 'Kammer, Keller* u. s. w. deutlich ausspricht. Vgl
O. Schrader, Reallexikcn der indt^ermanischen Altertumskunde, Stras-
burg 1901, S. 336fr, yg6ff., S^6ff. und M. Hoemes, Ui^eschichte des
Menschen, Wien, 1892, S. 204 f. Speziell für Armenien ist uns ein
solcher Zustand ausdrücklich bezeugt schon von Xenophon, Anab. IV,
5,25: cd b' olidai ficav KaTärcioi, tö }iiv cröfxa ujcnep q>p^aToc, Kdruj
b' eöpeiai- al bi cTcoboi toTc piv {nroZurfoic öpUKrai, oi bk ävSpumoi
KQTißaivov tn\ KXInmtoc • ty bt rate ohdaic i^cav affcc, olcc, p6(c, SpyiOcc,
Kai TÄ bcjbwa toötujv tä bi KTfjvri irävTa x'^V Ev6ov IjpiipovTO, wo
also Menschen und Tiere in denselben unterirdischen Räumen unter-
gebracht erscheinen, die schlechthin als 'Häuser* bezeichnet sind. In
gebir^gen Teilen Armeniens sind solche unterirdischen 'Stall- Wohnungen' ',
in denen Menschen und Tiere nur durch ein niedriges Flechtwerk ge-
trennt sind, bis auf den heutigen Tag in Gebrauch und von verschie-
denen Reisenden wie Ainsworth, Schweiger-Lerchenfeld, L. Sargsjan,
> Du technische Wort dafür, armen. ^nJ" gim, kann ebensowohl mit <Han>' wie
mit 'Stall' übersetel werden.
^ M. För ster, Nochmals Jesu Geburt in einer Höhle. 187
namentlich aber von Prof. Farsadan Ter-Mowsesjanz^ ausruhrllch be-
schrieben und abgebildet. Im Lichte dieser Tatsachen betrachtet, kann
nun die armenische Fassung von Mat 2, 9, insonderheit der Wechsel
zwischen 'Höhle' und 'Haus', kaum mehr Bedenken erregen.
Für die Beurteilung der Tradition von Jesu Geburt in einer Höhlen-
stallung scheinen mir noch zwei weitere Momente in Betracht zu ziehen.
Einmal der Umstand, daß Bethlehem am Rande eines Kalkstein-Plateaus
liegt, dessen Material sehr zu natürlicher Höhlenbildung neigt und die
kunstliche Anlage solcher ungemein begünstigt, wie in der Tat die
Verwendung von Felshöhlen zu Verteidigungszwecken (bes. Rieht 6, 2),
Vorratskammern und vor allem Begräbnisstätten (z. R Mat 27, 60) zu
alter und neuer Zeit in Palästina hinreichend bezeugt ist (s. Weltzer-
Weites Kirchenlexikon' s. v. Höhlen). Weiterhin ist zu beachten, daß
Jesu Eltern nicht in einem Privathause Unterkunft fanden, sondern in
einer öffentlichen 'Herberge', KaTäXu^a, eigentl. 'Ausspann* (Lk 2, 7),
d. i. in einer Karawanserai, wo noch heutigen Tages die Unterbringung
des Viehes eine ziemlich primitive zu sein pBegt, indem dasselbe ent-
weder auf dem freien Hofe innerhalb des Arkadenviereckes verbleibt
oder außerhalb desselben in angebauten Schuppen oder auch in Hölilen
unteigestellt wird. Bei der Überfiillung der Karawanserai konnten Maria
und Joseph offenbar nicht mehr Platz in den Arkaden selbst ünden,
sondern mußten mit einem Hohlenstalle vorlieb nehmen. Eine (jetzt zur
Kapelle erweiterte) Kalksteingrotte unterhalb der Marienkirche des
heutigen Bct Lahm wird bekanntlich noch gegenwärtig als Geburtsstätte
Christi gezeigt (s. Realencyclop. U^, 679 f.).
Würzburg.
Max Förster.
I In leinem iottiukEiTeii Aufsatic "Du Armenische Banemhatis", bes. S. 165 1
(-> MitteUungen der Anthropologischen GcseUtchaft in Wien, Bd. XXH [1893], S. 125—173).
iz*
i88
Eb. Nestle, Zur Genealogie tu Lukas 3,
Zur Genealogie in Lukas 3.
Luther schreibt in der Vorrede auf das Buch Jesu Sirach:
„Und scheinet, dass dieser Jesus Syrach sei gewcst aus dem könig-
lichen Stamm Davids und ein Ncfl* oder Unckel Arnos Syrai/i. welcher
der Oberst Fürst gewesen ist im Hause Juda, wie man aus PliUone mag
nehmen, um die 200 Jahr vor Christi Geburt, ohngefahr bei der Macca-
beei Zeiu"
Lutlicr meint mit diesem Arnos Syracb den Arnos von Lc 3, 25,
von welchem unsere neuesten Kommentare nichts weiter zu sagen wissen,
als daß er nicht mit dem Propheten eieichen Namens identisch sei,
ohne zu fragen, oh er seinen Namen wie dieser mit Aio und Samech
oder, wie der Vater des Propheten Jesaia, mit Alef und Sade ge-
schrieben habe.
Luther wird seine Erkenntnis von Erasmus haben, aus dem in ^^^
Mattliew Pole Synopsis, die einem von den Bibliotheken entfernten
Manne wie mir dicselljen ersetzen muß, die aber auch von manchen
andern noch mit Nutecn eingesehen werden konnte, folgendes aus-
gehotien ist:
Et hunc — nämlich den Jarmai von Lc 3, 24 — et qui sequimtur,
Pliilo testatur Israelitico functos imperio. Recensentur autem bis insigniti
copiomentis, Janiwm secundus, Hirianni-, Joseph \mv^t, Arses; Matthatia,
Siloa; Arnes, Shyrach; NaJciim. Maslot; Ht'sli, Aglai; Nagui, Artaxat;
Maath. Äser; BUh, Mattlialias: Semei, Abnerj Joseph, priraus, Jud/ts,
primus, Hircanus; Jana. Janneus primus.
Aus Lukas von Brügge führt Pole noch an, daß dieser Philo nicht
der bekannte sondern „Philo Annii" «sei.
Ich will hier dem Beinamen Sirach und den andern nicht weiter
nachgehen, sondern nur eine Mitteilung an diesen Arnos anknüpfen.
Er fehlt mit seinem Vater In den zwei genealogischen Werken, die
Lagarde kurz vor seinem Tod in dem zweiten Teil seiner Septuaginta-
studicn so bequem zugänglich gemacht hat (GGAbh Bd. 38) ; von denen
das eine die Örigo humani generis In Fricks Chronica nihtom auch
denen zugangHch ist, die wie ich in der üblen Lage sind, Mommsens
Ausgabe in den Monuraenta Germaniae nur vom Hörensagen zu kermen.
Ab«r er fehlt nicht bloti da, sondern auch in den fünf altlatetnischen
ITandschriflen a^cti*, und zwar wie Wordsworth-Wbite bemerken, srn^
aiictorilnle graeca. Und nach seinem Sohn Nahum fehlen in diesen
genealogischen Werken wieder drei Namen unseres griccliischen Textes,
i
Eb. Nestle, Zur Genealogie in Lukas 3. 1S9
und von diesen fehlt wieder einer, und wiederum situ auctoritate graeca,
nach W-W in den genannten fünf altlateinischen Handschriften; und
da auf zweier oder dreier Zeugen Mund eine Sache bestehen soll, so
fehlt 3) in diesen Werken in V. 31 der Name Melea, und fehlt wiederum
in den Handschriften abel*r\ c, den ich nur nach Sabatier benützen
kann, hat ihn in diesem Fall. Aus diesen Daten scheint mir ein Doppeltes
mit Sicherheit zu folgen i) diese genealogischen Werke und die ge-
nannten Bibelhandschriften haben dieselbe Heimat; 2) was noch viel
wichtiger ist, diese 4 — 5 altlateimschen Bibeüiandsckriften gehen auf das-
selbe Exemplar sttrück. Diese Handschriften sind aber bisher von denen,
welche die altlateinische Bibel studiert haben, den verscldedensten Familien
zugeschrieben worden: diese Ansicht wird also nach dem Mitgeteilten
gründlich revidiert werden müssen. Ich erlaube mir die Kleinigkeit zu
veröffentlichen, weil sie mir ein erfreuliches Beispiel für die Wichtigkeit
der Eigennamen in Sachen der Textkritik ist, auf die ich in metner
Einführung ins Gr. NT. solchen Nachdruck legte, und weil neuerdings
auch E. V. Dobschütz (Th. Lz. 1902, No. 25) hervorgehoben hat, daß
es doch auch für die lateinische Bibel das Wahrscheinlichste sei, daß
eine ursprüngliche Übersetzung durch sprachliche Korrekturen und
Revisionen an der Hand des Originales (bezw. verschiedener Textformen
des Originales) zu einer großen Anzahl oft auffallend differierender
Versionen umgestaltet worden ist. Mit diesem Beispiel bitte ich das
zusammenzuhalten, was Lagarde am Schluß der genannten Veröffent-
lichung über ihren Zweck und etwaigen Nutzen ausgesprochen hat'
Maulbronn. Eb. Nestle.
I Nur aater dem Striche gebe ich meinem Bedauern über die Dürftigkeit Ausdruck,
mit der in den neuesten Auflagen unsrer dentichen Kommentare, die in diesen Listen
vorliegenden Probleme behandelt sind.
igo
A. Sulfbacb, Die ScblSssel des Himmdreicbs.
.Die Schtüss«! des Himmelreichs."
Im Morgenbl. No. 306 der „Frankf, Ztg." veroflentiicht WoJ/g-aH^
Kirchhach einen seinem grösseren Werke entnommenen Aufsat2 unter
dem Titel „Die Scliliissel des Himmelreichs," in welclicm er nachzu-
weisen sucht, daU die bisherige Interpretation des Wortes K^ttc, Ev.
Mattli. 16, iS, als „Schlüssel" oder die Rückübersetzung in mnriBa eine
falsche sei. Denn dem Volke, vor dem diese Worte gesprochen
wurden, wäre das BÜd der rnnJIBD ganz unverständlich gewesen, es
finde sich hierzu keine Parallele, denn auf Jesaia 23, 22: „Ich lege
den Schlüssel des Hauses David auf deine Schulter" konnte der
Sprecher nicht Bezug genommen haben, da dort von eittfm Schlüssel,
hier aber ycm. mehreren die Rede sei. Der Plural weise vielmehr auf
etwas hin, was dem Volke unmittelbar verständlich sein musste; icXdc
bedeute aber auch Kiegel, und so sei hier auf die Querriegcl, welche
die Bretter der Stiftshütte zusammenhielten, angespielt, die ebenfalls im
Plural, D'ma, erwähnt werden; dies war ein dem Volke bekanntef
Ausdruck, an diesen nmCite das Volk denken, und es verstand demnach,
was es hei&en sollte „des Himmelreiches RJegcl sind dir gi^cbcn."
Mit diesen Worten „erklärt nämlich Jesus hier den Petms als den innern
Halt, die bindende Kraft, die Bürgschaft der Festigkeit des geistigen
Gebäudes seiner Lehre."
Sehen wir, ob diese Erklärung auch nur im entferntesten möglich ist?
Vor allem mii& bei jedem Gleichnis das Bild passen, das aber ist
hier ganz und gar nicht der Falk „Ich will dir des Himmelreichs
Riegel geben." Werden denn jemandem Riegel übergeben? Die Riegel
müssen doch in oder an dem Bau stecken, den sie zusammenhalten
sollen. Schlüssel giebt man allerdings dem SchloLwart zur Ver^
Wahrung, daü kein Unbefugter das Haus betrete, wenn es nicht betreten
werden soll, und daß das, was das Haus birgt, geschützt sei.
Und das Volk, für welches doch diese Worte gesprochen waren,
sollte die Anspielung verstanden haben, die auf eine weit entlegene Zeit zielt?
So bibelkundig und bibelfest war sicher die große Volksmenge nicht,
daß den Leuten bei der Erwalinung des nur bei Herrichtung der
Stiftshüttte vorkommenden QWQ der Bau der Stiftshütte und der
Zweck dieser Riegel eingefallen wäre, so daß sie das Bild hätten ver-
stehen können. Dali es nicht denkbar sei, Jesus habe nnCD nicht, sich
anlehnend an Jes. 22, 22, anwenden können, weil dort nur von einem,
hier aber von mehreren Schlüsseln die Rede sei, kann doch wirklich
A. Suhbach, Die Schlüssel des Himmelreichs. 191
nicht als triftiger Grund gelten. Im Gegenteil: wenn wir die beiden
Stellen mit einander vergleichen, so läßt sich die Beziehung der Evan-
geliumstelle zu der des Jesaia nicht verkennen; Jesus sprach eben biblisch.
Jesaia verkündet in der Prophetie über Eljaldm: „Siehe, ich lege
den Schlüssel des Hauses Davids auf seine Schulter, er öffnet und
keiner schließt, er schließt, und keiner öffnet" In Matth. heißt es:
„Und will dir des Himmelreichs Schlüssel geben. Alles was du auf
Erden binden wirst, sei auch im Himmel gebunden, und alles, was du
auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein." Wer sieht hier
nicht ein, daß Jesus sich nicht nur der Sprachwetse desjesaias bedient
hat, sondern auch im Gedankengang ihm gefolgt ist? Die Zuhörer
mußten allerdings diese Beziehungen nicht kennen; verständlich war
ihnen aber doch was Jesus sagte und meinte, denn er sprach zu ihnen
in einem Bilde, welches der Gegenwart entnommen war. Er zielte
nämlich auf etwas hin, das alle sehr gut kannten; nicht an eine weit
hinter ihnen liegende Vergangenheit waren die Zuhörer genötigt, wenn
sie es überhaupt imstande waren, zu denken, um das Bild zu verstehen;
die Bewohner und Besucher Jerusalems sahen täglich das vor sich, auf
was Jesus anspielte.
Das Bild von den Schlüsseln ist nämlich dem Tempelbau ent-
nommen, es zielt auf die Handhabung der Tempelordnung, die wir aus
dem Talmud, und zwar aus einem Teil des Talmud kennen, der noch
aus der Zeit des Bestandes des Talmud herrührt, aus einer alten
Mischnah. An drei verschiedenen Stellen, berichtet Mischnah Tamid 1, 6,
befanden sich die Priesterwachen des großen Tempelkomplexes. In
einem der Zimmer, die diesen Wachen eingeräumt, wurde ein Wärme-
feuer unterhalten, und es führte deshalb den Namen Tpion fl^3, das
Zimmer der Feuerstätte. Aber gerade dieses Zimmer, nicht eines der
andern Wachträume wird als rffl'3, Kepha oder Kippa, Gewölbe bezeichnet
An einer andern Stelle (Middoth I, 8. 9) wird von diesem Zimmer, wo
es wiedenun ausdrücklich als nB^3 bezeichnet wird, gesagt, daß dort
die Schlüssel des Tempels unter einer Steinplatte, die eine Aushöhlung
im Boden bedeckte, an einem Ringe hingen. Ward es Abend, dann
hob einer der wachthabenden Priester die Platte vom Boden, nahm die
Schlüssel aus dem Ringe und schloß die Tempeltüren, bezw. die der
Hallen, von innen ab, während draussen Leviten wachten. Die Schlüssel
wurden dann wieder an dem Ringe befestigt, die Steinplatte wieder ein-
gelegt, und wollte der Priester schlafen, so breitete er ein Polster auf
dem Boden aus und legte sich darauf nieder.
192 A. Sulzbach, Die Schlüssel des Himmelreichs.
Wir sehen, welche Wichtigkeit man diesem Schlüsselamt beilegte^
und mit welcher Sorgfalt man die Schlüssel hütete, fest unter einer Stein-
platte in einer HB^S, wobei wohl an ein festes Gewölbe zu denken ist
Nun ist wohl das Bild, dessen Jesus sich bedient, klar. Die sorg-
falt^e Hut der Schlüssel im Tempel, die dem Priester anvertraut war,
giebt das Vorbild ab für die Hut des neu gegründeten Heiligtums, das
dem KaTq>ac anvertraut ist; er soll Öffnen und schließen, lösen und binden,
wie es ihm gut scheint. Nun wird aber das bekannte Wortspiel: Kaiphas,
«DO, Felsen, noch durchsichtiger, nicht nur auf dem Felsen, Kaiphas,
soll das Heiligtum stehen, sondern Kaiphas soll auch die bisherige FWS
ersetzen, in deren Hut die Tempelschlüssel geborgen waren.
Ich glaube also, daß man sich bisher nicht geirrt hat, wenn man
kXüc in AinnfiD zurückübersetzt, und in Petrus den Schlüsselbewahrer
und nicht den Riegelbewahrer gesehen hat
Frankfurt a. M. A. Sulzbach.
K>- s- 1903,
A. Deit^mann, tXacTnpioc und IXacxi^piov, 193
IWCTHflOC und IXXCTHflON.
Eine lexikalische Studie'
TOQ Adolf Deissmum in Heidelberg.
iXacTi^ptOC, ov ist in allen bis jetzt bekannten Stellen Adjektiv
zweier, nicht dreier,* Endungen: was zum tX6cKec6ai in Besühung steht.
Je nach der Bedeutung dieses Verbums spaltet sich die Bedeutungs-
möglichkeit des Adjektivs in zwei Äste: I. was eur Gjtädigstimmung
oder VersÖknung (nämlich der Gottheit oder eines Menschen) in Be-
ziehung steht oder dient, versöhnend, propitiatorius,^ placatorius; 2. was
zur Sühnung (nämlich der Sünde) in Beziehung steht oder dient, sühnend,
expiatorius. — Welche von diesen beiden möglichen Bedeutungen vor-
liegt, hat im einzelnen Falle der Kontext zu entscheiden.
Das Vorkommen des Adjektivs in der „Profan"-Gräzität hat Cremer*
mit Unrecht in Abrede gestellt; auch wenn kein Beleg vorhanden wäre,
müßte das Adjektiv aus dem „Substantiv" iXacr^piov postuliert werden.
Aber das Papyrusfragment No. 337 der von Grenfell und Hunt edierten
Faijüm-Textes bringt jetzt den sicheren Beleg. Das im 2.Jahrh, n. Chr.
geschriebene* Fragment eines von den Göttern handelnden philosophi-
schen (?) Werices enthält I3 — 5 den Passus TOic Öcoic clXacni[pio]uc "
Oucfac dHm»[et?]vT£C liriTeXeTceai. Ob hier iXacrnpioc öucta die Bedeu-
tung Versöhmtngsapfer hat, oder Sühnopfer , ist nicht zu entscheiden.
■ Im folgenden biete ich mit Genehmigung der Herren A. und Ch- Black in London
eine Umarbeitnng trnd Enreitemng meines Artikel* Mtrcy Seat in der EntyekpatSa Bibika.
Ich mache besonders axA die Bemerknngen über das Wort iafpirei anfmerksam. Die
neue (nennte) Auflage des Cremer'ichen Warterbnehes ist noch nicht berücksichtigt
> Gegen die Lexikographen Wilke-Giimm3, Thajrer u. a.
i Aus dem Neutrum propiliatariHm der Vulgata snr&ckgcbildet.
4 \VB* 474.
5 Fayäm Tawns and tieir üifiyri, Lmim 1900, S. 313.
^ Der Text selbst wird wohl älter sein aU die PapTrusschrifL Znr Orthographie
€!XacTr][plo]uc vgL Rom 3, 35 Codd. B* D* eUacT^piov.
ZeitielU'. f. «L nealeit. Wiit. Jatiig. IV. 1903. Ij
194
A. Dcifiraana, Uocn^pioc und IXacrVipiov.
Auch in jüdischen und christlichen Texten finden wir das Adjektiv:
4 Makh 17, 22 wcntp dviiij^uxov TtTOVÖTac tTJC xoO fiövouc d^apriac Kai
2lä Täü mpttTäC Tibv f^ceßiüv iKdvutV [der makkabaischen Mart)xerJ koI
Toö iXacTiiplou ÖavÖTou aüniiv fj Otia upövoia töv 'IcpanX itpOKUKtue^vTa
öitcujcev. Cod. rt liest hier zwar tou Uocrriplou toö öavÖTOU, aber selbst
wenn diese Lesart mit dem Substantiv ursprünglich wäre, was unwahr-
scheinlich ist, würden eben die anderen Handschriften den Beleg für das
Adjektiv bieten. Die Bedeutung sühnend scheint hier besser zu passen,
ais versöhnend. Joseph. Antt. lö, 7, i ist die substantivische Fassung
besser, als die adjektivische (s. unten S, igÖ), Dagegen ist das Ad-
: jeküv sicher bei Niceph. Antioch, Vila Syme<m. SiyUt. in den Ac/a SS.
Mail t. 5 p. 33,5, 1/ XEipac UeTipiouc. ei ßoO^et ftj IXacTiipiouc, ^icrcivac
6eifi, wo ven'ölmend am besten pa&t. — Dat auch LXX Exod 25. 16 (17)
Kai TCOu'iceic IXacrnpiov iTiIÖefja xp^'cioxj naöapoü adjektiviscli zu fassen
ist, sollte nicht bezweifelt werden;* hier liegt die Bedeutung sühnend vor
(siehe unten S. 207). Schlieülich ist auch Rom 3, 25 die adjektivische
Fassung grammatisch recht wohl möglich (siehe unten S. 209).
Nun wurden die Neutra der Adjektive auf -toc, speaiell auf -riptoc,
sehr häufig substantiviert' und bürgerten sich als usuelle Substantiva eio.
In massenhaften Inschriften begegnen uns z. B. xoptcrripiov und eüxaptcrri-
ptov als Bezeichnung von Weihgesclicnken, die den Göttern gewidmet
sind; hier nur je ein Beleg: X'ttpicTiijpiov Inschrift des Statthalters von
Ägypten C. Cornelius Gallus in Philae 30/29 v. Chr.. Dedikation an die
dii patrii und Neilos, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertums-
kunde XXXV (1897) 71; £Ö)[apiCTr|piov Inschrift des Korinthiers Askle-
piades auf einem Diskos aus Olympia, Kaiserzeät, Votivstück für Zeus
Olympios, bei Jüthner Über antike Tumgeräthe, Wien 189Ö, 2?.
B,
Ein solches durch Breviloquenz entstandenes Substantiv ist auch t6
iXacTlipiov. Seine Bedeutung ist (s, oben S. 193 tu Uacrnpioc) ent-
weder das Gnädigstimmende t das Gnadenviittd , das Versöhnende, der
Versöhnungsgegenstand, propitialorium^ oder das Sit/mende, das SitUne'
mittel, der Sühntmgsgegenstand, txpiatorium. Welche von diesen beiden
' N*di Gerne* WP' 474 ttsbl « „iftselniätnd" mäjektvificb, kuu iedoch ebenao
gut Mibstantiviach gefafit werden. Die- von Cremei ebenda nach Tromm auch siti«
Sielle LXX Eiod 37, 6 hal Uacnipiav £ii(8epa blolj in der Katnplutennschen Aoigati
nicht ab« ia Jea HELEidscbrifien.
* Winer.SchmiEdel S '6, ati (S. 134). dort mehrere Beispiel*.
A. DeiJ^mann, UacTi^pioc und IXacrVipiov. 195
möglichen Bedeutungen vorliegt und welches der Gegenstand ist, muß
im einzelnen Falle der Kontext entscheiden. An sich hat tö IXacrnpiov
nur die beiden Allgemeinbedeutungen, die aller möglichen Spezial*
anwendungen fähig sind.*
I.
Tatsächlich finden wir denn auch eine ganze Anzahl verschiedener
Spezialanwendungen; in den bis jetzt nachweisbaren heidnischen, jüdischen
.und christlichen IXacrfipiov-Stellen (zunächst abgesehen von den kappb-
r^'/^Stellen und Rom 3, 25) wird das Wort gebraucht 1. am häufigsten
von gnädigstimmenden oder sühnenden Weihgeschenken oder Denk-
mälern, 2. von der Arche des Noah, 3. von der Einfassung des Altars
und vom Altajraum, 4. vom Altar, 5. vom Kirchengebäude, 6. vom
Kloster.
I. Die Belege Hir die häufigste Anwendung von IXacnipiov stammen
sämtlich aus der frühen römischen Kaiserzeit. Auf einer Statue oder
der Basis einer Statue, jedenfalls auf einem Weihgeschenk, welches das
Volk von Kos für das Heil des „Gottessohnes" Augustus den Göttern
errichtete, steht die Inschrift (Paton und Hicks, Tke Inscriptions of Cos
No. 81): ö bä^oc CiTiip Täc AÖTOKpdTOpoc KaEcapoc 6eoC uioü ZcßacroO
cu)TTip£ac öcoTc IXacTi^piov.» Ähnlich die ebenfalls der Kaiserzeit ange-
hörende Inschrift auf dem Fragment einer Säule von Kos (Paton und Hicks
No. 347): [6 ba^oc 6 'AXcvtIujv Ce]ßac[T]iii Ait C[T]paT(LiJ fXa-
cnipiov &a^apxeOvTOc FaTou Nujpßavoö Mocx(u)Vo[c 9i]XoKa[capoC'i Genau
so gebraucht das Wort Dio Chtystostomus Or. XI p. 355 Reiske kotq-
Xe(ti»«v Tiip aÖTOiic dvdöima KdXXicrov ical fi^crov rfl 'Aörjv^ Kai im-
■fptivtiv IXacnfjpiov 'Axatol rq 'IXidfti. In allen diesen Fällen ist IXacni-
piov der technische Ausdruck für ein die Gottheit gnädig stimmendes
Weihgeschenk; man könnte übersetzen Besänfiigungsgesckenk, Ver-
söhnungsgeschenk. Hierher gehört auch die oben S. 194 erwähnte
' Die Sache liegt hier genau lo, wie z. B. bei x<lptCtftplov, welches alle mflglichen
Anwendungen findet, je nach dem Zusammenhang, vgL die Lexika, oder bei TCXcen^piov,
vgL Th. HomoUe BulieHn de CorretpotulaMce UtlUnique (1899) 589: ,^ar TcXECTI^put oh
detigne ifordiiiaire des cMmemer tfaeiümt de gräte; ki [in einer Inschrift aas dem Kabirion
von Theben 3 s. v. Chr., publiziert S. 588] le mol /a^Sque aux semmes versiei ä Poccaäon
de eei ehimofäes. II peut i'eniettdre tauii de teüts gtfon payail four let iniliaäottt: TcXecti^-
piov eil ridifice oii ces ritei i'acamfiHiraienl."
a Herr Privatdoient Dr. R. Herxog in Tübingen hat diese Inschrift im Sommer
1900 aaf der Insel Kos revidiert und richtig befanden (Postkarte rom 27. 11. 00).
i Diese Inschrift ist seit ihrer Publikation durch Paton und Hicks (1S91) verloren
gegangen (Postkarte des Herrn Dr. R, Heraog Yom 27. II. 00).
196
A. DeißmaDQ, UacTf|pioc und lHacr/ipiov.
jüdische Stelle Joseph. Antt. i6, 7, 1 : Herodes „der Grosse" hatte das
Grab Davids öffnen lassen, um es seiner Schatze zu berauben; aber
nachdem zwei seiner Leute durch Feuerflammen, die ihnen aus dem
Grabe entgegenloderten, verunglückt waren, ntpicpoßoc ft'a^TÖc [Herodes]
^£v|ei Kai ToO Ä^ouc iXacnipiov fivfjfio XtuK^c ir^Tpac ^m t(Ji crofiiuj icarc-
cxeuiicaTo iroXuTe\4c tt^ banavr^. Wahrscheinlicher als die adjektivische
Fassung IXäCT^ipiov \x\r\]x<x ist hier die substantivische und prädikative:'
er errichtete als toG hidvC iXacTiipiov ein Denkmal aus wrißeiti S/ein.
Die nicht ganz leichte Wendung toO bioac IXacnipiov ist entweder aus-
einem IXicKO^iai t6 Seoc (wie 1XdcK0|jm ttiv <ipTnv) entstanden zu denken:
als BeschvAchtigungsmilfei seiner Afig^st, oder als Breviloquenz zu erklären:
als SUhnetniltel für seinen ihm Angst eitißaßrtiäen Frevel. War das
Objekt des in iXacnipiov logisch steckenden iXöcKOMOt in den drei ersten
Fällen die Gottheit, so bei Josephus die Angst resp. der beängstigende
Frevel Dali aber auch bei ihin das Denkmal als Weihgeschenk aa Gott
gilt, ist nicht ausgesprochen, darf aber vermutet werden. Vergl. auch sub 5.
■2. Sehr bedeutsam ist, da& der griechisch-jüdische Bibelübersctzer
Sycnmachus Gen 6, l6[t5], Field I 23 f, zweimal die Arche Noahs ab
IXacnipiov bezeichnet, ofienbar deshalb, weil sie der Gnaderort war: wer
in der Arche sich barg, dem war Gott gnädig.
3. Verwandt damit ist LXX Ezech- 43. 14. 17. 20, wo die TTWff' die
Einfassung oder Urafriedigung des Altars, iXaciripiov genannt wird. Diese
von den Wörterbüchern Cnicht von Cremer) und Kommentaren fast ohne
Ausnahme übersehene Anwendung des Wortes erklärt sich aus der
sakralen Bestimmung der Umfriedigung: sie soll mit dem Blute des
Siindopfers besprengt werden und ist deshalb entweder als eine Gnaden-
stätte oder als ein Siihneort aufgefaßt Ebenso verwertet noch Sabas'
Typicum Venediger Ausgabe c. i und 5 das Wort, wenn er den Altar-
raum, den Chor der Kirche (Du Gange übersetzt bema. canceliis inclustiin)
iXacnipiov nennt, z. B. c, 5 öum^iö -n^v driftv TpömZav craupoeiiiüc lücaü-
tuic Kai TÖ IXacTiipiOV oTTav. Der Ausdruck wird technisch sein und
geht vielleicht auf die Ezechieistelle zurück.
4. Kann der Altarraum iXacnipiov heilen, so erst recht der Altar.
* liierdurck bekenne ich mich j«tit iq der mir von Hciaiicb Brede geäußerten
Möglichkeit Aet ErkÜning. vgl. Deil^[ni3.n.ii BibelEtodien 127 Anm. 2,
1 Der billige Sabas (üd«r Sabbusl ctarb 531 n. Clir. Ob dos seihee Nameb tragende
Ty^atm wi/kllch von Ihm stanimi, iit froglicli, IC. Krumbacber Geschichte der BTianii^
nitchen LiHeraiar ' 141. Die Sabasstelle ist aus Du Gange Ciosianuin aJ seri^a^et mtdi^ir
rl tnfim^ grofoMtu 1 L»gdurti j6SS, 513 entattauBca.
J
A. DeiAmaDD, IXacn^pioc und IXocn^piov. 19^1
Diesen Gebrauch hat der Lexikograph Hesychios im Auge: IXacniplov
Kaödpctov, Oucmcn^piov. Er eridärt das Wort also durch ein Synonymen
{das Reinigende und das Sühnende liegen nahe zusammen; siehe auch
sub 8) und gibt eine Spezialanwendung an, die ihm bekannt ist, Altar;
vielleicht hat auch er die Ezechielstelle im Auge, ebenso der von
Schteusner* zitierte Lexikograph KyriUos: iXacrVipiov' 6uciacTrjpiov, bt i|i
npocplpei (npoccpfpCTOi?) irepl äfiapTitiJv.
5. Auch das Kirchengebäude wird IXacrfipiov genannt von Theophanes
Continuatus (la Jahrh. n. Chr.) p. 326, 2if. und 452, 14 Bekker.* Wie sich
dieser Gebrauch erklärt, zeigt gut Johannes Kameniates (10. Jahrh. n. Chr.),
der p. 502, lof. Bekker^ von prachtvollen Kirchengebäuden sagt, sie
seien (ücrrep nvä KOivd npöc tö 9€iov iXacni^pw wie Versökmaigs-
geschenke, die der Gottheit van der Gesamtkeit geweiht sind. Hier hat
iXacTTipiov seine alte su& i nachgewiesene Anwendung gefunden: ein
Weihgeschenk, das zur Gnädigstimmung der Gottheit errichtet ist.
Konnte man, wie Johannes Kameniates, eine Kirche mit einem solchen
IXacTTJpiov vei^leichen, so konnte man sie auch so nennen, wie dies Theo-
phanes Continuatus tut.
6. Ähnlich ist die Anwendut^ des Wortes für ein Kloster. Der
Historiker Menander (6/7. Jahrh. n.Chr.) spricht Excerpt. Hist. p. 352, i2f.
Niebuhr* von dem Kloster Sebanon (töv MOvaciipiov oikov töv Xctö-
Mcvov Ceßavöv) und bezeichnet es nachher als fXacri^piov (Tctxci TC kotti-
cipaXicM^vuiv TÖ IXacrtipiov). Ebenso nenntJosephGenesios{io.Jahrh. n.Chr.)
p. 103, 21 Lachmann) ein Kloster IXacn^piov (ibc h^ irapecrfiKet rote ToO
iXncnipfou npoBOpoic). Man kann sich diesen Gebrauch auf zweifache
Weise entstanden denken: das Kloster ist entweder, wie die Kirche
(siehe sub 5), als gnädigstimmendes Weihgeschenk an Gott aufgefaßt,
oder, wie die Arche Noah oder der Altarraum (siehe sub 2 und 3), als
der Gnadenort, wo der Mensch die Sühnung seiner Sünden findet
7. Nicht inbetracht kommt eine von Cremer* zitierte Stelle. Nonnos
' ffyimt Tiaauttu . . 1« LXX . , intirpreUi Veterii Titlamenä m Liptiae iSao, I09.
* Nach Winei7 S. 91 und Winer-Schmiedel S. 134 lolt iXacrf^tov hier SüAitof/er
bedeaten, wu nicht ratrifft Der Index der Bonner Aiugkbe (von Bekker), auf den beide
verweijen, gibt als Bedentnng c(iKTf|piov ui, wu auch nicht genan itt
3 Leo AÜAtins in leiner Anigabe Cöln 1653 hat äiXtUTVIpia fnr IXacr^iOu Dai
Wort ^EiXacn^piov findet rieh anch bei dem Scholiaiten la Apollonios von Rhodos n
485 f. als Erldämng va \vi<fi^a Upd, Ton denen der Scholiast sagt tout^tiv ^EiXaCT^pta
xal KaTanaucT^ia Tf|c 6p-fflC {Apoll, Rhod. ArgonantUa rtc. Bmnck II Upiiae 1813 p. 165).
4 Ciemer WB8 474 zitiert falsch 335.
5 Der TAttaurut Graecae Unguae zitiert p. 49 D nach der Venediger Ausgabe.
6 WB« 474.
198
A. Dei&maiift, Uorr^pfoc und ILacu^pwv.
(4/$. JahriL ii.Clir.) Dionysiaai 13, 517 ist tXacnipia erst durch Konjektur
eingesetzt, übcriiercrt zu sein scheint ixacn'ipia FopTOÜc, was Falkcnbutg
in IXacrnpia foproOc, Ciinaeus in itpa jitOfiara fopToGc,* KöchJy* in
eOvaCTTipiov 'OpTOö änderte. Die Konjektur ikacnnpiQ macht die SteDe.
in der es sich um einen Landstrich handelt, nicht verständlicher; die von
Cremer gegebene Bedeutung SUktugeulmk paßt gar nicht
8. Was i?t von der häu^ wiederholten Behauptung zu halten,
iluicniptov ..bedeute", weü 0öpo ju ci^äozen sei, Sükx^pfer'^ Zunächst
zeigt die sub I — 6 gegebene Statistik keinen einzigen Fall,^ in dem zu
IXacrnpiov ein Wort für Opjer ergänzt werden muB. DaU dies in einem
bestimmten Zusimmcnhangc mögUck wäre, ist richtig: in der sub 4
gegebenen Hcsychiosstelle kcnnit zu icaödpaov ei^anzt werden Op/er,
wenn der Kontext dies forderte, und in der 3. 197 Anm. 3 zitierten Stelle
aus dem Scholiasten zu ApoUonjos von Rhodos ist bei der zu Xuitpi^'ia
Upä gegebenen Interpretation tout^ctiv ^SiXacnipia kqI KaTcnraucniplc
Tiic öpftic zu lEiXöCnipia das Wort Oü^OTa zwar auch nicht zu ergänzen
(d^iXacrnptov bedeutet Sühnun^suättei wie KaronaucTripiov BesckwUk-
tigjmgsntitiel)t aber das unserem iKacriipiov ähnliche lEiXacnipiov bexUkt
sich wenigstens logisch auf ein Opfer. Die Behauptung: ..Uacn^piov
bedeutet, weil Ööjia zu ergänzen ist, Sühnopfer" ist dahin abzuändern:
iXacTVipiov bezieht sich, wo eOjia zu ergänzen ist, auf ein VersohnungS'
oder Sühnopfer. An allen Stellen bedt-utet IXacnipiov Veri&hnungs- oder
SUhnungsgegenstand , noch allgemeiner zutreffend ein Versohn^näts odtr
Sühnendem. Welches im einzelner Falle das Versöhnende oder Sühnende
ist, ob ein Wethgeschenk oder Denkmal, ob ein Gnadenort wie die
Arche Noali die Altarumfriedigung, der Altarraum, der Altar, die Kirche
und das Kloster (für alle diese Falle haben wir Belege) — oder ein
Gebet, ein Almosen, eine Wallfalirt, ein Stuhl, ein Opfer (für diese Fälle
haben wir bis jetzt noch keinen Beleg), das hat überall der Zusammen-
hang zu entscheiden. Die Spezialbedeutung oder richtiger die Spezial-
anwendung des Wortes ist also stets eine okkasionelle; höchstens in
» Nonm Panofolitat ßwnysiacvjtm libri XLVllI em, Grsefe- I Lipiiae rSig S. 300.
« In seiner Ausgabe Leipzig J857; er sucht diese Konjektur 8. UXf cn recht-
i Die gegeateilige Behauptuag von A. RiMchl Rechtl u. Versöhcung IlJ 171: »fär
tVa(Ty|ptov ist die Bedeutung Sühaopfer zwtr im beidnisehen .Sprachgebrauch nach-
gewiesen, far eiccGabE, durch vrelchc der Zorn der Götter gestillt, ond dieselb«« gn&dig
geBtininit werden" ist unrichtig: denn was in ihrem Ew«it«ii Teile („ßir eine Gabe, . . ."j
steht, kommt (ur glic Fr*ge [i«.cli dei Bsdeutung -?wAw^<t nicht inbetracbl: «Üie Msnnoi-
siulc LAtin kein Opfer sein.
A, Deißmann, IXacr^pioc und IXacTi^piov. 199
dem sub i gegebenen Falle könnte man vermuten, daß die Bedeutung
Venöhnungs- oder Sühnegesckenk resp, -Denkmal t:viv& usuelle gewesen ist.
n.
Die Frage nach dem Sprachgebrauch der LXX (abgesehen von den
bereits oben I 3 erledigten Stellen Ezech 43, 14. 17. 20) etc. ist durch
die theologische Diskussion leider viel komplizierter gemacht worden, als
sie es in Wirklichkeit ist Da zu ihrer Beantwortung eine Einsicht in
das Wesen der alttestamentlichen kapporetk notwendig ist, sei eine Unter-
suchung hierüber vorausgeschickt: l.dieaItte5t3nientliche>&a//0r^/>&, 2. ihre
religionsgeschichtliche Voraussetzung, 3. ihre religionsgeschichtliche Nach-
wirkung, 4. die Schicksale des alttestamentlichen kappbreth-Yi\A\}xs. Es
folgt sodann die Prüfung der Stellen, in denen sich IXacnipiov sicher
ii^endwie auf die kappöreth bezieht: 5. LXX, 6. Philo, 7. Hebr 9, J.
I. Im AT erwähnt nur der Priesterkodex (P) Exod 25, 17 — 22;
26, 34; 30, 6; 31, 7; 35, 12; 37, 6—9; 39, 35; 40, 20; Lev r6, 2. I3— IJ;
Num 7, 89 und das erste Buch der Chronik 28, 1 1 die kappbreth. Die
wichtigsten Stellen lauten (übersetzt nach Kautzsch):
Exod 25, 17 — 33: Sodann sollst du eine kappBrelk aus gediegenem Gold anfertigeii,
Kwei and eine halbe Elle lang und anderlhalbe Elle bieit. 18. Und du sollst zwei goldene
Kenibe anfertigen — in getriebener Arbeit sollst du sie TCifertigen — an den beiden
Enden der kaf^ireih, 19. and bringe den einen Kenib an dem einen Ende an und den
andern Kerub an dem andern Ende. An der ia/fSrciA sollst du die Kernbe ajibringen,
an ihren beiden Enden. 20. Es sollen abei die Kenibe ihre Flügel nach oben ans-
gebreitet halten, indem sie mit ihren Flügeln die kapporetk überdecken, während ihre
Gesichter einander tugeicehrt sind; gegen die kappdretk Un sollen die Gesiebter der
Kembe gerichtet sein. 21. Sodann sollst du die kappireth oben auf die Lade legen; in
die Lade aber sollst du das Geseti legen, das ich dir übergeben werde. 23. Und dort
verde ich mich dir offenbaren und mit dir reden von der kappdrelA ans, von dem Ort
zwischen den beiden Keruben, die sich auf der Gesetseslade befinden, so oft ich dir
Befehle an die braeliten su übertragen habe.
Exod 26, 34: Und du sollst die iappSreth auf die Gesetieilade tun, im Aller-
heiligsten.
Lev t6, 2: Und Jahwe sprach £u Mose: Sage deinem Bruder Aaron, dafi er nicht
zu jeder (beliebigen) Zeit hineingehen darf in das Heiligtum innerhalb des Vorhangs, vor
die kappdreth hin, die sich über der Lade befindet — sonst muß er sterbenl Denn in
der Wolke ericheine ich über der kappSrtlh.
i6> 13 — 16 (die Stelle bezieht sich auf den groCen Versflhnnngatag): Sodann soll er
das Räucherwerk tot Jahwe auf d^ Feuer tun, damit die Wolke Ton dem Räacherwerk
die ka^Srtth, die sich über (der Lade mit) dem Gesetze befindet, TerhfiUe und er nicht
sterben müsse. 14. Sodann nehme er etwas von dem Blute des Farren und sprenge es
mit seinem Finger oben auf die Vorderseite der kafpSrelh; vor die kappiretk hin aber
sprenge er mit seinem Finger siebenmal von dem Blute. 15. Sodann ichlachte er den
Sündopferbock des Volkes und bringe sein Blut hinein hinter den Vorhang und verfahre
mit seinem Blute so, wie er mit dem BInte des Fairen verfahr, und sprenge ei anf die
aoo
A. Deißmaan, Uacrnfioc ood LlcccTiifiiov.
käpf&rtth und yoi die kafpi*eth hin i6- and entiündige so dos litmere) Heiligtum T«b
wcfCD der Unreinigkeiten dei Israelittn und der Ütertrelungeo, die sie irgend begangen
haben, und ebenso veTfiJirc «r mit dem OATenbuiiagf teile, du bei ihnen uifgescMigen
iti intnittcn ihiei UnicinigkeiCeo,
Nim 7, 89: Und wenn Mose hineing'ing im Offen hornngsielt, um mit ihm i-a reden,
so hörte er die Stimme ta licb leden von der iappStftA ans, die sich a.iif der Gcsetzes-
la,d« befindet, van dem Ürl iwiscbcn den beiden Keniben; so redete er mit ihm.
Wenn wir an diesen Stellen das Wort kappbreth einmal unübersetzt
lassen und lediglich als fremde, unbekannte Größe behandeln, so ergeben
sich zur Begriffsbestimmung folgende Merlanale; In P ist mit kappbreth
ein Konkretum bezeichnet (sie besteht aus Gold und ist melkbar), näher
ein Stück Goldblech von rechteckiger Form, dessen Maße genau den
MaUen der Bundeslade entsprechen und das auf die Bundesladc gelegt
wurde. Auf dieser Goldplatte sind Ewei Kerube aus getriebenem Golde
befestigt, unter deren ausgebreiteten Flügeln Jahwe wohnt. Am gro&en
Versöhnungstage bespritzt der Hohepriester diese Goldplatte mit Ac-m
Blute der Opfertiere.'
Es war ein naheliegender Schluß, wenn allere* und neuere^ GeleJirte
auf Grund dieser Beobachtungen behauptet haben, das Wort kappöretk
habe die Bedeutung Deckel. Aber der Schlußi war ein Trugschlub.
Wenn ich auf eine Bronzeschale einen auf ihren oberen Rand passenden
Diskus lege, so bedeutet, obwohl der Diskus in diesem Falle einmal den
Deckel der Schale abpbt, das Wort Diskus deswegen doch nicht Decket
Und da£ Wort Palette bedeutet nicht Deckel^ selbst wenn die Patcne als
Deckel des Abendmahlskelches dient* Ebensowenig bedeutet das Wort
kappbreth deswegen, weil die happbretk die Bundeslade bedeckt, Decket
Nun haben ja gcwiD die Wörter Diskus resp. Patent und Deckel ety-
mologisch nichts miteinander zu schaffen, während kappönth durch die
Vertreter jenes Trugschlusses von "ID3 bedecken abgeleitet wird. Mit dct
Wurzel TBO hängt nun kappbreth a.llerdings zusammen, aber es ist ein
■ Die Frage, ob du Geseti Lev lä ein eiBheillicb«s Ganies dustellt od» als «ine
ZusammenichiebuRg mehreren Stijcke von verschiedenem Aller eu bcunetlcn Id (TCrg).
J. Benrinjier 2ATW 1889, 65(1.). kann hier uneföEtert bleiben.
■ Sandja, R«$chi, Kjmchi.
J Noch die co. Auflage dei Geienius'schen Hknd Wörterbuches über du AT, tSS6|,
erE[llä.rt i. B., obtreU sie das Wort richtig vom Piel sihnim ableitet und die Ableitung <
dci Grundbedeutung Ueciitn nur erwtihut, der Dtckti der BundaJaäf . , . alt Jits vorrKkttutt^
SüMntgfrät des TemptU. Dabei ist der Irrtum, kr^firtlh bedeute Dtcktt, xam mindesten
nicht BUsgcschlosien-
4 Diese Analogie vcrdaxikc ich dem engliichen Übersetzer meinei Artilcels Mtr<y
St&l in der EnfyelöpaeJia ß^kca.
A. Dei&manii, iXac-n^ptoc und iXocT^piov. 201
von demPiel abgeleitetes nomen actoris, wörtlich die Verwischain,^ und
zwar steht verwischen in jenem prägnanten Sinn des Süßmens, des ex-
piare, der das Fiel stets auszeichnet. Da dieses Femininum seiner Natur
nach eine Neigung zum Abstraktum hat, wird es sich, wie Adalbert
Merx vermutet, ursprünglich wohl an ein Wort wie ^3 angelehnt haben;
unser kapporeih dürfte Breviloquenz für JTTbsn ^3 sein und VerwischtmgS'
gegenständ, Sühnegegenstand bedeuten. Die Übersetzungen der Peschitto
fyusayä {Sühnung), der Vulgata propitjatorium und des Armeniers Exod
25, 17 jfazww/A«« {expiatio) kommen diesem Sinne von kapporeih sehr
nahe; über die Übersetzung der LXX iXacTrjpiov siehe unten sttb 5.
Aus etymologischen Gründen ist also die Erklärung Deckel abzulehnen,
obwohl die kapp&reth als Deckplatte der Bundeslade diente. Ob die
Bundeslade unter der kapporeih noch einen besonderen Deckel gehabt
hat und die kapporeth also, wie nach Dillmann und anderen z. B. No-
wack* annimmt, als eine Art Schutzdach filr die Bundeslade anzusehen
ist, kann nicht ausgemacht werden; wir wissen darüber nichts. In jedem
Falle ist als die Bedeutung des Wortes kapporeth im AT nicht Deckel,
auch nicht Sühnedeckel, sondern unter Beachtung jener Breviloquenz
Süknungsgegenstand anzugeben.^
2. Hierzu stimmt eine bis jetzt nicht genügend beachtete* bedeut-
same Beobachtimg von P. de Lagarde. Er hat gezeigt, „dass dem
hebräischen (TjbS ein arabisches als technischer Ausdruck der Rechts-
kunde alltägliches kaffärat formell haarscharf entspricht."' Zunächst*
zeigt er, wie das arabische Verbum kafar gebraucht wird: eine Wolke
kafara {bedeckt) den Mmmel, die Nacht kafara durch ihr Dunkel, der
Wind kafarat die Spuren des Zeltlagers, der Bauer kafara die Saat,
weshalb der Saemann auch kafir {Zudecker) heißt. Sodann' teilt er mit,
worin die kaff&rat des arabischen Rechtes besteht: „Wer ein nadr Ge-
lübde oder ein Versprechen absichtlich unerfüllt gelassen hat, muß eine
kaffärat [— fl'jbj] erlegen. Die kaffärat liegt femer jedem ob, der
I Ich vetdanke diese nnd die folgenden AnfacUllsie der Frenndlicbkeit von Adalbert
Men, der micb anch tonst in den Semitic* gütigit beraten bat.
> Lebibncb der hebr. Archäologie II, 6a
3 Hiernach lind meine früheren AuifQhrungen Bibelstndien latff. in korrigieren.
4 Doch liehe Ed. König Hist-krit Lehrgebäude der Hebr. Sprache II I, Leipiig
1895, S. 301.
5 Uebenicht über die im Aramäitchen, Arabiichen tmd Hebitiscben übliche Bildung
der Nomina, Götlisgen 1889, S. 237. Lagarde transkribiert immer kaff&rai.
6 Ebenda S. 23lf.
7 Ebenda S. 232f, Die von Lagarde zitierten arabischen WSrter sind oben
transkribiert
A. DcifimSll
gewisse Rechtsbandlungen, namentlich eine Eidesleistung', vorigen omtn'Ca:
die kaffärat ist in dieseoi Falte dam bestjinmt, zufällig bei diesen Rechts-
bandlungen vielleicht vorgekommene Rechtswidrigkeiten gut zu machen.
Sie liegt ferner jedem ob, der seine Gattin beschimpft, der unab^chtUch
einen Menschen [Eine Rechtsschule sagt: dnen Muslim] getötet (oder
etwa durch seine Nachiässigkeit) den Tod dnes Menschen veraolaAt,
der nicht regelrecht gefastet, der im Rama9än gar nicht gefastet hat
Einige Rechtsschulen begnügen sich mit der kaffärat auch zur Sühnung
der absichtlichen Tötung eines Menschen, für welche Andere . . die
Blutrache verlangen: Letztere allein bleiben den Grundanschauungen des
mohammadani sehen Rechtes treu. Die kaflarat besteht enn.veder in . .
der Freilassung eines dem Isiäm angehörigen Sklaven, oder in Fasten,
oder in saäaka litKaiocüvr) Mt 6, i = ^Xermocüvii, welche nur an wirldich
bedürftige Personen gegeben werden darf." Nun gibt es im Recht des
sunnitischen Isläai vier Schulen; alles wa^ ihnen gemeinsam ist. hat
Urbestandteil des islamischen Rechts zu gelten, .Xind, kaffärat ist ilinenj
aÜlen gemeinsam".' Das „hat seinen Grund darin, dass der Koran die
iaßäral nennt. Ej braucht die Vokabel j, 49. gi, 96 Die fünfte
Sure ist die letzte oder vorletzte Ojfenbaning. die Muhanunad aus-
gegeben".'
Nachdem Lagarde unter Hinweis auf eine Erzählung des Tharthü^'
auf die Bedeutung der kaffärat auch im gewöhnlichen Leben der Araber
hingewiesen hat, zeigt er,3 daß sie noch heute bei den Begräbnissen dcf
Muihammedaner in Ägypten eine Rolle spielt: nach dem Leichenbcgang- 1
nisse eines Vornehmen oder Reichen werden am Begrabnisplatze mehrere
Schalen Wasser und einige KameUadungen Brot, mitunter wohl auch das
Fleisch eines zu diesem Zwecke geschlachteten Uiiffels unter die massen-
haft herbeiströmenden Armen verteilt, und dieser Brauch heiüt ei-kaffärak.
Sii/me. Gesühnt werden hierdurch einige der „geringeren", nicht aber
die „großen" Sünden. Später'' hat Lagarde noch aus Thevenot an-
geführt, daß eaffarre heute eine Übergangsgebühr bedeute und das von
U. J. Seetzen erwähnte gleichbedeutende gäffar für identisch mit The-
venot's caffarre erklärt. Letzteres ist jedoch von Lagarde selbst nach-
träglichs als falsch bezeichnet worden.
• Ucbenicht S. S33.
» Ebenda S. 335.
J EbenJ« S. i^d,
t Abhti. der Kß], Ges. d. W. lu Oöiengen XXXVH ft8<)l} Register und Nach-
trige S. 69.
i Nachrichteii TOn der Kgl. Ges. d. W. lu Göltingea iSg^l, S. 135fr.
A, DeiCmann, IXacxi^pioc und IXacT^piov, 203
Gehen die alttestamentliche kappbreth und die arabische kaffarat
auf eine gemeißsame Anschauung zurück? Daß beide ii^endwie zu-
sammengehören, kann schwerlich bestritten werden. Lagarde' sagt:
„Ich halte es Tür unzulässig, kaffarat und n*Tb3 zu trennen Die
Vokabeln entsprechen einander haarscharf; da die Araber ä für hebräi-
sches 6 haben, kann kaffarat unmöglich entlehnt sein: das Dasein einer
Lautverschiebung bürgt dafür, daß jedes der Wörter an seiner Stelle
Original ist" Danach wurden beide Begriffe auf ein ursemitisches Ge-
meinrecht zurückgehen: „flTb? ist kein Begriff des Mosaismus, sondern
weil Arabern und Juden gemeinsam, ein Begriff des Semitismus";' der-
selbe könne von der Offenbarung umgebildet worden sein (ob und wie
das geschehen, bleibe zu untersuchen), habe aber von vornherein der
Offenbarung nicht angehört Lagarde^ erklärt freilich: wie jedes Essen
ein Verdauen zur Folge habe, so ziehe jede Aneignung eines Wortes
eine Deutung dieses Wortes, jede Aneignung einer Anschauung eine
Umbildung dieser Anschauung nach sich. Wie Lagarde selbst sich die
Zusammenhänge der alttestamentlichen kappbreth mit jenem ursemitischen
Rechtsbegriffe vorstellt, hat er nicht eingehend dai^elegt; er erklärt nur:*
„Ich komme allerdings infolge meiner Anschauungen immer wieder zu
dem Schlüsse, daß H'lb? im Pentateuche die Gesetzeslade bedeute, sofern
an sie die Versöhnung geknüpft war, daß also Hlb? ebenso eine Ab-
kürzung sei, wie das 178, l [der Uebersicht] genannte HblK." So trifft
Lagarde mit der von Adalbert Merx geäußerten Meinung zusammen,
daß kappbreth BrevUoquenz (etwa tur kU hakkappbreth) sei, wenn es
auch auffallend ist, daß er im Widerspruch zu den Angaben des Penta-
teuchs die Bundeslade selbst, nicht jene über der Bundeslade angebrachte
Goldplatte kappbreth genannt findet
Selbst ein Urteil über jene wahrscheinlichen Zusammenhänge abzu-
geben, bin ich nicht imstande. Aber soweit der von Lagarde dargelegte
Gebrauch des Arabischen einen Rückschluß gestattet auf die ursemiti-
sche Vorstellung, scheint diese zur Bestätigung der oben S. 2O0f. ge-
gebenen Erklärung zu dienen, kappbreth bedeutet wie kaffarat Sühmmg;
im AT ist der Ausdruck gebraucht von dem zur Sühnung dienenden
Gegenstand. Ähnliche Breviloquenzen (vgl. schon das von Lagarde ge-
nannte ibK) finden sich im technischen Sprachgebrauch des Kultus nicht
I Uebersicht S. 235 f.
1 Nachrichten 1891, S. 136 vgl. auch Uebenicht S. 230.
i Nachrichten S. 136.
4 Uebersicht S. 237.
204
A. Dcif^mann, IXactripioc und IXatTripiov.
selten, z. B. „Maria EmpfängHW" fiir „l'ett drr Empfängnis Maria" und
viele andere Festnamen.
3. Unsere Frage nach der Bedeutung der alttestaraentlichen kappö-
refh führt uns indessen nicht bloß zurück in die graue Vorzeit des ur-
semitischen Orients, sondern auch in die Gegenwart der deutschen
Sprache. Es ist m unserem Zusammenhang sehr beachtenswert, daß in
der deutschen Umgangssprache das Wort kappbres besonders \n der
Redensart kappörcs gehen =— sugrunde geJun, vemiehut werden übhch
ist In der Literatur ist kappora belegt bei Bürger, Jean Paul. Hebel
u. a. Da.Q das Wort wie viele andere von den Juden stammt, also nicht
als blobe Nebenform von kapiit (von französisch faire capoi) zu beurteilen
ist,* ist zweifellos. Aber wie es su erUären ist, ist nicht 30 leicht zu
sagen. Wenn Daniel Sanders* erklärt: „von dem jüdischen Gebrauch,
zur Vorbereitung auf das Versöhnungsfest, als eine .Kaporoh' (gleichsam
ein Sühnopfer) einen Hahn mit dem Wunsche, daß alle Strafe, die man
selbst verdient habe, diesen treffen möge, dreimal um den Kopf zu
schwingen und dann zu schlachten" — so weist er damit nicht, wie er
beabsichtigt, den Ursprung von kappores, sondern von kapp^r nach,
welches jüdisch-deutsche Wort ebenfalls vorkommt und mit kappores
synonym ist^ kapporcs kann nur von kappöreik kommen, wie F, L. K.
Weigand* ganz richtig zeigt, und wie auch R. Hildebrand im Grimm'schen
Wörterbuch 5 andeutet
Nicht so klar wie diese Etymologie ist die Semasiologie. Daß
kappores die Bedeutung vtrniekut hat, ist zwar sicher; aber wie das
Wort zu dieser Bedeutung kommt, muß noch aufgehellt werden. Zwei
Erklärungen sind mir bekannt geworden. Weigand sagt: „Unsere
heutige Bedeutung daher, weil am großen Versohnungstage mancher
Jude einem NichtJuden seine Siinden auferlegen wollte mit den Worten:
,Sei du meine kappöreth!', das ist: mein Sühnopfer, was dann den Sinn
hatte: Stirb du für mich zur Versöhnung mit Gott!" Diese Erklärung
erinnert sclir an die oben zitierte Erklärung des Wortes kaporok durch
Sanders. Beide Forscher, Weigand und Sanders, müssen ihre Erklärung
direkt oder indirekt aus jüdischen Quellen haben, die über die indmea
Gebräuche des neueren Judentums Auskunft geben. Tatsächlich findet
> Dach mag der Anklang &n iafnl eui Einbürgerung des jüdischen Wortes bei^etrkgea
httben.
> Wörterbuch der Dentichen Sprache I, Leipiig 1860, S. 866.
J Über ia//>ar liehe das sögleieh liticile WÖrttrfcDflh <Ma Weigmad* 1 S. afiS.
♦ DeuUcl« V/öttCTbuch '. Gicten 1S73, I S. 2Ö8.
S V Letpiig 1873.
A. DeiCmann, IXacn^pioc und IXocn^piov. 205
sich denn auch bei J. A. Eisenmenger* aus jüdischen und anderen
Quellen des 17. Jahrhunderts' zunächst die von Sanders mitgeteilte Sitte
erwähnt, mit der sehr beachtenswerten, von Sanders nicht beigebrachten
Notiz, daß man bei dem Schwingen des Hahnes um den Kopf sagt:
„Dieser ist an meiner Stat^ dieser ist an meinem Platz, dieser ist meine
Sühnung". Die letzten Worte lauten hebräisch ^FODZ nt, was bei Eisen-
menger wiedergegeben ist: „dieser ist meine Cafipäro", was aber doch
auch heißen könnte: „dieser ist meine kapporeiA". Auch die von Weigand
erwähnte Sitte findet sich bei Eisenmenger notiert: arme Juden, die
keinen Hahn kaufen können, geben einem Christen drei oder vier Pfennig
und fragen ihn, ob er seine TDSö sein wolle. Eisenmenger zitiert diese
Frage in indirekter Rede; in direkter Rede würde der arme Jude fragen:
„willst du 'niM sein?", was man sowohl von rQp3, als von JTJlB? ableiten
könnte. Weigand (oder sein Gewährsmann) hat das letztere getan. Und
die Existenz des jüdisch- deutschen Wortes kappbres spricht jedenfalls
dafür, daß die Form kappbreth noch in der neuhebräischen Umgangs-
sprache gebraucht wird. 3 Der Sinn dieses kappbreth kann kein anderer
sein, als der von kappbroh: Sühntmg. Der Hahn (oder der NichtJude)
soll die Süknung des Juden sein. Da nun der als kappbreth (°= kappbrok)
dienende Hahn getötet wird, rücken die Begriffe Sühnung und Tötung
sehr nahe zusammen:* „du bist kappbreth'' konnte heißen: „du bist der
Vernichtung geweiht", und konnte als ein Fluch' gemeint sein. So hat
sich an kappbreth (oder kappbroh) durch eine ähnliche Entwicklung die
Bedeutung Vernichtung angeheftet, wie an dvdöejia die Bedeutung Fluch,
und das Wort kappbres ist von hier aus Für vernichtet üblich geworden.
Eine ganz andere Erklärung hat Lagarde* gegeben. Er hat aus
Bodenschätze entnommen, daß Dlb? jetzt ,das Thürlein' ist, durch welches
die GesetzRolIe aus der Lade herausgeholt wird"; mit dieser kapporeth
müsse die Redensart kappbres gehn = vernichtet werden zusammenhängen.
I Entdecktes Judentum, o. O. 1700, 11 S. 149^
a Benschbuch (Birchätk hammäson), Frankfurt a. M. l68a ; Sfpher Mitihagtm, Amster-
dam 1679, deutsch u. hebräisch Düreafort 1692; F. Heß Flagtlbtm Judaintm, StraBbnrg
1601. Dieie und andere Schriften sind von £isenmengei zitiert.
3 J. Levy Neuhebräisches und Chaldäitcbet Wörterbuch über die Talmndim und
Midraschiro, II, Leipzig 1879, S. 387 fuhrt aus den Taimnden etc. allerdings keine Stelle
dafür an.
4 Von einem Sü&ttcp/er im ttrengiten Sinn des Wortes kann schwerlich die Rede
sein; opfern kann der Jude ohne Tempel nicht.
5 All Fluch fassen die antijüdischen Polemiker die Formel auf, Eisenmenger I S. 628.
6 Uebenichl S. 237.
7 Kirchliche Verfassung der heutigen Juden, I748f. II S. 67.
Wie sich Lagarde diesen Zusammenhang d*iikt, hat er nicht weiter an-
gedeuteti vielleicht so: sobald die ThorarolJc durch die kapponih in die
Lade geiegt ist, ist sie unsichtbar! <turck dii kapp'eretk soften könnte
dann heiüen unsichtbar werden, und von hier aus wieder würde sich die
Bedeutung ventichut iverden abgezweigt haben. Ich halte diese Ver-
mutung jedoch liir sehr wenig einleuchtend: ist die Rolle in die Lade
gelegt, so ist sie zwar unsichtbar, aber grade vor einer Beschädigung
geschützt; kappöres gehen konnte von hier aus viel eher bedeuten sof^-
faltig aufbewahrt werden als vemiehiet tverden.
Die ganze Sache verdient nähere Aufklärung vonseiten eines Kenners
jüdischer Kultgebräuche der letzten Jahrhunderte. Aber schon aus den
obigen Zusammenstellungen dürfte hervorgehen, daü sich das Wort
kapporeih bis in die neuere Zeit erhalten hat. und daü ihm der BegrifT
Siiknung geblieben ist, obwohl er von denen nicht niehr empfunden wiri
die die deutsche Vokabel kappons gedankenlos gebrauchen.
4. In seiner mehrere Jahrtausende alten Geschichte hat das Wort
kaffärat'kapporetk-kappüres somit eine zähe Konstanz. Was das ent-
sprechende Wort wohl schon im urserohischen Gemeinrecht bedeutet.
Sükjiung, diese Bedeutung hat es auch vom Alten Testament bis zu den
heutigen Juden und vom Koran bis zu den heutigen Arabern. Bei den
Juden ist das um so beachtenswerter, als die Stellen ihres Gesetzes,
welche die Erinnerung an eine kappbretk immer wieder wachriefen, schon
frühe bloß eitlen theoretischen Wert hatten. In jedem Falle steht fest,
daß der jerosalemische Tempel in der Zeit Jesu und der Apostel die
Bundestade und infolge dessen auch den an die Bundeslade geknüpften
kapp&rttk-'^uitM^ nicht mehr besessen hat, da^ also dieser kapporetk'
Kultus in der religiösen Anschauungs- und Gedankenwelt der Zettgenossen
Jesu und der ersten Christen schwerlich noch eine bedeutsame RoUe
gespielt hat. Über das Opfer des Hohenpriesters am grollen Ver-
söhnungstag' im herodianischen Tempel haben wir iwei Berichte, Jo-
sephus Antt. 3, 10. 3 und den Mischnahtralctat J&ma. Nach Josephua
hat der Hohepriester das Blut der Sündopfer gegen die Decke und den
Fuliboden des Allerhciligsten gesprengt, nach dem Traktat Joma gegen
die durch einen Stein bezeichnete Stelle des AUerheüigsten , an der die
Bundestade hätte stehen sollen. Dieser Stein hieß eben schalja oder eben
sck'lija.* Aber dieser Ersatz ist doch nur ein Schatten dessen, was
I Vgl. Winer Bibl. Realwörterbuch J Artikel .tVcnöhnimestat".
' Eineellieil«Ti gäbt J. Levy Chol däisc lies WüTterbuch ubei die TargiimiiD I t^iptig
A. Deißmann, IXaoTripioc und UaciVipiov. 20/
eigentlich gefordert war. Nach der Zerstörung des herodianiachen
Tempels hörte natürlich auch dieser Schattenkultus auf, und der vom
Gesetz an die Bundeslade geknüpfte kappöreth-^^uMus wird immer mehr
zu einer frommen Reminiszenz ohne praktische Bedeutung geworden sein.
'Dqt 'Bc^R kapporetk aber blieb mit dem Bedürfnis nach einer Sühnung.
Die sub 3 besprochenen i(a/>^r«'/^-Gebräuche des neueren Judentums
dürften mit ähnlichen Gebräuchen des mittelalterlichen Judentums zu-
sammenhängen, wenn wir die historischen Verbindungsfäden einstweilen
auch noch nicht nachweisen können.
5. LXX gebrauchen zuerst das Adj. iXacifipioc (siehe schon oben S. 194)
Exod 25, 16 (17) Kai TTOiiiceic Uacrripiov ^Triöcjia' xpuciou KaöapoO. Hier
ist IXacTiipiov intSeMa Wiedergabe von kapporeth. Auf Grund der falschen
Annahme, kapporeth bedeute Deckel der Bundeslade, hielt ich früher*
iiriScjia für die Übersetzung des Wortes kapporeth, während ich in dem
ganzen Ausdruck iXaCTrjpiov imOejia die Übertragung des sakralen Be-
griffes kapporeth sah. Nach den Darlegungen oben II l scheint mir
jetzt die Sache so zu liegen: LXX haben den Begriff kapporeth ganz
richtig verstanden und zwar auch als Breviloquenz; nur, da& sie an der
ersten Stelle, an der ihnen das Wort begegnete, die Breviloquenz auf-
lösten: für [>6'Ä hak]kapp6reih setzten sie iXacnipiov dniÖCMa, weil es sich
um eine Platte handelte, die irgendwie als Deckel der Bundeslade diente.
Nachher ahmen die Übersetzer an sämtlichen Stellen die Breviloquenz
des Urtextes nach: Exod 25, 17 (18). 18 (19). 19 (20). 20 (21). 21 (22);
31. 7; 35. 12; 38. 5 (37. ö); 38, 7 (37. 8); 38, 8 (37, 9); Lev 16, 2. 13. 14.
1$; Num 7,89, überall ist kapporeth durch fXacn^piov wiedergegeben.^
Wenn nun, wie oben gezeigt ist, kapporeth Sühnungsgegenstand und
tXacrrjpiov VersöknuTigs- oder SühnungsgegeTtstand bedeutet, so haben die
LXX (wie auch die von ihnen abhängigen Übersetzungen, siehe oben
II i) den Sinn ihrer Vorlage ganz richtig wiedergegeben. Es ist nicht
überflüssig, noch besonders zu betonen, daß das Wort IXacnipiov bei den
1S67, S. 5f., vergL ancb J. Levy NenbebrÄisches ond Chaldüaches Wärterboch Gber die
Talmndim und Midrucbim I Leipzig 1876, S. 12.
1 £iT(ee^ feblt nni tm Cod. 58, in den Codd. 19, 30 etc. stellt es Tor iXacn^ptov.
Weiteret siehe Dei&mann BibeUtudien S. 122 Anm. i. Siebe «neb Anm. 1 oben S. 194.
> Bibelstudicn S. 123. Die dort, auch in der englischen Obersetzung; (Edinburgh
1901) gegebenen Antchanttngen sind nach diesem Aabati vx modifiiieren.
3 Nor I Chrou 28, 11 ist Haus dir h^rttk überseUt 6 o^KOC toO ^EiXocmoO, was
sachlich von ToO lXacTT]plou nicht wesentlich verschieden ist. — Exod 26, 34, wo in
unserem Texte kapp&nth steht, haben LXX Ti|( xaTaitETdqxaTi überseUt, also wohl pari-
ieth gelesen. Umgekehrt lasen sie Arnos 9, 1 wohl kapporeth statt kaphthor und über-
seUten tXacT^piov. Weiteres siehe Deißmann BibeUtttdien S. 124.
30S A. Dei&mann, iXacrrynoc and Uuicr^ipuiv.
LXX Deckel der Bwideslade weder bedeutet, ooch dafi es usuelD blofi
für den Deckel der Bundeslade gebraucht wurde Wenn ein Oncimastiam
Vaticanum bei Lagaide Otumtastica Sacra * S. 218 behauptet: {Xocrf^HOV
Tö nili^a Tf)c nßunoü ^ it^toXov, so ist flas keine sprachwissenschaft-
Ucbe Inteqxetatioa. Wenn aber Altxvcht Ritscbl' behauptet: „überaD
im Alten wie im Neuen Testament" „bedeutet das Wort iXactiipiov
jenes angezeichnete Gerät über der Lade des Zeugnisses in dem AUer-
heOigsten", so will er geniQ eine phüclc^rische Eiklärung geben. Daß
indessen iXiicnipiov das nicht bedeuten kann, was Ritschi behauptet, be-
darf keines ernsthaften sprachlichen Nachweises; daß für das Wort aber
auch nicht einmal eine bestimmte Artwenäuug bei den LXX usuell fest-
gelegt war, zeigen die oben I 3 zitierten LXX-Ezechielstellen, wo auch
die Einfassung des Altars iXacrrjpiov genannt wird.
Ergebnis: IXocn^piov bedeutet bei der LXX, was es überall bedeutet:
ein {Versoknenäes oder) Sühnendes, {Versökntoigs- oder) SiUaaatgsgegen-
stand oder -mittel. Je nach dem Kontext handelt es sich dabei entweder
um das kapporeth-G^rüs der Bundeslade oder um die FJnf3c<tiing des
Altars.
6. Auch bei Philo ist es der jeweilige Zusammenhalt, der die
Spezialanwendung des Wortes ericennen läÜL Bei ihm weist der Zu-
sammenhang stets auf das kapporeth-Gcrütt der Buodeslade, deren Er-
wähnungen bei den LXX er entweder geradezu zitiert oder auf die er
doch deutlich anspielt: devit. Mos. Ilf 8 Mangey p. 150 f[ &i KißuTTÖc...,
f|c iTriöcna dicavei mifxa tö Xctöjxcvov ^v Upoüc pißXoic Uacn^piov, —
ebenda weiter unten tö öi £ni6c)ia rö npocaTOpeu6|iEVOV IXacn^piov, — de
profug. 19 M. p. 561 . . . TÖ iiiiöeMa ttjc Kißurroö, KoXei bt aörö IXacni-
piov, — de Cherub. 8 M. p. 143 Kai TÄp dvTiTrpöcumd (paav civai veöovra
itpöc TÖ iXacn^piov Itipoic (Anspielung auf LXX Exod 25, 20 [21]).
7. Dasselbe gilt von Hebr 9, 5 öirtpävu) öt aörfic XcpoußEtv b6£Tic
KoracKidCovTa tö iXacTTJpiov, wo nicht das Wort IXacrnpiov, sondern der
ganze Zusammenhang an das kapporeth « Gerät der Bundeslade eiitmert.
m.
Auf Grund des hier vorgelegten Materiales wird man sich jetzt ein
Urteil über IXocrVipiov an der tiefgründigen Stelle Rom 3, 25 bOden
können. Dafi zur Erklärung dieses feierlichen Paulusbekenntnisses keine
Vorarbeit zu schwierig und zu genau sein kann, ist gewiß; wir stehen
' Recbtferl. und Versdlu. ü^ IÖ8.
t6. B. t9oj.
A. Deißmann, IXacn^pioc und IXacT^piov. 209
hier vor dem Zentrum der Frömmigkeit des Apostels: 24 biKOioönevoi
litupeäv ttJ aÖToO xiipi"" öid tiic änoXuTpiiiceuic ttjc iv Xpicriö 'liicoO, 25
Sv TTpo^ÖCTo ö 6e6c iXacTTipiov bid mcTciuc iv Ttijj a^ToO cA^iaTi.
1. Möglich wäre hier zunächst die Fassung als Acc. von IXacrfipioc:
dm Gott öffentUck Idngesteüt hat als Versöhnenden oder Sühnenden. Diese
adjektivische Fassung liegt schon in der Überlieferung der Iteila und
Vulgata, auch bei einigen Vätern vor, wie die Übersetzung propiHa-
torem^ zeigt. Bei dieser Übersetzung ist als Objekt des in iXacnipiov
steckenden IXdcKEcSat jedenfalls Gott gedacht worden; paulinischer wäre
es aber, bei der Übersetzung Versofaunden die Menschen als Objekt zu
nehmen vgl. 2 Kor 5, 18 — 21. Doch dürfte die Xi\xt3&K3XiXi% Sühnenden,
expiatorem überhaupt vorzuziehen sein; Objekt wäre die Sünde, und der
Satz hätte dann seine Parallele in i Joh 2, 2; 4, 10. Immerhin ist der
adjektivische Gebrauch ein seltener, und man darf vermuten, daß ein
griechischer Christ zuerst an das geläufigere substantivische iXocn^piov
gedacht und daß auch Paulus es so gemeint haben wird. Daß die sub-
stantivische Fassung uns übrigens vor keine wesentlich anderen Bedeutungs-
möglichkeiten stellt, als die adjektivische, kann schon hier angedeutet
werden.
2. Die Wahrscheinlichkeit, daß Paulus das substantivierte Neutrum
gebraucht hat, ergibt sich lediglich aus der Statistik des Wortes (I l — 6).
Wie Uacrnpiov nun von ihm gemeint ist, kann nicht a priori aus dem
„Sprachgebrauch" heraus gesagt werden. Es gibt weder eine feste all-
gemeingriechische Verwendung des Wortes, noch eine feste „biblische".
Alle möglichen Dinge können als iXacrriptov bezeichnet werden: von
Heiden, Juden und Christen werden so genannt Weihgeschenke oder der
Gottheit gestiftete Denkmäler, von Juden die Einfassung des Altars und
die Arche Noahs, von Juden und Christen das alttestamentliche kapporeth-
Geräte, von Christen der Altarraum, der Altar, das Kirchengebäude, das
Kloster. Immer ist es der Zusammenhang, der angibt^ welches IXacnipiov
gemeint isL Nur eine Spezialanwendung scheint usuell geworden zu sein:
Versöhnungs- oder Sühnungsgeschenk resp. •denkmal (veig;!. I 8). Aber
nicht einmal mit dieser „Bedeutung" darf man ohne weiteres an die
Römerstelle herantreten. Der dnzige Satz, mit dem man vom sprach-
wissenschaftlichen Standpunkt aus an die Stelle herantreten darf, ist
der: iXacTT)piov bedeutet ein Versöhnendes oder ein Sühnendes. Alles
Weitere hat der Zusammenhang der Stelle selbst zu sagen.
I Belege bei Tiichendorf,
Zütichi. C d. neuleic Wiu. }t^I%. IV. 1903. I4
310
A. Deifim&Qn, Uacr^piac und tXacT^piav.
3. Der Zusammenhang schließt folgende Erklarungea aus oder bietet
sie wenigstens nicht dar:
a. Gitiiäinstuhl (Lutherbibel), wenn Stuhl bei Luther dasselbe be-
deutet, wie bei uns. Von einem GnadfttstuJU ist Hebr 4, !6 die Rede;
der epövoc Tiic xdpiTOC ist der Stuhl des gnädigen Gottes. Rotn 3. 25
weist jedoch nichts auf einen Stutil. Luther denkt hier aber, da er im
AT kapporttk mit Gnadcnsiuhl übersetzt, wohl an das alttestamentUchc
kafforetk-Gf^TAtQ, das er Gnadenstuhi nennt, well Gott auf ihm thronte.
b. Aber auch diese Erklärung, kapporeth-Geräie der Bundesiade, ist
nicht kotttextgemäli. Für sie spricht nichts; gegen sie, abgesehen von
dem Felilen des Artikels (den man erwarten dürfte wie 1 Kor 5, 7 Kai TÖip
TÖ Träcxa if|jiiiiv ^njörj XpiCTÖc;, die frostige Sonderbarkeit des Bildes;
wäre das Kreuz so genannt, so konnte man das Bild verstehen; von
einer Person gebraucht, Ut es nicht nur unschön, sondern auch in
sich unklar (das kappöreth-Qttzit wäre mit seinem eigenen Blute be-
sprengt!). Es ist charakteristisch, daS^ Albrecht Ritschi mit seiner Deu-
tung auf das „Gerät über der Lade" sich selbst in einen Widerspruch
verwickelt. Während er zuerst' sagt. IXacrnpiov habe hier „gerade jenen
und nur jenen Sinn des Wortes" (nämlich „das Gerät über der Lade").
sagt er nachher,* das artikellose Uacrripiov habe „naturlich den Wert
eines Gattungsbegriffes. Es bezeichnet nicht das einzelne materielle
Gerät, welches bei den LXX so heiiSt, als solches, sondern die ideelle
Bestimraung, welche der Israelit mit der Vorstellung jenes Gerätes ver-
band," Damit hat Ritschi den Nerv seiner eigenen Eridämng getötet;
denn lediglich um das Gerät handelt es sich in dieser Streitfrage.
4, Der Zusammenhang gataitet folgende Erklamngen;
a. Versöhnungs- oder Siilinungsopfer. Obwohl wir andere Belege
für diesen Gebrauch bis jetzt nicht haben (siehe I 8), ist er in einem
bestimmten Zusammenhange denkbar, und hier wäre ein solcher Fall: wo
von Blut die Rede ist, kann auch von einem Opfer die Rede sein, und
da6 Paulus den Opfergedanken auf Christus anwendet zeigt Eph 5, 2.
Aber npo^öCTO paßt nicht gut bei dieser Erklärung, ebensowenig Gott
als Subjekt des irpo^etTO.
b. Vrrsölmungs- oder SUhtmngsgesckmk resp. ^denkmal. Diese in
der römischen Kaiserzeit verhältnismaHig häufige und auch späteren
christlichen Autoren bekannte usuelle Anwendung (vgl. I I, 5 und 8)
■ Rechtfert. n&d Versi&h.a. II ^ i£S.
• Ebendi; 171.
A. Deiliinanii, iXacn^pioc und UacTi^piov. 211
paßt in jedem Falle gut zu tipo£6eto. Weniger gut pa&t dazu Gott als
Subjekt des npo^ÖETO, wenn Geschenk 2a IXacrf^piov ei^änzt wird; ergänzt
man jedoch Denkmal, so ist die Sache klar: öfTentlich aufgestellt hat
Gott den Herrn Jesus Christus in seinem Blut, den Juden ein Ärgernis,
den Heiden eine Torheit, uns durch den Glauben ein tXacTfipiov, ein von
Gott gestiftetes Versöhnungs- oder SühnungsdenkmaL
5. Da& der Zusammenhang eine dieser beiden Erklärungen /ordere,
wird man nicht behaupten dürfen. Der Zusammenhang nötigt keines-
wegs zur Annahme einer Spezialbedeutung oder -aawendung von tXacnri-
piov. Die Allgemeinbedeutung genügt vollständig: ein Versöhnendes oder
Sühnendes, Vers'öhrmngs- oder SühnungsmitteL Diese Erklärung ist sach-
lich von der sub i gegebenen nicht verschieden.
6. Das eigentliche exegetische Problem der Stelle liegt nicht in den
Fragen, ob iXaCTrjptov adjektivisch oder substantivisch und ob es in einer
Spezialbedeutung gebraucht ist oder nicht, sondern in folgenden Fragen:
a. Was ist als Objekt des in IXacn^ptov steckenden IXäacecdai von
Paulus gedacht: Gott? oder die Menschen? oder die Sünde? Mit anderen
Worten: ist propiHatorem resp. propittatorium die richtige Wiedei^abe,
oder ea^iatarem resp. expiatoriumf Da& wahrscheinlich die Sünde als
Objekt gedacht ist und Christus als der Sühner oder das Sühnende, ist
schon sub IQ l angedeutet: hierfür spricht auch der Kontext, vgl. be-
sonders 23 und das viermalige biKonocövi) OcoO, welches an allen vier
Stellen nicht die Eigenschaft Gottes, sondern die von Gott durch Christus
oder in Christus dem Gläubigen aus Gnaden verliehene Gerechtigkeit
bedeutet
b. Bezieht sich das Bekenntnis des Apostels auf den irdischen oder
auf den erhöhten Christus? Die erste Annahme ist die allgemein übliche:
di\M ist dann das physische, einmal vei^ossene Blut Christi. Aber die
zweite Annahme verdient jedenfalls eine ernsthafte Prüfung. Paulus
spricht 24 von der dTroXörpiucic bt XpicriJ) 'liicoO, was sich wahrschein-
licher auf den erhöhten, als auf den irdischen Christus bezieht, und er
gebraucht i Kor 10, 16 Blut Christi sicher in einem Sinn, der nicht
physisch, sondern nach Joh 6, 53 — 56 etwa „pneumatisch" zu nermen ist;
danach könnte bt ti^ aöroO atficm bedeuten in der Blutsgemeinschaft
mit dem erhöhten, pneumatisch-lebendigen Herrn, Wcis auch Rom 5 , 9
und Eph 2, 13 einen guten Sinn gibt. Unter der Blutsgemeinschaft mit
dem erhöhten Herrn versteht Paulus dasselbe, was er Gal 2, 20 XptcTi!i>
cuvecraupui^ai nennt Bei dieser Auffassung würde Rom 3, 25 seine
14*
212 A. DeiQmann, tXaciViptQC und IXacti'ipiov.
genaueste Parallele tn i |oh 2, 2 haben, wo der erhöhte Herr, der ParakUl
beim Vater, yesus Christus, der Gerechte als der l\ac(i6c fiir unsere Sünden
und fiir die ganze Welt bekannt wird. Die Bedeutung des lebendig-
pneumatischen Christus für <üe Rechtfertigung oder Erlösung oder Ver-
söhnung ist bei Paulus eine viel größere, als man zumeist annimmt.
Korrektur-Nachtrag.
Auf Wunsch des Herrn Herausgebers verweise ich hier noch auf
die bedeutsamen Mitteilungen, die H. Zimmern in der 3. Auflage von
E. Schrader Die Keilinschriften und das Alte Testament, Berlin 1903,
S. 601 f. über das babylonische kuppuru gibt Dieselben lagen beim
Abschluß meines Aufsatzes noch nicht vor, verdienen aber eine sorgfaltige
Prüfung durch die Sachverständigen:
„Eine der hauptsächlichsten Handlungen, die der Beschwörungs- und
Sühnepriester {äsipu) vornimmt, ist die des kuppuru (Inf. Piel, mit dem
entsprechenden Substantiv takpirtu) d. i. abwischen (von Schmutz) zum
Zwecke der Lustration Sicher ist dieses im babylonischen Sühn-
ritual als terminus technicus verwendete kuppuru identisch mit hebr.
1^3, der technischen Bezeichnung für »sühnen« in der Priestersprache, für
das es auch die im Hebräischen selbst wohl nicht mehr durchgefühlte
Gmndbedeutung »abwischen«' [' Also nicht »bedecken«, wie man auf
(Srund des Arabischen vielfach annimmt] sichert. Weiter aber ist sehr
wahrscheinlich, daß hebr. ^9, wenigstens als spezifisch kultustechnischer
Ausdruck in der Bed. »sühnen«, nicht genuin hebräisch ist, sondern erst
auf Grund des babylonischen kultustechnischen Gebrauches von kuppuru
in Aufnahme gekommen ist. . . ."
[Abge«eUaM«n un 9. Augiul igo}.]
M. L. Strack, Die Müllerinnimg in Alexandrien. 213
Die Müllerinnung in Alexandrien.
Von Uaz L. Strack in Bonn.
In Alexandrien ist vor kurzem eine Inschrift zu Tage getreten, die
ein größeres Interesse erfordert als ihr bis jetzt zu teil wurde. Da ihr
Inhalt sich zum Teil mit dem nachfolgenden Aufsatz des Herrn Hauschildt
über die „TTpecßÜTtpoi in Ägypten" berührt und die dort behandelten
Fragen weiter fördert, glaube ich den Lesern cüeser Zeitschrift eine Be-
sprechung vorlegen zu sollen, auch wenn die Untersuchung theologischen
Studien femliegende Gebiete durchgeht.
Wei&ei Maxmor, gefunden in Alexandrien im Jahre 1901, jeUt im Mnteum in Ale-
xandrien, Saal 16. Hoch o,30 m, breit 0,27 m. Botti, catalogue des monumenti exposis
an musie grjco-romain d'AIexandrie' {1901), 553. 142; ders. Bnll. de la soct^t^ aichfo-
logique d'Alexandrie 1902 IV, 94; von WUamovitz-Moellendorf, Sitzungsberichte der
Berl. Akademie 1902, 27. November; Strack, Archiv für Papyrosfotschnng II, 544.
{iTi^p ßaciXdujc TTToXeMoIou
Ktti ßaciXicciic 'Apovöijc
Öediv OiXonaröpaiv 'Avoüßti
Ol TTpCCßuTCpOl TlDv ÖXup0K6-
niuv EepEuc 'AmcweCic
TTaxiiic TTaäTnc
TTai^iüßeiic TTaOßoOc
TTcTOCTpic TTca£x"JV
Der Text an sich bietet keine Schwierigkeiten. Er bestimmt durch die
Königsnamen die Abfassungszeit auf die zwei letzten Jahrzehnte des dritten
Jahrhunderts v. Chr., genauer wohl zwischen 217 — ^204, oder gar zwischen
217 — 209. Es Irommt nichts darauf an. Die öJiupOKÖiroi „Durraklopfer"
entsprechen unseren Müllern. Vielleicht sind sie zugleich „Brotbäcker",
wie man bei uns zu sagen pflegt im Gegensatz zu Feinbäckern und
Konditoren; mögUch ist auch, daß diese zwei Tätigkeiten von ver-
schiedenen Berufen ausgeübt wurden. Das Wort scheint neu, ist aber
regelmäliig wie dproKÖiroc, äpTupoKÖTioc, f|XoKÖTrtic, cttiXoköttoc gebildet;
aT4
M. L. Stfack, Die MüUeiinauDg in Alcxaadrien.
b
es Zeigt von neuem, daß den Ägyptern die Mühle unbekannt war und
man das Kom (ia Mörsern) stampfte. 'OXupa gilt heutzutage für DumL'
Sic diente zur Volksnahning und man bereitete ein grobes Brot aus ihr,
wie die Papyrus an unzähligen Stellen und ergötzlicher Herodots naive
Erzählung beweisen.' Ihm. dem großen Reiseaden, hatte man das
Märchen aufgebunden, es gelte als Schande am Nil Weizen- oder
Gerslenbrot zu essen, dXXck öirö öXup^ujv noicövrai ailo, Tiic Ceiäc M€TC-
{irepoi KoX^ouci. Seine lautere Quelle ist jedenfalls, wie schon Wiede-
maim annimmt sein hungriger Führer, den der wiübegierige Grieche das
grobe Durrabrot nicht ungestört von Fragen in Ruhe vereehren \icli.
Die Inschrift ist griechisch geschrieben, die Dedicanten aber sind
alle Ägypter, bei deren Namen fast Zweifel aufsteigen, ob sie selbst
ohne Beihülfc im stände gewesen sind, ihre Weihung fiir das Wohl des
königlichen Geschwislerpaares so Stil- und schriftgerecht abzufassen.
Wer es ohne Zweifel zu glauben vermag, für den ergeben sich wichtige
Schlüsse auf die starke Graecisierung und hohe Bildungsstufe der Fellachen
in der Reichshauptstadt, ein Jahrhundert, nachdem der Grieche als Herr
nach Ägj'ptcn gekommen war. Ich muß mich zu den Zweiflern rechnen.
Warum man griechisch schrieb, ist klar genug. Einmal ward der maß-
gebenden griechischen Bevölkerung und vor allem den griecliischen
Beamten und Soldaten die Loyalität der Schwarzbrotbäcker von Ale-
xandrien klar vor Augen geführt, die ihnen bei Abfassung in hiero-
glyphischer oder demotischer Schrift verborgen geblieben wäre. Und
zur öffentlichen und augenfälligen Bezeugung ihrer Königstreue halten
die in der griechiächen Hauptstadt wohnenden Ägypter allen Grund, da
nach dem Sieg von Kapliia des Jahres 217 die auf dem Lande wohnenden
Fellachen die ihnen anvertrauten Waffen gegen den Fremdherrschcr
kehrten und in langer und blutiger Revolte vornehmlich wohl in Unter-
ägypten ihre Freiheit sich zu erkämpfen suchten.3
Andererseits lagen für eine derartige Weihung für das Wohlergehen
des Königspaares an einen Gott, zwar genug griechische atier keine
ägyptischen Muster vor. Der Ägypter kennt diese Form, seinem Pharao
Gutes zu wünschen oder besser gesagt, bei einem Gelübde durch Nennung
des Königs awei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, nicht, jeder
weiht für sich. Das ist unhöflicher, aber ehrlicher.
' A. Ffjrroii. Fxp. gcaec. Taut., pars Q, 73. — Wiedemutn, Herodoti H Buch 15S,
« Herodot II, 36.
I Polybioi s. 107 und 14, H. — Mahaf^j, a bUtory of Ejypt luider ihe PloteisiJc
dynnsty (i8j9) 141-
M. L. Strack, Die Müllerioaung in Alexandrieti. 215
Daß die Brotbäcker aus der einheimischen Klasse, nicht aus dem
herrschenden Volk stammen, entspricht der Erwartung. Dir Gewerbe
tritt zu den 189 im griechisch-römischen Ägypten bestehenden als Hundert*
undneunzigstes hinzu.' Es gehört in die Reihe der äpTOKÖrroi (bezeugt
fiir das 2. Jahrh. v. Chr.), dpronpärat (byzant), Ka6apoupTof (!• Jahih. n.
Chr.), McXXiccoupToI (2. Jahrh. v. Chr.), TiXaKouvroTioioi (i. Jahrh. n. Chr.),
aTOKdmiJioi (2. Jahrh. v. Chr.), ciTon^ipai (n. Chr.). Man konnte es mit
Sicherheit eines Tages in neuerscheinenden Papyrus erwarten, wo die
Kuchen- und Zuckerbäcker bekannt waren. Es ist im Bäcker- und
Müllergewerbe jetzt der ältest bezeugte Beruf, wie die aus Wilcken bei-
geschriebenen Belegstellen zeigen und trägt neben den vielen andern
Berufsarten seinen Stein bei zu dem Verdikt des unter Nationalökonomen
noch immer beliebten Satzes von der „Autaride des Oikos im Altertum".
Genau so weit wie heutzutage war die Arbeitsteilung in den Großstädten
der hellenistischen Zeit fortgeschritten, war es auch schon ein Jahrhundert
früher in Athen und andern Industrieplätzen, wo „der eine Marmsschuhe,
der andere Frauenschuhe macht, der eine bloß vom Nähen der Schuhe,
der andere bloß vom Zuschneiden lebt".* Jede Schilderung, die diese
so modern anmutende Entwicklung der Arbeit und des Erwerbs nicht
für die Griechen der historischen Zeit, zum mindesten von der zweiten
Hälfte des 5. Jahrhunderts ab, anerkennt, verzeichnet das Bild durchaus,
das der Wahrheit entsprechen soll.
Aber die ägyptischen Grobbäcker an ^ch würden mit ihrer Weihung
uns wenig Interesse abgewinnen, und den Theologen wohl gar keines.
Die Art und Weise, wie sie uns entgegentreten, fordert unsere Auf-
merksamkeit heraus. Es setzen nicht Bäcker schlechthbi unsem Stein,
sondern oi TTpecßOTepot Ttijv öXupok6ttujv und einer von ihnen ist UpeOc
Mit andern Worten, wir haben eine Innung oder Gilde vor uns aus dem
dritten Jahrhundert v. Chr., die eine zum Teil kirchliche Organisation
hat, und die Mitglieder dieser Innung sind waschechte Ägypter. Das
ist viel neues auf einmal, und es gilt das Neue in das Bekannte ein-
zuordnen.
An dem Tatsächlichen wird man nicht zweifeln dürfen, weder an
der Innung, noch daran, daß der Priester zu ihr gehört. Wäre das letztere
nicht der Fall, hätte der Priester nicht als Iimungsbruder, sondern durch
irgend äußern Anlaß bewogen als Externer sich an der Weihung be-
' Wilcken, giiechiiche Ostralca aus Ägypten nnd Hubien 1899 I 688.
1 Xeaophon, Cyropftcdie 8. 3. 5. Vgl fär du 5. Jahihtmdert Plalarch, Periklet 13.
«5
M, L. Siraclc, Die Müllerinnung in Alexandrieo.
teiligt, er wäre auf der Inschrift sicherlich mit irgend einem kennzeichnen-
den Worte bedaclit — etwa leptüc 'Avoijßi&oc, iepeüc Aiöc, iepeuc ditö
Kiiinric kpEuc t' {püXtic u, a. Es ist also, um es einmal madem auszu-
drücken, nicht der Herr Pfarrer und die Müller, sondern die Miillerinniuig
mit ihrem Iiinungsgeistlich^ti. Dabei ist nicht ausgesclilossen, dat^ der
Itpeic zugleich Müller ist, so etwa wie viele weltliche Würdenträger im
alten Pharaonenreich zugleich Priesteramter bekleiden, oder, ura zeitlich
nahe liegende Beispiele zu geben, so wie in ptolemäisclier Zeit der Plala«
kommandant von Syene sich nennt ^TtMiüv ^™' (Svöpiüv koI qjpoijpapKoc
Xurivnc Kdi 6po(pii\aS (?) kqI ^ttI rüJv öviu lörujv raxöeic Kai irpotpiirric
toö Xvoüßeutc Kai dpxicToXiciiic töiv iv 'EXeqfaviivri xai Apäriu koi cDiXqic
Upüv. ' Vieileiclit die beste Parallele bietet der iepeuc ttjc cuvö6oii tu>v
PaciXlCTüiv, öi cuvÖTOuciV tv XriTtt t^ toö (^iovOcou vncuj. « Er wie der
Prostates werden besonders hervorgehoben, ilire Nameli linden sich aber
auch in der Mitgliederliste wieder. Die ßaciXicral auf diesem siidlichca
Grenzposten Ägyptens sind aller Wahrsclieinlichkeit nach Soldaten, wie
wir auch sonst in späterer ptolemäischer Zeit die Garnisonen reli^ös
organisiert sehen. 3 Doch so klar wie in diesem Kriegerverein ist die
Identität von Priester und Bäcker in unserer Inschrift ntcht^ und mag
drum bis auf bessere Zeugnisse auf sich beruhen.
Mit der Annahme, daß der Priester zu den Grobbäckem gehört, ist
der Bestand eines Vereins enviesen, einmal ganz abgesehen von den
TrptcßÜTepoi, Denn Leute, die sich zuföllig zusammenfinden, um irgend
etwas zu vollbringen, haben keine Beamten, am wenigsten einen Priester.
Bei einer Weihung wie etwa folgender: ol TrXuvric N0(i9aic eä£ä)j€Voi
dv^eecav koI SeoTc nöctv« (folgen die Nam<n) kann man zweifeln, ob ein
Verein hier sich fromm erzeigt, oder ob die Wäscher irgendwann einmal
sich zu einer Gabe an ihre hilfreichen Wasscrgotthciten aufraffen, unter
deren Schutz und an deren Quell sie alle waschen. Die Nennung eines
1 strack, Dynastie der Ptoletnäef, Anhang (Inschriflen) N'o. 95 etwa um 160 v. Chi.
— Vergl, tus Uem pCok maischen ICyprot dpxi£pEuc xal CTparnTÖC keiI vavapxoc (uil
ÄpXlKÜvriTOC), Strack ebenda 123—125. '3?. löi. etwa, um 130 v. Chr. — aai AgjrjtiMi
ittKTpAifnut Kai i(p£tjc TTToXE)jä(ou SwTfjjwc, ebeiids 9+, um 159 t, Chr. — aus K^pro»
lEpeOc bidßluu ßaciA^uic TlroXenaitn), TPippaTeöc ttIc TTapIuiv mäXeiut, xeTOTJAtvoc ^nl
r^C iv 'AXeEavbpttq jirfdXTlC pu^UoSi^KTic ebcnilii 136 um lOo v. Chi. <-')
' CIGr. 4.S93, Strack o. a. 0. 108. Vyl. auch die Imclirift in den annales du Ser-
vice des anliquiU-s de ['Egypie 1901 II 2S5, Z. 5: Auipliuv 6 cufT^vflt Koi CTpaTi^TÄC
Kai UptOc tdO nXi^Qovc tO>v jiaxaipu^äpuiv.
J Lumbroso, recherches sur rüconomie poliriijue de rögyple tS7o, laSj p, M. Meyer,
Heerweien der Ploltiöäer imil Römer in A^TP^'^n igo^*, 80 und 95; s. ootco S. 328,^.
4 CIA. n 1327; Michel rccneild'inseriptions grecques 10451 ans dem 4. Jahrb. v. Chi.
M. L. Strack, Die Mülleiinnung in Alexandrien. 217
Beamten schlägt solche Zweifel nieder, und den MüUerverein mit seinen
Ältesten und seinem Priester können wir wohl als Innung oder Gilde
bezeichnen. Wie steht es mit diesen im Altertum?
Innungen, Berufsverbände, überhaupt Vereine hat es im pharaoni-
schen Ägypten nicht gegeben mit einer Ausnahme — den Priestern.
Alle die Vorsteher und Vizevorsteher, die Obersten der Silberhaus-
schreiber wie der SchifTmannschaft und Fußtruppen, die Obergärtner,
Oberbarbiere, Oberbaumeister und wie immer die Würdenträger heißen,
die im königlichen Dienst oder dem eines Gottes auftreten, sie zeigen
nur die große Arbeitsteilung, die Freude an Titeln und die entwickelte
Bureaukratie. Niemals hören wir, daß die diesen Oberen untei^ebenen
Handwerker und Beamten oder sonst irgend welche Leute zu Vereinen
sich zusammentaten. Die Titel der Obergärtner, Oberbarbiere, Vorsteher
u. s. w. beweisen es natürlich so wenig wie heute unsere Architekten,
Oberärzte und Obermats, und die Richterkollegien — etwa der Gerichts-
hof der Dreißig aus dem mittleren Reich — haben nichts mit einem
Verein zu tun.
Eine Ausnahme bildet nur die Geistlichkeit, die Kollegien der Priester
an den einzelnen Tempeln, „die Beamtenschaft des Tempels". Sie hat
eine Kasse und Einkünfte und bestimmte Satzungen für die Mitglieder,
die in sich nach Rang und Würde fein abgestuft sind. Natürlich ist diese
Geistlichkeit am NU ebenso wie überall trotz allem Konservatismus der
Veränderung unterworfen gewesen. Dir Einfluß hat gewechselt; der
Hochstand am Ende des neuen Reiches um locxjv. Chr., wo der Ammons-
priester an Stelle des letzten Ramessiden sich die Doppelkrone Ägyptens
aufs Haupt setzt, ist ja bekannt, und früher wie später sehen wir Königs-
macht und Friestermacht in stetem Antagonismus. Ihre Ordnung unter-
einander ändert sich; erst stehen die einzelnen Tempel gleichwertig
nebeneinander, dann erhebt sich der Ammonstempel und seine Friester-
schaft zu überragender Stellung und endlich sehen wir die Teilung der
Tempel in drei Klassen; man spricht von Heiligtümern erster, zweiter,
dritter Ordnung. Und gleichfalls wechselt der Zusammenhang mit dem
Volk." Kasten in strengem Sinne des Wortes, d. h. einen Zwang den
Beruf des Vaters zu ergreifen oder nur im Kreise einer bestimmten
> Es handelt licli hier nur am die nation&l-ägyptischen Priester. Von den griechi-
(chen Kalten, die in größeter Zahl erst mit den PtoIemSeni ins Land kamen, können
wir noch nichts aoissgen; diese PriestcT werden ihren Kollegen im eigentlichen Griechen-
land ihnlich geblieben sein.
3|g
M. L. Strack. Die MiiOeriamBig in AleundcioL
Kaste zu heiraten, bat es zu keiner Zeit gegeben; das haben uns zo
Unrecht die Griechen glauben machen wollen.' Es ist aber leicht ¥b--
ständlich, daß der Sohn des landbauenden oder vidiweidenden Fellachen
wurde, was sein Vater war, Bauer oder Hiite. Und es ist denn auch ge-
■Aöhnüches Herkommen von früh an, daß der priestediclK Berttf wie
jeder andere viele GenerationeD tüodurcb in derselbeQ FaiuiUe erblicfa
blieb, und nur die Qualitikation wechselte, die zum Pncsteramt berecht^e.
So scheint in früher Zeit im alten Reich der priestertiche Stand im aQ-
geineinen sich vererbt m haben,* so sehen wir im neuen Reich Söhne
%'on Beamten als Gütliche und wieder mehr als tausend Jahre später,
in römischer Zeit, ist die Priesterqualifikation beido- Eltern erforderlich;
ist somit die Erblichkeit — aber nicht das Kastenwesen — durchgefiihrt'
Doch von diesen priesteriichen Berufs vereinen, dieser Beamtenschaft des
Tempels führt keine Brücke zu der hmimg der Müller mit ihrem Priester.
Oder doch vielleicht?
Es ist schwanker und unsicherer Boden, den wir betreten; un^chcn
dürfen wir ihn nicht. Es scheint, daß die Priesterschaft nicht so uni-
form und einheitlich ist, wie sie dem ersten Blick sich darstellt, daA
Urteile über die ganze Priesterschaft, wie das obige über die Qualifikation
eingeschränkt werden müssen, da sie nicht auf alle „Priester* gleich-
malUg anzuwenden sind. Aus bestimmten Epochen zum mindesten l^
sich neben der offiziellen Priesterschaft eine Laien- oder „Stundenpriester-
schaft" nachweisen, Leute, die nicht volle Priesterqualität hatten, nicht
nur Priester waren und doch für kirchliche Zwecke organisiert waren.
Erman* kennzeichnet sie als „eine Bruderschaft frommer Laien, die all-
monatlich einen aus ihrer Mitte zum Dienste ihres Gottes delegiert zu
haben scheinen, während sie in corpore sich an den Prozesaonen der
großen Festtage beteiligten. Am Tempelvermögen und seinen Eto-
künften hatten sie keinen Teil und nur auf privater Frömmigkeit beruhte
I &nui, AegTpteD 398; Wiedemtnn, le mvstoii 1S86. les erstes eiv Egypi«- 4ei'
sdLe, Herodots U. Bach Sjy
* Ermtui. Aegyptea 392, 398.
3 Wilcktfi, Atfliiv Ru PapymsforfichiUtg j, tt; Ltuubroco Re«)s«rches mr Vf'COnomte
politiqne 5*. — Die GcsctJosseoheit des rrics-terstandcs stimmi irahl auj dei Zeit der
RMtauntiae oater Psimmeiicli 17. Jahrb. v. Chr.). Für 'die Ptoleniäeneit kom^ea die
^Vonc des Kanopnedclcrcl* (Strack a. a. O. jS Z. x6) in BemcUt: dt hi Tr|v «puU^v
TaOTT]v (di« im J^hie 13S □euenictilcte 5, Phyle) KOTiiXcx6fivai ToOc . . . lepelc . . . xal
TOÖC Tff&nuv 4«TÖ*0l": *'t TÖV (]k£l Xl^*ÖV. Dunit i»l ein ertUdiei V>«»ekt, akvt Bic]u
em nnbediDgtM Verbot fit jeden .^ndctsqafclifidertcn ausgesprochen.
4 Emun, Aeg7pi«n J9|; derselbe, Zdudu. for äg^pt Sprache i&Si XX i&x „leha
VcrUäsc atu dem initÜcrEn ßeich."
ib
M. L. Strack, Die MiillermnuDg in Alexandiiea. 219
es, wenn ihnen die Bürger von Siut von den Erstlingen ihrer Felder ein
Geschenk zukommen ließen". Bekannt ist sie ihm fiir das mittlere Reich,
also vor 2000 v. Chr., ganz vereinzelt zur Zeit der 18. Dynastie (17. Jahr-
hundert) und wieder in ganz später Zeit Mit der letzten ist wohl die
römische Kaiseizeit gemeint, für die Krebs neuerdings auf Grund der
Berliner Fayumpapyrus gleichfalls ähnliche Laienbruderschaften annimmt*
Wir können von der ältesten wie jüngsten uns bis jetzt bezeugten
Epoche dank den Fayumpapyrus ein etwas klareres Bild gewinnen. *
Da sehen wir im mittleren Reich die Laienbruderschaften in vier Phylen
geteilt, jede Phyle mit einem Phylarchen (Abteilungsvorsteher) und
anderen Funktionären wie Tempelschreibem, Voricsepriestem und Priestern
für dies und jenes Sonderamt die Bezahlungen oder Grebühren erheben.
Sie wechseln monatlich ab im Dienst und, wie sichs im Heimatland
des Papiers von selbst versteht, jede Phyle übergiebt der nachfolgen-
den ein neues Inventar mit den nötigen Übergabeurkunden.
„Es berichtet die vierte Abteilung det Tempelt, die Laienpriestertchaft, die in
dietem Monat abtritt Sie lagen nämlich: Alle deine . . . sind in Ordnung. Wir hoben
allet Tempeleigenlnm aufgenommen. Alles Tempeleigentum i«t in Ordnung für die erste
Phyle der Laienprieiter des Tempels, welche in diesem Monat antritt.
Es berichtet die erste Abteilung der Laienpriester dieses Tempels, die in diesem
Monat antritt Sie sagen dies: Alle deine ... sind in Ordnung. Wir übernehmen alle
Geräte des Tempels, alles Eigentum des Tempels in Ordnung von der vierten Pbjle der
Laienpriester dieses Tempels, die in diesem Monat abtritt Der Tempel ist in gutem
Zustande. (Folgt die Nameniliste der neuantretenden Phyle.)
Leider lernen wir nicht, welchen Beruf diese monatlichen Laien-
priester im zivilen Leben ausübten. Erman merkt noch an, daß die
Stundenpriesterschaft zwar auch als Korporation Vertri^ abschlösse,
wie die „Beamtenschaft des Tempels", aber es scheine, daß dieser Ab-
schluß für die einzelnen Mitglieder keine bindende Kraft habe; es seien
mehr freundschaftliche Abmachungen.
Die Laienbriiderschaft der römischen Kaiserzeit kennzeichnet sich
nicht in einem sprechenden Namen. Alle heißen, so scheint es, unter-
schiedslos lEp£tc. Aber manches deutet daraufhin, „daß diese .Priester'
ihr Amt ähnlich wie die altägyptischen Stundenpriester nur als Neben-
beschäftigung neben ihrer sonstigen Berufstätigkeit, wohl meist dem Land-
bau, betrieben". Ihre höchst mangelhafte Bildung, ihre geringe Ab-
J Krebs, Zettschr. f. ägypt Sprache, 1893, XXXI, 36.
> Für das mittlere Reich vergl Borchardt, Zeitschr. f. ägypt Sprache, 1899, XXXVII
89 „der Eweite Papymsfund von Kahun"; & die Kuieneit, Wessely, Denkschriften d.
wien.Akad., 1903, XLVII, 97, „Karanis tmd Soknopaiou Nesos". Von letzterem Auf-
satz geht Hauschildt unten ans, ohne diese Frage weiter lu ber&hreo.
X20
M. L. Strack, Die Miillennnung in Alexondricn.
sonderiang von der Menge bei den Frohnden hob schon Krebs hervor.
Es läßt sich jetzt leicht näheres anführen. Eine Frau heißt EtotoiItic i4pf.ia
äirö KiüfinCf ^i" Mann ist Priester und fjTOiJMevoc Kiiinnc- Leute, die als
Priester bezeichnet werden, haben Eigenbesitz an Haus und Land, sind
Pächter und Bebauer von Domanialland, treiben Handel mit Kamelen/
eiaer ist Matrose {?)' Und, was wichtiger ist, nur eine begrenzte Anzahl
von Priestern sind im kaiserlichen Ag>'pten von der Kopfsteuer befreit,
gehört zur privilegierten Klasse, zu der cives Romani, cives Alexandnni,
die Honoratiorenfamilien der (itiTpoiröXtic u, a. m. sich rechnen dürfen. J
Kurz, eine Scheidung geht durch die ägyptische Priesterschaft der Kaiser^
zeit, der mit den Worten hohe und niedere Geistlichkeit nicht genügend
Rechnung getragen wird. Aber nicht der von Wessely gewählte Aus-
druck Priester-Bauer, sondern „B^^uer-Priester, Händler-Friester*" trifit den
Kern; Laien sind es, die ab und zu als Priester auftraten, angegUedert
an die Tempel — also Lnieninnungen, wie wir sie suchen.
Der (pQövöc OeüJV hat das Bild noch nicht von der Jahrhunderte
Schleier ganz frei werden lassen. Gehört zu diesen Laienpriestern die
TtEVTatpuXia, gehören zu ihnen die nfouMevot i€pfujv, dicirpecßijTtpoi kpeiuv,
die fiTOiJMevoi neviaqjuXiac, der ntoiJytvoc cuvööou KÜJ)n)c Baicxlaboc, uie
dte Papyrus und nach ihnen ICrebs, Wessely, Hauschildt sie uns schiSdem?
Stellen sie vielleicht die Masse der „Priester", die in den Urkunden uns
entgegentreten, und ist die Zahl der eigentlichen Priester gar nicht so
groß? Sind die eigentlichen Priester der verschiedenen Heiligtümer
überhaupt in dieser Organisation mit einbegriffen?
Die Fragen weiß ich nicht zu beantworten oder nur mit Hilfe eines
nicht einwandfreien Mittels, durch den Vergleich der zwei Laienpriester-
schaften, aus dem mittleren Reich und dem kaiseriichen Ägypten. Zwei-
tausend Jahre liegen dazwischen. Viel kann sich ändern in der langea
Zwischenzeit und Gleiches wieder erstehen ohne inneren Zusammenhang,
Hier scheint der Vergleich nicht zu kühn und rauü gemacht werden, bis
reichlichere Quellen sich uns erschlieüen. Zum Glück linden wir noch
Hilfe. Ein Mitteigüed läßt sich aufweisen, geeignet wenigstens einen
Pfeiler der BriJcke und zwar den wichtigsten zu bilden.
Borchard wie Krebs haben auf das große dreisprachige Priesterdekret
des Jahres 231S v. Chr. hingewiesen, -t übeixascht von der Ähnlichkeit der
• Wcisely a. &. O,, 57 und 63 und passim.
« IVp. Oxyr, I, 86. 11; Wücken, Ostraka. 1, 431 Anm. 3.
i P. M. Meyer, Heerwesen 1 IJ, l+i; Wilcken, Ostr»ka I, i^l.
4 Lepuus, das bilinguc Dekret von Konopiu (jS66)i :3lriick a. iL 0.. Anbaue
M. L. Strack, Die Miillerionung in AlexandricD. 221
Friesteroi^anisation, die sich aus ihm für ihre Zeit und die der Ptolemäer
ergibt. Der Hauptpunkt, die Einteilung der Priester, ist dieselbe. Hier
wie dort Abteilungen (Phylen), und ganz dem Dekret entsprechend, das
bekanntlich die Schaffung einer fünften Priesterphyle anordnet, sprechen
die Borchardschen Texte von vier Phylen, die Krebsschen von fünf.
Wie in der alten Zeit, so haben im Jahre 23S diese Abteilungen ihre
Vorsteher (Phylarchen). Wie in der Kaiserzeit, so rechnet in der
Königszeit das Priesterkind zur Phyle des Vorfahren. Ein Priester-
ausschuß ist in römischer wie ptolemäischer Zeit vorhanden, der mehr
Verwaltungsgeschäfte besorgt als priesterliche Funktionen erfüllt, und
hier wie dort wird er in jährlicher Wahl erneuert. ' Natürlich bestehen
auch Unterschiede und gerade bei dem Ausschuß findet sich einer, der
hervorgehoben werden muß. Die Laienbruderschafl der alten Zeit hat
überhaupt kein übergeordnetes Kollegium aus ihren Mitgliedern ; dafür
finden wir viele einzelne Funktionäre; diejenige der Kanopusinschrift
hat ein Kollegium von ßouXeural, das schon vor 238 besteht und in
diesem Jahre verstärkt wird; diejenige der Kaiserzeit hat irpccßuTepoi.
In der Ptolemäerzeit gibt jede Phyle fiinf Buleuten zum Ausschuß, sie
bilden eine richtige Vertretung ihrer Abteilung; in-^er Kaiserzeit ist
dieser Ausschuß auf fünf Leute reduziert, der unabhängig von den Phylen
irgendwie gebildet wird.' Hier also ist Leben im Organismus, doch
nicht mehr. Dafür besitzt die Laienpriesterschaft des kaiserlichen Ägyptens
einen eignen Namen TicVTaqJuXfo,^ unter den Ptolemäem sind sie ol SKKo\
ItpeTc, TÖ irXfieoc töpv Upfujv.* Doch diese Abweichungen, die Fort-
bildungen darstellen, sind nur geeignet die Übereinstimmung im Großen
1 Für die rfimiiche Zeit 1. u. Haoschildt S. 235 f. — Im Kanopusdekret hat der Ans-
■cboC die BrotTfrteilnng bei Festen (Z. 70).
' Huuchildt unten, S. 338.
3 Oder sind unter ihm Priester nnd Lüenpriester vereint, wie sinch unter dem
folgenden Ausdruck?
4 Bei der offiiiellen Aufzählung der Geistlickeit in Beginn des Konopnsdekretes
(und ebenso im gleicfautigen Rosettedekret, vergl. Str&ck, Anbuig 69) werden genannt:
ol &pxicpETc xat npo<pf\Tat xal ol e(c rd Atturov Elciropcuäficvoi itpöc tAv CToXlc^dv
TiSv GeiBv Kai nrcpo^pdpat koI tcpoTpc^ifuiTEtc KOi ot fiXXoi iepctc ot cuvovt^covt«: ix
Tdiv KOTd T^v xihpav Icpäiv. Diese (Z. so o( xaxi t^v xdjpav Up^tc) beschließen unter
andern die Schaffung und Angliederung einer ffinften Phjle irp6c latc Vfiv äirapxoOcaiC
T^ccapci 9uXatc toO irX^Souc tIpv Icp^uiv Tt&v Iw tedcnp Upi|t. Es unterliegt wohl
keinem Zweifel, daß die titellosen Priester, die das Allerhetligstc nicht betreten dürfen,
die gesuchten Laienpriester sind. Das Wort nXf)6oc im Sinne von Vereinigung, Verein,
findet sich in Ägypten (i. n. S. 328 Anm. 7 und oben S. 216 Anm. 2), weiter in Rhodos
nnd Teos (Ziebarth, griechisches Vereinswesen 138. 3}; es hier in dieser Sonderbedeutung
SU nehmen, liegt kein Grund vor.
222
M. L. Strack. Die Mullerinnung in Alexandrien.
klar hervortreten zu lassen. Und als Resultat dürfen wir annehmen: es
hat seit früher Zeit bis zur Kaiserzeit hinab' in Ägypten BruderschaAen
im Anschluß an die Tempel und ihre Priester gegeben, in sich gegliedert
und organisiert, deren Mitglieder als Priester bezeichnet in der Haupt-
sache einen bürgerlichen Beruf hatten. Die Abweichungen — die wir
kennen — werden uns hindern, aus allem Bekannten ein Gesamtbild z:u
entwerfen. Im einzelnen zeitJicii verscliieden ist die Institution als Ganzes
sich gleich geblieben und nach der frühen Zeit zu schhcßcn, rechnen die
eigentlichen Priester nicht zu dem itXiiSoc äep^uiv. der späteren TievTaqjuXia.
Das Resultat bietet den Schlüssel zur Erklärung der Vereinslosigkeit
im pharaonischen Ägypten. Ein Stück von der Wunderlichkeit des
alten Kulturvolkes am Ntl, das so gar nicht von dem sonst im Men-
schen tief wurzelnden Triebe nach Vereinigung ergriffen und regiert SU
sein schien,' löst sich. Vereine, so sehen wir, hat es auch unter den
Fellachen im ganzen Lande gegeben; denn daß dem Bauern im Delta
und bei Asguan recht ist, was seinem uns besser bekannten Genossen
im Fajoim billig war, ist klar, und lä&t sich auch durch Beweise erhärten.
Aber die kluge Priesterschafl bat ihre Organisation frühzeitig in die
Hand genommen, hat in kirchlichen Formen ad maiorem gloriam ihrer.^H
Götter unter Preisgebung ihres eigenen Standesnamen die Menge, oder^^|
wenigstens einen Teil an sich gefesselt^ die Lust des Menschen an Vereinen
und den dazu gehörigen Festen sich dienstbar gemacht Führt von
diesen Bruderschaften die mit den Tempeln und ihrer Priesterschaft im-
löslich verbunden sind, der Weg zur Innung- der Grobbäcker mit
ihrem Priester und Ältesten? Ich glaube nicht. Elie nicht die Pap).Tus
uns lehren, daU die Gewerbe und Berufsarten als solche in den Pro-
zessionen gingen und unter den „Priestern" sich von einander schieden,
■ Eine UntErbiecbung TOr der Zeit der Flolemäer ist gev'iti möglich. Daim «rQiide
die RcstaUTBtiansieit der 26. Dymstie die alle EiDrichtung wiederbelebt Imben.
3 A^'ie der Verfaiser des ,,gFiechischen Veieins Wesens" Ziel>ailh id dem Stti? ]iOKiat:
„Ägfptciii das g.clobcc Land füi Hnndwerksgilden and Ziinftivit.ag iriLl seinen lunftaiti^^^^l
Abgescblosseoen Kuten (S. 100)" ist mir gimt unklar, wenn er den S^ta nichl Aof da«^^H
plolemäiiche Ägypten ein schränkt. Aus pharaoniichec Zeit ist kein Beispiel angeßjhrt.
Die joaxiiTai, die TotcJidiener von Memphis, halien gewiblicb vor Alesuider dem GroCen
ihr«; Aici^f gevp-alt^t, aber gtn^uvT kennen wir sie cnt darch Papyrnt bhe dem z. Jahr-
hundert T.Chr- Dat äe da eine Gilde bilden, ist möglieb, aber nicht einmBJ vrobcschein-
lich. Ein Ausdniek wie 6 htlva Kcci oi |l£t<>xoi beweiEt es nicht; seiner bedienen tjch
such die Pacblgesellscliaflen, die Wilchcn fUi eine von ftolemäua I eingeföhile griechi-
sche N'eueiuDg hall (Oslraka 536), vergl. SleTt«Tde!<lirBtion , ArcUv 1. I43, ("^ leal dI
li^toxoi M^Vi vr« ein kl«tner Bau« spricht Und vor Gericht kfuui nat^Uch eine solche
Ocicltschnft proiesgicren.
M. L, Strack, Die MüUerinnung io Alexandnen. 223
ist es nicht wahrscheinlich, li^t ein anderer Ursprung für unsere Grob-
bäcker und ihre Presbyter näher. Und diesen Beweis werden uns die
Papyrus wohl immer schuldig bleiben.
Geradezu als Probe aufs Exempel aber erscheint es, daß die Ägypti-
schen Kaufleute (und Handwerker?) im Ausland, wo der Priester Macht
nicht hinreichte, zum Verein sich zusammenschlössen. Im Piraeus ist
eine Inschrift gefunden, der zufolge die Athener im Jahre 333 v. Chr.
den Kauf leuten aus Kition erlauben, einen Platz zur Erbauung eines Heilig-
tum der Aphrodite zu erwerben, KflOdiTiep xai ol AtTOimot tö ti^c 'Iciboc
Upöv ?6puvTai. *
Die Zeit unserer Inschrifl — das Ende des dritten vorchristlichen
Jahrhunderts — vereinfacht die weitere Untersuchung in erfreulichster
Weise. Rom, die klassische Stadt für collegia, für die Handwerker-
verbände des Königs Numa, scheidet aus. In der Zeit des zweiten pani-
schen Krieges reicht der römische Einfluß in solchen Fragen nicht über
Kap Malea nach Osten. Für die Interessen italischer Kaufleute ist der Krieg
gegen den Seeräuberstaat der lUyrier an der nördlichen Adria geführt
im Jahre 230 und 229, aber erst das Jahr 212 sieht römische Politik und
römische Strategie in Griechenland tätig und mit dem ferneren Osten
pflegt man am Tiber nur spärliche diplomatische Beziehungen. Damit
entgehen wir einem Wust von Hypothesen, der bis jetzt auf allen Unter-
suchungen über das Vereinswesen des Ostens bleischwer lagerte. Wir
haben es nur mit den Östlichen Völkern zu tun auf der Suche nach dem
Vorbild für die Bäckerinnung, und hier, selbst wenn wir von den Ver-
hältnissen in Tyrus und Gaza mehr wüßten, als es der Fall ist, richtet
sich der Blick für das ptolemäische Ägypten nächst den Ägyptern natur-
gemäß auf die Griechen.
Der Grieche in der Zeit seiner poUtischen Ohnmacht, wo ihn römi-
scher Wille offiziell oder inoffiziell regiert, ist ein Vereinsmeyer erster
Güte. Das höchst verdienstliche Buch Ziebarths* gibt die Beweise auf
vielen Seiten und die lange Vereinsliste des Index macht es ohne Worte
klar. Der Grieche, vordem ihn makedonische Lanzen und das Genie
Alexanders zum Herren der östlichen Welt machten, ist es nur in be-
schränktem Maße. Die Zwischenzeit, die hellenistische Periode der Ale-
I CIA n, 168, Dittenberger fjUage' 551, Micliel recneil 104.
1 E.Ziebuth, Du griechische VerciiuwMen 1S96 (PrcUschriß der JablODOwskitcneb
Gesellscbaft>
234
M. L, Strack, Die MüUerinnting in Alexacdhen.
xandriden oder wie immer man jene Zett von Alexander bis auf Roms
Besitzergreifung nennen wiH, hat das Vereinswesen zur Blüte gebracht
zum Teil wohl erst geschaffen. Das ist der von selbst sich ergebende
Schluß und ihn bestätigt unsere Inschrift. Merkwürdig hat man bis jetit
diesen Schluß verkannt ' oder nicht genügend betont.
Es hat das griechische Vereinswesen eine eigentümliche Form, die
fast allen Spielarten, in der es zu Tage tritt, gemeinsam ist oder wenigstens
der weit überwiegenden Menge: die Verquickung mit einem Kult. Mt
irgend einem Gott oder Heros steht fast jeder griechische Verein in
näherer fieziehung ganz gleich ob er religiöse, wissenschaftliche, künstle-
rische, geschäftliche, gesellige Zwecke verfolgt. Er ahmt darin nur das
Beispiel nach, das der größte Verein, der Staat, ihm gibt, der ohne
inhärente Kirche nicht zu denken ist, ein Beispiel, das dieser wieder
gelcmt hat von seinen ursprünglichen, natürlichen Bestandteilen, den
Familien, und das er übertrug: auf seine künstlich geschaffenen Glieder,
Die Poüs wie die Phylen und Dcmcn haben ihre Gotter in Attika, und
anderswo wirds nicht anders sein. „Es ist eben ohne sacralen Hinter-
grund ursprünglich keine Ordnung- des sittlichen Lebens denkbar."»
Die ersten Jahrhunderte des letzten vorchristlichen Jahrtausends
haben die noMc. den Stadtstaat geschaffen, in dem das Griechentum
seinen eigensten Ausdruck gefunden hat, über den es in Theorie und
Praxis vor Alexander nicht hinausgekommen ist. Aufs engste gehört
der noXinic zur itöVic, mag sie bestehen oder vom Erdboden vertilgt sein
durch den Feind wie Aegitia und Mcssene, und ungern teilt das Volk
seine Bürgerrechte dem Fremden mit Viele, viele Städte sind Ln der
großen Kolonialperiode von 750 — 55° gegründet, so daß sie wie ein
Saum den Mittelmeerländern angewebt schienen nach einem alten Wort,
nirgends ist es zu größeren Bildungen festerer Fügung gekommen und jede
iß festen Formen konstituierte Stadt zeigt die der ttö^ic inhärente Eigen-
schaft der ExcUisivität von neuem. Mit dem hellenistischen Zeitalter wird es
anders ; die Stadt hat ihre beherrschende Rolle ausgespielt, das Reich tritt an
ihre Stelle, die Freizügigkeit kommt gegenüber der engen Gebundenheit
zur Geltung. Den Gründen nachgehen, hieße das Ziel aus den Augen
verlieren und griechische Geschichte erzählen. Nur eins muQ betont
■ SchocmanuLipsLus, Griecbiichc Altcitüiner, ipt»,. H 571 ; Francottc, l'indattrie
daiu la Grcice inci'Cniie, ic)Oi, II 201.
» üsener. Über vergleiclieiide SiU«n- und RccbUgeschichte. Soadcc^diuck 1903,
S. 39. — Scliocniann-Lipiioi ri, 56&. — FrancoHc, l'mdusirie itai U Greee aaeiemie,
1901, II, 20a. — ■VVilamowitj-Möllendorf, Antigenes vöQ K-arystos 376.
lä. 8. tQOj,
M. L. Strack, Die MüUerinnuDg in Alexandrien. 225
werden. Es verändert sich in der Geschichte nichts über Nacht wie im
Märchen. Das ganze Jahrhundert vor Alexander und mehr als dies
haben dem Resultat vorgearbeitet, das die hellenistische Periode zeitigt
Innere Revolution und äußere Kriege haben die Griechen zu vielen
Tausenden aus ihren itöXeic flüchtig gemacht, so daß man um 350 ein
besseres und größeres Heer aus denen rüsten konnte, die heimatlos in
Griechenland umherirrten, als aus denen, die in den einzelnen Staaten als
Bürger lebten.* Die wirtschaftliche Entwicklung trieb zum Großbetrieb
und große Handelsstädte wie Athen öffneten wenigstens ihre Stadttore
für fremde Industrielle und Kaufleute, wenn sie auch nach schlechter
alter Sitte das Bü^errecht ängstlich für die ihrigen weiter reservierten.
Was soU der Exkurs? Ich habe oben gesagt, das griechische
Vereinswesen sei erst nach Alexander zu stärkerer Blüte gekommen.
Die obigen Bemerkungen liefern die Erklärung; auf den Trümmern der
nöXic im großem Verband der Reiche erwächst der Verein. Und wie
die TTÖXtc langsam zergeht, so erstarkt langsam das Vereinswesen. Steht
man, wie billig, ab von Familienkulten und -Genossenschaften sowie von
polirischen Klubs, so sind in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts und
in das 4. Jahrhundert die Anfänge des privaten Vereinswesens zu legen.
Die 6facoi, die ernstgemeinten Kultvereinigungen wie die frohUchen Eß-
und Trinkklubs mit offizieller religiöser Maske reichen mit Zeugnissen
bis mindestens an den Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr.,* in Wahr-
heit wird mancher etacoc älter sein. Die wissenschaftlichen und künstle-
rischen Vereine sind nicht viel jünger und werden kaum weit über
die gefundene Grenze hinausgehen. Für die Handelsgilden und Hand-
werkerverbande — auch sie später zum Teil reli^ös organisiert — glaubt
einer der besten Kenner ungefähr die gleiche Entstehungszeit annehmen
zu sollen J und sucht aus den Inschriften Vereine von Ärzten — sie
gehören nach der Ansicht der Alten zu den brifxioupTol — in Kos und
Athen, sowie Spuren von Töpfer-, Schmiede-, WalkergUden zu erweisen.
Dem ist widersprochen worden und wohl mit Recht* Bis jetzt beweisen
die Inschriften nur die Ebdstenz dieser Berufsarten und zeigen, daß ihre
Vertreter ad hoc sich vereinigen, aber für Korporationen oder Bruder-
schaften liegt aus so früher Zeit bis jetzt kein Beweis vor. Damit ist
» Isokntei V, 96 („Philippoi" »u« dem J«hr 346).
' Foucwt, des usociatioiu religieuses chec les Grecs (1S73) S. 55 f. Ziebuth
ft. ». O. 36.
3 Ziebaitb.
4 Schoemum-Lipsini 11 (i902\ 571; Francotte U, 200B.
Zcilscbr. f. ä. ncnieiL Wiu. Jahrji, tV. 190]. | J
226
M. L. Stiaclc, Die MüUennnuDg !□ Alexandriec
nicht g-esagt. daüwir durch neue Funde njeht eines Tages eines Besserea
belehrt werden können, und Handelsgilden zum mindesten lassen sieb
schon heut nachweisen, nur nicht da, wo man sie bis jetzt gesucht hat
im Bereich der tt6Xic, sondern auswärts, wo man den griechischen Kauf-
mann wolil schätzte, aber die Macht besaß die nöXic-Konstituiening lu
hindern — in den alten Kulturländern. Babylon und die phöniäschen
Städte versagen bis jetzt. Vom Ägypten des Pharaos Amasis, des
Philhellenisten, erzählt aber Herodot:' <I)iX4XXriv Öe ftvÖMtvoc ö 'AjiCtac
dXX« te ic 'EXXriviuv ^CTcterepovc ^ittbiiaro, Koi ft#| Koä ToTa dmicveif-
ji^voici ic ATfunTov IbiuKf. Naüttpanv ttöXiv ^voiKfjccti' toia 6J; itf\ ßouXo-
jilvoici aÜTiüv oiK^iv, cOtoü bi vouTlXXojitVOlci, tb\UKi xiiJpouc ^viftpücocBo«
Puujioiic Kai TEn^VEH Öeoici.TÖ nfv vüv ^^TicTOv oTjTifiv T^wcvoc Kai ovo-
pacTÖTOTov ^öv Kai xPIciniÜTttTOV, KoXeÜMEVov bt'EXXnviov. aTÖe iröXik
ela ai Ibpu^evai Koivf|, 'lüJvujv ufev Xioc Kai T^tuc Kol «fcuJKOia Kcd KXalo-
ycvai, Aiiipi€UJV bi. 'Pöboc Kai Kviboc Kai 'AXiKopvriccöc kkI «tJäcnXtc
AioXtUJV bk }) MuTiXqvafujv ^oüvir tout^wv tiiv icn toüto tÖ T^fjevoc,
Kai TtpocräTac toO ^niiopiou aöiai ai iröXitc e£ci ai naptxouccti ■ öcoi 6t
äXXai TTÖXtec neTanoitüvTcri, ovHv cipi M^t^v ^leTanoieOvrai , X'J>plc ^^ Aifi-
vtiTai im 4WUTÜIV iapücavTO Tlpevoc Aiöc, K«i äXla Zdjjicn 'Hpllc Kai
MiXiicioi "AfföXXwvoc.
Wie man sich die Aegnneten, Samier, Milesier mit ihren Heilig-
tümern anders denken soll denn als religiös konstituierte Handelsgilden-
ist nicht wohl einzusehen.* Sie bieten das Gegenbild älteren Datums
der Ägypter im Piräus.
Laien brudersc haften auf der einen Seite, eng mit der Priesterschaft
in Ägypten verbunden seit alter Zeit, daneben keinerlei Innung oder
I Herodot H, 17S.
' Gaitis (Digest 47, 3iO bat uns ein Solonigcbes Gesetz bewahrt,, äes nacli WiluutnnU
(AötigöBOB aus KflTyElos 278) folgenden Worüaiif hat: ^dv bi fc?|noC f| •pptrcipfc fi öpf^VEC
f^ TEv-yflTai (fl Upiliv ÖpTftuJV f| voötoi coAä.) f\ cücciToi f| öjJOTclpoi, P\ ÜianCtrai f\ ^itJ JLctav
o(XiJ|jtvoi fli tlc ^unopiav. ön &v Tö(jTiuvbicieiIivTai<rivec> itpöc dX3iT|Xovc, Küpiov «iwi,
tiv »V] &iTaYop£ui3 TA brmdcui tpätt^ta-vii, Caraut väre die Existeni von Kult vereinen
um 60D lu falgem. Eine Handelsgilde aber folgt dlaraus so -wenig wie eine Knpereigiltle.
Mit ivi ketav ofxö^Evoi f] tic ^^iroplav sind Gesdlschaften ad hoc gemeint. Doch ui
die Z-cit dieacE .altaltiEchen Verein ügCG et tes mir scbr frnglicb. Ich könnte mir wobl
denken, daß es Im teilten Jnhriehnt dei 5. Jahrhunderts bei d«n Veifassongsrcvisionea
entstand, wo mui lut trrfTplflC itiAtTifCn vor K.ieisticn-es surückgelien wollte, Di« sorg-
»ime V«imcidung seiner Vollcscinteilung in Fhylcn und Demcn spriclil dafUr. Wäre
dem so, so würde das Schweigen übti Hnndwerken'erbände, Ilaadelsgildeo , Eüqitler.
vereioe wQtl ihr Nichtbestehen um ^oo -wahrscheinlich machen.
J
M. L. Strack, Die Müllerinaung in Alexandrien. 227
Gilde — Vereine verschiedener Art, meistens religiös organisiert, auf
der andern Seite, seit dem ausgehenden fünften Jahrhundert in fort-
schreitender Entwicklung, das ist das Bild etwa um 323 v. Chr., als
Ftolemäus I sich zum Herren Ägyptens machte. Handelsgilden der
Griechen glaubten wir in den ungriechischen alten Kulturländern an-
nehmen zu dürfen, vielleicht auch in den großen Handelsplätzen jener
Zeit wie Athen, Handwerkergilden gab es nicht. Wie sieht es aus unter
den Ptolemäem?
Die Staatsform des ptolemäischen Ägyptens ist die absolute Monarchie.
Der König regiert uneingeschränkt Das Söldnerheer stützt ihm den
Thron, ein Heer von Beamten fuhrt seine Anordnungen liir die Verwaltung
aus. Selbständigkeit, Autonomie gibt es nicht am Nil. Mit Ptolemais
in Oberägypten ist einmal ein schwacher Versuch vom König gemacht,
eine griechische nöXic dem absoluten Regiment einzufügen, ' Alexandrien
wie auch wohl Naukratis genießen Vorrechte, ihre Büi^erschaft ist wie
die attische in Phylen und Demen geteilt, an dem Absolutismus der
monarchischen Gewalt ändert es nichts.
Das ist durchaus das Regierungsprinzip der Pharaonen. Aber die
makedonischen Könige, deren erstem ein athenischer Staatsmann bei
der Einrichtung des eroberten Landes zur Hand ging,» haben den griechi-
schen Einschlag in der Bevölkerung nicht vei^essen, haben ihrem
menschlichen Bedürfnis sich zusammenzutun, um gemeinsam zu raten
und zu taten, Rechnung getragen. Das Vereinsleben blüht am Nil, seit
griechische Herrscher dort regieren, und ebenso in dem eng zum Kem-
land gehörigen Kypros. Alle Arten Vereine finden wir, und <^e meisten
von ihnen, wenn nicht alle, sind in religiösen Formen konstituiert. 3 So
gibt es reinkultliche Vereine, öiacoi, für die das Opfer aber wohl nur
der B^pnn der Schmauserei ist,* und solche die ihren gesellschafl-
lichen Charakter im Namen deutlich aussprechen, s wissenschaft-
' BulL corresp. hellen. 1897, XXI, 189. Die IntchriftCD aind wiederholt im Archiv
fiör Fapynisfonchimg I, 202 t.
' Demetrins von Fbaleron, der lehn Jahre lang als npocTdrtic Athens StutswescD
geleitet hat, geht 297 an den Hof des Ftolemäus und hat bei ihm bis in des Könige
Tod 383 in hohen Ehren gestanden. (VergL Pauly-Wissowa s, v. Demetrios.)
3 Lumbroio, ricerche Alessandrine in den Meinorie RcaL acad. di Torino, XXII, 78,
„dei sodalici alessandrini", der aber im Jahre 1871 noch nicht viel bringen konnte. —
Sebarth, Vereinswesen passim (Index s. t.) — Wilcken Ostralca I, 331. — P. M. Heyer,
Heerwesen passim.
4 Athenäus 5, 197; Plntarcli, Kleomenet 34, 1 ; Strack Djmaitie, Anhang 76.
i TCtouiCTot am Ende des 3. Jahrhunderts, Atbenäai 6, 24a; cOvoboc d^i^?|Toß(ujv,
IS*
2Z8
M. L. Sirack, Die Müllerinouitg in Alcxandrien.
liehe, ■• künstlerische,' militärisch« UMs landsmannschaftlicher Art, teils
garnisonsweise geeint.^ Vereine junger Männer.^ Haüdelsgüden,» Acker-
bauer-' und Handwerkervereine.' Für die letzten sad nun und fiir die
ganze Epoche unsere braunen Brotbäcker die klassischen Zeugen. Denn
das versteht sich von selbst, wenn es die Innung der Grobbäcker im
Ptolemäeireich friiher Zeit in der Landeshauptstadt gibt, so stehen ihr
zur Seite die Innungen der Walker und Wäscher, der Schuster und
Schneider, kurz aUer Gewerbe. Und daÜ das Innungswesen nicht nur
auf die Großstadt an der See beschränkt war, dafür können die organi-
sierten Konditorgenossen aus dem Fayum und die Tischler aus Ober-
äg/pten als Zeugen auftreten, wenn wir sie auch erst aus fhihrömischer
Zeit kennen. Damit ist viel gewonnea Die alte Streitfrage, ob die
Handwerkervereine griechisch oder romischen Ursprungs seien, die mit
merkwürdiger Beharrlichkeit günstig für Rom beantwortet wurde, ist
c6va?>oc cuvQTiDBavouM^viuv, Flucuch, Antonius 23 und 71; vcr^l. LambrosOj l'Egitto dei
Greci e d«i Romkni > (ES9J), 74,
■ t. B. MascioD in AlexaDdiien, Stroko 794C VeigL LumbToto, ricercbe, Sondci-
abdnielc S2; Ziebartlj 73.
■ Insctiriften ai» PtQleqiaiE, StracV Anhang ]J, 36 — aus Kypros cb-endA tjg — t2V
i Strick 77, g5, 108. ti2, 117, 120, 124, 161, Bull. coir. hell, XX, 177 meist aat
Kypros; »ergL P. M. Meyer, Heerwesen yj, 9} und oben S. 21G Anra. 2.
* Straclc t^i, 143 — nuf Kypro^ <|S, t:D.
} f| c6voboc Tiiiv 4w 'fAelavhpiltf npEcßuT^piuv ^bax^uJV (d, b. Spediteur«), 5tn,ci
TtJ, 118 (Steine &uf Ddos geftindeD ^lu der zweitea HllFte des Eweiten J*hrliu«4«ite
T. Chr.).
^ f| riivoöoc TÜiv cuvteiCtxuJV aas Alexajidrieii. Envithnt von Botti, ea.taIo£it« dn
mu<6e d'AlexaU'iIiie' 159, 24 a\s dn PtDtemä.vrze)< nngebüng (Jshr SO eines Köni^). Die
Inschrifl findet «ich: Rivista cgiüatia 1S93, Yi 24.4. BattS; Ziebuith a. a. O. atj mii
meikwüTdiger Verkennimg der Warte; Archiv I, 309, 25. — Hecuii,iehen kuin ai»n ei»'
Inichriri ftiu Alexandiicn aus dem Jahr 2j oder 3711. Chr., wo f] cdvo&oc fciupplrv
Kcicnpac gcnuint is.t. Ziebartli 213; Bolti a. o. O. 2üä, 64.
: Mit dem Beweis fiir die Ulitc Klisse sUad ts aUsfdings sehleeM bi« jetit nnd
P.M. Meyers nehauptung (Hccnrcsen 49), daG die Gewerbetreibenden und Handwerker
des Fayuni Zünfte und Gilden bilden, war reichlich Itiün. Wir hatten bexeu^ nur nj
■rtififlQt TÜiv 4ird 1ÖÖ 'Apcivotirpu «qaapoupTi'i'V it«i ii\ai(ouvTonoiiipv ans dem Fa>-noi
vom Jahre 3 n. Chr., und oi diti TTroheMalftoc t^xrovec irptcß<!n€pOi tnii Priester ans
Oberögypteit vom Jahr 46 11. Chr. (Lutnbroso, recherches 134. — fflebarth »13, cr-wihRt
Botti cutol.' 363, 47i iien sourenir des envoy^e de FtoUinais". Sollten die Zlramcrleatc
nicht dastehen?), beide erst aas römiscber Zeit, Was sonst aJs Beweis vorgebracht wurde,
wir nicht twingerid. So die besondern Begrub tiispUtse der SehusCet ^nd Leichen-
baliomieter, die Pap, griech. Far. s ncsncn soll (CKUT^iuv Tob TTnÖupiTOU , TaptxeOiwv
Tüiv iK ToO KoictItou) und diurch die eine gitdenordge Gcs'ChloEieiiheit der beiden. Ge-
werbe sich ergäbe, so die StiolLennamtn (Leine weberstraJIe, FischerstroCc)!, so die ~ntel
icTUJvdpxric ätpXovrjXaiiTic fWilckcn, Ostiaka 1, 331). DaJJ hier »ach andere Elrklämn^a
xnllssig sind, hitiucbt wohl nicht Aiisgefübrt lu «erdeo. Für die Choaetiyteei, die Zicbanh
a> L O, 100 heranzieht, s. 0, S. 22z Anm. 2.
J
M. L. Strack, Die MiillerimiuDg in Alexandrieo. 229
aus der Welt geschafft. Griechischer Ursprung ist sicher und wieder
rächt sich, daß man gemeinhin nur bis Alexander griechische Geschichte
lernt, mn sie bei dem Einwirken der Römer wieder aufzunehmen. Als
ob nicht gerade die zwischenliegende Zeit, die Königreiche der Ale-
xandriden die Grundlage fiir den ganzen späteren Bau gelegt hätten.
Die alte Streitfrage ist erledigt; fast wandelt einen die Lust an, den
Spieß umzudrehen und die angeblich aus Königs Numa Zeit stammenden
römischen Handwerkerkorporationen nach der Glaubwürdigkeit ihres Ur*
Sprungszeugnisses zu fragen? Es ist nicht alles wahr, was man aus
römischer Königszeit uns berichtet. Doch hat die naheliegende An-
nahme, daß im Osten und Westen diese Innungen frei von dnander
entstanden sind, die Wahrheit wohl auf ihrer Seite.
Etwas anderes fordert noch Antwort Hat König Ptolemäus —
unter den ersten vier haben wir die Auswahl — nur den Griechen einen
Gefallen getan, und ihre Organisation ohne weitere Absicht auf die
Fellachen übertragen lassen ? Ich denke nicht, und glaube, daß hier ein
Schachzug gegen die Priesterwelt sich zu erkennen gibt, der würdig
jener genialen Finanzoperation des zweiten Königs an die Seite tritt,
durch die den Priestern die materielle Unterlage ihrer Macht genommen
wurde, ohne daß sie murren durften. Seit der Auffindung des sog.
Revenue-Papyrus ' können wir die letztere würdigen. Die Tempel hatten
von früher her reiche Einkünfte aus einer Ertragsabgabe gewisser
Pflanzungen in Ägypten wie Rebländer und Nutzgärten. Im jähre 264
bestimmte der König, daß seine jüngst zur Göttin erhobene verstorbene
Schwester -Gemahlin Arsinoe, cüwaoc Ocd in den Tempeln der alten
ägyptischen Gottheiten werden und ihrem Kult die Quote fortan zu gute
kommen solle. Die Verwaltung und Einziehung des Ertrages übernahmen
die königlichen Behörden. * Mit andern Worten, die Steuer floß in des
Königs Kasse fortan statt in die Tempelkassen und die Priesterschaften
wurden finanziell vom Fiskus abhängig. Aber die Macht über die Menge
hatten sie noch, und sie auszuüben und zu behaupten war die Laien-
priesterschaft das geeignete Mittel. Und was war der Erfolg enei^ch
durclt^eführter Vereinsgründungen nach griechischem Muster unter den
Fellachen? Zweifellos die Emanzipierung der Bevölkerung von der
Priestcrschaf^ ein Ziel aufs inn^stc zu wünschen für den Fremdherrscher
am Nil, tmd das Mittel war des großen Zieles wert 3 Das Ziel ward
I Grenfell'MthRß'y, Rerenae Laws of Rolem; Philftdelpbi».
' Wilcken, Ottr&ka I, 134.
3 Die AnfGndimg des alexandtin. Steint hat die Dunkelheit etwas gelichtet, die
230 H. L. Strack, Die MnDennnmg in AlezandiieB.
nicht erreicht, wenn bb hierfaia die Quellen licfaäg interpretiert sind; <fie
Laienpriesterschaft in der Rosettana, dem Dekret der ecdesia trimxqrfians,
gegeben unter der R^ienn^ des Kindes Ptolentans V. Epipbanes^ und
die Laienpriesterschaft der römischen Papyrus spricht dagegen. Dafi es
nicht einmal ins Auge gcfaCt sei, ist damit nicht gesagt*
Die kleine Weihung der Grobbäcker aus Alexandrien hat meiir ge-
lehrt als ihr erster Anblick vermuten läfit. Die Berechtiguiig, sie in
dieser Zeitschrift zo besprechen, habe ich no<^ za erbringen. Ich ent-
nehme sie dem KoQ^^ium der itpcc^ütcpoi.
Hauschildt hat dargelegt, dafi im Fayum der römiscben Kaiser-
zeit der Ausschuß des PriesteikoQegiunis wie der der Dorl^siieiixle oi
icpccßÜTEpoi genannt wird, da£ dieser Name ein "Htel, nnabbaiig^ vom
AHer des Inhabers, ist, and daQ er nicht nur koQektivistiscii gcbcancfat
wird, sondern im Singular dem einzehien AusschoEimi^Iied znkonmit ö
beva irpecßirTEpoc ttjc witjOYC Er hätte für seine Zeit noch aus rf^rrn
Jahre 109 n. Chr. den Ansschufi der Weber zitieren dürfen .oi irpccßÜTEpoi
T^iot", zumal diese Altesten einen Spetseraum haben,* der noch im
Fayum im GrundriD in Augenst^iein genommen werden laiUL
Die iqjccßÜTepoi rSn dXupoKÖtnuv fuhren uns zwei yoUe Jahdumderte
weiter zurück. Ich gebe im Folgenden eine Liste der mir überfaaupt be-
kannten .JVltesten" aus ptt^emäischer Zeit, nebst einer zeitlicli nahe-
stehenden aus der römischen KaiserzoL
Zdt ▼. Chr. Gut Bd^
1 355 Tl^ofoc rat oi «pec0vt«p« (ot rape- FCndai Petric P*p, n. 4.
crrffAnc)
2 Zwisden 217—405 ol iqie#rnpat Tdnr UupOKdmrr ansere Inschrift
3 IS7 ol im -rtnu vpcc^ÜTtpot GradeO, greek Psp. I, 1 1 f >1
aQ,(')3T
4 X. Jahsh. ol iK Tr|c vdiMi)c vpcc^&tqKN Amhent P^. Q, 3Q
ifaer da- EBtwtdlan^ da Vereinawesciis lag. Erst wom nd mdr NacItricliC^ gms
Alczandrien md tot allem ans Anäocliiea, Selescu a. s. w. no di e gen , wird im» es toU
TentehcB.
I TidteiclU Tcrfolcte «an b« der Schafimig der 5. PriestcrpltTle ^ TT pfi n iiiDini Q jju^i m
«^«rri qwilJI Twv EOcfTTCTliiv 6edv dusdbc ZlcL iKaiuqnudckret 24); vi^IieicM aber
ist hier ucb ein Gegenmg der Priester n erblicken
' GrenfeO-Hniit, Farnm tvwiu and their papyri 1900, S. 54. Kalkitrm sxs Hxrit:
hivtr^rfipm sp cc^VT^pujv -jfpbiart, twi Nc^cpiü -toc toO Ke^mUtoc ypom tlo O. j 'Hpun
£tp<>V» ^* iT<t0<ji. (Cnvc) 10 TpcDovoO Kmopoc ] igö RUpioii. 4>appaOSi ^
M. L. Strack, Die Müllerinnung in Alexandrien. 231
Zeit V. Chr. Citri Beleg
5 Zwischen 123 — 116 i\ cCvAbocTi&v ^v 'AXe&ivbpdi} npec- 3 Inschriften, Bnl]. coir.faeU.
ßuT^poiv i^boxituv XI,249,35z=Str«ck,Dy-
Dutie 115, 118
6 117 ol npecßäTepoi TtDv jeasp^v Tebtun. Pap. 40'
7 114 Inipiiientng des Dammes dnrcli Klu^o- Tebtun. Pap. 13
TpOfiMcmOccäv'fipiui Kiu^dpxnO
ml TTdravi xal JUXoic iipec(puT^poic)
TlDv YHi)(pTiöv)
8 113 Kla.ge an den KUi>iOTp(i)i^aTEi>c Ttopd Tebtun. Pap. 4S
TOO KUt^dpXOU KClt TlSv TTpCCßUT^pWV
9 113 KuiMdpxr^c KOi ol npECßfrrcpoi tiAv Tebtun. Pap. 50
TCUjpTTÖV
to 3/1 Jahrh. TtpEcß6TCpoiT(&VT€u]pT<[iVKaloi&Uu>i Grenfell, gieek Pap. II,
ol Td ßociXiKd -npaTfiaTEuÖMevoi 37, 4
1 1 2/1 Jahrh. 6 itpecßOTEpoc rffi Ktbta\c Pap. Leiden A.
12 Zwischen 36 — 300t &itii AiocicöXcwc Tf)c fJcrdXTic CJ Gr. 4717
UpEic ToO tierlcTOuOcoO'AMovpacuiv&^p
Koi ol 1TpECß6TEp01 Ksl ot fiXXoi IKIvTEC
13 46n-Chr. oi dnd TTToXEiial&oc t^ktovcc npcc- Inschrift aus Alexandrieoi
pOrepOl SebaithtVeieintweien 313
Die Liste ist an sich nicht groß, und schrumpft bei Zusammen-
fassung des Gleichartigen noch bedeutend zusammen. Oi dnö toO töttou
npecßÜTCpoi sind allerdings nicht dieselben wie oi ^k Tt^c Kiüfxric irp€C-
ßiirepoi; denn im töttoc (TOTrapx(ai) liegen die KÜi^ai, so daß die erst-
genannten iTpecpÖTtpoi vornehmerer Art sind. Aber schwerlich wird man
den Nichtbauera der Ideinen Dörfer um-echt tun, wenn man oi £x Tf)c
K\imr\c Trpccßiirepoi mit ol irpecpürepoi tiSv TtujpTwv gleicht Das darf trotz-
dem nicht zu dem Schluß verleiten, daß die Institution der Presbyter wenig
verbreitet unter den 7 Millionen Untertanen der Ptolemäer am Nil ge-
wesen sei. Es muß immer wieder betont werden, daß wir von der
Hauptstadt Alexandrien mit ihren 300000 Einwohnern und den andern
größeren Städten erst in neuester Zeit einige dürftige Kunde erhalten. Kauf-
leute, Handwericer, Bauern sind vertreten mit ihren „Ältesten", die letzteren
mit den zahlreichsten Beispielen. Nicht etwa weil von ihnen die Institution
ausgeht und sie bei ihnen am meisten verbreitet ist, sondern weil die Quellen,
aus denen wir schöpfen, die Papyrus, aus den ländlichen Gemeinden stammen.
In wie weite Kreise die Presbyter Eingang gefunden haben, wissen wir
also nicht. Nur eins steht fes^ es fehlen die Soldaten und die GeistUch-
I Sie werden cuiammengenannt mit dem ^mcrdTT^C Tf^C Kib)XTiC, dem dpxi<pi>XaKCTT]C
und dem nmiarTponnumüc
keif Oder ist däs schon zu viel behauptet? Ziebärtli hat zu unseren
TTpecPÜTtpot ^T^oxcic und nptcßiÜTepoi tcktovec die BerncrJcung gemacht,*
da& aus der Bezeichnung np*cßt!i«poi sich zum mindesten noch ein
gleicher Verein in derselben Stadt erschUeüen lasse. Mit andern Worten
die Spediteure und Tischler müssen wii streichen; es handelt: sich gar
nicht um Alteste, sondern um zwei oder mehrere Vereine, die geschieden
werden wie Brüder, npecßÜTtpoc-vtÜJXtpoc. Das wäre eine traurige Ein-
buße und unsere Grobbäcl^er stiegen noch höher im Ansehen; sie warfto
umci neben den Bauern. Aber es ist nicht so, wie Ziebärtli es sich denkti
-TTpEcßÜTfpäi und VEdjTEpoi, senioFcs und iuntores, sind die natürlichen Teile
eines und desselben Vereins. Die jüngeren Spediteure und Tischler
kennen wir noch nicht inschriftlich, aber als in der oberagypti sehen Stadt
Ptolemais im 3. Jahrhundert v. Chr. eine Änderung des Wahlmodus Platz
greifen soll, ^ da erregen ol vedjTcpoi Kai o\ aXXoi noXTim einen Krawaü.
So gut wie diese vtibiepoi Bürger von Ftolemais sind, zusammen mit
andern, so gut gehören die npecpürepoi ^f^oxcTc in einen Verein mit
andern Jüngern Spediteuren, Der Sprachgebrauch der PapjTus aus
römischer Zeit, wo die npccßOrepoi UpeTc ntVTatpuXiac, npEcßÜTCpoi lipiii
TTpiimc (puXiic neben den nptcßÜTCpoi tlüv tepeujv stehen, bestätigt diese
Auffassung durchsus. Und da& im allgemeinen nur die Alteren aus-
gezeichnet sind, die andern die Masse der Vereinsmitglieder ohne weitere
Bezeichnung bilden, ist nur in der Ordnung.
Die TcpccßÜTEpoi tektovcc wie die npecßÜTtpoi imv ÖXupoKÖutuv liaben
einen UpeOc, wahrscheinlich gehört er selbst zu ihnen. Die religiöse
Form des griechischen Vereins ist also in diesen aus griechischen Städten
stammenden Handwerkcrgildtn gewahrt. Die TipecguTtpoi Ttic Kwjirjt
— es findet sich auch 6 nptcßÜTepoc rnc Kibfir\c (Pap. Leyd. A.) — und
ebenso wohl die des TÖiroc haben keinen Priester; er ist auch nicht zu
erwarten bei ihrer engen Verbindung mit der eigentlichen PriesterscliafL
Die Institution selbst der „Ältesten" gewinnt allmählig an Boden. Das
wird man aus dem Nebeneinanderbestehen der beiden eben besprochenen
Ausdrucks weisen schlieQen dürfen; man empfand den Wortsinn hier
mehr, dort weniger. Bewiesen wird es durch die TrptcpüTtpoi Up^iuv der
Kaiserzeit, die^ diesen Namen, allerdings mit Änderung der Institution für
den der ßou^eutöi iipeic ptolemäischen Regimentes eingetauscht haben.
Das etwa ist das Tatsächliche. Eine Reihe von Fragen drängt
I Der FneKterausEschuD. d«T Pbylen im KuiopuBdekret heii^lDt ctKoci (irfvTcJ ßouXcvrai
lepEic und wild jUiiLieU gewählt,
' Ziebarth, VcreiiiswKsen, 30, 213. 3 Bull. cott. hell. XXI, 189 •>= Aichiv I, 203, ^
M. L. Strack, Die MülleriimuDg in Alexandrien. 233
heran. Waren die -npecßurepoi wirklich die Ältesten, oder ist ihr Name
auch hier zwei bis drei Jahrhunderte vor Christi Geburt ein bloßer Titel,
damals als in der vornehmen Welt gleichfalls die Lust an Orden und
Titeln sich breit machten und dem Geschmack vom König Rechnung
getragen wurde? Woher stammt der Name? Was ist mit ihm be-
zweckt, hat der ewig geldgierige Hof der Ptolemäer in dieser Institu-
tion eine Erieichterung bei seinen Steuerforderungen erblickt, oder
liegt überhaupt keine Absicht zu Grunde, und hat sich dies Kollegium
in den Vereinen von selbst gebildet? Wie werden sie ernannt,
wie lange amtierten sie und worin bestanden ihre Geschäfte? Die
Antworten stellen sich nur spärHch ein und müssen für jedes Pres-
byterkollegium gesondert gegeben werden, die nicht unter einander
gleich eingerichtet sein müssen. Am meisten wissen wir noch von den
Dorfältesten mit ihrem Dorfschulzen an der Spitze, die im Verein mit
dem etwas höherstehenden Dorfschreiber ihre Angelegenheiten, Frohnden
und Steuern, besolden;' eine genauere Ausführung gehört nicht hierher-
Nur eins sei noch betont. TTpEcßurepot kommen im griechischen Vereins-
leben außerhalb Ägyptens so gut wie gar nicht vor, wenn man wie
billig von den npecßOTCpot als Verein im Gegensatz zu dem Verein der
v£oi absieht, die sonst auch t^povtec sich nennen. Ziebarths Sammlung
weist nur (i^vui&ol TTpccßÜTEpoi aus NikopoUs in Thrakien und in Tanais
npECßürepoc als Amtsbezeichnung auf. Beides aus späterer Kaiserzeit,
so daß von Entlehnung oder Nachahmung nicht die Rede sein kann.
Sowie die Förderung des Vereinswesens und die Ausdehnung auf die
einheimische Bevölkerung bewußt von den ersten Ptolemäem zu politi-
schen Zwecken ins Werk gesetzt ist, so ist die Schaffung dieses Ältesten-
Ausschusses von ihnen ausgegangen. Ob Demetrius von Phaleron, der
in seiner Heimat die Institution der Ephebie neu oi^anisiert hatte, von
hier die Anregung mitgebracht hat oder ob die Syssitien Kretas und
Spartas das Vorbild abgaben, darüber gibt es nur Vermutungen. Von
Makedonien, dem Heimatland des Ptolemäus wissen wir gar nichts, von
den Eindrücken, die er auf den langen Feldzügen Alexanders im Osten
empfing, auch nicht Hier heißt es sich bescheiden. Nur weitere Funde
können die Kenntnis von den ttpecßOrcpot über die letzten drei Jahr-
> Weit höher steht der KUJ^0Tpc4iM(tT€<^ sher nicht In rftmiicber Zeit wenigstens
vertreten ihn die irpEcßOTEpoi gelegentlich. Berl. Ftp. ans 2. Jahrh. n. Gir. BGU. I, 6,
Wilcken, Henne* XXm, 598 <oiT Kai ol Aoinol itpEcßÖTEpoi t>iabexöfi€VoiKal Td KQTd
TJjv KU((U>Tp{a^)iaT6(av) ialipr)c MoOxcuic
234 ^- ^- Strack, Die Mülleriimung in Alexandriea.
hunderte v. Chr. hinaus fördern, über die Zeit, in der sie, wie wir jetzt
wissen, eine so gro&e Rolle in dem bürgerhchen Leben der Menschen
am Nil spielten. In betreff des Urchristentums aber reicht unser Material
zu dem vollgültigen Schluß, daß seine Institution der Presbyter sich durch-
aus an die im Lande gang und gäbe Sitte anschloß, und da£ es mit ihr
ganz unaufTallig sich in die Reihe der übrigen Vereine einreihte.
[AbgucUoiMD am 30. Juli IQOJ.]
H. Hauschildt, TTpEcßOTepoi in Ägypten im I — III Jahrb. n. Chr. 235
TTpecKYTepoi
in Ägypten im I— III Jahrhundert n, Chr.
Von H. HaiuchUdt in Bonn.
Das Fayöm, der arsinoVtische Gau des ptolemäischen Reiches, hat
uns in den letzten Jahrzehnten reichste Fapyrusfunde beschert. Dort lag
auch in dem von der zwölften Dynastie um die Mttte des m. Jahr-
tausends V. Chr. künstlich geschaffenen Moerissee die Insel des Gottes
Soknopaios mit einem Tempel desselben und einer zugehörigen Kiüfii|. ■
Aus diesem Orte gerade haben wir Papyri in solcher Menge erhalten,
daß C. Wessely, der Direktor der Fapyrussammlung des Erzherzogs
Rainer, die einen beträchtlichen Teil des weit über 1000 Stücke zählen-
den Fundes birgt, es unternehmen konnte, aus den verschiedenen nach
Berlin, London, Genf, Wien und anderswohin zerstreuten Urkunden eine
möglichst vollständige Zusammenstellung aller wirtschaftlichen, kulturellen
und Personalverhältnisse für jenen einzelnen, in sich abgeschlossenen
kleinen Bezirk zu geben, und zwar für die ersten 2'|^ Jahrhunderte unserer
Zeitrechnung, welche die gefundenen Papyri umfassen. Die Abhandlung
„Karanis und Soknopaiu Nesos. Studien zur Geschichte antiker Kultur-
und Personenverhältnisse" ist kürzlich erschienen in den Denkschriften
der Wiener Akademie, phil.-hist. Klasse, 47 (1902), No. IV.
Diese sehr dankenswerte Sammlung von unendlichem Material wird
für alle Gebiete der alten Geschichte nutzbar zu machen sein. Vielleicht
fällt daraus auch ein neues Licht auf die vielumstrittene Frage der alt-
christlichen Gemeindeverfassung, wenn wir sehen, daß in diesen Urkunden
die Namen der christlichen Geoieindebeamten bereits als Titel in den
Priesterkollegien des genannten Soknopaiostempels begegnen. Es wird
sich verlohnen, die von Wessely ohne Rücksicht auf derartige Spezial-
fragen gegebenen Materialien von diesem Gesichtspunkt aus neu zu unter-
suchen und vielleicht seine Bemerkungen hin und wieder zu präzisieren.
< Vgl. die ansführliche geographische Einteitang bei Greofell und Hnnt, The Fayfim
towni and their papTri, Lond. 190a
236 H. Hauschildt, TTpfcß^iTcpoi is Ägypten im 1 — 111 Jahrh. n. Chr.
Die Priestersehaft des „grollen Gottes Soknopaios" wird in unseren
Urkunden verschiedentlich (cf. L' 335, 5 p. 191; L3S3,7 p. ii2; ÜB»
16, 6 u. 43J, 10) bezeichnet a]s TttvTaipyya loKVorraiov Öeov, Sie zerfiel
also in fünf Phylen, wie uns das für die gesamte ägyptische Priester-
schaft der Ptolemäerzeit das Dekret von Kanopus^ bezeugt* das eben
die fünfte Phyle zu den bestehenden vier hinzufügt. In diesem Dekret
wird uns auch als geschäftsfülirender Ausschuß jeder Tempel priesterschaft
ein jährlich wechselndes Kollegium von 25 ßouXcuTai genannt, deren j
aus jeder Phyle gewählt werden sollen (Krebs, p. 35: tOQv alpou|j£vu>v
KOT* iviauTÖv). Ahnlich liegen die Verhältnisse in unsenn kleinen Pro-
vinzheiligtum.
Auch hier wird die Priesterschaft im amtlichen und geschäfUichca
Verkehr vertreten durch einzelne ihrer Mitglieder. Diese führen ent-
weder keinen besonderen Titel, wie auf der Steuerquittung L No. 347
p. 71 TecevoO<pic TTaKÜctmc K(al) Ztoto^tic 'Owiiicppeuic K(ai} 01 Xoi(itol)
lep^C, oder sie heißen allgemein irpocrärai „Vorsteher", z. B. in C(orpus)
P(apyrorum) R(aineri) No. 221 s. I/H-, einer Verkaufsurkunde über eine
dem Gott gehörige Bau-Area. Doch ist dies, soweit die Indices der
verschiedenen Publikationen reichen, die eindge Stelle, an der npoctärai
als Bezeichnung der Vorsteher und Vertreter des Kollegiums vorkommt,
so daH ich sie für eine gelegentliche, inoffizielle ansehen möchte. ••
Häufiger ist die Bezeichnung als f|Toöpevoi. Der volle Titel erscheint
in L No, 335, p, 191, einem Pachtverträge Tiiv ^ i^fOWM^voiv iqjuXioc
lOKVonaiou ÖtoO pteftiiXou ncTÖXoy, über ein dem Gott gehöriges mjAaiöv,
wobei sich unsere Herren Hcgumenoi neben dem Pachtzins für die
Tempelkasse noch allerlei Extraleistungen für sich selbst au5bcding:en.
L No. 286, p, 184. enthält das Anerbieten von 4 Tvatpeic auf
Pachtung der fvapiKyi, der Walkergerechtsame in S. N. und NeilupoUs,
dem nächstgelegenen Ort auf dem Festland; es ist, soweit man aus dem
Fragment sehen kann, adressiert . . . . ] rjfouiifevuj k[pf]uj[v SoKvoitafluji
fleüji — jedenfells findet sich am Schluß die Annahme des Angebots
• Nach dei von W. gewählten AtikürEung = Greek papyri in th« Bri*. Mos. by
F. G. K«iiyon, vo) 11, LeptJon iSgS.
» ■- Ägf pL UfkuBden aus d. kgl. Museen n BerKn, Griech. Urk. Bd. L 11 u. in,
Heft I — 11, Bert 1893— igoz.
2 Text bei Siraclc, Dytiastie Jer FtelemUr, .^ntiaiig Nc. 38 ; cf.KrebciBd. ZäUcIu.
I, 3gypt Sprache u^ A11ert.-Kun<3c Bd. XXXX (1893) p. 34 mit Anm. i.
* Wie weit der Im KAnopus-Üclcrei, Z. 74 ^eoBrnte finCT(iTr|C kqI äpx\eptuc mit
diesea npoCTllicil in Bestellung so aetien, ist niclit zu sagen,
H. Hauschlldt, TTpecß{iTepoi in Ägypten im I— III Jahrh. n. Chr. 237
durch die frroiintvoi verzeichnet: ZaT[dßouc ZtotohJtioc K[a\] Xaröpouc
^Tr€pTlouc .... ^Toöfievoi imKexu)p*iKajj£v.
In dem Stück L No. 281, p. 65/66, überreicht dem 'AttiJtxi 'AtfOt-
Xctuc xal Ztotot^ti 'AttOtx^u'c ^TOUfxdvoic Upiwv £. N. ein Priester ein
0T^6^vIl^a mit der Anzeige vom Tode seines Bruders, der ebenfalls
Soknopaiospnester ist, Smuc dvcvcxÖTl ^v toTc TETeXcunjKÖa. — Demnach
haben diese beiden Mitglieder des Ausschusses offenbar die Priesterlisten zu
führen. In andern Fällen begegnet der Titel fnoimi.vo\, ohne daß man et-
was über die Funktionen seiner Träger erschließen kann, so in L 357, 10,
p. 166, einer Petition an den Strategen des vofxöc mit dem Satz: fpa-
<pfivcH TÄ Ti3>v lep^ujv [ttic K]ii)|XTic fiTOUM^vu). Ohne irgend welchen Zusatz
erscheint i\fo6]x&/oc L 256, p. 98 und in der ihrer Bestimmung nach un-
klaren Dste L 266, p. 235, 104: TTäTuvic ^roöficvoc und p. 238, 313:
TTdruvic f|T° Ob wir das Recht haben, diese letzten als ^TOtificvoi iep^utv
anzusprechen, wage ich nicht zu entscheiden, um so weniger, als eine
letzte Stelle, ÜB 270, 6, nach Wilckens Nachtrag im 12. Heft des I. Bd.
der ÜB deutlich ^TO(u^evoi) K\i}}i(r\c) zeigt. Danach handelt es sich hier
möglicherweise um Beamte der Kommunalgemeinde mit demselben Titel,
wie wir sie gleich bei den TrpecßiÜTCpoi auch finden werden.
TTpEcßiÜTCpoi ist der Titel des Ausschusses der Priesterschaft in allen
amtlichen Urkunden.
Fünf (e) npecßÜTEpoi Ecpcic TTEVTaq)uX(ac finden sich R' 121, ebenfalls
fünf TrpecßÜTtpoi reichen in ÜB 387 den kaiserlichen Beamten eine Tpa<P'^
iep£ujv, eine Inventar- und Personenstandsliste des Heiligtums ein:
[TTOpä ... — unleserliche Reste von Namen —
. . . TlUV] € TrpKßUT^[plüV
. . .] ZoKVOiiaiou eeoO iirrdXou
lEpoO XoTi^ou Tpaip^ icp^iuv.
Einer ähnlichen Eii^abe gehört offenbar das allein erhaltene Kopf-
stück der Urkunde ÜB 433 an, gerichtet an den Strategen der 'HpaKXcf&ou
^Epic des arsino'itischen Gaus und den ßaciXiKÖc TP^MMO^c^c Tfjc (lEpfboc
' So bezeichnet ^Vesseljr den in der Sunmig. Enh. Rainer befindlichen Anteil sm
Fund von S. N., der onscheinCDd noch nicht pnbUiiert ist — jedenfalli passen tu dem
enctüenenen L Bd. des CPR die Nummeni nicht.
23S H. Hauschildt, TTp£cß6Tcpoi in Ägypten im I— III Jahrb. n. Chr.
Tiopd — folgt Aufzählung der Namen — Tiiiv i TrpEcßuTfpwv fep^wv itevra-
q>uX(ac I. Ö. M. ix. Kai Tiüv cuwäiuv SeÄv
Ebenso ÜB 16, 5: ot ? irptcßurepoi Icpetc irevracp. X. ö.
Indessen in der Urkunde L 353, p. 112, bei den Worten ] te
fep^ujv TicvTa<p. £. 6. vor dem gesicherten ii£vTe das irpecßur^pujv in <Ue
anders freilich schn'er auszufüllende Lücke einzuschieben, trage ich doch
Bedenken, weil sonst der Titel immer hinter der Zahl e steht, und weil
ÜB 296, eine mit der vorigen bis auf die Namen der Priester wörtlich
übereinstimmende Urkunde des vorhergehenden Jahres 2i9|2(^ den Aus-
schuß auch nicht besonders tituliert, sondern nur mit o! tt^vtc zusammen-
fallt — man kannte eben die fünf als die regulären Vertreter der
PriesterschafL
Wunderschön würde es nun passen, wenn diese Fün£cahl der Ver<
treter für dne nevTaqiuXta durchweg gälte, wie das Dekret von Kanopus
bestimmt, da& fünf Priester jeder Phyle in den Ausschuß der 25 ge-
wählt werden solleiL Allein hier in 5. N. ist ähnliches nicht der Fall
Wie L 335, 4, p. 191, ausdrücklich sechs Namen und tü>v c fffox*-
\iivuiv £<puXiac aufweist, so sollen nach Wessely, p. 57 in R 107 sechs
irpEcßiVrEpoi „eine prinzifHclle Erklärung für die ganze Priesterschaft des
Tempels abgeben". Aber auch wo wir fünf Presbyter finden, ist von
dem Prinzip, einen aus jeder Phyle zu nehmen, keine Spur. Das lehren
uns die schon genannten Urkunden ÜB 296 vom Jahre 2igl{20 und L 353
vom Jahre 221.
In der ersten finden wir die Namen: Tlapci AfipnXEou 'Apoiiveujc
T7avtq>p^HMeu)C toO riOTOiiTeiuc fiTirpöc Tamiufitoc Uplujc f cpuXfjc ictu
TTaßoÖTOc lTOTO*iTeu)c toO TTaßoüroc jJHTpöc TauiiTioc kcu 'OvvuiqipEuic,
' ApTTQTliOOU TOO Ztotoi^teuic Mt]TpÖC TavE<pp£MM^'^c*'°i^<^o'^o<^^(iKuc£u)C
TOO Ttcevoi5q>EUJC |jT]Tp6c Sorrpfic tuiv t Upluiv & <puXfic koi Zara-
ßoOroc Ztotohteuic toO 'Ovvw<ppEU)C finTpöc 'EpUcjuc tep^wc ni}i.itTr\(.
(puXnc ktX. und im folgenden Jahre sind es:
[TTapd Z]TOToriT€ujc Mnxpöc 0ar|CEwc Kai 'Qpou 'Apita-
[Tdöou n]nTpöcTav£(pp^^i(iEUJCKaiZTOToyiTEUJC [. ]
Twv f iepiwv ScpuX^c Kai ZTOToyj[Teujc ] ^nrpöc Taapna-
f&QT\c TWV buo Up^utv [....] hier natürlich zu ergänzen EtpuXfic, deim
wie in der vorigen Uricunde geschieht die Aufzählung doch selbst-
verständlich auch hier nach der Reihe der Ordinalzahlen.
Diese beiden Urkunden, die densdben offenbar jährlich einzureichen*
den Bericht an die kaiserlichen Beamten enthalten, sind uns noch in
anderer Beziehung wertvoll: sie zeigen die Namen der Vertreter des
H. Hauschildt, TTpecßürepoi in Ägypten im I— IH Jahrh. n. Chr. 239
PriesterkoUegiums in zwei aufeinander folgenden Jahren, aber —
das läßt doch die verstümmelte zweite Urkunde noch erkennen —
keinen einzigen Namen'in beiden wiederkehrend.
Diese Erscheinung nicht etwa auf plötzlichen Tod aller fiinf Mit-
glieder zurückzuführen, sondern auf einen jährlichen Wechsd des vor-
stehenden Ausschusses, berechtigt uns die Analogie des Kanopusdekrets
und anscheinend auch der in ÜB 16, 6 gemachte Zusatz t(iiv I irpccp.
icp^uiv TOö ivecTÖiToc itf L (i. e. etKOCxoG xpiiou ?touc).
Für den Modus des Wechsels, der sich doch wahrscheinlich durch
Wahl vollzog, ist es vielleicht bezeichnend, daß die Liste von 219I20
noch einen Priester aus der 3., dann drei aus der 4. und einen aus der
5. Phyle im Ausschuß zeigt, die von 221 aber die 3. Phyle verschwinden
läßt und dafür der fönflen einen Vertreter mehr gibt. Andererseits zeigt die
Liste ÜB 433 von ca. 190 überhaupt keine Presbyter aus den letzten
Phylen, so daß man vielleicht an einen langsamen Wechsel derselben
nach der Reihenfolge der Ordinalzahlen denken kann. Dem widerspricht
auch nicht, daß wir in der Urkunde R 121 — leider nicht zugänglich —
aus dem Jahre IS3[4 unter den ttpecßtinpoi einen Ztotoiitic TTaicüceujc
wahrscheinbch mit dem Ztotoiitic TTeKÖceiuc einer Presbyterliste von 140
(R 107) identifizieren können, während zwei andere Mitglieder von I53|4>
TTaveipplnHic Ztotoi^tioc und ZroroflTic Ztotoiitioc in dem Ausschuß
von iS9|6o (ÜB 16) wieder als irpecPuTepoi figurieren.
Aus einer von Wessely leider nicht vollständig mitgeteilten Urkunde
(R 107) lernen wir auch das Alter der irpecßtiTepoi kennen — ob es
in dem Papyrus selbst notiert war oder irgendwie erschlossen ist, bleibt
dabei unbestimmt — und da ist der älteste 45 Jahre, drei 35 und einer
30 Jahre alt, woraus mit Sicherheit hervorgeht, daß npecßÖTtpoc keine
ehrende Altersbezeichnung mehr sein kann, sondern ein
reiner Titel geworden ist.
Was haben nun diese TrpecßÜTCpoi kpiaiv zu tun ? Von priesterlichen
Funktionen hören wir nichts — darüber war nichts zu schreiben ; was unsere
Urkunden enthalten, das sind geschäftliche, besonders Geldangelegen-
heiten: so lassen die Presbyter sich über Steuerzahlungen quittieren,
fuhren die Listen ihrer Körperschaft und erstatten alljährlich über ihre
Zahl, Vermögen und Bilanz Bericht an die Behörden, schließen Kauf-
und Pachtverträge ab u. dgL Eine besondere Seite ihrer amtlichen
Tätigkeit zeigen uns noch folgende Urkunden: R 107, wo sie, wie
Wessely p. 57 sagt, „eine prinzipielle Erklärung abgeben"; in dem Streit
zweier Gegenpriester hatte der „kaiserliche Schreiber" zur Information
940 H. Hausebildi, TTfKcßOTipoi in Af>^leii im I— ITI Jahrb. a. Ctir.
rine amtliche Anfrage an unser Kollegium ergehen lassen über die Be-
dingungen des Priestertums, worauf die irpecßÜTcpoi Auskurift erteilten
über die hier geübte Praxis. ■
Sehr interessant ist auch ÜB tÖi danach hatten der Straleg des
Nomos und der ßociXtKÖc f{ia}i}iaT^iic, auf Gniod einer Anfrage de$
Oberpriesters an sie, einen Bericht eingefordert über einen ihrer cuvicpdc
den Panephremmis, der bei jenem angezeigt war „ibc KOJiüJVTOC Kai xpii*"
fifvou iptait ^cfli'iceci", also dali er leeine Tonsur und — walirscheinlicli
— keine Byssus-, sondern Wollengewänder trage — leider bricht das
interessante Dokument nach dieser langen, ganz an die anmutige Sprache
unserer heutigen Akten gemahnenden Schilderung des vorausgegangenen
Instanzenwegs ab, ohne uns zu sagen, was nun mit dem Schuldigen ge-
schehen ist, ob die repecßüTcpoi nur die Vernehmung eingeleitet oder
ob sie etwa ein Coercition stecht ausgeübt haben oder wie das große
Ärgernis aus der Welt geschafft worden.
Doch das mag dahingestellt bleiben: was uns an allen diesen Tat-
sachen interessiert, wird sein, daU in Ägypten um die Zeit der
Entstehung der christlichen Gemeindeverfassung als Ausschuß ein«
Priesterkollegiums Leute mit dem Titel itpecßurepoi fungieren, fiir
die ihrem Alter nach die Bezeichnung TTpecßÜTepoi auch bloßer
Titel ist; die Funktionen dieser Beamten der größeren Gemein-
sehaft waren, soweit das Material Schlüsse erlaubt, im wesentlichen
rein geschäftliche und erstreckten sich insbesondere auch auf Geld-
angelegenheiten, indes ist der Schluß e silentio hier bedenklich.
Der Titel selbst aber ist nicht auf unsere kleine Priestergenossen-
schaft im Moerissee beschränkt, sondern wird wie unter der Herrschaft
der Ptolemäer so auch m der Kaiserzelt für die übrigen EinzeDieilig-
tümer des Landes, Tiir die wir nicht das Papyrusmaterial besitzen, an-
zunehmen sein.
Aber auch über die Reihen der priesterlichen Körperschaften hinaus
ist dieser Titel geläufig:' genau so heißen auf zahlreichen Dokumentca
die Kollegien, welche die Geschäfte der einseinen Kommunalgemeinden
fuhren. In der Liste L 209. p. 15S stehen in der Reihe der Beamten
des Dorfes neben einem opxi<potK>c, 2 E[piiVO<^üXciK£< und 2 qjüXaKcc noch
4 TTpecßÜT£p01 KiÜpriC.
hl L459, p. i6j werden 2 npecpürepoi genannt. In L 255. p. 117
10 Namen, dann Koti ol XoiCiroi) Trp€c(ßÜTepDi) itii)pr)c Kap(iivi!)Oc) . eines
* VgL sncli den vorhergehenden AuftaU von Stru:lc, Die Mülierinuiuig in Ai«iuidrie^
lowie DeiDmaan, Bibelstadien p. I53f.; Neue Bibelit p. Saß.
'7-9-
J
H. Hauschildt, TTpccßfrfCpot in Ägypten im I— III Jahrh. n. Chr. 24I
Dorfes in der Nähe von S. N. ÜB 6, 4fr. zeigt 3 Leute Kai Tiüv Xoi-
Tr(iiJv) TTpccß. &ia&6X0MC^viuv) koI la Kard Tiiv KU)(iOTpCc[M(iaT£iav) Kiü^tic
Moüxcujc Andere Urkunden enthalten wieder andere Zahlen.
Daß auch hierein jährlicher Wechsel stattfand, zeigen die folgenden
Zeilen von ÜB 6.
Tpa<pr^ TTpecßirripuiv Kai dpx€(p6feuiv Kai dXXuiv ftiiMociujv TTpöc tÖ
eiciö (v) aßL {= ?Toc) 'Avtu>v(vou Katcapoc toö Kupiou; ähnlich L 255,
p. 117: K(ai) oi Xo(iTTOi) npEc(ßiJT€poi K^^n^ • ■ • i'ou kL AbpiavoO Kaicapoc
T. K. und ÜB 195, 29 ÖTTujc inavafK^cti touc kq-^ Jtoc TrpecßuTdpouc
Tf)c kU>|itic,
Genannt werden solche Kiifjiiic TTpECß. — z. T. freilich ohne jede
Beziehung ~ noch L 379, p. 162; L 355, p. 178; ÜB 15, 8; 63,6 (?);
85, 1, 9 u. 14; 95 Verso, 2; 102, 2; 199, 15 (nach der Verbesserung von
Wilcken im Nachtrag!); 345. lOff.; 381, 4; 382, 6; 390, 7; 431, 3; 647, 5.
Nicht nur dem gesamten Kollegium wird der Titel gegeben, sondern
auch einem einzelnen Mitglied, z.B. in Beschwerden über ein solches;
L 342, 4, p. 174: ^TiriXÖav Zc^npiüvioc irptcßOrepoc Tfjc Kiü^nc und ÜB 22,
11; TaopcevoOqnc fuvi^ 'A(i|iu)vtou toO Kai Olfiuuvoc TrpccßuT^pou Ktli^nc
BaKxiäboc ....
Also ist np£cßiJT£poi auch hier als bloßer Titel eines wahr-
scheinlich durch Wahl ■ eingesetzten leitenden Ausschusses einer Gemein-
scliaft für Ägypten hinlänglich bezeugt in der Zeit der sich bildenden
christlichen Gemeindeorganisation, in der uns der gleiche Beamtentitel
begegnet Damit vereinigt sich dann auch auf das beste die Nachricht,
daß gerade in Ägypten der Presbytertitel in den christlichen Gemeinden
sich besonders lange erhalten hat und zwar hier nicht nur für ein
Kollegium von Beamten, sondern später auch für die einzelnen
monarchischen Leiter der verschiedenen Gemeinden. VgL Dionysius
Alexandr. bei Euseb., h. eccl. VII, 24, 6: cutta^^cac ToCic npecßu-
T^pouc Kai bibacKdXouc tuiv ^v toic KÜifxaic ä&eXtpüJV^ und Athanasius,
apol. contra Arianos 85 (Migne, Patrol., ser. Graec. XXV): '0 Mapeiüinc,
Kuöd TTpoemov, x^P^ Tf[c 'AXeJavbpeiac kii Kai oöbiiroTC ^v tQ xiup?
T^TOvev ^TTlcKOTroc oöftfe xifptiTicKonoc, dXXd Tip itic 'AXcSavbpeiac
^mcKÖinu al ^KKXncEat ndcnc t^c x'^P^^ OrtÖKetvToi, ^kcctoc bi twv
1 Die Tcpccß. KiXi^t^c scheinen durch den kaiierliclien Beamten des Orts eingesetzt
zn sein, vgl. Grenfetl a, Hunt, The Amherst Papyri No, 134, p. 163: itpECßfiTepOv ]xt\
(JVTO fll^T€ iv KOTaXUlpICfll^J Jl^TC ÖBÖ TOO KlUMOTP(IMfU>'r^U''C IWß^VTa OÖTotC.
> Aas Harnack, Mission 342.
Zmtichr. f. d. neuteil. Will. Jalirg. IV. 1903. %$
242 H. Hauschildt, TTpccßdTEpoi in Agypteo im I— 111 Jahrh. n. Chr.
TipEcßuT^pujv £xE> Täc liiiac Ktüfiac METicrac Kod dpidMi^ bixa nou
Kai nX^ovac. '
Endlich gewinnen im Zusammenhang dieser verschiedenen Zeugnisse
auch noch ein paar versprengte Notizen Beachtung, die jüngst her-
vorgezogen worden sind. In der arabischen Chronik des Kutychius
von Alexandrien (Migne, Patrol. ser. Graecolatina, vol CXI) wird
p. 982 D berichtet, in Ägypten habe es in den Gemeinden keine epi<
scopi, sondern nur Presbyter gegeben bis auf den 11. und 12.
Patriarchen von Alexandrien, von denen der erste, Demetrius zunächst 3,
der andere, Heraclas, dann 20 episcopi im Lande eingesetzt habe.
(Demetrius Patriarch i88/g — 231, s. Hamack, Chronol. p. 205.) Ein
weiteres Zeugnis hat Brooks aus einem Brief des Severus v. Antiochien
nach den Cod. Mus. Brit syr. add. 12181 und 14600 veröifentiicht
(Journal of theoL Studies II [rpoi], 612) und BuÜer hat ebenda eine
Notiz aus Palladius hinzugefügt ' Vgl. auch Hieronymus ep. 146- — So
viele Zeugnisse für das Bestehen des Presbytertitels bei Heiden und
Christen in Ägypten gestatten uns zum Schluß eine Folgerung mit voller
Sicherheit, daß nämlich die Didache, welche keine irpecßÜTcpoi als
Gemeindebeamten kennt, unmöglich in Ägypten entstanden sein
kann.3
1 ibii]. 452 Anm. 3.
' Die Frage ist noctiiDals erörtert worden von Ch. Gore im Joum. of theol. Stttdiet
m, 27Sff.
3 Diese kleine Arbeit verdankt Ursprung und Förderung den kirchengeschicbtlicben
Übungen des Herrn lic. H. Liettmuin, Bonn.
fAbgeichlosien am 31. Jnli igoj.J
E. Rodenbusch, Die Komposition von Lucas 16. 243
Die Komposition von Lucas x6.
Von E. Rodenbosch in Saarburg i/Lothr.
Die Schwierigkeiten, welche die Komposition von Lc 16 uns ent-
gegenstellt, treten namentlich in dem Zusammenhang der drei Verse 16,
17, 18 zu Tage. V. 17, selbst eine Kundgebung extrem judaistischen
Charakters, ist in einen, wenn auch nicht extrem, antijudaistischen Zu-
sammenhang eingesprengt: zuerst zeitlich beschrankte, schon abgelaufene
Gültigkeit des Gesetzes (16); dann Anerkennung unbedingter Gültigkeit
fiir alle Zeit bis zum kleinsten Buchstaben (17); und schließlich wieder
Antiquiening des Gesetzes im einzelnen Fall durch Vertiefung seiner
Forderungen (18). Infolgedessen bleibt an dem Gresamtertrag von 16,
17, 18 trotz aller Künste der Exegese ein lo^sch wie psychologisch
kaum erträglicher Doppelsinn des Begriffes vöfioc und seines Schicksals
haften. Zur Überwindung dieser Schwierigkeiten hat man mancherlei Aus-
wege gesucht. Zwar ist meines Wissens der Versuch noch nicht ge-
macht worden, 17 für ein Glossem im Lucastext zu erklären; dafür aber
ist um so nachdrücklicher betont worden, daß 16 — 18 eine überaus
künstliche Kompilation des Lc sei,* deren Sinn in verschiedener Weise
gedeutet worden ist. Indessen erscheint noch ein anderer Weg geeignet,
die Beziehungen der drei Verse zu einander aufzuhellen und zugleich einen
befriedigenderen Einblick in die Entstehung des ganzen Kapitels zu
gewähren.
L
Scheiden wir zunächst 17 aus dem Texte aus, so ergibt sich aller-
dings zwischen 16 und 18 ein verständlicher Zusammenhang; das Thema
dieser Verse ist dann die Ablösung des Gesetzes durch die Predigt des
Evangeliums und die Anwendung dieser Tatsache auf das einzelne Bei-
spiel der Ehescheidung. Doch genügt dies eine Moment keineswegs,
um die Beseitigung aus dem uns vorliegenden Text des Lc zu recht-
I Holtimann, Handk. IV, 88.
i6*
244 ^- I^odenbusch, Die Komposition von Lucas i6.
fertigen. Die aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissenen Verse
können nachträglich aber schon vor Lc zu allerdings anfechtbarem Zu-
sammenhange zusammengesetzt sein. Auch kann Lc, wie tatsächlich
angenommen wird,' sich die Stelle in seinem Sinn zurechtgelegt und einen
Zusammenhang hineingedeutet haben. Andrerseits kommt es uns darauf
an, über Lc hinaus eine ursprünglichere Gestaltung des Textes zu er-
reichen, zu der 17 möglicherweise im Verhältnis eines spätem £inschubs,
sei es durch den Evangelisten oder sonstwen, stände. Denn nur so können
wir ein Urteil darüber gewinnen, mit welchem Material und in welcher
Weise Lc das 16. Kap. gestaltet hat. Für diesen Zweck stehen uns zu-
nächst außerhalb der fraglichen Stelle liegende Argumente zu Gtebote;
wir müssen auch darauf eingehn, um für die weitere Untersuchung eine
sichere Basis zu haben.
Wenn gezeigt werden kann, dcifi die Parallelstelle Mt 5, 18(19)
ebenfalls als ein späterer Einschub in einen geschlossenen Text anzu-
sehen ist, so liegt darin ein starker Hinweis auf eine analoge Beurteilung
der Lucasstelle. In der Tat hat sich in zahlreichen Untersuchungen
immer mehr die Überzeugung von der Stichhaltigkeit der genannten
Voraussetzung befestigt. Ene Wiederaufnahme dieses Gegenstandes
hat daher nur den Zweck, den alten Argumenten ein neues oder doch
weniger beachtetes hinzuzufügen.
Beläßt man nämlich 5, 18. 19 im Texte des Mt, so ist in der Ge-
setzesfrage ein doppelter Standpunkt unterscheidbar; einmal der Stand-
punkt buchstäblich genauer Gesetzeserfüllung (nXiipüicai im Sinne
schlechthiniger Ausfuhrung), mit dem nach Maßgabe von 18 und 19 der
Standpunkt Jesu und seiner Jünger identisch ist, bezw. werden soll; und
zweitens der Standpunkt der Pharisäer, die nach Maßgabe von 20 hinter
den Anforderungen, die Jesus an seine Jünger stellt, also hinter den An-
forderungen des Gesetzes selbst zurückbleiben. Das nXdov nepicceüeiv
20 ist dann ein rein formal gesteigerter Komparativ.' Anders bei Aus-
schluß von 18 und 19, der, in Übereinstimmung mit der geschichthchen
Wirklichkeit, auf einen dreifachen Standpunkt hinweist: erstens Stand-
punkt des Gesetzes selbst; zweitens formale Weiterbildung des Gesetzes
durch die Pharisäer; und drittens sittliche Vertiefung des Gesetzes durch
Jesus und seine Nachfolger. Der Begriff des nepicceüciv ist ebensowohl
von den Pharisäern als von den Reichsgenossen in ihrem Verhältnis
I ft. a. O., s. 88f.
= HolUmann, Htmdk. HI, S. 18.
£. Rodenbuscb, Die Komposition von Lucas i6. 245
zum Gesetz gesagt; er bedeutet bei beiden eine Weiterbildung des Ge-
setzes. Das ttX^ov dagegen bedeutet das Mehr, das die Jünger vor den
Pharisäern in der Weiterbildung des Gesetzes aufzuweisen haben, nicht im
Sinne des starkem Gegensatzes zum Gesetz, sondern der religiös-sittlichen
Vertiefung gegenüber der im Äußerlichen stecken bleibenden kasuistischen
Weiterbildung durch die Pharisäer. Erst auf diese Weise kommt das
ttX£ov zu seinem vollen Recht; neben andern Argumenten ist auch dieses
für die Beseitigung von 18 und 19 ausschlaggebend.' 18 und 19 sind
der ungeschickte Zusatz eines Juden- christlichen Redaktors.'
Zwingend aber müßte für unsern Zweck der Nachweis sein, daß das
Wort von der Ewigkeit des Gesetzes im Munde Jesu ungeschichtlich ist;
damit wäre ja unmittelbar sein Eintrag in einen mündlich oder literarisch
fixierten Zusammenhang gegeben. Allein es fehlt viel, daß diese Über-
zeugung sich durchgesetzt hätte.^ Man erhält allerdings von allen Ver-
suchen, das schroffe Wort mit der sonstigen Stellung Jesu zum Gesetz
in Einklang zu bringen, den Eindruck gezwungener Abfindung mit einer
gegebenen Tatsache, nicht aber freier und froher Überzeugung. Mit
Recht hat Holtzmann alle Deutungen, die den Spruch nicht als eine
extrem judaistische Kundgebung gelten lassen wollen, zurückgewiesen.«
Dann aber gilt es auch, nicht, wie vielfach geschieht, den unüberbrück-
baren Widerspruch zwischen diesem und andern Aussprüchen Jesu durch
den Hinweis auf die Selbstwidersprüche großer Persönlichkeiten zu ver-
decken, sondern ihn durch Vergegenwärtigung seiner Konsequenzen,
namentlich aber durch die Erwägung sich anschaulich zu machen, daß
eine solche Wandelbarkeit der eigenen Stellung jede nachhaltige Ein-
wirkung auf andere sofort in Frage stellt Wenn Jesus nicht etwa zu
Anfang und Ende einer langen Entwicklung, sondern in rascher Folge
sowohl sklavischen Respekt vor dem Buchstaben des Gesetzes als auch
freieste Handhabung der gesetzlichen Vorschriften betätigen und lehren
konnte, dann bedarf es wahrlich nicht einer dogmengeschichtlichen Be-
gründung für den Verständnismangel der Jünger. Aber auch hiervon
abgesehen ist an die Möglichkeit eines solchen Wortes nicht zudenken;
vom psychologischen Standpunkt nicht, denn jeder andere Widerspruch
erscheint möglich, nur dieser eine nicht, weil an dem einen Pol desselben,
der sklavischen Verehrung des Buchstabens, jede geistige Bewegungsfreiheit
> Vßl. Bacsennuin, De loco Mattbaei capitis V, 17—20 commcntMio, S. 35.
' Soltau, £ine Lücke der sTnoptisctien ForBclmng, S. 32 f.
i Holtzmann, Nentestamentl. Theologie 1, 157.
4 Ntl. Theol. I, S. 152 nnd 155; trifft auch die Deutung Ton Merx.
246 E. Rodenbusch, Die Komposiüos von Lucas 16.
endet; vom sittlichen Standpunkt nicht, denn welche Herausforderung
konnte für Jesus stark genug sein,' aus der unbewuüt im lonem gehegten
Einheit treuester Gesetzesverehrung und stärksten Dranges nach seiner
sittlichen Vertiefung den ersten Bestandteil auszusondern und ihn durch
Beimischung fremder Elemente in eine schroffe Form zu bringen, die
das Widerspiel aller sittlichen Selbstbestimmung war? Neben den andern
Zeugnissen der evangelischen Geschichte kann das Wort von der Ua-
vei^änglichkeit des Gesetzesbuchstabens nicht als geschichtlich gelten.
Auf Grund solcher Tatsachen erhält natürlich der Zusammenhang
zwischen Lc t6, 16 und 18 eine andere Bedeutung: sofern es steh um
die Gewinnung einer ursprünglicheren Tex^estaltung handelt, haben wir
das Recht, Ix 16, 17 zu eliminieren, 16 und 18 aber als eine originale Ver-
bindung anzusehen. Eine gute Kontrolle (lir die ursprüngliche Zusammen-
gehörigkeit von 16 und 18 bietet folgender -Umstand. Es liegt auf der
Hand, dafi in dem uns vorliegenden Lucastext zwischen 16 und 17
einerseits und dem Gleichnis 19 — 31 öne durch 29 — 31 vermittelte in-
haltliche Beziehung besteht, die der Evangelist, wie später gezeigt werden
soD, auch durch lokale Verbindung beider Stücke zum Ausdruck gebracht
hat Diese vom Evangelisten absichtlich geschaffene Vetinndung wird
jedoch durch das EinzelbeisiMel 18 gestört, und zwar umsomehr, als
die formale Verbindung zwischen dem Voraufgehenden und 19 — 31
ohnehin locker genug ist Diese lokale, wenn auch auf engem Räume
verbleibende Sprengung des Zusammenhangs läßt sich kaum anders, als
durch originalen Zusammenhang zwischen 16 (bezw. sp^er 17) und iS
eridären, den der Evangdist nicht zerreißen wollte oder konnte.*
Damit in Widerspruch steht die Ansicht, daß 16, anders als iS, von
Lc aus der Perikope von Jesu Zeugnis über den Täufer Lc 7, 24. — 35 ™
Mt 1 1, 12 — 19 herau^enommen sei. Diese Ansicht kaim nur auf den
Nachweis gegründet werden, daß einerseits für den Spruch ein brauch-
barer Zusammenhang sonst nirgend aufzufinden ist, was durch die obigen
Ausfuhrungen widerlegt ist: und andrerseits müßte gerade aus dem Vor-
handensein des Spruches bei Mt ein besserer Z ii^rnTTyrnKang der Peri-
kope erhellen, als bei Lc, wo der Spruch fehlt Hier weisen aber beide
Gestaltungen der Ferikopen den gleichen Mangel auf Denn eboiso wie
Lc 7. 29—30 ist auch iix ll, 12 — 15 in einen schon bestdiendcn Zu-
sammenhang ciogeschoberL Schon die offenbare Umstellung \*on ii
> VgL dua Hohzmann, Handk. DU S. aiC
' S. such uUcD S. 353 Anm.
E, Rodenbusch, Die Kompositioii von Lucas i6. 247
und 13 ist verdächtig;' sie ist wahrscheinlich nur erfolgt, um den An-
schluß an II, d. h. ad voces Iuhüvvtic und ßaaXcta tiIiv oöpaviüv äußerlich
sichtbarer zu gestalten; freilich wird dadurch die Stelle noch weniger
übersichtlich. Daß auch 14, wenn es auch in die Perikope hineingehört,
in schlecht motiviertem Zusammenhang steht, hat Wemle" mit Recht
hervorgehoben. Dagegen schließen sich 11 und 16 zu festem Zusammen*
hang, wie auf der andern Seite Lc 28 und 31, aneinander an. Mt hat
also von 12 — 15 den Zusammenhang der Quelle verljissen und einige
Sprüche anderer Herkunft (12 und 13) in die Perikope aufgenommen.
So erklärt sich auch deshalb Lc an gleicher Stelle wie Mt, aber mit anderm
Material einen Einschub vorgenommen hat. Richt^er als Lc 16, 16 — 18
hätte daher Simons Lc 7, 29 — 30 als Beweisstelle dafiir anführen können,
daß Lc den Matthäustext gekannt und — hier freilich in negativer Weise
— benützt hat^ Wenn nämlich Mt w. 12 und 13 in die Johannes-
perikope eingeschoben hat, so ist er dabei seiner auch bei den Markus-
stücken beobachteten Gewohnheit gefolgt* Lc aber hat aus der Tat-
sache des Einschubs an sich Anlaß zu einem anderen Einschub genommen,
der ihm passender dünkte als der des Mt, zumal er ihn nicht zur Auf-
lösung eines gegebenen Zusammenhangs zwang, wie das bei Mt der Fall
ist. Auch Lc ist dabei seiner Gewohnheit treu geblieben.* Der Matthäus-
text gibt uns nicht das Recht, den Spruch von der Ablösung des Gesetzes
als ursprünglichen Bestandteil der Johannesperikope anzusehn. Auch hier-
nach hat es also dabei sein Bewenden, daß Lc 16, 16 und 18 von An-
fang an zusammengehörten.
Zu demselben Resultate gelangen wir durch eine textkritische Ver-
gleichung von Mt ir, 13 imd Lc 16, i6a. Merx (das Evangelium des
Matthäus, S. i90f.) sieht nämlich die Worte xat ö vöfjoc in der Matthäus-
stelle mit Recht als Interpolation an. Indessen ist hieraus nicht zu
schließen, daß Mt in dem bloßen ol irpoqifJTat das Ursprüngliche erhalten
habe. Vielmehr muß der vöfioc seinen Platz schon in der Vorlage des
Lc gehabt haben, da anders die Aufeinanderfolge Lc 16, 16 {+17) +18,
auf wen sie auch zurückgehen mag, gar nicht zustande kommen konnte.
War nun die Vorlage des Mt mit der des Lc identisch, so erhellt hieraus
I Holtimun, Hudk. I, 67.
' Die lyaoptische Frage, S. 65 C
3 Hat der 3. Evglst den kanon. Mt benütit? S. 79f.
« SoKau, Untere Evangelien, S. 53. Einen ipetiellen Grund (Br die Venetztug der
Verse von Ibier nraprünglichen Stelle s. unten S. 248.
S Wernle, S. 65 u. 25 f., von wo rieh dos Gesagte auch auf die Benützang der
lAgiaquelle übertragen läßt.
348
E. Radenbusch. Die Kompositum von Lucas t&
das Recht des Ea: unmittelbar. Hat dagegen Lc eine spätere Redaktion
der Logiasamrnlung benützt, so ließt; sieh aucli für diese kein Gnind
ausfindig machen, der eine iiachlrägliche Einsetzung des vö^oc in die
Johanncsperikopc hatte veranlassen können. Namentilchnicht bei der voraus-
zusetzenden gesetzesfreundlichen Tendenz der Lucaslogia. (s. u. S. 249).
Ein nomistischer Ausgleich, wie er durch Lc 16, 17 repräsentiert ist, fehlt
lliefi dazu kommt die Schwierigkeit des Zusanimeahangs, in, den der
Zusatz gar nicht hineinpalit. Die Erwähnung des Gesetzes hat also
Mt nur mit Rücksiclit auf den Zusammenhang aufgegeben, wahrend es
von vornherein in den Spruch hineingehörte. Auch daraus folgt, daß
Mt den Spruch nachträglich in die Johannesperikope herübe rgenommen,
Lc aber den ursprünglichen Zusammenliang bewahrt hat.
n.
Deutlicher wird diese Tatsache noch, wenn wir uns nach dem
größeren geschichtlichen Ganzen umselienj dem Lc 16, l6 und iS an-
gehört haben müssen. iS weist uns von vom herein auf die vön Mc
und Mt überlieferte Pharisäerfrage nach der Ehescheidung. Es eriicbt
sich sonach die Frage; können beide Verse 16 und 18 in den genannten
Stoff eingegliedert werden? Das muß zunächst eine Prüfung der durch
Lc 16, 16 und 18 ergänzten Marcus-, bezw. Matthäusperikope lehren. Es
handelt sicli also um den Mc 10, 1 — loa = Mt 19, 1 — 9a + Lc 16, 16
und 18 reproduzierten Stoff. Wenn der Situationswechsel Mc 10, 10 als
historisch angesehen werden darf,' dann läßt sich der Inhalt derjiinger-
frage unter Berücksichtigung der ganzen Situation aus der Andeutung
10 erschlieHen. Die prinzipielle Stellung Jesu zum Gesetz, sowie ihre
folgerichtige Anwendung auf die vorliegende Frage war im Streit mit
den Pharisäern noch nicht auf den entscheidenden Ausdruck gebracht,
viehnehr unter Hinweis auf den Kompromiß Charakter der von den Phari-
säern angeführten mosaischen Bestlnunungen vermieden worden , eine
I Wir? pjfui BU«li mjt den Erg^bnisiea dct Wredcschcn Schrift (djis Me»ia»>
gcheimnis) im ganicn c in v erstand en, so wird man doch ini vorliegenden Falle mit
gutem Grunde beiweifeln dürfen, ob hier mit Wrede (S. 136) eine blote Matücr des M
anEuerkennGn ist. OiTenbar isl VV. zu dieser Auffassung durcL einen über die richtji
Gtenten hin ausgehenden Systemiwang getrietien wardeti. Denn an sieh ist det Zag it
TOrliegcnden Falle sog« wo-lil mffüriert. WoUlc man dagegen die rücksichtslos« Durch»
führuBg des Wredc&ch.en Priniips billigen, so würde der Foil eintreten, daG auch fatito-
nsche Züye, die mit lifi bist arischen Zulalen eine gewiss-e Äluilieltkeit haben, dem
Syatcm lum Opfer taDen müCten. Eise Gewißheit nach der cineo oder andern Seite
gibt e« auch nich Wterfcs Arsfühningen. in diesem Falle nicht-
E. Rodenbusch, Die Komposition von Lucas i6. 249
Wendimg, durch die der versucherischen Absicht der Pharisäerfrage be-
gegnet wurde.' Diese Rücksicht fällt jetzt weg, und Jesus gibt den Jüngern
in Gestalt eines historischen Überblicks die verlangte Aufklärung über die
Gültigkeit von Gesetz und Propheten und ihr Verhältnis zur Predigt vom
Reiche Gottes; das Ergebnis wendet er dann auf die mit den Pharisäern
verhandelte Frage an.
Somit bringt Lc 16, 16 und 18, als Antwort Jesu an die Jünger auf-
gefaßt, den Doppelcharakter des mit den Pharisäern verhandelten Themas,
seine prinzipielle Seite und seine spezielle Anwendung, zum vollen Aus-
druck, während im Streite mit den Pharisäern die erstere naturgemäß
zurückgetreten war.' Hierdurch erweist sich Lc 16, 16 und 18 als eine
wohlmotivierte Fortsetzung von Mc 10, i — loa. Namentlich aber wird
durch diese Kombination das jubelnde Wort Lc 16, 16 Kai ttAc ^x&Zetai
€ic aiiTf\v erst in einen anschaulichen Zusammenhang geruckt; es erhält
durch Mc ic^ I Kai cuvTropeüovxai ndXiv öxXoi npdc aöxöv ein treffliche
Motivierung. Ob die l a angegebenen äußeren Umstände die Erwähnung
des Johannes mitveranlaßt haben, wird man natürlich nicht zu entscheiden
wagen. An der sachlichen Einheit beider Stücke läßt sich nicht zweifeln.
Hieraus ergibt sich unmittelbar: bei Mc ist der Spruch von der
Ablösung des Gesetzes durch die Predigt vom Gottesreiche in der Ehe-
scheidungsperikope ausgelassen worden, eine Tatsache, die sich leicht
durch die dem Praktischen zugewandte Berichterstattung des Petrus
erklären läßt; bei Mt wurde dies gleichfalls der Anlaß zum Ausfall des
Spruches, zumal er ad voces „Johannes" und „Himmelreich" v. 11, 11
orientiert war. Da Lc 16, 16 <= Mt 11, 12, 13 nur in der Spruchsamm-
lung überUefert ist, so folgt ferner, daß die Spruchsammlung von der
Ehescheidungsperikope nur die Schlußsprüche von der Ablösung des
Gesetzes durch die Reichspred^ und von der Unauflösbarkeit der Ehe,
offenbar mit Kunde von ihrer Zusammengehörigkeit, beibehalten hat.
Welcher Grund, insonderheit, ob der von Wemle angegebene* den Ausfall
der andern Spruche veranlaßt hat, laßt sich nicht angeben. Zwischen
beiden Sprüchen hat nun die von Lc benützte Redaktion der Herren-
sprüche noch 'das Wort von der Unvergänglichkeit des Gesetzes ein-
geschoben, offenbar als ein von nomisttschem Standpunkt gemachter
Vorbehalt, als eine „Randbemerkung", die, einmal in den Text auf-
genommen, die Funktion übeniahm, zu zeigen, daß das Gesetz auch
neben den neuen Normen des Gottesreiches seine unvei^ängliche
> HolUmann, Handle. I, S. 88.
• S. 225.
?SQ
E. Rodenbusch, Die Komposition von Lucas i6.
Bedeutung bewahre,' Und andrerseits ist im Eingang von i8 in der
vorlucanischen Gestalt des Textes vielleicht ein ursprüngliches X^tu Öfe
i}}itv ausgefallen, das, wie auch in der Parallelstelle Mt 19, 9 die
wesentliche und zusammenfassende Folgerung einer vorauggegangeneo
Erörterung einleitet. An der letztgenannten Stelle könnte diese den
Worten Jesu vorgesetzte Eingangs formel ebensogut durch die Formu-
lierung der Logiaschrift (so auch 5, 32') veranlalit, als nach Mk 10, lOa
umgebildet sein.
Lc 16, 16^ — iS hat also dem Evangelisten in dieser Komposition
schon voi^elegen. Nachdem wir schon früher die Ansicht, daß 16 aus
der Johannesperikope von Lc entnommen sei, als unhaltbar dargelegt
haben, haben wir nunmehr noch die Ansicht, wonach die ganze Stelle
16 — 18 eine Kompilation des Lc ist, auf exegetischer Grundlage zu
prüfen. Es wird sich zeigen, dali auch diese Ansicht keinen stichhaltigen
Einwand gegen die unveränderte Übernahme der Stelle durch Lc ent-
hält, Daü die von Holtzmann im Sinne des Lc gegebene Deutung zu-
treffend ist,* sei nicht bestritten. Aber etwas anderes ist es, auf ledig-
lich exegetischem Wege einem gegebenen Zusammenhang ein Verständnis
abzugewinnen, — und dieser Fall lag nach der in diesem Aufsatz ver-
tretenen Ansicht bei Lc vor — etwas anderes durch eigene KompiUtJon
einen derartigen Zusammenhang zu schaffen, dalj ein bestimmter Gedanke
aus ihm herausspringt Dort muU auch das minder Augenscheinliche
genügen, hier dagegen darf man erwarten, einen dem Gedankren eioiger-
malien adäquaten Ausdruck zu finden- Demnach ist es auffällig, weshalb
Lc den ihm vorschwebenden Begriff des vö|i.oc nicht durch einen Zusatz,
etwa XpiCTOö nach Gal 6, 2 verdeutlicht hat. V. 16 ist von dem altesL
VÖ^oc die Rede, und dieser Begriff ist durch den Zusatz TtpotpiiTm
psychologisch und historisch SO begrenzt, daß der durch nichts gekenn-
1 Diecer nomistiMhe Standpunkt dnt dem Lc vorliegepden Redaktion tritt melirfacli
herreri so iiamcjillich in d«mZusalE 16,(27) 29—31 "■»-'^ '7i U; andererseits sind ducIbK
solche Slellea beiciti^, die gceignel erscheinen, -dJc Autoritäit des Gesetiei durch die
HervoibcbuiiE un-d Gegenü berät eil iipg q.nderer Normen (sg in den AntiÜiescn der Bcxg-
predigt) oder durch die Aufdeckung innerer Widersprüche (so Mt 13, S, 6) lu schwächen;
fem« wird 1^ l6, l6 durch 17 neutralisiert. Diese Auswa.!il und Redaktion wird sUm
Werk des HcidenchriBten Lc allein nicht verständlicL
» Ob freilieh das mil leichter Änderung des Sinnes gebrauchte ifib b* Wfu» ÖuW
der BerEprcdigt ub«r«ll schon an den Stellen zu lesen wnr, wo wir es heute in der Berg-
predigt leien, ist iweifclLitft ; v^l. dam die Bemerkung Holiimanns, Handk. HI. S, 29
m V. 5, 42. Desto sicherer 44, wie Lc 6j ij bewcitt, und 32. Von solchen Stellen »u*
iil es XU rhetorischen Zwcclcen ron Mt vctAll^meineit worden,
3 Hollzmann, HuidV. IV, S. 881
■^
£. Rodenbusch, Die Komposition von Lucas i6. 251
zeichnete Übergang zu der neuen Bedeutung des vöfioc stilistisch un-
erträglich erscheint, zumal wenn von beiden Begriffen Gegensätzliches
ausgesagt wird.' Das wäre bei so einfacher Sachlage selbst bei einem
ganz ungewandten Stilisten zu verwundern. Daher hat denn auch Mar-
cion, zugleich in dogmatischem Interesse, den Anstoß durch die Korrektur
TÜfV X6tiuv |iou beseitigt Auf den kanonischen Charakter des Wortes
aber als ein Hemmnis für die Textveränderung dürfen wir uns unter
der gemachten Voraussetzung am allerwenigsten berufen. Wenn wir
dem Evangelisten die Freiheit zugestehen, den von ihm vorgefundenen
Zusammenhang durch einen neuen zu ersetzen, ja sogar dadurch den
einzelnen Bestandteilen bewußt einen neuen Sinn abzugewinnen, so können
wir auch nicht von ihm erwarten, daß er mit Rücksicht auf das kanoni-
sche Ansehen des Spruches sich eines verdeutlichenden Zusatzes ent-
halten haben würde.
HL
Nur die als notwendig erwiesene Voraussetzung, daß Lc die vv. 16,
16 — 18 als unauflösliches Bruchstück und zwar in der Nähe des Gleich-
nisses I — 9 vorgefunden hat, laßt auch eine befriedigende Erklärung für
ihr Vorhandensein an ihrem gegenwärtigen Platze, sowie überhaupt für
die komplizierte Komposition des 16. Kap. zu. An sich wäre ja denkbar,
daß hier, wie sonst, einzelne Verse, die dem Evangelisten von der Quelle
ohne besondere Einrahmung überliefert waren, von ihm nach eigener
Vermutung versetzt worden wären, um sie irgendwie an den von ihm
gesponnenen Faden der Erzählung anknüpfen zu können. Aber damit
wird die höchst umständliche Konstruktion, die „als schwerfällig erbaute
Brücke"' das Gleichnis l — 9(13) mit dem Gleichnis 19 — 31 verbindet,
noch gar nicht verständlich. Lc begnügt sich sonst dami^ durch kurze
Situationsangaben von einem Abschnitt zum andern überzuleiten. 14
und r 5 allein hätten diesem Zwecke in kürzerer und wirksamerer Weise
gedient. Femer steht zwar 16, 17 zu 29 — 31 in inhaltlicher Beziehung;
aber auch diese nur dürftige Unterstützung des gedachten Zweckes kann
Lc kaum auf den Gedanken gebracht haben, 16 — 18 hierher zu ziehen;
18 bleibt ja doch außer aller Beziehung. Auch dann dürfte man das
' Anders läge die Suhe noch, wenn angenommen werden dürfte, diA Lc gar keine
Voistellung mehr von dem altest v<J^oc gehabt hätte. Daß unter solchen Voransietznngen
auch sich Widersprechendes von Spätem laiunmengeftigt wird, bedarf keiner Erwähnnng.
Ebenso falt die Schwierigkeit bei der Quelle fort, da es sich hier v. 17 nm einen tenden-
ziösen Knschnb, nicht aber nm eine organische Eingliederung handelt.
» Holtimann, Handk. IV, S. 87.
2^2 B. Rodenbusch, Die Komposition von Lucas 16.
überaus Künstliche und dabei doch so wenig Wirksame dieser Kompo-
sition nicht verkennen, wenn sie „gelegentlich dem seibständig^en Zwecke
diente, das Nötige über den Begriff des vöfioc und seine bleibende Be-
deutung zu sagen.'" Eher war sie dann nach 31 zu erwarten.
Noch unwahrscheinlicher wird eine erst von Lc bewirkte Einfiignng
von 16 — 18 an dieser Stelle, wenn, wie es allgemeine Ansicht ist; diese
Verse erst von Lc zusammengestellt worden sind. Nur die wirkliche
oder wenigstens vom schriftstellerischen Standpunkt des Lc zu bewertende
Trefflichkeit des Baumaterials zu dieser Brücke lieüe das Zusammenlesen
und Herbeischaffen an diese Stelle erkläriich erscheinea Überdies ist
flir 16 schon oben die Unmöglichkeit, die Johannespcrikope als Fundott
anzusehn, nachgewiesen; wo femer 17 und 18 gestemden haben sollen,
wäre schwerlich anzugeben. Auch auf die exegetischen Schwierigkeiten
ist schon hingewiesen.
In Wirldichkeit handelt es sich um hier schon vorhandenes Material,
das nicht nach dem eigenen Entschluß des Lc herbeigeschafft wurde,
sondern, weil es nicht weggeräumt werden konnte, so gut oder so
schlecht es ging, in den Zusammenhang eingefügt werden mu&te. Und
zwar ist wahrscheinlich, da& das Gleichnis 19 — 31 erst durch Lc aus der
Nähe des Gleichnisses 18, 10 — 14 an seine jetzige Stelle, d. h. an den
Schluß des jetzigen 16. Kap.^ gebracht worden ist. Denn wenn das
Gleichnis schon in der Logiaquelle an dieser Stelle gestanden hätte, so
wäre nicht abzusehn, aus welchem Grunde die Quelle die beiden Gleich-
nisse nicht unmittelbar neben einander gestellt, sondern durch 16 — 18
getrennt hätte. Ein Anlaß zu dieser Umstellung von 19 — 31 ist wohl
denkbar. Wenn nämlich B. Weiß richtig vermutet,* so bildete das
Gleichnis I — 9 mit einem andern, das in den Reflexionen des Evange-
listen 10 — 13 (14) seine Spuren hinterlassen hat und sich jetzt als selb-
ständige Perikope 19, 12 — 27 vorfindet, ein Paar. In einer Art Austausch
scheint nun auch 16, 19 — 31* von seinem ursprünglichen Standort wegen
seiner Beziehungen zu 1—9 und 16 — 17 von Lc hierher versetzt worden
zu sein. Jedenfalls zeigt sich eine Nachwirkung des Austausches darin,
daß die beiden in Kap. 16 vereinigten Gleichnisse mit Hilfe der ihnen
■ HoltimMn, H&ndlc IV. S. 88.
■ Der Zuwachi 37 — 31 ist in der Quelle offcDbar durcb die Erinnerung an die
Gruppe Lc 1—9 + Lc 16—17 veranlaJit, wo verwuidte Themata in denelben Reihenfolge
behandelt werden. Sachlich veranlaCt wurde die Kombination Ton 19 — 26 mit 37 — 31
durch die nomistische Tendenz der Quelle.
3 Leider war ich nicht in der Lage, das Buch von Vitii lelhit cinznichn; die Be.
ingnahme ist durch Holtzmann, Jabrbb. für prot. Theol. 1878, S. 557, Tennittelt
E. Rodenbuscb, Die Komposition von Lucas i6. 253
ursprünglich benachbarten eigentümliche Ergänzungen erfahren haben.
So hat das Gleichnis i — 9 in der Ausfuhrung des Grundgedankens von
19, 12 — 27 einen Epilog (16, 10 — 13), und das Gleichnis 16, 19 — 31 in
dem Grundgedanken von 18, 10—14 einen Prolog (16, 1$) erhalten;' wenn
wir von dem Bestreben, 16, 1 — 9 tunlichst umzudeuten, absehen, alles zu
dem Zweck, die durch das Mittelstück 16 — 18 bewirkte Trennung beider
Gleichnisse möglichst zu neutralisieren.
Gleichwohl ist es den Bemühungen des Lc nur in geringem Maße
gelungen, die spröde Isolierung von 16 — 18 zu überwinden, und er hat
diese Aufgabe auch nur deshalb zu lösen unternommen, weil sich ihm
der Ursprung und die wahre Bedeutung dieser aus dem Zusammenhang
gerissenen Verse verbarg, wenn er auch den Zusammenhang von 16
(17) mit 18 beachtete. Durch seine redaktionellen Umänderungen sind zwar
inhaltliche, durch das ganze Kap. gehende Beziehungen des Gleichnisses
ig — 31 zu 1^13 (Verwendung des Reichtums) und zu 16 — 17 (Verbindlich-
keit des mosaischen Gesetzes) hei^estellt Aber die letztgenannte Be-
ziehung tritt erst 27 in Sicht, was um so störender wirkt, als der formale
Zusammenhang einzig durch das weiterführende hk v. ig hergestellt ist.
Zwischen 1 — 13 und 16 — 18 fehlt aber auch hiernach noch jedes Band.
Der Einschub 14 — 15 hilft auch nicht weiter; er stellt zwar eine neue
künstliche Gedankenverbindung zwischen beiden Gleichnissen her, 16 — 18
aber erscheint nach wie vor als ein nach rückwärts ganz fremdartiges
und nach vorwärts nur notdürftig assimiliertes Element in fremder Um-
gebung. Nur die äußerliche Verschnürung verhindert ein völliges
Herausfallen dieser Verse aus dem vom Evangelisten geschaffenen Zu-
sammenhang. Nicht also, wie Wernle sagt, die Verlegenheit, so hete-
rogene Verse zusammenzudenken, merkt man Lc an, sondern die, ein
sich aufdrängendes, aber unbequemes Material in den Zusammenhang
hineinzuarbeiten. Lc hätte sich kaum ungeeignetere Verse zur Ver-
bindung der beiden Gleichnisse auswählen können.
IV.
Lc 16, 16 — 18 ist, um das Gesagte zusammenzufassen und einige
weitere Folgerungen zu ziehen, als schwer einzufügendes Bruchstück
nicht vom Evangelisten an seine jetzige Stelle verbracht worden,
sondern es hat diesen Platz schon in der Spruchsammlung behauptet
Es war also dort die Reihenfolge vorhanden: Gleichnisse vom klugen
I Vgl. Holtzmann, Huidk. IV ed den betreffenden Stellen.
254 ^- Kodenbusch, Die Komposition von Lucas i6.
und vom gerechten Haushalter; dann folgten einzelne Sprüche, mit
16, 1 6 beginnend und bis 17, 10 sich fortsetzend. Man wird in diesen
Sprüchen von 16, 18 an — 16 (17) bildet eine Art Einleitung — einen ge-
wissen Zusammenhang, der freilich durch andere Bestandteile unterbrochen
erscheint, nicht verkennen dürfen: 18 Verhalten gegen das 'Weib in der
Ehe;* 17, 2 gegen die Kinder; 3 und 4 gegen den Bruder. Durch das
Fehlen der Ehescheidungsperikope wurde der Verfasser der Logiaschrift
von selbst dazu gefuhrt, die Schlußsprüche der Perikope an die Spitze
einer Reihe von Mahnsprüchen zu stellen, die in der Jüngerrede vereinigt
waren. Darin bildete also die Gruppe, die sich auf die sittlichen Pflichten
gegen die uns zunächst Stehenden bezog, den Anfang. Die Ärgemis-
sprüche sind dabei von allen Synoptikern an den Spruch von den Kleinen
wegen des gemeinsamen Begriffes des acdvbaXov herangezogen worden.»
In der zweiten Gruppe, wie sie durch die Gleichnisse vom verlorenen
Schaf und der verlorenen Drachme repräsentiert ist, mochte von den
Pflichten gegen die in den Augen der Welt Mißachteten und Verlorenen ^
gehandelt werden.
> Die Trennung von 16, 18 und 17, ifT. durch 16, 19 — 31 kann nicht aaffatlen, da
dort die Beziehung rum Gesetz klar, liier aber nur 17, 3, 4 vorhanden, nnd überdies wohl
Lc nicht bekannt war.
» Wemle, S, 67, nimmt den entgegengesettten Vorgang an.
i HolUmann, Handk. UI, 79.
[Abgeichloucn am 17. Juli 190J.]
E. Nestle, Neue Lesarten zu den Evangelien. 255
Neue Lesarten zu den Evangelien.
Von Eberhard Nestle in Maulbronn.
I.
Einer der Mitarbeiter von Soden's an der neuen Ausgabe des grie-
chischen Neuen Testaments hat vor kurzem den Text der Pariser
Evangelienhandschrift veröffentlicht, die J. P. P. Martin 1884 in seiner
„Description technique des manuscrits grecs relatifs au NT. conserv6s
dans les Biblioth^ques de Paris" S. 91 — 94 beschrieb, indem er von ihr
sagte: „S'il avait ^t^ connu, ü serait certainement c^l^bre. H est digne
des 61oges que Griesbach prodigue au Regius."* Der Regius (L) ist
bekanntlich die Handschrift, aus welcher der kürzere (doppelte) Markus-
schluß zuerst bekannt wurde; und diese Handschrift hat ihn auch, ist
aber trotz dem Hinweis von Martin nirgends genannt worden, selbst von
Zahn nicht, der GK. II, 922 eine andre Stelle von Martin's Description
in diesem Zusammenhang zitiert. Gregory zählt sie als 579, Scrivener-
Martin als 743, in dem System von Soden fiihrt sie die Bezeichnung e 376
und ist dadurch als ane dem 13. Jahrhundert angehörige Evangelien-
handschrift gekennzeichnet Früher hätte man gesagt: was kann eine so
junge Handschrift Gutes enthalten? Heute haben wir gelernt, daß das Alter
einer Handschrift nicht alles ausmacht. Dir Herausgeber sieht in ihr
den Vertreter eines alten Unzialkodex des BX-Textes, Ob er damit
recht hat, soll hier nicht untersucht werden. E^ handelt sich hier darum,
den Lesern etwas anderes vor Augen zu fiihren.
In den Zeiten von Mill, als man die Zahl der neutestamentlichen
Varianten auf 30 000 schätzte, staunte und erschrak man ob ihrer Menge.
Heute sind vielleicht 5 mal soviel gebucht, weit mehr als das Neue Testa-
ment Worte hat. Wir erschrecken nicht mehr darüber, aber erstaunen
dürfen wir noch, wenn sich herausstellt, daß jede neue Handschrift, die
bekannt wird, zu der Zahl der bisher gebuchten Lesarten neue hinzufügt.
1 Alfred Schmidtke, Die Evangelien eines alten Untialkodex (BM-Text] nach einer
Abichrift des dreizehnten Jahrhundert« herausgegeben. Leipzig, Hinrichs 1903.
256 E. Nestle, Neue Lesarten zu den Evangelien.
Ja selbst längst bekannte und berühmte Handschriften werfen bei genauerer
Untersuchung noch einen Ertrag ab. Man vergleiche die Liste aus dem
Codex Bezae, die ich in Hilgenfeld's Zeitschrift für wissenschaftliche
Theologie 39 (1895) 157 — 166 veröffentlichte und in meinem NT Gr.
Supplementum S. 66 ei^anzte.
Es ist natürlich, daß man die 2^ahl der Varianten ins ungemessene
steigern kann, wenn man jeden Schreibfehler einer besonders liederlich
geschriebenen Handschrift als Variante buchen wollte. Die Handschrift,
um die es sich hier handelt, ist allerdings teilweise schlecht geschrieben,
aber von diesen Dingen ist im folgenden ganz abgesehen. Und trotzdem
lieferte eine rasche Vergleichung allein zum dritten Evangelium über
130 Varianten, die bei Tischendorf noch nicht zu finden sind. Ich
weiü nicht, ob auch nur eine derselben Aussicht hat, künftig in den
Text aufgenommen zu werden, aber eine ganze Reihe derselben verdient
wenigstens in den Apparaten und den Kommentaren Beachtung, imd
weil man nicht jedem Erklärer zumuten kann, Schmidtke's Ausgabe der
Handschrift auf diesen Punkt hin selbst durchzuarbeiten, so will ich das
Neue, was aus seinem Text zu lernen ist, hier zusammenstellen, indem
ich nur an einigen Beispielen zeige, welches Interesse an einzelne dieser
Lesarten sich knüpft.
In meinen PhUologica sacra hatte ich zu Mk 13, 34 die Krage auf-
geworfen, ob bei dem Türhüter, der von den übrigen Sklaven unter-
schieden wird, nicht an Petrus gedacht werden dürfe oder müsse. Diese
Frage wird hinfällig, wenn die Pariser Handschrift recht hätte, die mit
Änderung eines einzigen Buchstabens aus dem Türhüter eine Tiirhüterin
macht. Es ist das wohl unter dem Einflul^ des Johannesevangeliums
geschehen; aber auch so liefert diese Lesart einen interessanten Beleg
zu der unlängst in einer Zeitschrift erörterten Frage über den Umfang
des Vorkommens weiblicher Dienstboten im Orient; ja sie könnte sogar
in der modernen Frauenfrage verwendet werden, daß Jesus auch den
Frauen ihre Aufgabe in der Kirche angewiesen habe. In demselben
Kapitel heißt es V. 12 bisher in allen Zeugen nur, die Kinder werden
sich erheben gegen die Eltern, und wenn man den Zusammenhang
nicht scharf nimmt, kann dies allgemein dahin verstanden werden, daß
die wachsende Unbotmäßigkeit der Jugend ein Zeichen des nahenden
Endes sei. Einzig unsere Handschrift ergänzt dies durch den Zusatz
„und die Eltern wider die Kinder", und wenn man bedenkt, daß bei
religiösen Krisen das Unrecht nicht immer auf Seiten der Jugend ist, die
sich einer neuen Bewegung zuwendet, während die Alten aus über-
£. Nestle, Neue Lesarten lu den Evangelien. 257
triebenem Konservatismus sie verfolgen, so ist diese Lesart doch min-
destens recht anregend.
Dogmatisch lehrreich ist, daß der Hauptmann unterm Kreuz nicht
bezeugt daß dieser Mensch ein Gottessohn gewesen, sondern dafi er es
ist (£Cnv). Sprachlich beachtenswert ist 5, 42 Trapaxpfjfxa frxipQt] statt
e^6uc avecrr]. Das Adverb napaxprma kommt im ganzen Matthäus nur
in der Erzählung vom verdorrten Feigenbaum vor — weist dies auf einen
besondem Ursprung derselben? — nie bei Marcus, überaus häufig bei Lucas.
Doch ich will den Raum dieser Zeitschrift nicht weiter in Anspruch
nehmen, auch nicht auf andere sonst bemerkenswerte Eigentümlichkeiten
dieser Handschrift hinweisen; ich stelle nur die Lesarten zusammen, die
bei Tischendorf noch von gar keiner griechischen Handschrift bezeugt
sind, und zwar zunächst nur zum Marcus-Evangelium.
Mk I, 27 iöaundcöiicav 32 nporfq>€pov 44 fl] 8 a, 12 — Ön'
13 6x^oc] Xaöc 15 iboCi TroXXot 26 toic dpxiEpeOav pövotc 3, 7. 8 'Itiou-
(laiac . . . 'loubaiac 14 xripucc xal X^t«v 17 ßpovrflc uiot 27 ekcXflevv
Kai 28 äfinv, &}xf\v (ebenso 6, ii; 9, i.) 4, 10 ■» öt£ 16. 17. äKouc. fiETä
Xetpäc Btx- TÖv \6tov (oök ^x- öfe) 24 ÄvnfiCTptienccTai 26 Inl Ti\v T^iv
40 ÖXtTÖmcToi 5, 13 dKad. dnö toü dv6p<IiTT0u 18 ßaivovToc 29 tdOn
34 fcOi] Icij 39 öopuß. KXaiovTcc 42 Trapaxpnnti t^r^pän 6, 3 toO t^k-
Tovoc ui6c Kai d&. (—Kai Tfic Mapiac) 11 t6v bnoK&xijj} dnö i2^ETavoi^-
couav (auch N) 14 /jY^P^n äi^^ TiJüv 34 i^cav £ckuX^£voi koI £pi|i|i£voi d»c
36 KiEifiac tva dtop. 37 öpTouc öiax. btiv. 41 — fcüo 2" 7, 12 noii\ai (—
-ceiv?) 15 — ^KTTOpeuö^eva ^crlv ao bi] jap 31 — biä IiÖiSvoc 8, i ?xov-
Toc 2 crrXaTXVicöeic 6 ttc -rfiv "piv 19 Toiic ttIvtc dpiouc öxe 25 öqieaXp.
ToO TucpXoO 27 — Kai 29 Koi fjpujTncev a. (— aüröc) 31 dTCpöi^vai 33 —
aäroO 9,5 xal mEuv HXcia iS — aÖTÖ 21 aOri^ ö bl emcv] 2cnv
22 dnoKTCtvij 28 ^TrtipiipTOuv (== £) 30 Tic aüiöv fvili 32 iTrtpunricai aöröv
37 _ oÜK i)ik und dXXä 47 {£eX£ aöröv Kai ßdX€ dnö cou 50 ^ujpQvd^
10, I ÖxXoi noXXoi 14 ßac. tüiv oüpavujv (ebenso 25) 21 — f\jäm]cef aöiöv
Kai 25 — elceXöcTv 27 — napd 3" 29 Efpn aöxoTc 39 ol bk emav] X^touciv \
— 'IricoOc 52 ctcujK^v ce, jropcüou (trotz vorhergehendem Oirate). 11, 6
eipHKCV aÜToic 13 oü&. eOpev iVaÖT^ i4fJK0ucav i€&id tö iep6v 21 diro«
Kpiöcic (für ava^vrice.) 26 — tUTÖTe KOi eöpfjccTe (in dem von M und
andern Hdschr. bezeugten Zusatz) 29 ^pujTricuj 30 t6 ßaTir. toG lui.
12, 2 tva Xdßij TTop' aÖTiSv toöc Kapiroüc 16 tivoc £mTpa<pi^ aörn (— f| ciK.
a. Kai f\) 22 — Kai 2° 23 £ctiv 26 \ij€i 29 *l>ic. xai eütcv 36 Kai aöröc
I — «• omittit; die Vergleichung ist nach meiner Auigabe gemacht, unter steter
Beisiehung von Tiichendorfs octavH maior.
Zäuchr. r. d. Bauteil. Wu*. J^ag. IV. tgey, ly
358
E. Nestle, Neue Lesanen zu d«n EvangelicD.
Aou. 13, 5 ö *i \hti oÖToic 12 Tov. Kai Ol ToveTc ^ni tö xkcm
22 CTijieTa ^ET<iXa 26 nerdiioEric KQiiuv. noX. 27 fi-rr. aüioO nexd cdXinTT«
q)iijvr|c H£Ta\i]c 28 T^viiTai dnaXöc 29 Taflia ndvTCi 34 Tf\v iSouciav Tok
bouXoic aöroö | t^| Supiupifi 3Ö töprici) ("ur „Orig.") 14, i drroiCTevviiav
2 tva jiii e. T^vriToi iv tiü >a4J 6 Ipxov top xaXöv 9 — £ic öXov t&v
k6cmov I XaXije. mi B *iroiric outti 12 Iva qiäT.] «poTtw 13. 14 eic t^v
oMav 6itou cfcTtopciicTBi kbi 19 xal i SXXo< 2: kotü tö iLpicM^vov no-
ptOiTüii 29 ^qpii] tiirtv 30 — Kai 35 irnpeXeiTw (trotz Yva) 40 cüpioce
43,XaXo0vTocaÜTOü 44XtT««v ön 48 aÖTOic 6'liic. ekev 58 ofKofto^.] noiiiau
60 oiiitfev ditoKpivip xf 61 Kol 6 'it]c. 62 — '(nc 6j MIppriEcv Tot Vdria
aÜToO X^Tti 05 KaiiXoß^ov 67 inßX^yiac aÜTÖv (sol) ( neiä "liicoO toG No-
Zuipnvoö i^ceot 69 ÖTil Kai | i£ oifvjjv icnv] per' auroO ^v 70 ei- koj ^äp
f| XaXid CDU liiiXov et noiti (— TaXiX. ei kqi) 72 t^vric9ti | toö ^riMor«
ToO 'It]coO ÖTi I xplc dnapvrtci] ^e Ka) <£€X9ÜJV ^Itu ^kXqucev niKpüc
15. I tPöMM. ToO Xaoö 5 OauMäcai 17 ircpiTieaciv ig irpoctKuv. aiirov
21 ZiM. TiVö Ttapat. Kupnv. 22 TöXTuJÖdl 31 JXetov tittü tiüv Tpa>iM«T^*
34 HETiSXij Koi tiTTEV 39 uiöc ÖEOÜ €CTiv i6, 2 javitWEiou TuvaiKtc 6 Na-
Ziupnvöv l8 ßX<S«|ir| aiiroüc | tTn9nciuciv.
IL
Noch intetesääjiter 2Um Teil als die Varianten zum 2. Evangelium
sind die zu Lucas, sowoW der Zahl als der Art nach^ Ihre Zahl über-
steigt 330, und was ilire Art betrifft, so genügt es einige namhaft ju
machen, wie i, 34 ii€T€Xiu statt tivwckiju, 2, 4 auTr|v, 48 6 nciTiip cou KOi
6 cuTT^viic cou KOTLu 51 riXÖov; 11, 42 das eine sollte man mir tiuii 16.
28 den Ort dieser Qual; 18, 12 ich verzehnte dir alles; ig, 9 da auch er
ein Sohn Abrahams wurde; ig, 17 wir wissen, daü du in wenigem
getreu warst; 21, z8 hebet eure Augen auf; 22^ 16 bis das Reich Gottes
vollendet wird (so auch der SinaisyreOi 24, 39 autoc. Spraclilich in-
teressant ist die häufige Ersetzung der zusammengesetzten Zeitwörter
durch die einfachen z. B. 6, 13; 8, 43; 9, 30; 12. 20; 13, 19; 17^ 12. 2s,
59. 61; 23, 20; des Aktivums durch das Medium g, 31; 6, 21,- der Einzahl
durch die Mehnahl 11,7; 23, 18; liturgisch die häufige Einführmig der
Schlußformel: Wer Ohren hat zu hören, der höre (s. 15, 10). Aber ich
will auch hier es den Lesern überlassen, die Liste zu prüfen, und nur
eine fUr die Genealogpe der Handschrift nicht unwichtige Lesung anführen.
13, 10 schreibt auch unsere Hdschr. iv tiia tujv iincptuv cv xoic caßßaciv
statt cvvaTUiTuJV wie H 13, 346 bei Tischendorf. Ist es wahrscheirüicli,
daü diese Gedankenlosigkeit an derselben Stelle vcrsctiiedenen Schreibern
£, Mestle, Nene Lesarteii la den Evangelien. 259
unabhängig von einander begegnete, oder beweist sie einen Zusanunea-
hang dieser Zeugen? 13. 346 sind 2 Glieder der Ferraigmppe.
1, 4 eTcvero 6e 8. 9 — cvovti . . . lepoxeiac 17 £v eutppovnai 34 -nviu-
CKUf] ^€TEXU) 36 OUTOC] OVrOC 45 TTOpO KUpIUl 50 — KOt TO cXeOC aUTOU
51 uTiepiiipavoic biavomc 74 x^tpoc iravxujv tu»v fiicouvriuv hmiuv 3,4
aun]v 7 — Kai avcxXivcv aurov 15 xai 01 noi^cvec 23 — cv vofiu) tcupiou
24 euciov] TViuav I — cv TUJ vojiuj Kupiou 27 eicnXöiv 37 mrn] nv xnpa
48 na-n\p cou xat cuTTtvnc cou Kaxu) 51 n^Qov 3, 7 ott 9 pi&w
Tou bcvtipou 23 — 38 desunt 4, 5 avatujv 7 Travro 17 to ßißXiov (1°)
23 uioc Ituc. e. o. 23 — T£VOticva 28 aura 31 Kon. cic tcoXiv 33 av6p.
KOI ex- 34 trnoc] uioc 36 outoc Xotoc 5, 2 Xttxvnv TewncapeT 5 tu»
cut prifian 7 eX6civ Ken cuXX. 8 TOic itoav tou tnjpiou 9 f|v 12 « aurou
15 — bc 1 Xotoc] r|xoc 17 6uv. Ötou 24 niv kXivtiv cou vnajt 27 Aeuciv
ovofiom 31 exouci] exovrai 6, 2 eiirav] cXctov 3 — npoc avrouc 12 koi
ETCVETO Ev £K£ivatc TQic Ht^- j — TT) 13 eKoXcccv 17 TU)v )iaBr}j. am. 18 ocoi
19 TTOvrac auTouc 21 TC^ctcecQc 23 kqi xdipere | (upa 31 noiiuav ujwc
33 TO auTO noiouav] touc oraniuvTac aurouc aTantuav 40 btb. oub« bou-
XOC UTTCp TOV KUp!OV QUTOU KttT. 4I — TTIV 2° 43 CUTTpOV . . . KOcXoV . . .
KaXov . . . caiTpov 47 irac ouv | tivoc 48 — -rnv 7, 3 — EXÖtuv 6 — Kupic
7 XOTUJ MOVOV 14 €ICCX9ufV 18 TIEpI TOUTUIV TrOVTLUV 22 ClbCTC KOI OKOUCTC
29 — aKoucac | eic to ß. 32 Ka6. a irpocfuivouvra Xetouciv 4t be lr|c
C911 47 Xertu cot] emov 50 Kon emev irp. 8, 4 cuvovruiv be aunuv koi
oxXou TCoXXou emiTOpeuofievou -rtp. 6 pt£av 10 ouc okoucwov wai ov ^u\
CUV. 13 neipac ciav 19 — irpoc aurov 33 ocpimv. o Incouc 25 ~ be 2"
29 TioXXui TOP xpovui 30 ovo^a coi ecnv 33 xm e£eX9ovTa ja 36 — 01
ibovrec 39 oca auTw ireiTOiiiKev 41 Kieipoc outoc 43 avaXuicaca 47 Kcn
TTIUC 49 TIC EK TOU 5I b£ IhCOUC 9, I VOCOUVTOC 3 HT]T£ TITlpaV )L
paßbov 7 TiavTQ TO T£VOtiEva 8 tiT^pOn 9 outoc ecnv 10 xai 01 oitoct.
unocxpev- 1.1 locorro 13 — tiXeiov | — Ttavra 14 — aurou 17 Ta nepicceu-
para auTwv 19 einov* Xetouciv | oti] cva tuuv TTpoipnTtuv* CTepot bE on
24 cujcai TTiv ijjux. auTou 28 koi TrapaX.] napaX. be 30 eXaXouv 42 biep-
pnSev 48 Em TW Efiuü ovofi. 49 nKOXouSEt 58 KXiveiv 62 an ap. ic\ 2 iva
10 ££eX6.] eiceXBovtcc | Xctcte ii oiroTivaccoriEdo 19 — ttiv 20 — t« i"
24 ETTEOu^r^cav 30 aq). auTov n^tG. 34 oivov xai eXoiov 37 )I€t outou to
cXeoc 38 KQi auTOc 39 KOI auTT]bc 41 anoxp. be em.] eittev be | TpißaZeic
42 i£€\i£. TTiv OT- fiep, n, 4 ttovti oiptiXouav 7 eipn 1 napextTe 8 ETepO.]
avacrac 12 cxopTi. emb. aurtu 13 oupavioc 15 — tu 22 — ETrcXeun»
33 a^ac Tterjav auTov imo tov fi. (— eic xpunT. u. oube) | iva . . .] xai Xo^tiei
naav toic ev tti otxia 39 irpoc aurov Kupioc 42 — <iXXa | nonicai |ioi
17*
360
E. Nestl«, Neue Lesatten lu Ato Evangelien.
13, 1 oxX.ou] Xaou (vgl Mk 2, ij) 6 accapiuuv nujXciTai b. 1 1 aROlOT-]
XaM^TiTe 13 auTuj] itpoc outov 20 aiTouav -njv i(i. cou arro c 33 vwiPl
VJiWV 38 Kftt TpiTTl 43 <K- O Tll Kapbot ClUTOU OV 47 TTp. TO ©tA. W»
KUplou auT. 48 TtopeStTö 55 irv. Ktii \i.fttt \ KKvbwv 13, l Efii£fV fTa-
XoToc 4 — r| 8 auTuu Aetci | eiuc ou 11 exouco nvEuiia iS ouv nvi OMOiiucui
TTiv ßaciXeiov tou Qtou 19 eocriviucev 20 icai emcv iraXiv nvi* 26 E(p. ko
tmojiev evujTTiov cou 30 ticiv 01 ecxoToi 34 emcuvaTOTOV 35 ri£«i otot
14, S — cou 12 — Touc cpiX. cou ^l]^E I avTaIIO^ocla lä ancXetuv 24 oXrr.
fop £kX. 26 — awTou [ — Ttyv i" | — la 30 oiKofto^iqcai 31 tu] npoc 53 toic
WTop, aUTui 15, I auTu> -rtavrtc ot TtX, «rpt 4 -nc «£ uptuv ovQp.
5 £m TOU lüjiou 104-0 ex^v luto oKoueiv aKouerui, ebenso r6, iS; iS. 8.
22 eveTKOTe Triv npiuTTiv ctoXt)V 27 wntXaßtv 16, l moöfitoc napaPoXit»
4 otKOvop. (lou 7 eiir. auTuu 9 noiric tpiX. tauT. 13 oikethc] oukcti 15 icxu-
pov 18 s. 15, 10. 21 QTto 1° 2*] £K 22 Kai efEveTO öTToO. Z4 TXuimn
26 Ol tKtx 28 cuveXOiuciv | toutov] TauTTic 31 etepÖTi 17, 4 — km i"
(TncTpacpq 6 — öe 7 €iCieXd. auTu> 12 fp)(o^evou ] — crvbpEc 14 tauT.] ou-
Touc 20 uno] ano 24 acrpairrouca eic xiuv oupavuiv fj «c ttiv im' 26 TW
uiou TOU Öeou 34 u^iv OTi lÄ, 6 — be 8 auriuv] twv ekAcktujv qutou
s- 15, 10. 9 TauTTiv Xtfiwv 11 rjuxtTO 12 aTTObexaTtu cot 14 tv tiu oww
auTOu 19 — ciuTw 20 <pov.] nopveucnc 25 — eiccXÖeiv 3" 26 — 01 ^9 afteX-
qiouc] a&eXcpac ^l i>t] ouV | uiui tou Seov 34 auTOi outoi 35 irapo^ tm
39 auT. 6e] KUi auxoc 19, 9 Ii]g.] icupioc | AßpaoM eftveTO 17 oti] oi&apev
ort 21 o 2°] onou 27 toutouc] ckcivouc 6e 29 — lo 2° 30 otrrtvovTi | tujv
ovöpujir. [ aTTtTraTere 31 «repuiTot 35 — auTUJV | eireflncav 37 xatpciv «11
aiv. 38 — ßaaXtuc 40 — airoKpietic 41 riTTittv 42 — on 44 XiS. cwi
XiÖou 47 tlr\x. ttTToX. auTOV 20, 5 — XtfovTtc loftiupT- »bovrec 12 t
TOV] ETtpOV 14 OTI OUTOC 17 tllHV aUTOlC I9 — TOUTTIV 20 — TT|2*' 21 X£T]
XoAiic I TO TtpocwTrov' 24 ötivapiov oi Öe tivetkov itpoc auTov bnvaptov
Kitt emev irpoc cutouc 26 low piiMOtoc ourou 27 eXCovrec | ZaÖfe.] <t>api-
caiiuv 30 KOI öeuT. eXaßtv 36 icaTf-] ^c ß-pre^Qi | — eiciv 2" 37 uic Xrffi
tni Tiic ßuTOu 40 epuJTTicai 21, 4 outtic tßaXev eic Ta bwpa navia
(trotzdem nochmals eßaXtv) 12 €ic cuvqt- auTUiv 23 ouai öe toic ÖiiX. Km
T. ev T- exowc- 28 enap. touc oqjöaXfiouc u. 35 eiceXeuc6TCii.3 aa, 16 ttX.
■ Ein £iotici Fehler der Ausgabe iit, daSi an zweifelh»rien SteUeo über Inlctpunk-
tioD und Acccntuation in flcT Hdiclir. nicbu lu ejitnelimen ist; t. B. zu der von mir ia
dieter Ztschr. befände ICäii St«U« 4, iS; äd«f bier ciic€V' trciXlv nvi adercmcv nuAiv- tivi.
•■ Tischeödorf tai w Tipocwnov keine Vanimic; IS hat itpociunov av6pumou. nnsi
Hdachr. den Artiicel.
1 Zu diesem V«rt habea wir die Vaiianten: cX£u<ETai, eiccX — , eiteX— , eireiceX-
tTncTTi«Tai.
E. Nestle, Neue Lesarten zu den Evangelien. 261
i\ ßaciXeux t. Ö. 17 touto] to norripiov 23 iroieiv 24 -nc apa aimuv
25 Kupieucouav 26 — o 3° 27 tqp] Öe 29 ßaaXcwv] öiaöiiKiiv 33 — auru»
34 ~ TTETpE 39 eSeXO. lr]Couc 45 ano t. np. cXOutv] ETropeudr) (ohne koi
im folgenden) 48 — 66 49 01 6c iTEpi airr. ifcovrec 52 Traporfivo^evouc 56 —
KOI 1° 58 — avepuiTre 59 öiacnicacnc | luc | icxupitero 61 eihviicOti ösaunii]
auTOV 66 U)C £Ttv. luc j]h. 68 cpurr. u^ac 69 fte o^rEcöe tov uiov t. gl
Kaenjievov [ Tou öeou] airrou 71 eittov ov ti ex- (- en) 33, 4 E<pii 7 —
Kai i" I £v TT) eSoucio | tou Hpiubou I £v rate n^- ckcivcuc S qk. qi/tov
14 EupicKtu 15 — fop 17 Exujv Kara EopT. anoX. out. eva 18 aipcTC 19 nva
tita CTaav 20 etpiuviictv autouc 22 E<pri | — outoc 29 m rmEpai 33 EioiX-
60V 34 ot bc iiia^EpiZ. 35 xpicToc] uioc (cf. Lc 4, 34 etc.) 38 r\ tmfp. aurn
T€TP- o 39 Kp£|ia|i£vujv 41 anoXaßujti£V 56 04, i. Karo &£ v\v evtoXiiv tii
^ta T. caßß. 34, I xai tivec cuv auTOic 7 ort Act irapa&oO. t. u. t. o.
8 KOI Traciv] oiv 13 imepa] wpa 21 outoc | £T£vovto 36 nr\ (poßEicÖE' rp«
Etfii 38 £ic TQC Kap6iac 39 TTO&ac kqi touc tutiouc twv nXuiv oti | o auroc
41 aUTOlC InCOUC 46 — OTl I -ffTpoTTTai €6ei.
m.
Wie inhaltlich, so steht auch textkritisch das vierte Evangelium für
sich. Das zeigt sich schon darin, daß in der folgenden Liste beim ersten
Kapitel die erste neue Variante erst zu V. 31 zu buchen war, während
sie bei Mc und Lc häufig schon beim ersten Vers eines Kapitels auf-
trat Im übrigen bleibt die Handschrift auch hier ihrem Oiarakter treu
und bringt alleriei ganz seltsame Lesarten; vgl 10,6 napOMuOiav, 19,4
EvreuQev statt fiSu), V. 12. Ttva, 20, 4 |1£t auTou. Die Form uyitiv 5, 15
hat sie in V. 1 1 mit der ersten Hand des Sinaiticus gemein. Mit diesem
teilt sie auch Golgatha statt Gabbatha 19, 13 und andere Eigenheiten in
V. 15. 16. 23, worauf Schmidtkes Einleitung hinweist. Nicht erwähnt
hat er den Zusatz „hebräisch, griechisch, romisch" in 19^ 19, der bä
Tischendorf bis jetzt nur aus der Ferrargruppe und in dieser Ordnung
nur aus 69 gebucht ist. Aber auf diese Fragen weiter einzugehen ist
nicht der Zweck dieser Zeilen. Sie sollten nur einmal vor Augen führen,
daß eine einzige Hdschr. zu dem bisherigen Variantenbestand von 3 Evan-
gelien 700 — 800 neue hinzufugt, und sie sollten insbesondere anderen
Lesern die Mühe ersparen, welche die VerofTenÜichung dem auferlegt,
der sie ausnützen will.
I, 31 Il&ClV] £TVU)V 35 £1CTT|KEI TiaXlV 42 TITOT. ÖE* | IhCOUC TtCpi-
I Scbmidtke rechnet dies noch tu V. 41, Tischendorf tchon tn V. 43; richtig b«-
ginnt dftmit V. 42.
miTOiJVTi I tifftv] Xejn ei <u ei 47 löe] ei a, 2 om. koi l'* 8 outok
lr)couc 10 MeOuciuav 12 Kcmapvaouii., ebenso 6, 17 | — km oi atKA^oi
auTOu 13 TO nacxa r\ eop-ni t. 15 cxoiviujv icot 22 touto Incouc cXet-
23 TtOKi 24 — aÖTov 3, 7 Hl oirv 6. | oti ^€l i S nicrtuiuv auTtu ' 34 o Ösoc
antCTtiXtv 35 TovmovauTou 4, 5 t^v XeTOfi. 17 Xe-f€i]aTi€KpiÖr| 2jOTfoi]
OTi 30 »ipxovTOJ tpxovTOi 33 — Tipoc aXXriXouc 37 aXuenc ecnv 50 itai Xetö
54 TOVTo ouv iroX. 5, 4 tu J)r]noTE av 6 t\hTi noXuv XP- 12 coo tov
icpaß. 14 XeT€i (sö auch N) 15 Xerei ( ut'IV i6tTTOtric£V 17 aircKp. auTOW
Xeruuv [3 mqXXov ciiutKOV 01 \ovb. tov Iricouv koi ££tiT. auTOv 19 av t«^
«.K, nOI. TOUTO, TOUTO ZI OUTUfC e£u)KCV KOI TUJ UllU cfOUCtOV CXCIV OUC
fttXei ZliuoTTOKiv 26 6et)LUKev 28 ourou mi 01 aKoucavrec ^ncouctv 34 Xcru)
uHiv iva cuj6. 6. 9 to Tioiöopiov ev 1 1 icai eXaßev touc 17 vgl. 2. 12.
18 Tc] bt 21 UTOITOVTO 23 KOI oXXfl r|X6, 30 — coi J3 o Irjc. aoroic | —
ufiiv 1° 33 9eou] oupavDu 58 to etX. e^ov 41 Kaiaßoivuiv 42 — vuv 53 ov-
öpumou] etou 71 — tK 7, 17 Ti€pi] CK 50 — npoc auTOUc 8. 4 KOTO-
Xnq»9n^ 20 Toura oyv ra 25 koi emev (so auch N} 31 — ouv 33 koi aTtttcp.
JS »itivri ^>, ebenso 9,41; vgl. auch 15, 10. 38 iratpt r]p.\uv hoKai 40x01
ovOpujnov 42 €k] napo 44 — ex tiwv i&iujv XaXei 53 coutov 59 kqi ck tou
9, 8 tXeTOV ouv 14 — tov ig Mou] \ioi 24 — ouv 26 — coi 30 Twp eSou-
fxatov OTi nweic ouk oiftoMev 32 TUipX. t^T^vv. 096. 37 — auTtu 41 vgl
8, 35. 10, 6 napOHuQiav 15 naxtpa pou 17 — naXiv rS c^auTou] «jiou
27 aKouctuCTV 31 XiSacouciv 36 — TjTiaccv Kat 38 "pvujcxnTe] mcrtuETe
40 ßairriiujv TO TipoTtpov ji> 3 ocöeviic 4 n oceevfia hutti 8 « 01 lovi.
cmoKieivai 14 — qutoic 16 cuv|nft9, outov (so auch D, was bei Tisch.
fehlt) 27 TOU ßtou TOU ZujVTOC 32 mc n^Otv] eiciiX9ev | — Müu 33 cuvcXfl.J
aieXtpouc I — kXoiovtcic §1 airoevricK. Iricouc 55 to nocxa n eopTii
n, I o lr|c. CK vcKp. 6 toüto] outuic 9 — noXvc ek 15 ibou xap lÖ koi
TQUTO 2! OUTOlJ T0T6 | IIPUJTOUV 20 blOKOVTini (l") | ejlOc] JlOU | EOV &£
TIC 29 oxX. KOI tCT. OK. 30 yti] eXriXuöev 33 crip. auToic 35 — ouv 38 (a
XoTOc) 43 [jaXXov t. öo£. t. avSp. rinep (vgl. Ap. Cotist. 5, i, 2) 46 Koqi.
TouTov 47 ^ri axoucri t. p. koi <puX. 49 auroc] ekcivoc 13, 4 Bi€£w<öi'0
I DiM war einer der gegen 70 Verst aus den Evangelien, tu vrelcben Tischradorfa
Augabe noch keine Variante buchte, wie oben Mc it, 16.
» Somit hatten wir nun hier die Lesarten i. mcTCUUJV, 2. ttict. aunu, 3. «, oc
SVTOV, 4. IT. ev avTut, 5. 11. €it' auT«v, 6. tc. €n auTUf. Dtr ncule^tBincntlicbe Spnctr>
{cbraucb. von ih-cteuciv kann kanm besser ertialert werden alt an einer aolchen Stelle.
J ffo hat Stephanus, Beza, Ehivif; Tischfndcif bemetkl datu cata? Ecribenduni
ccrtc KQTEXiiqjOri. Wie mir Schmidtke nachträglich mitteilt, hat die HdtcIiT. nicht kot«).
Xnip6r|. D«i Fehler der Drucke erklärt sieh natürlich durch Vermischung von Kaxti-
XritTTfli and (caTEXnqjön-
R. Nestle, Neue Lesarten zu den Erangellea, 363
auTov 1 1 OTi] aX\ 20 ti£ Xa^ß. c^ic 33 Tetcvia ftou ) — ctu) 38 >ie atrap-
vr\a\ 14, I mcTcuriTC z" 4 ouk oibare' 10 XaXui ev u^iv 11 raura |
mcTeucHTC 20 rrarpt kqi iraiTip ev cmoi xai u^etc 21 cMaurov aurui
24 Tac evToXac 26 S TTC)ii|fEt o] 6 ircMVac ^e 28 irop.] airepxof^at iji 2
ouTo I'] auTOc 5 ouTOc] auTOC 6 eKßXrienccTat 7 aiiriCTicee 8 — nou | ti-
V€c6e 10 ^£tvT|Te (v^L8, 35) 13 i|jux. eaurou 20 etuj €iit.] XcXaXnxa 16,12
X€T- «X*^ "M'V 17 auTou Tivec 19 cmcXXov 21 auxuc r\ ujpa 25 TTcpi] Trapa
26 aiTHTe 29 — auTOu 33 ev cfioi ^ovov 17, 7 oca] a 14 rruj eluuKO
20 irepi 2<*] uTT£p 22 KQYiu] CTUJ 23 cYiu] Ka^uj 25 cc crvwv] efvujv ce
18, 4 — ouv 5 — > Kai 6 auToic o Incouc 16 eiCT)ve'pcev 17 icat Xrfci ouv |
^a^. T. a. T. a 20 ev tu) upuj kqi ev cuvar- 1 ouk eXoXtica oubc €v 21 eic
Tujv frapccTTiKOTiuv TUlv im. 26 — eic | uuraptov* 38 iit\\Q. noXtv ig, 4
XcT«] EiTTCT 1 [auTOv] £VT€ueev ivo | [tv] ouTU) oiT. oux tup. 12 ßoaX. TIVO
noiujv eauTOv 13 tote ouv o TTeiX. 14 eXcTCv 17 kqi Eßacra^ov auTtu tov
18 EVT. xai Eva evT. 20 ouv] tiE [ ovetv. itoXXoi 23 xai TroittcavTEc | ek]
omo 24 TrXiip. n TP0(P1 28 ra itavia 29 rtcpiTiBEVTCC 30 to o£oc eittev
IrjCOUC 40 ~ ECTIV 30, 4 TOU TTETpOU |iCT QUTOU 1 1 — tlC | e£uj TTpOC TO
^v. xXaiouca 14 6eujpEi] ei&ev 15 bei OTt bricht die Handschrift ab.
> 'Eia DCoei Beleg sn den in meiner EinfUmug besprocbenen Fällen tob sie et
non, d. h. von Stellen, wo durch Einfügung oder Weglassnng einei Negation det Sinn in
sein Gegenteil verkehrt ist, Ohne Wirkung ist die Einschiebong der Negation iS, la
3 Zn V. 10 weist Tiich. auidrQcklicb dKmnf hin, daß in V. «6 uinov non fluctnab
JeUt haben wir anch hier dai Schwanken.
[AbfeichloHaD an i, Augiut 1943.]
204 ^ '-"-■ = ^^ /--sr ' tr^rimmgmig coer ApoK 13, 1»,
l
NGsceUen.
Zur Verstandigims über Apok 13, iS.
Eine Zeitschrift hat tm Gegensatz za einem Bache die Au%abe, \idr
mehr den Anstoö zur Bildung von Ansichten zn geben als aii-^ c piä g tg
Ansichten zu verbreiten- Ihr vornehmstes Sei ist die Anregung und
es ist nur erfreulich, wenn sie einen Meinungsaustausch herv-oirnft duo-
fem steht sie der mündlichen Rede naher und hebt wenigstens bis 23
einem geAvissen Grade den Nachteil auf, den Plato im Phaedrus an don
geschriebenen Wort so schmeralich beklagL Im Buch geht der .^ r rt T'
I-*gos schutzlos und unberedt in die Welt hinaus. Demo, er kamt dem
Leser, der ihn befi'agt, ja immer nur dasselbe sagen und sein Autor
kann ihm nicht zu VÜKc kommen. Sein Nutzen ist gering; denn wie oft
wini er mißverstanden, verdreht und verkannt. Hundert Rezensentsn
sagen jeder etwas Verschiedenes von ihm und höchst selten einer das,
was der Autor meint. Anders in einer Zeitschrift, die dem Leger Ge-
legenheit bietet, gegen den gedruckten Logos Einwendungen zu mächen,
dem Autor, seinem Logos zu Hilfe zu kommen. Daß dies geschieht,
daran hängt m. M. die Existenzberechtigung einer Zeitachrift. es hat
aber, denke ich, wenigstens nach dieser Seite die unsere ihre Existenz-
berechtigung durch manche Proben wohl bewiesen.
Daß es aber nicht leicht ist, auch in ganz einfachen Dingen den
Ausdruck des eignen Gedankens vor der Möglichkeit eines Miüveistand-
nisses sicher zu stellen, ist eine &fahrung, die man innner wieder
macht. Merkwürdigerweise setzt man sich einem solchen gerade bd
Fachleuten am ehesten aus, oder eigentlich nicht merkwürdigerweise, denn
diese haben ja über jeden Punkt .schon ihre feste Meinung und es handelt
.tich in Jedem Fall darum, daß der neue Logos einen alten verdrängt.
Wie viel Peitho bedarf es da, denn was ist zäher und hartnäckiger und
schwerer .ms dem Felde zu schlagen als ein Logos? Daher die Schwierig-
keit, cint-n neuen Logo.4 einr.unthren, und sei er noch so winzig, werm
P. Corssen, Zur Verständigung über Apok 13, 18. 265
nicht wie in der Physik oder Chemie eine sichtbare Tatsache da-
hinter steht
Ich mache vielleicht viele Worte um eine kleine Sache, denn etwas
an sich ganz Kleines ist es, was ich verteidigen will, aber es hängt ein
sehr wichtiges Prinzip daran, das der exakten Wortinterpretation, ohne
die man nun einmal in der Theologie keinen einzigen Schritt tun kann
und die sehr viel häufiger als man glaube zu ganz sicheren Ergebnissen
führt. Denn ist zwar das Wort in vielen Fällen mehrdeutig, mißverständ-
lich oder unklar, so ist das doch glücklicherweise nicht die Regel, sondern
es kommt nur darauf an, das Wort richtig zu wägen, um zu einem Re-
sultat zu kommen, das in seiner Weise ebenso sicher ist, als irgend ein
Satz der Algebra oder Geometrie. So kann an der formalen Bedeutung
von Apok 13, 18 in Wahrheit nicht der leiseste Zweifel sein. Dies und
nur dies zu beweisen, war mein beschridener Ehrgeiz, aber wie schlecht
es mir gelungen ist, zeigen die Bemerkungen von K. Vischer in der
letzten Nummer dieser Zeitschrift Ich werde nun wohl meinem Logos
nicht besser zu Hilfe kommen können, als wenn ich zunächst die Ein-
wendungen prüfe, die dieser treffliche Kenner der Apokalypse er-
hoben hat.
„Wenn der Apokalyptiker sagen wollte: ,hier ist liir die Weisheit
die Aufgabe, aus der Zahl des Tieres den Namen eines Menschen von
demselben Zahlenwerte abzuleiten,' warum sagt er das nicht? Warum
sagt er Start dessen: ,hier ist Tür die Weisheit die Aufgabe, die Zahl
zu berechnen'?" fragt Vischer. Ja, da steckt es gerade: wenn der
Apokjilyptiker sagt: „berechne die Zahl des Tieres, denn es ist die Zahl
eines Menschen," so sagt er damit eben in einer seinen Lesern völlig
verständHchen Weise das, was ich für die Leser dieser 2^tschrift aller-
dings etwas breiter ausdrücken zu müssen geglaubt habe. Denn die
Zahlenspielerei, die dem Apokalyptiker und seinen Lesern ganz geläufig
war, liegt doch hoffentlich uns allen völlig fem, aber darum dürfen wir
dem Apokalyptiker doch nicht vorhalten, daß er sich in einer auch tms
modernen Lesern unmittelbar verständlichen Weise hätte ausdrücken
sollen, denn er hatte doch seine Gründe, auf uns moderne Leser überhaupt
nicht zu rechnen.
Die Behauptung, daß die Berechnung der Zahl des Tieres ohne
Kenntnis seines Namens, d. h. ohne Kenntnis der Elemente, die zu seiner
Berechnung nötig sind, eine Unmöglichkeit sei, nennt Vischer eine
Voraussetzung von mir. Eine Voraussetzung? Ich möchte wissen, was
dann von Tatsachen, die nicht sinnlich wahraehmbar änd, noch übrig
266
P, Cot^s«», Zur Ventäsdigung Über Apolc 13. tS.
bÜebe? Kann ich mulüplizieren ohne Faktoren, addieren ohne Sumniandeo?
Nichtsdestoweniger läßt Vischer den Apokalyptiker die Zahl des Tieres
ohne Kenfttnis seines Namens „hetausrechnen". Denn darauf kommt es
ihm an: es handelt sich hier um keinen Namen, sondern die Zahl 666
muß gedeutet werden, wie Irenaeua es tat. nämlich auf die ganze Summe
der Ungöttlichlceit von Anbeginn der Welt an. Das ist ja ganz scbcte,
wenn man nur sähe, wiefern unter dieser Annahme die Zahl auf rechne-
tischem Wege gefunden sei. Ich wenigstens wüßte nicht, -w-ie tnaa die
Rechnung anzusetzen hätte. Oder wenn einer sich in die Bedeuitinig'
des Tieres vertiefte und nach Ungern Grübeln herausbrächte : diesem
Unhold kann nur eine Zahl von so wunderbarer Beschafienheit wie fÄ^
entsprechen — hatte er dann etwa diese Zahl „herausgerechnet"? Wenn
man das aber der deutschen Sprache zum Trotz „rechnen" nennen will,
so konnte doch der Grieche das nicht mit ijjricpfCtiv ausdrücken. Denn
was ist i|ir|(pCCetv anders als: die Rechensteine aufeinandersetzen, d. h.
addieren? Dazu braucht man Summanden und die findet man, wenn
man diese Tätigkeit auf einen Namen anwenden will, in den Zahler-
werten der einzelnen den Namen konstituierenden Buchstaben. Also setzt
das i|jr)cpicäTLU allerdings Kenntnis des Namens voraus.
Nun kann man fragen: \v'arum gibt denn der Apokalyptiker selbst
die Zahl an, wenn er verlangt, man solle sie berechnend Darauf UUlt
sich zweierlei antworten: entweder er setzte den Namen des Tieres bei
seinen Lesern voraus, dann gab er die Zahl nur noch zu gröüerer
Sicherheit, oder, was wahrscheinlicher, er tat es nicht und wollte doch
den Namen selbst nicht aussprechen. Denn das i|ir]q>f£civ war nicht
etwa Selbstzweck und mochte dabei eine noch viel merkwürdiger
scheinende Zahl als 666 herauskommen, sondern wenn man den Zahlen-
wert hatte, so begann erst die eigentliche Aufgabe. Z. B. man gab
auf; berechne die Zahl von dem Namen öeöc. Resultat cnb. Nun wiid
weiter gefragt; was also erkennen wir aus dieser Zahl? Antwort; seine
Weisheit und Heiligkeit, denn die Zahlenwerte von dtciÖöc und äfioc sind
gleichfalls = mii. So enthält die Aufforderung, die Zahl eines Namens
zu berechnen, implicite einen Zweck. Welchen? Das sagt in unserem
Falle der Satz: dipiöpöc fäp ävSpiünou ^ctiv. Wenn es nun einen Men-
schen gibt, dessen Zahl der Zahl des Tieres gleich ist, so will man doch
natürlich wissen, wer dieser Mensch ist Also muß man probieren und
die Zahlenwcrte von den Buchstaben der Namen, die etwa die Probe
zu verlohnen scheinen, addieren. Nun hatte der, der die Aufgabe stellte,
nicht nötig, den Namen des Tieres zu sagen, er konnte auch gleich die
P. Corssen, Zur Verständiguiig über Apok 13, 18. 267
Zahl selbst nennen. Denn mehr brauchten ja die Leser nicht zu wissen,
um den Namen des Menschen zu finden. Andererseits ei^ab sich nun
zugleich die Aufgabe, aus der Zahl 666 auch den Namen des Tieres
zu berechnen. Auf diese Weise spannte der Apobalyptiker die Wi&-
begier aufs'^äußerste, indem er die Aufgabe verdoppelte, die mutatis mu-
tandts die von mir erwähnten Grafßti von Pompeji stellen. Zugleich
blieb er in dem Stil seines Werkes, der ihm den Namen des Tieres zu
nennen verbot
Die Kürze des Ausdrucks aber entspricht durchaus dem üblichen
Sprachgebrauch, wie der Vers Kocjiäc äxcOu) koI Aüpa t|;r1<p[^:o^al zeig^
wo t|)n9fZec6at soviel heilet als durch Addition die Gleichung Kocm^c
« AOpa (beides— 531) finden. Was in dem Verse als Auflösung ge-
geben ist, würde als Aufgabe heißen: v^lVicdTW töv dpiO^öv toO öv6-
^UTOC Koc^äc, wobei man die Lösung durch den Wink äpiOfiöc t^P
öpTÖvou Tivöc Icnv erleichtem könnte.
Das Neue, das bei dieser Interpretation herausspringt, ist, daß der
Apokalyptiker einen Namen sowohl für das Tier wie für den Menschen
weiß. Das hatte, soviel ich weiß, bisher keiner von den Interpreten
gesehen, da sie sich das Wesen der Isopsephie nicht gehörig klar ge-
macht hatten. Wenn man aber diese Basis aus der Wortinterpretation
nicht gewonnen hat, so kann man auch mit der höheren Interpretation
nicht weiter kommen. Darum schien es mir der Mühe wert, den Sach-
verhalt noch einmal klarer und umständlicher auseinanderzusetzen und
meinen armen Logos so vor weiteren Angriffen womöglich zu schützen,
damit er an seinem bescheidenen Teile Nutzen zu stiften nicht ge-
hindert würde.
Ich bemerke zum Schluß noch dies, daß diese ganze Auseinander-
setzung völlig unabhängig von der Frage is^ ob Vers 18 ein Zusatz des
Herausgebers der Apokalypse ist^ was Vischers Meinung zu sein scheint.
Mag die Apokalypse in ihrer jetzigen Gestalt die Überarbeitung einer
jüdischen Apokalypse oder eine Verschweißung disparater Elemente sein,
so werden wir über solche Fragen nicht die Hauptsache vergessen
dürfen, nämlich was der Bearbdter oder Redaktor oder wie wir uns sonst
den Herausgeber vorstellen wollen, mit diesem nun einmal so beschaffenen
Werfte zu seiner Zeit bezweckt hat. Und für diese Frage ist das Ver-
ständnis von 13, 18 nicht ohne Bedeutung.
Berlin. P. Corssen.
268 K. Hoß, Zu den Reiseptänen des Apostels Paulus in Kor I and ir.
Zu den Reiseptänen des Apostels Paulus in Kor I und IL
I Kor 16, 5 — J stellt Paulus einen Besuch der korinthischen Gemeinde
bestimmt in Aussicht (^XeücoMai 6fe TTpöc öjicic Stov MaKcboviav ii^Xöuj '
MaKefcoviavfäp Ön^px^MOi. npöc üjiäc öfeTuxövTrapafieviii f) koi TtapaxtiMücu
tva ii^Cx. ne TTpon^MI"!^^ oö ^^'^ TTOp€iJUj^ar 06 9^Xiu Tdp üpcic dpn
nöpitttu lötiv* Unitiüu TÖp XPÖvov nvä ^ri^ittvQi Trpäc ü^Sc, 4öv ö Kvpw
^mipeiiii]). Auf einem Umweg iiber die mazedonischen Gemeinden willerzii'
längerem, unter Umständen über eiaen ganzen Winter sicli erstreckenden
Aufenthalt in Korinth eintreffen. DaÜ er die Absicht habe,längere Zeit zu
verweilen, spricht er ausdrücldich in negativer und positiver Wendung aus.
Hat der Apostel sein Versprechen eingelöst? Im II Korintherbnef ,
im ersten Teil desselben, c. i — 9, ebenso wie im zweiten, c. 10 — 1;
nimmt er auf einen der Vergangenheit angehörigen Besuch In Koiinth
Berug. an den sich für ilin wenig angenehme Erinnerungen Imüpfen cf.
C. 2, 1: "EKpWB öt ■^MOUTiii TOVTO, TC> MH TTttAlV ^v \vm\ TTpöc ü^flc iXötiv,
12, 14: i&OÜ tpiTOV TOÖTO iTOiM^C Vi}ii tXQelv Ttpöc vfific, 13, i: Tplrov
toOto lpxo^at TTpöc £rfiäc, T3i 2: npOEipriKa kqI irpoX^iu liic Trapünr TJ
^e^JT£pov Kai ÖTrujv vOv, Grammatikalische wie logische Erwagungcr
fordern nach meinem Dafürhalten die Deutung dieser Stellen auf einen^
hinter dem Apostel liegenden zweiten Aufenthalt bei den Korinthem.
Wie verhält sich nun dieser Aufenthalt zu dem in I Kor 16 vei
sprochenen? Die Antwort hierauf gibt uns II Kor 1, 13 — 24. In diesea^
Versen sucht Paulus einen ihm von den Korintliem gemachten Vorwurf.
eine briefliche Aussage des Apostels und sein tatsächliches Verhalten
seien In Widerspruch gestanden, ÄUrückzuweisen (oü Y«P dWa fpäipoticv
ii^W dXA' Pi ä ÄvaTivtOcKeTC V. I3). V. iS,f. zeigen, daß es sich um einen
Reiseplan handelt. Seine Absicht, sagt Paulus, sei gewesen, über Korinth
nach Mazedonien und von dort wieder zurück nach Korinth zu gehen.
Von diesem Plan habe er allerdings nur den ersten Teil ausgerührt, den
zweiten habe er fallen gelassen, er sei nicht wieder nach Korinth zurück-
gekehrt (V. 23: q>£ia6^EV0c &miDv oOk^ti t^XBov etc K6pivGov>. Wenn
manche die Stelle so deuten, als habe Paulus seinen Reiseplan völlig-
aufgegeben und sei überhaupt nicht nach Korinth gekommen, so spricht
dagegen oök^ti. An seiner Stelle müßte oök stehen. Paulus hat die
Reise tatsächlich angetreten und war ein Mal In Korinth. Dieser Besuch
aber fällt zusammen mit dem oben genannten, hi Xtjttt;) verlaufenen cf.
I, 23 und 2, I. Eben damit aber Ist bewiesen, daü dieser zweite Aufent-
halt des Apostels in Korinth, von dem wir wissen, nicht die Kinlosung
des in I Kor 16 gegebenen Versprechens war, Er war von Anfang an
K. Hoß, Zu den ReisepläneD des Apostels Paulus in Kor I und II. 269^
nur kurz bemessen (bi' vfiüiv ÖteXOew II Kor l, 16), während jener ver-
heißene auf länger berechnet war; er erfo^e vor der Reise nach Maze-
donien, jener sollte nachher erfolgen. Also hat dieser zweite nur halb
ausgeführte Reiseplan in II Kor 1, 16 mit dem in I Kor 16 genannten
gar nichts zu schaffen? Dieser Meinung sind, soviel ich sehe, bis jetzt
alle Erklärer. Paulus habe es für gut befunden, jenen ersten Plan durch
einen zweiten zu ersetzen und habe diese Änderung seines Programms
sei es schriftUch im sog, Zwischenbrief — dann darf freilich dieser
Zwischenbrief nicht in II Kor 10 — 13 gefunden werden, weil ja Paulus
n Kor 12, 14; 13, I und 2 von seinem zweiten Aufenthalt in Korinth als
einem zurückliegenden Ereignis redet — sei es auf anderem Wege der
Gemeinde zu wissen getan. K. Kön^ speziell (Z. w. Th. 1897 S. 523 ff.)
stellt die Sache so dar: Paulus habe in Korinth anläßlich seines zweiten
Aufenthalts mündlich versprochen, nach einer Besuchsreisc durch Maze-
donien wieder zurückzukehren, dieses Versprechen jedoch nicht ein-
gehalten, und daraufhin sei ihm der in II Kor l, 13 angedeutete Vorwurf
gemacht worden. Allein gegen ein mündliches Versprechen spricht
klar das fpäfpoiitv in II Kor 1,13 und Königs Versuche, sich damit ab-
zufinden, sind als mi&glückt zu bezeichnen.
Ich glaube, es gibt eine viel einfachere Erklärung. Paulus hatte,
als er sich zu seinem zweiten Aufenthalt in Korinth anschickte, die feste
Absicht sein in I Kor 16 gegebenes Versprechen einzulösen bloß mit
einer kleinen Abänderung: die Verhältnisse in der korinthischen Ge-
meinde ließen es ihm wünschenswert erscheinen, statt zunächst nach
Mazedonien zu gehen (so I Kor 16), zuerst einen kurzen Besuch in Korinth
zu machen und dann nach Klärung der dortigen Lage sein Programm
von I Kor 16 durchzuführen, also der Reihe nach die mazedonischen
Gemeinden aufzusuchen, um schließlich zu längerem, eventuell über den
Winter dauernden Aufenthalt in Korinth sich wieder einzufinden.
Diese kleine Änderui^ seines ursprünglichen Planes rechtfertigt
Paulus in II Kor i, 15 (Kai TaiiTtj tQ Tr£iroi9ir|C€i ißouXöfinv irpötepov
irp6c ö^äc £XdeTv, tva tieuT^pav X<ipiv cxrJTe). Das npÖTepoviipöc O^fic
bildet eben den Gegensatz zu seiner ursprünglichen Absicht, zuerst nach
Mazedonien zu gehen und fteurlpa xÄp>c» ein^ zweite Freudenerweisung
nennt er diesen Besuch neben dem ihnen programmgemäß zugedachten
längeren Verweilen. Aus diesem letzteren ist nun freilich nichts ge-
worden. Die Erfahrungen, die der Apostel bei seinem vorübergehenden
Aufenthalt in Korinth machte, bestimmten ihn, entweder schon hier auf
die weitere Durchführung seines Reiseprogranuns zu verzichten imd direkt
270 fC. Ho i, Zu dem 'ReiscplSscii des Apostels Purins Ib 'KW I u84 Tl.
nach Ephesus zurückzukehren oder aber, Kwar nach Mazedonien ni
gehen, vön dort aber nicht mehr zurück oacb Korinth. Letzterea ist
mir wahrscheinlicher. Denn im erateren Fall würde doch Paulus den
Korinthem direkt gesagt haben, daß er es vorzielic, unter solchen Um-
ständen seinen eigentlichen Plan nicht einzuhalten. Paulus hat wohl in
Mazedonien auf die Wirkungen seines Auftretens in Korinth gewartet
Und erst, wie ungünstige Nachrichten kamen und er erkannte, daß ein
Zurückkeliren dorthin nur Ol ins Feuer gießen würde, laut er mit Rijck-
sicht auf die Korinther (qpti&önevoc ümJüv H Kor i, 23) den letzten Tal
seines Frogrimms fallen, olme jedoch die Gemeinde davon zu benacb-
licEitigen, und reist nach Ephesus eurück. Dali die dem Apostel feind-
lichen Elemente in Korinth daraus sofort einen Wortbruch, eine Ver-
letzung des ihnen in I Kor 16 gegebenen schriftlichen Versprechens ge-
macht haben, ist begreiflich.
Also wir haben in I Kor 16 und 11 Kor i nicht zwei zu verschiedenea
Zeiten gefaüte und bei verschiedenen Gelege nlieiten den Korinthem mit-
geteilte Reiseplane, sondern ein und denselben nur mit einer kleinen Er-
weiterung in II Kor 1.
Tubingen, K. Hoss.
m Ein Andreasbrtef im Neuen Testament?
Nach der Doctrina Addaei (Cureton, Documents 32 -= Lag-arde, Re-
Uquiae syriace 41, graece 94) überlieferten die Apostel ihren Nachfolgern
„auch was Jakobus von Jerusalem schrieb, und Symeon von der Stadt
Rom, und Johannes von Ephesus, und Markus au9 dem groi^n Ale-
xandria, und Andreas aus Phrygien, und Lukas aus Macedonien,
und Judas Thomas aus Indien; daß die Briefe der Apostel angenommen
und gelesen würden in der Kirche an jedem Ort, wo gelesen werden die
Triumphe ihrer Taten, die Lukas schrieb, daß dadurch bekannt werden die
Apostel und Profeten (Variante: Profctcn und Apostel) und das Alte und
das Neue Testament, daß eine Wahrheit verkündigt werde bei allen".
I Daß unter dem, wasjudas Thomas aus Indien schrieb, nur unser Judas-
brief gemeint sein könne, hat schon Zahn bemerkt (Forschungen 6. 347).
Nach dem Zusammenhang ist auch das, was Andreas aus Phrygioi
schrieb, ein Brief unseres Kanons. Welcher ist gemeint? Der zweite Petrus-
brief? oder der Hebräerbrief? oder wie ist die Angabe sonst zu erklaren?'
Maulbronn. Eb. Nestle.
■ » Wordiworth, Mioütiy ot Gmee (2^^ ed. 1903 p. 44) schreibis In 114» Jjjt
Eb. Nestle, Sykophanda im biblischea Griechisch. 271
Sykophantia im biblischen Griechisch.
Oskar Holtzmann übersetzt im Leben Jesu Lc ig^ 8: „Und wenn
ich irgend einen in etwas heimtückisch zur Anzeige brachte, so
gebe ich es vierfach wieder" und bemerkt dazu der Ausdruck nvöc n
£cuKO<pävTnca bezieht sich auf den Nachweis zollpflichtiger Waren.
Da war Luthers „betrügen" oder Weizsäckers „übernehmen" besser.
Das Wort kommt ja 3, 14 noch einmal vor in der Mahnung an die
Soldaten ^T]b£va tiiaceicTiTe fixibi cuKO(pavTncTiTE. Luther: „Tut niemand
Gewalt noch Unrecht," mit der Randbemerkung: „Gewalt ist öffentlicher
Frevel, Unrecht wenn man mit bösen Tücken dem andern sein Recht
verdrückt und seine Sache verkehrt." Weizsäcker: „Beunruhigt niemanden,
erpresset von niemand;" ebenso die englische RV neither exact any-
thtng wrongfuUy, indem sie das accuse any one falsely der AV nur
noch am Rande auffuhrt.
Im biblischen Griechisch heißt cuKoq)OVT€lv einfach bedrücken (acc.
der Person), erpressen (acc. der Sache). In der Septuaginta findet sich
das Verbum, das persönliche und sachliche Substantiv (cuKOtpavT&t,
-«pdVTnc, -lia) fünfzehnmal und entspricht fast ausschließlich der Wurzel
ptfy. Ebenso findet sich cuKotpavrtiv und -rla etwa vierzigma! bei Aquila,
Symmachus und Theodotion, und zwar wiederum überall für p9fy. Ja,
so sehr entsprechen sich diese zwei Ausdrücke im Griechischen und
Semitischen, daß auch der syrische Übersetzer des Eusebius KG 3, 23
in der bekannten Geschichte von Johannes und dem Jüngling XPi'lM'^i
o{6)iEvoc i3tt€P oiiK {Xaße cuK0<pavTeTc6ai durch pB^ wiedergibt
Ebenso ist es in der syrischen Hexapla. Die syrischen Übersetzungen
des NTs haben in Lc 3 gleichfalls pB'Vi in Lc 19 wechseln sie zwischen
1^3 (berauben; syt^ "" f"*'^) und 0^ (ve^ewaltigen, syH^'O. Schon die
Konstruktion tiv6c ti hätte Holtzmann abhalten sollen zu übersetzen:
einen in etwas zur Anzeige bringen.
Es wäre interessant zu wissen, ob die Papyrusfunde neue Belege
fiir das Wort brachten. Einen sehr interessanten kenne ich aus den
Tebtunis Papyri I No. 43 Z. 26. 36, wo cuKO(pavT£iv und biacetEtv,
cuKoq)avT[a und ftiaceicfiöc neben einander stehen wie Lc 3. In einer
Bittschrift an Euergetes H. vom Jahre 118 bittet Menches, der Komo-
grammateus von Kerkeosiris, die Majestäten, dafür zu sorgen til^nujc
Matthew, Jude and Paul aie omitted, while Andrew and Judas Tbomas are indnded —
the two latter being no doubt represented by apocrypbal writings. Von Jadas vird dal
nicht gelten; ob von Andreas?
2/2 Eb. Nestle, Sykophaotu im bibLGriech. — Der süHe Gemch des Geistes.
TrapevoxXr)6üifi€v tir[bi. . . . cuxo^avTTiOiEi^Ev &uxce<cc>icM£vufv . . . ibc oObdc
Av diiKT] .... cuKocpavTiac tc koI biaacfioG xi^Piv- Die Herausgeber über-
setzen be subject to false accusation and extortion . . . that no acts
of injustice are done for the sake of calumny and extorsion. Trotz-
dem wird es für das biblische Griechisch bei der Bedeutung erpressen
bleiben.
Maulbronn. Eb. Nestle.
Der süsse Geruch als Erweis des Geistes.
Weinel führt im 6. Kapitel seines Buchs über die Wirkungen des
Geistes und der Geister (S. igöflf.), in welchem er die Wirkungen des
Geistes auf dem Gebiet des Geschmackes, Geruches und Tastsinns zu-
sammenstellt, aus dem Gebiet des Genichssinnes nur die zwei Berichte
beim Tod des Polykarp und der Märtyrer von Lyon an ; nicht, daß „die
Lehre Addai's" das Erscheinen einer ic\iii i\bfüa schon auf das erste
Pfii^stfest verlegte. Während Petrus noch redete heißt es dort (Reliquiae
iuris ecclesiastici antiquissimae graece ed. Lagarde S. 93), und seine Ge-
nossen damit tröstet, daß Jesus das Kommen des Parakleten ihnen für
die Zeit verheißen, da er zum Vater gegangen sein werde, was nach
dieser Schrift (nicht schon am 40sten Tag, sondern) eben am Pfingsttag
geschah (Sonntag den 14. Juli 342 der Griechen);
9ujvi^ Kpuqpta ^Koöcörj aÖTOic Kol 6cnf\ f]büa, iivr\ oöca tüi köc-
(icij, TTpoc^TTECEV aÜToTc Kai T^öiccai irupöc ^eTa£ll rnc ipujvnc kqi
Ti^c öcpiic Korlßncav Ik toC oöpavoO in' aüroüc kqI xariXucav £9*
?va Jkoctov aÜTÜtv u. s. w.
Es lassen sich zweifellos noch wettere Belege für diese Anschauuni^
finden; hier will ich mich mit diesem Hinweis auf eine Quelle begnügen,
die in unsem neutestamentüchen Kommentaren zu AG l und 2 mnnes
Wissens nirgends citiert wird.
Ein weiteres Zeugnis für die Vorstellung, dal& ein besonderer Wohl-
geruch die (aegenwart des Geistes anzeige, findet sich in Kapitel 47 der
„Biene" des Salomo von Basra, das vom Herabkommen des Geistes
auf die Apostel handelt (ed. Budge p. 102): „Es erschien über dem Kopf
eines jeden (etwas) wie Feuerzungen und es wehte von dort ein
süßer Geruch aus, welcher alle Wohlgerüche der Welt übertraf."
Maulbronn. Eb. Nestle.
*i. S, 19a]
uicD der Thomasakten. 2^3
o
r Thomasakten,
seUt und eTkliit
sung von G. Hoffinann in KieL
t der Bitte an den Verfasser des
erial zur Eoiendation und Erklärung
stellen. Antwort war der Aufsatz,
:r Zeitschrift: ebenso dankbar sein
ied des Apostels Judas lliomas
im I<ande der Inder.
ich als ganz kleines Kind
Reiche meines Vaterhauses wohnte
am Reichtum und der Pracht
nCo4 wÜIm «<xlaä»f " inemer Emeher mich ergötzte,
^1|>J0 ^Aj^ ^ 3 schickten mich meine Eltern aus dem
Osten, unserer Heimat,
fajo}*^ wjialt etej mit einer Wegzehrung fort;
f^J^twA] t|la:L ^o 4 aus dem Reichtum unsers Schatzhauses
]|aoap t^ *V^i ('^ banden sie mir natürlich' eine Bürde.
J^d^Coo <.*et IJLs^p 5 Sie war groß, aber (so) leich^
Ay^j^ wföASkt, Vt\ ^^ ich allein sie tragen könnte:
>«:^.^^L.at ...ot laotj 6 Gold vom Geierlande,*
V^\ fti^ JiaitJJBO Silber vom großen Ga(n)zak,
Ib fAx* Cod, corr. G. Moffmum | ^i»j^Aa Cod., coit. G. Hoflmann.
3« IL«L^« Cod.
4b fAtl Cod., corr. G. Hoffmann. 6s li\t Cod., cott. Noeldelc«.
* Ictuc, Tdxo: wie dch bei «uenn Keichtnm Tcnteht, entfprechend. Die Bedentimg
^dum" irt unsjtiMch. * Güia, Hftrqnmit, Enniahr p. 125.
Z«ittchr. t. d. DcntcH. ^u. Jahfi. IV. igoj. lg
374
G. Hoffmana, Zwei Hymnen der Thomasaktcn,
e^« ^ lf(^*«o 7 Chalcedocle auF Indien,
. ^" A K*3 «L^LöB^o Schillernde (Opale?) t/rs lyt^sanrciclm.
d»d30Jt.a oJaA>X« 8 Sie gürteten nüch mit Diamant,
der Eisen ritrt.
Sie zogen mir das Strahl an (kleid)* aus.»
das sie in ihrerLiebe mir gemacht hatt«^
und meinen Purpurrock,» [wai-,*
der meiner Statur angemessen geweU
und machten mit mir einen Vertrag*
und schrieben ihn mir in mein Hcn.'
ihn nicht zu vergessen:
^Ijie a;j^ lai^ ^1» la Wenn du nach Äg>'pten htnabsteigsl
iKiJL^ja^ ^VrfLo und die Perle bringst,
A»; a^^ «-I^-ir -« 13 die im Meere ist, [den Schlange.
lL,.cp \*Q^^ -^wo*^ in der Umgebung der (Gin;- )schnituben-
^K.ö(j^ w.ä "*'S l 14 sollst du dein Strahlenkletd anzieht!
%Miv <M;N,\T y^>y^g und deinen Rock, der üb«r ihr ruht.
^U -f^^l ;»^© 15 und mit deinem Bruder, unserni Zweiten,
löA, yi,nA\^'% l^ Frbe in unserm Königreich tferdtn.
l &>* ' « i l^fJp '■t^sf' '* ^'^^ verlieU den Osten und zog hinab
. w lA- a '^\ ..^v ^ mit zwei Postboten,*
)i^o ^Lmt \JMX\ 17 da der Weg gerährlich und schwierig,
6t-.tjJäX Üt ;^ji. JEto da ich (noch) jung war, ihn lu reis
^X» >*yQ.«l L^iLi. i8 ich schritt über die Gretizen von MaL^n,
Imj^» "t^L o6j dem Sammelpunlrt der Kaufleute des
Ostens
7 Uatct im Cod. «*■ SuiS ^a; LaE«&^» •<«■ •■4*0»«« ; corr. G. Hoffmxnn.
7b •ak«U>» VVriglit ti-liMqOniLi'L'ä-daires, ga 11«^*^ Ccd., corr. WrigM.
iüb «wi^l Cod., forr. N&ldirk« | Xrtr »tr. C, HofTminn.
15b JL%u Cod-jürcth G.H.,L«L>Wright. Iv^tCod. i6b ^A««ba Cod.. corr. Neeldc^l
18 b — Ti^^t ^*l Cod., corr. C. HöiTitiHAn-
> dg. du Untere. ■ Po nete Jeso«, er habe lein Kleid •= KSrper, den er H
der Höbe vor sein« Herabknnft getragen, an det Grente des Z41K11 Mysterionr«
«tn, (de* Mesrtil's), abgelegt: PistLs S^)p^li4 io,!!; 11,5; 7<'8- 8.1.
J togc ^ iLoimiv nutiiraÜtcr divina chnsliana cf. 5-6.
4 Tuiun BlalulBBi [a lumen) duxit me ad infernomi vrfngt Pislii SopW« 43,25,
' Vgl. sS- * Bcvan: pir-wSnltlii. Die BricftraErr fiTTipol ■= *Tf f^O^ kennen
Haaijonea. weil sie da FegelmiCiß: verkehren.
7 l,»ndschaft, Reich), keine Sladl ^* genannt, gemeint wohl Forith-Uatl^B.
t
G. Hoffmano, Zwei Hymnen der Thomasaktea
275
KbL
h.«4t ^^aJ »VB^t ■-^■^'^
■-' '■> ;^ etlf^i^o 27
und gelangte ins Land Babel
und trat in die Mauern von Sarbiig.'
Ich stieg rurder hinab in Ägypten
und meineBegleitertrenntensichvonmir.
Ich ging gradeswegs zur Schlange
(und) ließ mich um ihr Gasthaus* nieder,
(um), während sie schlummern und schla-
di'g Perle zu nehmen. [fcn würde.
Da ich einer und ganz einsam war.
war ich den Mitbewohnern meines Gast-
hauses fremd.
Auch einen verwandten Edelmann
aus dem Osten sah ich dort,
einen schönen lieblichen Jüngling.
Sohn Gesalbter. 3 Er kam mir anzuhangen
und ich machte ihn zu meinem Umgang,
OT^wTrOTGefährten.dem ich mein Geschäft
mitteilte.
Ich [Erf\ warnte ihn [mic/[f\ vor Ä^yfiien
und der Berührung der Besudelten.
Ich kleidete mich wie sie, [weil ich mtc/if]
damit sie mich nicht beargwöhnten,^ daß
ich von außen gekommen wäre.
32b «IM« Str. r>, FTofTiDEinn { _tiUA.„,^M^ Cod., corr. G. Hoffmann,
3411 ;^\ Cod., eorr. G. HalTmann. 24b I ■ '■'■i*- Cod., corr. G. proflTmann.
ad Lu«A Cod., corr. G. HcfTmann cf. 35, | Beva.n. niiaint nach L^iAJ* HnröLigerncUe
eine Locke ■vavi iwei Hslbversen »n. | Ajuä Cod., corr. G. Iloffmann.
371^ Jt^jH Cäd., carr. G. HofTuann.
aSa lUvja Cad. Oder Li<j> ^ ikfiBii? mit ^1? G, Koffmann.
agt «4i«,.>ju Cod., corr. G. KoffmAiiTi (cf. Noeldelte, Gramm, % 188).
I Nicht ^urippak 5. Jensen, Seliraders KeilscKr. BiW. 6,1, p. 48r. wgL JJl. ^uripptk
1^ an der Mündung des Enphrat ins Meer.
■ Aocti di« Schlange ist als Gast rorgeslellt, als Reisenilef im Na.chl([nartier, als
Bclnreifender Tcafi?! {Hiob), Ni>ch Apoc ap.a ist iJie SchUtige Satanas, a. a. in Ptrgimos
2,13, besonders a.ber in der Stat1t(RoTn) tronend [3,2.4. l6,io. welche ita\elTa» wveujia-
fHiitiC r4bo)Jtt leai Alfw^TOC 11.8, Tobit 8,3.
j «- Köni^iohn ^=^ Chrisrfiiti-us. [0<!er: Christin? vgl ScMuß.]
4 w,Li«t3.cu woh! das Urspr., dainus zunächst iaj«.u>u „ßr fremd hiell^n", dann
•kLjvtoA« für (häßlich) iinaiistindig hielten. Mein canssa: nasbru-öC'> niakkiü-SW.
18*
37Ö
C Hoffmanii. Zwei HjmmBD der Thomasaklen.
fV"'2^'^ 6i*ÄJs{i ^ die PcHe za nehmen.
i>> 1.4.;^ . '»U^o und gegen mich die Schlange ttecktnt.
Xtü^ä^ ^ '«-^^ -^' ^'^ irgend welcher Uisache [wäre,
^oi^^ ^ bwöät tf; "*;^ ractktensic.daü ich nicht ihr Landsmann
-1^ \';^'-^ ■-■•"■^ ^^^..0 3^ iindteUtC[t(mischten)niirmitihreaListco
ipffltKSöjJ.-» .-\ r^-^>^} l .sJ ja gaben mir zu kosten ilire Speise; [mit,
}X J7>-y v^T t^^q i3 und ich vergaß, daß ich ein Konigs&obn
^Q^l ^■'■■v^> ^_:^^ und diente ihrem König.* [wai,
iKJLi^ i^'Tk K *a>^c j4 Ich vergaß die Perle. [hatten.
nach der mich meine £ltem geschickt
J5 Durch die Schwere ihrer Nahrung*
sank ich in ttefen Schlaf.
vjoi^ ~Ju^ ä» ^ ^j
AÜes dieses, das mir zustieÜ,
bcmerictea meine Eltern und hatten
Kummer um mich,
^oJ&^jaa ft^{<> 37 EswurdeinunsermKömgreich verkündet.
buu ^i^:^ «aiX&i Jedennann solle an uosem Hof reisen,
oUa *^!^ i^Nap l^ die Konige und Häupter von Pafthau
jLMjfM s-iäie'j ■'^.Äo und alle Gro&en des Ostens, [über mich,
iup^! i-^h^ Oi^^ 3'i Sit faulen (zusammen) den RaCschlut,
AaKij Jjl ^{jüaf ich dürfe nicht in Ägypten gelassen
Werden,
I^*^( *^ oaKso '*" und schiiebca mir einen Brief,
«.j^I 6ö okUA aS *^^o und jeder Große unterschrieb darin
seinen Namen:
3ob ■^■»WM» Cod., GOfT. G. Hoitmuin. jib iia voi %\ ilr. G. HoffataaB.
33« K.«^ Cwl 54» ^V.^« Coi-, coFT. G, Hoffmaim.
35« I«*«Aa« Oxl, GOFT. C. HofTiaann | »^••*»^t Cod. corr. Nodddte.
3Sb fäi llkAOft^ 361 ,;d«^ x^-^ -1-^ Cod.. cocT. G. Hobiuin.
39a *rA-** CwL, corr. C. UvSmun. 39b «^IjiAa M] C<kL, con. G. H<
40b ai] V^mt Cod., cotr. Nocldeke.
I dem Teofel, dei Sü&de, MUeric-
* Tpo«^ K^<>i«v Piilis Sophia Ii6,i3i Tp04p^ wie tii»\ bidtcu die 8710 fftr itues
nnrsL TpoqHii ist uucti voll] onprängliclicc als Tpuqxit. wie dei Kopte m Pistü *i* Ti*'ri
>77>SS Mhrtibt Du Kind, schwach ui KtATt, an Stele, sa dem Geistea^flcB •\i-ri|iMMil
W(fi(jaToc (Aolage lur Saude] and aa Körpec: cdit e Tpu7>atc köqiov df>x«^vxwv «1 VUCt
coUigit ubi e p^pei V^Xl^^ <I°*' [ncc] in TpuqKtic, et dvTtMifiov wtOpOTM « yi^sx K^rioc
<j«4e in Tpucpok «iiu^iLG ^mOu^luu et ((i;>}ia qucx^uc coUigil nbi OXqv wan atcddamoo»
qvac in Tpuipatc u. viele» andre. Iren. adv. hactec 13,19,3.
G. Hoffmann, Zwei Hymnen dei Tbomasakten^
277
r
^'Sm y!^ joaj ^ 41 „Von deinem Vater, dfitn König der
Könige,'
iuJ^ If-oi y»Jo „und deiner Mutter, der Herrscherin* des
Ostens
^j^lL ya_i.r ^o 4a „und von deinem Bruder unserm Zweiten
jH | N.^ srJtMS'i ^^ Ji. «Dir unserm Sohn in Ägypten Gruß.
^lA Ä y^ po^ yoj 43 „Efwach undsteliaufvondeinemSchlaf,'
■ Aw.. . lt^i( )lvi? „verntmm die Worte unscrs Briefes;
baj !, •*>>> > t^j !otJk.U 44 „erinaeredicli,*dalidueinKönigsohnbist,
^ ^■>,q. « V pw j->.v „jjj „sieh wem du (in) Knechtschaft gedient
hast,
I^-Ö^j,^»^ öf-jw^ 45 „Gedenke der Perle,
l.;»^^; -j ^OtN. ^ ^x> j „wegenwelcherdunachÄgyptenreistestj
^fik.ötpk ö^u^fL^ 46 „erinnere dich deines Strahlenkleides,'
l^^i^ üi^^w^^-^J^o ..gedenke deines prächtigen Rockes,
&o-^jL?o uA2kXlf 47 „[sie] anzuzichn und als Schmuck an-
zulegen,
\\j> y^M. l \ > -••- tämaj „au/ daß im Buche der Helden' dein
Name gelesen werde
^.^ j fl ■^°-"i V^° ** „unddumitdeinemBruder.unsermThron-
\6\X y\A. K ^ y\'s Vy. ,.£"r*ftnunscrmReichewerdcj-/."[folger'
-o( ILw^i iiW^io 49 Der Brief ist ein Brief, [siegelte
»&jk> '*i]-v>--i jA^Mf den der Konig mit seiner Rechten ver-
^^AÄ iMiiä I4-Ä ^ so vor den BÖsen, den Kindern Babels
i^oTii-Opj I^'r^o to^^o und den empörerischen Dämonen von
. * " ' " Sarbög.
43 a )■«,*■ Cod., corr. G. HafTniann | ^ + G. HofTmann.
479 LaLI* Cod., eo-rr. C. HoETiäajin. 47b _i^Ll CaA., cott. C. Häffmätin.
48» Q.f ^^? Wright. Oller; w'mm Tiuk'' pessl'ribban G, HofTmann.
48b t««l ^Lau^jka. ^M^Cod-.corr.G. Iloffmann. 49a Cod. _I»,^la, corr. G.HofTm.
4{)b iriilwa Cod., corr. C llofl'inBnn.
50b t^fj» Cod., corr. Kaeldeke et G. HofTmnnn.
» xTim 6,15. Apoc Joh 19,16 hci&t »o Chiiilui.
3 TOm Vfltet, Heiligen Geist, ChtiKui Si&hn, J Apoc Joh 3,2 f. * Apoc Joh 3,5.
i Tgl. Apoc Joh 2A- 5 'o viK^Itv dCtwc -nepißa^ElTai ^v iMarloic XEUxaTc. Ksl oi>
|ij| ^EoXeIiijiu tA Qvoiia afiToD ^k -liic ßf^Aou Tf|t £u)f|c,
' richtig; nicht „dei Lebens", wus dahinter geTqcjpt ist S. Antn. 5 nnd lu Apoc
Joh ao,ia. — In das Buch dct Lebens kommen die Alhleica im ETUigelium Plütipp 4,3.
; nachineiDer Etymologie bei Gressmann, Shidien iu Eii»ebp^70 v^äQ A<j^l!* ibtoL — •
ILoA^ J£a Ad^ dem (sta erg.] du Las der Kö'nigswüide verbiii£l (a^^) ist; die Wort-
stellung nach grieehii^eh HXiqpavö^oc.
:
>7»
G. HaffmaBtt, Zwü UyiitBeB der Tliomasskten.
eU^^f "^J^^o iS,NA-> 53
L}iKa{ ^tju::». 6»^A^f
• • I . j j>
Jmj,v> b.f*Xvt M^No
£r flog in Gestalt des Adlers^
des Königs alles Gefieders,*
flog und lieB sich nieder neben mir
und wurde ganz Rede.
Bei seiner Stimme und der Sdmme säaa
Klotzt
erwachte ich und stand auf von meinea
nahm ihn mir* und küU'te ihn,
laste sein Siegel und las.
Gaiu wie in meircm Herren geschrie-
ben stand, ^
wa«ft die Worte meines Briefes gc-
schriebea
Tchgedachte,daÜicheinKonigS5ohnwire
und (daß) mein Adel seine A'ii/tt/- heischte;
ich gedachte der Perle, fward-
wegen deren ich nachÄgj-pten geschickt
und begann ku bezaubern s [Schlange.
die schreckliche und (Gift) schnaubende
Ich brachte ae in Schlummer und Schlaf,
indem kh den N^neas meines Vaters
über ihr erwähnte.
den Namen unsere Zweiten [Osteas,'
und meiner Mutter, der Königin des
51b 4^1 Cod. 5JB n* nj Cod., cati. C>. HofiimuvD.
54a H^ «Jd. G. KoETmuin. Sfb *lw^ Cod., ooir. —
3Ja. D. k. dai>Mebbar>Ii]). Co<L «^X^* C. Koffmu;n.
57b watff ? G. Hoßnuna. S9b Cod. M — «i^^. coit. G. Hoffmann.
* Adlci wegen der ScbncIÜEkcit (aS«m Iti3. Klage! ^itji) als Briefbote, als erfai-
beatler Vogel, Apoc Buucb syr. 77*^11- Näher: Boicneayel ils Adler Apac Joi 5,15
d«ToA ittTOfi^vau ^v (iccgupQvrittaT) ilialicb d«ai Att^^v iCGTi:(ievov £v pccouptm^
liaTl mit detn ewiges EvangeltQia 14.&- Adler «v Käuig vgU Ei 17. \ni mcoo-
f^'»ntia fUcg«n übdhjjpt die Vigd hpan 19,17. ' VgL iib.
1 Vgl zCor 3.2 f. Der Vertrag- Text tu meinem H«ien cämmce mit dem des Briefei
eberein: Vertrag d. h. n"U A.N.T.: AnCeidem metspbjnbch aof die anima b-aturaliui
Uuiat. 10. 56. 1 oder bi«d mich n. A, schickte [niGtri c).
i TMOkctaX. bildlich oacb An der Schlaagenbetcbwörer; doch ist ucbt *iUfes«bL4«Ka.
da^ <lcr blv&ca Ncunuag dei „Namen*', wie sonst in d«T Cnosis, iaa.gijclic Wtrkssg
LciKemcHcn vruide. <' D. b. Vater, Sobo und beiligci Geist (f.J (Acbui»otb?>.
K
Ib^J-^^jo^ ö(&.a^5-u 6i erhaschte die Perle [mich m wenden,
*-ai t..^:x JL^atj ^^^<''> und kehrte um nach meinem Vaterhause
(Jdol^o !Jj vpot> nS^ 63 f/ir sclimutziges und unreines Kleid
Apoifljo otJ^^os^ ^^-'X^ zog ich aus, ließ es in ihrem Lande
{^f -^A^jt^aS. 4i^j}t ^3 und richtete meine Reise daß ich käme
^AiyM «Js^> ijotolX zum Lichte unarer Heimat dem Osten,
^ ^ ..ijj. svt — Ijpj^llo 64 Meinen Brief, der mich erweckte,
^- '■ * ^ / jL^fot^ u^tJ> fand ich vor mir auf dem Wege:*
«jlt*i.( oC^Asf 65 ihn, //rr mit seiner Stimme mich geweckt
hatte,
I^ia^ >i^ öfioicLks AoL mich wieder mit seinemLichte leitend;*
stiO;NiTi-t l^-^i ^6 auf chinesisch (Fapierl) mit Rotel (ge-
schrieben),*
J'! a'Mi ötio-La ■■■>"; f^ vor mir mit seinem Aussehn glänzend,
«laifä» ''^.Aas 67 mit der SHmmf säner Führerschaft
]X.~s^^ .^l'O^öii ^al wiederum meine Angst ermutigend
c^ 'r-'iis^ bt^&A^e 63 und mich mit seiner Liebe ziehend.
^^■ '^ i mS etl;.^^, bsAäJ 69 Ich zog hinaus, kam durch Sarbüg,
wilfcäimS '^»^^i^ Nijrt > ließ Babylonlen* zu meiner Linkent
\h^\ , ^ i. w\ ^-^o 70 und gelangte zur grollen [Stadt sjMaisän,
iip^Li \pot Uvi t 'y* . dem Hafen der Kaufieute.
o6ii IjojJ öt^zk^^; 71 der am Ufer des Meeres Uegft.
bwöoi IkÄ.\a,» i^öfj^Q 71 Mein Strahlenkleid, das ich ausgezogen
hatte
Jly ^^tf o^t Mi^^^^a und meinen Rock, mit welchem es um-
legt war,
61*. di&.a^_utt Cod., corr. G. HofTmann, 62a \^«A«a^« Cod., corr. G. HofTmann.
6zb «ituhAAA Cod>, corr. G. HoiTüiaüii. 63a ^Lil* Cod-, corr. G. Hnffm ana.
fij» ^1 stf. G. HoffmiLin | v.!*'^' Coit,, corr. Wiight.
67 a Alft^iata» ii^^BA» Cod., corr. C. Haffmano.
(,% Bc^raa nimmt LQckc eines HalbTcisei tod 63 an. Cod. *^.
71 m;.^^^« Cod., ccrr. Wright. | l^lLi Cod., corr. G. HofTmann. | Nach ^\ nimmt
Ij^von Lücke von einem Halbvera an.
7aK .&w«^« (b. RuLd _L«i«b.) Cod., „oder hltudrilr*" G. HofTmaDn.
> Dal Folgende ist von „fi.n<l" abhängig.
1 vgL die Rducii- (DoDDer-) und Feüeniule ror lEiael in der Wüste,
3 Wichtig! Vgl. Kuabacek, Das arabische ?a.picii ^=- -^ •■ |-~
4 die PosWOule, der Landweg, ging jedenfalls westlich vom Euphrat. WeilB Sarbüg
4i« Stade Babel ist, bleibt BnbyloiiicQ erst fädwsrtf linJu.
5 Wohl Forat P etat h -Mais an.
R HgfhlfrtB, Zwri Hytimeii äer ThaB ia sa l tte B.
r-«"
btoi^ .ä^i ^^
V.1m u\.ti^-> f { 6C^ 77
^I OMf l^ t^I ^{Lf So
•^a»a ]a^( JA^ip •*-! r^f
schickten mirvon denHöbenl
dorthin meioe Eltern
vennittcis ihrer Scbatzmexster,
die wegen ihrer Waluiiafügkcft äiait
betraut vaies.
Ohne mich' meines Ranges za
weil mnn€ Kindheit ■> es in
Vaterhause gdassen h afty.
schien mir plötzlich sobald iclj sozxx
ansichtig wcnk.
das Strahlenkkid meinem SfM^d* >i
ich sah esganzinmir Gaozem fsi^ä^
und ward in Ihm auch meiner gaac a^
dal^ wir zwei warea in Geschiedeafcü
und wieder eins in einerlei Gestall;*
auch sah ich ebenso, daü tfie Sdua-
die es mir gebracht hatten, rmeästn.
zwei wären von einerlei Gestalt,
weil ihnen dasselbe [„ein"] Zeichen ao-
gezeichnet war des Königs.
der mir durch sie die EJtre,
das Pf and^ meine s%fLX^^sX3xais TOniffcgat\
73a ^*, Bevu. I 75* |t* Cod., ^tut, G. HoBi&unii.
75b k*L«h:MU( Cod., corr. G. Hoffmane. 76a lA* Cod., corr. G. Ho^^i^
;6b W-^i G. HelTmuin, M«a^ Cod. LmAV S^Ludi^? | Ma, Bna».
77« *- — Cod., M corr. G. tloffnianii. 77b V«j^ Cod.
81 % Nach. Kai Ancbltouv mäi ti^i^^v corr. G. HoffrauiD. | «i^ ***t _%%^ f, Cod.,
eotr. «4al|? Wrieht. 8t b ««t*rJ^ -ll«ä.a ..ü^«^ Cod., corr. G. H ag»-^^
* Hitffikcb alsA ichOD seil der paittii^cliea Zelt als ElbiUx mit Um^ lif r« t^jt} j^
Aicila glcich£c*ettt, mit dem Dombdvuid. Wukin: Marqiun. Enosaitr 7z.
■ Obgleich ich winc kgL Wude und eigentliche Bedcatiins Tcrgeuen luitc^ exkaaaK
I«k nddt •ofoit in üun wieder. J Subjekt.
4 VgL 2KaT3,i8 lAvoKactüiutipfvifi «pocilnnfi n^ &6Eav nipiou KaTQ-KrpiCöncToi
3 Den cQkic und d« (Ma nach eiits. indiridaalitu Ttnchicdcn, fiMouLfasmi bIihhk
* iltia ^^'-»1^ Die S«cl« vom Hiuuel icbeidisd Ii£t iht«n anf hnmn » Rcäch-
■ (Uealceabh] dort alt Pfand lor^ck, welcttea «e dsrclt ibra AAcit «n iSe P *r:»
f Kidn aatlSat
G, Hoffmano, Zwei Hymnen der Th omasalEten.
2St
\
t£Buafiif ^)La^o 85
w ' ^i -^'& j' •»4I Kti**a SS
das Strahle nldeid, (geschmückt war:
das mit prachtigen glänzenden Farben
mit Gold und Beryllen, [len?)
mit Chalcedonen und schillernden (Opa^
und verschiedenfarbigen Sardoner.'
Auch war es gemäß seine r(himmlischen)
Erhabenheit angefertigt
und mit Demantsteinen
all seine Gelenke festgesteckt; '
das Bild des Königs der Könige
war ihm vollständig überall aufgemalt
und es (rein) wie Saphirstein ^
"wiederum in seinen Höhen bunt gewirkt.
Ich sah ferner, überall an ihm
die Bewegungen w/ciWrrGnosis wimmeln
und sah auch, dal^ es sich
wie zum Reden anschickte.
Den Klang seiner Melodien vernahm ich,
die eswäJinyjd s einer /:/em6i^u/t/i]ispeltci
„Ich gehöre dem hurtigsten* Diener an,
für äen man mich vor meinem Vater
aufzog
und ich gewahrte auch [wuchs."
wie meine Statur wie (=mit}seinc Werke
Und mit seinen königlichens Bewegungen
ergieÜt es sich ganz zu mir hin
8za wiwwi^. Cod., corr. O. Hoffmann,
äzb )i«;^; Cod., corr. C. HofTniuin. | l&^j» Cftd^ coir. G. HofTmuiii („oiIm ^j*!«"}:
I^&AM Noeldeke.
Sfa L>a)iM« Cod., corr. Wright | Jlo^^Cod., ceiT. G. HoffniuiiL
Söb %i G. H., ..^ Cod. ^h.»» tu»*^ Cod., ton. G. H.
S8b ft>^^ Cod., corr. G. H. iKvw Wrieht.
89 a <•%> 4- G. HofTm&ni). 90 b -^-t^ ■-■f^ Cöä., tan. G. ^lofitcuin.
91 a «^ (■■ UofTmatin, «w Cod. | ItSL^^} Naeldeke.
gaa »^5J« Cod., corr. G. HoiTmann.
■ UnierBtSrharheit, Unsterblichkeit der ld«e <1«t Seele, vo(i6)ievav.
> El 1,26. Ei 34.10- 3 MaimigTiiltigkcit des gättliclien Weiens.
< Eere[twillig und geschickt. Vgl K(imoi Hnl KTIW Brandt, Rcl. d. Mand. p. IJ.
S = gattlichen.
3*3
C HaKm»hm, tw^ Hi
»ri^rl
M tmA ^L
A.^
tka^^l «w*^ iv**i»
daß >cfa CS
und aock nidt
uaicntgeguiEB,
UiMitclislzcdaei
schotikdctc Bkfa
uad zogmeäK*
ToibtiD(% ober aiA.
Damit hrfcViiitr k^
:]
ttt^mn läCkA "a^l^^ z.m Tore (Hofe) (fer
Öc«
■ oo
Ich bückte flftbft tiftopt
den .Ghsc"' des VaScxsw (fer
(das Kkid)
dessen Gebote ich
und der semenetts getan, wxs ^ vcr-
t^mii l^if^ tei Am Tore (Hc4e)
fe«^
veHcehite ich mit setoen Gn^lcBt
der mich freud^ attfriaK«^
uad ich war Ott ihm ' in seaDcs
den all seiae Diener (Si^datea)
mit Wasser-OrBelstimmco» prcäcn:]
t)b l».l**t« Cod., an. a. IMbnaan.
yta «^ Cod., oder «f.
y9fc «^ C*4« C0R. WrifbL lot » .«•;«** ? Wrig^
101 b ■—■11 p^ Cod. "•> G. Hoffmm&B.
f0}B |mt«t rtBMlMl (— öbpBwX&my [Zdod». C AisTT. XVn. Ui. KkA
« iiHh» Wart, ui IwdtAb« «ktstcIU.
tat •■oft lif^iKi» olMiv (Am ncac JerosaleaX «b' ^ Urx*« sfrciVc: tA jp^fmi.
1 VfL Mt SCmbc CluMi m. der Eagel Apoc Mjf- I9.>& ^ J« $t.t& 55,
G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 2S3
|^i&:^f w^^.^f 104 dafür daß er versprochen hatte,
V^k^£ \4>^ *^i^ ^^ *^h ^ii ^1^ ^°f ^^^ Königs der
Könige reisen
w&Ml^ap ^(&aao 105 und bei Darbringwig meiner Perle
\hJt\ ^*\f \ ai,:ä;^ mit ihm (vor) unserm Konig erscheinen
sollte.
IL
Über das Lied von der Seele.
Ursprung der Allegorie: Matth 13,46.'
1. Die Perle = Himmelreich ist metaphysisch-psychologisch auf-
gefaßt, die (platonische) Idee der concreten auf Erden weilenden Seele s.
p. 23Ö.
2. Die Eltern: der König — Gott-Vater; die Mutter -Königin ^
der heilige Geist, fem., leicht entwickelt aus der Zeugung Jesu im Leibe
der Maria vgl Apoc I2,if. Ihr erstgebomer Sohn, daher nächster
Erbe, „Zweiter" „unser Tronberechtiger" (^a-fXj» s. Übers. 48), Christus-
Auf den Namen Gesalbter spielt „Sohn der Gesalbten — Königssohn"
an: V. 26.
3. Christus hei&t „Erbe am Königreich", Er reist nicht mit der
Seele und wird ausdrücklich von ihr (als der Menschenseele) unterschieden
V. 15, die sein Bruder ist; zumal am Schluß, wo er v. 99 „Abglanz des
Vaters", Vertreter des Königs der Könige — « Gottes ist, d. h. ein nur im
Himmel sichtbarer Gott, während Gott Vater unsichtbar bleibt: die Seele
tritt 105 mit Gott Sjhn-Abglanz vor den Vater, aber sieht nur den
Sohn. Letzterer ist es, der das Himmelreich versprochen hat und es
dem ErftUler der Bedingungen seiner Gebote [als Richter] verieiht
Während der Vertragschluß am Anfang v. 1 1 (mehr anthropomorphisch)
den Eltern der Seele, alsa Gatt Vater, beigelegt wird, wird am Ende
der praktische Verkehr mit der verklärten Seele dem Mittler „Abglanz
des Vaters" zugeschrieben, und dieser als sinnliche Erscheinung mit
<:lem Vater verschmolzen, aber individualiter oder abstract von ihm
104a »t*'^'* Cod., corr. G. Hoffmann. | a«1 itr. G. Hoffmaan.
104b «M^ >tr. G. Hafftnann. 105 a ^ - ■ i^' *■■** auaftJtt« Cod., coir. G. Hoffinann.
getrennt. Auch in Pistis Sophia cd Schwänze 131.13. verscfamifatJesB
in der Endzeit mit dem Ineflabilis in Bezug AufGnosis vgl. 12,1a 199,11-
4. Die Trennung wird gedacht offenbar nach der Theorie der Dopp^-
existeiu aller Seelen- und Geiste rindividua. ^vclchc v. 76(f, verraten wird'
Dem Verhältnis Gott -Vater ru Gott-Sohn -Abglanz entspricht es, wenn ikf
Seele auf Erden ihre platonische Idee im und vom Himrnel gegenüber tritt.
Himmel und Erde bedingt:n ihre Trennung, aber ihr Kern ist von iden-
tischer Gestalt. Analog äst das Verhältnis der paulinlschen vuxn ^
des Trv€0^a, und man darf nicht an die Fravarti denken. Aber dff
platonische Einfluß zeigt sich an der Hervorhebung „der Erinneniog'
(ivdifiVT]cic (v. 75 vgl. 56. 44f.), die plötzlich geschieht. Vgl, Pistis Sophii
43,12: hier sagt die Glaubensweisheit: Abstulere m«um liimen mihi et mu
vis exäniit. ObÜta sum mei Mvcnipfou quo functa äum ab inttio etu
Unwissenheit des Kindes = Vergessen 1J?,2S Plato's poculum obUvioois
240,19 und sonst S. Iren. adv. haer. 2,33. 2 vgl. r. Das UrMd dci
Seele im Himmel wächst parallel der Seele auf Erden 91. 92. Vgl. den
Anhang p. 288.
5. In der Allegorie ist die Seinssate der Seele vertreten du
Ik^ar), das Strahle nUeid, ein Ausdruck für die allgemein göttliche begiitT-
liche Lichtsubstanz, mit welcher sittliche Reinheit und Heiligkeit zusammea-
föUt. Dazu ist Vorbild nicht bioü {U9f]c) UuKr; im N. T. überhaupt,
sondern insbesondere in der Apoc joh i,$. 18. 4,4 i^ÜTtov. 6,1 r, 7,91 14
Mvov oder ßijtcivov Kaflapov Xofntpöv 15.6; 19,8. 14, vgl. auDerdem Ps
104,2. 4 (LXX 103)." Es dient als Unterlage Tür die aufsitzende Purpur-
* DiciC Pyiyci* yhi unierslütrt cfureli »ndere Motive, wie: rechts und links bctchuiu
= überall. Di« Utrii'i aU Wichlei (der Jorilnnc, als die l,ichtlnil'cn[;el Sümai nnd Nidbu,
ygl. die 7 «ap9^vöi töü (pwric), ftnier Adaras SchuHengel, trel«n doppelt auf, wie die
reileaden Gcnsdarmen in Ilalies. Brandl, Ret, dci Mui<däeT p. 31.
' Von da ber sp^ielt i^(irlov, Evtiu|ia eine groOe RoJIe in der gnoGtischen T«
logie- E^ vertistt die AüH'cn- und Ericlieinuiigiseitcn ä. h. die mehr linken Seilen
Lichtes, die bestimmicn Kliiscn seiner Rdnbeit und wird ScHulikleid. wenn ein KleiJ uu
höhereTn Licht über eins der niedrigeren Gestalt g-cacgen islj Pisiis Sophia. "Ev^mifl
leistet fQr tlie Intlivid-uen idsssclle -wie itcpiTrEfdicfiaTci tÜT die Räume lö,30. 24. Dalici
das man^däische l«liD= l^dTiow N.T., lunicbs! ^ LichtkUsse, donn aJs groCcs Ersiet
WKB, Icuriweg b|ull »JdB, (wie Erstes MyKeilon in Rslis Sophia) LicLtperson: Brsndt,
Muiid. Ret. p. 19 Schriften p. HS und aft. Folgeiichtig iiuch Mänä's der Dunkelheit
(Gog und Magog) Rel- p. 214, ebenso Pi&tls Saphii 6g,i6. Aach imTer Anderen Vr'ontn
sind Gtanzkleidei hiulig: Brandt, Mand, ScEiriftcti tl. 14- 15, 19- ^2. 56. 57. 77 g. 9^
203 unten. WeLC« Kleider wie die der »cMVn d. h. der Klasse irw p ^^17 p, Si.
Ahslicb ist du VerLiJlnis <^cr Bedeutung van irapacrdTnc Beistand Adjatvii
der Lächle man aiionen (als Königen), sofern ein solcher bei der Sammlung der Uebt-
dcmenle aus der Hyle den Fürsten se|per Licbllil^sf^ helfen £oU: fasuJig
Soplüa — Jawu- miKnK Brandt, KcL 3t.
wie die '
:ilen 0^^
I
I
I
tüga, wie der Holiepriesterephod auf dem iiB«n ^'J?D, nur daß dieser
Hock als weisser ^3 gedacht ist. Beide Gewänder bilden eine Einheit.
Daher steht v. SzC lit^mi allein fiir beide, die Toga g?. Der Farben-
gegensatz königlicher Gewänder blauer und roter Purpur, Karmin, auf
(weissem) Byssos, entlehnt aus Esther 8, 15. 2Chron 2,13. 3,14. 5,12 kommt
zwar für die große Babel f\ Tf.p^.^tß\J\^^iVT\ ßuccivov Kai xopipupoöv kqI
v6kkivov Apoc Joh I8,i6 vor; aber die Verbindung zweier Gewander wie
hiei (vgl. Apoc ig,8) scheint in der Apoc nicht vorzukommen: Christus
trägt einen roten Mantel 19,13, aber Sein Rock wird nicht genannt. —
Die zwei ^vinJjiaTa, welche der zum 'AppuTOc wieder aufsteigende Christus
(wieder) anziehen wird — abgesehen von seinem dritten der Hyle an-
gepaßten Kleid Fistis Sophia I0,I2. 75,9. 74,26fl". 81.27. 34,7. — sind die
beiden Seiten des Urwesens 12,25 X'^P'HMOTa duo Ineflabilis 139,11 intro-
spicientis et prospicientis 140,17 der alten platonischen Dichotomie Sein:
Werden entsprechend — Vater und Sohn vgl. 14,14. 29,5. 16. 17, oder auch
eine erkennbare Seite gegen die unerkennbare, die selbst nach vollendeter
Gnosis Christi und seiner Reichserben unerkennbar übrig bleibt 146fr.
Was von Christus gilt, gilt von seinen Erlösten zur Endzeit Auf der
Toga sind wie auf dem Ephod die Edelsteine angebracht. Diese wie
der Purpur drücken nach ihrer Menge, denn sie haben das Mall des
geistigen Wuchses ro vgl. 92, den individuellen Grad der Teilnalime an
göttlicher Herrlichkeit aus, der auf dem Verdienst (den Werken) beruht,
das sich die Seele auf Erden erwirbt, ihren Schatz im Himmel, den sie
auf Erden sammelt ek 9<Öv it\ovt«JV Luk 12,21. iTimiöjiS, genannt
Reichtum titoa. — Wesen senvciterung. Da alles Lichte auf Erden seinen
coirelativen Urquell und Idee im Himmel hat, wird KVilV vgl. ttJHB bei
den Mandäern zu Engeln. Vgl. Apoc Jo 3,18. Rom 11,33. Ephes 3,9-
Kol 2,3. Vgl. z. B. Brandt, Mand. Schrift, p. 13.' Durch die Ansammlung
der Verdienste auf Erden wachst gleichsam das zurückgelassene Schmuck-
kleid und heißt daher Reichtumsniederlegpjng, Unterpfand: 81. 9if. Man
unterscheide :
a) Dem irdisch-psychischen Wesen [alswie der ästhetischen Seele]
entspriclit ihr Reisevorrat' v. 3 ff-, ihre angebome himmlische Mitgift,
auch als „Weisheit" mit Edelmetallen und Edelsteinen verglichen (Hiob 28).
Schon sie ist mit Diamant, der Eisen zerreibt, gegürtet^ d. h. ihr
Dasei n zusammengehalten, d. h. nur teilweise unzerstörbar (d<p6apc(a):
■ JeQ (1. kier p. 388) ist topoKoSopa des Mäldiitedek PS 228,31. 223,18. oZop Koflopa
mnu "WM. ■ Reisezchrun^Es gute Werke bei den Mundiem: Bruidi, M. ^ctirift.
p. 37 vgl. 74. 3 Die GörliinE etinncri an den Lichlgurt der Mandäer — all ftf
^'ändernde Gast« nnf dieser Erde.
ae
C. Haf/mann, Zwei Hymnen d« ThAnmsaktcn,
£is«n auf Erden kann ihr Leben nicht vernichten. Vielleicht ist ba
diesem dtiäpoc dessen Beziehung auf 'A&a^ac-Adam, den dpxövOpumK
den v\öc toö övSpiüirou, den himmlischen Chnstus der Naasscncr rar-
ausgesetzt: Hippol>-t Phil V,6 p. -95, g6. 1O4. 1O5 ausgedruckt bei Hilgeo- 1
feld, Die Ketxergesch. des Urchristenthums 18S4 412 f. Note. vgl. Adalcasl
hier p. 291. Derselbe ulöc toö d-vSpiIiiTOir ist der Ulhrä Enös der Mandäo
im Gegensatz lum historischen hytischcn Nebü \Rihä: Brandt. Mand.
Schriften p. 93. 9Ö. DemantmatJem hat dort die himmlische Stadt: p. iz
In jenem Reisevorrat, insbesondere diesem unzerstörbaren Teil, ver-
steckt sich auch das Zeichen der Abstammung, die Freiheit v, 56.24. näm-
lich von der hylischen Moira und Heimarraene; die Freiheit, die nad
der Durchsetzung ihrer Natur strebt, in deren Begriff liegt die Fähigkeit
und die Ljst zu wachsen: incrementum ad Aetemum, Pistis Sophia ijjja
b) Im Himmel (84. 87) trägt das ideale Ccrrelat (voiirritöv) ein pneu-
matisches Kleid, analog dem ersten, aber gesteigert: alle seine Gelenlre
sind demanten, d. h. die sich mit ihrem Urbild deckende Seele ist ganz
und gar unvergänglich. Sie ist in allen Teilen Ebenbild der Gottheit,
1 Kor 15.49. Sie ist Aojikov. Die Gedanken der irdischen Seele jifld
dieselben wie der himmüsclien v. 88, ihre Bewegung ist königlich, rührt
unmittelbar von Gott, dem voöc, dem irvjöMO, her.
c) „Perle" heißt nun keinesivegs der bei der Geburt vom Himmel
empfangene Lichtfunke — dessen Anfangs zustande der psychische Reise-
Vorrat entspricht — sondern, da dieser kraft seiner Freiheit (vgl. b) ikh'vg
ist zu wachsen, während er sich in fremder hylischer Umgebung befindet,
das Ziel dieses Wachstums, die Vollendung setner Persönlichkeit (Seele),
die Gerechtheit Rir das Himmelreich, dem die Perle gleicht (Matth 13-461.
Diese Gest.iltung der Perle hindert die Schlange = Hyle, Sic kann ihr
nicht rasch und sofort entrissen werden 21; denn jene schläft nicht und
zeigt ihre Macht, die der Macht des Himmela ursprünglich ebenbürtig
ist, deren UnebenbÜrtigkeit die Gnosis zu erklären wünsch^ aber doch
nicht erklärt
Die Seele muß sich anstrengen und ihre Freiheit gebrauchen 47 /-X-
92 |m^. Sie braucht sie zwar sogleich (29) in treuer Verfolgung ihres Zieles,
wendet aber (aus Irrtum) ein falsches Mittel an: sokralische Lehre. In
dem Wahne, sie könne unerkannt sich und die Perle aus der Hyle heraus-
bringen, will sie sich hylisch verkleiden und nur scheinbar hylischc
Sitten annehmen. Wer aber den bequemen Weg der Hj le wandelt und
sich ihrem Sinne anpaßt, den überwältigt .sie: die himmlische und die
irdische Natur sind unverträglich. Weil sie dies nicht gewulit hat.
r
I
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erliegt die junge Seele und bedarf erst der Offenbarung: via crucis est
via salutis (47. 92), welches Weges Anfang dnäTiicc£c9ai tüj kocmu) ist.
Erst die Offenbarung, eine Frucht vom Baume der Erkenntnis, gibt dem
Kinde die volle Reife und Verantwortung. Die Gnosis setzt voraus, daß
in dem höchsten Prinzip der Drang nach Seliglteit liegt, deren Befriedi-
gung durch die Tätigkeit der Selbsterkenntnis, d.is Hervortreten aus
sich selber und das Offenbaren, erlangt wird. Pistis Sophia 141,2g. Da-
her die Erreichung s*ijier Seligkeit der Zweck des Alls sei; 199,14.
Diese himmlische Genußsucht ist der irdischen wesensverwandt; Lust
dort und Lust hier bleibt Lust; aber letztere geht auf nahehegende Tetl-
■zide, während die erste auf ferne, ewige und allumfassende SdigkeiL
Daher beruht der Siindenfall auf der Unreife intellektuelfer Entwickelung,
auf Misverständnis, auf Verwechslung des Abbildes der Begierde im
Hylischen mit ihrem Urbild im Lichten. So bei der Achamoth: Pistis
Sophia p. 32,9f 33,22. Die Ziele irdischen Glücks sind Wech^elbälge,
die der Teufel Authades dem Seligkeitsdrange unterschiebt und dieser
primitive Drang selbst, als Affekt der irdischen sinnlichen Psyche, fclgUch
gefesselt an den Bereich der Heimarmene PS 186,17. I"7i23. 213,11.
214,16. 215, 23f., heißt dvTimnov -rrvEÜiuaTOC — Nachahmer des Pneuma —
dessen Beseitigung die Hauptaufgabe des Erlösers ist 188,25 T; ein Aus-
druck, der die Sache in die Gattung des Pneuma stellt.
d) Aber auch sofern auf Erden die Seele einen sichtbaren Leib
trägt, werden im Liede deren zwei unterschieden, entsprechend dem
reinen Leib, der ein Tempel Gottes ist. i^iuxucöv cili}i.a im Gegensatz
zum xoiKÖv (iiXiKÖv) und der cöp£ vgl. iKor 15 etc. Denn als psychisches
Soma scheint gedacht werden zu müssen v. 27. 28, der der Seele vom
Himmel her venvandte liebliche Jüngling, der Bar-msihe = Bar malkS
heißt, d. h. di\inus christianus, der der Seele eng verbunden bleibt, den
sie gern um sich hat und den sie vcr Berührung mit der Besudelung
durch die Erdmenschen hütet, obgleich sie gleichzeitig durch Anpassung
an die x^'i^O' Gefahr läuft, sich eine CQpE anzuschaffen. Jener Jüngling,
d. h. das c<jj\ia t['uxiköv nimmt Teil an der Aufgatte auf Erden, dem Perlen-
handel, weil die sttUiche Aufgabe sich wesentlich auf den Leib bezieht.
Für diese Deutung spricht namentlich, daß bei ihr die Erwähnung des
Jünglings den Zusammenhang nicht unterbricht und man begreift, warum
weiter nicht von ihm die Rede ist. Ähnliches über die Entwickelung
der zusammengesetzten Natur eines anfangs unschuldigen Menschenkindes
bis zur Sünde berichtet ausführlich Pistis Sopliia 177,21 ff. Vgl. p. 276 N. 2.
Beiandter Lesart traf e die Seete auf einen Christen d.h.die Kircht alsWarner
G. HoffmanQ, Zwei Hymncai der ThoaiasaktCD.
6. Bemerkenswert ist, daß die Seele auf Erden sonst nicht durch einen
Begleiter — Chriatus auf Erden — sondern nuf durch den Brief," d.L
die Offenbarun|;sschrift unterstützt wird, auch die Erscheinung Christi
auf Erden sonst nicht erwähnt wird. Der Verf. setzt diese als vergsnga
voraus und schildert die Schicksale einer jeden gläubigen Seele bh
christlichen Zelt. Auf ihre Verlassenheit (v. 23) in dieser Welt wendet
Pistis Sophia 45.4 den Ps 102.7 ^^■
7, Das Postbotenpaar und das Schatzmeisterpaar — nach S 4 jt
einer — vertreten Engel: der Pqstbotc als Kindeshüter wohl den Engel
der Liebe-Bamiherzigkeit-Erwählung; der Schatzmeister -Verwalter der
guten Werke, Überbringer des versprochenen Lohnes, als Vergelter, dca
Engel der Gerechtigkeit "= Treue und Wahrhaftigkeit v. 74. Apoc
Joh I9,ir. [,S; i.14. "
Aobane zu p. aS6b.
Der Gegensatz von Urbild und Abbild = Spiegelbild wiederholt sich
auch in der Entstehung der npopoXai: Abatur kam (nach Genza r I58»I9
bei Brandt Rel. p. 52) in jene Welt, sah sein Antlitz im schwanen
Wasser 1— Chaos) und sein Bild und Sohn wurde ihm aus dem
schwarzen Wasser gebildet. Dieser Abatür 1U1M3« ist eine Abkürzung
desKaXatraTaupuj© in Pistis Sopliia22l,9. d.h.fl111Pn 2|5^g «die Stimme des
Vaters (■= Hüters) der Gesetze, Beiname Jahwes des Gottes des Himmels
als GcsctzofTenbarers. Dieser Jahwe tritt in PS als Kalapatauroth'^
Vater Jcü auf, bei den Mandaern als Jösamin (J6 des Himmels). Jeü als
Gott des A. T. wurde ein verhaltnismät^ig niedrigerer Engel (62,4), du
trriCKOTtoc des Lichts I22f. 123,12.24,28,31. 62,4. 224. 227. ssS, der di£
Archonten der Heimarmene von Anbeginn geordnet hat, rn ihren
Schranken hält und das Licht der höh&ren Regionen in den niedrigeren
schützt. Die alte Weltordnung Jeü's wird der Cliristus des N, T., in der
Endzeit umwandeln 24^25 f. 23,27. Während der Obere Christus und seine
Glcichwerte im Fleroma dem Ersten Leben der Maudaer entspricht, ist
J6jamin das Zweite Leben, d. h. das fiicow zwischen dem FirmameiU
unddem höchsten Lichtraum, Brandt,Rel.d. Man d.p.3i.'lauj der große Hegti-
inenos ^lcou wird von seinem Doppelgänger Jeu in PS 1 23,24 unterschieden.
Abätür wie KaXairoiTaupujÖ stehen eine Stufe tiefer. Letzterer ist dprtuv
super (TiJua-i-r [Skemmut, SchwarfcEc] in quo est pes Jeu, ist also, nach
Matth 5,35, beim üronöitov. Erde, zu suchen. Abätür ist das Dritte
Leben (Brandt, Rel. p. 57,1). Er bewachte die Bücher, die Jeü dem
Enoch vom Baum der Erkenntnis und des Lebens geofienbart hatte
I Vgl, den bekehrenden „Brief d« Lebens u» Piihil; Brandt, Muid. ReL p, u.
G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten.
28g
auf dem Berge Ararat vor der Sintflut und vor neidischen Archonten.
155,1. 7. Abätür im Genza ist der richtende Gott des A.T., er steht
der Wägung der Verdienste vor (Brandt, Rel. 75), in der Steo Matarta,
wie Jeü rächender Strafgott ist PS 60,4, 62^ der die Frechheit der
Diener des Authades (Teufels) mit Finsternis straft. Apatauröth scheint
zu den Dienern Jeü's (irapaXnMnrai, Empfänger reinen Lichtes) 209,7. ^4»
oder drreXoi Jeu'a, des „Ersten Menschen" (Archanthropos) 208,30 zu
gehören, welche den Drachen, das als Ringmeer wie der Okeanos ge-
dachte „Schwarze Wasser" der Mandäer, die HöUe, in Schranken halten
und die daraus geretteten lichtseelen geleitend einander aushändigen,
bis sie durch Jeä's Barmherzigknt in den Mittelort (Äther) gelangen, wo
die Lichtscheidenden (richtenden) 7 Jungfrauen des Lichts sie mit der
Lichttaufe versehen. Vielleicht bedeutet cpöuott den Horizont, wo der
Himmel auf den Styx-Okeanos aufstoßt, die TW^ des Gesetzgebers
vom Sinai Ex 19. 20. Vgl. Mand. Schrift, p. 9,3.
Tiefer als Abätür steht sein Sohn Ftahil, dessen Schöpfungswerke
b« Brandt, Rel, 52 fr. offenbar nach Genes i gedichtet sind. ^MinD
heiHt Jahwe, sofern er den Mund zum Schaffen öffnet Vgl. Mand.
Schrift. 13 med.
m.
Zur aUegorischett Geographie.
Der Weg der Seele ftihrt vom (i.) Himmel, als Gottessitz, durch (2.)
das Firmament zur (3.) Erde.
Durch diese Dreiteilung, die der Dreiteilung der Seele entspricht,
wird der Weg bestimmt, nicht genau durch den Sonnenlauf.
Nord Oattmbtxg -tIko« t«> •kfp^^w»
HrAaoini
ErfJlSS:^!. ''•"
Kounoi
OH lacBi ncdiautü
SOd HailJn
Im Liede ist Osten und Norden nicht ausdrücklich unterschieden,
aber in der Orientierung das System vorau^esetzt, nach welchem das
Zaitachr. f. d. MDKN. mu. Jahff.IT. 1903. Iq
2^0
G. Horrniann, Zwei HyomcB der Thomasakt«
Plcroma im Nord von dem übcrweltlichen Mitteloit gesondert wird: die
Dreiteilung: Erde, Firmament, Himmel zusammen — Kosmos wtetlcilKll
sich im Ganzen im Kosmos-Äther-Pleroma,
I. Die Berge von Hyrkanien (Werqän) = Elburz — Hara berezaiti
mit dem Dumbäwend fand Verf. als Götterberg im Norden vor und vede^e
dahin d«ö Sitz Gottes, als möglichst weit ab von der Sonncnsphare ^
Osten, wie im Buch Henoch 18,7.8, also auf Mittemacht zu: Ebendfir;
thront der Lichtkönig der Mandaer, Brandt, Rel. p. 69. 41 u. s. v. Aber
mm b'egt nicht wie bei diesen das Reich der Finsternis im Süden,
sondern, nach dem Lichtkreis im Osten gerichtet, liegt im Westen die
Erde als Ort der Finsternis == Materie. So Gott Hormizd gegen Teufd
Ahriman = Schlange; Ost: West — Osten: Ägypten. — Das „Firma-
ment" ab Mitte zwischen Himmel und Erde fiel nach Süden = Maisin,
zugleich an's Meer = der Tehöm rabbä der Bibel, dem Himmelsnieei;
Atmosphäre. Auch war in Maisän zur parthischen Zeit die eroüe See-
handelsstadt Forat Perät'' Maisän, gelegen etwas oberhalb des heuüecn
Ba:5ra [= des mittelaherlichcn kXaa« Obolla], diesem gegenüber am linken
Ufer des Schatt e!-'Arab [Euting, Nab. Inschr. 103,3); ^vm ist Obolla oder
Spasinu Charax Vogu^ Nab. Inschr. 54. 6 gemeint, während die Stadt Babel
damals unbedeutend war. Für einen Pcrlenhandler paßte Maisin beson-
ders noch deshalb, weit die Perlen von Bahrain = Mäsmahig [der Name
„Bohnenfisch" bedeutet wohl die Pcrlenschneckc] kamen, also Maisän
dafijr natürlicher Stapelort war. So wurde die Schilderung der baby-
lonischen Kaufmannsstadt, zuletzt Apoc Job 18,12, auf dieses übertragca
Fiel Maisän als Südpunkt in^s Firmament als Mittelort, so fielBaby-
lonien hinein als Sitz der Stemgötter, der Planeten. Diese sind mit den
von Gott abgefallenen „empörerischen Dämonen" v, 50 gemeint Vgl
Hi4,i8, 25,5, zunächst aber auch Apoc Joh 18,2 KoroiKtiTiipiov öqihövujv.
Also Maisän-Babel vertritt den Zodiakus, als Geistergötzenland, Weil
die babylonischen Götzen der Jahwereligion gefährlich waren, treten ^e
in ihrer Wirkung auf die Menschen als Mitbewerber Gottes auf, Gotl
schützt daher vor ihnen seine Religion bezw. Offenbarung, bezw die
Heilige Schrift Apoc Joh 14,6 -= den Brief, mit welcher er die der irdi-
schen Sünde verfallende Seele zur Besinnung .tuf ihren Ursprung und
ihre Aufgabe, das verlassene Reich (die vom Hinmiel gefallene Perie)
d. h. ihr verlassenes Idealwesen wieder 2u gewinnen, erweckt und
der ihr Geleitsbrief auf der Rückreise wird {65 f), durch sein göttliches
Siegel V. 49, das auch Apoc Joh 7,3. 9 die weißgekleideten Frommen
schüttt. Schutz vor den Archonten etc. durch Cippa-pöec ist ailgeaici
:■□
G. Hoffmann, Zwei Hymoen der Thomasaktcn. 29I
in Fistis Sophia. Weil diese Dämonen-Geister ihrer Natur nach mäch'
tiger als menschliche Seelen sind, sind letztere, solange noch jung und
unerfahren, ihnen allein nicht gewachsen (17); darum begleiten die Seele
zwei „Postboten" von der Grenze Maiään's gegen Ost (den Himmel) bis
an die Grenze Ägyptens (der Erde). Nur ähnlich ist es, wenn bei den
Mandäem der nach dem xäTiu Xpicröc ^ovOTevf)c gebildete .Einsame
junge Knabe' Räbja Talja Lehdäjä auf seiner Ltchtmission in der Welt
der Finsternis oder der Paradis-(Perijövis)strÖme von dem Parwänljä
AdakasManä d.h. dem Adam Kasjä, verborgenen A-, geleitet wird: Brandt,
Rel. d. Mand. 30. 56. 37 1. Zeile. Dieser untere Monogenes stammt von einem
höheren, dieser weiterhin von der KrDID^J demlJchtstromtropfen, d. h. dem
Lichtsamen im Leibe derJungfrauMaria;vgl.Iren.adv.haer. 2,19, der Barbelo
verwandt. Auf Erden hat die Seele allein zu kämpfen, (geleitet nur durch
den Oifenbamngsbrief). Die Postboten bleiben als Geister im Geisterreich,
das mit dem Firmament endet, also anders als die beiden Zeugen Christi
Apoc Joh 1 1,3. 8, die Region ihres Lichtgrades nicht überschreitend.
Markiert wird das Firmament in der Geographie dadurch, daß das
Strahlenkleid und der Htmmelspurpur vor Maisan abgelegt und dort an
der Grenze des Himmelreiches wieder angezogen wird. Auf der anderen
Seite ist erst Ägypten als Erde ein deutlicher Wohnsitz von Menschen
-= Ägypter — (in Maisän gab es nur Dämonen) — und durch die
Begebenheiten als gewöhnlicher Aufenthalt der Menschenseelen gekenn-
zeichnet. Vgl. Apoc Joh 11,8. Diese wohnen da nur vorübergehend in
Gasthäusern; vielleicht die Schlange deshalb auch, weil sie als gefallener
Engel angesehen ist, s. Anm. 2 zu v. 21b. Wenn nach v. 12. 13 die
von der Schlange (Sünde) bewachte Perle im Meer in Ägypten sich
befindet, so paßt das Meer i, als natürlicher und ursprünglicher Sitz der
Perle in der Muschel; 2. als Sitz der Seeschlange Am 9,3; 3. leicht als
Emblem Ägyptens am l^iH; 4. als Vertreter der Hyle, als des finstem
Urstoffs des Tehom nach Gen 1,2, woher auch „das Schwarze Wasser"
der Mandäer (Brandt, Rel. 65. 70. 34. 35; Note p. 34). Das Hylemeer
als platonisches Nichtsein, aller Bestimmtheit bar, empfangt seine Ge-
stalten aus der Ideenwelt des Lichts. Sein Wasser gerinnt dadurch,
daß es vom Feuer, das aus dem licht stammt, zu Staub getrocknet
wird, der wie Käselab KWDD wirkt: Brandt, Mand. Rel. p. 35. 53.52,
vgl. Pistis Sophia 43,26.
D*lW*Tß aus D'TJD nach Gen 2,lo Paradieshauptstrom, Paradies-jordan
u. s. w. Brandt, Mand. ReL p. 68,f ; 30. M. Schrift. 138. Das überirdische
Paradies — bei Valentin ein Erzengel, der in der 4ten Sphäre, also in
19«
292 G. Hoffmann, Zwo HrnmcD der Tbomasakten.
der Mitte der 7, wohnt, beißt als Sammelort der Frommen KCtPD tPXü,
d. h. derer voo aufierordentlicher, wunderbarer Wabrhaftigkek. De»
Pleroma an Reinbeit am nächsten, war es der Ort, der bei der %■^
gelung des Pleroma im Chaosraum zuerst gerann: Brandt, Mand. Rd
P- 30; 53. V^ bei den Nestorianern dem irdischen Paradies ak Ort
der Fnsmmen vor der Endzeit, eine Hölle für die Sünder angehängt ist
( Assem. R 0. 3^, 342 f.), so haben die Mandäer ein HöUenparadies, welches
sie auch DIMTTi'O nennen. Für Per mit Anspielung auf HTß (der
höchsten Frucht vom Baum der Erkenntnis), ist lil'O eingesetzt, ^nd,
ats Süd- und Negeriand (vgl. Brandt, M. Ret p. 60), weil das Glut- und
Finstedieim im Süden liegt p. 69 f
kann nicht Surippak des Gilgamesepos sein, weil dieses am wahr-
scheinlichsten an der Mündung des Euphrat in's Meer lag, wo wahr-
scheinlich die Arche vom Stapel gelassen ward. Vgl. Schrader, K.
Bibt. 6,1 p. 23t Z. II und 31; Jensen p.481.
Da es nicht wahrscheinlich ist, daß das Firmament eine andere
geographische Vertretung als Maisän-Babylonien hat und wegen des
Gegensatzes Land Babel und Mauern SarbAg's — sowie, weil im ent-
gegengesetzten Falle die Stadt Babel überhaupt ausfiele, während sie
doch in der Bibel Sitz der Chaldäetgötzen und bis Apoc Jo 18,2 der
unreinen Dämonen ist, vgl. v. 21 N. 2, — liegt die Vermutung am
nächsten, dafi Sarbüg ein Name der Stadt Babel ist. Wenn es v. 69
heißt, dafi der Reisende auf der Rückreise an Sarbug vorbei kam und Babj--
lonJen zu seiner Linken ließ, so bedeutet das, daß die Postroute, der
Landweg, sich auf der westlichen Seite des Euphrat nahe dem Wüsten-
rande — ■ dem Taff der Araber — hält Sarbög kann dabei recht wohl
die Stadt Babel bleiben, in die nicht eingetreten wird, oder Babylonien
bleibt erst südlich von ihr links. .Links' bedeutet aber au&erdem das
psychische Reich Iren. adv. haer. 1,5,1. 6,1. 2,24,6, welches die Seele
hinter sich läßt, um nach rechts, d. h. nach Osten ins Pleroma zu eilen.
Auch AaßOpivÖoc" des griechischen Übersetzers könnte darauf benihn,
daß derselbe Sarbüg auf sj*« deutete und dies nach >«,^a als „Ver-
flechtung, Venvickelung", d. h. Babel als ein Straßenlabyrinth auslegte.
Keineswegs hatte er v^t« gelesen.
Nun hat de Goeje, Bibl. geogr. Arab. 7,162,1 (Ibn Rosteh) darauf
I Vgl. Hymnus der Nuuiener bei Hippel. Phil V 10 (Hilgenfeld KeUerEeKb.
p. 260): t\ }iA4a (Viort) w>»nltv Aaßiptveov icf^Qi ttXwmutiivTi.
G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 293
aufmerksam gemacht, daß die alte Burg von Hamadän wie die von
Ispahän, al-Säruq und die in Ispahin auch Särüje hieb. D. h. nach
Abwurf des mittelpersischen k sprachen die Ferser särü oder särui (wie
röi etc.), die Araber vulgär Särüje, wie Abarqöh, Abarqöje, Karkö,
Karküje s. m. Auszüge aus syr. Akt. pers. Märt 290, wie arab, fem.
sing, ät arabisch äje wird. Marquart, Eränsahr 135. 21 hat jenem Särüq-
Säruje den Namen eines Wartturmes in Kerkük „Sarbüi" und auch das
Sarbug der Thomasakten gleichgesetzt. Wäre das zulässig, so würde
nicht, wie er folgert, Sarbüg in Kerkük Östlich vom Tigris liegen, son-
dern die alte Burg — der Qasr — von Babel zur Partherzeit diesen
appellativen Namen gehabt haben. Aber üi kann zur Sasanidenzeit
schwerlich schon für das dieser Zeit geläufige ük (üg) eingetreten, an-
dererseits in Särüq kaum das b geschwunden sein, während q bewahrt
wurde.* Noch weniger durfte mit diesen Wörtern ein Ort Sruvä, ältere
Lesart Srübäk in Pars (BundaheS 29,14) in Verbindung gebracht werden,
weil dorthin ein Var des Gem verlegt und bei den Späteren der Bau
alter Burgen (Ruinen) auf Gern zurückgeführt wird.
Hält man fest an der Gleichsetzung von Sarbüg mit Stadt Babel,
so könnte dieses Wort ein „pneumatischer Name" Apoc Job 11, 8 für
dieselbe sein — > Karminrot, kökkivov nach Apoc Joh r7,3f. 18,16, wo das
Weib die grobe Babel TTop<pupouv Kai kökxivov bekleidet ist und auf
Oriplov KÖKKivov reitet. Wegen der andern in den Anmerkungen nach-
gewiesenen Berührungen des Liedes mit der Apokalypse Johannis ist
dies wahrscheinlich.
Nämlich >^*av» wäre auf persisch eine regelrechte andere Orthc^aphie
für U*aHe i-üutj n^r-- — ij»^i ^*"j ^'' Bahlul 1685,3, auch l^«^j
1680 Z. 9 nebst anderen Entstellungen 1680,6. 1682,23. 1684,3 Note,
wird von Bar Srösowai übersetzt j»^\ •iyi, Kirmiswumi, anderswo )«^
Kinniz. Aber das ist keine wörtliche Übersetzung, sondern besagt, wie
"^IXf njJ^Wl, die Fart>e Karmin. Da der Wurm durch uamy» vertreten isJ;
muß i*tt3ij auf ein Rot gehen; auch U«a;jB Blaue Fliege (s. u.) beruht
nicht auf Übertragung von dem Tiere Scbildlaus: Coccus ilicis Poloni-
CU3 etc. s. Schlimmer, Terminologie Medico-Pharmaceutique, Teheran
1874. Pers. armen. Karmir: Lagarde, Armen. Studien 1130, Hübsch-
mann, Armen. Gramm. I p. 167 no. 309. Ritter, Erdkunde II,5I0; 10,459.
Lied des Bardaqnänä bei BB 1680,13: J4t«a4^ ««ima 1*» (mkA (so lies:)
^ iftrdq bedeutete etjmolc^ich Tielleiclit ,c«pitoliiun', rgi iroXtuiv icdpriva, Qua.
Hörn, Pen. Et. No. 69a 736, H&bidunann, Annen. Etym. p. 336 No, 572 p, 489 No. 361.
i94
G. Horrmaon, Zw«i HyoincB der Thomasakten.
Wein, der Warminrot aussieht- ^f» gibt nach Vullers das Ferhengi-
Su'öri aus aUmagma* [=• Magma ul-Furs des Surüri] mit der Bedeutung
JU Lak, als rote Farbe und als KlebslofT (Schel-Lak, vgl. VuUers irttO'
j!V) rötliches Gummiharz, infolge von Insektenstichen in Indien auf ficus
rcligiosa u. A., s. Karabacek, Ueber einige Benennungen mittelalterüchö
Gewebe I Wien 1882 p. jsf.
Die wahrscheinlichste Rtjinologie von «^.«k»;.« und ««»ij ist »t«
persisch srub oder srüf, usrub, iisruf •= Blei, vgl. Hörn No. 72S mit dei
Endung ilq (üg); ^ ward j wegen *. Sarbük war darnach Bleihypw-
oxyd d. h. unechter Zinnober wie r;jj»^-» riwdißapi. Die VteldeubgVeü
dieses griechischen Wortes gibt ein Beispiel für die Übertragingen vc«
Stoflhamen. Das ßkioxydrot spielt besonders in der Gewebefarbcra em:
Rolle, wie sein anderer Name Syricum, woraus )lp'TO (v. C6) und pers, »«;-
entstanden, beweist: vgl. Karabacek a. a. O. p. 8. Die Farbe der Bis
Produkte wechselt von Schwarz bis Rotgelb nach den Verbindungen de*
BleieB und dem Grade seiner Erhitzung, s. Hiile, ZDMG 5,240f. Daher iaL
sarhök rot dieselbe von Lagarde, Semitica 1,66 entdeckte Etymokigjc
wie eine grauschwarze, blaugraue Farbe ■= ^3 d. h. kühl cl-hagar, eni-
sprecliend dem pers. *a^y ««j- surme sollte und ,^s^'^ surma'i. in
P"P IpDnDO Targ. Is yi6 vgl. neusyn -j»i*ä P. Sm. 25S6. htvnM
^jjlyCj „Blaue Fliege" im Lexicon Adlerianum ist nach der Beschreibung
im Muhit (Docy, Suppl.) Sarcopiiaga mortuonim L. mit stablbiauem Leib.
lp3"IDD bedeutet also „sie färbten schwarz", obgleich seine VoriafTg, wena
man sie einmal nach der Buchstabenklaubung fa.1sc]t deutet, nnaiJD „säe
schminkten rot" erfordert, wie wirklich die Pesikta ed. Buber 132a (s.
Bacher ZDMG 28,56n) hat: Kip'D3 jrprjf nnpiD rn». Denn KTp» ist
eine Mennigart m (i*ji*o tpOxöc Sap. Salom 13,14 — ISfJff «- «^ xvi J4t;
Mit Mennig wie mit pers. läk schminkte man zwar die Haut (Blümner.
Technologie: 4480,2. 495). aber nicht die Augen; denn an Heilzwecke
wie an das heutige aus Quecksilber abgeJeitete unguentum praecipitatum
flavum et rubrum ist nicht gedacht; Apocjoh 3,r8 ;^U~L. 4«^. (nnpon
D'i'y muß eine Gebärde sein = schielend, mit stechenden Augen an-
sehend).
J^—
G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 295
IV.
Die Hochzeit der Seele.
Act. Ap. ed. Wright «äj»; ed. Bonnet p. 109.
Wenn das Lied auch gnostischen Ursprungs ist, so fn^ sich doch.
wie viel von diesem der ursprüngliche Ausdruck verriet. Die folgenden
Bemerkungen zeigen, daß der Syrer sich weniger gnostisch ausdrückt, als
der griechische Text unterstellt. Dessen Verfasser war Gnostiker und
hat nach seinem Verstände frei übersetzt und ausgelegt Auch kann es
sein, daß Randglossen die Allegonen gnostisch auslegten, richtig oder
falsch. Außerdem verändern erzählende Schriften ihren Ausdruck von
Hand zu Hand leicht.
In der Form treten durchweg parallele Verspaare hervor, VierTciler
lassen sich nicht überall ohne Gewalt herstellen.
Auch gnostisch genommen verträgt die Braut und Hochzeit leichter
die Beziehung auf jede christliche Seele, die Christus sich vermählt, als
auf Achamoth oder die Kirche, außerdem empfiehlt diese Deutung der
Zusammenhang mit der Erzählung. Von ,Weisheif ist in dem LJede nicht
die Rede, da der Schluß nicht zu seinem Gegenstand gehört, nur von
Lichtnatur, Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Erlösung und seligem Leben.
Die Erlösung der Pistis Sophia durch Christus im gleichnamigen Buche
gibt ein recht anderes Bild p. 12. 14. 30. 71. 74. 75.
Thilo's Auslegung zu den Acta S. Thomae 1823, außerdem Lipsius,
die apokryphen Apostelgeschichten 1883 Bd. i sind in den Anmerkungen
vorausgesetzt, ot^leich diese nicht auf ihnen fußen.
)]«i%i 1^ V« w&^ I 'H KÖpT} ToO tpanbc durärtip
ms. ba mL*^ Meine Braut ist eine
Tochter des Lichts.
„Meine" d. h. die ich, Thomas, als
Paranymphe im Sinn habe, — auch
mit Beziehung auf die Erzählung.
4^ i^l l-^j {ft*T 2 $ lv£cn Kcd ^TKCiTm t6 ätraöracfia
— kavaSm Ijvarenö des Avesta. miv ßoaXiuiv
Sie hat den Glorienschein der Könige. G wie oft gibt mehrere Wörter für
Vgl. Iren. adv. haer. 2,19,7. ein syrisches.
«iu v^>^i* •m (i^ 3 t6 TQupöv Kttl imnpirkc TaÜTT|c tö
m. ohne «v, das älter. Qiafia,
Stolz und reizend ist ihr Anblick, tö T^upöv epith. zu diraiiracua alswie
TTfi G. Hoffmaaa, Zwo Ujmmm *
«.{ X&* Hfv* ttf 4 9<b1>(>"> vAXe nxnnfTäZoucB. sc
m. o^ «A^ %^ ^^ lil; ^y- öbosctit.
jsät lauter guter Affoeif
fein undmitlaoterSchöoeges cfaimlrkt ;
aue Kleider g^eicben Knospen, lapnraic d. — Knospen.
^■11.; ^*<M3« .1 11*1 i yi 6 dJiD^opii M cävMnc ££ c^rw* te-
derenGeruchdnf^uiidaiigcoefanibt; Atbotv
D. h. (fie Kleider der Braut habe:
B lum e nmiB ter und cfiesc Baues
duften wie lebend^ weil das Kkad
parfoniiot ist
OL 4a*;A gegen Metrum.
[m. ■ i ^wftS ] . lu.A^ > r*"> v.^ 8 -ntf^oiv T^ tetrroG AfMßpoöq. tdöc i»
auf Quem Scheitel ruht der König oihüv ibpufi£vouc~
und ernährt ihie ,Säule' unten. i^ lovroü Anjtpocigi ist (blscbe) &
(fie ^äule' ist nicht nur die den Kopf Idärui^, pafit znf Wasser nicfat. kaisB
tragende Hals- und Wirbelsäule auf öt; wohl Cfaristis anf Brot —
[1^ wi — a Payne-&mth] mit den Dann Text verdocben? tdüc itt
Beinen, sondern der gan^ übi^ aäiüv bvo^ivouc
Körper. Bei Brandt, Blandäiscbe Re-
li^n p. 36 heißt im Geoza r. 102,10
die staue Körpeisäule KXKSfi Adams
so, bevor die Seele in ihn eintrat
Ev. wäre *.jw'to Jbic Glieder' zu
vermuten.
Denn das Kldderparfiini fuhrt auf
das hier mit .König' gemeinte Salböl
als Vertreter des Pneuma bei der
Konigskronung des Christus, dann
dessdben bei seiner Taufe im Jordan.
Das Chrisma daher bei (unmit^bar
n«:h) der Taufe der Ginostiker (wie in
diesen Akten s,Thilo p. lÖzff. 176. 177)
und der Mandäer (Brandt, ReL p. 103.
Mand. Schriften p. 67. 71) steht wie
bei einigen Biarkosiem (Iren. adv. haer.
f ,3 1 ,4^ u. in Fistis Sophia (Anhänger d.
G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 297
Barbelo) über dem Taufwasser; Pistis
Sophia ed. Schwartze p. 124,22 ßanri-
couaveos unctioneTrveuMaTiKq 183,18.
1 6 xP^cfia irvcu^oTiKdv (d.h. desM£cov-
Äthers) 205,12. 236,1 — 3. Da Christus
(gnostisch oder anders) gemeint ist,
zugleich Brot und Wasser des Lebens,
so kann .ernährt' von ihm wie vom
Ol wohl gesagt werden, zumal geist-
lich, vgl. Pistis Sophia p. 84 f. Bei
der irdischen Braut ist auch an Salböl,
vgl Ps 133,2, gedacht, nicht an einen
Glorienschein=Brautkranz, der schon
Vers 2 da war. Daher ist hier an
den Uchtkranz, den der Elrlöser
Christus der Pistis Sophia 74,13 aufs
Haupt setzt, nicht gedacht. Der jetzige
Syrer las vielleicht «•»•J*»^ und ver-
stand: Christus läßt sich auf dasHaupt
der Mitglieder der Kirche nieder und
nährt mit dem Wasser des Geistes
seine unter ihm stehenden Täuflinge.
KmI^ ^ämvfMiX kann nicht heißen
„die unter ihm weilen" (Lipsius); mög-
lich, wenn auch nicht gut, wäre
At4M^ „den Einwohner der Braut",
nämlich den pneumatischen Licht-
funken, der in jeder Psyche von An-
beginn steckt und durch Hinzutritt
des Lichtes Christi verstärkt und er-
löst wird: So Pistis Sophia 95,30.
36,29. 185,23. 214,19 u. oft;
üLftjp «Ltp lijMt 9 {-pcoTai bi Tttihr^c t^ k£<i>oXQ dX^jOeio,
1^ *A^^ H*f^ 1° xapAv bi Töte iTOclv aÖTfjc ificpalvEL
Sie setzt Wahrhaftigkeit auf ihr Haupt
u.wirbelt die Freude auf in ihren Füßen.
Wie einen Kranz setzt sie sich die
wahre Ericenntnis der christlichen
Religion auf; die Seligkeit derselben
29S G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten.
bewegt ihren Körper bis in die Fuß-
spitzen, an deren Tanz man sieht,
dafi sie sich freut: daher ^^(paEvEt
.macht sichtbar*.
(&AKM ist auch die subjektive Emp-
findung der Wahrheit, wahrhafter
Glaube, Treue, Wahrhaftigkeit, wie
KDüns bei den Mandaem, (s. Brandt,
Rel. S 63. Mand. Schriften p. 6),
gnostisch als Lichtausstrahlung ge-
dacht Moens ist von den Palästinem
her BlB'p — flDK eingeführt neben I(m,
das sie nicht haben. Die Taufl'ormel
der Markosier bei Iren. c. haer. 1,21,3
ßace^o, xciMOCcr], ßaaiavopa, )jiCTa&ia
poua6a Koucra ßaßo90p xaXaxOci darf
man wohl lesen: ßac£M axa)io6 cißa.aia,
vopa vitcrabia, poua ba KOucra ßocpop-
KoXax ecTi vnrü «rt pas moan aisa
Im Namen der Achamoth, tauche
unter! Das Leben, das Licht, welches
ausgeworfen wird, (irpoßaXXöjicvov
ausgestrahlt von oben), der Geist der
Wahrheit möge bei deiner Erlösung
sein! Das Verbum ist auf das letzte
Subjekt f. construiert. — Oder auch:
Tauche unter (du) Lebender, (du)
Ljcht, das ausgestrahlt wird etc.
Der Dialekt ist ein palästinisches
Aramäisch, wie in KBüns K^SlütS der
Ort (von der Erde) entferntester
Wahrheit: ein palästinisches Pual.
.«^ 1]^« .M-t^ «ibvi II fjc t6 CT6(ia dv^ifiKTOi Kai irpcirövriDC
t^I «^ «A>Äl Vi; 12 fehlt griechisch.
Ihr Mund Ist geöffnet, und das steht
ihr wohl an, da sie lauter Loblieder
mit ihm spricht Sie singt lauter heil.
Lieder, keine der ird. HochzeitsUeder.
C. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 299
.tt^i M*«iiAA i^o^iL 13 TpidKovTxi Kat &O0 ctdv oi
«joukt 4a ^(1* ^Aa.&A« 14 TaÖTT]V ÖHVoXoTOÖVTtC
die 12 Apostel des Sohnes und 72 übersetztVers 14. DasAktivist falsch,
crdonnem in ihr 0- ihm, dem Mund).
— Der Syrer verstand vielleicht: die
Worte der Apostel erschallen, durch
den Mund der Kirchenmitglieder
wiederholt Von den 32 des G ist 2
übrig geblieben; denn der Apostel
sind 70: Luc 10,1 Salomon Basr. ed.
Budge p. 113- Die Zahl 32 muß sich
zunächst, wie Thilo schon hervorhob,
auf die Zähne beziehn. Was und wie
mit diesen verglichen wurde, ist nicht
mehr auszumachen. Da U^ Fem. ist,
so deutet der pl. m. beim Syrer wie .
Gr. auf ein masc. Subjekt, welches
die Äonen gewesen sein könnten.
Denn bei den Valentinianern tritt zu
den 30 Äonen des Pleroma noch
Christos und das Hagion pneuma als
MeTOTevccT^pa iiStv Aiifavwv T^vtac
(Iren. c. haer. 1,3,1. 2,19,9. 1.2.S vgL
HilgenfeldKetzergesch.35if.) zusam-
men 32. Abo z. B.:
Ufii iÄ^ **jf» BeiBrandt,MandSchriftenp.l7LZ.;
^;tA^] ^jU ^^.1 p. 57: Die Könige der ,Lichterde' sind
„in ihren Zähnen ertönen 32 reine voll«: Lobpreis und stehn und preisen
Äonen", denn die Loblieder ema- den Ochtkönig Klirui Kp^ — ^ ff)
nieren aus ihnen, so in Pistis Sophia toO <P(Ut6c Pistis Sophia 119,12fr. 24
wie bei Manichäem der ctOXoc xflc = erjcaupöc toO (purröc (121,2) 120,1
l)ö£r]C. niedriger als der TÖitoc KX^povo^lac —
.^■^ kAftt «Ui. 15 /fc ^ TXü>TTa irapaTrerdcfum Eoitccv
Tf)c 6tipac
Jt«i "^t)-* ^tf*t ^^ ^ ^KTiväccerm toTc etaoOav.
Ihre Zunge ist der Vorhang der Tür, Zu lesen Upotc fiir toTc?
den der Priester aufhebt und eintritt
Vers 16 folgt Hebr 9,7. 12. 26. 28.
6,19 vgl. Marc 15,38. Christus hebt
300 G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten.
das KOTan^Taciia zum Allerheiligsten
empor. In Pisüs Sophia werden alle
Räume des Lichtes abgestufter Rein-
heit durch KOTaTTeTdcMaTa vor den
tnjXai geschieden, die von außen und
unten gesehen, wie hylisch trübende
Brillen wirken (ii7^9fF.), welche die
zu ihrem Ursprung zurückstrebende
Seele der Menschen, der Pistis Sophia
u.s.w.,durchLobprei5ungen, die durch
die Namen des höchsten Lichtes, die
sie enthalten, läuternde Kraft haben
(Pi5tisSophia36,ic^ d.h.) durchdringt,
sofern ihr Licht die Klarheit hinter
dem höheren xarair^Tacfia erreicht
Pistis Sophia 16,20.24. 30,26. 3i,i8f.
36,10. Es singt auch ^ &üva^ic ciXi-
Kpivf)c ToO qxjJTÖc 74,25. Die Zunge
prüft die Speisen, die TpoqKtc k6c)xou
auf ihren Lichtgehalt: sie scheidet
zwischen geistigem und stoßlichem
Brot, also die Lichtgrade wie der
Türvorhang. „Vorhang" als Ucht-
scheides.Brandt,Mand.Re].53 Mitte.
„^^ ,-sjf? *Vf» 17 ?ic 6 aüx^v ek tOtiov ßae^üiv ericcrrai
uawia Jwjf |«itjt 18 <&v 6 irpi&Toc brifiioupTÖc iftimtoäp-
m. Hirf. Tn«v.
Ihr Nacken (Wirbelsäule) ist ein iltv, der Sing, im Syr. geht auf die
Stufenbau, den der erste Baumeister Treppe Kord cirveav.
gebaut hat
Die Kirchengemeinde OeoO (als des
ersten Baumeisters)o(KOtioHi^ iKor3,9.
14,5. 12 Paulus wie jedes Mitglied
sonst ist wie äpxniKJutv rKor3,iOi
der gemeinsame Grund Christus.
DenHals reckt jede Christin himmel-
wärts empor, höher, immer höher. Jede
gelangt nur stufenweise die Licht-
treppe aufwärts, nicht nurdie Weisheit
G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 301
^««lit ^ 4uf:i 19 ai bk biio aiiTf\c x^'P^^
ms. ohne ^i.
J^ASf 4*1 '{i? 20 oifiaivouav Kai {nroftöKVÜouav töv
Ihre beiden Hände aber verkünden x^J'Jpov TiJbv EÖbal^6vulv aiU)vu)V xr]-
den Ort der Lebendigen. pöccovrec.
„verkünden" — KTipöccovrec scheint ms. töv xopöv.
ursprünglich. Der Grieche erläutert Bei xopöv dachte G. an die Freu-
„zeigen an und stellen dar", also wie dentänze der Seligen, vgl. 45b und
V. 15. 17. Die Hände sprechen aus den «^ro ^^Kp, ihren gedanken-
was sie bedeuten; nicht als Gebärde: schnellen Reigen, Brandt, Mand.
.weisen empor zu', nicht v>*^ oder Schrift. 17. 20.
^«mm; sondern nach Vers 21, nämlich
■= die guten Werke beider Hände be-
deuten das ewige Leben der Christin:
Öcfouc X£<pac I Tim 2,8; vgl. Jac 4,8.
Act 2,23. Besonders Matth 18,8. Also
die Hände erwerben den Himmel
wie die Finger v, 21.
1x3^ ULI, so katholisch wie gnostisch
für die KXnpovo^Ea toO XpicroO. Alib-
VU)V ist falsche Auslegung und x^pov
«it^|, ILfip^i; 21 ol bi bäKTuXoi aön)c
ms. dA&^ «xu.» gegen Metrum.
t^>^ oder 4& iJJijf txjw ^i 22 rdc frOXac Tfjc it6Xeu)C (irroirvOovav
m. h£V» jUaui t^(L oder dvoiTvöouav.
IVitPi für jDk* einzusetzen ist nicht ms. falsch fnrobctKViJOuav aus 20.
grade nötig, aber neben dem li-t l»U Die Finger tun gute Werke. Tfjc
paßt tP^n nwno mit ihrem König nöXtuic ist vielleicht unurspriingliche
(des Lichts) Brandy Mand. ReL § 20. Auslegung des gnostischen Griechen.
Mand. Schriften 9. 11. 12. 13. 16.
Die Vorstellung nach Matth S>35> a1>
gesehen von Apoc Joh. TT6X1C in
Pistis Sophia, synonym mit xXripovo-
lila, in derMitte des höchsten Pleroma-.
36, 19 — 21 TÖTCOC KXTlpovo^(ac ad instar
nöXcutc 126,24 vgl. mjXTi Ztuflc 183,21.
Die zwei Verse 21 22 überschreiten
aber die vierzeilige Strophe (s. Lipsius).
(Es g^nge: «.^ i^£* *<^] bezw.
302 G, Hoffmano, Zwei Hymnen der Thomasakten.
IKi-jj»), aber auch 23 — 27 änd Fünf-
zeiler.
•V t'4} <Mt«.t>»9 23 rjc TtacTÖc (pwTcivoc,
m. ohne •*; t^^aM unnötig.
Ihr Brautgemach ist helle —
wie das irdische von Kerzenlicht oder
FäCiCClQ
|3^ fiii*^i Uui* 24 diTOcpopäv ärroßaXcä^ou Kai TtctVTÖc
und vom Duft der Erlösung erfüllt. dpit)fxaToc bmirv^iuv
>L«i«a, auch ein gnostischer Begriff s. m. dnö ßoXcdfxou. Er las kaum
zu V. 10 p. 298. Ursprünglichere Les- h*»!««!!. xal iravTÖc verrät sich ab
art als die Worte des Griechen, die Ausdeutung von $», nach der Art
der Symbolik ermangeln, und im in den folgenden Versen.
Einklang mit der Art der späteren
Verse wie der früheren, auch bei
G. 9. la II.
vfkA m^^ iJn*» 25 dvabtboOc TC öcfii^v fibeiav
m. *a^ falsch. G. faßte ian^ als Rauchwerk [aus
Weihrauch ist in seiner Mitte auf- irupetov entstanden, fi wegen tt] und
gestellt verstand «# ^.
ti«t>L4« l^%i> 26 cfiOpvTic TC Kai (pOXXou
(bestehend) aus Liebe und Glauben Das A.T. und N.T. tnsondeiiieit
Schon wegen i Kor 13,13 sind Christus legen Wert auf Wohlgerüche
Glaube, Liebe, Hoffnung auch gnos- (xpicfia), welche auch die westlichen
tisch Iren. adv. haeres 1,1,2 Hilgen- Gnostiker nach ihrem dualistischen
feld, Ketzerg. p. 310 Note 523. Vgl. Schema aus dem Licht ableiten und
Brandt, Mand. Rel. § 34,1 u. a. dem hylischen Gestank gegenüber-
stellen: Thilo p. 141. Pistis Sophia
211,10. Je mehr ostwärts nach Persien
hin, desto mehr: vgl. ,Duft des Lichts
riechen' und vieles andere. Brandt,
Mandiüsche Schriften p. 113. ii4f.
p.22,6; 18,4. G. — vielleicht nicht der
Übersetzer, sondern der spätere Be-
arbeiter — finden Gefallen daran, sich
diehimmlischeBrautkammeretwa wie
eine gnostische (markosische: Iren.
1,21,3 vgl. 1,13,3; 1,21^ VUMqxüv)
Kirche oder sinnlich wie eine ir-
dische Brautkammer auszumalen.
G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasalcten. 303
)>^aM \i^f liAmm 2/ Kol ävO^tuv TTafiTiöXXuiv f|6uTrvöiuv,
ms. nur V«ji.; oder L «^i^. (abhängig von öcfiriv 25). Var. D.
und (aus) Hoffnung, und macht dvO^wv Ti(!i)inoXXa ^büirvoa. Tia^7i6X-
alles (das ganze Giemach) wohl- Xuiv^6uiTVÖujventsprangaus)k^:^Vt
riechend. wollte man nach G. syrisch über-
G. verstand ttaa als h^ wofür setzen 26 und hier z. B. «^^^ '^4^*
l#aA geschrieben steht in: Al}ikarby ^«oaM schreiben, träfe dies seine
Conybeare i8g8 p. A. Note. Worte nicht
li^ ^ y.^» «^ ^ 28 6ir£cTpwvT0 bi ivröc Mupcfvai,
ms. «»9 om. ms. v. 28 vor v. 27.
^:^^ tB.««ia ^**^H ^9 ait>iKXidabEc£vKaXii^otcKeK6cfiiiVTai.
ms. ««A.1I auf die Braut m. KXetcrdbEC etc., Thilo icXiciäbcc
Drinnen ist Wahrheit in ihm aus- Inwendig aber sind ausgestreut
gestreut; seine Türen sind mit Wahr- Myrthenzweige, die Pforten sind mit
haftigkeit geschmückt Schilfrohr geschmückt
Der Syrer denkt folgerichtig fiir pupcEvai wie KäXo^oi schmücken
seine Braut Christi in spe d. h. jede wie ein irdisches Brautgemach : ein
Christin an die himmlische Braut- i^j y * » *« » «^ « lag nicht vor.
kammer, gnostlsch wie katholisch. S. zu 24. Auch hat Übersetzer nicht
H dvui ^KicXricEa paßt auch. antlkÄwildeMandeloderdasRäucher-
harz {>>*«« gedacht; obgleich Gott-
Vater auch als Mandelbaum vorge-
stellt wird, aus dem der Sohn Mandel
entspringt Hippol. Phil. V 9 p. 117.
Hilgenfeld, Ketzergesch. p. 254 Note
415. — Vgl. Acta Thom p. 107,11.
Thomas KXäbov bi KoXdfiou £Xaßev
iy tQ x^'P' aÜTOu xai kotcixcv. An-
drerseits Apocjo i 1,1 Rohmießstab.
41^ vVf** ^'i*-^*** 30 ircpiccTotxiCM^vriv bk aOiriv ^x^iJciv
Ihre Brautführer umgeben sie, oi laünic vupcpioi.
Kf^i v*^{ v.«4^ 31 Doppelübersetzung: i. (Ipv 6 äptSMäc
alle die sie geladen hat ?ß&on6c ^cxiv ™ „alle welche sie 7
NachMatth22,io. „Geladen" deutet zählte"-» Aii>r, im Stile der Anhänger
nicht notwendig auf die Kirche oder des Markos luid der Barbelo (Pistis
Achamoth — Einlader im gebtlichen Sophia). 2. >>jm) gOc aOrf) ÜiXi^axo.
Sinne ist Christus, aber auch die Füh- DieSiebennebendenZwölfenfUeflcn
rer des Bräutigams werden der Braut zuletzt aus Act 6,3. 21,8, werden bei
zugeschrieben — sondern geht bildlich den Gnostikem als Planeten und
3Q4
G. Hoffmann. Zwei Hymnen der TIiomasaktCD.
airf eine jede Christenseele, die sich
von Jesu Jungem u. s. w. leiten lälit,
auch gnostisch.
in>+IKAf*« gegen Metrum.
,^^^j^ U^«^ duAf« 33
und ihre Brautj'ungfrauen [mit ihnen,
oder dgl.] sprechen (*= singen "lOK)
vor ihr Lobpreis.
Vor Ihr dienen Lebendige
und schauen aus, dab ihr Bräutigam
komme.
Nach Matth35, 1.6 Vor ihren Augen
leben nach ihrem Beispiel geistlich
die Mitchristinnen der reiferen {früher
verheirateten, vollendeten) Christen-
seele und hoffen auch auf ihre Hoch-
zeit. Nach der Lehre der Valenti-
nianer werden die Seelen mit dem
geistlichen Samen der Achamoth auf
der Hochzeit der A, mit dem Heiland
an Engel des Heilands verheiratet.
Zodia nicht bloß im Sterconoa-Hei-
marmene gefunden, sondern haben
auch noch platonische Idealbilder in
den reineren Uchträumen: dem M^
cov (Äther) und dem Pleroma etc.
(Pistis Sophia). Die zvrölf Jüngcf
Jesu haben ihr Urbild im Äther-
Mifcov bei der TiapQ^voc toO fpurröc
(entsprechend der Jungfrau-Gottes-
mutter) als deren 12 Diakone und
dieselbe hat 7 napö^voi toG ipuiiöc
als Dienerinnen der Vorsteherin der
Mitte- Lichttaufe: Pistis Sophia 1 23,26;
30. 136.7. 183.14, 205.
a\ H TaüTTic TTapdvun^oi cfciv hrti
(nach V. 3 t).
al i^npocöev aürfic xopcüouctv.
Reigen tanzen = in Chören singen,
aitgriechisch. ist eine Verwelthchung
von G,, er las nicht \^^J^•' u. d^
IuhdcKa bi Etav t6v dpiOpöv o! ln-
irpocötv avTf\c ömipeToüvTec Kai aOrfl
ÜnOKCIMEVOI,
Letzteres Doppelübersetzung, oder
wenn mit R Kui aCirfl önoM^voua zu
lesen ist. aus 35.
TÖv CKOTTÖv Kai tö Qiafia (doppeklj
de TÖV vuM<pEov IXOVTEC,
Auch G nimmt seinen Standpunlrt,
wie S in der Zeit dieses Lebens und
sieht auf die cuvr^Xeia täv aiÜJVUfv
Pistis Sophia 120,31. 121^. Daher
passen seine 7 und i2 niciit als
Vertreter zu bekehrender Planeten
und Stembilderarchonten. Denn wa-
rum sollten die 7 als ulol toö vwji-
q>ÜLivoc den Vortritt vor den t2 haben?
Denkt man aber die 7 im Pleroma,
SD langt der von unten komxnende
6. la, tif^y
G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 305
Iren. adv. haer. 1,7,1. 5. Das paßt bekehrende Christos beiihnen später
hier nicht an als bei den Planeten. Vielmehr hat
G den Unterschied des S. zwischen
Brautrdhrem und gewöhnlichen Chris-
ten übersehen.
•^%« -^ <^«, damit sie durch seine G las vielleicht «f l^a ,durch seinen
Herriichkeit erleuchtet werden Anblick', oder «««la (v. 3), aber
■ n la^a :» ist nach Apoc. 18,1.21,23 S^
«tM^ «il^AA» ^ 37 KQi €lc Töv alüva ciiv auT^ €covTai
ms. U%j!kJBa t^vau*.
Iji^ I )i^^f 38 €tc ^Kcivriv -rilv x^P^v ti^v otdiviov
[ras. + ». *m&a] G «U^ nach Matth 25,23, aber
und in sein Königreich mit ihm ge- ewige Freude ist nicht biblisch; nur
langen, das niemals vergeht; weil xopA—ßaaXda vorausgesetzt ist.
Nach 2Petri 1,1 1. Hebr 12,28.
*l^j ttviUMa ^*«j« 39 kqI Scovrai £v Tilt -r&t^ni hcdv^i
ms. UA«la fraglich; •j&iioc N.T. nur T(i^4'> G Verweltlichung?
bildlich. — «^] unwahrscheinlich.
„cfiti |a.t? Vi 40 £v if) ot ^cTicrdvec cuvaOpoiZovrcn,
I ms. y«i S ». 2 ms. ^ . *«*«». fiCTictävcc Verweltlichung, nicht
und zu dem Feste gelangen, wo- f&w, was allenfalls auf die Äonen,
hin alle Gerechten zusammen kommen nicht auf menschliche KXnpovö^oi
werden pa&t Vgl. aiilfvioi 41.
dvdcraac IiiKaiwv Luk 14,14 rä
iiKaubfiara tiSiv dTiuJV Apoc 19,8.
So konnte auch ein Gnostiker sagen,
wenn auch die Gnoäs der Gerechtig-
keit vorangeht: Pistis Sophia I37f.
219,30. 221,4. Dagegen 165^
Im^9^ <^*«j* 41 Kfll TiapaftevoOav tQ eOiuxIqt
und in 6ie Wonne gelangen,
v>^U. IfCjX ^} 42 ^c ol attüvioi xaToEioOvTCU.
inwelchesieeinzebieintretenwerden; aidjvtoi }i^a.^«ia> ol KaToSttuO^vrec
Der Grundsatz Matth 16,27 u. s.w., toO a{(i>voc iKCtvouLuk 20,35. ^Thess
daß jede Seele einzeln gerichtet wird 1,5. G's freie Erinnerung, ohne so
und daß die IndividuaÜtat im Pleroma tu lesen. G erkennt hier das Gericht
bleibt, ist auch gnostisch: Pistis Sophia an, welches nicht alle ^ETicrdvec
124,3a 125,12. I28,i6f. 129,2. 146. bestehn.
£«iiichr. t d. DMiut. Wim, Jahre. IV. 1903. ao
^1 206 G. Hoffmann, Zwei Hymnen der ThomasaklCD. ^^|
^H 147.24 Persönlichkeit nach ilirem
^H Horoskop verschieden 217.
KOI h/bicovrai ßaciXiicii ^vöüiiara
^H i^M^T L^ftit sp^A^^« 44
KCil äfj(pi(ScovTai CToXäc X.a^TTp(ic.
^H m. Ij^oju .^m^B^«.
versetzt (ur
^H und (damit sie) Lichtanzuge an-
Kol ^vöücoVTai Evtiüfjara Xapnpä
^H ziehen und di<& Hen-lichkeit ihres
KCl dufpiöcovTtti cTOÄöc ßaciXmöc
^H Heim umleg;en
^H Doxahtiile ist gnostischcr, als was
machende Plural zeigt die Oberfläch-
^H G hat, nicht im N.T., nur b6Er]C
lichkeit von G: «r»i tAoSy Brandt,
^P CT*(pavov iPet 54- Heb 2,7.9. Vgl,
Rel. d. Mand. 220.
^H £v5ücac6ai &<pQapciav 1X0115,53. Zu
^H .HerT" vgL G Vers 47.
Kol iv x^P? i'^' äToA^Aidcci ^covroi
^M 14, i^ll ■»^.A.M 45
ÖM<PÖT£poi, Kai boEäcouci töv wot^
^H ms,
TÜ>V ÖXUJV
^H (und) den lebendigen V^ter preisen,
Luk :.i3, Matth 5,12- 1 Petf 4.13;
^^1 joh6,57.
Apoc 19,7 xcHpLUMtv Kai ötqAJii-
UIMEV KCll &UJCOMEV T^v &6£av
aÜTifi (vgl. hier Vers 46) 5ti flXöev
6 f&iioc ToO (Spvfou Kx\. Wenn ..und
in Freude und Jubel sein werden".
nämlich die Seelen-Bräute ChrisO,
echt iat, so nicht d^fpörepov die 7 und
die 12, V. 31.34, denen bei S. Braut-
führer und Lebendige entsprächen.
dpcpÖTCpot Christus und seine Bräutc^
Aber Christus kann hier nicht mit-
gemeint sein, weU nur die Seelen-
bräute -= Christen danken können
mit der Begründung von 47. 4S. 46.
^^^^^^^V .i^ti^ )ja,U aWi 4Ö
oü TÖ «pwc TÖ TOÖpov £&££aVTö
^^^^^^^B 9^«^r «>^[^ »t^* 47
Ktti i<puiTicericav iv t^ Qkcf loö it-
^V weil sie das prachtige Licht ecnpfan-
cirÖTOu aitjujv,
^H g^en haben
H(f tfiM»} schlecht. ^^M
^H und erleuchtet worden sind durch
■
^^^ den Abgl2.nz ihres Herrn
■
^^^^H Mmii^ ^ *^^" 4^
ou TTlv dußpodav ßpüJav iW^avro 1
^^^^^ ms. •lA.Af
J
h "- — —J
G. Hoffmans, Zwei Hymnen der Thomasakten. 30/
ms. )■•&>)• «. d^ßpodav ausschmückend: ,gar
und empfangen haben seine Nahrung, keine' statt .niemals' ist falsch über-
die niemals einen Abgang hat; setzt
lAiioa eigentlich Versoigung, x»-
pTiT^a, Provision. 'Artouda — Excre-
ment hat Ephraem vielleicht der
Gnosis des Bardaisän entlehnt; denn
der Begriff schlägt in die Lehre von
den hylischen faeces des Lichts,
«n^'ayi «n'W? Brandt, Mand. Relig.
p. 65,3 zu JAA# JjAJ? Nach Valen-
tinus bei Qemens Alex. Strom. 3,7,59
p. 538 = Hilgenfeld, Ketzergesch. p.
297 : Iricoöc . . . *ic9iev Kai Jmev i^(^uc,
oÖK dnoftiboCic Tä ßpdjpaTa. Denn
Joh6,27: nurTfjv ßpüiciv dnoXXu^ivtiv
gegenüber ficvoucav. Auf dies Bleiben
bezieht sich das zeitliche jrt&j« vgl.
Joh 3,5 ff. Weil ein Teil der einge-
nommenen Nahrung abgeht, so hält
sie nicht vor und man hungert wie-
der: oö ^f\ ntivdci] Joh ^35. Apoc
7,16. Luk6,2i.
i££ ^ «^V*!; 50 Cmov 6£ xal imb oTvou
.9^ rfA^» «:*A<AA {i 5I TOO y,t\ bttpOV oOtoTC TTap^XOVTOC Mit
vgL G fii^ — aÜTotc ms. + ^-ujä-^S^ hnöu^iav.
und (weil) sie vom lebendigen ofvou sagt G vielleicht, weil er Um
(Wasser) getrunken haben, das sie nicht als Wasser, sondern als Leben
nicht lechzen und dursten macht verstand und dafür ein poetisches
« ist durch 48 und G drrd ge- Bild herstellen wollte, wenn er nicht
sichert, vgl Ö nivurv £k toO Cöaroc etwa 48 ff. auf die Eucharistie bezog,
Joh 4,13. 14. Sonst liegt Ls« iJäa nahe, von der nicht die Rede ist G konnte
obgleich ia« fehlen kann. Zu 51 vgl. an den Hochzeitswein, bezw. den
Joh 4,14 oö nf[ büff\au 6,35- Apoc neuen den Jüngern versprochenen
21,6. Wein denken Matth 26,29. Marc 14,25.
Luk22,i7. Mit Wein löscht man wohl
(Ue Lust, aber nicht den Durst: 51.
t^ U| «u^ 52 ^t)6£acav bi Kai Dfivncav cöv ti^
ms. ««»«• und \^i Ip«. ZuLtVTi nveO^a-n töv
ao*
G. Hoffraann, Zwei Hvmncn ätt Thomaaatxat.
l!f!-* 'rt* 53
ms.
ms. «fi*'*.
Preiset den Vater den Herrn und
den eingeborenen Sohn und danket
dem Geiste als seiner Weisheit
Das Lied schlJcüt mit einer litur-
gischen Doxologie. Denn seit v, 35
hängen die Iinp«rfekta der Endzeit
vom Warten der Anwärter der Selig-
keit ab, inabesondere v. 45 der zu-
künftige Lobgesang im Himmel, wel-
cher dankt fiir die Perfekta 46 — 50.
also müßten 52—54 entweder im
Konjunktiv oder, wenn Indikativ, im
Präsens stehen wie zuletzt 34. 35.
Der Grieche Tand ^i*f* schon vor.
ictrr^pa Tf)c dXr|9efoc tca) Tftv t'^r\Hpa
TTJc cocpiac.
Wie schon ffie Zusanunenlegut^
von ibblactrt icai C^VTjcav zeigt, ist
auf G kein Verlal^. Wegen Um
oiu&te allerdings ein ändernder S>tct
. dahinter weglassen, denn irvtöpa
coipfac Eph I.i/Isaias 11,2 vgL Act
6,3. — Lsik 1149. iKor 1.24. IM
ist vom Geiste als 3 tcr Person ver-
schieden, aber G kann doch •]•'•
llj^i^ 1»! vorgefunden haben, wie
auch tii» l^f. Zu Ti^v ^rjT^pa Tf)c
coqiiac vgl. cotpio eurÖTTip BapßnXoC,
der großen Kraft des unsichtbaren
Gottes; PistisSophia225.29 vgl 30^5.
und Thilo und Lipsius. — cüv Ttji
CüJVTi irveÜMait, als drittes Objekt,
etwa: f^M Ll»^ tp^]*^«. Wenn der
gleichen stand, warum hätte es Syrer
verändern soUen? Oder — ^ erfüllt
vom lebenden Geiste, mit Hib'e des.,
preiset: ähnlich oft in Pistis 5ophta
36,30. 103,8. Der Geist ist bei den
Gnostikem selten individuell, weit
häufiger die Bewegung des Offen-
baruTigslichtes. Woher der Ausdruck
TÖ Ciiiv TTVtOna? Im N.T. heilet tö
TTVtu^a Tfjc iujfjc (Rom 8.2. Apoc Job
11,11) ZtuOTioioOv Joh 6,63, sofern er
fniiiata t- Ttviö^a koI lwr\ vertritt.
Man sagt XoTift £«jvt« Act 7.58 und
Zöiv 6 XÖTOC Toö Ö€oO Heb 4,12. T6
Ziüv TTVeuji« folgt entweder letzterer
Analogie oder^ als der Mutter beider,
dem aramäischen Gebrauch, wontach
IWL lebendige = Lebengebende (Heb-
amme) ist. Aphraates —,1, 1 f.,^*«
G. HoffmaDD, Zwei Hymnen der Tbomasakten. 309
Ass. Bibl. or. 1,238 Um i.H«t. Aus
dem aramäischen Westen haben die
Manichäer (Archel. et Manet disp.
C. vii ed. Routh, Rel. sacr. 1818. 4
p. 155 vgl. Thilo Act Thom p. iji)
den Ausdruck entlehnt. Der gute
Vater sendet dem Ersten Menschen,
als er im Kampf mit den Ar-
chonten der Finsternis zu erliegen
droht, als eine zweite Emanation tö
löiv irveOjiO, welches jenem dieRechte
gab und ihn aus der Finsternis empor-
trug; darnach ordnete er die Welt
im guten Sinne. Ruh al-hajät, F"ihrist
329,29. 31. Das scheint in höherer
Potenz der Geist, der sich bei der
Taufe auf Christus herabgelassen,
durch den Christus weiter wirict. Für
die Person dieses Geistes spricht
vielleicht die Voranstellung von Mv
wie in 6 Mv nttTf\p Joh 6,57 (anders
Rom 7,2). Dann könnte er im Ijede
des Thomas doch den Sohn vertreten.
Vgl. sonst Thilo und Lipstus.
lAbfiehlonoi ■m »j. Mar. igoj]-
Die Blass'sche Hypothese und die Textgeschichte.
Von W. Bnut in H&rslcirchcn {Eliäl^J.
Im Jalirc 1894 hat Friedricli Blaß eine Hypothese aufgestellt, welche
das vieldiskuticrtc Verhältnis zwischen den bisher in der Textkritik allda
niaßgebendea orientalischen Codd. (kAB) und der im sog. westwa
text (D, d. flor. syi* gig. min 137. sahid etc.) erstandenen occidentalischea
und aJtorientalischen Textgestalt am Hauptdiflerenzpunkt, der Apostel-
geschichte, endgiiltig erklaren sollte. Qlal^ meinte, das Geheimnb der
Textverschied&ßhcit zwischen dem western text oder ß und dem Ma-
juskeltext oder (t ergründet zu haben mit der These, ß verliielte sich m
a wie die weitschweifigere stilistisch mangelhaftere Kladde zu der
knapper gefaßten stilistisch gefeilten Reinschrift desselben Werkes durch
denselben Verfasser. Da aber an der Wiege der neuen Hypothese nicht
nur die wiäsenscliaftUche Erkenntnis verschiedener Textge-Stalten, sondern
auch theologisch reaktionäres Interesse als Fathe gestanden hat, so
glaubte Blaß, in derselben vornehmlich auf Gmnd der Text Verschieden-
heit in 11, 27.28 einen Beweis für die von der modernen Theologe
bestrittene Abfassung der Apostelgeschichte durch den PauJusschüler
Lukas gefunden zu haben. Von der Apostelgeschichte hat Bla& seine
Forschungen auch auf das Lukasevangelium ausgedehnt und dort das-
selbe Verhältnis nur in umgekehrter Form festgestellt, insofern der a-Text
des EvangeEium die Kladde, der p-Text die^Reinschrift des Lukas biete.
Doch erhielt hier gleich anfangs seine Hypothese eine Einschränkung.
Denn der Textbestand enthüllte an Stellen wie 22, 43.44: 23, 17. 34a
Differenzen zwischen B und den übrigen a-Zeugen und ebenso 24, 51
zwischen M und a, die den Text von B und K als einen nach ß diver-
gierenden erscheinen lassen. Deshalb hatte Blaß schon früh den Text
der besten a-Zeugen B und (* als allerdings der Grundschrift am nächsten
stehende aber abkürzende Abschrift gelten lassen. Aber auch für die
Apostelgeschichte ist er zu dem Zugeständnis gedrängt worden, daß B
^^
W. Ernst, Die Blaß'sche Hypothese und die Textgeschichte. 31I
und a nur als zwei Abschriften der dahinter liegenden Gnindfonn zu
betrachten seien. Bei einer Kritik der Blaü'schen Hypothese wird es
sich also nicht mehr um ß und- a als Kladde und Reinschrift handeln,
sondern um das textkritische und vor allem textgeschichtliche Verhältnis
der beiden Textfonnen a und ß. Dagegen aber wird jede Auseinander-
setzung mit Blaß über diese Frage trotz alles sonstigen Schwankens
folgende Funkte bei ihm als feststehend ansehen müssen:
1. Die hinter ß und a zurückliegende Grundschrift hat den Paulus-
schüler Lukas zum Verfasser auf Grund von ll, 27. 28.
2. a und ß sind wahrscheinlich von Lukas selbst hei^estellte Ab-
schriften, mindestens aber direkte Weiterentwicklung der Grundschrift
durch genauere oder ungenauere Abschrift.
3. Deshalb sind a und ß zwei in dch geschlossene, aus den Etnzel-
zeugen herstellbare Textformen, die uns einen Rückschluß gestatten auf
die Grundform.
4. Von den beiden Abschriften ist für die Apostelgeschichte ß die
ältere genauere, a die jüngere ungenauere, für das Evangelium Lucae
umgekehrt a die ältere genauere, ß die jüngere ungenauere.
Als erste Frage wollen wir uns deshalb vorlegen: Sind die Schlüsse,
die Blaß aus Act 11, 2/. 28 für die Autorschaft des Lukas zieht, be-
rechtigt? Das „wir" in 1 1, 27. 28 (cuvccrpa^^^vuiv ti^ ^^lüv) kann bloß
Lukas nach Blaß' Meinung geschrieben haben. Einem spätem Autor
könnte eine solche historische Feinheit, selbst wenn er die Tatsache
antiochenischer Abstammung des Lukas kannte und sein Werk künstlich
ab Werk des Paulusschülers Lukas ausgeben wollte, nicht ztJ^etraut
werden. Aber das „wir" braucht ja gar nicht als Finesse eines Späteren
gefaßt zu werden, wie man das „wir" in den Wirstücken auch nicht als
solche betrachten wird. So gut wie dort kann auch 1 1, 27. 28 das „wir",
wie es schon genannt worden ist, eine „Quellenspur" aus dem Tagebuch
des Lukas sein. Sie kann vom späteren Redaktor der Apostelgeschichte
bei der Niederschrift aufgenommen, später aber samt dem Satzteil in
dem sie stand, ausgestoßen worden sein. Jedenfalls ergibt sich, selbst
die Echtheit und Ursprunglichkeit von 11, 27.28 in der ß-Form an-
genommen, aus dieser Stelle nur für den Paulusgenossen und Verfasser
des Wirberichts Lukas, daß er Antiochener war und sein Tagebuch bis
in jene Zeit zurückreichte, niemals aber ein Anhalt dafür, daß derselbe
Lukas Autor der uns vorliegenden Apostelgeschichte war. Außerdem
aber hat Hamack den ß-Text von it, 27. 28 angegriffen, fjv bi TZo\\i\
dToXXIacic als einen der vielfach vorkommenden und für ß charakteristi-
3W
sehen auspiaknden Zusatz«, das „wir' als dem ZiisAmnu^ihange frood
nachgewiesen. Und wenn nian auch Hamacks Vefxmitung nicht billigt
dab das ^^lüv aus aÜTÜv entstanden sei, &o läit eS sich um so bcsscf
aus einem iiaeT]Twv erklären. Es ist deshaU> nicht ratlich, auf tt-, 27. Ü
einen solch weiltragenden Schluß zu bauen. Das Gldcbc gilt von ein-
wandrreien guten Notizen und Daten, die sich in ß finden wie 19, 9;
20, 15; 12, 10. Auch sie können bestenfalls nur aus dem Tagebuch
des Luka^ entnommene (bei 12, to ist das sc^ar recht zweifelbart)
Daten sein.
Nun kämen wir zur zweiten Frage: Können die beiden Tcxtfonnen
ci und ß als zwei direkte Abschriften derselben Grundfoem gedacht werdea?
oder in andern Worten: Lassen sich die EigentünJichkciten des ß-Textcs
mit dem übrigen (a) Text sprachlich und sachlich vereinigen? BlaC hat
diese Annahme zu beweisen gesucht durch die Identität des Sprach-
gebrauchs und des Sinnes. Corssen und Gercke haben dagegen Identität
des Sprachgebrauchs geleugnet und auf die gro&e Anzahl von WörtemJ
hingewiesen, welche die Sonderlesarten von ß, sowohl den Lukasschriftea
als auch dem NT im ganzen gegenüber Tur sich aJJein habeo. So i. B.
stellt ß 10, 24 gegen sonstigen [ukanischen Sprachgebrauch ncpi^^vciv
absolut (I, 4 nicht absolut gebraucht), npocerri^^'v f\ 6tacaq)dv lo^ 25
sind auch nicht lukanisch; und KaTavtdiu wird ii„2 ß mit dem Dativ
statt wie sonst (16, r; 18, 19,24; 20. 15; 21,7; 25, 13; 2Ö, 7 etc.) bei
Lukas mit de c. Acc. konstruiert Auch voeiv (16, 10 ß) ist nach Blaftl
selbst nicht lukanisch. Desgleichen finden sich Wörter wie ^v^ytia
(toö Ofcoü) Act 4, 24, öiiiKpicic 4, 32. ßa6n6c 12, 10. KaroXXäcconm
12, 22. fffiTUTX'iviu 13, 29, ^iffö^uJC 15, 4 etc. sonst nicht bei Lukas,
sondern nur in der Bricfütcratur vereinzelt. Worter wie tö ÖEtAuöv Act
3,1. CüV€>cttop<v£c9ai 3, n. TÜpctwoc 5, 39. &iaXij*nävuj 8, 24. dKoucröc
II, I. ^favoJTtii 12, lö. ^mXd^TTElv 12, 7. dväX\Ec6m 14, 10. dTnicpdZui
16, 39. ftiiCTopfuj 17, 23. Amö<puAoc 18, 2. KaTaßoäv 18, 13. ^TfinB^vtn'
18, 4. cuvTexvtric 19, 25 etc. sind sowohl den übrigen Lukastexten wie
dem NT gegenüber Sondergut der ß-Slücke. Dagegen hat ß aber auch
wieder manche nur im lukanischen Sprachschatz nachweisbare Wörter;
dvTO^eaX^ieiv Act 6, jo (27, 15 a). dmcTipiEuj n, 2; 20, 7 (14. 14, 23,
15,32,41; 18,23 0). cuvxuvui 11,25 (2, 6j 9,22 etc. 0). ^KT^veia 12.5
(26, 7 a). ÄXXöqjuXoc 13. 19 (10, 28 a). KaTÜcxecic 13. 33; 20, 16 (7. 5.
4S a) KoXXciojiat 14, 4 {7 mal in a). tfHCXupiZojiai 15. 2; Lc 22, 59 (Act
I2j Ig a), KQTfpxOMOi Act 17, I (sonst Act l^mal Evg 2mal dazw Jac 3,
15). Ttpocnoidcdai 18, 17 (Lc 24, 28 q) ^rnttn^J^tv iS, 27 (nur in
W. Ernst, Die Blaß'sche Hypothese und die Textgcscbichie. 313
Acta Vorkommend 2, lO; r?, 21 etc). ivicxOu) ig, 20 (Evg 22, 43;
Act 9, ig a). dcndlojjai 20, i (2i, 6 a). & hat also sehr viel lexikalisches
Sondergut, dafür aber auch sehr viel spezifisch lukanisches Sprachmaterial.
Überhaupt ist der Sprachgebrauch nie eine sichere Norm. Bei ihm
kann Zufall oder, wenn der Autor in Zwischenräumen geschrieben und
konigiert hat, andere Lektüre sprachlich von Einfluß gewesen sein. Gar
Beobachtungen, wie sie Corssen gemacht hat, daß in ß die Partikel
TÖTC unverhältnismäßig oft gebraucht sei, eOöcluc dagegen übet^angen
w«rde, oder die Wendung frf^veTO mit Inf. wenig beliebt sei, können
nicht mal^gebend sein für Bestimmung der Identität oder Nichtidentität
des Autors, weil sie keine ß allein und zwar im Gegensatz zu a cha-
rakterisierende Eigentümlichkeiten bieten, sondern nur ein Mehr oder
Minder des Gebrauchs konstatieren.
Mehr läßt sich dagegen entnehmen aus der Gegenüberstellung der
beiden Textformen dem Sinne nach. Es gtebt Stellen, wo die Eigen-
tümlichkeiten von ß nur Ergänzungen, deutlichere Ausfilhning des a- Textes
enthalten z, B, Act 21, I5f.; 16, 35. Aber es giebt auch Stellen, wo
der Sinn beider Textformen von Grund aus verschieden ist. 15. 2 erzählt
a von einem Streit, der sich zwischen in die antiochische Gemeinde ein-
gedrungenen Judenchristen und Paulus über die Beschneidungsfrage er-
hoben hatte. Darauf sendet die Gemeinde Paulus und Barnabas nach
Jerusalem zwecks Einigung über die Streitfrage mit den Altaposteln. In ß
dagegen wird Paulus und Barnabas von den Eindringlingen, die hier „,von
der Sekte der Pharisäer" heißen, einfach nach Jerusalem zitiert zur Ver-
antwortung wegen falscher Lehre. Ebenso wird 18, 24f, in a von einem
spontanen Entschluß des Apollos zur Reise nach Achaja erzahlt, in ß
dagegen von einer Anregung, die ihm in Ephesus anwesende Korinther
geben. 24, 27 erzählt a, daß Felix den Paulus tn Gefangenschaft ließ,
um den Juden, in ß dagegen, um seinem Weibe Drusilla einen GefaUen
zu tun. In 18, I — 27 ist durch Harnack nachgewiesen, daß der ß-Text
eine ganz andere Auffassung von der Stellung der Frau Priscilla in der
Missionstätigikeit des Paulus hat, als a. Am deutlichsten ist aber der
sachliche Unterschied in der Fassung des Aposteldekrets Act 15, 20. 2g.
Hier hat sich selbst ein so treuer Anhänger von Blaß wie Th. Zahn auf
die Dauer der Erkenntnis nicht verschließen können, daß wir es mit
diametral verschiedenen Formen desselben zu tun haben. Aber wenn
er nun den uns vorliegenden ß-Text als eine Entstellung des echten
ß-Textes, der in der Richtung von a gelegen habe, hinstellen will, so
ist das unrichtig, trägt auch zu sehr den Stempel der Tendenz an sich.
3U
W. Eimst, Die BU'kIw ÜTpothcce nad die TeitErescbichte.
EbtM dasadbt gik von dem Vosucbe Blaß', b«td« Formen als eigeoüich
dissdbe sagend n encisen. Tacian und T«rtuUian haben die ß-Fonii
des DdcKts nicht nußrersUadea oder ad boc in ihrem Wottsiim ab-
sichtLch revdrelit. soodeni sie haben sie so verstanden, wie man sie
damals allgemein ^xrstaiid ond auch beute verstehen muß, wenn maa
vonuteilsfrci an äe herantritt. Darin hat Hamack durchaiis recht, wem
er in ß den charakteristischen Ausdruck einer besdmmten a entgegen-
gesetzten Vorstellang des Apostetdekrets sieht. In a i^t dasselbe ein
jüdisch ' ceremonialgesetdiches, in ß ein moralisttsches Statut, Danach
ist die Frage nach sachlicher Identität der beiden Textfonnen a und 3
für die Apostelgesciuchte durchaus negativ xm beantworten. Da& untct
solchen Umbinden nicht daran cu denken ist, dafi a und ß zift-ei Ab-
schriften durch den Verfasser sdbst scien^ ist klar.
Anders ist es dagegen im Evg Lucae. Sowohl die Textdifferenien.
welche B (und M) von a als diejeügen. die ß selbst von a unterschddeo.
sind nirgends deran. dafi sie verschiedene Auffassung oder verschiedenen
Sachverhalt voraussetzen. So bt es nüt 33, 43, 44; 23, r/, die in o
fehlen; in 3J, 34a, wo das: Vater veigib ihnen in B K* D gegen ä fdilt.
Auch in der Geschichte von Maria und Martha, von der Sendung der
Jünger nach der Esdta. von der Venrcrfung Jesu durch die Samariter
und dem Zorn der Donnersöhne ; ja sc^ar in der Geschichte von der
groben Sünderin läßt sich in a und ß wirklich verschiedene AufTassung
und Pointe nicht nachweisen. Auf das Wesen solcher DifilerenzeD
kommen wir später noch näher xoriick.
Wir kommen nun zum dritten Punlct: Sind a und ß zwei in sich
geschlossene Textfonnen? Die Blaß'sche Hypothese trat in die Welt
mit dem Anspruch, das verwirrte Labyrinth der Textvarianten mit einem
Schlage lösen zu können. Das war nur möglich unter der Votaus-
setzung, diu an den Te.xten der neutestamcntlichen Schriften keine
absichÜiclien. dogmatisch oder sonstwie orientierten willkürliclien Ver-
änderungen späteren Datums vorgenommen worden seien. Es gab nach
Blal^ wohl zufallige Textfchler, höchstens Kontaminationen und Ver-
mischung der einzelnen Texte untereinander, aber keine Interpol ationeft
Deshalb meinte Blaß auch in den verschiedenen Zeugen von a und ß
in sich geschlossene Textfonnen o und ß vor sich zu haben, aus denen
sich für Apostelgeschichte natürlich am besten aus ß, Tut Lc aus a ohne
viel Schwierigkeit die autlientische Grundform wiederherstellen lassen
müßte. Aber aEl das waren Voraussetzungen, die Blau selbst nicht
festhalten konnte. In Act 7. 2 niuUtc er rugebcn, daß der Text der
W. Ernst, Die Bla&'sche Hjrpotliese und die Textgeschichte. 315
meisten ß-Zeugen Interpolation sei und Lc 2, 41, welches sowohl in
a wie D steht, schaltet er ebenfalls als Interpolation aus. Damit ist
prinzipiell auch bä ihm die Möglichkeit willkürlicher Eingriffe in den
Text zugestanden. Dann gibt es aber auch keine Möglichkeit, Inter-
polation von ursprünglichem Text, gutes von schlechtem Textmaterial
sicher zu scheiden, also auch keine Möglichkeit, aus der Masse der
Varianten von a und ß den wirklichen hinter ihnen liegenden Grundtext
herzustellen. Ist es doch nicht einmal möglich, einen Text der ß-Lesart
zu geben. Das zeigt uns Blaß selbst in seinen Textausgaben sowohl
der Editio major und minor für die Act, wie in der Textausgabe des
Lucae. Die ß -Zeugen sind nun einmal nicht einheitlich. Bloß im
allgemeinen können sie in der Apostelgeschichte so genannt werden,
insofern sie einen breiteren, längeren Text bieten. Im einzelnen dagegen
differieren sie stark. D hat einen weit ausgesponnenen Text, Floria-
censis und Irenäus neigen ihm gegenüber, wie Bousset für ersteren
<Act 14, 8. 12. 15, 18; 2, 13; 9, 12), Hilgenfeld für letzteren nachgewiesen
haben, mehr zur Kürzung bei im übrigen gleichen Textinbalt. Wie groß
der Unterschied zwischen den ß -Texten ist, kann man an 14, 19 oder
20, 3 erkennen. Dazu kommt, daß die Varianten von ß sich nicht
überall in allen Zeugen finden, sondern manchmal nur in einem bis zweien.
Besonders in Augustin (Act l, 5. 18. 23; 2, 7, 8) und Parisinus (7, 2) an
einzelnen Stellen auch in D finden wir solche Einzelvarianten. Dadurch
erldärt sich dann die Ratlosigkeit von Blaß, wenn er den Text herstellen
soll. Häußg muß er ihn sich bilden durch Eigenmächtigkeit in der
Wahl der Lesarten (Act 5, 31 in ß gegen D. ^g. flor. Iren, sahid
btii^ statt böSij. 18, 7 in ß ^KeiSev aus a übernommen gegen Flor. Min.
137 D die dTiö T. A. haben; 18, iSff. lehnt Blaß den Sinn von ß resp.
den Zusatz in 21 6« ^e ttqvtujc etc. gegen D H L P syr""- Gig. etc. ab) oder
durch Konjektur (Act 20, 3). Noch deutlicher wird die Schwierigkeit der
Textherstellung durch die Vergleichung der Editio major und Editio minor.
Während Blaß in ersterer sich vorwiegend auf D gig. flor. etc. stützt,
stellt er in letzterer den Text her unter ausschlaggebender Autorität von
Parisinus Proven^alis Wemigerodensis. Daraus ergeben sich verschiedene
Texte wie 12, 25; 18, 55; 9, 39; lO, 2Ö; 8, 5; 16, 6; 7, 2. Am allerdeut-
lichsten tritt der klaffende Unterschied innerhalb der p-2^gen zutage
bei einem Vergleich zwischen dem durch Blaß und dem durch Hilgen-
feld hergestellten ß-Text. Der eine folgt vorzüglich Flor, der andere D.
Das ei^bt zwei Texte, die Bousset so grundverschieden nennt, wie a
und ß selbst. Eine weitere Schwierigkeit in der Verwertung der ß-Zeugen
3i6
Vi. Ernst, Die Bla&'scbe Hnrnthc«« udd die Textgeschkht«.
negt auch in der FjTtgf. ob die lateinischea (Flor.) besonders aber die
otiestalbdKo Dbcfsettttogen genau sind oder nicht. Ebenso legt uns
Kodex D stets ifie Frage vor, iafrieweit der lateinische d-Text vom
^nechiscfaen D-Text abhängig ist und umgekehrt. Schon dadurch vei-
Bert ß den Anspruch eine einheitliche, geschlossene Textform zu sein.
Ein Urtj-pus, wie ihn Hi^cnfeld und Wendt statuieren, ist deshalb schon
textkritisch unanndnnbar. Auch eine dh^ri^te Fortentwicklung des Textes
\'on der Grundform m den einzebwn ß- Zeugen ist nur in starker Ein*
schränkung wahrscheinlich. Jeder einzelne ß-Zeuge hat seine eigene
Geschichte gehabt, wie (Kes fiir D wenigstens Weiß hinreichend stilistisch
LWid sprachlich nad^ewitsen bat Bei der textgeschichtlichen Behand-
lung der ß-Zeugea dürfen wir, wie Gercke ganz richtig; betont hat. nicht
die Stammbaumtheoric allein anwenden, sondern müssen die sog. Wellen-
thcorie heranziehen, d. h. die Möglichkeit der Überflutung gewisser
Zeugen und Zeugenkreise durch lokale Traditionen und Interpolationen.
Ganz deutlich zeigt sich solche Überflutung beim Evg Lucae teils durcii
andere Evgg. <z. B. Lc 3, wo die Geschlechitafel Jesu in D in der
Namenreihe voUkcmnoen an Mt angeglichen ist, 11, 2 fr,, vro D statt
, S Bitten in n deren sovicle hat wie Mt, oder 1 1. 2, wo D hinter npottv-
fx<1<^ einen Mt 6,7 parallelen Zusatx bat), teils durch besondere Tradi-
tionen (wie 6, 5 in D).
Dasselbe lehrt uns auch dfe Qualität der Eigentümlichkeiten von ß.
Mannigfache Motive und Tendenzen sind es gewesen, die sie her^'cr-
gerufen habei>. Zunächst Mißverständnisse: 18, 7 hat D* min 137, Flor.
diT6 T. 'AkuXq statt ixeiOtv {a). In a handelt es steh um Auszug da
Paulus aus der S>*nagoge, in ß um Änderung der Wohnung, was ohne
5inn ist. 18, 22 'wird das dvaßäc von ß miüvcrs ländlich statt auf Ca^iarea
auf Jeni&aletu beSogen. deshalb in 21 die Bemerkung (ei jie iravrtuc etc.
eingeführt mit der Notir 19. I, welche die sonst gar nicht existierende
Reise in einen auf höheren Befehl aufgegebenen Reiseplan verwandelt. —
An andern Stellen zeigt ß das Streben auszumalen z. B. 2, 37; 3, 3. n ;
4, l8; 10,23; "-25; 14, 19; 15, 12; 16, I. Das Streben breitere Übcr-
L gänge 2u schaffen verrät sich besonders S. 6, wo; hIjc bi Fjkouev ohne
[ Rücksicht auf öpoöunahöv ^v tut dicoueiv eingeschoben wurde. Hierher
gehört auch, ■wie Hainack nachgewiesen hat 11, 27. 28 fiy hk noXXf\
dTti^^iociC'euvcCTpOMM^vufV 6M>n«v. Iß Evg Lucae wären zu envähnea
z, 41 ; 5. 27; 7, i; 13, 7, 8; 22, 51. — Vielfach nimmt diese ausmalende
Tendenz auch den Charakter der Verdeutlichung oder des vermeintHchen
Ausgleichs voriiandencr Widerspruche an. So ist ij. 2 ß der Versncli
■-•-
I
I
I
I
I
einen Widerspruch ausaugleichen zwischen der Absendung des Paulus
und Bamabas zwecks Einholung des Urteils der Apostel und der dann
in Jerusalem von der Sekte der Pharisäer erst ausgehenden Auseinander-
setzung über die strittigen Fragen. In ähnlicher Weise ist lo, 25 ein
Ausgleichsversueh innerhalb der Comeliusgeschichte. Das Gleiche finden
wir in der Erzählung der Gefangennahme des Paulus in Fhilippi Act 16,
36f., sowie wahrscheinlich in der Mnasongeschichte 21, 15, — Dazu
kommen Veränderungen rein tendenziöser Art Hierher zahlen die Ein-
grübe des Geistes in der Geschichte statt des einfachen überlegten Ent-
schlusses der handelnden Personen z, B. 19, i; zo, 3. Pfleiderer Urchrist.
I , 517 Anm, hat hier D den urspriinghchen Text zugesprochen, der
dann als zu enthusiastisch geändert worden sei. Aber der O'Text ist
gut, klar und natürlicher als ß. Paulus will einem drohenden jüdischen
Anschlag ausweichen, indem er seine Reiseroute von Hellas nach Syrien
durch einen Umweg über Macedonien ändert. Der ß-TeXt dagegen
läßt Paulus gerade das Unvernünftige wollen und erst auf Befehl des
Geistes das Vernünftige tun. In 18, i — 27 ist ß nur eine Spiegelung der
späteren Tendenz, die Frauen und nicht amtlichen Elemente der Ge-
meinde von der aktiven kirchlichen Tätigkeit wegzudrängen. In 15, 20, 29
gibt uns ß eine mit der paulinischen Zeit und ihren Kontroversen un-
bekannte, moralgesetzhch interessierte Auffassung des Aposteldekrets. —
So können wir also nicht nur der Verschiedenheit der ß-Eeugen, sondern
auch der Verschiedenheit der Tendenzen wegen, die an ihm tätig waren,
in ß einen einheitlichen Test nicht anerkennen. Darum ist auch die
Corssensche Theorie, die ß als die Montanistenbibel, als die Rezension
des Montanismus bezeichnet, nicht annehmbar, zumal wenn man bedenkt,
daß der mit den kirchlichen Organen im Kampfe liegende und schließlich
unterliegende Montanismus kaum je so mächtig war, daü er den Kirchen
des Abendlandes, Ägyptens, Syriens seinen Text hätte aufoktroyieren
können. Auch hätte Tertullian mit einem als montanistische Tendenz-
änderung bekannten Text nie erwarten können, Katlioliker für seine
Meinung zu gewinnen. Es ist deshalb eher anzunehmen, daß der ß-Text
von ig, 20. 39 vor dem Auftreten des Montanismus in der altkathoüschen
Kirche bestanden hat Wie, wo, wann die einzelnen Varianten von ß
entstanden sind, laßt sich genau nicht sagen. Die Masse derselben ist
der Zeit und dem Ort nach verschiedener Abkunft
Aber auch der a-Text ist nicht eine einheitliche, geschlossene Text-
form. Auch er hat scwchl in den einzelnen Zeugen als auch im ganzen
seine Geschichte gehabt Das beweist uns das Verhältnis von B und
k
J
3l8 W. Er an. Die B l at'sche Hypothek and die Tettg^"'^^^'*«e.
H zu den anderen a-Zeugen m 22, 43. 44; 23, 17; 24, 5 1. DtaKsr:
auch eine ganze Anzahl Stellen , wo auch er tmldar. lät3BaAa&. ver-
stümmelt ist Z. B, Evg Lucae i, 63, 64; 7, 47 ; 23, 50; Act 7. i; 15. 3s—
40; IS. 2 (S); >8. »9i »ft I4f-: », 4; 24, 5—8.
Nun bliebe noch die letzte Frage: ^Me veriialten sädt o vuS ^ s:r-
lich zu einander? Wir wollen hier drei ziemlich feste Etkrsxss^e
vorausschicken: i. a wie es uns vorliegt, ist die abschScCesade Tai-
mension des 4. Jahrhunderts. 2. vor dieser beldagit sid Ong^as
über den durch Wucherungen und dogmatische Andcns^en cn-
stellten Text der neutestamentUchen Bücher. 3. Hamack hat dszxx
hingewiesen, da& in in der alten Zeit die Texte eher dsnii ^jr?»^
vermehrt als durch Abstriche geküfzt worden ancL Abgcsctva tcb
zufälligen Verstümmelungen wie Act 24, 5 — 8 in a sind Kuiziii^cn stes
das Werte textkrittscher Arbeit, nicht Arbeit der in der 'VoOksisääc
zeltenden Bedürfnisse. Von hier aus läßt sich nun über das Vexhähiiis
von a und ß folgendes sagen. Wir haben festgestdit, dafi ß bieiEei e u.
auflgeschmUckteren Text hat, daß sich in ihm Spuren xnamügäcäef
Wucherungen und Tendenzanderungen finden, ß wird also wafarscbec-
lich als der in der Volksldrche verwilderte Text zn betiatditen säs.
über den sich Origenes beklagt Dieselben Eigentümlichkeiten wie ä
der Apostelgeschichte zeigt ja auch der Textbestand der übrigen oe'j-
teatamcntlichen Bücher in der ß-Form. Vgl Mt 20, 28; 24, 31. 41: 17,
12. 13; Mc 10, 23f, Der Text der Apostelgeschichte ist besonder von
Erweiterungen betroßen worden, weil sie erst spat kanonisteit worden
ist und ihr Inhalt der freien Gestaltungskraft mehr Freiheit lieC als die
I-cben und Worte Jesu enthaltenden Evgg. Die Reden in der Apostel-
geschichte sind wieder weniger betroffen worden wie die Erzählimgs-
stücJce, weil sie nicht durch lebendige Tradition ergänzt worden sind,
wie jedenfalls die Lebensschicksale des großen Apostels. Die Tatsache,
daß ICvg Lucae an manchen Stellen in ß Abkürzungen enthält, ist nicht
im BIaQ'schen Sinne zu deuten, daß die ß-Form a gegenüber sekundär
und abgeglättet sei, sondern erklärt sich wahrscheinlich aus dem EjnfluC
der Tatianschen Evangelienhannonie, die ja auch sonst der freien Be-
handlung der Evg^exte Vorschub geleistet hat Das zeigen uns
Kürzungen, die der ß-Text auch anderer Ev^ enthält: Mc 2, 26. 27: 5.
5. 17. 22 etc. — Daß die Eigentümlichkeiten des ß -Textes sekundärer
Natur sind, läßt sich an vielen Stellen außer aus sachlichen Gründen
auch aus der schlechten stilistischen Verknüpfung derselben mit dem
übr^en Text entnehmen. Vgl. z. B. Act 8, 6; 14, 2 (aörok — Korä öikcuuiv)
W. Ernst, Die BlaO'sche Hypothese und die Textgesclüchte. 319
15, 2. 5: 15. 20, 29 (Schlußformel) 16, 37 (dvairtouc). — Nun ist aber auch
a nicht die Grundform des Textes, sondern an vielen Orten nur der
Versuch, aus dem Wust der Lesarten durch textkritische Arbeit einen
annehmbaren Text herzustellen. Dieser Versuch ist dazu noch häufig
mißlungen. Solche Stellen, wo der ß-Text unklar geworden und der
a-Text nicht besser ist, sind: l, iff. Hilgenfeld hat gemeint, die Ver-
wirrung sei hier schon im Urtext vorhanden gewesen, sei Schuld des
Autors, der die Quellenschrift TtpdSeic toO TTaiiXou vorfand und deren
Eingang zur Einleitung von irpdftic täv diiocröXujv umwandeln wollte.
Diese Eridäning ist und bleibt zweifelhaft, zumal bei einem Autor,
der so gut griechisch zu schreiben verstand wie der Autor ad Theo-
philum (vgl. Lc i, i — 4). Wie ursprünglich hier gestanden hat und wie
dieser Text später verdorben worden ist, läßt steh nicht sagen. Nur
bleibt sicher, daß a mit der Ausscheidung von kqI dx^Xeucc und der
Verstellung von dveXyimpen sich als Versuch kennzeichnet, einen ordent-
lichen Text zu konstruieren. Ebenso ist es 20, 3. Dort hat der ß-Text
gar kein Verbum finitum, wohl aber die Bemerkung zu p£XXovToc bk
Ifidvat: M^Xpi TTJc 'Aclac, was wohl den Anlaß zu der Textverwinung ge-
geben hat, indem sie vom Rande eindringend, das Hauptverbum, mit
dem sie im Sinne nicht harmonierte, verdrängte, worauf in a wieder
versucht wurde, Ordnung zu schaffen. — Also ist a aus ß d. h. aus dem
Gewirr der Lesarten, die sich im Laufe der Zeit an verschiedenen Orten
gebildet und miteinander vermischt hatten, durch Textrezension entstanden.
Damit soll freilich nicht gesagt sein, daß ß immer schlecht und minder-
wertig wäre. Nach unserer Auffassung, die in a nicht die authentische
Uribrm anerkennt, läßt sich aus a kein absolut sicherer Maßstab ftir das
gewinnen, was der Autor selbst geschrieben hat und was späterer
Zusatz ist Gewiß ist jedenfalls, daß das Sondeigut von ß in sehr alter
Zeit schon sich gebildet hat, wie einmal die frühe Bezeugung vieler
Varianten, dann auch z. B. die Fassung von 15, 20, 29, die sicher vor-
montanistiscb ist, beweist Stellen wie Act 5, 36; 12, lO; 20, 15; 21, u
Lc I, 63. 64; 9> 55 ^^^- sind wahrscheinlich sogar authentisch. Auch
mag uns ß außerdem noch andere wichtige gute Notizen aufbewahrt
haben, die in der mündlichen Tradition lebten wie Lc 6, 5, die
dann mit vieler Spreu von a wieder ausgemerzt worden sind. Nur bei
solcher Beurteilung können wir den ß-Lesarten vorurteilsfrei gegenüber-
stehen, ohne sie ä tout prix zu verwerfen. Es handelt sich vielmehr
darum, aus den vielen Lesarten, die ß bietet, die wertvollen zu sondern.
Dadurch kann die Textkritik nur gewinnen. Das gewährt uns femer
320 W. Ernst, Die Blaß'sche Hypothese und die Text^eschiclite.
wertvolle Einblicke in die Entwicklung der neutestamentlichen Texte,
sowie in dogmatisch und kulturell wichtige Entwicklungsphasen des Ur-
christentums, wie uns sowohl 15, 20. 29 als 18, i — 27 zeigt Das ist das
unumstößliche, freilich unfreiwillige Verdienst von Blau um die Tart-
geschichte, da& er uns dieses weite Gebiet eröffnet und den AnstoC zu
seiner Fruchtbarmachung gegeben hat.
Zum Schlüsse sei das textgeschichtliche Fazit des Vorhergehenden
noch einmal kurz gezogen: i. der Verfasser von £vg Lucae und Apostel-
geschichte schrieb seine Werke. Dieselben wurden in der damals üb-
lichen Weise vervielfältigt. Schon dabei mögen gewisse Abweichungen
vom Urtext vot^ekommen sein. 2. In späterer Zeit unterlagen die Texte
dieser Weriie denselben Einflüssen und Schicksalen, denen alle neu-
testamentlichen Texte vor der Kanonisiening ausgesetzt waren, wie das
auch die übrigen in Cod. D etc. vereinigten Texte zeigeiu Schon zur
Zeit des Origenes war die Verwirrung groß, die Herstellung des Urtextes
schwer. 3. Mehrfach, zuletzt in dem uns voriiegenden o-Text ist der
textkritische Versuch einer endgültigen Normierung des Textes gemacht
worden. Nach welchen Maßstäben diese Rezension gemacht wurde,
kann nicht sicher festgestellt werden. Doch ist wahrscheinlich, daß dabei
eine im Orient erhaltene, einfachere Textgestalt zugrunde gelegt worden
ist Die Textform ß ist also so, wie wir sie haben, trotz mancher guten
Daten durchaus sekundär. Die Textform a ist gegenüber ß fonoeU,
d. h. in heutiger Form sekundär, materiell dagegen unstreitig primär.
[AbfocMouea wn 13. Nof. tfoyl
A. Di Pauli, Zum sog. 2. Korintherbrief des Clemens Romanus. 321
Zum sog. a. Korintherbrief des Clemens Romanus.
Von Andrea« Freihenm Di Pauli in Boten.
Ein noch ungelöstes Problem der altchristlichen Literaturgeschichte
bietet der 2. Korintherbrief des aemens Romanus. Die erstmalige Er-
wähnung findet dieses Schriftstück bei Euseb* H. E. 3, 38, 4: 'Icrfeov 6'Äc
xat bcuT^pa Ttc elvai X^tcto "^oO KXfj^EVTOc ^mcroXn'oö ^i'|v ^d'ÖMofuic
t5 npoTiptf. Kai Taiiniv TvifjpiMov imci&ji^Bij, ön \tT\bi toOc dpxaiouc ainf\
KCXPTlM^vouc fc^EV. Hamack (Chronologie I, 439) bemerkt zu dieser
Stelle : „Ob ihn (den 2. ClemensbrieO Eusebius überhaupt selbst gesehen
hat (beachte das „Tic" und „X^TCTai") ist mindestens fraglich; jedenfalls
hat er ihn bei den Alten nicht benutzt gefunden und nicht für echt ge-
halten." Ich glaube Hamack hierin nicht beistimmen zu können, doch
gehen wir näher auf Eusebs Bemerkung ein. Offenbar will Euseb nidit
sagen, daß der fragliche Brief nicht existiere und demzufolge er ihn
auch nicht kenne, sondern nur seinen Zweifel aussprechen, daß dieser
Brief Clemens zum Verfasser habe; es beweist dies zur Genüge seine
Ausdrucksweise: . . . koI fttuT^pa Ttc elvai X^TCTai toO KX^imcvtcc imcroX/j.
Demnach ist zu übersetzen: „Wisse, daß auch ein gewisser Brief als
zweiter des Qemens gelten soll" und nicht: „Wisse, daß es auch einen
zweiten Brief des Clemens geben soll." Der Unterschied beider Versionen
hegt auf der Hand ; mit ersterer wird nur gezweifelt, ob der betreffende
Brief wirklich von Clemens verfaßt sei, mit letzterer hingegen wird die
Existenz eines Briefes, der von Clemens verfaßt sein soll, einfachhin in
Abrede gestellt. Daß erstere Übersetzung die richtige sein muß, beweist
das „Tic"; denn sonst ist es nicht erklärlich, warum Euseb nicht gesagt
hat: ... Kai beuT^pa tlvai ktX.
Es heißt weiter: oü Mf)v iff öfiofujc xQ irpoT^pCf Kai Toörnv -fViIipiMOv
imcrdfieOa, Öti nr|bfe toüc dpxaiouc aÖT^ KexpiM^vouc Tcncv. Hieronymus
' Die Hotic des Maximiu Confeuor, Prolegg. in open F. Dionfiii (p. xxxvi): 6
'Qpi-T^vnc oÖK o\ba e{ ndv-nw, \i£K\C b£ Tcccolpiuv (Clemensbr.) ^vi^dii ist föglicb nidtt
enut in nebmen, weil gans nnbestimntt Max. Conf. kannte mebrcie Qemenibriefe;
das „olx oUxt" wirft anf den zweiten Teil de> Satnes ein übles LicbL
ZeitiEhf. L d nmleic WUi. Jüxtg. IV. 190J. 21
323 A. Di Pzoli., Znni wg. X K a i iaäu a b äaf des Orinr a v R a mjnm .
(de vir. HL c 15). der auch, bienn zweif^ofaae am' Eoseb fiilit, bemerict;
^ertur' et secunda. ex das (3C. Clementzs) oocitiae epistola, quae 3
TeCeribos reprobatur." Ifiexonyntns ha£ des Gedanken Euschs im eisten
Tdl des Satzes scharfer gefaßt als der gletch noc^ za erwähnende Rn&n.
wenn er sagt: „Auch ein nreiter Brief ooter des Clemens Namen ist
rm Umlanf ;" ärcÜich hat er im zweiten Ted oor die Konsequenz ans
Eii^ebw Angabe von dem Nicfatgebcanäie des Briefes bei den Alten
gezogen; doch auch in dem ..a ve&enbts reprobatur' liegt ein Zeugnis
von der Existenz eines anter dem Namen des Clemens gehoidea
Briefes. — Rnfin hat Eoseb ganz £ilscfa yerstandcn, wenn er übersetEl:
^Dicitnr tarnen esse et aÜa Qementis epistola, ctnus nos notitiaffl
noa accepimos." Im ersten Teil des Satzes tritt Rufin in Gegensati
zu Eoseb and Hteronj-mos. im zwe it en Teil lafit er sich einen schwem
übecsetzungsfdiler zn Schulden kommen oder besser, er giebt seio
eigenes Urteil betreös des 2. Oemensbriefes ab. Wie wir sdien ist in
diesem Falle Rufins Übersetzung ein Gemisch vfxi nbe^rober. man möchte
fast sagen pedantischer Genauigkeit und nicht geringer Leichtfertigkeit;
seine Notiz hat für uns höchstens pathologisches Interesse.
BczügBch des i. Clemensbriefes sagt Euseb H. K. 3, 16: toutou hi\
oOv KXfuicvTOc ÖfioXovfo^EVTi ^ia ^hictoU^ v^pciu, mctöXti tc Kod emiftado.
ffv ix. icnb Tfic 'Puf^oiuiv ^ncXridoc t^ KopnMunr bieTvnÜKaTO, crdceuK
TTjnK&bt urrd ttjv KöptvOov fTVO^^vrtc Euseb hat äch hier allen Zweit'd.
ob es noch einen zweiten Qemenstmef geben könnte entschlagen; meik-
würdig aber klingt sein apodiktisches Urteil im Vergleich zu H. E. 3, 3S. 4.
Bei näherem Zusehen jedoch wird äch herausstellen, daJj er keines-
wegs in Widerspruch steht mit dem über den 2. Qemensbrief Gesagten.
Ausschlaggebend scheint fiir Euseb auch bezüglich des l. Briefes die
Anerkennung (öfioXourop^vri) des christlichen Altertums zusein; sodann
vermag er ihm das Zeugnis ^.firnJAn tc un OauModa" auszustellen; vom
zweiten Brief aber kann er nur konstatieren, daß von ihm bisher <£e
Alten keinen Gebrauch' gemacht; daß Euseb sich nicht weiter über
seinen Inhalt verbreite^ wie er es beim i. Qemensbrief getan, hat seinen
Grund darin, daß er nicht ,jiex^n tc Kai emjftada" wie der Letztert
ist, was auch Euseb stillschweigend zum Ausdruck bringt. Es spricht
I Dm „fertnr*' entspricht dem von Ensebtns so oft gefannchten „qi^petoi**; es iil
Bbrigeni gar nicht Misguchloiscn, daß Hieronyintis dea Brief lelbst gesehen hat.
* Ztba hat recht, wenn nsch ihm „KCXpiV^vouC nicht Tcnrendnng in der litnrgie,
■ondem tn der Beweiif&hning bedentet; fibethaupt gibt es manche SchriAwerke, di«
tum ersten Haie bei Enseb Erwihnnng finden, deren Echtheit aber nichtsdestowvnifer
fest steht.
A. Di Pauli, Zum sog. 2. Korintherbrier des Clemens Romuius. 323
also diese Stelle nicht gegen unsere Aufstellung, sondern in gewisser
Beziehung dafür.
Einen weiteren Beweis kann man nach meinem Dafürhalten in der
Überlieferung der beiden Briefe finden. Nachdem nämlich Lightfoot mit
großer Wahrscheinlichkeit den Nachweis erbracht, daß der Archetypus
des codex Alexandrinus um das Jahr 200 entstanden sei und daß dieser
schon die Verbindung der beiden Briefe, wenn auch nicht als Clemens-
briefe kannte, dieses Briefpaar aber schon im cod. Alex, unter des
Clemens Namen stand, so kann man doch mit Recht schließen, daß
Euseb beide Briefe gelesen hat und er mit seiner Notiz über den
2. Qemensbrief uns den Anfang der Entstehung einer Tradition, an der
später niemand Anstoß nahm, zeichnet Nach diesen Ausführungen ist
es nicht „mindestens fraglich", sondern sogar höchst wahrscheinlich, um
nicht zu sagen gewiß, daß Euseb auch den 2. Clemensbrief in den
Händen gehabt und gelesen hat. — Gegen Lightfoot, der den Brief in
Korinth zwischen izo — 140 entstanden sein laßt, wandte sich Hamack
(a. a. O. 438 — 450), der es plausibel zu machen versuchte, daß der Brief
vom römischen Bischof Soter (165/7 — ^73/5) verfaßt sei und stützt sich
bei seiner Beweisführung hauptsächlich auf Euseb H. E. 4, 23, 9 ss: in
ToO Aiovuciou kqI TTpöc 'PtuMoEouc ^mcToXi^ (p^pcrai, ^Tnocöniu ti^ t6t£
ZujTfipi TTpoccpunroOca Xija -jovv ■ Tf|v c^\xt^v oSv Kupiaxi^v äficiv
^M^pav &iiit<Stom£v, *v § äv^fViuMiv önÄv -rf|v imcroXi^v, f^v KoMtv Äef
iroTc dvafifvtOcKovTtc vouecTeTcÖai, tJic Kcd -rilv TTporipav ^^liv fciÄ KXi^-
^EVTOC Tpaq;>eTcav.
Hieraus kann gefolgert werden:
1. Lesen die Korinther am Sonntage zwei römische Briefe und
„schicken sich bereits an", wie Harnack treffend bemerkt, „die beiden
römischen Schreiben als erstes und zweites zu zählen."
2. Ist aus dem nachgestellten „voudeTEicdai" zu schließen, daß unser
Brief hauptsächlich paränetischen Zwecken diente; auch scheint das
erste römische Schreiben gegenüber dem zweiten vorläufig ganz in den
Hintergrund getreten zu sein, was man aus der nebensächlich hin-
geworfenen Notiz über den 1. Clemensbrief schließen kann. Es hat den
Anschein, als ob letzterer nur vorgelesen wurde und nicht ausschließlich
die Aufgabe zu ermahnen hatte.
3. Sind sie gewillt, auch fUrderhin unser Schreiben als Ermahnui^
vorzulesen. *
I Et wird doch selbstTentändlich sein, daß ein Schreiben eines rdmiichen Bischofs
an eine andere Gemeinde hanptsächlich, wenn nicht ansschlielUich , den Zweck der
21«
^24 ^ •'• f'^'i'-' Z'isR »ay. x JCarat^erbctf ixt Cgggg^ gaiiianm
»;vf vyt« wcJj bezieht. Mas äej« »ä <ä.Vr Tcr .ae At g gnjrive »essi
entw>'>r bjU S'^ter licn Bnef cn Xaiprr: öer ricrifirttm t lrmcm i fe :c^
fatit '/'Jer d^ bnef hat utcrha^ Iceaae cabes? A.ii?«äinic Tchact. 3Ci
^koer Krief wird «neneits gesaigt. dai öer Bna "ininüi-n ibg^^nc:
worden, andererieils dsX er keinen besäx3£ec AJaeuc er g-ffhabt. iesc
Krf)«t wt es mcht erlcUriich, warjoi Dsocvsib. als der Bcie' vcn. Scic
veiiabt itt, nicht einfachbin Jl'etn Bhef" sag;, zana^ er hü=im' 7>x
„T^ fipOTlpov ftuk KX^fuvTOC Tpa^öasr' sprcis. Dann aber isc es säa
vr/n Mlh«t gegeben, dal« nicht ein eigeotädicr Brief aa «Se Kming
aV^esandt w/rden i<t, sonflem eine Predigt, eöc H-anöic =nd isc üc
auf dteK Weiie die Verbindung beider Schiifuacke a£s
fhtäi KX^vroc) iTpöc KoptvOiouc a
iipöc KopnrOiouc ß*
auf» ifC^Xc erklart.
Nach dem vollständigen Bekanntwerden des Schri£rstück-s d7=
hrycnmjB erkannte man dessen wahren Charakter; es war fcei= Brei
«tr/ndcm eine Predigt, eine Homilie, was schon früher DodweC und Ccüx
aus dem vun Junius edierten Bruchstück erschlossen. Es fragt seh c=.
vf'i wurde die Homilie verfaflt? Bei Beantwortung dieser Frage konae
vor allem c, 7 in Hctracht. Es wird hier das Leben der Christen ad:
einem Wettkiimi<fe verglichen und sagt bei dieser Gelegenheit der Ver-
faB«t';r: AcTt eü>H€V Ti'iv öfeöv tViv €Ö&€iav, dTiüvo TÖv dtpeaptuv, wä
noXXol cic aOT^v KaranXiücujpev Kai drumctüfieBa, Iva Koi crcqxrviu-
9üfMcv . . . Man hat nun aus dem Umstände, dafi bei ^KOTcniXcüauMEv^
kcinn weitere IJcstimmung wie „de TÖv 'lc0(iÖv" oder „cic KöpivOov" steht
gciK:lilus<)cn, duÜ die Homilie zu Korinth verfallt sei und daß ..koto-
nMcwfitv" in dem Sinne zu denken sei, daß der am Aleeresstrand
■tchcndc die Schific herabfahren sieht — zweifelsohne ist diese Deutung
unrtclitig. Ucnn 1. ist es nicht denkbar, dafi mit „KaTorrXcOcuificv" eine
bentinitntc Angabe betreffs des Ortes, wo die Spiele abgehalten wurden,
einerlei ob „istlimische" oder „olympische", gemacht werden sollte- es
Int dn» Bild vom Wettkampfe ein so geläufiges und der griechisch
gebildeten Welt so nahe liegendes, dab unmöglich bei dessen Gebrauch
„Vuii9Kt(a" verfolgt; in Iliiuicht hiertiaf wird man jedenfallt gnt ton, du nVDuOcTcIcSat''
nicht tn »hr lu nrgieren; kri der Pftrftllele „f|v Sofxev det itore &vcrnTvtifCicovT«c vou-
OtTllcOai" mit a Qen 17, 3 kann daher nichti Zwiaeendei enchlonen werden.
A. Di Pauli, Zum sog, 2. Korintherb rief des Clemens Romanus. 325
etwas Sicheres bezüglich des Ortes der Abfassung unserer Homilie
erschlossen werden kann. 2. deutet „Kai noXXoi eic aÖTÖv xaTanXtüciufiev"
so sicher auf einen Sprecher außerhalb Griechenlands hin — denn
warum sollte ein Korinther, der, wenn er von Spielen sprach, sicher
doch an die isthmischen dachte, zu denselben „herunterschiffen"? Ein.
Römer aber wird, wenn er eine Reise nach Griechenland antreten will,
unbedingt sagen müssen „KaxaTrXeöcuJutv". 3. ein weiterer Beweis ist
in den Worten „xai dTiuvtciüneeo, iva koi cxetpaviueürntv" („und kämpfen
wir, daß auch wir gekrönt werden") zu suchen; so kann doch nur einer
sprechen, wenn er auch den Wettkampf nur bildlich gebraucht, der an
den sonstigen Spielen von rechtswegen aktiv keinen Anteil hat; also ein
Ausländer, in unserem Falle ein Römer.
Auch aus c. 8, worin Gott, der den Menschen schuf, mit einem
Töpfer verglichen wird, der den Lehm in seiner Hand kunstvoll formt,
könnte auf den korinthischen Ursprung unserer Homilie geschlossen
werden; man wird jedoch dies billig in Abrede stellen müssen im Hin-
blick auf die Beliebtheit des Bildes, das schon aus der Genesis allgemein
bekannt war, wonach Gott den ersten Menschen aus Lehm schuf.
Auf Grund dieser Ausführungen kann daher der Ursprung der Ho-
milie außerhalb Griechenlands mit Sicherheit angenommen werden. Ein
anderes Beweismoment für die Behauptung, daß unsere Homilie außer-
halb Griechenlands abgefaßt sei, eröffnet sich aus der Anrede, die der
Verfasser der Homilie gebraucht: d^EXqK){ (i, t; 4,3; 4,1, 5; 7,1;
8,4; 10, I; II, 5; 13, I; 14, 1,3; 16, i); c. 19, I und c. 20, 2 jedoch heißt
die Anrede: d&eX<pol xal dbeXipai.
Wie hat man sich diese Änderung in der Anrede zu erklären? Aus
Justin weiß man, daß der Bischof, nachdem der Vorleser seine Lesung
beendet, mündlich einige Ermahnungsworte sprach, die selbstverständlich
an das vorher Gelesene anknüpfen (Apol l, 67: Eitq Tiauca^£vou toO
dvOTlTVlÜCKOVTOC, Ö TTpOCCTlbc ölÄ XÖTOU T^V VOUBccioV Kai TTpÖlcXTJCIV Tflc
TÜlv KaXtiüv toOtujv nijinceuic TroieiTOi. cf. Constit apost. 2, 39, 54). Zu
beachten ist, daß er kurz vorher sagt: .... Kai rä dnopvnMOveiiijaTa tüiv
dROCTÖXuiv f\ TÄ cuTTpÄHMora tiüv irpoiptiTÜiv dvorfifviOcKeTm m^XP>c ^T-
XtupeT. Offenbar nimmt hierauf Justin Bezug, wenn er dann sagt: i> npOEcnüc
.... npÖKXnciv TT^c Tulv KaXdiv TOÜrutv Mi^ficEujc iroieiTai. Also der
Vorsteher der Gemeinde knüpft in seinen Ermahnungsworten an das
vorher Gelesene an. Es ist dies auch bei unserem Schriftstück der Fall,
nur mit dem Unterschiede, daß die Ermahnungsworte des Bischofs hier
schriftlich fixiert sind, was um so leichter zu begreifen is^ da ja Dtonysius
A. Dt Pauli, Zum sog. s. Koriath^rbrief iles Clemens Romanus.
betreffs der Homilic bemerkt, „f\v Ko^£V de! noxe dvaxi-rvtucxovTtc vou-
etT£7c6oi". Auf diese Weise ist auch der Wechsel in der Anrede er-
Idärt. Ein Bischof, der zu einer Gemeinde spricht, wird mit Rück$icbt-
nahme auf die Zuhörer die Anrede ,,ä2)eXq)oi kqj d^cX^ai" gebrauclieii
musseo, während ein Bischof, der an da& andere Gemeinde schreibt.
sich der gewöhnlichen Anrede „ctbEXtpoi" bedienen wird. ' Und da£
c, 19 und c, 20 von anderer Hand als cc. i — 18 verfaßt sind, soll hier
nachgewiesen werden. Wir müssen aber hierbei inuner Justins Worte
iin Auge belialten; gehen wir nun im Einzelnen die fraglichen Kapitel
durch und suchen wir ihre Beziehungen mit cc. 1 — iS festzustellen.
c, IS, 1; BÖK olowai W. JS-n Mitpiv n;(.- ^- ''. i' *=«■ ««*<P»1 ^a^ Abek^ai, WTtt
ßouHav inoincdMnv irspl ^TtpaTeioc. i^v '"'*'' »^^ ^ 4Xr,9£lac dvayiTvtb««. i.uh
cicovTa (-v ojiiv.
Wie ersichtlich, ist c. 19, 1 nach 15, i gebildet; besondere Beachtung
verdient der letzte Teil beider Sät2e. Wer ist unter „Kdnt töv cuji^ou-
XeücavTa" und „t6v dvaTiTVLdcKOVTa iv upiv" gemeint? Es hat den An-
schein und ist aueli tn. W, also verstanden worden, daß der „Ratgeber''
und der „Vorleser" ein und dieselbe Person seien. Doch geliea wir
näher auf die Stelle ein. Als Hauptschwierigkeit für die Identifikation
ergibt sich der Umstand, daii augenscheinlich kein Grund vorliegt,
warum sich dieselbe Person einmal als ,, Ratgeber" und dano wieder als
„Vorleser" bezeichnen soll; freilich kann auch der Vorleser in gewisser
Beziehung Ratgeber sein, wenn er die Mahnworte des Letzteren vorÜest;
davon aber kann hier ofTenbar nicht die Rede sein. Auch ist es aus-
geschlossen, daß. in unserem Falle der „Ratgeber" auf den „Vorleser'
hinweist und den Wunsch den Zuhörern gegenüber ausspricht, auch den
Lektor z\i retten, weil es ja heißt „övaTiTViOcKlu t'M'iv ?vt6u£iV', das sein
Farallelglicd an „MiKpdv cu)ißouXi<JLV inoincÜMn^" hat; dem .^Kal töv dvo-
TTfviiJCKOvTa ^v üjiiv" entspricht wiederum „KÖfife töv cujjßouXeücavxa-.
Auf Grund dieser Erwägungen darf es als ausgemacht gelten. daL , Rat-
geber" und „Vorleser" verschiedene Personen sind, Stellen wir nun die
' M- E- ist unsere Ilomiüe doch ein Ji-HcF, eine EöCytliCä; bei dieser Annalmie üt
HOW«bt der ausgciprocben homikthchc Charokler dci Schrirrsifickes, als uicli die Ajt-
rede „däcX.<)pal", die, falls die Predige nur an die rdmiiiehe Gemeinde gärJcLtct wäre,
Dabcgrcirlich wäre, aufs besie etkläit. Übrigens ist es gar nicbt ausgcscblossei), dijj
unsere Homilie cur «in Stück des römisclupii Scliteibens int, das a!s lur „vougeci«""
dienend Wouf^T^lijiit wudej d»» ex.ord)iiDi es nltruplQ sowie andere M<akiaale sc Keinen
dies in bestÄligcn.
A. Di Pauli, Zum sog. 2. Korintherbrief des Clemens Romanus. 327
Parallelen, die c. 19 und c. 20 in den vorhergehenden Kapiteln hat, zu-
sammen.
c. 15, I: ^icMc T*^ otnc EcTiv ^iKp6c c. 19, i: ^ic66v T^P airr^ tiii&K: TÖ(i£Ta-
nXaviu^^vnv Hiuxi^v xal änoUv^^vT^v dito- vof}cat ^E SXi^c Kapblac cuiiiipCav iauTotc
crpivax cic t6 cw9f^vai kcI lurfiv bibövrac
Der innere Zusammenhang beider Stellen liegt auf der Hand,
c. IS, I wird der Lohn für Rettung einer verlorenen Seele „nicht klein"
genannt und doch wird c. 19, i nichts anderes als „Reue aus ganzem
Herzen" als Belohnung gefordert; beide Gedanken müssen einen ver-
schiedenen Ursprung haben, da sie sich trotz allen inneren Zusammen-
hangs widersprechen. Daß sie nicht einen gemeinsamen Ursprung haben
können, geht aus dem Umstand hervor, daß die Herabsetzung des
„nicht kleinen" Lohnes zur geringen Forderung der Reue sich unmittel-
bar an die Inaussichtstellung des großen Lohnes hätte anschließen
müssen, damit der Kontrast umsomehr hervortrete; dies ist aber in c. 15
nicht der Fall, obwohl in demselben von der Reue und Buße gehandelt
wird. Nicht zu übergehen ist auch das „tö ^£Tavoficai", das obwohl
gleichbedeutend mit dem c. 8, 2 und c. 16, 4 „MCTävoia" hier unterschieden
werden muß.' Mit „tö peravoricai" wird gleichsam auf ein länger er-
örtertes Thema über die Reue (8, 1 — 3; 13, i; 15, i; 16, l — 7; 17, 1)
zurückgebhckt. Mit „toOto TÖp TroirjcavTec — toO GeoO ipiXoiioveiv" wird der
der Gottesfurcht beflissenen Tugend die praktische Anweisung gegeben,
vor allem aus ganzem Herzen Reue zu erwecken. Weitere Parallelen sind:
c. 17, 3: xal ftii MÖvov Opn bowli^ev — c 19, 3: KolM^^n&i&c Exu'M" — Avöti&v
cuvTiT^voi iifiiv iid riyv Ziiui^v. ^mflupuDv tiDv fiainlunr.
c. 17. ?! Kai ÄvovToi T^iv MEav — icat
Ecovrat elc 6pactv itdcij copKi.
ci7,ä— 7: •d\v fm^pav ^keIv^v — ^iric c 19,3— 4:iTpdEiUMEVoOvT^vftiicoiOCÜVT]v
Tilii iebouXcuKö-n ötift Ü fiXt^c Kapbfac. — cic töv dXänriTav atiüva.
c. 20 bringt in weiterer Ausführung c. 17, Ö — 7.
Wie wir gezeigt zu haben glauben ist c. 19 und c. 20 wirklich eine
„?vTtu£ic", wie Justin sie uns bezeugt; sie knüpft hauptsächlich an c. 17
an, worin vom Weltende, von der Belohnung der Guten und Bestrafung
der Bösen die Rede ist. Gerade dieses Thema eignete sich besonders
gut lur die Zuhörer, da es für alle von Interesse sein mochte und allen
Trost in den Miihsalen und Verfolgungen des Erdenlebens spendete.
Einige Schwierigkeiten kann nun allerdings der Umstand bereiten, daß
■ vgL im Deutseben t „du Renen" und „di« Reue".
328 A. Di Pauli, Zum sog. a. Katintlierfarief des Clemens Rotnasus.
demnach der Vorieser die Ennahnungsrede gehalten hatte, wäfaiaid
doch nach Justin es Aufgabe des Bischofs war, an die Gläubigen nad
der Voriesung Worte der Ermahnung zn richten, doch hebt sich diese
Schwierigkeit sofort, wenn man bedenkt, daß die Homilie zur Ermahnung
vorgelesen wurde und IHonystus versichert „f(v f£opev dei itote im-
■nrvüicKOVTCC voueereicOai, die itod ti^v irpox^pav fmtv öiä KXrj^cvroc t(»-
ipäcav." Es ist nun geradezu unmöglich, daß der Bischof nach jedes-
maliger Vorlesung der HomiUe, die an allen Tagen des Herrn stattfinden
sollte, roiindhch an die Homilie anknüpfend eine „^vreugic" hinzufügte
es ist doch denkbar, dafi die Ermahnungsrede schriftlich fbdert wurde
und zwar hier vom Vorleser selbst, der es für passend finden mochte,
seine Zuhörer um das Gebet für seine Seele zu bitten ; und daß die
Homilie oft vorgelesen wurde, kann man schon aus ihrem Inhalt er-
schheßen: Ermahnungen zur Reue, Buße, Enthaltsamkeit waren immer
am Platz. Und daß der Verfasser der Homilie vorzüglich den Zweck
verfolgt , zur Enthaltsamkeit zu raten, sagt er selbst c. 15, i : oOk oto^m
6i, 5x1 fiiKpov cufißouMov drroiTjcdtiiiv irepl ^TKpareiac (vgL c 4. 3;
auch Pfaotius, Biblioth. cod. 126 ist der zur Enthaltsamkeit mahnende
Ton der Homilie aufgefallen, werm er bezüglich derselben sagt: ... Km
airrfi voudcdov luü napafvcav Kpcirrovoc cicdrci ßtou).
Finden sich auch in c. 19 und c. 20 manche den vorhergehenden
Kapiteln entnommene Ausdrucke, so kaim dennoch nichts gegen unsere
Aufstellung eingewendet werden; diese Gleichheit des Ausdrucks ist
eben aus der Gleichheit der Gedanken zu erklären. Daß aber dennoch
ein Unterschied vorhanden ist, sollen einige Beispiele zeigen: z. B. wird
c. 19 „TrpöcTOTMa" für „ivTo\f\" (3, 4; 4, 5; 6, 7 u. s. w.) gebraucht,
während sonst ersterer Ausdruck sich in der Homilie nicht findet: „cd
{meunlai KOCMiKaE" (c. 17, 3) wird c. 19, 3 mit „ai^öufitm ^draiai" wieder-
gegeben. Gerade auf solche anscheinend geringe Unterschiede muß bei
der Untersuchung über die Authentizität eines Schriftstückes großes
Gewicht gelegt werden, weil gerade in solchen kleinen Stildifferenzen
die Verschiedenheit des Autors zum Vorschein kommt.
Es erübrigt noch einige kurze Bemerkungen hinzuzufügen. — c. j 5 2
heißt CS: . . . iäv ö Xtfüiv Kai dicoömv ]ifjä iricrcmc xal dT<4tr]c Koi \ijn
Kai dKOÖij. Aus „6 X^yujv Kai äKOÜujv" kann nicht auf den Charakter
des Schriftstückes geschlossen werden, wie Funk (Patr. apost. I, p. 203
zu c. 15, 2) es tut, der zu dieser Stelle bemerkt: „Homiliara agnoscis".
Auch m einem Brief, der für die Öffentlichkeit bestimmt ist, wird der
Briefschreiber sich also ausdrücken. Auch aus c. 17, 3 glaubte Funk
A. Di Pauli, Zum sog. z. Konntberbrief des Qemens Romanus. 329
einen Hinweis auf eine Homilie zu sehen, doch ergiebt sich ganz klar
bei näherem Zusehen, daß hier nicht etwa auf den homiletischen Cha-
rakter des Schriftstückes angespielt sein soll, sondern einfach die Rede
ist von den Ermahnungen der Presbyter und dem Gehorsam der
Gläubigen.
Fassen wir die Resultate unserer Untersuchung kurz zusammen: der
sog. 2. Korintherbrief des Qemens Romanus ist ein wahrscheinlich zu
Rom von Soler verfaßtes encycUsches Schreiben, eine Homilie, eine
Predigt zur Reue und Buße; die Homilie, wie sie uns jetzt erhalten ist,
besteht aus zwei Teilen: der von Soter verfailten Predigt und der
„{vTeu£ic", die aus c. 19 und c. 20 besteht. Freilich kann diesen Re-
sultaten nicht unumstößliche Richtigkeit zugesichert werden: unbedingtes
Zutrauen verdienen sie aber insofern, als sie mit den über den 2. Clemens-
brief überlieferten Nachrichten nicht in Widerspruch stehen, es kann ja
möglich sein, daß sich später manches, was als gesichert angesehen wurde,
auf Grund neuer Texte und gründUcherer Forschungen hin verändern wird.
[AbgetcblMieo un 18. Oktober 19«}.]
330 F- C. CottTbeare. Tke antfaonlnp of the „Contra MarceDom".
The anüwrshq) of Üie „Contra BAarcellum**.
By F. C Caajbean, Oxford.
The woric 'Against Marceüus of Aocyia' consists of five books, a
which the fiist two were composed at an eatlier period than the 1^
three. These two books are entiüed at the end of book I: tiüv ^»c
MdpKcXXov üi^uiv, tut fhe MSS prefbc to this first book the follown^;
EAccßfou TOO na|i(p{Xou tuiv Kard jiapK^XXou toO d-pcupoc imocdTn»
X6toc a'.
The last three books are entitled in the MSS: tütv npöc MdpKcXXo«
iXiTXuJV Eäccßiou Toö iroMqiiXou nepi -nie ^KKXnciacnKfic eeoXoTiac: and
a brief prologue precedes them addressed to FlakUlus patiiarch of
Antioch, thus:
Ttfi '^^nuTdTl^* Kai dTarnixiIi cuXXeixoupTi?» 4>XaiciXXui
Eäcfßioc ^v Kupfui XQipov-
And at the end of book V is the following;
Eöc£ß!ou Tüjv Korrä fiapx^XXou U^uiv tIXoc
Thus it is only in the initial headings that the Eusebius who com-
posed this work is identified with Eusebius Famphili; and tliese headings
are less original than the other notices embedded in the text, wbicfa
simply name Eusebius. The headings may be due to scribes who vrote
under the influenae of Socrates the historian, who only knew of the
last three books and ascribed them to Eusebius FamphUL No scl»Ur
has raised a doubt about the attribution made by the historian Socrate
of this work to his great predecessor.
Tlie author insists in several passages on the fact that MarceOus
had, onty written against Asterius one book e. g. p. la: 6 &vi\p £v tovtI
^pdifKEC Kai fx6vov (üfc m^tot' iÜ9cXc) cuTTpOMfO- ^ p- 57b: A j^ fdp
N Ti {nu)X(!iinov Kai iroXunXovic a^TTpa^^a cuvidSoc. toOto «pifä vt-
TTOiriKivoi btd Tö fva rvu'piZ^iv dcöv.
NcvHtiKtess he quotes an Epistle *EinCToXi^ wiitten fay MarceUusi
F. C. Conybeare, The authorship of the „Contra Marcellum". 331
and this Epistle we find given in its entirety by Epiphanius in his
Haeresis LXXn. I confront the citations with the text of Epiphanius:
At p. iSa we read this: Bl^cui bk irpiÜTa bi' tliv toTc öp9u>c xai
^KKXriciacTiKiüc Tpatp^civ dvnX^T^tv Tteipdrai xtX. And p. 19b.
'AJ^o^al Tolvuv dir* ai}T?\C ün* aÖToO ypa- From Epiphanias Haer. LXXII.
qxtcric ^ntcToXf^c wpic Ekoctov tiBv jt#| 'AvTlTpatpov^wiCToXi^c MapKAXou . . .
ApQtDc TP^V^vTiuv dvTiUt^v. rifpa<f€ 714) ^aKapluJT<iT^lctJXAetToupTl^'louX{^tM(fp-
"^rlCTe<^t^v eic nar^pa 9£Öv wavTO- keUoc Jv Xpic-rt^ xa'p^iv. iiteibi^ -nvec tiDv
!<pdTi}pa, KOl Etc Tov Yi6va{iToOTÖv KaTa-rvwc6ävTUivitpdTEpov f nl Ti^ ^^ Ap6iJ>c
(iOVOT«**! Btöv, TÖv xApiov ^fiiflv mc-Kiiav . . . tax-f ifioO ypdyfai Tfi 6f.aQf:^€iq.
'ftlcoOv XpiCTÖv, Kol €(c Tä nve0^a cou ^rdX^iicav, die äv ^oO ^V) öpQüic
Tö dyiov", Ka{ ipnciv "^k tiDv ßeltuv iif\Te ^KKXT)ciacTiK(Iic (ppovoOvToc . , ,
Tpaqjiliv ^cpaBi^K^vai" toOtov tAv rfjc {fTPOipöv coi -n^iv ^^utoO iricnv iietd itd-
deoccßdoc rpAiiov (alü -ripiiov). 'EtOJ bl, cijc &Xr)eE(ac Tf) ^^uroO X6>pl Tpdvoc im-
flrav ^£v toOto X^YQr diiol>^X'>>><'i c<piU)pa boOvai, f\v EmceÖov ^k te ti&v SeIuiv
Td XerÖMcva ■ Koivöc yip oBtoc dTidvnuv Tpa<P*v ^bibtixönv • - ■ ■ nic-teöuJoBveic
^dlv Yf^c OEocEßdac 6 tpöicoc, tcicteOeiv Bedv navTOKpdTopa Kai eIc XpiCTdv
eEc iraT^pa koi utöv xai driov MticoOv Tdv utdv a&roO t6v ^ovo-
iTVE&Ma. T«*f^. Tdv xOpiov^^üiv . . . xal etc ti
Atiov nvc0^a . . . irapd tHiv fiEdiiv
)lE^a6^Ka^Cv Ypocpt^v ■ ■ • Ta{iTT|V Kai
napd TÜv GEiiuv Tpa<pi&v etXi)(pilic T^tv
iricTiv . . . irp6c ce vOv fifpa^a.'
In the immediate sequel the author of the £XcTX(>* proceeds to
distinguish this Epistle of Marcellus from his long Single work against
Asterius. It is right he explains to believe in the Father, Son and Holy
Spirit, but not to explain that the Father is Father and the Son is Son.
Such Seujpia is dangerous. Yet that Marcellus is guilty of it he will
shew Ik Tiüv aÖTOÜ X6tu)V, that is out of the ?v n cÖTTPa^HCL And he
then citcs Marcellus' words: 'Ecpr) t^P töv yilv nor^pa liciv ÄX»i9tjuc Tca-
tipa tlvai vo^Keiv • Kai töv ulöv, dXtiOuic uiövKai tö &y\ov TtveOjia
dicaÖTwc TaOra Ö MdpKcXXoc irpöc 'Acr^piov.
The above passage is from the First book of the EXgtxou In the
first lines of the second book the Epistle is condeomed afresh for its
deceitfulness. Marcellus we leam wished by means of it to cloak his
heresy. Our author will Tf|v xp^voic (iaxpoTc ivbonuxncacav ti|i dvöpl
xaKOboSfav ßpocxi) TrepieXdövTac ToO t^c imcroXric irpocxil^oTOc dnoruMviDcoi.
We know from other sources that Julius was imposed upon by this
Bpistle in which Marcellus paraded the Roman Symbol as his own in
Order to obtain from the Pope a testamur of orthodoxy. It had such
effect that about December 340 the Pope and a Synod of bishops
assembted in Rome admitted Marcellus together with Athanasius to
333 F. C CoBrbcaxe. Tbe aalwnhip of ibe „Coaitra MarccDiss'.
comiDuiiiocL hx Rome tbey thoi^^ Öiat tlarcdtus had been oqusi^
coDdemncd m tbe Alias Synod of Aotiocii. and to tliis feeling refereoct
ts made in tlic second hock of the CXcntoi p. 56a: b*ä TOÜc ^tÖnncOei
TÖv dvbpa vcvOMiKÖTac To tbe cStect of Üie £ptstle on the nmi ü
Pope Julius rcfcrence is made in two later passages of the second half
of tbe treatise. namdv in tlie brst book of tbe De Ecclesiastica TIko-
logia c 19^ p. 82d: Öirep ijffi\v fidJücm Tok t6v dvbpa timiüc» Mm-
{ac6ai, and boc^ II c 25, p. 145 a: lüc fiv fidOoi nöc Tiüv töv dv&pa n-
fiwvrm ktX.
Thus the author of the Elenchi not only had in fais hands tbe
E4)tstle of MarceOus to Fc^ Julius, but was aware of how the latla
had been imposed upon by it.
\Vhat was the date of tfais Epistie? MarceQus infonxis us in it that
he had come to Rome to appeal to JuUus, and that he wrote it ai^
he had stayed tn Rome fifteen months.
Now MarccDus fied to Rome tiuee months later than Athanasosv
and Athanasius fled thitber sometiroe after Easter 339L Marcellus caimot
tfaerefore have rcached Rome before July 339. Add fifteen months. aad
WC reach November 34a The author of the Elenchi is also avare
of the fact tfaat the Pope and westera bishops had 'honoured' Marcdhis.
because they were deceived by the E[Hsde. This refers to bis being
received into commtmion at Rome about December 340. Hence it
follows tbat the books I and II of the Elenchi were written aiter Dec
540, and probably in view of the Anbochene Synod of 341. The last
three books addressed to Flakillus followcd after an interval, and seeni
to have been composed in view of the councü of Saidika held ia
autumn 343.
But all authorities are agreed tbat Eusebius Patnpbili died not later
than May 30, 33g; and a comparison of all the sources shews that he
died at the very end of 338 or in the early days of 339, at least
eighteen months before these Elenchi, books I and II, osuld have been
penned; and a yet longer time before boote HI — V. These Elenchi
therefore were not written by Eusebius Pamphüi, but by some other
Eusebius. And the dedication of the last three books to Flakillus iadi-
Gates Eusebius of Emesa as their author.
In other ways the boote contra Marcellum reveal themselves to
be no work of Eusebius Pamphüi.
1. Their author repeatedly refers to Eus. P. in the third person. and is
tbe same context to himselfin the firs^ e. g. inBkIp. 18 d as follows:
F. C. Coaybeare, The authorship of the „Contra Marcellum". 333
6r|cuj bk irpüiTo "Apn fifev t^P ftpbc 'Acrcpiov Tf\y dvTippnav
noieiTai, dpn bi trpöc Eöc^ßiov töv m^Tov (sc. of Nicomedia). Kai Cirtita
ini TÖV ToO 6€o0 dvOpiuirov . . . TTauXTvov ... Kai in toütou ^teraßdc
'Qpif^vei tioXemeT . . . 'EwEiTa Napickcqj ^mapaTeücTai, xal töv ?T£pov
E£pc£ßiov (sc. Pamphili) öiiOkci . . /ApEofjat Toivuv dir* aäTtjc . . . 'E^üj
bk...
This is only a Single one out of nine or ten similar contexts. It
is a literary impossibility that the ETcpoc EOc^ßioc should be the Eusebius
who wrote these Elenchi.
2. The style of the Elenchi is in every way dtfferent from that
of Eusebius Pamphili. It would be a literary miracle that the same
man in the same year should write books so opposed in style as the
Life of Constantine and the Elenchi.
3. Eusebius Pamphili belongs dogmatically to the pre-Trinitarian
age. He only once uses the word Tpidc of the godhead viz. in the
Tricennalian oration, and that in a passage imitated from Philo. But
in the Elenchi the tväcic Tf|c dtiac TpidÖoc is regarded as the essence
of the Christian revelation, e. g. in book I, p. 3 c. and passim.
4. In all his other works, not excepting the Life of Constantine com-
posed in the last year of his life, Eusebius Pamphili cites Mat. 28 '^ in
the shorter form : Ma6T)TE0caTe irdvTa Td lOvri ^v tu) övö^aTi fiou. But in
the Elenchi the Textus Receptus of this text is cited thrice, and the
dogma of the Trinity based upon it
5. The controversial manner of the Elenchi is allen to Eusebius
Pamphili, who nowhere eise displays such bittemess of spirit and want
of charity towards theological opponents.
Thus we lose a work of the historian Eusebius and gain instead
a work of Eusebius of Emesa. We are also able to see that the episüe
of Eusebius Pamphili written to his congregation at Caesarea afler the
Council of Nice has been interpolated. Socrates preserves this letter
in book I eh. 8, p. 22. For after the words mcrcöoMev Kai etc Iv Ttveöna ät'ov
we have the following addition, in no way necessitated by the context:
ToÜTUJV Ikoctov clvai kqJ {iTtdpxav mcrcOovTcc, nuTlpa dXi]8iXic naTlpa,
Kai ulöv dXtiOüic uiöv, Kai irveuMa df^ov äXiiOwc Stiov nvcO|ja'Kadiüc Kai
KÜpioc #miliv änocT^XXmv cEc tö KnpuTtia Toiic iauxoO naerjTdc clTre'TTOpeu-
e^VTcc MoönTeücaTe irdvra td Jevn ßaTm'tovTec aÖTOÜc ctc tö övona toO
iraTpöc Kai toC uloö Kai toü äyiou nveiJMaTOc.
The above passage has been foisted into the text from the AXXt]
{xOeac nicTEUic produced at the Council of Antioch in 341, in which it
334 ^' ^- CoB^beare, Tbc uttbonhip of the „Contra MarccIlniD".
is found veibatiin (Socrates n dt i(% p. 87). Perhaps the Epistle ij
after all wrongly ascribed b>' Socrates to Eusebius Pamphili. It zgress
more «nth the citation of Marcellus (compare above p. 331).
LasÜy it need not surprise us that Socrates erred in his ascriptkn
of the Elenchi to the historian. For he only had the last thiee bcob
entitled in a later age nept £icKXTia''cnitric OcoXortac, and did not knov
of the fiist two in wUch all the indicta of txue age and authorship occur.
Had he read these first two books, he could never have ascribed the
woric to the historian Eusebius, howe\'er anxious he might be to demon-
strate that the latter was an orthodox wiiter.
[AbfuchlaMBi wo 9. Not. igo^]
Waitz, Eine Parallele zu den Seligpreisimgen etc. 335
Eine Parallele zu den Seligpreisungen aus einem
ausserkanonischen Evangelium.
Von Hang Walts.
Eine der wichtigsten Quellen der pseudoklementinischen Hooiilien
und Rekognitionen sind die KtipOt^oto TT^Tpou (KTT), wie sie in dem
vorausgeschickten Briefe des Petrus an Jakobus wiederholt genannt und
in den Homilien (H i, 20) und Rekognitionen (R l, 17. 3, 75) bezeugt
sind. Nach R 3, 75 hatten sie einen Umfang von 10 Büchern, die z. T.
wenigstens inhaltlich aus den Rekognitionen und Homilien zu rekon-
struieren sind. Liegen sie uns auch nur in einer antimarcionitischen Be-
arbeitung vor, so kann doch ihr ursprünglicher ebionttisch-gnostischer
Kern aus dieser Hülle verhältnismässig rein herausgeschält werden.
Zu dem ältesten Bestandteil der KTT gehören nun nach der Inhalts-
angabe des 8. Buches (R 3, 75 octavus de verbis domini, quae sibi
videntur esse contraria, sed non sunt) die Ausfuhrungen in R 2, 28 ins-
besondere folgende Stelle: Initio praedicationis suae utpote qui velit omnes
invitare et adducere ad salutem: ac patientiam laborum tentationumque
babendam suaderet; pauperes beatificcAat eosque pro penuriae tolerantia
adepturos esse polÜcebatttr regna coelorum, ut sub tanta spe aequanimiter
paupertatis pondus spreta cupiditate portarent Est enim unum et maxi-
mum ex pemtciosissimis peccatis cupiditas. Sed et esurientes et sitientes,
aetemis bonis justitiae saturandos esse promisü, ut egestatem tolera-
biliter ferentes nihil pro hac injusti operis molirentur. tnundos quoque
corde simiüter beatos dicebat et per hoc deum visuros, ut unusquisque
adipisci tantum cupiens bonum semetipsum a pessimis et poUutis cogi-
tationibus contineret.
Dem Inhalt nach ist dieser Abschnitt eine glossierende Paraphrase
einiger Herrenworte, die wir als Seligpreisungen bezeichnen. Ist es sicher
und schon durch Credners Beiträge zur Einleitung u. s. f. Halle 1832, I,
268 ff. und Hilgenfeld, Krit. Untersuchungen über die Evangelien Justins,
Halle 1850, 30717. bewiesen, dass in den KTT ein ausserkanonisches
336
Wahl, Eine PmBde ni den Sdippreistmgvn
Evangelium benutzt ist, das mit unserm Matthäusevangelium die nächste
Vonvandtschaft hat, so wird dieses Ergebn^ durch die ob^e Steile ans
R 2, 28 bestätigt Nach den einleitenden Worten (iiutio praedicationii
suae) standen die angeführten Sdigpreisungen unter den ersten Rede-
abschnitten des benutzten Evangeliums. An dieser Stelle finden wir äe
bd Matthäus. Es sind im ganzen drei Seügprelsungen wiedergegeben,
und zwar nach der üblichen Zählung nach Matthäus die erste, vierte und
sechste, während kurz vorher R 3, 27 und s<^dch nachher R 2, 29 mit deo
Worten Beati paäfici quoniam (bezw. qiüa) ipsi fäü dei vocaduntur äe
siebente angeführt ist Von diesen Seligpreisungen finden wir aber bei
Lucas nur die erste und vierte (Luc ^ 20. 21). Das Evangelium, aus
dem die KTT in R 2, 37. 38 schöpften, muss demnach dem kanoniscbei
Matthäus näher verwandt gewesen sön als dem Lucas.
Um seinen Charakter näher zu bestimmen, vergleichen wir zunadut
den Wortlaut der verwandten Texte.
Mt5,3
X^Ttuv fioKäpioi ol
irnuxol Ti?t TTVCÖnan, ön
aÖTüiv *cnv f| ßactXEfa
Tütv oOpavuüv.
Mt5,6
fiaKdpioi 0! iieivüJvTCc
Kai tiii|füivTec T^v biKoio-
ojvriv, ÖTi aÜTol xopTO-
cöi^covTai.
Mts,8
liaKdpioi ol Kadopoi Tf|
Kapbto, ÖTi aÖToi töv
0€Öv di^ovTai.
Luc 6, 20
CXcTCV- ^GaEdpuK oi
TTTWxoi, ön ö^cTfpatair
i\ ßaaXcia toO OcoG.
Luc 6, 21
Maxdptoi ol jravi&vrK
vOv, ön xopTac0nccc6e.
I) R 2, 28
pauperes beatificabat
eosque pro penuriae
tolerantia adepturos esse
poUicebatur regna coe-
lorunL
3) R 2, 28
Et esurientes et siti-
entes aetemis bonis ius-
titiae saturandos esse
promisit
3) R 2, 28
mundos quoque corde
similiter beatos dicebat
et per hoc deum visuros.
4) R 2, 27 (2. 29) I Mt 5, 9
Beati- pactfici, quon- 1 riaKÖpioi ol clpnvonoioC
iam (quia) ipsi filii deiiÖn uloi 0£oO KXii9r|cov-
vocabuntur. j tql
Giebt uns auch R 2, 28 die Seligpreisungen nicht direkt als Zitate, sd
lässt es uns doch ihren ursprünglichen Wortlaut leicht erkennen. V\'enii
nämlich R 2, 27 und R 2, 29 dasselbe TÄXat bis aufs Wort überein-
stimmend bringen, selbst das Mt 5, 9 in den meisten Codices fehlende
»7. a. 190J-
aus einem aufierkanonischen Evangelium. 33/
ipsi wiederholen — der Wechsel zwischen quoniam und qtua ist dem
Übersetzer zur Last zu legen — , so können wir daraus folgern, da& auch
die Zitate R 2, 28 ziemlich wortgetreu sind. Darauf führt uns noch eine
weitere Beobachtung:
Die sogenannte 6. Seligprdsung wird auch noch an anderen Stellen
in R angeführt, bezw. frei wiedergegeben, wo ebenfalls KTT verarbeitet
sind: R 2, 22. 28. 3, 29. 30, womit H 17, 7 zu vergleichen ist. Nun
stimmen diese Anführungen ebenfalls wörtlich Uberein, abgesehen davon,
daß, wie Cod. Carm. P. R. bei R 3, 27, so auch sämtliche Handschriften
bei R 2, 22. 3, 30 mundo corde lesen, eine Variante, die nach den übrigen
Stellen R 2, 28, R 3, 29 zu verbessern ist. So erkennen wir auch hieraus,
daß sich der Verfasser der KTT auch bei den übrigen Seligpreisui^en
möglichst genau an seine Vorlage gehalten hat.
Scheiden wir nun von dieser Voraussetzung aus, was in R 2, 28
nur Glosse ist, so erhalten wir folgenden Wortlaut:
beati pauperes, quod adipiscentur
regna coelorum.
beati esurientes et sitientes, quod
justitia saturabuntur.
beati mundi corde, quoniam ipsi
deum videbimt (so R 3, 30!).
1) pauperes beatificabat eosque
pro penuriae tolerantia adepturos
esse poUicebatur regna coelorum.
2) Et esurientes et sitientes aeter-
nis bonis justitiae saturandos esse
promtsit.
3) mundos quoque corde similiter
beatos dicebat et per hoc deum
visuros.
4) beati paci6ci, quoniam ipsi filii dei vocabuntur.
Es leuchtet ein, in welchem Maße der so reducierte Text der Selig-
preisungen mit dem des kanonischen Matthäusevangeliums übereinstimmt,
zumal im Unterschied von Lucas. Hier wie dort steht das Prädikat in
der 3. Person Pluralis, bei Lucas dagegen in der 2. Person Pluralis. Im
einzelnen reden KTT wie Mt 5, 3 vom Himmelreich (regna coelorum
bezw. ßactXcla tiüv oüpaviDv), während Lucas das Reich Gottes verheißt
(ßaciXcia toO OeoO); KTT und Mt 5, 6 erwähnen Hungernde und Dürstende,
Luc 6, 21 nur Hungernde. Die 6. und 7. Seligpreisung stimmen mit Matthäus
fast wörtlich — den Zusatz ipsi ausgenommen — Überein, während sie
bei Lucas fehlen.
Andrerseits sind auch bedeutsame Abweichungen von Matthäus
und charakteristische Übereinstimmungen mit Lucas unverkennbar.
KTT und Luc 6, 20 wissen nichts von den „geistlich" Armen, son-
Zeincbr. t d. nmiteM. Wiu. JrIuk. IV. igoj 22
33«
Waiti. 1£tne Parallele lu den Seltfrpreisinifeii
dem vc^heil^en nur den „Armen" das Himmelreich bezw. das Reich
Gottes. Die Glosse in KTT (R 2, 2S pro penutiae tolerantta und ut sub
tanta spe aequanimiter paupertatis pondus sprcta cuptditate portalen)}
schltcQt geradezu die Deutung aur geistlich Arme aus und notigt an
leiblich Arme m denken,
KTT und Luc 6, 21 reden in gleicher Weise nicht von solcbeo, die
nach der Gerecliügkcil hungern (und dürsten). Denn die KFT könnco
nur, wie in gleicher Weise der glossierende Züsatz: ut cgestatem tolera-
bilitcr ferentes nihil pro hac injusti operis molirentur beweist, an solche
gedacht haben, die leiblich hungern und dürsten. Bei Lucas aber
deutet die nähere Bestimmung vöv darauf hin, daß auch hier nur, nie
vorher hei den Armen, an ebensolche Menschen gedacht werden kann.
Darauf weist auch die folgende, bei Matthäus fehlende SeligpRisuqE
(Luc ö, 21) MttKÄpi&l ol K^ciiovuc vOv, &Ti yfkdctTe. Eigentümlich ist nur
für KTT, daß hier der Bcgriti' der ^llcaiocuVTi zu dem Nachsatz gezogen
wird, wahrend er bei Lucas fehlt, bei Matthaus aber zu dem Vordersati
gehört.
A!s eine auffällige Kongruenz mit der lucanischen Rezension ist «s
auch zu bezeichnen, wenn die KTT, ebenso wie Lucas auf die erste Sciig-
Ipreisung sofort die vierte folgen lassen. Wenn die KTT damit die
zweite und dritte des Matthaus auslassen, so haben sie nicht etwa ab-
sichtlich sie übergangen, da sie sehr wohl die dritte wenigstens (i^anäpici
ot ffeveouvTCC, 5ti oötoi TrapQKXTiÖncovrai cf. Luc 6. 21 b> für ihren Ideen-
gang hätten verwerten können, sondern sind damit 3irer Vorlage gefolgt,
die ebenso wie Lucas diese beiden Seligpreisungen, bzw. die dritte, auch
nicht in der lucanischen Rezension: naitdpioi ol icKaiovTtc vOv, ßn TtXdetrc,
gekannt haben wird. Dies ist um so wahrscheinlicher, als ja auch bei
Mt 5, 4. 5 eine gewiii nicht grundlose Unsicherheit in der handschtifl-
liehen Überlieferung besteht, indem der Codex D, sowie die Itala, ia
mehrere Handschriften, Vulgata, Syr. Cur. Siu., Clemens, Origcnes u.a. d<o
Mt 5, 4 vor Mt 5, 5, dagegen Cod. W B C I, sowie die Itala in 3 Codices,
die Pcschittho, und Syriaca Charklensis, die koptische, äthiopische Über-
setzung. Tertullian u. a. Mt 5.4 nach Mt 5,5 setzen, also die Selig-
prcisung der Leidtragenden vor die der Sanftmütigen steilen und an die
der Armen anschliel^n.
Es fragt sich, welcher Testgestalt, ob der der KTT oder der des
kanonischen Terts, die Prioritkt gebührt.
Man könnte geneigt sein, den Text der KU als eine wilikürliche
Änderung des kanonischen Textes zu bezeichnen, indem man darauf
aus einem aulkTkanonischeo Evangetium.
339
hinweist, daß ein Evangelium, das bei Ebioniten im Gebrauch war, selbst-
verständlich die leiblich Armen, Hungernden und Dürstenden selig ge-
priesen habe. Aber ist dies auch möglich, so ist es doch nicht wahr-
scheinlich. Denn vergleichen wir die Gestalt, in der ein andres Herren-
wort Mt 6, 33 in KTT vorliegt, so erkennen wir, welches Gewicht gerade
in KTT auf das Streben nach der Gerechtigkeit gelegt wird.
R 2, ao R 3, 23 R 3, 20 I R 3, 37 R 3, 41 Mt 6, 33
primnm est Snadeo pri- Et ideo jus- dicebst ma- dicentem: Zi^teitc M
omninin,jnsti- ino justiti&m lit nos qttae- gister noster, Qiuerite pri- irpfüTov Tf)v
timm dei reg- ejm «le re- rere jutitiain st et jnititiam mo jostitiMn pooiXcIav k^
nnmqne ejni qnireDduin. boni dei reg- ejus quaere- eins et kaec ti\v biicaUK
inquirere. numqtie ejus rent. omnia adpo- aOvnv aüjoü.
et omnia, in- nentnr Tobii.
qait, haec adi-
I jicientnr vobit.
Überall ist hier die Gerecht^keit in der Weise betont, da& sie ent-
weder allein genannt oder vorangestellt wird, wie sie auch im Codex
Vaticanus (B) vorangestellt ist; nur R 2, 46, eine Stelle, die dem Redaktor
zur Last fallt, stimmt mit Mt 6, 33. Ziehen wir nun hierzu die 4. Selig-
preisung heran, so werden wir nicht verkennen, dafi zu dem Sinn,
den Mt 6, 33 — ausgenommen in Cod. B — in KTT hat, am besten
diejenige Gestalt passen würde, die in Mt 5, 6 vorliegt, wo ja auch ge-
rade das Streben (Hungern und Dürsten) nach Gerechtigkeit seäg ge-
priesen wird. Ist aber dies zuzugeben, dann kann tucht angenommen
werden, daß die KTT bezw. das darin benutzte Evangelium absichtlich
an der 4. Seligpreisung geändert und das Object des Vordersatzes zum
Object des Nachsatzes gemacht hätten. Vielmehr bleibt nur die An-
nahme übrig, daß die KTT bezw. deren Evangelium sie in der eigen-
artigen Gestalt vorgefunden haben, in der sie sie auch bringen. Eine
absichtliche Änderung an der ersten Seligpreisung kann aber dann auch
nicht mehr angenommen werden.
Erwägen wir aber weiter, daß gerade diese beiden Seligpreisui^en
— dazu in dieser unmittelbaren Aufeinanderfolge — bei Lucas in dem-
selben Sinne wie in den KTT und ohne die ethische Näherbestimmung
wie bei Matthäus angeführt sind, so werden wir die Textgestalt, welche
die Seligpreisungen in den KTT bezw. ihrem Evangelium haben, als die
originale, die des kanonischen Matthäusevangeliums dagegen als die
secundäre, eben als eine Umdeutung der an leiblich Arme und Hungernde
gerichteten Hermworte ins GeisÜiche ansehen müssen. Inwieweit dann
noch die zweite, dritte und fUnfte Seligpreisung des Matthäusevangeliums
als original betrachtet werden können, läßt sich auf Grund des Evan-
22*
340 Waitz, Eüne Parallele lu den SeligpreisungeD etc
gelientextes in KTT und Lucas nicht sicher ausmachen. Keinesfalls aber
können nach dem Sachverhalt, wie er hier zu constatieren is^ die 2. und
3. Seligpreisung vor der 4. gestanden haben.
Bei unsrer Untersuchung haben wir die Frage außer acht gelassen,
in welcher Zeit die KTT entstanden sind, um von hier aus eine weitere
Instanz für unsre Aufstellungen zu gewinnen. Denn diese Frage hängt
aufs engste mit dem ganzen literarischen Problem zusamaien, das die
klementinische Literatur bietet Indem wir an andrer Stelle näher
darauf eingehen werden*, möchten wir hier nur als Elrgebnis unsrer
diesbezüglichen Untersuchungen hinstellen, da& die KTT nicht viel später
ab 135 n. Chr. und zwar in Palästina (Caesarea), in dem Bereich einer
dem Elkesfütismus verwandten ebionitisch-gnostischen Sekte entstanden
sind. Könnte dieses Resultat Zustimmung finden, so würden wir in den
Staten der KTT einen dem kanonischen MattiiäusevangeUum nahe ver-
wandten Evangelientext besitzen, der uns zeitlich und örtlich, um ein
beträchüiches über Justin hinaus, näher an die älteste aiJostoUsche Über-
lieferung heranführen würde. Zugldch hätten wir danüt ein gewichtiges
At^;ument mehr gewonnen, das uns die Originalität der in den KTT und
Lucas vorUegenden Tradition über die sogen. Seligpreisungen gegenüber
der des kanonischen Matthäus bestätigen würde.
< Vgl meine demnäclut ia Texte nnd Untersaclittiigen N. F. X,, 4 encheinende
qaellenkritüclie Untenuchiuie über „die PsesdoklementiQen''.
lAbEUchloUED UD 5. Norenber 1903.]
P, Fiebig, Kappöres. 341
Miscellen.
EappAres.
L
Bemerkungen zuA. Deißmaon, IXacTi^ptoc und IXocT^piovinHeftj
des 4. Jahrgangs dieser Zeitschrift, S. 193C des Jahrgangs 1905.
Die Ausführungen DeiQmanns über Kappöres S. 204fr. veranlagten
mich, Herrn L L Kahan in Leipzig um Auskunft zu bitten. Herr 1. 1. Kahan
ist von Franz Delitzsch's Zeiten her Lehrer am Institutum iudaicum
Delitzschianum in Leipzig. ' Er ist ein tüchtiger, philologisch geschulter
jüdischer Gelehrter, dessen reiche Kenntnisse die Theologen benutzen
sollten, um endlich das so lange arg vernachlässigte Gebiet der jüdischen
Uteratur fruchtbar und umfassend anzubauen.
S. 204 fuhrt Deißmann die Ansicht von Daniel Sanders an und
bemerkt dazu, da& kappör, resp. kapporoh zwar synonym seien mit
kappöres, aber, nach Weigand und Hildebrand, kappöres nur von kap-
köreth herkommen könne, nicht von kappör, resp. kaporoh. 5. 205 wird
dasselbe gesagt, die Synonymität beider nur noch dahin näher erläutert,
daß kappöreth ^ kappöres keinen andern Sinn habe als kapporoh, nämlich
den von „Sühnung". Speziell denkt Sanders und Weigand hierbei an
die Sühnezeremonie am Versöhnungstage, d. h. das Schlachten und um
den Kopf Schwingen eines Hahnes mit den Worten: TTUa nt. Die
Begriffe „Sühnung" und „Tötung" rückten danach, meint Deißmann, sehr
nahe zusammen, „Du bist kappöreth" konnte somit zu der Bedeutung:
„Du bist der Vemichtimg geweiht" kommen und schließlich kappöres
überhaupt — vernichtet üblich werden.
Dem gegenüber gibt Herr 1. 1. Kahan folgendes an:
I. Der Gedanke der Kapporoh, der Sühnung, haftet nicht nur an
der Sühnezeremonie des Versöhnungstages, sondern nach jüdisch-theo-
logischer Anschauung ist jedes Leid, jeder Schaden, jeder Verlust, den
1 Siehe Genaueres darnber in meinem Vortrag: Talmud und Theologie, J. C, B.
Mohr, Tfib., 1903.
542 P. Fiebig^. KappAres.
ein Mensch zu erdulden hat, eine Stiafe für seine Sünde and damit doc
AbbUßung seiner Schuld und eine Sühne. Diese Gedanken sind sdir
alt innetfaalb der Entwidmung der jüdischen Theologie. Kappöroh
wird im Jargon, der jüdiscb-deutschea Umgangssprache der Juden, txs
auf den beutigen Tag, ganz allgemein im Sinne von : Einbuße, Veriost,
Verzicht auf etwas gebraucht.
So redet man von „Q kappdre Gdd!" im Sinne von: ich büße gen
tlas Geld ein, ich verzichte darauf, Der Ausdruck ist alltä^cfa für: das
ist mir, gilt mir als kappöre Geld, das Geld gilt mir wie eine Kappöe
d. h. eine Embu&e. ein Vertust, wozu noch hinzuzadenkea ist: und ich
verschmelze das gem. Man hat es im wegwerfenden Tone gesprochoi
vorzustellen. Wer die echt orientalische, phantasevoIl-elUptische Rede-
weise der Juden kennt, viid sich über die nötigen Ergänzungen nicht
wundem. Sonel über Kappöroh, resp, mit Abschleifung des o der
Endong in der Aussprache zu 6, über: Kappör&
2. Die Ableitung der Form kappdres von kappöreth bestreitet Herr
L L Kahan. Er hält kappöres für einen Plural von kappdrC, gebildet mit
dem ja vielfach in den modernen Sprachen übUchen s des Plurals. ,.F.s
taugt uff kappöres" — es ist wert, dafi es zu Grunde geht, ,^ch brauch
ihn uH kapp6res" — er kann mir gestohlen bleiben, ich wül m'cbts von
ihm wissen, ich verachte gem auf ihn, sind z. B. gebräuchliche Rede-
wendungen im Jai^on, die sich allerdings sehr leicht verstehen, wenn
man kappöres als Plural von kappdr€ faßt, nämlich so: „es taugt off
kappöres" würde heißen: es taugt soviel wie alle die Dinge, die kappöie
sind und als kappöre gelten. Entsprechend wäre „ich brauch ihn uS
kappöres" zu verstehen: ich brauch' ihn so, wie man die Dinge \'er-
wendet, die zur kappöre dienen. Kappöres hat also mit kappöreth nichts
zu tun. Kappör* — kappöroh hat den Sinn von: Verlust, der Ver-
nichtung geweihter Gegenstand, kappöres sind Verluste, Gegenstände,
die der Vernichtung geweiht sind.
Danach läßt sich aus dem Gebrauch von' kappöres im Jargon fur
die Bedeutung von kappöreth gar nichts schließen, weder daß ,^cb
kappöreth bis in die neueste Zeit erhalten hat", noch „daß ihm der
Begriff der Sühnung geblieben ist", obwohl dies „von denen nicht mehr
empfunden wird, die die deutsche Vokabel kappöres gedankenlos ge-
brauchen" (1. c. S. 2o6). Beides ^t vielmehr lediglich von kappöroh,
resp. kappöre und seinem Plural.
Mit dieser Erklärung von kappöres scheint mir Herr L I, Kahan
recht zu haben. Wer jüdisches Sprachgefühl hat und die Art jüdischer
P. Fiebig, Kappdres. — G. Klein, Kapp6res. 343
Sprachbildung im Anschluß an das AT oder überhaupt im Zusammen-
hang mit demselben nachempfindet, wird sich sagen: kappdreth, das im
AT in so spezifischem Sinne, nämlich doch sicher von einem Teil der
Bundeslade allein, vorkommt, konnte nicht derartig abgeschlißen in den
allgemeinen Sprachgebrauch übei^ehen. Der Gedanke an die besondere
Art der Sühnung im Zusammenhang mit der Bundeslade konnte dabei
nicht so völlig verblassen. Und so führt denn auch Levy in seinem
Wörterbuch, wie Deißmann S. 205, Anm 3, richtig bemerkt, keine einzige
Stelle für kappdreth an, die nicht an die Bundeslade eiinnerte ! Etwnso
ist durchaus unwahrscheinlich, daß ^niU m zu übersetzen ist: ,J!)ies
ist mein kapporeth." Die Kappdreth war für den Kenner des AT ihrem
Begriff nach etwas ganz Bestimmtes, den Gedanken an die Bundeslade
und die mit ihr zusammenhängende Sühnung Wachrufendes, mag nun das
Wort an sich bedeuten, was es will. An sich kann es sehr wohl, wie
das arabische kaflarat. Sühnung bedeuten, resp. dann Sühn^egenstand
fl. c. S. 203.)
Lagardes Erklärung der Bedeutung von kappdres — vernichtet lehnt
Deißmann mit Recht ab (L c. S. 205/06).
Leipzig. Pau! Ficbig.
II.
In seiner Abhandlung — diese Zeitschrift 1903, Heft 3 — IXacT^pioc
und fXacn'ipiov versucht Prof. Deißmann der jüdischen Redensart „kap-
pdres gehen" eine Deutung zu geben, die sich wissenschaftlich nicht
rechtfertigen läßt. Es kann nämlich dem Kenner jüdischer Kultgebräuche,
von dem Prof. D. Aufklärung über diesen Funkt wünscht, gar keinem
Zweifel unterliegen, daß kappdres nichts anderes ist, als die Plural-
form von kappara. — Wie die Juden für Zarah „Not" „Zoroh"
sprechen und im Plural „Zores", so sagen sie für kapparah — kappore
und kappores. Welchen Begriff sie damit verbinden, auch darüber kann
kern Zweifel herrschen. — Prof. D. zitiert J. Levy Neuhebr. u. Chald.
Wörterbuch 11, S. 387. Aus den an dieser Stelle angefahrten Zitaten
ist klar zu ersehen, daß kappdres nichts anderes als kapparoth sein kann.
Wenn das bei Levy angeführte: mB3 'nn*D »nn bedeutet: Mein
Tod möge eine kapparah, Sühne, sein, so muß auch das folgende DIU
]mBD ^an Vtrw* übersetzt werden: Töchter Israels, ich möge ihre kap-
parah — und nicht ihr kapporeth — sein.
In diesem Sinne haben auch die Juden seit dem Mittelalter bei dem
344
G. Klein, Kappörts. — Eb. Nestle. Zum Zhat In Epfa 4, &
Schwingen des Hahnes oder der Henne um den Kopf gesprochen: sdi
(od. soth) kapparathi, dieser oder diese ist iccine kapparah und niclit
meine kapporeth.
Das bei Eisenmengcr Notierte: arme Juden, die keben Hahn, kaufen
können, geben einem Christen drei oder \-ier Pfennig und fragen ibfl,
ob er eine mB3 sein wolle, kann, soweit ich sehe, aus keiner jüdischea
QucHe belegt werden. — Ebenso unrichtig ist das von Lagarde aus Boden-
schätz Entnooimene, daß mss jetzt „das Türlein" ist, durch welches
die GesetzroUc aus der Lade herausgeholt wird. Dieses „Türlcin" ist
nichts anderes als das roiB der Vorhang, der über der L^de hängt.
Stockholm. C. Klein.
Zum Zitat in Epb 4, 8.
Noch in der jüngst erschienenen 8. bezw. 7. Auflage des Meyer-
sehen Kommentars der Gefangenschaftsbriefe schreibt Erich Haupt.
daÜ „die chaldäische Paraphrase, das syrische AT und die Glosse des
Isaak . , . beweisen, daü in der judischen Tradition die PsaJmstellc ebeiuo
wie hier bei Paulus verstanden ist, sein Zitat ^so nicht auf einem Gc-
dächtnisfehler, sondern auf der ihm geUutigen Rabbinischen Auffassung
beruht"
Hieni nur eine kurze Mitteilung über die Lesart der syrischen Bibel,
weil dieselbe Angabe unbeanstandet allenthalben wiederkehrt, z, B. bei
von Soden im Hand -Kommentar, in Huhn 's Bearbeitung der alt-
testamcilÜichcn Zitate ('500). '"^ Berg's amerikanischer Monographie;
The influence of the Septuagint upon the Pcsitta Psalter (1895). in
Grills Monographie über den 68. Psalm (1883) S. 134 usw.
Die früheren Druckausgaben der syrischen Bibel haben aüerding'?
wie das Targum und wie Paulus „gegeben" statt „empfangen**; aber seit
einem halben Jahrhundert liest man in der besten Ausgabe des syrischen
ATs, in der von Urmia, umgekehrt „empfangen" und nicht „gegeben".
Und dieselbe Lesart bietet auch das in Mossul tS77 erschienene Psal-
terium Syriacum ad Rdem plurium optimorum codicum habita rabone
potissimum hebraici textus nunc accurabssioic exactum a Josepho David
chorepiscopo Syro Mausiliensi, ebenso der Liber Psalmorum, den
Faul Bedjan ad usum schotarum 1S86 in Paris herausgab. In der atabi-
schen Vorrede zur Mossuler Ausgabe wird die Stelle ausdrücklich be-
sprochen und gesagt, da& zwar die Jakobitischen Exemplare „gegeben"
hatten, daß aber die alten Handschriften und insbesondere die cbaJdäi-
\
Eb. Nestle, Eine kleine Interpunktionsverschiedenheit etc. 345
sehen d. h. nestorianischen „empfangen" als richtig bezeugten. Zwar
erklärte Baethgen diese Lesart trotz der vom Herausgeber dafür an-
geführten Zeugen fiir „Korrektur" (Jahrbücher fiir prot. Theol. 8, 447);
aber W. E. Barnes in Cambridge bestätigt mir, daß seine (4) nestoriani-
schen Handschriften „empfangen" haben und dazu eine Jakobitische
(Laurent. Or. 58 in Florenz), die auch an einigen andern interessanten
Stellen mit den nestorianischen stimme, daß dagegen 10 Jakobitische
Handschriften (und eine nestorianische über Rasur) „gegeben" aufweisen.
Es stehen sich also hier die beiden Zweige der syrischen Überiieferung
so schroff als möglich gegenüber, und es muß erst noch untersucht
werden, welcher das Ursprüngliche erhalten hat; jedenfalls darf nicht
mehr wie es bisher geschah, rundweg behauptet werden, daü der Syrer
mit Paulus gehe. In dem ganzen halben Jahrhundert, seit die Urmiabibel
veröffentlicht wurde, habe ich ihre Lesart nur von Grill im Anhang zu
der genannten Monographie angeführt gefunden, aber ohne eine Be-
merkung über die Tragweite dieser Lesart.
Maulbronn. £b. Nestle.
Eine kleine Interpunktionsverschiedenfaeit im Martyrium des Polykarp.
In c. 12, 2 des Martyriums des Polykarp haben bisher alle mir be-
kannten Ausgaben geboten: Der Prokonsul schickte seinen Herold ^v
Mkif) ToO cToötou KTipöSai Tpfc ' „TTo>ÖKapnoc i1jhoX6ttic€V Joutöv Xpicnavöv
tivat". Der Apparat von Zahn merkt an rpic c. m EL: TpiTov b p v.
Sein lateinischer Text lautet: tunc voce praeconis in arena media ter
clamatum est: „Polycarpus Christianum se semper esse confessus est."
Niemand wird daran Anstoß nehmen. Um so überraschender kommt
es mir, daß Schwartz in der neuen Ausgabe der Kirchengeschichte des
Euseb 4, ig, 25 (S. 346, 3f.) interpungiert: n^M^m Tt töv K*ipuKa Kol ^v
M^c^i r^ ctabUi) Kr\pviax »Tplc TToXiiKaprioc ibpoXömcev teurftv Xpicnavöv
Etvaic. Der Apparat belehrt, daß das mart. xm und Kodex R etvai
auslasse; über die Interpunktion der Handschriften enthält er nichts.
Der von Th. Mommsen fiir die Ausgabe bearbeitete lateinische Text
Rufins lautet: misso igitur curione ad populum iubet voce maxima
protestari Polycarpum tertio confessum Christianum se esse." Ificht
angeführt ist von Schwartz, daß der von mir übersetzte SjTcr deutlich
die Interpunktion hinter xpic hat. „Und er schickte den Herold, und
34^ Eb. Neitle, Ein« kleine Intgp tmfciwwwrfyfiirrfmtwtr etc. — Zu Mt 28, tl
er vericündete mitten im Stadion dreimal: Pdykarpas hat über sdi
selbst gestanden, daß er ein Christ tsL"*
Schwaitz hat au&er Rufins Übersetzung sicher noch andre Gtöxle
zu dieser Änderung gehabt; mir sind solche uid>dcaiuit. Nach der ocja
Interpunktion mlifite man schließen, daß die IVozeßordmizig- cm dreima&ges
Geständnis des Angeklagten vorschrieb, nat^ der atten, daß «-in^ dra-
malige Verkündigung des Geständnisses vorkam. In den von mir nadi-
gesehenen Mäityrerakten finde ich Venirteihn^ auf eininaUges Gestaadni!
hin (v^. die Märtyrer von Lyon) und omnalige Verlesung des Geständ-
nisses und Urteils (z. B. im Mart>^um des I^onias). Ein Urtol w
kundiger Seite wäre sicher erwünscht.
Maulbronn. Eh. Nestle
Zu Mt 28, 18.
Wie nötig es ist, Tischendorfs Apparat nach der synscben KW
zu ergänzen und zu berichtigen, kann Mt 28, 18 lehren.
Bei Wettstein stand noch, daß der Syrer nach den Worten ,jnir
ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden" aus Job zo, 21 biiun-
füge „und wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch." Ba
Bengel findet sich, daß diese Ergänzung auch beim Annenier und Feraa
stehe. Bei Tischendorf findet sich von all dem keine Silbe.
Die neue Ausgabe der syrischen Evangelien von Pusey-Gwilliam
sagt dazu: Sectio n*i 425, quae a Codd. Gr. abest, in Syr. omnibus
quos inspeximus continetur. Der Kanon 7 (»"Mt Joh), dem diese
Sektion zugehört, der bei Tischendorf (in, 131) und Wordsworth- White
nur 7 Nummern befaßt, hat bei Pusey-Gwilliam 16 (Mt 426 Sektionen
itatt 355, Joh 271 statt 239).
Ein Blick in den arabischen Tatian zeigt, — der Curetonsche und
Sinai -Syrer fehlen leider, — daß dies auf das Diatessaron zurückgeht
18S1 fehlte es noch bei Zahn (Forschungen I, 2i8f.). Für den griechi-
schen Text hat der Zusatz keine Bedeutung, um so wichtiger ist er fiir
die Beurteilung des Syrers.
■ Die lyriurhen Worts miHÜ cnrionem et proteUtbmtur in medto stsdio kännta.
beiläufig bemerkt, natürlich auch übersettt werden „er schickte den Herold and ver-
kOndcte" (ohne Komma d. h. ohne Subjekts Wechsel); aber der Znsats „mitten in
Stadium" lelgt, daß ein Subjekts Wechsel aniunchmen ist, bcKiehongsweise protestabator,
knpOEat, wcDn auf den Trokonsn) betogen mit „liefi rerkOndeu" zu übersetacn ist. Die
gleiche Ucileatung eines solchen Kommas ■. Joh 18, lä Oupujpi|i, KOi; vgL xneb 19, 13
tAv 'Iricotiv, Kol iKdOictv.
Eb, Nestle, Zu Mt 28, i3. — Marcos colobodacdlus. -~_-
Ähnlich fehlt z. B. Act t8, 8 die Mitteilung, daß die Worte „Euer
Blut sei auf eurem Kopf beim Syrer fehlen. Ähnlich an anderen Stellen.
Maulbronn. Eb. Nestle.
Marcus colobodactilus.
Die Bezeichnung des Marcus als KoXoßobäxTuXoc ist in neuerer Zeit
mehrfach besprochen worden; so beispielsweise von Hamack in dieser
Zeitschrift 3, 164 — 166. Nach dem spanisch-arabischen Fragment, das
Völlers und v. Dobschütz in Bd. 56 der ZdmG 640, 645 veroäfentUchten,
war es der rechte Daumen, den er sich abhieb.' Was es mit dieser
Selbstverstümmlung des früheren Leviten auf sich hat, weiß ich nicht;
umsomehr möchte ich auf das Targum von Psalm 137, 4 verweisen, wo
die Frage: „wie sollen wir des Herrn Lied singen im fremden Lande"
durch die Bemerkung eingeleitet ist: TIDKl tVTD3n JirP^l'^K '«V^ lj»p T p
„von der Hand bissen (hieben) die Leviten ihre Daumen ab
mit ihren Zähnen und sagen: Wie sollten wir" usw. Der nächste
Vers wird dort eingeleitet: „Es antwortet die Stimme des h. Geistes
und spricht: Vergäße" usw. Die Wörterbücher (Levy, Jastrow) zitieren
als Parallele Pesik. r. sect 31 : sie steckten die Daumen ihrer Hände in
den Mund und bissen sie ab; Jalkut zur Stelle.
Es ist schwer zu bezweifeln, daß ein Zusammenhang besteht zwischen
dieser Legende von den Leviten, die nicht des Herrn Lied singen wollten
im fremden Lande und sich deshalb die Daumen verstümmelten, und
dem Leviten Markus, der nicht mit nach Kleinasien weiter ziehen wollte
und sich den Daumen at^ehauen haben soll Ebenso schwer ist es
aber diesen Zusammenhang zu erklären. Einfacher erklärt sich dagegen
das Daumenabbeißen als Mittel gegen das Singen, wenn man sich der
jüdischen Erzählung von jenem Leviten erinnert, die ich ii^endwo gelesen
habe, der, wenn er seine Daumen in den Mund steckte und so mit den
Händen einen Schallbecher bildete, im Tempel zu Jerusalem so laut
schmetterte, daß man es bis nach Jericho hören konnte. Die Sache
weiter zu verfo^en muß ich andern überlassen.
Maulbronn. Eb. Nestle.
I VoD älterer litcrmtnr notierte ich mir aqs Eliner p. 2n***: Qnod NemeitE in
vemuenft Gedanken P. II p. 147 und Keysler itiner. p. 115 de Marco Mcer*
dote pollicem sibi «bscindente adnoUnt, id in Hietonymi prologis, ni fftllor, omnibni
legitur.
348 £b. Nestle, Zum Namen der Essäer.
Zum Namen der Essäer.
Schürer sagt im Text des S lo seiner Geschichte des jüdischen
Volkes (3 n, 559): „Wenn Philo behauptet, ihr Name sei identisch mit
Sciot, so ist dies eben nur etymologische SpielereL In Wahrheit ist er
jedenfalls semitischen Ursprungs." In der Anmerkung fiigt er nach
Nennung der drei phUonischen Belegstellen (M II, 457, 459, 632) hinzu:
,^ scheint mir sehr unwahrscheinlich, daU Philo bei diesen Erkläiungeti
an das semitische chase gedacht hat (so Lucius 189). Vielmehr leitet
er den Namen wiiklich von dem griechischen 6a6TT]c ab." Zu gunsten
der Deutung von Lucius möchte ich auf Chrysostomus verweisen, der
zur Erwähnung der Sicarier in Act 2r, (hom. 46 in Acta, Migne 60
col. 324) sagt: die einen sagen, die Sicarier seien Räuber, die ihren
Namen von ihren Schwertern hätten, cikiüv Xrron^viuv iiapä 'Pw^atoic
oi bk Tfic MwSc aipfceujc xfic irap' "Eßpafcic.
TpcTc T(ip tici TTop' aÜToic alpiccic al TCviKot, <I>apicaToi, ZabbouKnioi
Kol 'Eccnvoi, ot Kai "Ocioi X^TOvrai (toOto -jAp ?cn tö 'Eccnvoi 6vo|ta),
bxä TÖ ToO ßEou ceMv6v'oi qütoI bi xaX Ztxäpioi b\ä tö civai ZriXtuioL
Da Chrysostomus nicht die bei Philo gebräuchliche Form tccflSbi,
sondern die bei Josephus gewöhnlichere *Eccr|vol gebraucht, wird sdne
Mitteilung nicht auf Philo zurückgehen; und da er des Semitischen wohl
kundig ist, muß nach seinem Wortlaut um so mehr angenommen werden,
da& er mit öcioi eine Übersetzung geben will, also an l^Q, KVn
denkt; dann wird diese Annahme aber auch für Philo wahrscheinlicher.
Ob diese Etymologie freilich die richtige ist, oder die bei Schürer nicht
erwähnte, auf dem Hambutger OrientalistenkongreQ 1902 aufs neue auf-
gestellte, „die Schweigenden" kann ich dahingestellt sein lassen. Die
Sicarier mit ihnen in Verbindung zu bringen, ist natürlich ein unglück-
licher Einfall, dessen Urheber ich nicht kenne. Eine etymologische Er-
klärung soll das btä TÖ Eivat Zr)XuiTaE wohl nicht abgeben, wie XtKdpioi
jicBuCTaf in den Onomastica vaticana bei Lagarde, OS. 198, 49 und bei
Hieronymus: Sicariorum ebriosorum (ebenda 71,21). Wie Chrysostomus,
auch Oecomenius (Migne n8, 268): oötoi töv ßiov cc^vÖTCpov dacoGa,
(piXdXXiiXoi SvTEC Kai ^TKpaTEic' t>iö xai 'Ecciivoi TTpocOTOpcüovrai, fj-fouv
öcioi * äXXot bk aÖToOc Zixapfouc ^KdXecav, fi-jouv trikvjr&c. Ebenso Theo-
phylakt (Migne 125, 192).
Maulbronn. £b. Nestle.
Eb.Nestle, Zur Berechnung d. Geburtstags Jesu bei Clemens Alexamdrinus. 349
Zur Berechnung des Geburtstags Jesu bei Clemens Alexandrmus.
Zu der mannigfach erörterten Stelle Strom. 1,21, in der Clemens
sagt, dali von der Geburt des Herrn bis zum Tod des Commodus im
ganzen 194 Jahre l Monat 13 Tage verflossen seien, findet sich eine
wertvolle Beobachtung an einem Ort, der leicht übersehen werden konnte,
daher erlaube ich mir darauf hinzuweisen. In der zwaten der „Unter-
suchungen über die Zeitrechnung der Germanen" von Gustav Büfinger,
welche ,J)as germanische Julfest" behandelt (Programm des Eberhard-
Ludwigs-Gymnasiums in Stuttgart, 1901, 132 S. 4**), handelt der erste
Abschnitt von der Feier des 6. Januar, der zweite von der des 25. De-
zember. Die Rechnung des Clemens fuhrt auf den 18. November. Bilfinger
erinnert nun daran, daß von Epiphanius die Taufe Jesu auf den 12. Athyr
d.h. den 8. November angesetzt werde, und sagt: „Man kann also fast
mit Sicherheit schlie&en, daß statt 13 vielmehr 33 zu lesen ist, daß also
zur Zeit des Qemens so gerechnet wurde, daß man die leibliche Geburt
Christi seiner Taufe genau um 30 Jahre vorausgehen ließ und beide Er-
eignisse auf denselben Kalendertag setzte." Es ist natürlich ebensogut
möglich, daß bei Clemens ein Rechenfehler nicht ein nachträglicher
Schreibfehler vorliegt; das aber, glaube ich, geht aus diesem nahen Zu-
sammentreffen mit Bestimmtheit hervor, daß schon Qemens das von
E{)iphanius erwähnte Datum des 12. Athyr im Auge hat
Zugleich sei angeführt, daß in dieser Abhandlung der erste ein-
gehende Versuch vorliegt, nachzuweisen, warum die Taufe Jesu auf den
6. Januar = 11. Tybi (Qemens a. a. O., Epiphanius Haer. 51— Geburt
Jesu) angesetzt wurde. Der 11. Tybi fällt genau 15, der 12. Athyr genau
17 ägyptische Monate vor den 29, Phamenot — 25. Mäiz, den Todes-
tag Jesu.
Endlich ist zur Erörterung der Stelle in Lagarde's Mitteilungen 4,
264fr. und zu Nilles Kalendarium 2, 696 zu bemerken, daß dort die
ägyptischen und lateinischen Monatsdaten in ein anderes Verhältnis zu
einander gebracht sind als bei Epiphanius und Bilfinger.
Maulbronn. £b. Nestle.
Zur Versuchung Jesu.
„TTdXiv napaXaMßdivei uötöv ö öiäßoXoc etc 6poc £iipr]X6v Xiav xal
belKvuciv aOrt^ ndcac Täc ßactXeiac toC köcmou koi tt)v Ö6£av aörüpv,
Ktti efitcv aÖTiji ■ TaöTÖ coi TnSvra lnücu), läv ttecUpv ttpockuviiojc (ioi." Ev.
Mt4,8f. vgl. Lc4, 5fr.
350 H. Willrich. Zur Veranchnng Jesu. — Eb. XesMe, Za S. a6o (ds.Bd s.)
Es scheint nicht bemerkt zu sein, dafi hier eine Variante eines
älteren persischen L^^denmotivs vorUegt. Fol>'bios (ed Hultsch >
90 ; ed. Dindorf frgt 49} erzählt, der Name Kappadolden werde auf einen
Perser zurückgefilhrt, der auf der Jagd sdnen König vor einem Löwen
rett e te, „oJWoc oOv 6 TTfpcnc ^irf ttvoc Apouc {nfrriXoTitrou dvaßäc vai
mScov T^v fi\v mptCKOin'lcac Sa]V Ö<pOaX^öc dvdpümrvoc ttep^X^itci uni
dvoToXäc Uli bucpdc dpioov te kqI Mccimßptev {xopcdv inzpd toü ßoo-
X£uic irdcov EOiTiqiE.*' Als „äpxmv toO k6c)iou" ist der Teufel an die
Ste&e des Perserfcönigs getreten.
Göttingen. Hugo Willrich.
Zu S. a6o (dieses Bandes).
Herr Alfred Schmidtke bittet mich, die Anmerkung 1 S. 260 ni
tilgen, in der ich es als einen groben Fehler sdner Ausgabe bezeichnete.
daß ihr an zweifelhaften Stellen über titerpunktion und Accentuaticm
nichts zu entnehmen seL Da er die der Pariser Hiandschrift zu Grunde
liegende Unnale herzustellen gesucht habe, habe er von diesen Dingen
abzusehen gehabt. Das erstere ist richtig, hätte aber eine Mitteilung
wie ich sie wünschte, nicht ausschließen müssen. Übrigens verweise ich
gerne auf die Selbstanzeige der Ausgabe, welche das Theologische
Literaturblatt in No. 27 als Erzgänzung zu meiner Besprechung in
No. XX gebracht hat.
Maulbronn. Eb. Nestle.
Bruchstäcke von zwei griechisch-koptischen Handschriften
des Neuen Testaments.
Unter den koptischen Pergamenten der Königlichen Museen zu
Berlin befinden sich Bruchstücke von zwei griechisch-koptischen Bibel-
handschriften, die für die Erforscher der neutestamentlichen Text-
gescbichte nicht ohne Interesse sein werden.
Das eine Fragment (P. 8771; zweispaltig; die Spalte hatte etwa
30 Zeilen, die Zeile etwa 10 Buchstaben; frühestens neuntes Jahr-
J. Leipoldt, Bruchstücke etc. 351
hundert) * scheint aus einer Perikopensammlung zu stammen. Es enthält
Bruchstücke des Abschnitts Luk 12, 4 — 12, zuerst griechisch, dann
sa'idisch. Der Anfang des koptischen Textes ist durch eine rot gemalte
Überschrift „Ebenso (6po(uic), seine Übersetzung", hervoi^ehoben, auOer-
dem durch einen großen, in mehreren Farben ausgeführte« Initialbuch-
staben. Beide Texte zeigen dieselbe UnzialschrifL Der griechische
Abschnitt deckt sich, soweit er noch vorhanden ist, genau mit dem
Wortlaute der Nesdeschen Ausgabe; der sa'idische stimmt mit dem von
Woide, Appendix S. 51 f. veröfienüichten Texte fast bis auf den Buch-
staben überein.
Wertvoller ist ein Fetzen (P. 9108) aus einer ebenfalls zwei-
spaltigen Handschrift (sechstes oder siebentes Jahrhundert; Zahl der
Zeilen einer Spalte nicht mehr zu ermitteln; die Zeile hat etwa
15 Buchstaben), deren linke Kolumne den Text in dem Dialekte des
Faijüm bot, während die rechte den entsprechenden griechischen Text
enthielt Leider ist das Bruchstück sehr klein: auf der Vorderseite steht
Mt 13, 10 f. faiiümisch Änoxpiedc V. 11), auf der Rückseite Mt 13, 20 f.
t[& Trerptü&ii bis TTp6c[Kaipoc griechisch Oaüröv V. 20), in derselben
Unzialschrift wie der koptische Text. Die Bedeutung des Fragmentes
beruht zunächst darauf, dail nur eine sehr geringe Anzahl faiiümischer
Bibeltexte erhalten ist So ist jedes neue Stück von Wert, mag es
noch 30 klein sein. Zweitens pbt uns unser faiiümisch-griechisches
Bruchstück willkommenen Aufschluß über die gottesdienstliche Sprache
im Faiiüm. Es ist sicher, daß in dieser Landschalt die nationalen
Ägypter stark in der Minderheit waren. Es mußte selbst der Umstand
auffallend erscheinen, daß hier überhaupt eine koptische Bibelübersetzung
entstand. Unsere Handschrift berechtigt nun iti der Tat zu dem Schlüsse,
daß mindestens in einem Teile der faiiümisch-koptischen Gemeinden,
vielleicht sogar in fast allen*, koptisch und griechisch Gottesdienst ge-
halten wurde.
Berlin. J. Leipoldt.
t Die Angaben Gber du Alter der HondccIiTiften verdanke ich Herrn Dr. Sclinbvt.
■ Dieser SchlnA ist möglicli, da nur ganz wenige ausichlie&Ucli fiüidmitcbe Bibel*
Handschriften bekannt sind. Dagegen darf man aus der Existens saldisch-griechischer
Bibelhandschriften schwerlich ein ähnliches folgern; denn diesen steht eine erdrückende
Masse ausschließlich saldischer Bibelhandschriften (und du Zeugnis koptischer Schrift-
steller] entgegen.
252 Preuschen, Eine Tridentiner Bibelhandschrift.
Eine Tridentiner Bibelhandschrift.
Durch die Freundlichkeit des Verfassers, des P. Bdichael Hetzenatier
in Innsbruck, ist mir ein Aufsatz in der icatholischen Kircbenieitung, vor-
mals Satzburger Kirchenblatt, 1903, Nr. 83, vom 23. Okt. zug^angeo,
in dem auf die in der Tridentiner Stadtbibliothek als Codex Bassetti
Nr. 2868 mss. befindliche Handschrift der Vulgata hingewiesen ist Die
Handschrift stammt aus dem Jahre 1365, ist mit Miniaturen geschmückt
und dadurch merkwürdig, daß sie wahrscheinlich den auf dem Triden-
tiner Konzil citierten Btbelstellen zu Grunde gelegt ist. Ich benutze diese
Gelegenheit, dem Verfasser des obengenannten Aufsatzes meinen Dank
dadurch auszusprechen, dafi ich auf die Handschrift und ihre Beschreibung
s. a. O. hinweise. £. P.
Preisfragen der Haager „Gesellschaft zur Verteidigung der
christlichen Religion".
L tu beantworten vor dem 15. Desember 1904: „Ict konseqnenter Antisapnnitnrv
liimni m&glich, ohne in Nfttnraliimai tu Tcrfallen?"
IL 1« beantworten vor dem 15. Detember 1905, wieder die Fnge, mit Ändemic
Im (weiten Teil: „Anf welche Gr&nde hin nimmt man an, daß wir in den Evangelini
keine suverliiiige Beschreibung von Jeioa' Fredigt nnd Leben haben? Welchen EindnC
maß die Aneiltennong haben auf die ReligioniverküDdigung nnd deren Unterricbt?^
Die Arbeiten mQsten in hoU&ndischer, lateiniicher, dentscher oder franiötiscbu
Sprache, jedoch immer mit lateinischer Schrift nnd detttlich geschriebeo, nicht
unterreicbnet, aber veraeben mit einem Motto (das auch ein beigefügtes veniegelt«)
Billel tr>, worin Name und Wohnort des Verfuaen angegeben sind) vor dem fest-
gesetsten Datum, portofrei eintrefTen bei dem Sekretär der Gesc^chaft Pfarrer Dr. theol
11. P. Berlage, Amsterdam.
Der Preis ist 400 Gulden.
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Stanford University ULrary
Stanford, California
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